Kapitel 2: Eddard I
„Die besten und schönsten Dinge im Leben kann man nicht sehen oder anfassen, man muss sie mit dem Herzen fühlen." (Die taubblinde amerikanische Schriftstellerin Helen Keller)
Winterfell, 296 n. A. E.
Ned Stark kannte seine Kinder. Alle seine Kinder. Und wenn etwas mit ihnen nicht stimmte, dann wusste er es sofort.
Noch bevor Robb und Theon zu ihm gebracht wurden, hatte er geahnt, dass etwas nicht stimmte. Seine Kinder waren nicht zum Frühstück gekommen und die Diener erzählten wie merkwürdig sie sich benommen hatten.
Seine älteste Tochter Sansa, eine Langschläferin, war aus ihrem Zimmer weg, noch bevor die Magd kam, um sie zu wecken und ihr zu helfen sich anzuziehen. Sein jüngster Sohn Rickon war fertig angezogen und bereit, als seine Frau Catelyn kam um den vierjährigen zu wecken. Danach war er einfach an ihr vorbei gelaufen und sie war nicht in der Lage gewesen ihn aufzuhalten.
Keines ihrer Kinder kam zum Frühstück. Niemand. Nicht Sansa, die immer brav und manierlich war. Nicht Arya, die immer mit ihrem Essen spielte. Nicht Robb, sein ältester, der immer so verantwortungsbewusst war. Nicht Theon, der halb verkatert war und schlechte Witze machte. Nicht Jon, der mürrisch in seinem Essen herumstocherte. Nicht Brand, der vor Aufregung für den Tag kaum still sitzen konnte. Nicht Rickon, der ebenfalls gerne mit seinem Essen spielte.
Das nächste was er von seinen Kindern hörte, war das Robb ohne sichtbare Provokation auf Theon eingeschlagen hatte. Es war schwierig gewesen, die beiden zu trennen, obwohl sich Theon nicht gewehrt hatte. Was ihn noch mehr überraschte, war, als die beiden vor ihn gebracht wurde, es sofort Theon war, der sagte: „Es war meine Schuld. Bitte bestraft nur mich, Lord Stark."
Egal was Ned tat. Was er sagte oder fragte. Keiner der beiden Jungen brachte ein Wort heraus. Keiner von beiden sagte ihm, wieso sie aufeinander zornig waren. Obwohl nur Robb wütend zu sein schien. Niemand sagte ihn, warum sie sich geschlagen hatten. Er bestrafte beide, in dem er ihnen auftrug eine Woche lang den Stall auszumisten.
Der Rest des Tages verlief weiter eigenartig. Seine Kinder waren kaum zu sehen. Sie hingen in seltsamen Kombinationen zusammen herum. Robb wachte die ganze Zeit über seine jüngsten Brüder Bran und Rickon, die sich in der Bibliothek verkrochen hatten. Nicht nur das Arya ihren Unterricht schwänzte und wie gewohnt nicht aufzufinden war, auch Sansa war nicht da. Ihm wurde berichtet, dass sie die ganze Zeit den Götterhain mit Jon nicht verlassen hatte. Theon dagegen hatte sich in sein Zimmer eingeschlossen und redete mit niemand.
Die nächsten Tage verliefen nicht besser. Seine Kinder benahmen sich eigenartig und hingen wie Kletten miteinander herum. Sogar Sansa und Arya, die sich nicht einmal gestritten hatten. Auch wenn merkwürdige Berichte kamen, was sie taten und mit wem, stellte keiner von ihnen etwas an. Ned fühlte, dass sie anders waren, wie als wären sie plötzlich… erwachsen. Es behagte ihn nicht. Ständig redeten sie miteinander, an Orten, wo niemand sie belauschte. Im Götterhain, im Wald, auf dem Dachboden! Aber niemand von ihnen redete wirklich mit ihm.
Catelyn platzte in sein Solar. Tränen standen ihr in die Augen. „Du musst Jon wegschicken", schrie sie plötzlich hysterisch. „Du musst ihn von hier wegschicken, Ned. Bitte. Ich halte es nicht mehr aus. Er kann nicht hierbleiben."
Seufzend richtete Ned sich auf. Er hasste diese Diskussion. Sie hatten sie schon unzählige Male über die Jahre gehabt. „Was hat er jetzt wieder getan, um dir zu missfallen?"
Tränen flossen über ihre Augen und sie schluchzte. „Sansa… Sansa sagte… Sie sagte mir, dass sie mich nicht mehr respektieren kann, wenn ich den Bastard nicht… Wenn ich Jon nicht respektiere. Sie hat mich weggeschickt. Hörst du, Ned! Meine geliebte Tochter, hat mich aus ihrem Zimmer geschickt, nur wegen ihm! Du musst ihn wegschicken! Er hat meine geliebte Tochter gegen mich vergiftet!"
Überrascht von der Nachricht, sah Ned seine Frau an. Er dachte an seine Tochter Sansa, die ihre Mutter über alles liebte und immer zu ihr aufgesehen hatte. Deswegen hatte sie Jon immer wenig beachtet und war nur gezwungen höflich zu ihm.
Ned konnte nicht behaupten, dass er die Nachricht, über die Veränderung ihres Verhaltens, so schrecklich fand wie Catelyn. Zwar war er schockiert, aber auch stolz auf seine Tochter. Es war gut, dass sie aus der Meinung ihrer Mutter herauswuchs.
Entschlossen stand Ned auf und holte etwas aus dem Schubfach seines Schreibtischs. „Catelyn, ich werde Jon nicht von hier wegschicken. Dafür gibt es keinen Anlass. Es ist gut, dass er sich mit seinen Geschwistern versteht und wenn sie ihn verteidigen und sie haben auch das Recht ihn gegen dich zu verteidigen." Catelyns Tränen wuchsen, aber er war noch nie bereit gewesen, sie zu diesem Thema zu trösten. Wer tröstete Jon wegen ihres Verhaltens? „Wir hatten diese Diskussion schon oft. Jon ist mein Blut und hier ist sein Zuhause."
Damit ging er an ihr vorbei und trat aus seinem Solar. Er machte sich auf den Weg zu seiner ältesten Tochter. Kurz klopfte er und trat hinein, nachdem sie „Herein" sagte. Sansa saß an ihrem Schminktisch. Sein elfjähriges Mädchen war mit ihren langen roten Haaren und ihren blauen Augen bereits eine kleine Schönheit. Doch nie war er so stolz auf sie gewesen, wie heute, obwohl sie die besterzogenste, von seinen Kindern war.
„Vater", sagte sie überrascht. „Bist du wütend auf mich?"
„Sehe ich wütend aus?", fragte er nach und schloss die Tür. „Oder hab ich Grund dazu?"
Etwas bedrückt schaute sie zu Boden. „Mutter ist aufgebracht, weil ich etwas zu ihr gesagt habe. Aber ich nehme es nicht zurück. Du kannst mich nicht dazu bringen, mich zu entschuldigen." Damit wandte sie sich wieder ihrem Spiegel zu und flocht ihre Haare weiter. Seit einigen Tagen trug sie ihre Haare anders. Immer in nördlichen Frisuren. Nicht mehr in den südlichen Frisuren, wie Catelyn.
Ned trat zu ihr und sah sie durch den Spiegel an. An ihrem Spiegel hing eine Kette, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Ein Totem. Es war mit weißen und grauen Federn gemacht und hatte einen grauen Schattenwolf aus Stein als Anhänger.
„Der ist sehr schön", sagte er ihr.
„Jon hat ihn mir geschenkt", gab Sansa zu. War das der Grund für ihren Sinneswandel? „Es soll mir Glück bringen." Jon und Sansa schienen unbemerkt von ihm eine Beziehung zueinander aufgebaut zu haben.
Ned stellte eine Schachtel vor ihr auf den Tisch und öffnete diese. „Ich hab auch ein Geschenk für dich."
Lächelnd beobachtete er das erstaunte und glückliche Gesicht seiner Tochter, als sie die Brosche mit dem Schattenwolf heraus nahm. Es war eines der wertvollsten Schmuckstücke des Haus Stark. Eigentlich legte man im Norden und seiner Familie nicht sehr viel Wert auf Schmuck, daher war die Brosche, die aus reinem Silber war und mit Diamanten verziert war, eine Ausnahme.
„Vater, sie ist wunderschön", sagte Sansa lächelnd und drehte sich dann erstaunt zu ihm um. „Was ist der Anlass?"
„Sie gehörte deiner Tante Lyanna. Ich dachte es ist Zeit, dass eine andere Stark-Frau sie trägt", meinte er und erwähnte nicht, wie stolz er wegen ihres erwachsenen Verhaltens war.
„Aber müsstest du sie dann nicht Arya schenken?", erkundigte Sansa sich besorgt. „Schließlich ist Arya unserer Tante doch viel ähnlicher."
Diese Worte waren der Beweis, dass er seine Entscheidung richtig gefällt hatte. Er beugte sich vor und küsste sie auf die Stirn. „Die Brosche gehört der ältesten Tochter des Hauses Stark. Irgendwann wirst du sie Robbs ältester Tochter schenken. Sie gehört dir."
Sansa stand auf und umarmte ihn fest. „Danke", flüsterte sie und er fühlte sich wie der glücklichste Mensch auf der Welt.
