TN.: Diese Geschichte ist bis vor kurzem (und über ein Monat lang) von über 10% aller Aufrufe abonniert gewesen, etwas, das mir noch nie zuvor passiert ist. Ich möchte mich hiermit also bei allen bedanken, durch die dieser (sehr motivierende) persönliche Erfolg zustandegekommen ist. Ganz besonderer Dank gilt natürlich den Personen, die mir Reviews hinterlassen haben und meiner treuen Beta Laleliilolu.
Zweite Anekdote: Der Mistelzweig
Harry eilte mit einem recht gestressten Gesichtsausdruck durch den langen Gang. Der Achtklässler war zu spät für die erste Einheit, Verwandlung. Wieder einmal. Aus welchem Grund auch immer, schaffte er es, seitdem er nun wieder Hogwarts besuchte, nicht zu einer vernünftigen Zeit aufzustehen. Neben dem Fakt, dass er dauernd verschlief, lief das Jahr jedoch ziemlich gut. Es war schon fast Weihnachten und er war noch nicht gezwungen gewesen den Krankenflügel aufzusuchen, wenn man die Kontrolluntersuchung nicht zählte, die Madam Pomfrey, übervorsichtig wie sie war, durchgeführt hatte. Voldemort war tot, es war also wahrscheinlich, dass das beinahe schon zur Gewohnheit gewordene Jahresabschlussabenteuer dieses Mal ausfallen würde; was er nie laut aussprechen würde, schließlich wollte er sein Glück nicht herausfordern. Sein Pünktlichkeitsproblem war wirklich das Einzige und obwohl es kein großes Thema war, befand er es, in Anbetracht der Tatsache, dass ihn noch letztes Jahr schon das Knacksen eines Astes aufschrecken lassen hatte, doch mehr als merkwürdig.
Er schüttelte seinen Kopf, um sich der Gedanken über ihren viel zu langen und strapazierenden Campingausflugs zu entledigen. Letztendlich spielte es keine Rolle, ob er pünktlich kam, oder nicht. Professor McGonagall war Schulleiterin geworden und der neue Verwandlungslehrer würde ihm wohl ein Ohnegleichen geben, wenn er ihn bloß darum bat. Doch er hasste es seine Berühmtheit zu seinem Vorteil zu nutzen.
Wenn er es schlussendlich ins Klassenzimmer geschafft hatte, würde er Ron eine klatschen. Der rothaarige Zauberer meinte, Harry hätte sich die Ruhe verdient, doch, wenn er bloß herumsitzen und sich ausruhen wollte, hätte er gleich zuhause bleiben können. Zu den Dursleys wäre er natürlich nie im Leben zurückgegangen und das Haus am Grimmauldplatz war ihm ohnehin zu düster. Trotzdem hätte es keinen Sinn gemacht nach Hogwarts zurückzukehren um sein siebtes Jahr nachzuholen, wenn er Einheit um Einheit verschlief.
In seiner Eile hätte Harry fast die blonde Hexe übersehen, die alleine im Gang stand. Bloß aus den Augenwinkeln erhaschte er ihre Gestalt und nickte ihr zum Gruße zu.
„Hallo Luna", sagte er schnell.
„Guten Morgen, Harry Potter", erwiderte die Ravenclaw beschwingt.
Harry hetzte an ihr vorbei und schaute durch ein Fenster zu der großen Uhr, die über den Innenhof wachte. Leise fluchte er, als ihm bewusst wurde, wie spät es wirklich war. Er sollte sich sputen. Der grünäugige Zauberer beschleunigte seine Schritte noch weiter und flog richtiggehend um die nächste Ecke. Professor Jackson kontrollierte nie die Anwesenheit und da die siebte und achte Klasse sowieso zusammengelegt worden war, würde der Mann es vielleicht nicht einmal bemerken, wenn er sich nur leise genug ins Klassenzimmer und an einen freien Platz stahl. Er könnte die Tür einen Spalt öffnen und warten, bis sein Lehrer etwas an die Tafel schrieb, und dann…
Abrupt blieb er stehen und sein Kopf schnellte herum. Im Normallfall hätte er nicht einmal mit der Wimper gezuckt, wenn Luna in einem menschenleeren Korridor stand und Löcher in die Luft starrte, doch auch sie sollte in Verwandlung sein. Vorsichtig spähte er um die Ecke; Luna stand noch an genau derselben Stelle, wie einen Moment zuvor. Sein Blick wanderte höher und höher, und landete schließlich auf dem Mistelzweig, der vom Gewölbe herabhing. Er seufzte.
Er war froh, dass George wieder Freude am Streichespielen fand, doch die verzauberten Pflanzen, die er irgendwie in die Schule geschmuggelt hatte, begannen langsam zu nerven, nachdem ihr anfänglicher Reiz verlorengegangen war. Zum Glück hatte Harry es bisher geschafft die Mistelzweige zu vermeiden, welche alle, die sie passierten, an der Stelle festfroren, bis sie geküsst wurden. So wurden auch dieses Jahr seine Überlebenskünste auf die Probe gestellt, denn ein nicht geringer Anteil seiner Mitschülerinnen blickte ihn mit hungrigen Augen an, wann immer er in die Nähe eines Zweiges kam. Er war schon kurz davor dem älteren Weasley eine Eule zu schicken, um ihn zu bitten die verdammten Pflanzen zu entfernen. Harry hatte es satt gezwungen zu sein das Schloss zu durchqueren, als wäre es ein Minenfeld und er wusste, dass es den restlichen Schülern und dem Lehrkörper ebenso erging.
Seltsamerweise schien sich die Ravenclaw nicht wirklich an ihrer misslichen Lage zu stören – diesen Eindruck hatte zumindest ihr heiterer Gruß erweckt – was natürlich nicht hieß, dass er sie einfach mitten im Gang stehen lassen würde. Harry ging zu Luna zurück, trat um sie herum und kam vor ihr zum Stehen. Diese legte ihren Kopf schief und blickte neugierig zu ihm auf. Da bemerkte Harry, dass sie ihre Wangen aufgeblasen hatte und zog irritiert eine Augenbraue hoch.
„Du hältst den Atem an?"
Sie nickte.
„Warum denn das?"
Luna atmete aus und schnappte nach Luft. „Ich übe."
„Du übst? Wofür?", fragte Harry nach.
„Daddy glaubt, dass ein Schwarm an Blubbernder Isoliten im Tümpel bei unserem Haus lebt", erklärte sie. „In den Ferien werden wir hinabtauchen und versuchen sie zu finden."
„Ihr wollt mitten im Winter schwimmen gehen?"
„Natürlich. Über den Sommer ziehen sie schließlich nach Norden."
„Natürlich", stimmte Harry in sich hineinlachend zu.
„Ich glaube aber nicht, dass dich das Migrationsverhalten von magischen Flugamphibien interessiert", bemerkte Luna. „Kann ich irgendetwas für dich tun?"
„Naja…", begann er unbehaglich, fand aber plötzlich seine Stimme nicht mehr.
Er könnte sich die Haare ausreißen. Er war schließlich nicht irgendein Dreizehnjähriger, der im Begriff war seinen ersten Kuss zu initiieren. Er musste nur kurz einer Freundin einen Schmatzer auf die Lippen drücken um sie aus ihrer Lage zu befreien.
„Ich dachte, du wolltest zum Unterricht gehen."
„Jepp, aber du musst doch auch hin, oder?"
„Ja", sagte Luna und nickte, „aber ich kann nicht."
„Das ist mir bewusst." Harry rieb sich, ihren Blick ausweichend, den Hals. „Ich werde dich einfach möglichst schnell befreien, damit die Nargel dich nicht weiter belästigen können."
„Nargel leben nicht in Mistelzweigen, Dummerchen. Die Blätter sind sogar hochgiftig für sie", kicherte das Mädchen.
„Was?", rief Harry verwirrt aus. „Hast du mir nicht einmal gesagt, dass sie in Mistelzweigen leben?"
„Ach, daran erinnerst du dich?" Sie sah ihn überrascht an, zuckte aber dann mit den Schultern und sagte: „Ich habe gelogen. Du wolltest mich nicht küssen, hättest aber Gewissensbisse gehabt, weil du so abrupt von mir weggesprungen bist, also habe ich dich angelogen."
„Jaaa… das… 'tschuldigung… dafür." Seine Stirn legte sich in Falten; Luna kicherte bloß.
„Siehst du? Du machst dir zuviele Sorgen Harry Potter. Es ist nichts dabei jemanden nicht küssen zu wollen."
„Kann sein", meinte Harry. „Ich bin aber irgendwie verwundert, dass du wegen etwas gelogen hast, nur um mich nicht in Verlegenheit zu bringen."
„Ja, das bin ich auch gewesen", gab Luna zu. „Ich glaube, das war das erste Mal, dass ich jemand anderem zuliebe gelogen habe. Einem Freund zuliebe. Es hat sich seltsam angefühlt."
„Ich bin vermutlich einfach deine Unverblümtheit gewohnt." Er lachte auf.
„Apropos: Du hast da etwas zwischen den Zähnen."
„Was?", rief Harry und verdeckte, bevor er fortfuhr, seinen Mund mit der Hand. „Warum hast du nicht schon früher was gesagt?"
„Hm? Ach, ich vergesse immer, dass manche Leute sich um solche Kleinigkeiten scheren."
Harry versuchte den Störenfried mit der Zunge zu lösen und schluckte ihn hinunter. „Ich kann nicht glauben, dass ich fast so zum Unterricht gegangen wäre."
„Ja, es war gut, dass du zurückgekommen bist. Es war kaum zu übersehen."
„Gibt es sonst noch etwas, das ich wissen sollte?"
„Naja…" Luna begutachtete ihn einen Moment. „Du siehst aus, als wärst du gerade erst aufgestanden."
„Ich weiß", entgegnete Harry seufzend. „Ich hab' verschlafen."
„Wir sind schon ziemlich spät dran, was?"
„Jepp. Das sind wir", stimmte Harry zu.
Einen Moment lang sprach keiner der beiden. Luna schien sich selbst in dieser peinlichen Stille vollkommen wohl zu fühlen. Sie sah einfach mit einem Lächeln auf den Lippen zu Harry auf. Dieser neigte seinen Kopf zur Seite und beugte sich nach vorne, bevor er zu viel darüber nachzudenken begann, was er tat.
Es funkte nicht zwischen ihnen, als sich ihre Lippen berührten, noch rollte eine Welle der Leidenschaft durch ihre Körper. Es fühlte sich einfach… richtig an. Ihre Lippen waren weich und warm und er konnte einen Hauch von Kirsche auf ihnen schmecken. Bevor er sich zurückhalten konnte, bewegten sich seine Lippen gegen die ihrigen. Kurz spannte sich Lunas Körper an, doch dann begann sie den Kuss eifrig zu erwidern. Erst jetzt wurde Harry bewusst, was genau da zwischen ihnen geschah, war sich aber auch im Klaren, dass dieser Moment, wenn es nach ihm ginge, nie enden würde. Im Gegenteil. Luna schlang ihre Arme um seinen Hals und zog ihn näher an sich heran. Er fühlte wie sie zu Lächeln begann und konnte nicht anders, als es ihr gleichzutun.
Irgendwann aber, lösten sie sich voneinander; beide etwas außer Atem. Und erst da öffnete Harry seine Augen und betrachtete die Ravenclaw. Sie hatte ein altes Paar weißer Turnschuhe an, die Schnürsenkel bei beiden offen. Rot-orange gestreifte Socken waren bis zu ihren Knien hochgezogen und wurden von einem lila Rock mit gelben Sternen abgelöst. Sie trug einen langärmeligen Pullover und ein sonderbar aussehendes Amulett hing um ihren Hals. In ihrem linken Ohr trug sie eine einsame Perle und Harry fragte sich, ob sie die andere verloren hatte, wusste aber, dass es genauso gut Absicht sein konnte. Luna lächelte ihn noch immer an und in diesem Moment wurde ihm bewusst, dass er ihr Lächeln wirklich mochte; vor allem, wenn es ihm galt. Ihre Lider hingen leicht über ihre sanften grauen Augen und eine seltsame Haarnadel hielt ihre blonden Haare von ihrem Gesicht fern. Luna mochte nicht im traditionellen Sinne als attraktiv gelten, doch Harry konnte nicht anders als sich von der sonderbaren Schönheit dieser Hexe bezaubern zu lassen.
Luna machte einen Schritt zurück und drehte sich langsam um die eigene Achse. Sie seufzte erleichtert und blickte wieder zu Harry.
„Vielen Dank. Es wurde langsam ziemlich öde, auch wenn Mistelzweige eine gute Nargelabwehr sind." Nachdenklich blickte sie hoch. „Vielleicht sollte ich mir ein Schmuckstück daraus basteln."
Die blonde Hexe wandte sich ab und begann sich eben sprunghaft auf den Weg zum Klassenzimmer zu machen, doch Harry hielt sie am Handgelenk zurück, worauf sie sich ihm abermals zuwandte.
„Luna", begann er – seine Wangen waren von einem leichten Rotton geschmückt – im Versuch einen zusammenhängenden Satz zu bilden. „Nächste Woche dürfen wir ja noch Hogsmeade. Hättest du… Hättest du vielleicht Lust mit mir hinzugehen?"
„Ich gehe doch ohnehin jedes Mal mit dir und den anderen nach Hogsmeade."
„Ich weiß." Harry seufzte. „Ich meinte, ob du vielleicht mit mir hingehen willst."
„Ooooh", flüsterte Luna und ihre Augen weiteten sich. „OK. Sehr gerne. Ich glaube das würde mir gefallen."
Harry lächelte und wollte einen Schritt nach vorne machen. Doch seine Füße waren wie am Boden festgefroren. Er schaute auf und seufzte. Luna kicherte, trat näher und drückte ihm einen flüchtigen Kuss auf die Lippen. Von der nervigen Pflanze wegtretend konnte man leise Flüche aus seinem Mund vernehmen und Luna brach vollständig in Gelächter aus.
„Wir sind wirklich ziemlich verspätet!", bemerkte sie.
„Jepp", bestätigte Harry nickend. „Es macht aber glaube ich kaum einen Unterschied. Ich könnte das ganze Schloss in Schutt und Asche legen und Professor Jackson würde nichts weiter tun, als mich verwarnen."
„Das wäre aber illegal", entgegnete Luna kichernd und begann ihren Weg zum Verwandlungsklassenzimmer; doch nicht bevor sie ihre Hand in Harrys gelegt hatte. Errötend knuffte dieser sie und ließ sich von ihr führen – zufrieden ihr zu folgen, wohin auch immer sie ging.
Es stellte sich heraus, dass der neue Verwandlungslehrer krank war. Schulleiterin McGonagall, die ihn vertrat, erwartete die beiden mit strengem Blick. Sie schürzte die Lippen und ließ die Kriegshelden nachsitzen.
Keiner der beiden schien sich daran zu stören.
