Es war kalt, als sie den Jumper verließen. Mit Raureif bestäubte Halme knackten unter ihren Füßen, und ihr Atem hing ihnen in Wolken vor dem Gesicht. Sie ließen den Jumper in der Geröllsenke zurück. Sie brauchten ihn nicht mehr, ihre Füße, ihre Körper würden sich an den Weg erinnern, den sie noch nie gegangen waren, doch Hunderte, Tausende vor ihnen.
Weite Felder und Wälder breiteten sich vor ihnen aus, im Nebel, und sanfte, graue Hügel erstreckten sich bis zum Horizont. Es war eine friedliche, langsame Welt, durch die sie blind und doch zielstrebig taumelten. Keiner von ihnen bemerkte den schneidenden Wind, noch die Dornen, die ihnen die Hände aufrissen. Sie hielten nicht an, kein einziges Mal, sondern bewegten sich wie Schlafwandler. In ihnen sang etwas mit zunehmend lauter werdender Stimme bereit bereit bereit und nichts in der Welt hätte sie dazu bringen können, diesem Rufen zu wiederstehen.
Der Weg, den sie eingeschlagen hatten, schien in die Einsamkeit zu führen. Nichts war zu sehen, kein Zeichen davon, dass hier Menschen lebten. Kein Haus, nicht mal Rauch von irgendeinem Lagerfeuer. Nur der Nebel, der immer dicker wurde, und Hügel und Bäume einhüllte und schließlich verschluckte.
Sie warteten nicht aufeinander, und entfernten sich trotzdem nie weit voneinander. Sie hatten dasselbe Ziel, und ob sie nun zwei oder zehn Meter auseinander waren, schienen sie trotzdem wie durch ein unsichtbares Band miteinander verbunden.
Geröll geriet unter ihren Füßen in Bewegung, und zum ersten Mal schienen Geräusche in die Welt zu kommen.
Sie schlitterten und rutschten einen kleinen Hang hinunter, während sich vor ihnen der Nebel teilte, und andere, taumelnde Figuren erschienen. Mit dem gleichen leeren Blick wie sie machten sich die anderen an den Weg nach unten. Manche von ihnen sahen halb tot aus, andere wiederum fast unversehrt. Ihre Kleider waren oft zerrissen, ein paar schienen auch fast gar nichts zu tragen. Es waren Männer und Frauen, auch ein paar Jugendliche, doch keine Kinder und keine alten Menschen. Obgleich jeder von ihnen am Ende seiner Kraft zu sein schien, war doch zu erkennen, dass sie alle einmal jung, stark und gesund gewesen war, gesund genug, um den Weg zu schaffen.
Zum Ziel zu gelangen.
Bereit.
Die ersten gingen nun in die Knie, fielen und krümmten sich auf dem nackten Steinboden zusammen, nicht darauf achtend, dass die rauen Felsen ihnen die Handflächen und Arme aufrissen. Eine Frau röchelte, ein hohes, tierartiges Geräusch, während sich ihre Augen so verdrehten, dass nur noch das Weiße darin zu erkennen war.
Auch McKay fiel auf die Erde, und neben ihm, Sheppard. Beide ruckten rhythmisch vor und zurück, während ihnen weißlicher, trüber Speichel aus dem Mund lief.
Keiner der Angekommenen stand nun mehr. Alles lag verkrümmt auf den rauen Steinen, während der Nebel sie ungerührt umhüllte. Dann begannen die ersten Leiber zu zucken und zu krampfen.
In Sheppards Kopf drehte sich alles, Dunkelheit gespickt mit glänzenden blauen und roten Lichtern, und sich drehenden Riesenrädern und im Wind schaukelnden Goldregen und
und er lief einen Kiesweg entlang, um den Ball wiederzuholen, während über ihm das Meer zusammenstürzte, blau und schimmernd und kristallklar und
etwas musste gehen, verlassen, zwang sich durch seine Kehle und riss ihn auf seinem Weg in kleine Stücke, gerade als
er trat zum ersten Mal in seinem Leben durch das Stargate, und erwartete Schmerz und Schwindel und
Übelkeit und Ersticken, als sich etwas durch seine Kehle und seine Nase zwang, und etwas Bitteres seinen Mund füllte, während seine Knie zitterten und er bekam keine Luft mehr –
Es ebbte ab, langsam. Das Zittern und Zucken schien zu schwinden, die Menschen, die auf dem Boden lagen, kamen zu Ruhe. Nun waberten erste Geräusche durch den Nebel, Stöhnen und hektisches Atmen.
Sheppard lag mit der Wange in etwas Feuchtem, Schleimigen. Er stöhnte, als er den Kopf hob, und der Schmerz ihn grellschimmernd durchbohrte. Er wischte mit dem Jackenärmel über seine Wange, versuchte, das Zeug – es war kein Erbrochenes, jedenfalls... kein wirkliches Erbrochenes – er wollte nicht darüber nachdenken. Ekel überschwemmte ihn, und er wischte heftiger. Der schwere, faulige Geruch schien durch seine Nase in seinen Kopf zu kriechen, und er spürte, wie sein Atem flacher ging.
Plötzlich hörte er neben sich ein Stöhnen, und er wandte den Kopf, und sah McKay neben sich auf dem Boden liegen. Der Mann stöhnte noch einmal, wimmernder diesmal, und versuchte sich dann aufzurichten. Trüber Schleim klebte an seinem Kinn, und er machte keinen Versuch, ihn abzuwischen, während ein dicker Faden von seiner Unterlippe bis zum Boden lief.
„McKay?", versuchte Sheppard zu flüstern. Es kam mehr wie ein Gurgeln raus, und der andere Mann reagierte nicht.
„McKay?"
Langsam, langsam sah McKay auf, die blauen Augen zunächst unfokussiert. Dann traf sein Blick Sheppards, und seine Augen weiteten sich. Müde Überraschung und Erleichterung zeigte sich in seinem Blick.
„Sheppard?"
„Ja..." Sheppard nickte heftig, und zuckte dann zusammen, als Schmerz durch seinen Schädel schoss. „Ist alles okay?"
Ratlos ließ McKay den Blick umherschweifen, und starrte dann Sheppard an.
„Abgesehen von der Tatsache, dass ich keine Ahnung habe wo ich bin... ja"
„Gut", sagte Sheppard, und wischte sich dann mit der Hand über die Wange. Etwas von dem Zeug klebte noch immer fest.
„Wer sind die anderen?", fragte McKay jetzt, und Sheppard nahm zum ersten Mal bewusst die Gegenwart der anderen Menschen wahr. Sie saßen oder lagen einfach herum, starrten mit leeren, ausdrucklosen Mienen ins Nichts.
„Ich weiß nicht", sagte er, und rutschte unbewusst ein Stückchen näher zu McKay. „Sie scheinen nicht... gefährlich"
„Nein", flüsterte McKay und schnaubte dann leise. „Sie sehen aus, als hätten sie nicht mehr alle Tassen im Schrank"
Sheppard lächelte, als er den vertrauten, beißenden Tonfall hörte.
„Ja. Genau"
„Wo sind wir?"
„Ich habe keine Ahnung", sagte Sheppard wahrheitsgemäß, und McKay seufzte. Sein Gesicht war weiß und glänzte feucht – ob nun von der feuchten Luft oder von Schweiß, konnte Sheppard nicht sagen. Er hoffte, dass es vom Nebel war. Es war eisig, und wenn McKay schwitzte, würde das bedeuten, dass er krank war.
„Nun – sollten wir es dann nicht herausfinden, oder so?", sagte McKay, und Sheppard glaubte, beginnende Panik aus seiner Stimme heraushören zu können.
Sheppard nickte. Richtig. Aufstehen, handeln. Es war seine Pflicht, den Zivilisten zu beschützen... doch lähmende Müdigkeit flutete durch seinen Körper. Er wandte wie in Zeitlupe den Kopf, blickte über die liegenden, sitzenden Menschen, die jetzt langsam, traumwandlerisch versuchten, auf die Beine zu kommen, und dachte: Leer.
Hinter sich hörte er McKay scharf einatmen. Der Mann hatte die blauen Augen weitaufgerissen, und seine Unterlippe zitterte verdächtig, bevor er sich zusammennahm und Sheppard ansah.
„Sie sind gruselig"
„Ja", sagte Sheppard, und fügte hinzu. „Aber nicht gefährlich"
„Das kannst du doch nicht wissen!", zischte McKay, und versuchte dann, auf die Beine zu kommen. Stöhnend sackte er zurück, und griff sich mit einer Hand an den Kopf.
„Kopfschmerzen?"
„Ja"
„Hab ich auch"
War es schon vorher so kalt gewesen? Er fror entsetzlich. Was war überhaupt vorher gewesen? Nein, er erinnerte sich nicht. Dick und undurchdringlich wie der Nebel, der sie umhüllte, schienen ihm seine eigenen Gedanken. Irgendetwas war geschehen. Etwas hatte sich geändert, etwas Wichtiges. Sie waren vor irgendetwas weggelaufen. Aber was war was, und warum? Mit dumpfer Verzweifelung grübelte er, wendete und drehte die eigenen Gedanken und Erinnerungen hin und her, doch fand nichts.
McKay sank auf die Erde zurück. Seine Augen waren halbgeschlossen, die Lider schwer und dunkel im Vergleich zum restlichen wachsweißen Gesicht.
Steine kollerten den Abhang hinunter, und Sheppard sah auf, starrte in die weiße Wand, die sie und die anderen umgab. Was...? Ein plötzliches, unbestimmtes und sehr beklemmendes Gefühl befiel ihn. Er wurde beobachtet, und etwas sagte ihm, dass die Beobachter sehr nah waren, ganz nah, vielleicht schon die ganze Zeit... Der Nebel war undurchlässig. Es war still, abgesehen von dem Atmen der anderen Menschen. Spürten sie es auch? Warteten sie? Auf was?
Wieder lösten sich einige Steine, sprangen den Geröllhang hinunter, auf dem Weg in scharfkantige Splitter zerspringend. Taumelnd versuchte Sheppard auf die Beine zu kommen – jemand war dort – und dann bewegte sich der Nebel am Rand des Hanges. Weiße Dunstfetzen kräuselten sich, schienen sich dann zurückzuziehen und gaben den Blick auf eine schwarzgekleidete Figur frei.
Sheppard erstarrte. Die Gestalt verharrte ebenfalls, und dann, plötzlich, wie bei einem Streich, den die Augen einem spielen, oder einem Zaubertrick eines bösartigen schwarzen Magiers, erschienen weitere Schwarzgekleidete am Rand des Steilhanges, zehn, zwanzig, fünfzig, vielleicht, die die Senke umstellt hatten.
Sheppard sah keine Gesichter. Sie schienen Atemmasken zu tragen, und auf einmal glaubte er das Geräusch ihres Luftholens zu hören, ein stetiges, von allen Seiten kommendes Röcheln, und dann flog die silberne Dose in die Senke, zwischen die kauernden Menschen, und prallte scheppernd auf dem Steinboden auf.
Nichts geschah.
Für einen Augenblick. Dann gab es ein merkwürdig zartes, unwichtig klingendes Plop- Geräusch, und mit einem schneidenden Zischen begann weißer Rauch auf der Dose zu quellen, der sie rasch alle umhüllte.
Weiß wie der Nebel, und ebenso undurchdringlich, doch ganz bestimmt kein Nebel... kein Nebel, denn... im Nebel hatte nicht solche Schwierigkeiten gehabt, zu atmen...
Sheppards hilflos tastende Hand fand McKays schlaffen Arm, und er versuchte, den Drang zu unterdrücken, einzuatmen. Doch er war so müde, so unendlich müde, und willkommenheißende Dunkelheit trudelte auf ihn zu, und schließlich ließ er sich zurücksinken auf den harten, kalten Boden und atmete ein.
oOo
Reviewen ist schwierig, nicht wahr? Ich weiß genau wie das ist... aber kommt schon Leute, ihr schafft es! Reviewt!
