Sommer
Der Sommer machte mich leichtsinnig.
Ich spürte es. Dieser bestimmende Gedanke, mich treiben zu lassen. Mich zu verlieren.
Ich lag auf dem großen Bett, mein Kopf träumend zur Seite gelegt. Ich fasste einen Entschluss. Und war überrascht, wie leicht es mir fiel, ihn innerlich zu formulieren.
Er saß neben mir. Vermutlich nichts ahnend, was ich wollte. Was ich brauchte. Was er brauchte. Mein Herz brauchte.
Sein unerschütterliches Wille mich vor allen Gefahren zu bewahren, machte aus ihm etwas, dass ich nicht begreifen konnte. Etwas, wofür ich wahrscheinlich sogar nicht mehr genug Zeit hatte, es zu verstehen. Alles, worüber dessen ich mir sicher war, war der Fakt, dass er liebte. Es gab nur uns beide.
Edwards Brustkorb hob und senkte sich, als er abwesend in einem Buch blätterte. Sein Blick war fokussiert auf die kleinen Buchstaben, seine Augen glühten vom Licht, das hell auf uns herunter schien. Meine Augen hatten ihn selten schöner gesehen.
Seine Anmut war fast zu viel.
In diesem Moment wusste ich, was ich zu tun hatte, damit ich fühlen konnte. Damit ich mich selbst spüren konnte - das Leben in mir finden.
Mein Herz seit langem wieder richtig schlagen lassen.
Alles sollte aus mir herausschreien.
Ich wollte uns lebendig machen. Nur für ein einziges Mal. Die Welt spüren.
Und auch er sollte es fühlen. Musste. Ich konnte ihn nicht zurück lassen, nicht ohne diese eine menschliche Erfahrung gemacht zu haben.
Ich war es uns beiden, aber vor allem ihm schuldig.
Ich rückte näher an ihn und beobachtete ihn stumm; kämpfte mit den Worten.
Er bemerkte meinen Blick und lächelte.
"Woran denkst du?"
Unwillkürlich musste ich mir ein Grinsen verkneifen; aber die Röte in meinem Gesicht konnte ich natürlich nicht verbergen.
Wie sollte ich ihm sagen, was ich dachte?
Mir war klar, dass dies nicht leicht werdenwürde.
Aber ich musste es probieren...der Sommer hatte mich mit aller Macht in seinen Bann gezogen.
"Ich weiß nicht. An nichts. An alles", erwiderte ich und legte meinen Arm auf seinen Bauch.
Wenn es etwas gab, was ich ihm geben konnte, dass ihn an mich erinnern würde, dann war es das. Ein Teil von mir.
Für einen Moment die Zeit anhalten und den Herbst vergessen. Versuchen ihm das zu geben, was ich in jeder Faser meines Körpers spürte, wenn er mich ansah, berührte oder küsste.
Ein Stück Ewigkeit.
Meine Zeit war begrenzt. Mein Herz würde bald aufhören zu schlagen - ein Grund mehr, den Rhythmus unserer Herzen gemeinsam zu beschleunigen.
Gedankenverloren strich ich über seinen Bauch; nahm seinen Duft war, der mir alles bedeutete.
"Wir haben Sommer", erklärte ich.
Edward lächelte, aber gleichzeitig nahm ich den Schatten war, der seine Augen trübte. Der Schatten, der mein Ende und seine Angst davor bedeutete. Die Jahreszeiten verstrichen zu schnell.
"Ja, eine schöne Saison", sagte er ruhig. "Möchtest du lieber raus?"
Ich schüttelte verneinend den Kopf.
"Nein."
Mein Griff an seinem Hemd wurde stärker.
Er vergrub seinen Kopf in meinen Haaren. Wohlig atmete er tief ein. Bevor er etwas sagen konnte, beantwortete ich die Frage, die unausgesprochen im Raum lag.
"Ich will dich, Edward."
Mein Ton war zittrig, doch lag keine Spur von Nervosität darin. Es war mehr der Drang, der Inhalt meiner Aussage,dermich schwer atmen liess.
"Das ist ausgeschlossen."
Er klang wütend und ich spürte, wie er sich verkrampfte. Ich war überrascht, aber es stimmte mich auf eine merkwürdige Weise froh. Seine Sturköpfigkeit, ein Merkmal aus früheren, glücklicheren Zeiten, meldete sich zurück. Als wäre alles wieder normal.
Und genau das wollte ich. Normalität. Und das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren.
"Edward..."
"Nein Bella. Ich kann nicht glauben, dass du von allen Dingen dieser Welt... das willst. Genau die Sache, von der wir beide wissen, dass es … unmöglich ist."
Es war dumm und er hatte Recht, aber abgewiesen zu werden, tat dennoch weh.
Ich bemerkte nicht, dass mir die Augen bereits brannten.
Dann seine Hand, wie sie mir die Tränen aus dem Gesicht wischte.
"Du bist zu krank", beschwichtigte er mich. Und wahrscheinlich sich selbst.
"Edward."
Wie ein Ertrinkender, der sich an einem Strohhalm klammerte, hielt ich seine Hand fest.
"Bitte." Ich legte sie an meinen Mund und küsste die Innenfläche.
Er seufzte gequält auf. Ich wusste, dass ich ihn bis zum Äußersten trieb. Aber es musste sein. Für uns beide.
Ich legte meine Wange hinein und schloss die Augen.
"Es ist Sommer...ich will es spüren. Spüren, dass Sommer ist. Bitte."
Meine Stimme war leise, kaum mehr ein Flüstern, aber durchdrungen von schmerzvoller Sehnsucht.
Vorsichtig und langsam, als könnte jede schnelle Bewegung ihn verschrecken, strich ich mit seiner Hand, verschlossen in meiner, über meinen Hals.
Mein Schlüsselbein.
Meine Brust.
An mein Herz..
"Spürst du das, Edward? Es schlägt. Das bist du."
Ich öffnete die Augen und genoss die Berührung.
"Bella..."
Eine Spur von Verletzlichkeitzeigte sich in seinem Gesicht.
Aber seine Hand bewegte sich nicht fort.
"Ich muss wissen, wie es ist. Für dich und für mich. Uns."
Ich zog sein Gesicht an meines, hörte das Rauschen meines Blutes in den Ohren, spürte seinen Atem…heiß und süß…
Ich war berauscht.
"Küss mich..." flüsterte ich, meine Atmung deutlich beschleunigt.
Einen Moment erstarrte er, alle Zweifel innerlich abwägend. Ich dachte schon, ich hätte verloren…
Bis seine Lippen meine fanden. Bestimmend. Verzweifelt. Rasend.
Ein Surren erfüllte meinen Körper; und mir wurde bewusst, dass nicht ich es mehr brauchte, sondern er.
Seine Hände auf meiner Taille, mich näher an ihn ziehend.
Meine Hände, verloren auf ihm.
Atmen, schmecken...das Salz auf seiner Haut.
Sein Geruch, sein Blick.
Er knöpfte behutsam mein Hemd auf. Hinterliess ein Brennen, sobald er meine Haut berührte.
Legte beide Hände auf meine Brust.
Mein Herz lebte.
Er gab mir 'für immer' in diesem Moment.
Wir waren im Sommer.
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A/N:
Etwas wilder, dieser Sommer. War eine kleine Herausforderung, dies zu schreiben. Was meint ihr?
Wir nähern uns dem Ende - noch ein Kapitel und der Herbst ist da…
Aber noch mehr würde es mich freuen, wenn ihr mir ein Review auf dieses Kapitel hinterlasst.
Vielen Dank fürs Lesen, papillon
