- Kapitel 2 -
Severus verließ den Vorhang auf der anderen Seite aufrecht gehend. Überrascht blickte er sich um. Hinter ihm stand ein Torbogen, der exakt so aussah wie der in der Halle des Todes. Es war, wie wenn man durch eine Tür ging. Probehalber streckte er die Hand aus, stieß jedoch gegen einen festen Widerstand. Es wäre auch wirklich zu einfach gewesen.
Schließlich wandte er sich vom Vorhang ab und der anderen Welt zu. Und diese Welt erinnerte irgendwie sehr an die Steinzeit. „Wunderbar", murmelte Severus und machte sich an den Abstieg, denn der Vorhang stand auf einer Anhöhe in der Mitte von etwas, das aussah wie ein riesiger Vulkankrater. Als er unten angekommen war, ging er in die Hocke und legte seine Hand flach auf den sandigen Boden. Er war kühl. Also brodelte hoffentlich keine Lava nur wenige Zentimeter unter ihm.
„Ich schwör's Ihnen, Weasley, hierfür wird nicht nur Potter zahlen." Mit vorsichtigen Schritten machte er sich auf den Weg, der in einen dichten Wald führte. Das Summen von Insekten lag in der Luft, ebenso wie eine erdrückende Feuchtigkeit. Schon jetzt brach ihm der Schweiß aus und nach wenigen Minuten zog Severus den Umhang aus und faltete ihn zusammen, bis er ihn schrumpfen und in die Hosentasche stecken konnte.
Immer wieder musste er tief hängende Äste zur Seite schieben, wobei kleine Tiere und Vögel aus dem Unterholz brachen und kreischend in den Himmel stiegen. Er bewegte sich nicht eben leise, aber angesichts der Tatsache, dass er auf der Suche nach Weasley war, war das vermutlich genau die richtige Vorgehensweise.
Zumindest glaubte er das, bis es plötzlich still wurde. Er war nicht stehen geblieben und die Äste unter seinen Füßen knackten noch immer laut und durchdringend, erinnerten an die vielen Knochen, die er in seiner Todesserzeit hatte brechen hören. Doch die Vögel waren verstummt.
Severus blieb stehen und horchte. Die Luft um ihn herum bewegte sich nicht im Geringsten. Sie klebte an ihm wie der frische Schweiß und die kleinen Fliegen, die ihm nicht hatten ausweichen können. Irgendetwas pirschte sich an ihn heran. Kam näher auf lautlosen Pfoten und hatte ihn im Visier.
Langsam drehte Severus sich um sich selbst und versuchte zu sehen, was der Wald so energisch zu verbergen versuchte. Ein dumpfes Rauschen rechts von ihm war das erste, was er von seinem Gegner wahrnehmen konnte. Sein Kopf ruckte herum, doch da war es schon verschwunden. Severus' Herzschlag beschleunigte sich, sehr zu seinem Missfallen, und er zückte den Zauberstab.
Im nächsten Moment rauschte es links von ihm und erneut rasten seine Blicke zu der Stelle, die er im Augenwinkel sich verändern hatte sehen können. Nun war wieder alles still und grün, geziert mit roten Blüten und gelben Früchten.
Severus zwang sich dazu, die Augen zu schließen. Offensichtlich konnte er seinem Gegner nicht durch aufmerksames Beobachten beikommen, also konzentrierte er sich auf seine anderen Sinne. Im Moment war es still. Die Luft schien jedoch um einige Grad kühler geworden zu sein. Ein kaum wahrnehmbarer Geruch drang in seine Nase. Er inhalierte tief und erkannte Schwefel. Ein Prickeln lief über seine Haut und stellte trotz der unangenehmen Wärme die feinen Haare auf. Was auch immer ihm auflauerte, es war ein magisches Wesen.
Dann traf ihn etwas mit der Wucht eines Stupors und schleuderte ihn nach hinten. Der Atem wurde ihm aus der Lunge gepresst, als er hart auf den Boden fiel. Severus riss die Augen auf und versuchte zu sehen, was ihn angegriffen hatte. Er konnte nichts erkennen, wurde aber auf dem Boden festgehalten.
Sein Zauberstab flog aus seiner Hand, als hätte ihn ein Expelliarmus getroffen, und Severus starrte dem Hilfsmittel mit großen Augen hinterher. Für einen Moment glaubte er, die Welt habe alle Farben verloren, doch was auch immer diesen Schwarzweißeffekt verursachte, bewegte sich. Und es drückte ihm die Kehle zu.
Röchelnd versuchte Severus das Wesen abzuschütteln, aber was keinen Körper hatte, konnte man mit bloßer Kraft schwer bekämpfen. Bald spürte er die Auswirkungen des Sauerstoffmangels. Das Blut rauschte in seinen Ohren, sein Puls stieg noch weiter und ein monotones Fiepen störte seinen Hörsinn. Das letzte, was er zu sehen glaubte, bevor er das Bewusstsein verlor, war ein großer schwarzer Hund.
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Sirius Black befand sich in seiner Animagusgestalt, als er den Körper des Tränkemeisters in die Höhle zerrte. Ron kam aus der Dunkelheit zum Eingang gelaufen, als er das Knurren des Tieres hörte, und half ihm bei seinem Unterfangen. Kurz darauf stand Sirius wieder als Mensch neben ihm. „Pass die Banne an, bevor das Vieh ihn findet", wies er den jungen Mann keuchend an und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
Ron löste sich nur ungern von dem Anblick seines ehemaligen Lehrers für Zaubertränke, was Sirius mit einem Feixen zur Kenntnis nahm. „Ja, ich frage mich auch, was er hier will", murmelte er, stemmte die Hände in die Hüften und stieß Snape mit der Spitze seines zerschlissenen Schuhs an der Schulter an.
„Eigentlich frage ich mich eher, warum du ihn gerettet hast", erwiderte Ron und widmete sich dann den Bannen.
Sirius schnaubte. Er hatte dem Jungen schon viel zu viel beigebracht, seitdem er hier war. „Es gehen schon vierzehn Morde auf mein Konto. Man muss es ja nicht übertreiben." Nachdem die Höhle, die ihnen als Unterschlupf diente, auch Snape Schutz bot, hockten sich die beiden Männer rechts und links von ihm auf den Boden.
„Was meinst du, wie lange wird er brauchen, bis er wieder zu sich kommt?"
„Ich denke nicht, dass er deine drei Tage toppen wird, Squirrel."
Ron lief rot an. „Als ob ich etwas dafür könnte…"
Sirius schlug ihm zweimal so hart auf die Schulter, dass Ron beinahe das Gleichgewicht verlor. „Lass Dornröschen schlafen", entschied er dann. „Wir werden noch genug Spaß mit ihm haben, wenn er wieder wach ist."
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Es war ein sehr unangenehmer Geruch, der Severus wieder ins Reich der Zurechnungsfähigen beförderte. Mit einem angewiderten Knurren drehte er den Kopf weg, doch der Geruch folgte ihm. Er drehte ihn in die andere Richtung und das Spiel wiederholte sich. Dann endlich zwang Severus sich dazu, die Augen zu öffnen, und erkannte nach mehrmaligem Blinzeln Sirius Black, der ihm breit grinsend einen schwarzen Klumpen unter die Nase hielt. „Hallo, Schniefelus." Severus ballte seine Hand zur Faust, holte aus und schlug dem Köter direkt ins Gesicht.
Sirius verlor das Gleichgewicht und kippte nach hinten. Die Zeit, die er brauchte, um sich wieder zu berappeln, nutzte auch Severus, um sich aufzurichten. „Ich hatte wirklich gehofft, es wäre eine Fata Morgana gewesen."
Der Animagus wischte sich über die Nase, die nicht mal blutete, und lachte dreckig. „Ist nicht die erste Hoffnung, die ich zunichte mache."
„Und bestimmt nicht die letzte." Severus warf dem verhassten Mann einige entsprechend hasserfüllte Blicke zu, bevor er schwankend auf die Beine kam. Erst da wurde ihm bewusst, dass sie nicht alleine waren. Ronald Weasley saß weiter hinten in der Höhle an einem Feuer, dessen Qualm sich in kleinen Kügelchen sammelte, zu Boden sank und eine Spur nach draußen zog, wo er sich auflöste. „Ich hatte nicht geglaubt, das jemals zu sagen, aber genau Sie habe ich gesucht, Weasley."
„Ich war's nicht!", erwiderte der Rotschopf prompt, was Severus feixen ließ.
„Oh, mir fällt bestimmt etwas ein, wofür ich Sie nachsitzen lassen könnte. Und wenn es nur die Tränen Ihrer Mutter sind, die mein Hemd durchnässt haben."
Im nächsten Moment traf eine Hand ihn fest auf die Schulter und Severus gab unfreiwillig ein Keuchen von sich. „Kaum wach, da fängt er schon an zu drohen. Das ist aber nicht die feine englische Art, sich bei seinen Gastgebern zu bedanken." Bei seinem letzten Satz kniff er Severus in die Wange und verlieh seiner Stimme einen Ton, als würde er mit einem Baby sprechen.
Severus verengte die Augen, griff nach dem Handgelenk des anderen Mannes und drehte ihm den Arm auf den Rücken. „Lass deine Finger von mir!", zischte er dicht an seinem Ohr und stieß ihn danach so abrupt von sich, dass Sirius beinahe ins Feuer gestolpert wäre.
Dieser lachte heiser und setzte sich neben Ron, der inzwischen angefangen hatte, rohe Fleischstücke auf einen Stock zu spießen und über dem Feuer zu rösten. „Dann erzählt mal, wie es zu dem unglaublich dämlichen Schritt kam, der dich hierher führt."
„Allgemeinhin bezeichnet man es wohl als verlockendes Angebot. Potter bezahlt mich, damit ich nach ihm hier suche." Er deutete auf Ron, der daraufhin große Augen bekam. „Also sei besser nett zu mir, Black, sonst könnte ich auf die Idee kommen, dich hier zu lassen."
„Er hat Sie beauftragt?", keuchte Weasley mit einigen Sekunden Verspätung. „Warum kommt er nicht selbst?"
„Wenn Sie nur einmal über Ihren eingeschränkten Horizont hinaus blicken würden, dann kämen Sie selbst auf die Antwort", schnarrte Severus und überlegte, ob er sich möglicherweise auch ans Feuer setzen sollte. Obwohl ihm der Gedanke an noch mehr Hitze nicht im Mindesten gefiel.
„Voldemort ist noch nicht besiegt. Harry wird gebraucht", beantwortete Sirius den fragenden Blick des Jungen, wirkte dabei aber ernster als bisher. Was sich jedoch rasch wieder gab: „Aber das beantwortet Rons erste Frage trotzdem nicht. Warum du? Sag bloß, du hast dich nicht wohlgefühlt im Haus meiner Eltern?"
Severus' Blicke flogen zu Weasley zurück, der gleichgültig mit den Schultern zuckte. „Ich bin seit drei Monaten hier. Dachten Sie, wir reden nicht miteinander?"
„Unglücklicherweise haben Sie immer noch nicht gelernt, den Mund zu halten."
„Was des Einen Leid…", warf Sirius schadenfroh ein.
Severus ignorierte ihn: „Ich bin hier, weil ich der einzige bin, der zur Verfügung stand und den Rückweg kennt." Ein sehr feines Lächeln verzog Severus' Mund. „Also seid ihr besser beide nett zu mir." Nun setzte er sich doch ans Feuer und nachdem Ron und Sirius sich einen Blick zugeworfen hatten, hielt Ron ihm den Stock mit dem beinahe fertig gegarten Fleisch entgegen. Severus rümpfte die Nase und machte eine wegwischende Bewegung mit der Hand. „Was war das, was mich angegriffen hat?"
„Das Biest", murmelte der Rotschopf und schob das Fleisch vom Spieß, um es sich in den Mund zu stecken.
Severus sah seinen ehemaligen Schüler an und wartete offensichtlich auf genauere Informationen. Doch Ron bemerkte es nicht mal. Daraufhin wandte er sich Sirius zu, der ihn breit angrinste. „Sag bitte!"
„Ich denke nicht mal dran!"
Sirius schnalzte mit der Zunge. „Dann wirst du dir deine Antworten auf anderem Wege beschaffen müssen, Schniefelus?"
„Vergiss nicht, dass du hier für immer mit mir festsitzt, wenn ich euch nicht den Hintern rette. Und nennst du mich noch einmal Schniefelus, kann deine Nase eine intensive Blutsbrüderschaft mit meiner Faust eingehen. Ich kann dir versprechen, dass das nicht angenehm ist."
„Sprichst du aus Erfahrung?"
„Willst du es herausfinden?"
Die beiden Männer starrten sich wütend an und Weasley nutzte die Pause, um zu schlucken und den Kopf zu schütteln. „Ehrlich, ihr seid schlimmer als meine Mom!"
„Das Angebot gilt auch für Sie, Weasley", knurrte Severus, ohne den Blick von Sirius abzuwenden. Die Verachtung, die er schon seit seiner Schulzeit für ihn empfand, ließ seine schwarzen Augen gefährlich blitzen. Zu seiner großen Frustration schien das Sirius jedoch nicht im Mindesten zu interessieren.
„Ich würde seine Drohung ernst nehmen, Ron. Er hat sich schon immer gerne Schwächere vorgeknöpft, nicht wahr, Snape?"
Es kostete ihn einiges an Selbstbeherrschung, doch Severus blieb sitzen und stürzte sich nicht auf den anderen, um ihm den Hals umzudrehen. Stattdessen erwiderte er ruhig: „Wenigstens war mein Verhalten meiner Hauszugehörigkeit entsprechend."
„Was willst du damit sagen?" Es war offensichtlich, dass Severus einen wunden Punkt getroffen hatte.
Er grinste zufrieden. „Ich will sagen, dass es sehr slytherin ist, jemanden in einen Hinterhalt zu locken und aus sicherer Entfernung zuzusehen. Und ich will sagen, dass es regelrecht feige ist, die Bitte eines Freundes an eine unfähige Ratte abzugeben, nur weil sich das Ganze als etwas haarig erweisen könnte."
Sirius knurrte aufgebracht und wollte sich nun seinerseits auf Severus stürzen, doch Ron hielt ihn davon ab. „Er kennt den Rückweg, verdammt!"
„Beleidige niemals meine Freundschaft zu James, Schniefelus!" Der Animagus lehnte sich soweit an Ron vorbei, wie es ihm möglich war, und deutete mit zitterndem Finger auf den Tränkemeister. Sein Gesicht war vor Wut rot angelaufen.
Severus hob eine Augenbraue und beobachtete das Gebahren unbeeindruckt. „Sonst was?"
„Sonst habe ich auch einige Blutsbrüderschaften zu bieten."
Daraufhin lachte Severus kurz und freudlos auf. „Ja, das kann ich mir vorstellen."
„Das reicht!", fuhr Ron erneut dazwischen. „Bei euch beiden komme ich mir richtig erwachsen vor! Das ist unheimlich. Also entweder geht ihr jetzt wie zivilisierte Menschen miteinander um, oder ihr tretet gegeneinander an."
Sirius und Severus tauschten einen Blick, ehe sie synchron antworteten: „Zaubererduell!"
„Stopp!", kiekste der Rotschopf. „Kein Zaubererduell!" Er sah zu Sirius hinüber. „Wir brauchen ihn für den Rückweg." Der Animagus knurrte unwillig, während Severus äußerst zufrieden über seinen Status wirkte. Doch Ron war noch nicht fertig. Dieses Mal wandte er sich an Severus: „Und Sie brauchen ihn, um hier überhaupt überleben zu können."
Severus schnaubte, was noch lauter geriet, als er Sirius' Grinsen betrachtete. „Genau Schniefelus! Du brauchst mich. Denn ich bin schon sieben Jahre hier und wenn ich dir vorhin nicht den Arsch gerettet hätte, hättest du hier keine zehn Minuten überlebt."
„Hör auf dich aufzuplustern wie ein Gockel, Black! Ich habe dich niemals um Hilfe gebeten. Im Gegenteil! Ich hab dir oft genug gesagt, du sollst dich aus meinem Leben heraushalten, aber aus irgendeinem Grund klebst du an mir wie Hundescheiße unter meinem Schuh!"
„Kann ich was dafür, wenn du nicht aufpasst, wo du hintrittst?"
Severus wollte gerade zu einer bissigen Erwiderung ansetzen, als Weasley stöhnend den Kopf in die Hände senkte und ein kaum hörbares „Merlin, erlöse mich!" murmelte. Im nächsten Moment sprang er auf die Füße und stellte sich soweit zwischen die beiden Älteren, wie das Feuer es erlaubte. „Wir machen es so: Sirius, du gehst raus und suchst etwas zu essen für morgen früh, bevor es dunkel wird." Dann wandte er sich Severus zu. „Und Ihnen zeige ich, wo Sie schlafen können." Die entschlossene Miene des Rotschopfes bekam zarte Risse, als er Severus' Gesichtsausdruck bemerkte, und so fügte er rasch ein „Sir!" hinzu. Danach allerdings hielt er dem eisigen Blick seines früheren Lehrers stoisch stand, bis dieser ruckartig nickte. „Die Schlafplätze sind hier hinten." Er deutete auf den im Dunkeln liegenden Teil der Höhle.
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Severus wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als Black von seiner Futtersuche zurückkehrte. Er hatte keine Uhr dabei und bezweifelte auch, dass sie funktioniert hätte. Es lag eine ganz eigenartige Magie in der Luft. Eine Art Schwingung, die ihm Kopfschmerzen bereitete und ihn noch ungeselliger und garstiger machte, als er sowieso schon war.
Er saß auf seinem Bett, wenn man es denn so nennen konnte, und beobachtete aus den Schatten heraus, wie Sirius sich wieder in einen Menschen verwandelte und eine Art Beutel ausleerte, den er zuvor im Maul getragen hatte. Mehrere große Früchte kullerten auf den Boden. Weasley sammelte sie auf und brachte sie in eine Ecke, die offenbar auch morgens von der Sonne verschont blieb. Severus hoffte sehr, dass dies auch für die Lager hier hinten zutraf. Er hasste nichts mehr, als morgens von der Sonne geweckt zu werden. Nun ja, abgesehen von der Promenadenmischung vielleicht.
Die beiden Männer unterhielten sich leise, so dass Severus nicht hören konnte, worum es ging. Doch Sirius warf ab und an einen Blick in die Richtung, in der Severus sich befand. Und auch wenn er ihn vermutlich nicht sehen konnte, erwiderte Severus die Blicke feindselig und verschlagen.
Schließlich gingen der Rotschopf und Sirius dazu über, ihn nicht weiter zu beachten und für den Anfang war Severus sehr zufrieden damit. Er durchsuchte die Taschen seiner Hose nach dem Umhang und brachte ihn auf seine normale Größe zurück, nachdem er ihn gefunden hatte. Eine nach der anderen stellte er die geschrumpften Phiolen mit Tränken für den Notfall in eine kleine Nische in der Steinwand. Dort würden sie hoffentlich kühl genug stehen, um nicht vor ihrer Zeit zu verderben. Nur eine Flasche reinen Alkohol steckte er sich in ihrer normalen Größe in die Tasche.
Als er eine Flasche mit einem leichten Schmerzmittel in der Hand hielt, entließ Severus den angehaltenen Atem aus seinen Lungen und schloss die Augen. Er fühlte sich, als hätte er einen üblen Jetlag. Es gab etwas, das diese Welt von der normalen unterschied, das weit über das Offensichtliche hinaus reichte.
Nach einigen Sekunden löste er sich von diesen Überlegungen und ließ die Pflanzen, die er gesehen hatte, bevor das unsichtbare Etwas ihn angegriffen hatte, noch einmal Revue passieren. Jahrelange Übung ermöglichte es ihm, die meisten für einen Trank gebräuchlichen Zutaten auf den ersten Blick zu erkennen und so kostete es ihn nicht mehr als einige Momente, ehe er ziemlich sicher war, dass er hier alles finden würde, was er für diesen Schmerztrank brauchte. Deswegen hob er den Schrumpfzauber auch hier auf, entkorkte die Phiole und leerte sie in einem Zug.
Die Wirkung setzte keine Minute später ein und der dröhnende Schmerz in seinem Kopf ließ nach. An der Müdigkeit, die er sich kaum einzugestehen wagte, änderte der Trank zwar nichts, aber er hatte genug Erfahrungen mit Müdigkeit sammeln können, um sich ihr nicht hilflos ausgeliefert zu fühlen. Bei Schmerzen war ihm dies nie zu seiner Zufriedenheit gelungen.
Nachdem er noch einige Momente lang abgewogen hatte, ob es nicht möglicherweise doch die schlauere Wahl wäre, einfach hier sitzen zu bleiben und abzuwarten, stand er von seinem reichlich unbequemen Lager, das nicht mehr als ein paar große, getrocknete Blätter auf einem steinigen Boden war, auf und ging zu den anderen beiden hinüber.
„Sieh an, der gnädige Herr hat genug geschmollt", verkündete Sirius prompt und grinste schadenfroh.
Von Weasley kassierte er dafür einen gereizten Blick, was Severus jedoch nicht davon abhielt, eine Augenbraue zu heben, als der Rotschopf zur Seite rückte und ihm Platz am Feuer machte – so dass Weasley zwischen den beiden Männern saß. „Nun sagen Sie nicht, Sie wollen Freundschaft mit mir schließen", spöttelte Severus, setzte sich aber brav. Unter Umständen war es schlauer, sich zumindest mit dem eigentlichen Grund seiner Anwesenheit gut zu stellen.
Weasley gab derweil einen leidenden Laut von sich. „Reicht fürs Erste nicht auch ein Waffenstillstand?"
„Fürs Erste muss es reichen, dass ich Sie nicht ignoriere", erwiderte Severus mit düsterer Miene. Danach zog er es vor, ins Feuer zu starren.
Zumindest bis Sirius sich daran erinnerte, dass er einen Mund hatte: „Du hast nicht zufällig etwas Alkohol dabei, Schniefelus?"
Severus hob seine Hand hinter Rons Rücken und verpasste Sirius eine Kopfnuss. „Rein zufällig schon", sagte er danach allerdings und fischte die Flasche reinen Alkohols aus seiner Umhangtasche. Er hielt ihn so in die Luft, dass Sirius beinahe herankam – aber eben nur beinahe. „Was kriege ich dafür?"
„Was dir lieber ist: Einen feuchten Schmatzer auf die Stirn oder eine lebendige Wärmflasche für heute Nacht", säuselte Sirius.
Der Tränkemeister rümpfte die Nase. „Danke, ich verzichte." Und überließ dem anderen den Alkohol. Alles, solange es ihn ruhig stellte.
Daraufhin sprang Sirius auf die Füße und holte sich einige der Früchte, die er vorhin hergebracht hatte. Severus beobachtete stumm, wie er den Saft in ein hölzernes Gefäß presste und schließlich mit einem kräftigen Schluck des Alkohols vermischte. Nachdem er das erste Mal davon getrunken hatte, stöhnte er übertrieben genussvoll auf und wischte sich mit dem Handrücken über die feuchte Oberlippe. „Süßer Alkohol…" Er bot Weasley das Gefäß an, der begeistert nickte und einen großen Schluck nahm.
Danach schüttelte er sich. „Ein Königreich für ein Butterbier." Und bot Severus das Gefäß an.
„Danke, ich verzichte auch hier."
„Umso besser, bleibt mehr für uns", verkündete Sirius und nahm Weasley den gepanschten Alkohol aus der Hand.
Severus schüttelte unmerklich den Kopf und versuchte ein dreckiges Grinsen zu verbergen. Das würde eine interessante Nacht werden.
