Morgenstund' hat Gold im Mund. Sagte zumindest der Volksmund, definitiv aber nicht Elrond und an diesem Morgen schon gar nicht. Ihm war schlecht. Und wenn es doch nur das wäre … Zusätzlich war ihm erbärmlich schwindelig, obgleich er noch im Bett lag und die Augen geschlossen hatte (und nicht vorhatte, irgendetwas daran zu ändern), und seine persönliche Mietzekatze peinigte ihn aufs Heftigste. Er stöhnte und kniff die Augen noch fester zu. Bloß nicht bewegen!

Aber woher kam das alles bloß?! Er beschloss, dass es seinem Schädel besser tat, wenn er sein Gedächtnis nicht bemühte.

Er glitt in einen leichten Dämmerschlaf, was durchaus einer Erlösung gleich kam. Nur leider hielt der Heilszustand nicht lange an. Mit einem Male und der Wucht, die ein Felsbrocken haben mochte, wenn er in der Magengrube landete, wurde er mit Übelkeit gefoltert. Er sprang auf.

Und landete gleich darauf auf dem Boden.

Erstaunlicherweise landete er auf etwas Weichen, dieses Etwas aber stöhnte herzhaft auf. Elrond registrierte gerade noch, dass er soeben seinem Bruder, der warum auch immer vor seinem Bett schlief (oder besser: geschlafen hatte), seinen Ellenbogen in den Magen gerammt hatte. Immerhin schaffte es Elrond noch rechtzeitig, überhaupt zu bemerken, auf wem er gelandet war, um sich wegzudrehen, damit Elros wenigstens der Inhalt seines Magens erspart blieb.

„Elrond!", fluchte Elros berechtigter Weise.

Besagter konnte nur noch kläglich wimmern.

Elros stöhnte erneut, als Elrond sein Gewicht verlagerte. „Geh runter von mir!"

Elrond konnte immer noch nur stöhnen. Sein Magen war mittlerweile leer und sein Inhalt auf dem Teppich verteilt, womit dieser erfolgreich ruiniert war.

Elros war freilich noch zu wütend, um Mitleid mit seinem Bruder zu haben. Wenn er, der immerhin noch Erinnerungen an den Vorabend hatte, an besagten dachte … Er schob kräftig und wuchtete Elrond von sich, der sich jammernd auf dem Boden zusammenkauerte und zu keiner vernünftigen Handlung fähig war. Dann setzte Elros sich auf und besah sich seinen Bruder. Er seufzte resigniert.

„Das ist nicht dein Ernst!", grummelte er. Nur leider konnte er Elrond nicht böse sein, wo dieser doch so erbärmlich aussah, selbst wenn er es versuchte. „Na komm …" Mit einiger Mühe richtete er Elrond wieder auf und setzte ihn auf die Bettkante. Elrond sackte vorn über und blieb zusammengesunken sitzen. Dann machte sich Elros erneut daran, den Teppich vom Gröbsten zu befreien. Es war ja nicht das erste Mal in den vergangen Stunden.

Während Elros erneut am unfreiwilligen Schaffen war, bemerkte er, wie Elrond allmählich zur Seite sackte. Schließlich fiel er gänzlich um und landete glücklicher Weise auf seiner Matratze und nicht daneben. Er stöhnte wieder einmal.

„Geschieht dir recht", kommentierte Elros, während er einen neuerlichen Lappen auswrang. Widerlich! Er musterte seinen Bruder. Konnte er ihn einen Moment allein lassen? Nun, wie Elrond aussah, würde er ihm nicht weglaufen können, von dem her … Er erhob sich. Gil-galad sollte Bescheid wissen, wenn sein Untergebener dienstunfähig war. Außerdem musste er darum bitten, für diesen Tag freigestellt zu werden, damit er sich um Elrond kümmern konnte.

„Nicht abhauen", sagte er, wenn auch mehr obligatorisch, zog sich etwas Salonfähiges aus Elronds Kleiderschrank an und trat zur Tür hinaus.

Wie immer war Gil-galad schon am Arbeiten. Das war er immer, egal, wie früh Elros aufstand. Elros klopfte und wartete auf das „Herein!" des Königs. Dann trat er mit einer angedeuteten Verbeugung ein. Er räusperte sich.

„Guten Morgen", wünschte Gil-galad ihm fröhlich. „Wie ist es so, ein Jahr älter zu sein?" Er hielt inne. „Warum hast du ein blaues Auge?!"

„Oh! Frag nicht!", brummte Elros. „Das ist der Grund, warum ich hier bin … Du willst nicht wissen, wie Elrond aussieht."

„Oh …", brachte Gil-galad im ersten Moment nur hervor. „Ist es so schlimm?" Er hatte ja gewusst, dass Elrond während seiner und Elros' überraschender Geburtstagsfeier zu tief ins Glas geschaut hatte, aber dass es ihn gleich so sehr getroffen hatte, hatte er nicht geahnt. „Wie geht es ihm?"

„Nachdem er nun endgültig nichts mehr in sich hat, was irgendwie vorher einmal Essen oder Trinken gewesen war …" Elros hielt inne und ließ das erst einmal wirken. „Das Veilchen stammt allerdings noch vom Vorabend, wo er nicht mehr ganz begriffen hatte, wozu ein Nachthemd dient. Mittlerweile ähnelt er mehr einer Wasserpfütze, wie er auf seinem Bett hängt (liegen kann man es nicht mehr nennen)."

„Ach du meine Güte!", rief Gil-galad aus. „Ich hätte sein Trinken schon viel früher unterbinden sollen! Dass so etwas möglich ist … Soll ich euch einen Heiler schicken? Nein, am besten gleich mehrere."

„Ich denke, das wird nicht zwingend nötig sein", warf Elros ein. „Da kann ein Heiler nicht viel machen …"

„Aber ein Elb hat nie solch heftige Nachwirkungen", gab Gil-galad zu bedenken.

„Eben, ein Elb …" Elros atmete durch. „Ich wollte vielmehr darum bitten, Elrond für diesen Tag zu entschuldigen. Und wenn das ebenfalls für mich gelten kann, wäre ich dir sehr dankbar …" Kleinlaut fügte er an: „Elrond kann heute absolut nicht arbeiten und ich wüsste ihn lieber in meiner Nähe."

Gil-galad brauchte nicht lange zu überlegen. „Ja, vollkommen verständlich", sagte er. „Natürlich wird deiner Bitte stattgegeben."

Nun verbeugte sich Elros doch. „Vielen Dank, mein König!"

„Ich werde heute Nachmittag auf alle Fälle einmal bei euch vorbei sehen", versprach Gil-galad.

Elros schielte auf den gigantischen Aktenberg, durch den Gil-galad eine Schießscharte geschaufelt hatte, um mit ihm reden zu können, und fragte sich, ob das so eine gute Idee sei …

„Aber … hm …", sinnierte der König. „Mir fiel auf, dass eine der Dienerinnen Elrond recht oft eingeschenkt hatte."

„Oh!", erinnerte sich Elros. „Sie schien mir eindeutig zu angetan von meinem Bruder zu sein. Sie handelte mit Absicht so."

„Kannst du sie mir beschreiben?"

„Rehbraune Augen, lange Wimpern. Sie trug ein grünes Kleid, ihre dunklen Haare hatte sie sich hochgesteckt", beschrieb Elros.

„Ich werde ein paar Worte mit ihr reden", versicherte Gil-galad. Es würden sicherlich nicht nur „ein paar Worte" werden. „Jetzt geh aber lieber wieder schnell zu deinem Bruder!"

Elros verabschiedete sich und ging zurück. An Elronds Situation hatte sich nicht viel verändert, er hing immer noch wie ein Schluck Wasser in der Kurve auf seinem Bett. Elros zog die Vorhänge zu, welches er in der Nacht vergessen hatte, breitete die Decke über seinen Bruder aus und setzte sich zu ihm auf die Bettkante. Eine seiner Katzen (er hatte wie immer ein paar bei sich wohnen) kam durch die Katzenklappe in das Zimmer geschlichen, hielt zielstrebig auf Elros zu und sprang auf seinen Schoß. Sie schnurrte hingebungsvoll, als Elros sie zu kraulen begann.

Erst einige Stunden später wachte Elrond wieder auf, nun auch in einer Verfassung, in der er nicht ständig seinen Mageninhalt der Welt präsentierte. Nun, da das Zimmer auch nur noch in ein dämmriges Licht getaucht war, waren seine Kopfschmerzen … nun, nicht direkt erträglich, aber doch schon etwas näher an diesem Zustand als zuvor. Er grummelte in sein Kissen und wälzte sich auf den Rücken. Dann bemerkte er Elros. Er hielt inne.

„Wer hat dich so zugerichtet?", fragte er.

Zugegebener Maßen musste Elros nun doch schmunzeln. Mittlerweile war sein Ärger auf seinen Bruder größtenteils verflogen. „Als ob du so irgendjemanden zur Rechenschaft ziehen könntest", neckte er. „Dich selbst eingeschlossen."

Elrond war verwirrt, sein Hirn blieb ihm eine Antwort schuldig. „Sag mal, warum geht es mir so schlecht wie seit Jahrzehnten nicht mehr?", fragte er stattdessen.

Die Katze, die noch immer da war, stieg würdevoll von Elros' Schoß und stiefelte zu Elrond, um sich von ihm kraulen zu lassen.

„Wein …", war Elros' schlichte Antwort.

Elrond runzelte die Stirn. „Aber doch niemals so viel!"

Elros zögerte. „Nun ja, gestern Abend sehr wohl. Du erinnerst dich?"

Elrond bemühte angestrengt die Tiefen seines schmerzenden Kopfes. „Da war irgendetwas …"

„Gil-galads überraschende Geburtstagsfeier für uns", tastete Elros sich vorsichtig voran.

„Jaaa …", machte Elrond langsam, als sein Gedächtnis seine Anwesenheit meldete. „Kannst du mir Wasser geben?"

Sogleich sprang Elros auf, nahm einen frischen Krug Wasser und schenkte ein. Er reichte den Becher seinem Bruder, nachdem er ihm vorsichtshalber in eine sitzende Position geholfen hatte. Elrond trank in großen langen Zügen und bat gleich darauf um einen zweiten Becher.

„Und du erinnerst dich daran, dass du stets einen gut gefüllten Weinkelch hattest?", setzte Elros fort.

„Das muss wohl so gewesen sein …"

„Und die Dienerin, die dir stets nachschenkte und dich dabei so liebreizend ansah?"

Elrond war schon wieder überfragt. „Welche Dienerin?"

„Die, die du offensichtlich ebenfalls hübsch fandest", erklärte Elros mit hochgezogener Augenbraue. „Dass sie dir schöne Augen machte, war nicht zu übersehen …"

Elrond stöhnte erneut, drückte das Gesicht in das Kissen und zog die Decke über die Ohren, wobei er die Katze verscheuchte, die beleidigt von dannen zog. Der arme Halbelb wollte die Details lieber gar nicht erst wissen.

Ein dezentes Klopfen an der Tür war zu vernehmen. Elros stand auf und öffnete. Gil-galad stand davor und wurde gleich darauf von Elros eingelassen. Die Katze huschte nach draußen. Mit besorgter Miene eilte der Hohe König zu Elrond, der zaghaft mit einem Auge unter der Decke hervorlugte.

„Wie geht es dir?", fragte er sorgenvoll.

„Ich denke doch, gut genug", sagte Elrond langsam, auch wenn seine Stimme nicht ganz so klang, wie er wollte.

„Gut genug für was?", fragte Gil-galad lieber nach. Bei Elrond wusste man ja nie, was ihm gerade durch den Schädel ging.

„Um meiner Arbeit nachzugehen?", erwiderte Elrond unsicher. Um seine Aussage zu untermalen, strampelt er die Decke ein wenig zurück.

Gil-galad hob als Antwort nur eine Augenbraue. Er wirkte nicht überzeugt. „Nein, mein Lieber", sagte er. „Du bleibst noch schön eine Woche im Bett. Und keine Widerrede!" Denn er wusste noch genau, wie die beiden Halbelben ausgesehen hatten, als er sie am Ende des Ersten Zeitalters gefunden hatte, in Elros' Fall sogar wortwörtlich todkrank. Und mit diesen Worten zog er von dannen.

Im ersten Moment hielten die Brüder dies für einen Scherz, doch als ihnen klar wurde, dass dem eben nicht so war, war es für Protest schon zu spät.