2 Strandgut
Nun hätte der Mann endlich Ruhe zum Sterben, aber sie war ihm nicht gegönnt. Die riesenhafte, bärtige Gestalt, die keine zwei Meter von ihm entfernt einen Kürbis abschnitt, lies vor Schreck ihr Messer fallen.
Hagrid kam näher und betrachtete den blutigen Körper der da vor ihm lag. Er brauchte einen Moment um zu erkennen, dass er es mit einem Menschen und keiner anderen Kreatur zu tun hatte. „Wasn mit dir passiert? Hats dich ja übel erwischt", murmelte Hagrid, als er sich über den Mann beugte. Unsicher, wo er mit seiner Hilfsbereitschaft zuerst anfangen sollte, suchte er den Kopf. Das Gesicht lächelte, aber es war nicht echt. Hagrid hätte sich andernfalls auch gewundert. Später konnte er sich noch genug über die komische Erscheinung wundern, jetzt gab es Wichtigeres - er griff nach unten und entfernte vorsichtig die Maske, so gut es seine großen Hände erlaubten. „Armer Teufel, ich muss dir sofort helfen – aber das bleibt unter uns, ja?", sagte Hagrid als er in das echte Gesicht darunter blickte. Dann langte er in seinen Mantel und zog einen ramponierten rosa Regenschirm hervor, stupste den Schwerverletzten damit an und murmelte etwas Unverständliches.
Wie durch ein Wunder hörte das Blut auf, aus den Wunden zu sickern, die Atmung wurde stärker und es war auch nicht mehr so ein ekliges Pfeifen dabei zu hören. Der Herzschlag setzte mit voller Kraft ein und eine unwillkürliche Bewegung ging durch den Mann. Erleichtert strich Hagrid sich durch den Bart: „Sags doch, ich habs immer noch drauf." Dann versteckte er den Schirm unter seinem Mantel, hievte den Mann mit Leichtigkeit auf seine Arme und brachte ihn in seine Hütte.
Was V als erstes wieder spürte war die Bewegung. Sie war anders als die letzte, die er wahrgenommen hatte. Sanft, langsam und kürzer; denn sobald er sie richtig erfühlt hatte, wurde sein Körper auch schon auf einem weichen Untergrund abgelegt.
Seine weiteren Sinne erwachten: es roch nach Holzfeuer, etwas Animalischem, wilden Kräutern und Dauerwurst. So etwas Intensives hatte er lange nicht mehr gerochen. Er hörte etwas prasseln und klirren und eine Stimme sprach… mit ihm? Mit einer weiteren Person? V konzentrierte sich, um die Worte hinter der Sprachmelodie zu verstehen: „…was meinst Du, Fang? Kommt er durch? Will doch wohl hoffen. So viel hab ich über die Jahre nicht verlernt. Hier hast du dein Lecker… und es bleibt unter uns, klar? Wir sagen McGonagall, wir hätten ihn im Wald gefunden…" Als nächstes nahm V eine ungewohnte Kühle im Gesicht wahr. Überhaupt fühlte es sich anders an, leichter. War das das richtige Wort?
Was war geschehen?
Wo war er?
Er erinnerte sich an Creedy, an den Kugelhagel, an jeden einzelnen, den er tötete und er erinnerte sich an Evey. An das, was er ihr nicht mehr geben konnte und an die Wahrheit, die er ihr noch gestehen wollte, an Traurigkeit und seinen inneren Frieden. Der Rest verschwamm.
Sein Verstand sagte ihm, dass er auf keinen Fall tot war und dass etwas gewaltig nicht stimmte. Adrenalin schoss in sein Blut. Er fühlte, wie sich seine Muskulatur anspannte und seine Atmung schneller wurde. Überhaupt fühlte sich seine Atmung anders an, so leicht und ungehindert, wie die Luft aus seinen Nasenlöchern strömte…
Seine Maske war weg!
Diese Erkenntnis überkam ihn so stark, dass er die Augen aufschlug. Es war recht dunkel, nur irgendwo hinter ihm war Licht. Von dort war auch die brummige Stimme zu hören. Vor ihm war eine Tür, keine zehn Meter entfernt. Dann schloss er rasch wieder die Augen, denn die Stimme kam näher: „Komm, Fang – ich muss Minerva benachrichtigen. Werd ihr aber nur ne Eule schicken, darf den armen Kerl nicht zu lange alleine lassen. Wäre schlimm, wenn er doch noch ins Gras beißt."
V hörte, wie die Tür geöffnet wurde und die Schritte leiser wurden. Dann blinzelte er vorsichtig. Die Zeit war bestimmt zu knapp, um sich umzusehen, aber er brauchte seine Maske. In dieser Behausung war sie nicht, so viel konnten seine rasenden Blicke feststellen. Schnell wollte er aufspringen, aber sein geschundener Körper gehorchte ihm kaum. Mit reiner Willenskraft erreichte er die Tür und spähte nach draußen. In der Dämmerung sah er eine hünenhafte Gestalt mit einer Eule auf dem Arm. Das spärliche Licht hinter seinem Rücken fiel auf den Acker vor der Hütte, aber nichts Vertrautes blitzte auf zwischen wuchernden Gemüsepflanzen. Dieser große Kerl hatte V immer noch den Rücken zugewandt. Angesichts dieser Statur und Vs Konstitution wäre ein Kampf aussichts- sowie grundlos. So nutzte er die vielleicht letzte Gelegenheit zur Flucht und stolperte mit einem großen Verlustgefühl in die andere Richtung davon – in Richtung des Waldes, wo die Bäume ihm Deckung gaben.
