Dies war die Schlacht von Tumhalad und dies war sein Ende. Orodreth wusste es. Wieder einmal hatte er als König versagt, wieder einmal hatte er sich nicht durchsetzen können. Gegen Mormegil, einem Menschen! Dieser war es, der sein Volk dazu überredete, von seiner Heimlichkeit abzusehen und diese unselige Brücke zu bauen, er, der Finduilas und vor allem Gwindor so viel Seelenkummer bereitet hatte! Sodann hatte Morgoth die geheime Lage von Orodreths Reich erkannt und ihm ein Heer geschickt, dem der König niemals standhalten konnte. Aber was hatte er auch anderes tun können, als seinen Leuten den Tod in der Schlacht zu gönnen, statt kurz belagert und dann überrannt zu werden?

Er war in vorderster Schlachtreihe in den Kampf gezogen, wie es sich für einen König schickte. Wenigstens das konnte er ja noch tun in seinem Amt … Doch es sollte sein Ende werden, er hatte es von Beginn an gewusst, schon lange vorher hatte er es geahnt. Nun lag sein zerschundener Körper verblutend im Staub der Schlacht. Seine Leute waren um ihn und versuchte ihn zu schützen, während ein Heiler sein Bestes gab, um seinen König zu retten. Doch Orodreth wusste, die Mühen waren umsonst. Warum sonst auch hatten sie ihn nicht gleich in Sicherheit gebracht, wenn seine Wunden nicht so schlimm wären, dass er bei der ersten Bewegung sterben würde? Nein, es war vorbei, und er war froh darüber.

Er saß zum Himmel. Seine Schmerzen waren verflogen, vollkommene Ruhe überkam ihn. Der Heiler sagte ihm, er solle nicht aufgeben, gegen den Tod anzukämpfen, doch er hatte es schon längst getan. Bald wäre sein Elend vorbei, und es wäre gut.

Sein Leben würde nur noch diese wenigen Momente dauern, in denen es galt, den Nachtmahren standzuhalten. Orodreth hatte den Alptraum seines Lebens hinter sich gebracht, was gab es da noch hinzuzufügen? Er war es ja nicht einmal wert, dass auch nur eine Träne um ihn geweint wurde! All diese Heuchler, die nun um ihn herumstanden, nun kamen sie angekrochen, wo sie merkten, was sie all die Jahre vergessen hatten: dass er immer noch ihr König war! Auch wenn er es nie so gewollt hatte …

Bald würden die langen Stunden der Einsamkeit für ihn ein Ende finden. Seine Seele, angefüllt mit Furcht vor dem Leiden des Lebens, würde Frieden finden können an den jenseitigen Gestaden des Meeres, so fern allen Übels. Gekleidet in reines Weiß, alle üblen Emotionen verlierend und Vergebung finden, würde er am Strand entlang wandern können, die sanften Wellen zu seinen baren Füßen. Nun würden ihn keine langen Stunden der Einsamkeit mehr von der trostspendenden See trennen. Seine Seele würde eins sein mit dem Meer.

Ah, nur ein Gedanke schmerzte ihn. Auch von fern über dem weiten Meer wurde der Name seines Bruders wie von Engeln geflüstert. Orodreth wollte seinem Bruder nicht begegnen, jenem Elb, dem er all das hier zu verdanken hatte. Finrods Perfektion schmerzte ihn, ihn, der niemals daran heranreichen könnte, egal was er tat. Er hatte in seinem Leben oftmals nur dieses eine gewünscht, ebenfalls etwas ansatzweise so Schönes erreichen zu können, wie es sein Bruder geschafft hatte. Er hatte es versucht, er hatte dafür gebetet. Ja, gebetet hatte er, viel mehr als all seine Verwandten, denn er hatte sich für sich allein nicht mit den Valar überworfen.

Doch nichts hatten seine Bemühungen ihm gebracht außer Kummer und Leiden. Nun war es zu spät. Nichts hatte er jemals ändern können, er hatte allein ohnmächtig seinem übermächtigen Schicksal folgen können, und nun hatte es ihn in sein Verderben geführt. Nichts würde er jetzt noch mit seinen letzten Atemzügen ändern können. Sein Leben war ein einziges Trauerspiel gewesen, nichts bedeutete es ihm noch. Es dauerte ihn lediglich um seine Frau und seine Tochter, dass er ihnen nicht hatte helfen können. Doch was soll's? Die Welt würde sich schon alsbald selbst mit ihrer Verderbtheit zugrunde richten, dann wäre eh alles aus! Nur noch Unschuld konnte die Welt retten, doch Unschuld kannte hier schon lange niemand mehr. Es war aus für sie alle.

Für Orodreth kam das Ende bereits in diesem Augenblick. Selig schloss er die Augen und tat seinen letzten Atemzug. Erleichterung kam über ihn, als seine Seele über das Meer entschwand und in dieser Welt nie wieder gesehen werden sollte.