Goldmarie
Sommer. Sonne. Sonnenschein.
Die warmen Strahlen trafen seine Haut auf unbekannt angenehme Weise.
Kein Vergleich zum Wetter auf dem Planeten Akillian mit seinem Dauerschnee und den gefährlichen Minusgraden.
Das hier war das direkte Gegenteil. Paradiesisch.
Wie lang war es her, dass er sich so sehr im Einklang mit sich selbst gefühlt hatte? Der ganze Stress und die alltäglichen Sorgen waren im Moment meilenweit entfernt.
Er konnte gar nicht anders als den Augenblick genießen. Umso schöner war es, dass er ihn nicht allein genießen musste.
Es mochte zwar arrogant klingen, aber Rocket war sich sicher, der glücklichste Mensch auf der Welt zu sein.
Den Anblick, den er genießen durfte, hatte er bisher nur von Ansichtskarten oder Panoramapostern gekannt und er fragte sich ernsthaft, womit er es sich verdient hatte, an diesem Bilderbuchstrand in der Sonne zu liegen ohne sich mit dem Gedanken an harte Trainingsstunden und anstrengende Fußballspiele zu beschäftigen.
Zweifacher Galactik Football-Cup-Gewinn? Entscheidender verwandelter Elfmeter im Finalspiel? Ursprüngliche Berufung in das All-Star-Team?
Alles schön und gut. Aber nichts davon war existenziell.
Wie oft hatte er sich von seinen Teamkollegen anhören müssen, er solle in Betracht ziehen, dass es ein Leben außerhalb des Galactik Football gebe? Er wusste, dass sie ihn für verrückt gehalten hatten. Er war der Einzige, der sich außerhalb der Trainingszeiten mit Analysen bezüglich Gegner und Spielsystem auseinandergesetzt hatte.
Er war der Kapitän.
Er war der Kapitän gewesen.
Rocket seufzte in Gedenken an das geliebte rote Armband, das ihn jahrelang begleitet hatte.
Die Zeit war vorbei. Natürlich störte es ihn, es nun an D'Jok zu sehen, natürlich trauerte er ihm hinterher. Doch, wie gesagt, es war genauso wenig lebensnotwendig.
Er hatte sein Glück anderswo gefunden.
Es lag direkt neben ihm und hatte die Augen fest geschlossen.
Rocket nahm die Sonnenbrille ab, um sie näher betrachten zu können. Nichts war mehr zu sehen von dem besorgten, traurigen Mädchen, welches sie während seiner Abwesenheit gewesen sein musste. Er spürte einen Stich im Herzen. So weit hätte er es nicht kommen lassen dürfen.
Netherball. Das wohl einzige dunkle Kapitel in seinem Leben, dennoch düster genug für die nächsten hundert Jahre.
Sie hatte ihn aus seiner aussichtslosen Lage befreit, hatte ihre Stärke demonstriert und ihm gleichzeitig seine Schwäche aufgezeigt. Es existierte keine Möglichkeit, seine Dankbarkeit ihr gegenüber in all ihrem Umfang auszudrücken, auch wenn er es oft genug versucht hatte.
Sie erwartete aber auch nicht viel von ihm. Alles was sie wollte, war seine Zuneigung und Rocket war mehr als bereit, ihr so viel wie möglich davon zukommen zu lassen.
Während er sie beobachtete, dachte er zurück an den Anfang, seinen Anfang.
Ein Dasein als allseits bekannter und beliebter Fußballstar hatte er sich in seinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt. Und es fiel ihm immer noch schwer, die Realität anzuerkennen.
Zeit zum Reflektieren.
Gut vier Jahre war es jetzt her, dass Aarch auf Akillian ein Galactik Football-Team gesucht und zusammengestellt hatte.
Er war nur durch Glück dazugestoßen.
Das damalige Casting war einer Sensation gleichgekommen. Obwohl das Fußballspielen zu der Zeit keinen großartigen Stellenwert auf seinem Planeten besessen hatte, war Rocket sich sicher, dass es niemanden gegeben hatte, der nicht gern Teil dieser Mannschaft gewesen wäre.
Tia, im wahrsten Sinne des Wortes vom Himmel gefallen, hatte ihn damals noch überreden müssen, mit ihr zu der Veranstaltung zu gehen, was ihn letztendlich, trotz Umwegen, an diesem Traum, den sie lebten, teilhaben ließ.
Zu sagen, dass sein Leben sich verändert hatte, klang in seinen Ohren zu schwach. Es war eher der Anfang eines komplett neuen Lebens gewesen.
Manchmal kam es ihm immer noch wie ein Traum vor, in der Hoffnung, niemals aufzuwachen und festzustellen, dass er für den Rest seines Lebens in den Gewächshäusern seines verbitterten Vaters gefangen war.
Ohne Aussicht auf... das wahre Leben?
Doch er wachte nicht auf.
Nachdenklich strich er seiner Freundin ein paar Strähnen aus dem Gesicht, was nur ein leichtes Zucken zur Folge hatte.
Sein persönlicher Glücksbringer.
Er wurde sich der vielen Situationen bewusst, in denen das Schicksal es gut mit ihm gemeint hatte. Angefangen bei seiner Ausgangslage.
Sein Vater, als Gegner des Sports, der schließlich dazu überredet worden war, ihn spielen zu lassen. Letztendlich akzeptierte er die Entscheidung seines Sohnes im vollen Umfang. Noch besser, er war stolz auf ihn.
Sein Onkel Aarch, dem er diese einmalige Chance erst zu verdanken hatte. Da war es leicht, ihm zu verzeihen, dass er sich ein Leben lang nicht um seinen Neffen gekümmert hatte.
Sein Team, das ihn zwar erst nach einiger Zeit anerkannt, aber dennoch nach all seinen Ausreißern immer wieder mit offenen Armen empfangen hatte.
Seine Mutter, von deren Existenz er nichts gewusst hatte. Im Endeffekt konnte er sich immer noch nicht erklären, wie genau Tia es geschafft hatte, sie zu finden, woher sie wusste, dass sie nicht wie von seinem Vater behauptet vor langer Zeit gestorben war. Bei Gelegenheit würde er seine Freundin darauf ansprechen.
Konnte all das wirklich Zufall gewesen sein?
Er war nicht D'Jok.
Er glaubte nicht sonderlich an das Schicksal. Wieso auch? Es beraubte ihn seiner Möglichkeiten, sein Leben selbst zu bestimmen. Worauf konnte er noch stolz sein, wenn es Fakt war, dass das, was er erreicht hatte, nicht an ihm lag, sondern vorherbestimmt war.
Sollte das alles am Ende nur ein verdammtes Glückspiel sein?
„Worüber denkst du nach?"
Ihm war nicht aufgefallen, wie intensiv sie ihn ansah.
„Ich denke nicht nach."
Diese Antwort würde sie nicht zufrieden stellen.
„Sei ehrlich." Ihre sanfte, klare Stimme ließ ihn dahinschmelzen.
Er musste kurz überlegen. „Über uns."
„Ach so."
Langsam drehte sie sich wieder weg. Desinteressiert.
Ein Lächeln schlich sich auf sein Gesicht.
Wenn nicht so viele Leute am Strand wären, die sie beobachteten, würde er sich ganz sicher über sie beugen und küssen. Und es kostete ihn eine Menge Selbstbeherrschung, es sein zu lassen.
Ein grelles Blitzen riss ihn plötzlich aus seinen Gedanken.
Dessen Ursprung war schnell gefunden. Eine Gruppe von Teenagern hatte sich mit einer veralteten Kamera vor dem Paar platziert.
„Sorry, ich habe vergessen, den Blitz auszustellen", murmelte der Übeltäter schuldbewusst.
„Du bist Rocket, oder?!", rief ein anderer Junge begeistert.
„Ja", murmelte dieser lustlos, „meistens schon."
„Coole Sache!"
Tia hatte sich währenddessen umgedreht und ihren Kopf unter einem Handtuch versteckt.
„Dann kannst du ja hier unterschreiben."
Verdutzt betrachtete Rocket die leere Bierflasche, die ihm entgegengehalten wurde. Er hatte in seinem Leben schon so manchen interessanten Autogrammwunsch miterlebt, sei es die Frage nach einer Unterschrift auf einer Schreibtischlampe oder einer 0-Punkte-Matheklausur.
Fans.
„Ist das euer Ernst?", fragte er sicherheitshalber nach, als er auch noch den schwarzen Marker entgegennahm. Die Ernte war energisches Nicken.
„Die einzige Alternative wären unsere Körper", bemerkte einer der Jungs.
Rocket verzog leicht das Gesicht. „Schon okay."
Langsam kritzelte er seinen Namen auf die Papierklebefläche der Flasche und reichte sie zurück. „Dieses Bier ist doch der reinste Siff, oder?"
Die Jungen lachten. „Ist doch egal, solange es billig ist!"
„Na dann... Aber übertreibt's nicht."
„Keine Sorge, wir haben eh schon keines mehr", lachte ein wieder anderer. „Aber wir werden uns schon um Nachschub kümmern. Viel Glück bei eurem nächsten Spiel!" Damit drehten sie sich um und gingen wieder.
Rocket lächelte vor sich hin.
Sogar mit seinen Fans hatte er Glück.
Sie hatten ihm sofort sein Verlassen der Snow Kids verziehen, seine Rückkehr wie die eines Helden gefeiert. Die wenigsten wussten von der Netherballaffäre und Rocket legte es nicht darauf an, dass jeder die Wahrheit erfuhr.
Es war gut so wie es jetzt war.
Die Mannschaft harmonierte perfekt, auf dem Feld sowie abseits des Feldes. Sie besaß genug Ehrgeiz für den dritten Titelgewinn in Folge, trotz der vielen Strapazen, die sie in den Jahren durchlebt hatte.
Man muss sein Glück teilen, um es zu multiplizieren.
„Kommst du mit rein? Mir wird es langsam zu warm hier. Außerdem könnten wir zur Abwechslung mal was essen."
Rocket nickte, bevor er aufstand. Ein vorerst letztes Mal blickten seine goldenen Augen auf das Meer, in der Absicht, diesen wunderbaren Moment einzufangen und sich bei Gelegenheit zurückzuerinnern.
Wie lange würde es dauern, bis sein Glücksvorrat aufgebraucht war?
Würde das Glück ein Leben lang halten?
Als er in den Himmel starrte, bemerkte er, wie sich eine dunkelgraue Gewitterwolke näherte.
Wenige Augenblicke später folgte der Platzregen, die meisten Strandbesucher ergriffen die sofortige Flucht.
Rocket lächelte.
Zuerst hatte er nur Glück gehabt.
Jetzt kam endlich das Pech dazu.
Anmerkungen:
- Die Zeile „Sommer, Sonne, Sonnenschein" stammt natürlich aus dem bekannten „Ab in den Süden" von Buddy.
- „Man muss sein Glück teilen, um es zu multiplizieren" ist ein meines Erachtens nach wunderschönes Zitat von österreichischen Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach.
- Manche kennen vielleicht den Spruch „Zuerst hatten wir kein Glück und dann kam auch noch Pech dazu" vom ehemaligen Fußballspieler Jürgen Wegmann. In abgewandelter (logischer) Form fand ich das Zitat als Schlusssatz passend.
