Himmel ohne Sterne
Kapitel 02: Eldarions Lehre
.::Gondor, Minas Tirith, Manjas Zimmer::.
Der nächste Tag
Unbarmherzig schien die Sonne in das kleine Zimmer und weckte Manja aus ihrem unruhigen Schlaf. Mit einem herzhaften Gähnen stieg sie aus dem Bett und richtete sich, während ihr Magen lauthals nach einem Frühstück verlangte. Ihre leicht geschwollenen Augen kühlte sie mit kaltem Wasser und blickte sich selbst dann in ihr erschöpftes Gesicht. Sie beschloss frische Luft zu schnappen und etwas Essbares aufzutreiben. Etwas unsicher sah sie die langen Gänge entlang und ging dann nach rechts.
Ihre schnellen Schritte hallten leise in den Gängen wieder, ansonsten war es sehr still und ein beklemmendes Gefühl machte sich in Manja breit, hier fehlte vor allem ein fröhliches Lachen und Vogelgezwitscher, sowie in Bruchtal. Zwei Wachen kreuzten ihren Weg, dann kam wieder niemand und schließlich stand sie nur vor einer einfachen Holztür. Der Gang endete direkt vor ihr. Seufzend wollte sie schon wieder kehrt machen, als der süßliche Geruch von Alkohol in ihre Nase stieg. Sie klopfte zögerlich und trat dann noch zögerlicher ein.
Der Raum war dunkel, abgedunkelt mit einem schweren roten Vorhang, der das Sonnenlicht nach draußen verbannte. Mit raschen Schritten öffnete sie den Vorhang und sah sich um. Überall standen Flaschen herum und es herrschte ein heilloses Durcheinander in diesem Zimmer. Bücher, Dokumente und Geschirr standen einfach überall und es schien geradezu wie ein Wunder, dass sie auf ihrem Weg zum Fenster nichts umgestoßen hatte. An der rechten Seite stand ein Bücherregal und nach einer genauen Musterung erkannte sie, dass dies wohl die Bibliothek sein musste. Dieser chaotische Raum war also ausgerechnet der Ort, an dem sie Eldarion unterrichten sollte...
Kopfschüttelnd machte Manja sich daran Ordnung zu schaffen. Sie räumte das ganze Geschirr auf ein Tablett, sortierte die Bücher ein und legte die Papiere und Dokumente in fein säuberlichen Stapeln auf den Schreibtisch. Dann zog sie auch noch die Vorhänge der anderen Fenster auf und genoss es, wie die Sonnenstrahlen ein schönes Muster auf den edlen Teppich warfen. In Gedanken fragte sie sich, wie jemand so einen schönen Ort der Ruhe nur so dermaßen verunstalten konnte. Und wer hier wohl seine kleinen Alkoholfeste feierte...
Mit einem Mal wurde die Tür aufgezogen und ein Mann trat ein. Manja stand hinter einem Bücherregal und beobachtete ihn stumm. Zunächst konnte sie ihn wegen dem hellen Licht nicht erkennen, dann sah sie, dass es Aragorn war, der mit einem eindeutig verkaterten Gesichtsausdruck seinen Schreibtisch musterte.
Für einen Moment überlegte sie, ob sie sich durch diskretes Räuspern bemerkbar machen sollte. Doch immerhin hatte er ihr diese Zumutung mit dem unordentlichen Raum zugemutet, obwohl es ihm angeblich wichtig gewesen war, einen elbischen Lehrer für seinen Sohn zu bekommen. Sie beschloss direkt zu sein und trat mit einem energischen Schritt hinter dem Regal hervor.
„Ich hätte nie gedacht, dass wir uns unter solchen Umständen wiedersehen. Aber ich freue mich Euch zu sehen.", sagte sie förmlich und deutete den elbischen Gruß an.
Erschrocken fuhr Aragorn herum und musterte sie nachdenklich, bevor ein leichtes Lächeln über seine Gesichtszüge huschte. Gesichtszüge, die auf erschreckende Weise gealtert waren, wie sie feststellte. Obwohl sie ihn nicht besonders gut gekannt hatte, kam er ihr nun deutlich älter und erschöpfter vor, als in ihrer Erinnerung.
„Manja!", rief er freudig. „Ich freue mich ebenso. Bitte entschuldigt die Unordnung... Ich... ich bin noch nicht zum aufräumen gekommen.", sagte er entschuldigend und versuchte, die unangenehme Situation zu überspielen. Er hatte nicht gewollt, dass sie dieses Chaos zu sehen bekam.
Sie bemerkte seine Unsicherheit, doch hatte die Unordnung zusammen mit dem schlechten Schlaf auf ihr Gemüt gedrückt. Mit einer Hand fasste sie den Hals einer Weinflasche und ließ sie spielerisch kreisen.
„Meint Ihr die jetzige leichte Unordnung oder die Unordnung, die ich vorfand, als ich eintrat?", fragte sie spitz und stellte sich ihm gegenüber, während sie ihn prüfend ansah. Innerlich war sie verwirrt von dieser Flaschenansammlung, immerhin hatte es geheißen, dass Aragorn seit Arwen's Weggang nicht gerade ein großer Gastgeber war. Und ein Fest von ihm - und sei es noch so klein - passte nicht in dieses Bild.
Betroffen wich Aragorn ihrem Blick aus und wirkte beschämt. „Entschuldigt.", wiederholte er sich. Dann wandte ihr den Rücken zu und schien krampfhaft mit seinen Papieren beschäftigt zu sein. „Es ist viel passiert, seit wir uns das letzte Mal in Bruchtal gesehen haben. Wie geht es Elrond?"
Diese Frage nach seinem Ziehvater überraschte Manja. „Es geht ihm gut und daher müsst Ihr wohl wissen, dass er zurück nach Mittelerde gekommen ist?", versuchte sie ihn mit einer Fangfrage zu mehr Preisgabe zu bringen.
„Ja, seine Briefe waren wohl nicht zu überlesen.", antwortete er kühl und sah auf. Sein Blick war fest und starr.
Diesmal war es an Manja, seinem Blick auszuweichen und sich taktvoll aus der Affäre zu ziehen oder es zumindest zu versuchen...
„Er hat nichts getan, was ihn schuldig macht und das wisst ihr. Er quält sich jeden Tag mit der Abneigung die ihm sein Ziehsohn jetzt entgegenbringt.", bemerkte sie und hätte sich im nächsten Moment dafür ohrfeigen können. Das war nicht ihre Angelegenheit und Elrond hätte sicher nicht gebilligt, dass sie sich auch in die Auseinandersetzung zwischen ihm und seinem Ziehsohn einmischte.
„Ich weiß... aber jedes Mal wenn ich sein Gesicht sehe, dann sehe ich auch Arwen's Gesicht. Wenn ich seine Stimme höre, dann höre ich auch ihre. Alles an ihm tut mit einfach nur weh.", sagte Aragorn bekümmert. Und seine Stimme wurde mit jedem Wort leiser. Manja schwieg betroffen. Dann räusperte Aragorn sich und deutete mit einer Handbewegung um sich. „Ihr müsst mich für einen Säufer halten. Das habe ich nicht gewollt."
Manja fühlte sich schlecht, weil sie ihn daran erinnert hatte. Und verfluchte sich dafür, ihre schlechte Laune an ihm ausgelassen zu haben.
„Jetzt lässt es sich sowieso nicht mehr ändern. Außerdem hat wohl jeder von uns einen nächtlichen Dämon, der einen nicht schlafen lässt.", antwortete sie versöhnlich und lächelte gequält. Dann beschloss sie, schnell das Thema zu wechseln. „Aber sagt, wo habt Ihr Euren Sohn gelassen? Man hört nur Gutes über ihn."
Mit einem Mal strahlte ihr das stolze Lächeln eines Vaters entgegen. „Eldarion ist wundervoll, er ist mein ganzer Stolz! Ich bin sicher er wird ein ausgezeichneter Schüler sein."
Manja lächelte und nickte dann. „Ich würde ihn jetzt gerne kennen lernen, ist er schon wach?"
„Sicher, ich hole ihn sofort. Einen Augenblick bitte.", meinte Aragorn und verließ rasch das Zimmer. Er war froh über das Ende der unangenehmen Unterhaltung, obwohl er sicher war, dass Manja es nicht böse gemeint hatte.
Manja blieb in der Bibliothek zurück und ging zum Fenster, um hinaus zu sehen. Der Himmel strahlte blau und die Sonne schien schon so früh am Morgen recht kräftig, es würde ein wunderschöner Sommertag werden. Eigentlich war es fast zu schade so einen Tag in der alten Bibliothek zu verbringen.
Mit einem Klopfen trat Aragorn wieder ein, dicht gefolgt von seinem Sohn, der seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten war. Wohl erzogen wie er war, verbeugte sich Eldarion und musterte seine neue Lehrerin mit ungestillter Neugierde, obwohl er sich höflich zurückhielt.
Sie lächelte ihn an und schüttelte seine Hand. „Freut mich Euch kennen zu lernen, Eldarion, ich heiße Manja und Ihr könnt ruhig du zu mir sagen.", bot sie ihm an.
Er lächelte erfreut. „Du kannst auch du zu mir sagen, immerhin bin ich noch nicht wirklich erwachsen. Was werden wir heute machen?", fragte er dann und sah sehnsuchtsvoll nach draußen.
Es war nicht schwer für sie zu erraten, dass er viel lieber draußen spielen würde, als mit seiner neuen Lehrerin zu reden, aber vielleicht konnte sie ihm in dieser Hinsicht ja entgegen kommen. „Ich habe gedacht, du zeigst mir die Stadt und ich bringe dir nebenbei alles wichtige bei, wärst du damit einverstanden?", fragte sie ihn schmunzelnd.
Er nickte voller Begeisterung und stürmte sofort los, nicht ohne sie dabei an der Hand zu nehmen und mit sich zu ziehen. So stürmisch, dass es Aragorn ein herzliches Lachen entlockte.
.::Gondor, Minas Tirith::.
Im königlichen Garten
„Und hier, hier treffe ich mich immer mit meinen Freunden!", erklärte Eldarion eifrig und deutete auf eine kleine Linde, die einen schwachen Schatten warf. „Aber die meisten von ihnen sind jetzt in der Schule und lernen."
Sie gingen im kleinen Park neben dem Palast spazieren, der auch für die Bewohner der Stadt jederzeit zugänglich war. Aragorn hatte veranlasst, dass kein Adliger bevorzugter behandelt wurde, als ein normaler Bürger.
Verstohlen musterte Manja ihren kleinen Schützling und verglich ihn im Geiste mit Elladan. Doch dann riss sie sich zusammen und konzentrierte sich wieder voll auf das Gespräch mit ihm. „Hast du viele Freunde?", wollte sie wissen.
„Oh naja, es geht. Ich habe einige, die nur mit mir befreundet sein wollen, weil ich mal König werden, aber ein paar sind dabei, mit denen kann ich alles machen.", sagte er ehrlich.
Sie grinste innerlich, als sie ihn das sagen hörte, immerhin war es der genaue Wortlaut, den Elrond auch immer zu Aragorn gesagt hatte. Zu dem kleinen Aragorn, wohlgemerkt.
„Das ist normal so. Die Elben haben auch nicht immer viele Freunde, aber wir bemühen uns, mit den anderen gut auszukommen. Wenn man so lange miteinander leben muss wie wir, dann ist es besser wenn man große Streitigkeiten vermeidet.", versuchte sie zu erklären.
Er sah sie mit großen Augen an und blieb direkt vor ihr stehen. „Wie ist es denn unsterblich zu sein? Ist das toll?", fragte er aufgeregt.
Sie überlegte, was sie ihm am besten antworten konnte, ohne ihn zu beeinflussen.
„Ich denke, beides hat Vor- und Nachteile. Aber darüber reden wir einander mal. Du weißt, dass du ein Halbelb bist? Irgendwann kannst du entscheiden, ob du sterblich sein willst oder ob du dich für ein ewiges Leben entscheiden willst.", sagte Manja vorsichtig.
„Ich weiß, dass hat mir mein Papa schon gesagt und er hat auch gesagt, dass diese Entscheidung ganz allein bei mir liegt und ich es mir gut überlegen soll.", antwortete Eldarion schlicht.
„Da hat dein Vater auch sehr Recht mit. Man sollte nie leichtfertig über seine Zukunft entscheiden.", bestätigte sie ihm. Und war noch immer beeindruckt von seiner Weisheit, die er schon mit so wenigen Jahren besaß. Elrond hätte die helle Freude an ihm.
„So wie Mama.", sagte er leise und sah bestürzt zu Boden. Der Verlust seiner Mutter schien ihn noch immer sehr zu schmerzen. So schnell heilte die Zeit auch nicht bei Kindern.
Manja schwieg, wandte ihren Kopf leicht ab und legte ihre Hand tröstend auf seine Schulter. Hatte sie das Recht sich in diese Geschichte einzumischen? Hatte sie das Recht über Arwen's Handeln zu urteilen, ohne ihre Gründe und Absichten genau zu kennen?
Sie fuhr Eldarion sanft durch das Haar. „Die Zeit heilt alle Wunden, Eldarion und irgendwann wirst du darüber anders denken. Ich kannte deine Mutter zu wenig, um jetzt über sie zu urteilen, aber ich glaube, dass sie dich sehr geliebt hat und ganz egal wo sie auch hingehen wird, sie wird dich für immer lieben."
Eldarion nickte und ein schwaches Lächeln zeichnete sich auf seinem Gesicht ab. Mit dieser Erklärung konnte er sehr gut leben, ganz ohne sich oder sonst irgendwem einen Vorwurf machen zu müssen. Und das war wohl eines der wichtigsten Dinge.
„Na dann, lass uns zurück ins Haus gehen, ich habe einen riesen Hunger und wie steht's mit dir?", scherzte Manja.
Lachend und scherzend verließen sie den Garten, ohne jedoch ihren Zuhörer bemerkt zu haben, der sich verstohlen über die Augen wischte und zurück in sein Arbeitszimmer kehrte. Vielleicht würde die Zeit wirklich alle Wunden heilen, dachte Aragorn und zum ersten Mal seit langer Zeit schien die Zukunft nicht mehr wie eine erdrückende Schwärze vor ihm zu liegen. Vielleicht gab es wieder genug Hoffnung um weiterzugehen...
