Als der Wecker am nächsten Morgen klingelte fuhr ich erschrocken hoch. Mike war bereits auf dem Weg zur Arbeit und hatte mich nicht geweckt. Was hatte ich mir nur dabei gedacht Jazz zuzusagen. Ich träumte ja bereits von ihm. Sich mit ihm zu treffen war wie ein Gang auf dünnen Eis. Ich würde hoffnungslos im eiskalten Wasser ertrinken. Was, wenn er irgendwas versucht? Würde ich mich wehren können? Ich hoffte es nur. Versuchte mir Mike in Erinnerung zu rufen, doch es klappte nicht.
Noch eineinhalb Stunden! Nervös schaute ich aus dem Fenster. Wieder strahlender Sonnenschein. Ich lief ins Bad und ein Blick in dem Spiegel verriet mir, dass ich dringend die Haare waschen musste. Das ganze Harrspray vom gestrigen Abend hatte die Locken platt gedrückt. Wie ich dieses Zeug hasste. Ich hüpfte als unter die Dusche und wusch meine Haare. Anschließend ließ ich sie Lufttrocknen. Fön und Kamm waren eh hoffnungslos. Sie sahen so einfach am besten aus. Wenn ich sie nicht gerade zu bändigen versuchte, waren sie relativ einfach zu stylen. Ich lief zum Schrank und wühlte in den Klamotten. Wo war das verflixte ozeanblaue Sommerkleid. Angela hatte es mir zum Geburtstag geschenkt, meinte es hätte die gleiche Farbe wie meine Augen. Er hatte meine Augen bewundert, es war also bestimmt nicht verkehrt sie zu unterstreichen. Oder sollte ich doch lieber Hosen anziehen? War das Kleid vielleicht zu gewagt? Ich fand es endlich in der hintersten Ecke und zog es an, betrachtete mich im Spiegel. Es war perfekt, umfloss meinen Körper und ließ mich anmutig wirken. Jetzt Schuhe, bloß keine Pumps, ich hatte keine Lust den ganzen Tag darin herumzulaufen. Mir fielen hellgrüne Filp-Flops ins Auge. Perfekt. Ich hoffte Jazz hatte nicht solche Probleme mit meinen bevorzugten Kleidungsstil, wie Mike.
Ich konnte mir aber auch nicht vorstellen, dass er ein Kostüm und Pumps als perfekt für eine Stadtführung ansehen würde. Als ich erneut ins Bad lief war es bereits halb zehn. Wo war die Zeit geblieben. Meine Haare waren bereits trocken, hatte ich solange vor dem Schrank gestanden? Eilig trug ich etwas Wimperntusche auf und war zufrieden mit meinem Aussehen. Besser ging beim besten Wille nicht, dafür hatte ich keine Zeit mehr. Als ich in der U-Bahn Station stand war es bereits zehn vor zehn. Ich würde es nie rechtzeitig schaffen. Ich musste immerhin zweimal Umsteigen und dann noch diesen M&M Laden finden, also mich durchfragen. Sollte ich eine SMS schicken, dass ich noch etwas brauchte. Doch ich hatte nicht mit der U-Bahn Dichte New Yorks gerechnet. Die Anschlussbahn kam sozusagen sobald ich am Gleis stand und ich war tatsächlich um zehn am Times Square. OK wo war jetzt dieser blöde Laden? Warum hatte ich mir nicht gestern auch die Umgebung angesehen, anstatt nur Leute zu beobachten?
Ich fragte nach und man sagte mir die Richtung und dass ich in zwei Minuten da sein würde.
Ich wurde immer nervöser und es steigerte sich nur weiter, als ich das Schild des Ladens erblickte. Es war wirklich nicht zu übersehen.
Ich sah ihn bevor er mich sah. Er war ganz anders als Mike gekleidet. Ich hatte ihn ja bis jetzt nur in seinen Kittel gesehen und das war schon ein Anblick für sich gewesen. Jetzt aber in gut sitzender, verwaschener Jeans und einen weißen T-Shirt, das zu seinen gebräunten, muskulösen Oberarmen den perfekten Kontrast bildete. Ich wollte es ihm vom Leib reißen und sehen, was sich darunter befand. Verdammt Bella reiß dich zusammen. Als er mich sah musste ich kurz inne halten, da mich sein Lächeln beinahe buchstäblich von den Socken haute. Meine Füße drängten mich regelrecht dazu mich weiter zu bewegen und ich stand kurz darauf vor ihm. Ich bemerkte das Gedränge um mich herum gar nicht mehr, konnte nur noch starren, als ich plötzlich von der Seite angerempelt wurde und wahrscheinlich ziemlich unsanft gelandet wäre, wenn mich nicht starke Arme gepackt hätten.
„Vorsicht! Ich bin heute außer Dienst!" er lachte leise, ließ mich aber nicht los. Meine Haut brannte an den Stellen, wo er mich berührte. Erneut stieg mir sein Duft in die Nase und benebelte mir die Sinne. Wie sollte ich diesen Tag nur überstehen.
„Dir dann auch einen guten Morgen!" sagte ich, als ich erneut versuchte meine Gedanken zu ordnen.
„Guten Morgen!" er hauchte es mir nahezu ins Ohr, doch er ließ mich kurz darauf los, sah so aus, als müsste er sich selber losreißen. „Ich mag dein Kleid!" Er begutachtete meine Schuhe. „Ah zum Glück! Ich hatte mir schon zwei Pläne für heute überlegt, je nachdem was du für Schuhe trägst!"
Ich konnte nichts anderes als grinsen. „Du hast gesagt du spielst den Fremdenführer. Wie kommst du darauf, dass ich mit hohen Hacken komme!"
„Naja du kennst die New Yorker Frauen nicht!" antwortete er gelassen. Dafür du nur zu gut, dachte ich im Stillen. Ich fragte mich bei wie vielen er schon Fremdenführer gespielt hatte. Ich merkte wie ich die Augen zusammenkniff, bei dem Gedanken. Er musterte mich nur schweigend, zwinkerte mir dann aber zu.
„Du bist meine erste Touristin, wenn du das wissen möchtest! Also was möchtest du sehen?" grinste er nun.
„Du bist hier der Fremdenführer. Ich vertraue hier auf dein Insider Wissen! Aber ich möchte so ein T-Shirt mit I Love NY!" Warum fühlte ich mich plötzlich so ungezwungen.
„Ich hoffte, du würdest das sagen!"
„Hast du noch je zwei weitere Pläne gemacht, je nachdem ob ich die traditionelle Klischee Stadtführung oder die unkonventionelle möchte!" Er grinste etwas verlegen und ich sah ihn überrascht an.
„Ein NY T-Shirt also. Das ist nichts für New Yorker, nur für Touristen!" meinte er jetzt. Versuchte er das Thema zu wechseln?
„Du sagtest doch ich bin deine Touristin, also steht mir ein T-Shirt zu!" Ich tat so als ob ich schmollen würde. Sein Grinsen wurde breiter.
„Ungezwungenheit steht dir übrigens gut! Hast du schon gefrühstückt?"
„Nein, mir würde ein Kaffee wirklich gut tun!" in all der Eile heute Morgen hatte ich ganz vergessen, etwas zu essen.
„Na dann komm mit!" sagte er und zeigte in eine Richtung auf ein Hochhaus. „Im obersten Stock gibt es ein kleines Cafe, von der man sogar die Freiheitsstatue sehen kann. Steht in keinem Reiseführer! Großes Ehrenwort, kein Klischee Stadtbummel!"
„Ich folge dir unauffällig, oh großer Fremdenführer!" ich musste einfach lachen. Irgendwie war seine Gesellschaft zwar total überwältigend, doch ich fühlte mich auch frei in seiner Gegenwart. Lockerer. Er wirkte nicht, als ob er sich irgendwelchen gesellschaftlichen Zwängen unterwerfen würde.
„Ich glaube nicht, dass du dich unauffällig verhalten kannst, auch wenn du das willst, Bella!" Ich schaute ihn nur fragend an! Was meinte er jetzt damit? Er schüttelte nur den Kopf, wirkte leicht frustriert. Er griff nach meiner Hand und zog mich mit sich. „Ich denke es gefällt mir besser, wenn du neben mir läufst, wo ich dich sehen kann. Nicht dass ich dich hier verliere und dich irgendwer anders mitnimmt! Angie würde bestimmt böse auf mich sein!" seine Hand lag immer noch in meiner und erneut machte er keine Anstalten mich loszulassen. „Ihr Swan Frauen seid wirklich unglaublich, weißt du das!" Ich schüttelte nur verwirrt den Kopf und er lächelte nur nachsichtig. „Ist auch nicht so wichtig jetzt!" Verdammt, warum musste er so kryptisch sein. Ich betete innerlich, dass mich niemand so sehen würde, den ich kannte. Händchen haltend mit Adonis höchstpersönlich auf den Weg in ein verstecktes Cafe, es war beinahe schon verwegen. Doch ich konnte mich nicht dazu bringen loszulassen. Es fühlte sich einfach zu gut an.
Das Cafe war total urig, der Blick über die Skyline einfach überwältigend. Ich saß zuerst nur einfach nur da, und schaute aus dem Fenster.
„Ich seh schon, hierher zu gehen war eine gute Wahl!" hörte ich die tiefe Stimme, die mir jedes Mal Schauer über den Rücken jagte.
„Ja es ist überwältigend hier. Der Ausblick ist fantastisch und du hast Recht, keine Touristen hier. Mich natürlich ausgenommen!" lächelte ich, als ich mein Augenmerk wieder auf ihn richtete.
„Du hattest also ein Stipendium für Yale, wie ich gehört habe!" fragte er nun und ich musste seinem Blick ausweichen.
„Hm, ja!" meinte ich nur verlegen.
„Und du hast nicht vor, das zu nutzen? Heimchen am Herd werden?" Es hörte sich an, als würde er über mich spotten und ich merkte wie ich mich klein fühlte. „Summa Cum Laude, Bella! Was für eine Verschwendung!" Sein Blick war bohrend.
„Es reicht, wenn Ang über mich herzieht! Mein Leben ist in Ordnung, wie es ist!" ich war jetzt leicht angesäuert.
„Ist es das wirklich?" fragte er mich nun herausfordernd, trieb mich in die Enge.
„Ja!" meine Stimme war leider nicht so fest, wie ich es mir wünschte. Ich glaubte mir selber nicht!
„Einbildung ist auch eine Bildung! Angie meint, deine Bücher sind brillant!"
„Ich weiß nicht! Sie ist meine Schwester, was sollte sie sonst sagen? Sie ist die einzige, die sie bis jetzt gelesen hat!" sagte ich nur.
„Bist du dir da so sicher?" sein Blick war erneut herausfordernd.
„Mit was, ob sie übertreibt oder ob sie noch jemand anderes gelesen hat?"
„Beides!" ich schaute ihn schockiert an bei dieser Aussage. Misstrauisch versuchte ich mehr in seinen Gesichtszügen zu lesen. Hatte er etwas von mir gelesen?
„Hast du?" fragte ich dann doch.
„Nein. Obwohl ich sagen muss, dass ich jetzt schon sehr neugierig bin!" Es sah so aus, als ob für ihn das Thema erledigt war. „Deine Schwester liebt dich sehr, das solltest du wissen!"
Ich nickte nur. „Ich weiß!"
„Ich verstehe, warum sie dich so liebt. Ich weiß, wie viel sie dir zu verdanken hat! Sie gibt sich die Schuld dafür, solltest du wissen!"
„Es gibt nichts, wofür sie sich schuldig fühlen muss! Ich hatte ein Stipendium in der Tasche, sie war auf meine Eltern angewiesen gewesen. Wie hätte ich ihr nicht helfen können?" seufzte ich.
„Nicht jeder ist so selbstlos wie du. Manchmal ist ein bisschen Egoismus nicht verkehrt!" konterte er jetzt. Ich blickte ihm in die Augen, er hielt mich also für selbstlos, ich sah darin nichts Verkehrtes. Als die Bedienung mit dem Essen kam, war das Thema erst einmal erledigt und wir aßen für ein paar Minuten schweigend. Ich erwischte mich dabei, wie ich ihn aus den Augenwinkeln musterte.
„Ich überlege gerade, ob es dir gefallen würde heute Nachmittag in den Central Park mitzukommen. Dort ist eine etwas andere Bootsregatta auf dem See!" meinte er dann plötzlich.
„Uhm ja, wieso nicht! Was ist das für eine Regatta?" fragte ich nach.
„Es ist eine Spaßveranstaltung, Wie ein Seifenkistenrennen nur eben auf dem Wasser!" sagte er.
„Also aus selbstgebauten Booten?"
„Ja und du hast keine Ahnung wie viele davon normalerweise kentern!" er grinste jetzt.
„Das hört sich lustig an!" lachte ich, stellte mir dabei die Boote vor, wie ein dicker Mann in einem viel zu kleinen Boot, das aussah wie ein Haifisch, absoff.
„Ich dachte, die meisten anderen Sehenswürdigkeiten rennen ja nicht weg!"
„Nein wohl kaum!" lächelte ich jetzt. Die Ungezwungenheit war wieder zurückgekehrt und ich fragte mich, ob er weiterhin das leidige Thema anschneiden würde, um dann kurz darauf wieder über Unverfängliches zu reden.
„Das ist auch eigentlich der Grund, warum ich frei genommen hatte!" gestand er jetzt.
„Na dann, bleibt mir ja keine andere Wahl. Meine Selbstlosigkeit lässt es nicht zu, deinen Plänen im Weg zu stehen! Ich tue auch so, als ob ich es total interessant finde!" scherzte ich jetzt.
„Da bist du sicher gut drin!" kam die Spitze. Irritiert sah ich ihn an.
„So war das nicht gemeint! Ich gehe gerne mit dir dahin! Die olle Freiheitsstatue steht auch morgen noch!"
„Ich meinte, deine Anspielung auf geheucheltes Interesse. Dein Spezialgebiet. Lernt man das in Yale? In Harvard gab's keinen Kurs darüber!" seine Stimme triefte jetzt vor Sarkasmus und ich musste etwas schockiert ausgesehen haben, denn er murmelte nur „Vergiss einfach, dass ich etwas gesagt habe!" als er mein Gesicht bemerkte.
„Vielleicht war das keine so gute Idee!" meinte ich jetzt knapp. „Es ist nicht so, dass ich zu Hause nichts zu tun hätte! Wenn du mich weiter beleidigen willst, ist es besser ich gehe!"
Er fluchte leise. Ich erhob mich demonstrativ, unschlüssig was ich jetzt tun sollte nach meinen Ausbruch. Das Problem war er hatte Recht. Und er nahm kein Blatt vor dem Mund, etwas dass ich im Freundeskreis von Mike nicht gewöhnt war. Vielleicht von Angela, doch sie war meine Schwester. Ich wusste einfach nicht, ob ich davon fasziniert sein oder mich auf den Schlips getreten fühlen sollte. Ich wusste selber nicht, warum es mich so traf, er war ja eigentlich ein Fremder. Ich musste mir dringend eine härtere Schale zulegen, sonst würde irgendwann jeder nur noch auf mir herumhacken. Davon gibt's es in deinem Leben bereits genug, schlich sich ein Gedanke in meinen Kopf, den ich sofort wieder zu verscheuchen versuchte. Ich stand immer noch musste jetzt wohl verwundert aussehen, denn Jazz fluchte erneut. Er packte mich am Handgelenk und erneut brannte meine Haut bei dem Kontakt.
„Bleib! Es tut mir leid! Ich versuche mich zu beherrschen! Bitte!" Sein Blick war jetzt fast flehend, wie ein kleiner Junge, den man sein Spielzeug wegnahm. Wer hätte gedacht, dass der sonst so selbstbewusste beste Freund von Angela betteln würde. Und ich musste gestehen, ich war wirklich gespannt auf die Regatta.
„Aber nur weil ich die Regatta sehen möchte!" Ich wollte eigentlich schroff wirken, doch ich sprach viel zu leise dafür. Wie konnte ich auch diesem Blick widerstehen. Das würde noch zum Problem werden. Ich war erledigt. Ich setzte mich also wieder hin und er sah erleichtert aus. Sein Griff um mein Handgelenk lockerte sich und er zog die Hand zurück, allerdings nicht ohne dabei beruhigend über meinen Handrücken zu streicheln. Es herrschte trotzdem erst einmal angespanntes Schweigen.
„Ich wollte dich nicht beleidigen!" sagte er dann aus dem nichts heraus. „Ich bin manchmal sehr direkt und wahrscheinlich hat Angie mich etwas zu sehr mit ihrer Meinung überzeugt. Sie kann sehr ausdauernd sein darin! Ich sollte mir selber mein Urteil bilden!" Er sah jetzt entschuldigend aus.
„Ist schon OK! Ich bin es gewöhnt!" seufzte ich.
„Das ist ja gerade das Schlimme!" Erneut hatte ich keine Ahnung, was er meinte und er sah wieder frustriert aus. „Ich habe noch nie jemanden wie dich getroffen!"
„Ist das jetzt ein Kompliment oder eine versteckte Beleidigung?" fragte ich unverblümt.
„Ich weiß es noch nicht, aber ich versuche es herauszufinden, wenn du mich lässt!" er lächelte jetzt wieder und sofort fühlte ich mich besser. Mir gefiel der Gedanke, dass er mich kennen lernen wollte, so lange bleiben wollte um mehr über mich zu erfahren. Ich entspannte mich.
Wir bezahlten dann, hofften wohl beide, dass ein kleiner Stadtbummel die Stimmung wieder auflockern würde. Wir schlenderten etwas durch den Central Park, um in der Mittagssonne etwas der prallen Sonne zu entfliehen. Unsere Gespräche waren jetzt etwas unterhaltsamer. Ich kommentierte ständig die seltsamen Leute, die teilweise hier in New York zu finden waren. Und ich konnte nicht an mich halten, als ich eine Frau sah, die einen kleinen Hund dabei hatte.
„Das gibt's nicht, die Frau hat ihren Hund das Fell grün gefärbt!" Ich lachte laut. „Soll das Tarnung sein, wenn der Hund sein Geschäft erledigt. In New York kostet es doch etwas, wenn man nicht hinterher aufräumt!"
„Du solltest mal sehen, was Tierliebhaber alles zustande bringen. Jedes Jahr gibt es auf den Time Square eine Veranstaltung von Hundeliebhabern. Da gibt es Hunde mit Irokesenschnitten und was weiß ich! Manche Frauchen schieben ihren Hund sogar in einem Buggy durch die Fifth!" lachte nun Jazz mit.
„Wir Landeier führen lieber unsere Hunde Gassi durch die Wälder! Die können sehr gut alleine laufen!" meinte ich schaudernd bei den Gedanken.
„Wie war es für dich in Forks aufzuwachsen? Es ist für mich als Stadtkind schwer vorstellbar!" er wirkte interessiert.
„Grün war es!" kicherte ich jetzt! Das war die beste Art Forks zu beschreiben. „Es gab nicht so viele Vorschriften aber auch wenige Veranstaltungen. Man musste schon etwas den Kopf anstrengen um Spaß zu haben! Aber Ang und ich waren meist sehr phantasievoll, was das anging!"
„Das kann ich mir gut vorstellen! Weißt du wie ich sie kennen gelernt habe?"
„Sie hat protestiert, als sie die Bäume am Campus abholzen wollten, war es nicht das?" fragte ich noch einmal nach.
„Ja sie war total verrückt, hatte sich mit einigen anderen ganz in Grün gekleidet und sind um die Bäume herum geschritten! Sie sahen so verrückt aus, dass ich unterschrieben habe. Eine Rebellin, ein bisschen, wie ich selber einer bin! Wir habe es beide nicht so mit der konventionellen Art!"
„Das hat sie von unserer Mutter! Sie war genauso verrückt!" Beim Gedanken an meine Mutter entwickelte sich sofort ein Kloß in meinen Hals.
„Angie redet darüber kaum!" er sah jetzt neugierig aus.
„Ich eigentlich auch nicht! Wenn dann eigentlich nur mit ihr!" Ich blickte mich um. „Schon gar nicht in der Öffentlichkeit!" flüsterte ich jetzt.
„Verständlich, wir müssen nicht darüber reden!" er sah verständnisvoll aus und ich war erleichtert. Ich wollte den Tag genießen und nicht mit sentimentalen Themen verderben. Ich schluckte den Kloß herunter.
„Wir sollten jetzt in Richtung See gehen. Schon einmal die Boote begutachten. Man kann auch Wetten abschließen!" sagte er jetzt, vom Thema ablenkend.
„Wetten, welches absäuft und welches nicht?" fragte ich hoffnungsvoll.
„Naja, welches gewinnt! Aber wir können gerne eine private Wette machen, welches absäuft und welches nicht!" er grinste schelmisch!
„Ich will gar nicht erst wissen, was du dann als Wetteinsatz verlangst!" gluckste ich. Seine Augen leuchteten bei dem Gedanken auf.
„Mir wird bestimmt etwas einfallen!" meinte er nur und ich sah, wie er zu grübeln anfing.
„Warum hab ich den Eindruck, was immer es sein wird es wird mir nicht gefallen!" entgegnete ich misstrauisch! „Ich werde definitiv nicht nackt durch den Central Park marschieren, oder so etwas in der Art!"
Seine Augen scheinen sich bei den Gedanken zu verdunkeln. Warum hatte ich das Gefühl, wie er sich das gerade vorstellte. Ich konnte plötzlich wieder den Anflug von Leidenschaft in seinem Gesicht erkennen und wie er jetzt definitiv meinen Körper betrachtete. Egal was es war, er fasste sich schnell wieder.
„Ich glaube nicht, dass es mir gefallen würde, dass dich jeder nackt sehen kann! Mach dir also keine Sorgen!" Sollte das heißen, ihm würde es gefallen mich nackt zu sehen. Ich sah verlegen zu Boden. Meine Gedanken überschlugen sich. „Angie würde mich umbringen, wenn ich das versuchen würde!" lachte er jetzt. OK, das war also sein Grund. Ich fühlte plötzlich etwas neues, Enttäuschung! Ich wurde einfach nicht aus ihm schlau, geschweige denn aus mir selber.
„Ich bin natürlich selber gespannt, was dir so einfällt!" OH, wenn du wüsstest! Ich grinste nur schelmisch. Jetzt schaute er selber misstrauisch. „Keine peinlichen Sachen, abgemacht!"
„Abgemacht!"
Wir erreichten die Boote und ich musste sofort lachen, als ich doch tatsächlich ein Boot fand, dass wie ein Haifisch aussah! Ich zeigte auf es: „Das säuft ab!" meinte ich bestimmt. Er nickte nur. „Also dein Wettboot?"
„Ja, hast du dir schon eines ausgesucht?" fragte ich neugierig.
„Ich nehme das Piratenboot!" Er zeigte auf ein ulkig aussehendes Ding, man konnte es nicht einmal Boot nennen.
„Also entweder, welches zuerst absäuft oder eben welches überhaupt absäuft!" meinte ich nun fachmännisch!
„Gut, jetzt die Wetteinsätze!" sagte er nun herausfordernd.
„Du zuerst!"
„Wenn ich gewinne, gibst du mir etwas von dir zu lesen!" ich schluckte. Das Piratenboot sah wirklich nicht viel versprechend aus.
„Es ist nichts Peinliches!" grinste er mich unverschämt an.
„Meinetwegen. Obwohl ich vielleicht das Wort peinlich etwas breiter auslege als du!" murrte ich. „Hm OK. Wenn ich gewinne!" ich zog einen Flyer heraus. „gehst du mit mir dort hin und springst mit mir!" Ich hielt ihn den Flyer vor die Nase.
„Bungeejumping?" er sah jetzt überrascht aus, doch seine Mundwinkel verzogen sich leicht nach oben. „Du hättest dir auch einen anderen Wetteinsatz suchen können. Ich wäre auch so mitgekommen!"
„Und woher soll ich das wissen?" fragte ich nun etwas verärgert.
„In dem du genauer hinsiehst! OK, lass uns jetzt noch zum offiziellen Wettkiosk gehen. Welches Boot schafft es deiner Meinung nach?" fragte er nun. Ich lachte laut.
„Ich war so damit beschäftigt zu überlegen welches Boot absäuft, ich habe gar nicht darüber nachgedacht. Ich glaube ich muss noch einmal rumschauen!"
Wir entschieden uns letztendlich für ein Boot, das aussah wie ein kleines Schloss. Vor allem, die Ruderer sahen viel versprechend aus. Im Gegensatz zu den Haifischkahn, bei dem jetzt tatsächlich ein dickeres Ehepaar stand. Ich kicherte in mich hinein. Dieses Boot hatte keine Chance.
Wir suchten uns ein freies Plätzchen am Seeufer in der Nähe des Ziels und warteten entspannt auf den Startschuss. Die Boote gingen zu Wasser und mein Haifischboot lag schon verdächtig tief im Wasser. Das Piratenboot sah allerdings auch nur eine Spur besser aus.
„Du hast keine Chance!" raunte ich ihm zu. Jazz beugte sich zu mir herüber und flüsterte mir ins Ohr: „So siegesgewiss. Ich hab schon mehrere Regatten gesehen, du glaubst gar nicht welches Boot manchmal durchhält!" Sein Atem streife meinen Nacken. Ich weiß nicht wie ich in dem Moment auf den Gedanken kam, aber ich hatte die ganze Zeit nicht einen Gedanken an Mike verschwendet. In Jazz Nähe viel es mir verdammt schwer, mich auf irgendetwas anderes als ihn zu konzentrieren. Sollte mir das zu denken geben. Unbewusst lehnte ich mich etwas vor, er lag jetzt auf der Seite, sich mit einem Arm abstützend.
„Was schaust du dir gerade an?" fragte ich etwas verlegen.
„Dich!" sagte er, als wäre es das normalste der Welt. Mein Herz fing an zu klopfen. Er musste hören, wie sehr es gegen meine Rippen hämmerte. Was hatte er vor? Würde er mich jetzt küssen? Und was sollte ich dann tun? OH Verdammt, ich wusste dass so was passieren würde. Ich war wie festgefroren, brachte keinen Ton heraus, vor allem nicht, als die freie Hand sich in Richtung meiner Wange bewegte. Er strich mir lächelnd eine Locke aus dem Gesicht, seine Hand verweilte kurz in meinen Haaren. „Du hast tolle Haare!" sagte er sanft und zog die Hand zurück, tat so als ob nichts geschehen wäre. Sein Blick richtete sich wieder zu den Booten. Ich selber musste mich erst einmal fangen, musste selber erst einmal begreifen, was da gerade geschehen ist. Ich konnte doch unmöglich Angela fragen, wie sich Jazz ihr gegenüber verhielt. Machte er da das Gleiche?
„Sieht so aus, als hättest du gewonnen!" sagte er plötzlich und ich schaute selber zurück auf den See. Tatsächlich sank der Haifisch gerade. Ich fing an die Titelmelodie des weißen Hais nachzuahmen und er lachte schallend!
„Naja, ein Haifisch gehört auch unter Wasser! Immerhin musst du jetzt für mich von einer Brücke springen!" meinte ich atemlos und musste grinsen. Immerhin musste ich ihm jetzt nichts zu lesen geben, obwohl ich mittlerweile nicht mehr wusste, ob es mir etwas ausgemacht hätte.
Ein Boot, das mit einer ganzen Familie besetzt war kenterte gerade. Es war die Titanic! Ich sprang auf und rief!
„Frauen und Kinder zuerst!" Jazz lachte laut.
„Keine Panik auf der Titanic! Ich komme und rette euch!" Ich warf einen kleinen Rettungsring theatralisch ins Wasser. Ich hatte mir vor dem Start noch ein paar Accessoires besorgt. Wedelte jetzt wild mit einem Fähnchen herum. „Hast du eine Geige?" fragte ich. „Wir brauchen dringend Begleitmusik für die Tragödie!" lachte ich.
Ein weiteres Boot wurde von einem Schwan verfolgt. Lustig an der Szene war, dass das Boot einen Schwan nachempfunden war. Ich konnte mich nur kaputtlachen darüber und zeigte glucksend auf die Szene.
„Süß nicht!" sagte ich kurz.
Das Boot auf das wir gewettet hatten, ging leider nur als zweites ins Ziel trotz unseres Anfeuerns. Wir waren sogar aufgesprungen, als es sich auf der Zielgerade befand.
„Anscheinend lagst du mit deinem Piratenboot total daneben!" lachte ich jetzt, als auch dieses ins Ziel kam. Allerdings fragte ich mich, ob es das Boot noch ans Ufer schaffen würde. Und es sank tatsächlich zehn Meter davor. „Naja, ist wie ein Gnadentor beim Fußball!" lachte ich jetzt und er lachte mit.
Ich schaute auf die Uhr. Es war bereits sieben. Ich musste dringend nach Hause noch etwas weiter auspacken und noch etwas zu Essen besorgen.
„Ich denke ich sollte jetzt wirklich gehen! Ich muss noch einiges erledigen!" Ich vermied es, dass Wort Mike auszusprechen, als gehörte es einfach nicht hierher. Wir liefen noch zusammen zur U-Bahn Station. Die Stimmung war wieder angespannt. Wie würden wir uns voneinander verabschieden? Den ganzen Tag hatte er zweideutige Bemerkungen gemacht. Ich konnte sein Verhalten einfach nicht deuten. Ehrlich gesagt hatte ich auch nicht viel Erfahrung mit Männern, schon gar nicht mit Männern von Jazz' Schlag. Es waren so viele Kleinigkeiten, die mich wunderten, doch es war ja altbekannt, dass Frauen zuviel zwischen den Zeilen lesen. Wahrscheinlich war er einfach nur nett zu mir wegen Angela. Er wirkte erneut etwas frustriert. Wenn ich nur wusste, was in seinem Kopf vorging, doch ich traute mich einfach nicht zu fragen.
Die Abschiedsszene kam viel zu schnell, meine Bahn würde schon in zwei Minuten fahren. Er drückte mir flüchtig einen Kuss auf die Stirn und ich musste erschrocken die Augen schließen. Jede Berührung von ihm brachte mein Blut in Wallung. Wenn ich mich jetzt nicht fangen würde, würde ich die Bahn verpassen. Ich fand den Gedanken daran nicht so schlimm, als ich etwas schüchtern aber reflexartig die Arme um ihn schloss.
„Es war schön heute!" meinte ich dann, in seinem Armen liegend, wieder der Geruch nach frisch geschnittenen Gras, heute mit dem Hauch eines anderen Parfums. Himmlisch! Warum wollte ich plötzlich nicht mehr weg von hier. „Denk an Mike, Bella! Du liebst ihn." Sagte ein Stimmchen in meinen Kopf, doch es schien in so weiter Ferne.
„Du musst los!" flüsterte Jazz nun und es gelang mir ihn loszulassen. „Wir sehen uns!" sagte ich, es klang wie ein Versprechen und er grinste nur. „Ich weiß!" antwortete er noch kurz, als ich mich umdrehte und die Treppe hinunterlief. Ich konnte nicht anders, als mich am Fuße von dieser noch einmal kurz umzudrehen. Er stand immer noch da mir nachsehend und hob lächelnd die Hand. Ich winkte auch kurz, rannte aber los, da die Bahn gerade angekommen war. Die U-Bahn Türen schlossen. Ich setzte mich atemlos in einen der Sitze und ließ den Tag Revue passieren. Ich hatte das Gefühl, das heute etwas Besonderes passiert ist, konnte aber noch nicht genau sagen was. Aber ich war mir sicher, dass ich heute einen Freund gefunden hatte. Ich würde ihn definitiv wieder sehen. Ich konnte gar nicht anders.
Ich lief auf den Weg von der U-Bahn nach Hause noch schnell, bei dem Supermarkt vorbei, den ich gestern entdeckt hatte und besorgte ein paar Lebensmittel. Irgendwie hatte ich Schuldgefühle gegenüber Mike, obwohl ich nichts getan hatte, wollte ihm aber dann doch wenigstens etwas Gutes kochen. Er sagte er wäre gegen neun zu Hause, doch ich wartete vergebens auf ihn. Erst gegen elf kam er dann heim.
„Hallo Schatz. Entschuldigung ich hätte mich melden sollen. Aber im Büro ging es drunter und drüber!" entschuldigte er sich kurz, bevor er an mir vorbeiging ohne eine Geste der Begrüßung. „Was hast du denn schon wieder an, ich dachte das Kleid hast du weggeschmissen?" war ein knapper Kommentar im vorbeigehen.
Ich brodelte. „Ang hat mir das Kleid geschenkt! Und ich mag es übrigens, falls dich das interessiert!" Woher kam das plötzlich?
„Bist du heute auf den Kopf gefallen, oder warum bist du so komisch?" er kniff die Augen zusammen und starrte mich herausfordernd an.
„Ich bin müde, ich gehe ins Bett!" erwiderte ich gereizt. Der Tag war so schön gewesen, ich würde ihn nicht von Mike verderben lassen. Plötzlich stand er neben mir und zog mich an sich, fasste mir unbeholfen an die Brust.
„Denkst du nicht, dein Verlobter könnte nach dem harten Arbeitstag etwas Entspannung gebrauchen?" meinte er anzüglich. Es widerte mich in dem Moment einfach nur an. Er roch nach Schweiß, ganz anders als Jazz roch. Er roch einfach nur falsch.
„Ich bin müde, ich habe keine Lust heute!" ich schob ihn von mir weg.
„Seit wann das denn?" fragte er jetzt verärgert bzw. ein bisschen beleidigt. Er hielt mich immer noch mit den Armen umklammert.
„Mike lass los, du tust mir weh!" jammerte ich jetzt. Er ließ los und drehte sich von mir weg.
„Du kannst wieder mit mir reden, wenn du wieder normal bist!" meinte er schroff, warf sich aufs Sofa und schaltete den Fernseher ein, ignorierte mich. Ich drehte mich um und lief ins Badezimmer, als die Tränen anfingen zu laufen. Kur darauf stellte mich unter die Dusche. Ich hatte mich den ganzen Tag so gut gefühlt, warum fühlte ich mich dann jetzt so schmutzig.
