Kapitel 2
Bones wurde wach und wusste nicht genau, wo sie war. Eines war sicher, es war nicht ihr Bett.
Dann fiel es Ihr wieder ein: Sie saß, oder vielmehr lag mit Booth auf ihrer Couch und sie mussten beide eingeschlafen sein. Vorsichtig löste sie sich von ihrem Partner und stand auf. Es war kurz nach vier, wenn sie die Uhr in der Küche richtig las. Lächelnd schaute sie auf Booth herunter, der irgendwie schief auf dem Sofa hing und tief und fest schlief. Sie griff nach der Decke, die über der Sessellehne lag und breitete sie über ihm aus. Dann ging sie mit einem leichten Kopfschütteln in ihr Bett.
***
Am nächsten Morgen wurde sie von einem penetranten Klingeln geweckt. Sie tastete auf dem Nachttisch nach ihrem Telefon, drückte die „Abheben"-Taste und murmelte: „Mmmrhh, Brennan."
„Hey Bones, ich bins, ich mußte schon weg und du hast tief und fest geschlafen. Wollen wir heute Abend zusammen essen?" „Mmmhhh."
Booth lachte: „Ist das ein Ja?" „Mmmmhhh." „Ok, ich bin um sieben bei dir.", damit legte er auf.
Nachdem sie nur noch ein Tuten aus ihrem Telefon hörte, ließ sie sich in ihr Kissen zurück fallen. Essen mit Booth? Warum nicht? Gerade, als sie das dachte, fiel ihr wieder ein, was gestern Abend zwischen ihnen vorgefallen war. Sie wußte beim besten Willen nicht, was sie davon halten sollte. Das war wieder eines der Dinge, die sie einfach nicht verstand.
***
„Guten Morgen, Sweetie, gut erholt?"
Bones erschreckte sich ein bisschen, denn sie hatte Angela nicht kommen gehört. Sie saß im Labor an einem Arbeitstisch und sortierte Knochen, die vermutlich einem Soldaten aus dem Sezessionskrieg gehörten. Aber sie war nicht ganz bei der Sache, denn sie dachte über den gestrigen Abend nach.
„Hi Ange, ja mir geht's gut, aber was machst du denn hier? Heute ist doch ein Feiertag und wir haben auch keinen Fall."
Angela setzte sich auf einen leeren Labortisch und sah ihre Freundin von oben an. „Stimmt schon, aber gestern hat mein Dad mich hier abgeholt und deshalb steht mein Wagen noch hier. Als er mich jetzt eben wieder her gebracht hat, habe ich dein Auto gesehen und wollte mal schauen, was du so treibst. Ich hätt´s mir allerdings denken können.", sagte sie mit einem langen Blick auf die Knochen. „Ich weiß ja, dass du Tote toll findest, aber meinst du nicht, an Weihnachten solltest du dich ein wenig mehr mit den Lebenden beschäftigen. Ich für meinen Teil hab gleich noch ein Date."
Bones blickte immer noch auf die Knochen, als sie antwortete: „Freut mich für dich, Angela. Viel Spaß. Sehen wir uns Morgen wieder hier?"
„Klar, Schatz, darauf kannst du wetten. Ich geh dann mal und lass dich allein mit Mr. Skeletty. Oder ist es eine Mrs?"
„Ich kann aus den Knochen nicht erkennen, ob das Opfer verheiratet war." Mit diesen Worten drehte sich Bones zu ihrer Freundin um. „Angela, was bedeutet es, wenn dich ein Freund küsst?"
Angela, die schon die halbe Plattform überquert hatte, blieb wie angewurzelt stehen und drehte sich dann zu Bones um. „Wer hat dich geküsst? Wann hat dich jemand geküsst? Und warum weiß ich nichts davon?" Sie ging mit langen Schritten zu ihrer Freundin zurück, zog einen Stuhl heran und setzte sich Bones direkt gegenüber.
„Du weißt nichts davon, weil es gestern Abend passiert ist, oder besser irgendwann heute Nacht. Booth hat bei mir geschlafen und.." Weiter kam sie nicht. „Waaas? Booth hat bei dir geschlafen?" echote Angela mit aufgerissenen Augen.
„Auf dem Sofa, Ange! Er hatte Probleme mit Rebecca und Parker und kam vorbei weil – ich weiß auch nicht, warum er ausgerechnet zu mir gekommen ist, als ob ich von so was Ahnung hätte." Bei diesen Worten verdrehte sie ein wenig die Augen, (wie) um zu unterstreichen, wie sinnlos es war, sich mit solchen Problemen ausgerechnet an sie zu wenden. „Jedenfalls haben wir was zusammen getrunken und uns unterhalten und irgendwann kamen wir auch auf meine Eltern und dann musste ich weinen und er hat mich in den Arm genommen und auf die Stirn geküsst. Und dann bin ich wohl auf seinem Schoß eingeschlafen. Und ich weiß absolut nicht, was Booth Verhalten zu bedeuten hat. Männer küssen mich, wenn Sie mit mir ins Bett wollen, was ja auch im allgemeinen schön ist, aber darum schiens ihm nicht zu gehen. Außerdem ist es Booth!"
Angela mußte das eben gesagte erst mal verdauen und schaute ihre Freundin schweigend an. Ohne es zu wissen, gingen ihr ähnliche Gedanke wie Booth am Abend zuvor durch den Kopf. Sollte sie Tempe nun auslachen oder bemitleiden? Als sie sah, wie verwirrt ihre Freundin aussah, entschied sie sich spontan fürs Bedauern.
„Süße, nicht immer geht es nur um Sex, wenn zwei Menschen sich näher als dreißig Zentimeter kommen, sogar bei Männern nicht. Und so, wie du mir das eben erzählt hast, ging es gestern Abend bestimmt nicht darum."
Bones schaute ihrer Freundin ins Gesicht: „Ich habe Booth gesagt, dass ich nicht mit ihm schlafen werde und er hat gelacht. Dann hat er gesagt, dass es darum ja auch nicht ginge. Ach ja, und er findet dich heiß."
Ok, es war vorbei, alle Selbstbeherrschung war aufgebraucht und Angela konnte nicht mehr. Sie brach in schallendes Gelächter aus und hielt sich den Bauch vor Lachen. „Oh Tempe, ich kann verstehen, warum Booth gelacht hat. Sei froh, dass er`s mit Humor getragen hat und nicht beleidigt war!"
Bones Gesicht war ein einziges Fragezeichen. „Warum sollte er denn beleidigt sein?"
„Weil", setzte Angela an. Die Erklärung mußte jetzt gut sein, damit Brennan das auch ja richtig verstand. „er sich gestern Abend wie ein richtig guter Freund verhalten hat. Er ist zu dir gekommen, weil es ihm nicht gut ging, was ich schon ziemlich bemerkenswert finde. Du scheinst ihm wichtig zu sein. Dann hat sich eine Situation ergeben, in der es dir nicht gut ging und er war für dich da und hat dich getröstet, hat dich aufgefangen, um es mal bildhaft zu sagen. Und alles, was dir dazu einfällt, ist ,Ich werde nicht mit dir schlafen!`? Mal ganz davon abgesehen, dass ich das im Bezug auf Booth für eine ziemlich gewagte Aussage halte, so scharf wie er ist," hier grinste die Computerexpertin breit. „hast du damit sicher auch sein männliches Ego verletzt, und wenn er das mit Humor getragen hat, dann kann ich nur sagen: gut für dich."
„Du meinst also, er hatte nichts...", Bones suchte nach einem passenden Wort. „Unmoralisches im Sinn?", fragte sie ein wenig zögernd. Dieses Zögern fiel auch ihrer Freundin auf. Sie zog die Augenbrauen hoch, entschloss sich dann aber, nicht darauf einzugehen. „Nein, ich denke, seine Absichten waren ehrenhaft." sagte sie mit einem leisen Lächeln. „Wie hast du dich denn dabei gefühlt?"
Darüber musste Bones einen Moment nachdenken. Es fiel ihr nicht leicht, ihre Gefühle in Worte zu fassen. Der einzige Mensch, bei dem ihr das halbwegs gelang, war Angela.
„Es war schön. Es war ein bisschen so, als hätte ich wieder ein Stück Familie, obwohl ich natürlich genau weiß, dass Booth nicht meine Familie ist. Es war schön, dass ich nicht allein war, als es mir schlecht ging. Aber ich will nicht, dass mich jemand so sieht, schon gar nicht Booth. Er denkt jetzt bestimmt, ich bin schwach, klappe am nächsten Tatort zusammen. Ich will nicht, dass er denkt, ich wäre schwach. Das bin ich nämlich nicht!"
„Natürlich bist du das nicht. Und Booth hält dich bestimmt nicht für schwach, weil du einmal wegen deiner Familie geweint hast. Es könnte allerdings sein, dass er dich jetzt endgültig für einen Menschen hält. Den Verdacht hatte er aber, glaub ich, schon länger. Und dass du es schön fandest, ist schon mal ein gutes Zeichen." Mit diesen Worten stand Angela von Ihrem Stuhl auf und schob ihn zurück an den Tisch. „Ich muss jetzt los, Süße. Wie gesagt, ich hab ein Date. Mach auch nicht mehr so lange, immerhin ist Weihnachten." Mit diesen Worten gab Angela ihrer Freundin einen Kuss auf die Wange und strebte dann schnellen Schrittes dem Ausgang zu.
