Am nächsten Tag war in den magischen Zeitungen „Klitterer" und dem „Tagespropheten" zu lesen, dass eine Mannschaft ihre Teilnahme an der Eulenmeisterschaft zurückgezogen hatte und frühzeitig nach Hause zurückkehren musste.
Zwei Eulen der moldawischen Mannschaft hatten sich in der Nacht mit einem Greifvogel, wahrscheinlich einem Habicht, einen Kampf geliefert. Dabei wurden die Eulen so schwer verletzt, dass sie vom Tierarzt von der Wettkampfteilnahme ausgeschlossen wurden.
Adrian Pucey stand auf dem Platz vor dem Eingang zu den Tribünen und sah zu, wie die Delegation aus Moldawien frustriert abreiste. Ihre Vögel würden ganz sicher wieder ganz gesund, doch würde dies Wochen dauern.
Karkaroff hingegen hatte sich zu der grossen Informationswand des Wettkampfbüros begeben und studierte die Liste der übriggeblieben Teams.
Belgien, Italien, Portugal, Schottland, Österreich, Polen, das waren sechs Mannschaften, die um den Titel der Eulenmeisterschaft kämpfen mussten.
„Wenn wir nur nicht als erstes gegen die Portugiesen antreten müssen", sagte Snape, der hinter seinen Teamkollegen getreten war. „Die haben mit Cesan eine starke, sehr turniererfahrene Sumpfohr-Eule in ihrer Mannschaft. Dieser Vogel hat schon manch anderes Team in den Ausscheidungsspielen vor drei Monaten ins Schwitzen und oft auch um den Sieg gebracht."
„Wann erfahren wir die Zuteilung?", wollten die Schüler und auch Karkaroff wissen. Ein paar Männer aus den belgischen und österreichischen Mannschafften, die in der Nähe standen, stellten sich wohl ähnliche Fragen und einer von ihnen blickte stirnrunzelnd auf die Uhr.
„In einer halben Stunde müssen ich und auch die anderen Mannschaftskapitäne zur Verlosung antreten. Wir, die Scots, müssen die zwei Gegner, die ich dann ziehen werde, beide besiegen oder zumindest ein Unentschieden rausholen, um in die Endrunde, also ins Finale zu kommen. Drückt mir die Daumen", antwortete Snape. Den letzten Satz sprach er mit einem bedeutungsvollen Blick auf das portugiesische Team in der Liste.
Wenig später als ein Glockensignal über das Gelände schallte und auf den Beginn der Auslosung aufmerksam machte, stand das schottische Team wieder bei ihrem Mannschaftszelt.
Ihr Kapitän hatte sich schon wenige Minuten zuvor zu der grossen Amphore vor dem Wettkampfbüro begeben. Die Lose in ihrem Innern waren bereits gemischt und das Organisationskomitee hob nun den Deckel ab, damit jeder Mannschaftskapitän blind zwei Los-Zettel herausfischen konnte.
Derweil streichelten die Hogwarts-Schüler bange ihre Eulen und blickten dann mitleidig zu Karkaroff. Dieser spürte wohl, dass eine Ziehung der Portugiesen ihn am schlimmsten treffen würde. Ein Blick auf den Zeitungsartikel über den grandiosen Sieg in den Vorrunden mit Bildern tat sein Übriges.
Unbehaglich trat er auf der Stelle und fragte dann die Schüler: „Also gut, was sollte ich über `Cesan´ wissen, wenn wir wirklich das Pech haben …"
Der Mann hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da ging ein Raunen durch die Menge, weil die Ordnungsdiener zu den grossen Masten neben der Infotafel schritten.
„Da, die Flaggen gehen hoch …"
Gespannt beobachtete Snapes Team, was für Fahnen neben der Schottischen Nationalflagge gehisst wurden.
„Rotweiss und rotweissrot, hm ich glaub, die Portugiesen hätten rotgrün mit Wappen dazu …", überlegte Blaise laut.
„Ganz recht, wir haben Polen und die Österreicher als Gegner gezogen", bestätigte Severus, als er zu seinem Team zurückkehrte.
„Gut gemacht", rief Karkaroff erleichtert. „Die Österreicher habe ich gestern beim Testspiel beobachtet, die wirkten gemässigt und ihre Spielzüge waren meist vorherzusehen."
Weniger Freude zeigten die Italiener und Belgier, die in der Gruppe mit Portugal waren. Die Italiener, welche als erste gegen die berüchtigte Mannschaft antreten musste, die zogen sich zu einer Lagebesprechung zurück, um eventuell noch ihre Spieltaktik anzupassen.
Eine Stunde später war die Eröffnungszeremonie und nachmittags um zwei Uhr wären die ersten beiden Spiele.
Der Teil im kleinen Oval der Rennbahn war für Italien gegen Portugal bereit. Aussen in dem Bereich der grossen ovalen Wiese neben dem Rennbahn-Teich, dort würde Schottland auf Polen treffen. Beide Wettkämpfe fanden zeitgleich statt, da es in eben diesem Halbfinale insgesamt sechs Spiele zu bestreiten gab. Dazu nachher noch das Finalspiel, in dem nur die beiden Sieger aus den beiden Halbfinalgruppen aufeinandertreffen würden.
Doch eines nach dem anderen. Im Moment mussten sich alle Teilnehmer ihre Uniformen anziehen und sich dann in geordnete Reihenfolge für den Einmarsch ins festlich geschmückte Stadion der Trabrennbahn bereithalten.
„Wie heisst eigentlich deine Eulin?", wollte der Schulleiter aus Durmstrang wissen.
„Nathair ist ein Sperber-Eulerich und somit ein ER! Merk dir das bitte", räsonierte sein Kollege über den Kopf von Terry hinweg, der zwischen ihnen schritt.
„Ja schon gut. Was ist das denn für ein seltsamer Name, hat der auch eine Bedeutung?"
„Nathair ist keltisch und bedeutet so viel wie Schlange. Und jetzt seid besser still, wir fallen sonst auf", mischte sich Blaise von Karkaroffs anderer Seite her ein. So konnte dieser nicht mehr fragen, was denn der Name Faolan von Blaise' Eule bedeutete. Doch die seltene wolfsgraue Zeichnung im Gesicht der stattlichen Waldohreule gab einen Hinweis auf den Taufnamen von Blaise' Vogel. Faolan hiess nämlich nichts anderes als kleiner Wolf, was auch zu der ehrgeizigen, fast schon kämpferischen Sport-Eule auf der Schulter des Schülers passte.
In Schottland hatte Dumbledore neben Hagrids Hütte eine grosse magische Leinwand aufbauen lassen. Mit den vielen Holzbänken und der Getränke-Theke daneben, hatte Schloss Hogwarts ein eigenes Public- Viewing, deren Besucher Hagrid nur zu gerne in seiner Freizeit betreute. Zudem konnte er so auch mitverfolgen, wie sich die Eulen, bei deren Training er mitgeholfen hatte, im Turnier schlugen.
Aber nicht nur die Schüler kamen, um die Direktübertragung der Wettkämpfe zu sehen. Die Bilder auf der Leinwand waren gross genug, dass man auch aus dem nahen Wald mitbekam, was gerade in Frankreich passierte.
Uneingeladene Gäste wie Macnair, Mister Borgin oder andere zwielichtige Gesellen sassen im Unterholz des Waldrandes versteckt. Diese kleine Gruppe war jedoch immer wachsam, um beim ersten Anzeichen einer nahenden Zentauren Revier-Patrouille sofort zu verschwinden.
Macnair war unentschlossen, ob er Karkaroff, den er natürlich sofort auf der Leinwand erkannte, nun anfeuern sollte oder nicht. Teilweise war Walden Macnair wütend, dass der andere Todesser frei herumlaufen und sogar an internationalen Spielen teilnehmen konnte. Doch als die polnischen Eulen eine Lücke in der schottischen Verteidigung ausnutzten und viermal hintereinander das Tor von Karkaroff mit dem Sandball beschossen, da tat dieser Macnair fast schon wieder leid.
Igor hechtete verzweifelt von einer Ecke in die andere, sprang hoch in die Luft, um die Angriffe abzuwehren und den Ball aus dem Torbereich zu schlagen, bevor dieser auf dem Boden im Viereck auftraf. Bei einem seiner Sprünge verfehlte er mit der Hand den Ball, der ihm dann an den Kopf knallte. Glücklicherweise flog der orange Sandball trotzdem aus dem Torraum, doch Igor taumelte zurück und hielt sich oberhalb des linken Auges den Schädel.
Nach kurzem Handzeichen des Mannschaftskapitäns, nickte der Schiedsrichter zustimmend, hob die Hand und kündete mit seiner Trillerpfeife einen kurzen Spielstopp an. Dies war in solchen Situationen üblich, bei offensichtlichen Verletzungen eines Spielers sogar Vorschrift.
Ein Medi-Magier und der Mannschaftskapitän eilten zu Karkaroff, wo sie aber nur knappe zwei Minuten blieben. Das Auge des Torwartes war nicht verletzt und die schmerzende Prellung beim Haaransatz, die hatte der Medi-Magier mit einem Heil- und Kühlzauber behandelt. Es tat zwar immer noch etwas weh, aber Igor versicherte, dass er weiterspielen könne.
Seine Teamkollegen gingen wieder auf ihre Position und überraschten im weiteren Verlauf des Spiels ihre Gegner. Die Polen hatten nach diesem Zwischenfall erwartet, dass die Schotten destabilisiert und schwächer wären. Doch das Gegenteil war der Fall.
Das Team aus den Highlands griff nun mit taktisch durchdachten Winkelzügen und mit schnellen Kommandozeichen an ihre Eulen an. Es war unglaublich, wie gut die Vögel auf die Zeichen ihrer Meister reagierten. Manchmal reichte eine veränderte Körperhaltung und das leichte anheben eines Fusses, schon wechselte „kleiner Wolf" die Anflugrichtung und beschleunigte sein Tempo. Nur knapp konnte der gegnerische Torwart ein Treffer verhindern und kam immer mehr ins Schwitzen.
Gebannt sahen die Schüler und auch die heimlichen Besucher im Wald das rasante Spiel auf der Wiese der französischen Rennbahn. Immer lauter feuerten sie die schottischen Eulen und ihre Besitzer an, als diese in einer Art Stafettenlauf beim Vorwärtsstürmen den Ball zwischen sich hin- und herwarfen. Die gegnerischen Eulen Polens versuchten erfolglos den Angriff zu stoppen.
Nach einer Pirouette von Snape und seinem Ausfallschritt nach vorn, flog seine Sperbereule in einem Höllentempo eine so enge Spirale, dass man meinte, der Vogel sei verletzt und stürze ab. Doch mit dem Schwung aus dem Spiralflug schoss das Tier den Ball und … ein oranger Farbklecks flog an den Händen des Torwarts vorbei, um dreissig Zentimeter hinter der Torlinie auf den Boden zu prallen. Der Schiedsrichter pfiff, gab mit der Hand das Zeichen für ein gültiges Tor und der besiegte Torwart warf sich haareraufend auf die Knie. Er hatte versagt und seine Mannschaft einen Treffer kassiert.
Snape sass allerdings auch auf dem Boden mit seiner Eule auf den Knien. Beiden schienen nach ihrer akrobatischen Dreherei etwas schwindlig zu sein.
Die Scots standen lachend um ihren Kapitän herum, froh bei diesem Spiel gesiegt zu haben. Die Meisterschaft gewonnen hatten sie noch lange nicht, aber das Mitmachen und die Erlebnisse hier waren die Teilnahme allemal wert. Selbst Karkaroff sah trotz des blauen Auges glücklich aus, denn das Gefühl in der Mannschaft integriert zu sein, wirklich voll dazuzugehören, war unbeschreiblich gut.
