Prolog „Dunkle Machenschaften"
„Bist du dir immer noch sicher, dass du mir nichts zu sagen hast?"
Angel hatte den Vampir mit Hilfe von einigen Holzpflöcken an einem Zaun festgenagelt. Er wiegte einen weiteren Pflock in der Hand, der für das Herz des Dämons bestimmt war. So allmählich begann der Typ ihn zu langweilen. Der Dämon knurrte schmerzerfüllt und versuchte sich zu befreien. Genervt versetzte Angel ihm einen kräftigen Schlag ins Gesicht um seine Aufmerksamkeit zurück zu bekommen und setzte ihm den Pflock direkt übers Herz.
„Also? Soll ich noch mal fragen? Wer hat dir und deinen Kumpels den Auftrag erteilt die DeVeer-Daemonices zu beschaffen? Und was habt ihr damit vor?"
Der Vampir versuchte nach ihm zu schnappen. Angel sprang zurück.
„Falsche Antwort", meinte er und stieß den Pflock wenige Zentimeter neben das Herz des Blutsaugers. Der Dämon heulte gequält auf und sagte ihm was er wusste – dummerweise nichts Neues. Angel erbarmte sich, zog den Pflock heraus und dieses Mal traf er mit tödlicher Sicherheit das Herz des Vampirs. Der zerstob in einer Staubexplosion.
„Du warst nicht grade zimperlich mit dem. Bist du ganz sicher, dass nicht doch Angelus noch irgendwo lauert?"
Xander trat aus der Dunkelheit auf ihn zu. Als er vor einiger Zeit angeboten hatte für ihn zu arbeiten, war Angel nicht gerade erfreut gewesen. Nicht, dass er etwas gegen Xander Harris hatte. Er konnte sich nur nicht vorstellen, dass der junge Mann mit seinem seltsamen Humor und seiner Art nichts ernst zu nehmen eine Hilfe sein konnte, geschweige denn in sein Team passte. Am Ende hatten Buffy und Willow es mit ihren weiblichen Tricks irgendwie geschafft ihn davon zu überzeugen, dass er genau das wollte. Also hatte er Xander probeweise für seine Ermittlungen eingespannt und der hatte alle überrascht und sich als Naturtalent erwiesen. Kein Mensch, geschweige denn ein Wesen des Bösen, würde den so harmlos wirkenden Xander für einen Detektiv im Auftrag von Angel Investigations halten. Und das wiederum machte ihn zum unbezahlbaren Mitarbeiter.
Die Hände in den Taschen seiner weiten Hosen, mit einem unbarmherzig grell gemusterten Hemd und seiner Augenklappe kam Xander heran geschlendert und betrachtete das Staubhäufchen zu Angels Füßen.
Die düstere Gasse war menschenleer und selbst die hartgesottensten Untoten hatten ihr Heil inzwischen in der Flucht gesucht. Angels Ruf eilte ihm voraus.
„Und? Hast du rausgefunden wohin unser anderer Freund verschwunden ist", fragte Angel, Xanders Frage ignorierend.
„Hey, das war doch der Auftrag, oder? Ich meine, wäre ich wieder hier wenn ich's nicht..." Angel ungeduldiger Blick ließ Xander zum Wesentlichen kommen. „Der Typ ist in einen Gully gesprungen, ungefähr einen Block von hier und dann in südlicher Richtung verschwunden, da hab' ich ihn verloren."
Xander wandte sich wieder seinem Boss zu. Der war schon halb auf dem Weg aus der Sackgasse. Er hob einen Deckel zu den Abwasserkanälen mühelos hoch und ließ sich hinein fallen. Er kannte sich dort unten ziemlich gut aus und seine noch immer übernatürlichen Sinne erleichterten ihm die Orientierung. Angel hörte Xander etwas rufen. Wahrscheinlich beklagte er sich darüber einfach mitten in der Stadt stehengelassen worden zu sein. Nun, damit würde er schon fertig werden, wozu gab es Telefone und Taxis.
Angel lief so schnell es der unsichere Untergrund zuließ in die Richtung, die Xander ihm gewiesen hatte. Die Strecke war hier unten wesentlich kürzer, als wenn er erst den Block oben umlaufen hätte. Angel bog scharf links und gleich darauf noch einmal nach links ab. Ein Blick nach oben zeigte ihm den offengelassenen Gullydeckel. Angel rannte dem Vampir hinterher, der ihm vorhin im Eifer des Gefechts entwischt war. Besonders ärgerlich war die Tatsache, dass er ein weiteres altes Dokument mitgenommen hatte. Klasse, Giles würde toben.
Er versuchte noch immer herauszufinden, was der Oxcal-Dämon im Rat der Wächter getrieben hatte. Sie hatten mit vereinten Kräften herausgefunden, dass eine ganze Bruderschaft von Dämonen sich verbündet hatte. Sie hatten ein paar Wächter scheinbar willkürlich entführt. Was nicht weiter aufgefallen war, bei der Serie von Vermisstenfällen durch das Ungleichgewicht der Kräfte. In dem Trubel, den ihr Verschwinden verursacht hatte, hatten sie ihren dämonischen Spitzel in den Rat eingeschleust. Und der hatte innerhalb kürzester Zeit den Rat unter seine Kontrolle gebracht. Er war es gewesen, der Giles und Buffy den Auftrag erteilt hatte das Chaos zu beseitigen und Angel und Spike zu töten. Immerhin hätte das Ungleichgewicht auch die Bösen arg in Mitleidenschaft gezogen.
Ihre Entdeckung war jedoch zu spät gekommen. Bei seinem Eintreffen in England, wohin der Rat zurückgekehrt war, hatte Giles erfahren, dass sich niemand an einen ‚Bewahrer' erinnern konnte. Dieser war und blieb spurlos verschwunden, ebenso wie die entführten Wächter. Das beseitigte auch die Gefahr, die für das ‚Leben' von Spike bestand, doch auch dieser blieb verschwunden.
Rupert Giles hatte mit seiner Wächterschülerin Sandrine drei Wochen in England verbracht, um den Rat in seiner Krise beizustehen. Sie hatten gemeinsam mit ihnen versucht Informationen zu finden, waren aber durch die letzten Ereignisse gehandikapt gewesen. Giles hatte sie motiviert und geholfen Ordnung zu schaffen und war dann zu seinem Schützling nach Hause zurückgekehrt. Und die hatte ihm den nächsten Schock versetzt, als sie ihm herumdrucksend mitteilte, dass sie ein Kind erwartete. Eine Jägerin! Von einem ehemaligen Vampir mit mehr oder minder wieder erlangter Menschlichkeit! Giles' Sorgen nahmen kein Ende.
Seitdem arbeiteten er und seine Freunde ebenso wie Angels Team ununterbrochen daran, Licht in die ganze verworrene Angelegenheit zu bringen.
Sie hatten die Bruderschaft aufgedeckt und ihre Mitglieder gejagt, die einem neuen Hobby zu frönen schienen: sie beschafften die alten Schriften aus den DeVeer-Daemonices. Wahlweise stöberten sie diese auf, kauften sie oder stahlen sie einfach.
Und jetzt war eine weitere dieser kostbaren Handschriften verschwunden. Machte bereits vier für die Bösen und eins für uns, dachte Angel grimmig, während er den Dämon verfolgte. Eines der Pergamente befand sich in Giles' Privatbibliothek und er hatte es an einem sicheren Ort untergebracht.
Weiter vorn hörte Angel ein leises Platschen und ein verängstigtes Quieken. Der Untote hatte wohl einen tierischen Bewohner der Unterwelt von L.A. aufgestört. Angel beschleunigte seine Schritte und bog um eine Ecke, bevor er hastig stoppte und sich hinter einem Vorsprung verbarg, um zu beobachten was vor sich ging.
Er konnte den Vampir sehen, der einer Gestalt, die mit dem Rücken zu Angel stand, das Pergament übergab – das musste der Kerl sein, von dem der nunmehr ziemliche eingestaubte Vampir gesprochen hatte: der, für den sie arbeiteten.
Sie unterhielten sich über etwas. Doch trotz seiner geschärften Sinne konnte Angel nicht verstehen, was gesprochen wurde. Direkt über ihnen verlief einer der vielbefahrenen Stadthighways, die es ihm unmöglich machten dem Gespräch zu folgen. Manchmal war der Fortschritt wirklich ein Greuel.
Der Blutsauger nickte und zog sich dann zurück. Die Gestalt wandte sich um und verschwand in einem Nebenkanal. Angel konnte für einen Moment das Gesicht erkennen. Willy! Der schleimige Barbesitzer aus Sunnydale! Was hatte den denn hierher verschlagen? Offenbar hatte er seine alten Geschäfte mit den Geschöpfen der Nacht wieder aufgenommen und offenbar waren die noch immer lukrativ genug, damit sie ihn am Leben ließen. Angel schüttelte sachte den Kopf. Er hatte den Kerl noch nie ausstehen können. Der würde für ein bisschen Geld seine Seele verkaufen, wenn er es nicht schon längst getan hatte.
Er wartete bis Willy um die Ecke verschwunden war, dann folgte er dem Vampir. Willy würde er später aufstöbern. Nachdem er nun wusste nach wem er suchte, sollte das kein Problem sein – der Typ war wie ein bunter Hund.
Angel schlich sich leise an den Blutsauger heran.
„Hey!"
Der Vampir fuhr herum und seine gelben Augen funkelten hasserfüllt, als er sich auf Angel stürzen wollte. Angel verpasste ihm einen Schlag in den Magen, zog ihn am Kragen wieder hoch und ließ einen Holzpflock aus der Schnappvorrichtung an seinem Unterarm in seine Hand schnellen. Diesen Sekundenbruchteil nutzte der Vampir um Angel einen Schlag zu versetzen, der ihn rückwärts taumeln ließ.
Der Vampir gehörte offenbar zur mutigeren Sorte, denn anstatt die Flucht zu ergreifen ging er in Kampfstellung. Er schien zu schnüffeln und verzog halb angewidert, halb gierig die Lippen. Sie entblößten seine Reißzähne, als er ein Raubtiergrinsen aufsetzte.
„Du sollst doch angeblich einer von uns sein, aber du riechst anders. Ich kann dein Blut riechen und dein Herz schlagen hören. Aber du bist auch nicht wie sie."
Offensichtlich war die Kreatur verwirrt. Das reichte Angel aus. Er fasste den Pflock fester, wirbelt herum und versetzte ihm einen Tritt. Er hechtete hinter dem taumelnden Vampir her, packte wieder seinen Kragen und stieß ihm den Pflock ins Herz. Seine Hand umklammerte ihn einen Moment, während der Vampir überrascht zu ihm aufsah.
„Zu schade, dass du keine Gelegenheit mehr haben wirst das irgend jemanden zu erzählen", meinte Angel grimmig, bevor der Blutsauger unter seinen Händen zu Staub zerfiel.
Er klopfte den Staub aus seinem schwarzen Mantel und kehrte dann den Weg zurück, den er gekommen war. Angel kletterte aus den Abwasserkanälen und schloss den Deckel hinter sich. Er machte sich auf den Weg zu seinem Wagen, den er einen Block entfernt stehen gelassen hatte. Er schwang sich hinein und startete den Motor.
Der Morgen begann zu dämmern und er machte sich auf den Weg nach Hause. Nicht, dass er unbedingt darauf angewiesen wäre nur noch im Schutze der Dunkelheit zu arbeiten. Solange er die direkte Sonne mied, machte ihm Tageslicht nicht mehr so viel aus – sah man mal von den Kopfschmerzen und der brennenden Haut ab, war selbst direktes Sonnenlicht keine Gefahr mehr. Tatsache war aber, dass er sich im Dunklen einfach wohler fühlte. Kein Wunder, wenn man bedachte, wie er die vergangenen 250 Jahre gelebt hatte. Außerdem machten es die Wesen, gegen die er kämpfte, nötig seinen Job auf nächtliche Zeiten zu verlegen, da die meisten von ihnen recht lichtscheu waren.
Angel dachte noch darüber nach, als er schwungvoll in die Tiefgarage seines Appartementhauses einbog. Er stellte sein Cabrio auf den angestammten Platz und nahm die Treppe nach oben. Vor Appartement 5a stellte er überrascht fest, dass unter der Tür schon Licht schimmerte. Was machten die beiden denn so früh schon auf den Beinen?
Buffy war gestern erst spät zu ihrer Patrouille aufgebrochen. Besser gesagt, hatte Kennedy sie erst spät abgeholt. Eigentlich, so hatte Buffy gemurrt, hätte sie ohnehin zu Hause bleiben können. Da sie nur noch dabei stehen und die Verantwortung tragen durfte, im äußersten Fall war es ihr gestattet mal einen Pflock zu reichen oder einem fliehenden Dämon ein Bein zu stellen.
Angel konnte ihren Unmut zwar verstehen, doch insgeheim war er mit Giles' Anweisungen zufrieden. Er schloss die Tür auf und trat in den Flur der Wohnung.
Er fand seine geliebte Buffy zusammengerollt in einem Sessel. Das Magazin in dem sie gelesen hatte, war auf den Boden gerutscht und die Haare fielen ihr ins Gesicht. Angel versetzte es einen Stich sie so zu sehen. Die Liebe zu ihr mochte ihn verwundbarer machen, doch sie gab ihm auch unglaubliche Kraft. Er hockte sich vor den Sessel und betrachtete sie: die lange seidige Pyjamahose, das schulterfreie bestickte Oberteil, ihre nackten Füße, das hübsche Gesicht halb hinter den wirren blonden Strähnen verborgen. Angel strich eine davon sanft zur Seite, hob das Heft auf und legte es auf den Tisch, bevor er aufstand.
Er legte seinen Mantel ab und strich sich durchs Haar, bevor er zurück zu Buffy ging und sie, um sie nicht zu wecken, vorsichtig auf seine Arme hob. Er wollte sie ins Bett bringen, damit sie endlich einmal ein paar Stunden durchschlafen konnte. In diesem Augenblick erwachte Buffy. Sie lächelte ihn schlaftrunken an.
„Guten Morgen", meinte sie und schlang ihm die Arme um den Nacken.
„Eigentlich ist es noch viel zu früh für ‚Guten Morgen' und du solltest im Bett sein", tadelte er sie sanft.
Buffy schaute unsicher, so dass Angel wusste was los war.
„Du hattest wieder Träume, nicht wahr?" Als Buffy nickte, fragte er: „Sind es, du weißt schon, Hellträume?"
„Ich weiß es nicht... Nein, ich denke nicht. Sie gehören wohl eher in die Kategorie furchtbare Schrecken", antwortete sie halb scherzhaft.
Angel machte sich Sorgen. Sie schlief so gut wie gar nicht mehr und wenn sie schlief dann hatte sie diese Träume. Er registrierte, dass Buffy etwas gesagt hatte.
„Entschuldige. Was?"
„Ich sagte, du kannst mich runterlassen", meinte sie lächelnd und schlang dann die Arme noch ein bisschen fester um seinen Nacken. „Obwohl ich auch nichts dagegen hätte, wenn du's nicht tust."
„Oh, ja." Angel setzte sie dennoch ab. „Also, du versuchst noch ein bisschen zu schlafen und ich werde mir noch mal ein paar Bücher vornehmen."
„Habt ihr was rausgekriegt?"
„Erinnerst du dich an Willy?", fragt er.
„Den ‚Ich-mach-mit-Vampiren-meine-Geschäfte-und-dafür-lassen-sie-mich-in-Ruhe-Willy? Aus Sunnydale? Ja, an den Kerl erinnere ich mich. Sag nicht, der ist in die Sache verwickelt."
„Tja, ich weiß nicht in wie weit, aber heute Nacht hab ich gesehen wie eins der DeVeer-Dokumente an ihn übergeben wurde. Ich wüsste nur zu gerne, für wen er dieses Mal seine schmutzigen Geschäfte macht."
„Das kriegen wir raus. Also, ich befolge jetzt deinen Rat und gehe ins Bett – obwohl ich bestimmt besser schlafen könnte, wenn du zu mir unter die Decke schlüpfst", meinte Buffy zu ihm. Der anzügliche Blick, den sie ihm dabei zuwarf, ließ keinen Zweifel daran auf welche Weise sie gerne zum Schlafen gebracht worden wäre.
„Ich komme darauf zurück", antwortete er mit diesem typischen Halblächeln.
Buffy ging ins Schlafzimmer und schloss die Tür hinter sich.
Angel brauchte erst mal eine Dusche, um den Geruch der Abwasserkanäle und, viel schlimmer, den der Vampire wegzubekommen. Dann setzte er sich an seinen Schreibtisch, knipste die Lampe an und griff nach dem Telefon um im Büro anzurufen. Gunn ging ran - für Harmony war es wohl noch zu früh. Angel erzählte was er rausgefunden hatte und bat ihn ein bisschen zu recherchieren. Giles hinterließ er eine Nachricht mit demselben Inhalt - der Brite schien schon wieder bei der Arbeit zu sein.
Angel wandte seine Aufmerksamkeit einigen alten Büchern zu, die er aufgestöbert hatte. Sie sollten ihm etwas über die DeVeer-Daemonices sagen können, sobald er die in altem Latein geschriebenen Texte übersetzt hatte. Vielleicht konnten sie dann raus finden, warum jemand so scharf darauf war sie in die Hände zu bekommen.
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