Kapitel 2

Zwei Jahre später

Nathan lag in seinem Bett und versuchte zu lesen. Das Buch war gut, aber heute konnte er sich irgendwie nicht konzentrieren. Er steckte das Lesezeichen zwischen die Seiten und klappte das Buch zu. Mit einer Drehung zum Nachttisch, legte er es ab und schaute auf den Wecker. Es war kurz nach halb neun, genauer gesagt Schlafenszeit. Er machte das Licht aus und starrte in die Dunkelheit. Von der Straße waren die sehr gedämpften Laute der vorbeifahrenden Autos zu hören. Ansonsten war es still.

Er war alleine im Loft. Eduardo, der Nachtportier, hatte vor einer halben Stunde nach ihm gesehen. Nathan fand das in Ordnung, er war mit acht Jahren alt genug, um ein paar Stunden alleine zu bleiben. Sein Vater war ausgegangen, zu einem Date. Erfahrungsgemäß würde er zwischen halb zehn und zehn wieder nach Hause kommen. Manchmal brachte er die Frau mit, manchmal nicht.

Seufzend drehte sich Nathan auf die Seite. Tränen traten ihm in die Augen, als er an seine Mutter dachte. Gestern hatten sie den Tag zusammen verbracht, wie jeden Sonntag. Sie waren im Zoo gewesen und sie hatte sich bemüht fröhlich zu wirken, aber wenn sie sich unbeobachtete fühlte, sah Nathan, wie traurig sie war. Und in der Nacht, als er noch mal zur Toilette musste, hatte er sie weinen gehört. Es brach ihm das Herz, seine Mutter so unglücklich zu sehen. Aber er wusste nicht, was er dagegen machen konnte.

Nathan versuchte immer artig und ein guter Schüler zu sein. Aber anscheinend reichte das nicht, um seine Mutter glücklich zu machen. Er wusste, dass die Scheidung nicht seine Schuld war. Keiner hatte Schuld, sagten ihm alle. Aber irgendwer musste doch Schuld haben und da Nathan sich nicht vorstellen konnte, dass seine Mutter irgendwelche Fehler gemacht hatte, musste sein Vater der Schuldige sein. Er hasste seinen Vater nicht deswegen, aber so richtig liebhaben konnte er ihn im Moment auch nicht.

Plötzlich hörte Nathan die Wohnungstür. Entweder kam sein Vater heute früher zurück als sonst oder durch angestrengtes Grübeln verging die Zeit schneller. Nathan stieg aus dem Bett und schlich den Flur entlang bis zur Treppe. Hinter dem Mauervorsprung blieb er stehen und lauschte den Stimmen von unten. Er erkannte die Stimme seines Vater, aber die Stimme der Frau war ihm fremd. Also schon wieder eine Neue, dass war dann die vierte in zwei Wochen. Nathan wettete mit sich selber, dass die Frau blond war. Er lugte vorsichtig um die Ecke und beobachtete die beiden Erwachsenen. Die Frau war tatsächlich blond und sie benahm sich komisch, genauso wie sein Vater.

Wenn Rick mit diesen Frauen zusammen war, benahm er sich irgendwie anders. Nathan hatte mit Brian, seinem besten Freund (seine Eltern waren schon länger geschieden), darüber gesprochen und der meinte, das wäre Flirten. Daraufhin hatte Nathan 'Flirt' gegoogelt, was ihn allerdings nicht wirklich weitergebracht hatte. Er fand das Kichern der Frauen, das aufgeblasene Getue seines Vaters und das Rumknutschen einfach nur albern und blöd.


„Ich bin gleich wieder da", hörte Nathan seinen Vater sagen und erkannte gerade noch rechtzeitig, dass er auf dem Weg nach oben war. Nathan spurtete in sein Zimmer zurück und stellte sich schlafend. Er versuchte tief und gleichmäßig zu atmen, damit sein Vater nicht merkte, dass er noch wach war.

Rick schob sich leise durch die angelehnte Tür in das Zimmer seines Sohnes. Er hatte ein schlechtes Gewissen, ihn schon wieder allein gelassen zu haben. Aber wie es aussah, ging es Nathan gut. Er strich seinem vermeintlich schlafenden Sohn übers Haar und lächelte liebevoll.


Nathan war vollkommen überrascht von der zärtlichen Geste, die sein Vater ihm zuteil werden ließ. Sonst war er immer in der Tür stehengeblieben und hatte nur nach ihm gesehen. Nathan wollte seinen Vater am liebsten umarmen und ihn bitten die Frau wegzuschicken, aber dann hätte er sich verraten. Noch bevor Nathan sich entscheiden konnte, ob er seine Tarnung aufgeben sollte oder nicht, war sein Vater schon wieder aus dem Zimmer verschwunden.

Ein paar Minuten lag Nathan stocksteif in seinem Bett und überlegte. Dann fasste er einen Entschluss. Er würde seine Eltern wieder zusammenbringen und er wusste auch schon wie. Aber dazu brauchte er Hilfe. Nathan stand auf und zog sich leise an. Er packte ein paar Sachen zum Wechseln in den Rucksack, nahm sein Handy (seine Mutter war nicht begeistert, dass er mit acht Jahren schon eines hatte) und holte 70 Dollar aus dem Geheimversteck. Er steckte die Scheine in seinen Geldbeutel und schlich sich wieder zur Treppe.

Sein Vater war so in das Gespräch mit der Blonden vertieft, dass er nicht merkte, wie Nathan die Treppe herunterging. Es half auch, dass die Stufen fast im Dunkeln lagen. Rick hatte alle Lichter bis auf eine Lampe im Wohnzimmer gelöscht. Nathan erreichte unbemerkt die Wohnungstür. Er schnappte sich seine Schuhe, die an der Garderobe standen und öffnete die Tür lautlos. Genauso leise konnte er die Tür auch wieder schließen. Das war einfach gewesen. An Eduardo vorbeizukommen, würde ebenfalls einfach sein, es erforderte nur Geduld.

Nathan benutzte das Treppenhaus, das war zwar wesentlich anstrengender, würde aber weniger Aufmerksamkeit erregen als der Aufzug. Im Erdgeschoss angekommen versteckte sich Nathan so, dass er sehen würde wenn Eduardo zur Pause ging. Nach 21 Uhr schloss der Nachtportier die Haustür immer ab. Die Wohnungseigentümer hatten natürlich Schlüssel. Nathan hatte auch einen, er steckte sicher verstaut in seiner Hosentasche.

Nach 20 Minuten Wartezeit war es soweit, Eduardo verließ seinen Posten. Nathan hätte den Moment beinahe verpasst. Fast wäre er im Stehen eingeschlafen. Jetzt war er wieder hellwach und rannte zur Haustür. Er zog an der Türklinke, aber die Tür war tatsächlich verschlossen. Mit zitternden Händen schloss er auf, schlüpfte nach draußen und schloss die Tür von außen wieder zu. Er rannte los in Richtung U-Bahn-Station.

Er erlaubte sich erst wieder durchzuatmen, als er in der Bahn saß. Er würde drei Stationen weit fahren, dann in eine andere Linie umsteigen und noch mal zwei Stationen fahren. Dann musste er noch drei Straßen weit laufen. Das Ganze würde ungefähr 30 Minuten dauern. Nathan kannte den Weg, er war ihn schon gefühlte 1000-mal gegangen.

Alles lief wie geschmiert und schließlich stand Nathan vor einem Wohnkomplex mit modernen Eigentumswohnungen. Er fand das Schild mit den Namen 'Parish/Roberts' und drückte auf den dazugehörigen Klingelknopf. Erst jetzt kam ihm in den Sinn, dass Lanie vielleicht gar nicht zu Hause war. Aber bevor sich die Panik in ihm breitmachen konnte, dröhnte eine männliche Stimme durch den Lautsprecher.

„Ja, wer ist da?"

„Hier ist Nathan. Kann ich reinkommen?", fragte er schüchtern.

„Natürlich, Nathan, komm hoch", sagte Jeff und drückte den Türöffner.

Nathan lief die zwei Treppen nach oben bis in die Etage, in der Lanie mit ihrem Mann wohnte. Die beiden empfingen Nathan mit besorgten Mienen an der Wohnungstür.

„Was machst du hier, Nathan? Was ist passiert?" Lanie lief auf den Jungen zu, sobald sie ihn sah und schloss ihn in ihre Arme.

Jetzt war es mit Nathans Beherrschung vorbei. Tränen liefen über sein Gesicht und er konnte vor lauter Schluchzen nicht sprechen. Lanie führte ihn ins Wohnzimmer und setzte sich neben ihm auf das Sofa. Sie drückte Nathan fest an sich und ließ ihn weinen.

Es dauerte ein paar Minuten bis Nathan sich soweit beruhigt hatte, dass er sprechen konnte. Jeff hatte ein Glas Wasser aus der Küche geholt, das er jetzt vor dem Jungen abstellte. Nathan trank gierig.

„Was ist passiert?", wiederholte Lanie ihre Frage.

„Dad hatte wieder ein Date", antwortete Nathan und trank den Rest des Wassers.

„Und?", fragte Jeff und zuckte mit den Schultern. „Das macht er doch in letzter Zeit öfter." Lanie warf ihrem Mann einen bösen Blick zu.

„Ja", erwiderte Nathan. „Aber ich will DAS nicht mehr. Ich will, dass meine Eltern wieder zusammenkommen." Er griente Lanie fröhlich an. „Und ich habe auch schon einen Plan, wie wir das hinbekommen."

Lanie sah ihren Patensohn skeptisch an. „So, so, wir? Dann erzähl mal, was du dir ausgedacht hast."