Hallo :) Hier kommt das zweite Kapitel, ich hoffe, es gefällt euch! X Annika

Kapitel 2: How not to make friends

Als die Strahlen der aufgehenden Sonne mir in die Augen stachen, erwachte ich. Ja, ich war eingeschlafen! Ein wenig war ich froh, dass ich überhaupt Schlaf abbekommen hatte, doch hauptsächlich fiel mir an diesem Morgen nur ein Stein vom Herzen, weil ich es geschafft hatte, den Rest der Nach ohne Albträume zu verbringen.

Ich hob das Exemplar von Oliver Twist auf, das neben meinen dreckverkrusteten Stiefeln auf dem Boden lag.

Ich zog mir leicht abwesend das kratzende Nachthemd über den Kopf, dass mir der Professor zum Schlafen in die Hand gedrückt hatte und ging ins Bad.

Die bunten Fließen an der Wand formten ein Mosaik mit Kampfszenen mehrerer Mutanten, was ich zwar schön, aber auch irgendwie traurig fand. Hatte der Erbauer dieses Badezimmers geahnt, dass schon bald ein Mutantenkrieg ausbrechen würde? Oder war es für ihn nur eine interessante Vorstellung gewesen? Schließlich war dieses Haus vermutlich vor Magnetos und Xaviers erstem ernsthaften Zusammenstoß erbaut worden.

Ich studierte die insektengleichen Fühler und krakenartigen Arme zweier kämpfender Mutanten, während ich mich meiner Unterwäsche entledigte. Nur schwer konnte ich mich von den Bildern losreißen und in die Dusche steigen, doch als das warme Wasser schließlich auf mich einprasselte, durchströmten mich wieder starke Glücksgefühle. Meine erste Dusche seit einer Woche! Ich verbrauchte fast die gesamte Seife und die Flasche Shampoo, die man mir bereit gestellt hatte. Ich sah zu, wie das Wasser zu meinen Füßen erst schwarz und rot, und dann langsam wieder klar wurde und die gesamte Kabine nach Zitrone roch und ich mich wieder sauber fühlte.

In ein Handtuch eingewickelt ließ ich Wasser ins Waschbecken, warf meine Klamotten hinein und goss den Rest der flüssigen Seife darüber. Meine Jeans waren starr vor Dreck und den Geruch meines stinkenden T-shirts nahm ich sogar noch wahr, als ich die Luft anhielt.

Ich schlüpfte in mein einziges sauber verbliebenes Kleidungsstück – ein Paar pinkfarbener Socken, die ich allein aufgrund ihrer Farbe schon hasste – und trat, mein Handtuch dicht an die Brust gedrückt, auf den Flur hinaus.

So. Wo bekam ich jetzt Klamotten her?

Gal, was auch immer du da gerade machst, es ist bescheuert!, sagte eine Stimme in meinem Kopf, doch eine andere, die mehr nach mir klang, erwiderte einfach nur gleichgültig: Vermutlich bist du eh bald tot.

Stimmte eigentlich. Ich wunderte mich schon sehr darüber, dass man mir Asyl gewährte anstatt mich einzusperren. Schließlich war ich all die Jahre bei Magneto eine seiner teuersten Verbündeten gewesen (worauf ich im übrigen nicht stolz war, jetzt wo ich wusste, was er mit mir vorgehabt hatte!).

Ich ging ein paar Meter den Gang hinunter und klopfte an eine Zimmertür, die zumindest außen keine Klinke besaß, auf eine innere wies der silberne Metallknubbel hin. Wenn mich nicht alles täuschte, war dies das Zimmer des Mädchens, das durch Wände gehen konnte.

„Was?" Ihre Antwort klang genauso genervt, wie ich mich fühlte. „Bobby, wenn du das bist, es ist nicht witzig, so früh morgens an den Türen anderer Leute zu klopfen!"

„Hier ist nicht Bobby.", seufzte ich. Hatte ich ja super geschafft. Irgendwie kam mir meine Idee, mir bei jemand anderem Klamotten zu leihen, jetzt auch ziemlich unterbelichtet vor.

„Wer dann? Rogue?"

„Shadow."

Es wurde still und einen Augenblick später trat sie durch die Tür. Wie war noch einmal ihr Name? Kathy? Nein, Kitty hatte der Professor sie genannt.

Ihre Miene änderte sich zu meinem Glück relativ schnell von verärgert zu belustigt, als sie mich mit Handtuch auf dem Kopf und um die Brust gewickelt erblickte.

„Was machst du hier?"

„Ich brauche was zum Anziehen.", gab ich zu. „Meine Sachen sind seit über einer Woche nicht gewaschen und es -"

„Jaja." Sie fiel mir gelangweilt ins Wort. „Warte hier."

Kurze Zeit später kehrte sie mit einem Stapel dunkelblauer Kleider wieder zurück. „Zieh das an." Sie drückte mir alles in die Hand, doch als ich mich so freundlich wie möglich bedankte, winkte sie nur in Richtung meines Zimmers und ging rückwärts in ihres zurück.

Soviel zum Thema Gastfreundlichkeit.

Anders als erwartet passte mir der enge Anzug perfekt. Er war eng anliegend und hatte auf der Brust ein rot-schwarzes X-Abzeichen aufgenäht. X-Men. Ob ich das überhaupt tragen durfte? Ein wenig verunsichert warf ich mir meine Lederjacke über und zog meine Stiefel an, schnappte mir mein Buch und machte ich auf, die Schule ein wenig zu erkunden.

Die Gänge kamen mir endlos lang vor, mit Unmengen von Türen, und für eine Weile sah alles gleich aus. Es erinnerte mich an das alte Herrenhaus irgendwo in Europa, in dem ich einen Großteil meiner Kindheit verbracht hatte, die Wände dunkelbraun mit gelegentlich einem Gemälde oder einer Lampe. Ich hätte all meine Giftspritzen, die ich in den Seiten meiner Stiefel vertsteckte, darauf verwettet, dass sich hinter diesen Vertäfelungen irgendwo Geheimgänge verborgen hielten.

Doch als ich einige Male links abgebogen war, stand ich vor einer großen und allem Anschein nach sehr dicken Metalltür, die sich ähnlich der Glasschiebetüren in Kaufhäusern von selbst öffnete, als ich davor stand. Sie führte mich in eine kleine Kammer mit vielen Knöpfen, doch bevor ich deren Beschriftungen zu entziffern versuchen konnte, machte der Aufzug einen Satz und ließ mich langsam nach unten.

Als ich ihn verließ, stand ich wieder in einem langen Korridor, doch dieser hier war unterirdisch und schien aus reinem Metall zu bestehen. Rechts und links waren kleine Ecken in den Wänden, der gesamte Gang erschien sechseckig.

Ich machte ein paar Schritte und musste mit Erschrecken feststellen, dass jeder meiner Schritte einen hellen klaren Klang in den Raum freisetzte, und das, obwohl ich noch nicht einmal Absätze trug. Ich hielt inne und lauschte.

Ich hörte leise, sich entfernende Schritte.

Wie einen Schild fuhr ich meine Tarnung hoch, stellte meine Zellen auf Anpassung um. Innerhalb von Millisekunden besaß jeder noch so kleine Teil meines Körpers die Farbe und Struktur der Metallwand zu meiner linken. Selbst das Buch, das ich aus mitgenommen hatte, um mich irgendwohin zurück zu ziehen, glich einem kleinen Chamäleon.

Chameleon!"

Ich komme, Mutter!" Ich sprang von der Schaukel und landete unsanft im heißen Sand. Auf dem Weg nach drinnen schnappte ich mir noch meine Schuhe.

Die Tür zu der alten Holzvilla knarrte leise, als ich die Klinke hinunterdrückte und sie öffnete. Am Ende des Ganges, wo sich der nächste Türrahmen, der zur Küche, befand, konnte ich den Rockzipfel meiner Mutter sehen, der auf und ab wippte. Vermutlich unterhielt sie sich gerade. So leise wie möglich schloss ich die Tür wieder hinter mir, machte ein paar kleine Schritte näher heran und lauschte.

Wenn du sie weiter bei ihrem Mutantennamen nennst, wissen bald alle, was wir sind, Kayla!" Die männliche Stimme klang heiser.

Na und?" Meine Mutter. „Chameleon alleine wäre stärker, als die gesamte Nachbarschaft zusammen!"

Wir müssen vorsichtig sein! So etwas gefällt den Leuten nicht."

Mutanten sind so viel besser als diese Nichtsnutze, und das weißt du Erik!"

Aber ich brauche meine Mutanten lebend!" Den letzten Teil schrie Erik Lensherr schon fast heraus. „Und ihr seid stark!"

So schnell wie die Erinnerung gekommen war, so schnell war sie auch wieder verschwunden. Ich war sechs Jahre alt gewesen, als ich Magneto das erste Mal begegnet war. Kayla Stone, eine Telepathin mit der Spezialität, den Gefühlszustand anderer Menschen zu verändern, hatte ihn mir vorgstellt. Damals war ich noch fest davon ausgegangen, dass sie meine Mutter war. Einen Gedanke daran, dass ungefähr eine Viertelstunde nach diesem Zusammentreffen die halbe Straße in die Luft geflogen war und wir von Tallahassee nach Cardiff hatten ziehen müssen, verschwendete ich erst gar nicht. Schließlich war es zehn Jahre später auch meine Entscheidung gewesen, wieder zurück in die Staaten zu kehren und mich Magnetos Mutantenarmee anzuschließen. Und den kleinen Straßenkampf hatte ich ja überlebt, was wollte ich mehr?

Ich ging weiter den Gang entlang, so nah an der Wand wie möglich, da das meine Tarnung verstärkte. Nach wenigen Dutzend Metern tauchte auf der anderen Seite des Ganges eine Tür auf, welche aufschwang, als hätte sie meine Anwesenheit gespürt. Ich hatte mich jedoch getäuscht und heraus spazierte eine Frau mit kurzem roten Haar, der ich noch nie begegnet war, dicht gefolgt von Charles Xavier. Sie gingen stumm nebeneinander her, doch aus einem früheren Gespräch mit Magneto wusste ich, dass die angestrengte Miene, die der Professor auch jetzt wieder an den Tag legte, bedeutete, dass er über Telepathie mit anderen Gedanken austauschte – und dass er in diesem Zustand die Gedanken aller anwesenden Personen leise hören konnte, ohne dass es möglich war, sie abzuschalten!

Fuck.

Ich schlug mir die Hand vor den Mund, gleichzeitig mit der rothaarigen Frau, die nur wenige Schritte von mir entfernt auf dem Absatz kehrt machte und genau in meine Richtung blickte.

Ich zwang mich selbst mit allen mir und meinem Körper möglichen Mitteln, ruhig zu bleiben und den Schutzgrad meiner Tarnung zu verstärken, denn aus Erfahrung wusste ich, dass ich vor allem für telepathisch veranlagte Mutanten nach einiger zeit leicht zu sehen war.

„Ist sie es?" Der Professor legte den Kopf schief und sah der Frau ins Gesicht.

„Sie steht hier irgendwo herum und denkt, wir finden sie nicht.", kam die knurrende Antwort der Rothaarigen. Vermutlich sprachen die beiden gerade diese Sätze nicht in Gedanken, damit ich sie hören konnte und sie mir Angst machen konnten.

„Ganz richtig." Mir gefror das Blut in den Adern, als die Frau auf meine gedachte, indirekte Frage antwortete. „Los, zeig dich."

„Jean, wir lesen nicht die Gedanken von anderen Leuten." Professor Xavier nestelte an seinem Schlips herum. „Lass sie. Sie kann keines der Labore betreten, soviel ist sicher."

„Das stimmt." Wie in Zeitlupe drehte sich Jean wieder zum Professor um. Sie war spürbar enttäuscht.

„Gehen wir. Sie wird ihren Weg hinauf schon selber finden." Ich spürte ein Klicken in meinem Kopf und das Bild des Professors, der mir zublinzelte, tauchte vor meinem inneren Auge auf. Ich schüttelte mich. Sah so etwa Telekommunikation aus?

Erst als ich den Aufzug sich im oberen Stockwerk öffnen hörte, entledigte ich mich meiner Tarnung und verließ so schnell wie möglich den Laborgang.