Kapitel 2 - Wasser und Feuer

- Mittwoch, 2. September 1998 -

Die ersten Schultage verliefen alles andere als entspannt für die frisch gebackene Schulleiterin. Allein in den ersten drei Tagen konnte Madam Pomfrey drei gebrochene Rippen, einen zusätzlichen großen Zeh und eine Ganzkörperbefiederung verzeichnen. Ein Drittklässler der Hufflepuffs hatte es in Willoughbys Unterricht fertiggebracht, seine Seidenraupe in einen imposanten Schnurrbart zu verwandeln, der jetzt auf seiner Oberlippe festsaß und sich bei jedem Atemzug ringelte; ganz zu schweigen von einem Erstklässler namens Adelphius Wharton, der immer noch auf wundersame Weise mit seinem Kopf in einem Zinnkessel feststeckte.

Seufzend nahm Minerva ihre Lesebrille von der Nase und massierte mit den Fingerknöcheln ihre Schläfen. Der Versuch, eine Bestandsaufnahme aller magischen Artefakte in Dumbledores Hinterlassenschaften zu machen, hatte sie bereits den halben Vormittag gekostet.

„Verflucht sei dein mangelnder Sinn für Ordnung, Albus", murmelte sie ungehalten und warf einen Blick zu dem Portraitgemälde ihres langjährigen Freundes hinüber, der sich, wie so oft, eines ausgiebigen Nickerchens zu erfreuen schien. Sie musste zugeben, die zweidimensionale Version von Albus ersetzte das Original überraschend zufriedenstellend und die nächtlichen Gespräche trösteten sie ungemein über ihre Einsamkeit hinweg.

Gerade wollte sich die Hexe den Inhalt einer kleinen Messingschatulle näher ansehen, als ein mattes bläuliches Licht über ihren Schreibtisch kroch. Funkelnde Smaragde versuchten erstaunt, den Ursprung des Leuchtens auszumachen und stießen auf ein kleines Objekt neben der Wendeltreppe zu den Schulleiterquartieren. Neugierig erhob sich die Schottin von ihrem Lehnstuhl und trat näher. Es handelte sich um eine kopfgroße, durchscheinende Sphäre, die auf einer kristallenen Halterung lag. Mit vor Argwohn zusammengezogenen Brauen zückte Minerva ihren Zauberstab und stupste gegen die Kugel. Sanfte Wellen breiteten sich konzentrisch über ihre Oberfläche aus und ebbten ab, als bestünde sie aus Wasser. Der blaue Schimmer schien von ihrem Zentrum auszugehen, wo sich stetig winzige Luftbläschen bildeten, die aufstiegen und an der Oberfläche zersprangen. Plötzlich fiel aus dem blubbernden Kern ein kleiner runder Kieselstein nach unten und landete sanft auf dem Boden der Sphäre.

Was bei Merlins Bart...?

Misstrauisch beäugte Minerva den Kiesel, unschlüssig, was sie nun tun sollte. Nach einigen Augenblicken kam sie zu dem Ergebnis, dass Albus ihr keine gefährlichen Artefakte hinterlassen würde, ohne diese entsprechend zu sichern. Langsam streckte sie die Hand aus und berührte die Kugel.

Es klopfte leise an der Tür.

„Herein."

Es fühlte sich tatsächlich an, wie kühles Wasser, als ihre Finger die Oberfläche durchstießen. Ein Blick über die Schulter verriet ihr, dass Willoughby soeben das Büro betreten hatte, einen Stapel Pergament fest in seinem behandschuhten Griff.

„Guten Morgen, Minerva. Filius schickt mich mit den Listen der Instandsetzungskosten des Westflügels."

„Besten Dank, Gregorius. Legen Sie sie einfach auf meinen Schreibtisch."

Entschlossen wandte sie sich wieder ihrem Vorhaben zu und hob den kleinen Stein mit Daumen und Zeigefinger an. Er fühlte sich glatt und fest an und begann unter der Berührung zu vibrieren, was als leises Summen an Minervas Ohren drang. Kurzerhand zog sie daran und holte ihn aus der Sphäre.

Ein ohrenbetäubendes Kreischen zerriss die Stille und sowohl die Schulleiterin, als auch der Professor für Verwandlung krümmten sich, die Hände über ihre Ohren geschlagen. Der Kiesel fiel mit einem dumpfen Geräusch zu Boden, wo er zitternd und plärrend liegenblieb. Mit tränenden Augen und schmerzenden Trommelfellen packte Minerva das Unding und stopfte es zurück in den Wasserball. Erleichterung durchflutete sie, als der schrille Lärm abrupt verstummte.

„Zum Teufel nochmal, was war denn das?"

Willoughbys schmerzlich verzerrtes Gesicht tauchte neben Minerva auf, die sich reflexartig einige Schritte von diesem unsäglichen Gebilde zurückgezogen hatte und es vernichtenden Blicken taxierte.

„Sollte dies eine Ausgeburt von Albus' zweifelhaftem Sinn für Humor sein, so kann er sich äußerst glücklich schätzen, dass er bereits tot ist", entgegnete sie mit mahlenden Kiefern, ein nachdrückliches Pfeifen echote noch immer in ihren Gehörgängen. Willoughby jedoch trat interessiert vor und besah sich das Corpus Delicti* genauer.

„Ah", machte er und seine grauen Augen leuchteten verstehend auf, „ich glaube, ich weiß, was das ist."

„Nun, ich hänge gebannt an ihren Lippen, Gregorius", gab Minerva trocken zurück und ließ mit hochgezogenen Augenbrauen ihren Zauberstab ungeduldig durch die Finger wirbeln.
Willoughby räusperte sich und ließ die wässrige Sphäre aus dem Regal gleiten, sodass sie nun in der Luft zwischen ihnen hing.

„Das ist ein Nerodikt**", erklärte der hochgewachsene Zauberer und strich sich über den kastanienbraunen Ziegenbart. „Das von der Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe betriebene Wassermenschen-Verbindungsbüro setzt diese Vorrichtung ein, um mit den Wassermenschen zu kommunizieren. Sie werden meist auf einen registrierten Stamm oder ein bestimmtes Habitat sensibilisiert, sodass man gezielt Nachrichten übermitteln kann. Dieses hier", er deutete auf die Kugel zwischen ihnen, „scheint eine Nachricht zu enthalten. Gibt es in der Nähe Wassermenschen?"

„Im Schwarzen See", bestätigte Minerva, den stechend grünen Blick auf das Nerodikt gerichtet. „Bedauerlicherweise habe ich vergleichsweise wenig Kenntnis von Albus' Beziehung zu dem ansässigen Stamm. Zu den wenigen Gelegenheiten, bei denen er mit der Seehäuptlingin gesprochen hat, war ich nie persönlich anwesend. Ihr Name ist Murcus, wenn ich mich recht entsinne."

Ein kurzes Schweigen trat ein, während dessen Willoughby nachdenklich den Kopf neigte, die Hände vor seiner mitternachtsblauen Weste gefaltet und offenbar in Gedanken.

„Wenn diese Nachricht tatsächlich aus dem Schwarzen See stammt, dann sollten Sie sich ihrer annehmen, Minerva", sagte er schließlich mit einem Lächeln und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Sphäre.

„Es ist ganz leicht: Sie müssen nur den Stein berühren und Ihr Ohr an die Kugel legen. Holen Sie ihn bloß nicht heraus, es sei denn, Sie wollen in den Genuss eines Gehörsturzes kommen."

Minerva verzog unwillkürlich das Gesicht bei der Erinnerung an die Kostprobe vor einigen Minuten.

„Die Sprache der Wassermenschen wird oberhalb des Wasserspiegels zur reinsten Folter. Sobald Ihr Ohr jedoch in Kontakt mit dem Wasser kommt, werden Sie die Nachricht verständlich und schmerzfrei hören können."

„Herzlichen Dank für die Lehrstunde, Gregorius", entgegnete Minerva mit leicht gekräuselten Lippen und ließ das Nerodikt mit einer ausladenden Bewegung ihres Zauberstabs zu ihrem Schreibtisch schweben. „Ich werde mich sofort darum kümmern."

„Es war mir ein Vergnügen, Minerva. Ich sehe Sie zum Mittagessen."

Und mit einer höflichen Verbeugung verließ Willoughby das Büro.

Mit zunehmendem Unmut befolgte die Hexe die Anweisungen ihres Gehilfen, nahm den Kieselstein wieder auf und legte ein Ohr an die Kugel. Sofort quollen Wörter in einer fremdartigen melodischen Sprache aus dem Stein hervor, seltsam verzerrt in dem Wasserkörper.

Prächtig, dachte sie missmutig und zog den Kopf zurück.

Da sie selbst kein Meerisch sprach, blieb ihr scheinbar nichts anderes übrig, als einen Übersetzer um Hilfe zu bitten. Dann fiel ihr ein, dass Wilhelmina Raue-Pritsche im Rahmen ihrer Lehrveranstaltung Pflege magischer Geschöpfe als Additum am Jahresende gelegentlich eine Exkursion auf den Grund des Sees für ihre Schüler anbot, die auf einem entsprechenden Sprachkurs basierte. Unglücklicherweise hatte Minerva jeglichen Kontakt zu ihr verloren, als sie Ende letzten Jahres endgültig in den Ruhestand getreten und von Hagrid abgelöst worden war.

Sie beschloss, einen Aushang für das schwarze Brett aufzusetzen, in dem sie um Informationen zu dieser Veranstaltung bat und schickte zudem eine Eule an das Wassermenschen-Verbindungsbüro, um mehr Informationen über das Nerodikt zu erbitten. Hauptsache, sie musste nicht den Schulbeirat um Hilfe bitten. Cricets wohlwollendes Hamstergesicht hing bereits vor ihrem geistigen Auge und sie schüttelte energisch den Kopf. Sie würde erst alle verfügbaren Ressourcen ausschöpfen, ehe sie vor dem Schulbeirat in Erscheinung treten würde.

- xoxox -

- Freitag, 4. September 1998 -

Als Hermine an diesem Freitagmorgen in den Gemeinschaftsraum hinunterstieg, bemerkte sie sogleich die kleine Traube von Gryffindors, die das schwarze Brett belagerten. Harry und Ron, die ebenfalls dort standen, winkten sie gut gelaunt näher.

„Sieh' mal", murmelte Harry und deutete auf das kleine Stück Pergament, welches die feinsäuberliche Handschrift von Professor McGonagall trug, „sie suchen jemanden, der sich mit Meerisch auskennt. Hast du nicht so einen Zusatzkurs bei Raue-Pritsche belegt, Hermine?"

Die junge Frau nickte und besah sich neugierig die Notiz.

„Ich habe Meerisch als Zusatzqualifikation für meinen ZAG in Pflege magischer Geschöpfe belegt", bestätigte sie Harrys Frage. „Jedoch bräuchte ich vermutlich ein bisschen Auffrischung im Dialekt der Selkies."

„Der was?", kam es prompt von Ron, der sich dafür einen tadelnden Hermine-Blick einhandelte. Statt einer Antwort zog sie ihr Exemplar von „Fantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind" aus ihrer Tasche und warf es ihm zu.

„Ich muss jetzt zu Muggelkunde. Wie sehen uns in Rycrofts Unterricht!"

Und mit einem letzten belustigten Blick zurück auf Harry und den verdutzten Ron war sie verschwunden.

- xoxox -

„Guten Tag, Klasse."

Thomasina Rycroft empfing die Siebtklässler von Gryffindor und Slytherin mit einem entwaffnenden Lächeln, als deren erste Unterrichtsstunde dieses Fachs um die Mittagszeit begann.

„Ich freue mich, Sie dieses Jahr im Fach Verteidigung gegen die dunklen Künste unterrichten zu dürfen. Bitte schlagen Sie das Handbuch auf Seite 11 auf und lesen Sie das Kapitel über die Abwehr schwarzmagischer Mentaltechniken. Anschließend überlegen Sie sich, wie Sie einen nonverbalen Verwirrfluch unter Berücksichtigung der genannten Punkte abwehren würden."

Eifrig schlugen die Schüler ihre Ausgaben von Nathaniel Briscos „Psychosomatische Defensivpraktiken" auf und begannen, zu lesen.

Zu Hermines Verblüffung war Rycrofts Unterricht besser, als sie erwartet hatte; sie führte ihre Schüler auf experimentelle Art und Weise an den Verwirrfluch und den passenden Gegenfluch heran und verwendete großzügig viel Zeit darauf, die Bewegungsabläufe ausgiebig einstudieren zu lassen. Da der Gegenzauber dem für den Wabbelbeinfluch in den wesentlichen Punkten ähnelte, ließ Rycroft die Schüler zunächst in Paaren damit üben.
Ron übte mit Neville, während Hermine Harry zum Übungspartner hatte. Trotz Harrys solider theoretischer Grundlage durch die Bücher, die ihm Sirius und Remus einst zu Weihnachten geschenkt hatten, konnte er seiner Freundin nicht mal ansatzweise das Wasser reichen. Von allen Schülern war sie am Ende der Stunde die Einzige, die einen nonverbalen Entwirrzauber hinbekam, was ihr zwanzig Hauspunkte und ein anerkennendes Lächeln von Professor Rycroft einbrachte. Als der Großteil der Klasse aus dem Klassenzimmer strömte, nahm sie Hermine einen Moment beiseite.

„Ich bin beeindruckt, Miss Granger", lobte die Hexe, die ein wenig größer war, als Hermine, und lächelte wieder auf ihre eigene charmante Weise.

„Ich habe bereits von Ihren Fähigkeiten und Ihrem Genie gehört, doch es selbst zu erleben, ist über die Maßen erfrischend."

Hermine errötete, ihre Hände spielten am Gurt ihrer Tasche. Aus den Augenwinkeln sah sie Harry und Ron, die in Hörweite warteten, die Augen verdrehen und winkte hastig ab.

„Ich habe das Lehrbuch bereits in den Sommerferien gelesen. Es ist in einem interessanten Stil abgefasst, was es mir unmöglich gemacht hat, es aus der Hand zu legen."

Die stahlblauen Augen ihrer Lehrerin weiteten sich ungläubig.

„Sie sind eine bemerkenswerte junge Hexe, Miss Granger. Falls Sie Interesse an weiterführender Lektüre haben" – zwei Köpfe fuhren voll Interesse herum – „besuchen Sie mich doch heute Abend gegen Acht in meinem Büro."

Hermine konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, als sie sah, wie ihre beiden Jungs die Münder aufsperrten.

„Es wäre mir ein Vergnügen, Professor."

- xoxox -

Das silberne Mondlicht lag wie dahingegossen in dem breiten Korridor, nur unterbrochen durch die Schatten der Säulen zwischen den hohen Fenstern. Eine graue Tigerkatze strich um die Ecke und tappte lautlos über den erleuchteten Stein, ihre Umrisse grotesk in die Länge gezogen. Die Stille war beinahe vollkommen, Minerva hörte nur ihren eigenen Herzschlag, als sie ihren Rundgang fortsetzte. So mochte sie ihre Streifzüge am liebsten. Die Sperrstunde hatte vor kurzem begonnen und sie hoffte inständig, wenigstens für diese Nacht Ruhe vor Freigängern zu haben.

Als ihre kätzische Gestalt auf leisen Pfoten den fünften Stock des Ostflügels erreichte, konnte sie deutlich das Geräusch zweier Stimmen vernehmen, die aus dem Büro von Thomasina Rycroft drangen. Minerva wollte schon weiterziehen – schließlich zog sie es vor, private Angelegenheiten ihres Personals genau dort zu belassen, wo sie waren, nämlich hinter geschlossener Tür, vor allem im Fall dieser blonden Hexe –, als ihr plötzlich gewahr wurde, dass die zweite der Stimmen Hermine Granger gehörte. Ihre Neugier gewann die Oberhand und unwillkürlich spitzte sie die Ohren.

„... bin mir sicher, es wird Ihnen große Freude bereiten, Hermine."

„Ich kann Ihnen nicht genug danken, Professor!"

„Oh, bitte nennen Sie mich Sina, wir sind doch unter uns!"

Die Tigerkatze rümpfte die Nase und spürte, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten. Worum auch immer sich das Gespräch der beiden Frauen drehte, sie schienen sich prächtig zu verstehen.

Manche Dinge ändern sich wohl nie, dachte sie trocken.

Die charmante und beliebte Professorin war Minerva alles andere als fremd; in ihrer Jugend, als sie beide noch im Ministerium gearbeitet hatten, hatte sie sich zu einer, wenn auch kurzweiligen, Liaison mit der Blondine hinreißen lassen. Sina war attraktiv, talentiert und intelligent und hatte gewusst, was sie wollte. In ihrem jugendlichen Übermut hatte Minerva Anziehung mit echten Gefühlen verwechselt und recht bald festgestellt, dass sie einen Fehler begangen hatte.

Sie hatten die Liebschaft damals einvernehmlich beendet, doch sie hatte das Gefühl, dass Sina nie wirklich damit abgeschlossen hatte. Als diese sich um die freie Lehrstelle in Hogwarts beworben hatte, hatte Minerva in Ermangelung geeigneterer Kandidaten zugestimmt, in der Hoffnung, die alten Zeiten würden das bleiben, was sie waren: Vergangenheit.

Mit ihrer sorglos-bestechlichen Art war es Sina nicht schwergefallen, die Sympathie ihrer Kollegen und auch ihrer Schüler zu gewinnen; allem Anschein nach auch die der jungen Miss Granger.

Doch sobald es um ihre Schützlinge ging, verkörperte Minerva voll und ganz die unerbittliche Löwenmutter. Und dass es sich bei dieser Schülerin auch noch um Hermine handelte, ein Mädchen – nein, eine junge Frau – von sprühender Intelligenz und Hingabe, eine Frau, die sie selbst über die Maßen schätzte, gefiel Minerva ganz und gar nicht.

„Dann also... Sina... danke. Ich wäre gestorben, um dieses Manuskript lesen zu können!"

Schritte ertönten durch das Holz und Minerva zog sich rasch um die Ecke in den nächsten Gang zurück, als die Bürotür aufschwang und der Korridor in goldenes Licht getaucht wurde. Die Silhouetten der beiden erschienen scharf gestochen im Türrahmen. Als sich ihre empfindlichen Augen an das gleißende Licht gewöhnt hatten, erkannte Minerva Hermine als die kleinere von beiden, sie hielt ein Buch in den Armen und strahlte über das ganze Gesicht. Minerva konnte nicht umhin, zu bemerken, wie sehr sich die junge Hexe im letzten Jahr verändert hatte. Abgesehen von einigen Blicken aus der Ferne hatte sie sie seit einiger Zeit nicht mehr gesehen. Ihre Gesichtszüge waren noch definierter, noch ebenmäßiger geworden, ganz zu schweigen von den Konturen ihres Körpers, die in den dunklen Jeans und der taillierten Tweetjacke vorteilhaft zur Geltung kamen.

Konsterniert schüttelte sie ihr Köpfchen und lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Gespräch.

„Das wird nicht nötig sein, meine Liebe, und außerdem", Rycroft senkte verschwörerisch die Stimme und lehnte sich zu ihrer Schülerin hinüber, „würde ich es sehr begrüßen, wenn Sie mir noch eine Weile erhalten blieben."

Minerva konnte nicht anders, als ihre geschlitzten Pupillen zu verengen, ein seltsamer Stich fuhr durch ihren Brustkorb. Flirtete das Weibsbild etwa mit ihrer Schülerin?

„Selbstverständlich", antwortete Hermine verlegen, ihr Körper verspannte sich leicht, als sie Rycrofts Blick erwiderte.

„Ich sollte jetzt gehen, ich bin sowieso schon zu spät dran."

„Dann begleite ich Sie zu Ihrem Gemeinschaftsraum!", bot Rycroft großzügig an, ihr Gesicht lag im Halbschatten, als sie sich umwandte, um die Tür zu schließen.

Minerva knurrte leise.

Was soll das werden? Ein Spaziergang im Mondschein?

Allein die Vorstellung ließ sie mit ihren Krallen über den Boden scharren.

Nicht während meiner Nachtwache.

- xoxox -

A/N:
* Corpus Delicti (lat.): wörtlich der "Gegenstand des Verbrechens", nur, falls es jemand nicht weiß.
** Nerodikt: von griech. νερό: Wasser und lat. dicere: sagen. Eine Eigenkreation von mir. :)