Kapitel 1: Wo der Wahnsinn zu Hause ist

Auf einem Stückchen Brot herumkauend schlug Shinichi die Zeitung auf und schob gleichzeitig seine Brille die Nase hoch.

Genau wie sein Grossvater, der verstorbene Detektiv Shunsaku Kudo Senior, es vorausgesagt hatte, wurde seine Sehkraft ab dem achtzehnten Lebensjahr zunehmend schwächer. Kurz nach der Hochzeit mit Ran und der Geburt der ersten Zwillinge Shinichi Jr. und Reika liess sich nicht mehr verhindern, dass Shinichi eine Sehhilfe benötigte. Sehr zu seinem Bedauern vertrug er keine Kontaktlinsen, so dass nun eine Brille mit schwarzem Gestell sein Gesicht zierte. Seit dieser optischen Veränderung waren inzwischen schon sechzehn Jahre vergangen, in denen sich seine Familie an sein neues Erscheinungsbild gewöhnen konnte. Seine Kinder, die Söhne Shinichi Jr., Shunsaku und Yusaku Jr. wie auch seine Töchter Reika, Miyuki und Yuriko kannten ihren Vater jedoch gar nicht anders, so dass sie jedes Mal kaum die Blicke von ihm lassen konnten, wenn er seine Brille mal ablegte.

Eigentlich war es erträglich, aber was Shinichi an der ganzen Sache nicht gefiel, war, dass er seinem eigenen Vater, dem erfolgreichen Kriminalschriftsteller Yusaku Kudo, optisch immer ähnlicher wurde. Im Grunde genommen hatte er nichts gegen ihn, er liebte ihn, wie ein Sohn seinen Vater nun mal liebte, aber das half trotzdem nicht. Shinichi wollte nicht mit Yusaku verglichen werden, egal ob es sich um ihre Tätigkeit oder ihre Erscheinung handelte, was jetzt für andere jedoch immer schwerer wurde.

"Jugendkriminalität erreicht Rekordhoch", las der erfolgreiche Detektiv murmelnd vor. "Kaum zu glauben. Man könnte meinen, die Eltern hätten ihren Nachwuchs nicht richtig erzogen."

Dabei dachte er an seine eigenen Kinder. Zwar gab es auch bei ihnen hin und wieder Streit und Meinungsverschiedenheiten, das gehörte schliesslich zu einem normalen Familienleben dazu, aber keiner von ihnen hatte jemals Anzeichen gezeigt, vom rechten Weg abzukommen. Shinichi war sehr froh, dass die älteren beiden Zwillingspaare wohlerzogen waren.

Dank Ran.

Die jüngsten Zwillinge mussten zwar auch noch lernen, was Recht und Ordnung war, aber das würden sie schon schaffen. Wenn er und seine Frau an einem Strick zogen, konnten sie alles schaffen, das hatten sie auch schon mehrmals bewiesen.

Solange nicht jemand dahergelaufen kam und einem von ihnen den Kopf verdrehte, so dass er oder sie zu etwas hingerissen wurde, war alles in Ordnung.

Diesbezüglich aber machte Shinichi sich leichte Sorgen. Sein jüngster Nachwuchs war zu jung für einen Freund oder eine Freundin, Yusaku Jr. und Yuriko waren gerade mal sieben Monate alt. Das gleiche galt für Miyuki und Shunsaku, die erst zehn Jahre alt waren. Bei den ältesten Zwillingen war es jedoch etwas anders. Sein Sohn Shinichi Jr. hatte zwar keine Freundin, aber scheinbar gab es ein Mädchen in seinem Leben, das er sehr mochte, auch wenn er es nie zugeben würde. Etwas Ernstes war es jedoch nicht, das wusste der Detektiv.

Bei Reika hingegen war es komplett anders. Seit einiger Zeit traf sie sich mit einem gleichaltrigen Jungen, den Shinichi selbst jedoch noch nie persönlich kennengelernt hatte. Er wusste nur seinen Namen, Keisuke, und dass er in die Parallelklasse seiner ältesten Zwillinge ging. Aber er wusste nicht, wo er wohnte, was er für einen Charakter hatte oder sonst irgendetwas. Er wusste gar nichts über ihn, und genau das war das Problem.

Bevor der erfolgreiche Detektiv und sechsfache Familienvater jedoch noch einen weiteren Gedanken an den Jungen verschwenden konnte, erschien seine Frau Ran in der Küche. Yuriko sass auf ihrem Arm, während sie Yusaku Jr., den sie auf dem Rücken trug, mit dem anderen Arm unterstütze.

"So, gleich gibt's Essen, ihr beiden", murmelte sie, und Shinichi stand sofort auf. Er nahm ihr Yusaku Jr. ab und setzte ihn in den Kindersitz, während Ran dasselbe mit ihrer dritten Tochter tat und ihren Mann dann küsste.

"Guten Morgen, Shinichi. Hast du gut geschlafen?"

"Morgen. Ja, eigentlich schon", antwortete er.

"Eigentlich?", fragte Ran nach und musterte ihn interessiert.

"Ich mache mir nur etwas Sorgen, das ist alles", sagte er abwehrend, doch Ran wollte und konnte ihm nicht wirklich glauben. Sie hob die Augenbrauen.

"Sorgen? Wieso denn? Es ist doch alles in Ordnung."

Dann fiel ihr Blick auf die aufgeschlagene Zeitung. "Doch nicht etwa wegen dieser Jugendkriminalität, oder?"

"Ich-"

"Shinichi, dein Gebiet ist Mord, du bist sozusagen freier Mitarbeiter im Morddezernat. Was kümmern dich kriminelle Jugendliche, solange sie keinen Mord begehen?"

Als Shinichi nicht antwortete, hatte Ran plötzlich einen Verdacht. "Du meinst doch nicht etwa-"

Bevor sie jedoch ihren Satz zu Ende sprechen konnte, platzten Shinichi Jr., Miyuki und Shunsaku in die Küche.

"Morgen zusammen!"

"Guten Morgen, ihr Rabauken. Wie kommt's, dass ihr so früh schon so gut aufgelegt seid?"

Die Frage war an Miyuki und Shunsaku gerichtet, und die Antwort folgte sofort auf dem Fusse.

"Morgen ist unser Geburtstag!", jubelten sie im Chor und halfen ihrer Mutter bereitwillig, die vergessenen Sachen für das Frühstück auf den Tisch zu stellen. Shinichi Jr. hingegen war nur müde und gähnte die ganze Zeit.

"Und was ist mit dir los?"

"Na, was denn?", maulte der Sechzehnjährige nicht begeistert. "Heute ist Schule angesagt."

"Na hoffentlich auch", sagte Shinichi sofort. "Ich hab keine Lust, dich den ganzen Tag zu Hause rummaulen zu sehen. In der Schule lernst du was fürs Leben."

Shinichi Jr. war zu müde, um etwas zu erwidern, und wandte sich stattdessen seinem Stück Brot zu, während seine Geschwister lachten.

Ran war stolz auf ihn.

"Du bist der beste Vater, den es gibt", sagte sie leise zu ihm und lächelte, während Shinichi zu grinsen begann.

"Ich weiss. Ich hab sogar einen Trinkbecher, der das beweist."

Seine Frau lächelte wieder, erwiderte aber nichts darauf, sondern begann den Zwillingen Brote zu schmieren.

Die Kinder indessen waren mit sich selbst beschäftigt, mit Ausnahme von Shinichi Jr. Schon seit längerem beschäftigte ihn eine Frage, und jetzt, solange Reika noch nicht am Tisch sass, hielt er es für einen guten Zeitpunkt, das Thema anzuschneiden. Allerdings betrat just in diesem Augenblick seine acht Minuten jüngere Schwester die Küche, so dass er das Vorhaben notgedrungen auf später verschieben musste.

Eine halbe Stunde später war es dann doch noch soweit. Nachdem seine Geschwister und Ran samt den jüngsten Zwillingen die Küche verlassen hatte, stellte sich Shinichi Jr. direkt vor seinen Vater hin, der nach wie vor am Tisch sass und in der Zeitung las.

"Dad? Kann ich dich mal etwas fragen?"

"Warum fragst du das?", stellte sein Vater die Gegenfrage und ohne von der Zeitung aufzusehen.

"Weil ich dich etwas fragen möchte, vielleicht?"

Shinichi sah zu seinem Sohn hoch, der sich jetzt aber setzte. Er seufzte und legte die Zeitung beiseite.

"Was ist los, Junge? Hast du Probleme in der Schule? Mit deinen Hobbys? Herzschmerz?"

"Ein Familienproblem", antwortete der Sechzehnjährige nur, was Shinichi aufhorchen liess. Jetzt war er neugierig geworden, wenn auch auf eine negative Weise.

"Du hast ein Problem mit uns?"

"Nicht wirklich."

"Jetzt sag schon, was dich bedrückt. Vielleicht kann ich dir ja helfen."

"Nein, das kannst du nicht. Und zwar, weil du die Schuld daran trägst", fügte der Sechzehnjährige hinzu, und Shinichi verengte seine Augen zu Schlitzen.

"Sag das noch mal."

"Ich meinte es im übertragenen Sinne."

Der Detektiv rollte innerlich mit den Augen und stöhnte, äusserlich liess er sich nichts anmerken.

"Was ist los, Junge?"

Shinichi Jr. druckste noch einen kurzen Moment herum, dann sagte er es endlich. Es war eine Frage, mit der Shinichi überhaupt nicht gerechnet hatte.

"Werde ich auch zu einer Brillenschlange?"

Da lag also der Hund begraben. Shinichi hatte schon gedacht, es sei ein ernstes Problem, aber so war es zum Glück nicht. Jedenfalls nicht für ihn.

Seufzend lehnte er sich vor und musterte seinen Erstgeborenen mit wachem Blick.

"Shinichi. Ein sehr weiser Mann hat einmal mir gesagt, dass die Kudos ab dem achtzehnten Lebensjahr schlechte Augen bekommen, sie werden also wohl oder übel zu Brillenträgern. Und dasselbe sage ich dir, gewöhn dich also schon mal an den Anblick."

"Ich bin erst 16."

"Ja, du hast also noch zwei Jahre."

"Aber ich will keine Brille", maulte Shinichi Jr., und Shinichi konnte ihm ansehen, das es ihn wirklich bedrückte. Er seufzte erneut.

"Sieh es doch mal von der positiven Seite, Junge, denn mit einer Brille auf der Nase siehst du automatisch sofort intelligenter aus. Und die Mädchen stehen auf intelligente Jungs."

"Das glaubst du doch wohl selber nicht", sagte Shinichi Jr. überhaupt nicht überzeugt, doch sein Vater hielt dagegen.

"Doch, das glaube ich. Hätte mich sonst eine so hübsche Frau wie deine Mutter geheiratet? Oder überhaupt beachtet?"

"Das gilt nicht, weil Mum dich schon vor deiner Brillenzeit kannte."

"Ist es denn mit deiner Angebeteten anders?"

Diese Worte liess Shinichi Jr. verstummen. Diesen heiklen Bereich des Gesprächs wollte er auf keinen Fall vertiefen, so dass er das Thema auf ein Nebengleis lenkte.

"Die Kudos, sagst du?"

"Ja."

"Alle Kudos?"

"Ja."

"Was ist mit Mum? Sie ist auch eine Kudo."

"Ja, aber keine geborene. Du hingegen bist einer, mein Junge."

"Und Reika? Wird sie als Volljährige eine Brille brauchen?"

Shinichi seufzte.

"Das weiss ich nicht."

"Was soll da heissen, du weisst es nicht?"

"Das soll heissen, dass ich es nicht weiss", sagte Shinichi mit bestimmter Stimme. "Reika ist der erste weibliche geborene Kudo seit Generationen, ich weiss also nicht, wie es bei ihr sein wird."

Der Detektiv schaute seinen Sohn direkt an. "Ich weiss es nicht, Shinichi. Vielleicht werden wir es in zwei Jahren sehen, vielleicht auch später. Vielleicht auch gar nicht, ich habe echt keine Ahnung."

"Schade. Aber auch mal toll es zu hören."

"Was zu hören?"

"Dass du keine Ahnung hast."

Der Erwachsene stöhnte leise. Das war wieder mal typisch Shinichi Jr. Er hoffte, dass er für den Rest des Tages vor solchen Bemerkungen verschont blieb, und dieses Mal wurden seine Gebete erhört.

Am nächsten Morgen, als die Geburtstagskinder Miyuki und Shunsaku die Küche betraten, waren ihre Eltern und Shinichi Jr. schon da und bereiteten das Frühstück vor. Die beiden Nesthäkchen Yusaku Jr. und Yuriko sassen auch schon in ihren Kindersitzen, nuckelten an ihren Milchflaschen und scherten sich nicht wirklich darum, was um sie herum passierte. Yurikos Aufmerksamkeit jedoch schweifte schnell von ihrem Schoppen auf das Geschirr und die anderen Sachen auf dem Tisch. Ihre Eltern achteten im Moment nicht auf sie, auch ihre Geschwister nicht, so dass es erst gar nicht auffiel, was das kleine Mädchen vorhatte.

Sie packte die Tischdecke und zog daran, so dass kurz daraufhin das erste Geschirr auf dem Boden landete und zersplitterte. Reflexartig griffen Ran und Shinichi gleichzeitig nach demselben Glas, aber dadurch konnte Yuriko noch stärker am Tuch ziehen und noch mehr Sachen gingen zu Bruch.

"Yuriko!"

Das Mädchen lachte lauthals, auch ihr gleichaltriger Bruder fand es zum Schreien komisch, während es ihre älteren Geschwister nur nervte.

"Mann, der Morgen meines Geburtstages hab ich mir anders vorgestellt", seufzte Miyuki, und Shunsaku stimmte ihr zu.

"Ich mir meinen auch."

"Du hast erst vier Minuten nach mir Geburtstag, also beschwer dich noch nicht", gab Miyuki sofort zurück, doch dann schaltete sich ihr Vater in ihr Gespräch ein.

"Wenn man es genau nimmt, habt ihr beide überhaupt noch nicht Geburtstag. Es ist nämlich erst Morgen, und nicht Abend."

"Ja, ja", winkte Miyuki ab. "Ich wurde zur Primetime geboren, was eigentlich Reikas Geburtszeit sein sollte. Sie als absoluter Filmfreak müsste das wohl ziemlich nerven."

"Apropos Reika", warf Shinichi wieder ein, als ihm auffiel, dass sie nicht am Tisch sass. "Ist sie noch nicht wach?"

Ran sah hoch.

"Müsste sie eigentlich, aber langsam ist sie spät dran."

Shinichi erhob sich.

"Ich gehe nach ihr schauen."

Als er zwei Minuten später an Reikas Zimmertür klopfte, erhielt er keine Antwort. Da er vermutete, dass sie noch schlief, verwunderte ihn das aber nicht. Leise öffnete er die Tür, dann entdeckte er etwas Unglaubliches. Reikas Bett war leer und unberührt; sie hatte die Nacht nicht zu Hause verbracht.

Eilig ging er wieder runter in die Küche, in der sich noch seine Frau befand.

"Wo ist Reika?"

"Hm?"

"Reika ist nicht hier. Weisst du, wo sie ist?"

Shinichi Jr. horchte auf.

"Schwesterchen ist nicht hier?"

Wie wenn man vom Teufel sprach, wurde genau in diesem Moment die Haustür geöffnet und wieder geschlossen. Die verlorene Tochter kehrte nach Hause zurück.

Als sie die Küche betrat, blickten sie fünf Augenpaare direkt an. Zwei paar davon waren fragend, eine grinsend, eine ratlos und eine vorwurfsvoll.

"Wo bist du gewesen?", fragte Shinichi mit dunkler Stimme.

"Guten Morgen erstmal", entgegnete sie und ihr Vater sah, dass sie sich am liebsten sofort in ihr Zimmer zurückziehen würde. Doch das konnte sie nicht.

Shinichi Jr. grinste immer noch, er ahnte, dass seine Schwester nun in der Klemme steckte. Und alles nur wegen eines gewissen Jungen.

"Reika, ich wiederhole meine Frage nur ungerne, aber wo bist du gewesen?"

"Ich-"

Sie verstummte wieder.

"Komm schon, Mädchen."

"Ich war bei Keisuke", gab sie schliesslich leise zu. "Wir haben die Zeit vergessen. Ich war gestern bei ihm, wir haben gelernt, dann haben wir noch einen Film schauen wollen. Ich bin mittendrin eingeschlafen, und er hat mich schlafen lassen. Er wollte mich nicht wecken."

"Und das soll ich dir glauben?"

"Ja, Dad, weil es stimmt!"

Er knurrte.

"Du weisst doch ganz genau, dass ich nicht will, dass du abends weg bist, wenn du am nächsten Tag Schule hast."

"Ich weiss, aber-"

"Hatte er wenigstens den Schneid, dich nach Hause zu bringen?"

"Nein!", regte Reika sich auf. "Aber das hat nichts mit ihm zu tun. Ich wollte es nicht."

Von diesen Worten liess Shinichi sich jedoch nicht besänftigen, und er wiederholte einige seiner Worte.

"Reika, ich will nicht, dass du dich mit Jungs rumtreibst und sogar bei ihnen übernachtest, wenn du am nächsten Tag wieder Schule hast!"

"Ja, Dad."

"Hast du überhaupt bedacht, dass wir uns Sorgen um dich machen könnten?"

"Nein, Dad."

"Was ist bloss los mit dir? Du bist doch sonst nicht so!"

Reika traten Tränen in die Augen. Sie bereute es ja, ihren Eltern nicht Bescheid gegeben zu haben, aber gleichzeitig fand sie es ungerecht von ihrem Vater, sie so zusammenzustauchen.

"Es tut mir leid."

"Shinichi, lass gut sein", sagte Ran besänftigend, doch er ignorierte sie und knurrte lautstark.

"Du kannst froh sein, dass dir nichts passiert ist, Reika. Du solltest wissen, was ich damit meine, und darum verbiete ich dir, dich weiterhin mit diesem Jungen zu treffen. Haben wir uns verstanden?"

Reika öffnete den Mund und schaute ihren Vater erschrocken an.

"Was? Nein!"

"Du wirst nicht mehr mit ihm zusammen sein, ist das klar?"

Bevor weder Reika noch sonst jemand etwas sagen oder tun konnte, trat Shinichi Jr. neben seine Schwester und begann in schönster Bart Simpson-Manier zu singen.

"Reika hat sich voll verknallt, doch wird sie ihn nie wieder seh'n!"

Ein weiteres Wort brachte er nicht raus, denn Reika schlug ihm ihre Faust so stark ins Gesicht, dass er zu Boden ging.

Miyuki und Shunsaku starrten ihre grosse Schwester mit riesigen Augen an, sie konnten nicht glauben, was sie gerade gesehen hatten. Auch Ran war erschrocken über die Entwicklung des Wortwechsels, sie brachte nur den Namen ihrer Erstgeborenen heraus.

Und Shinichi? Er verengte seine Augen zu Schlitzen.

"Auf dein Zimmer, sofort."

Reika liefen Tränen der Wut über die Wangen, doch sie sagte nichts mehr. Sie machte auf dem Absatz kehrt und verschwand die Treppe hoch, während Miyuki sich Shunsaku zuwandte.

"Was für ein Geburtstag", seufzte sie, dann begann sie zu grinsen. "Aber das hätte ich ihr echt nicht zugetraut. Vermöbelt einfach Shinichi-"

"Miyuki, lass gut sein, ja?", stöhnte Shinichi und half seinem Sohn hoch.

"Auauauaua", jammerte dieser und hielt sich die schmerzende Wange. "Der Kerl hat ihr wohl eine saftige Gehirnwäsche verpasst."

"Geht's wieder?", fragte Ran, die sich endlich von den jüngsten Zwillingen lösen konnte, und erhielt eine grantige Antwort.

"Verdirb mir nicht meine schlechte Laune."

Shinichi stöhnte nur, er hatte keine Nerven mehr. Und Ran scheinbar auch nicht.

"Weisst du, an wen du mich vorhin erinnert hast?", fragte sie ihren Ehemann mit einem unangenehmen Unterton in der Stimme. Sie war zwar mit ihm einer Meinung, was das Bescheidgeben betraf, aber Shinichis Verhalten missbilligte sie trotzdem.

"Nein, an wen?"

"An meinen Vater."

"An Kogoro?", fragte Shinichi mit aufgerissenen Augen. Diese Nachricht schockte ihn, und es gefiel ihm gar nicht.

Er hatte nie gewollt, dass er sich so verhielt wie Kogoro, er wollte nie so werden wie sein Schwiegervater. Er mochte ihn nicht, und nach dem, was er seiner Tochter angetan hatte, war das auch kein Wunder. Aber jetzt hatte er so reagiert wie er...

Er seufzte und kapitulierte.

"Schon gut, ich weiss, was zu tun ist. Miyuki, Shunsaku, esst weiter, Shinichi, hör auf zu jammern. Und hör endlich auf, deine Schwester zu nerven, klar?"

Nach diesen Worten ging Shinichi zum Zimmer seiner Tochter, das jedoch abgeschlossen war, wie er nach kurzem Überprüfen feststellte.

"Reika, bitte, lass mich rein. Ich möchte mit dir reden", sagte Shinichi zur Tür und hoffte auf Einlass, doch Reikas Antwort war überdeutlich.

"Hau ab!"

"Es tut mir leid, was ich vorhin gesagt habe. Bitte, Reika. Lass mich rein und mit dir reden."

"Nein! Du hasst Keisuke, warum sollte ich dir noch zuhören?"

Shinichi schloss die Augen und stöhnte lautlos.

"Weil ich dir einen Vorschlag machen möchte."

Stille. "Reika? Hast du gehört? Ich möchte dir etwas vorschlagen."

Ein Schluchzen ertönte, dann endlich wurde das Schloss entriegelt und die Tür geöffnet. Eine Sechzehnjährige mit feuchten Wangen und wütendem Blick schaute ihn an.

"Aber beeil dich, ich muss heute noch zur Schule."

"Nur ein paar Minuten, versprochen."

"Also, was willst du mir vorschlagen?", fragte Reika mit brüchiger Stimme und liess sich auf ihr Bett fallen. Shinichi blieb stehen und versuchte, seine Stimme ganz sanft klingen zu lassen.

"Du magst diesen Jungen, nicht wahr?"

Wieder traten der Oberschülerin Tränen in die Augen.

"Ich habe noch nie jemanden wie ihn getroffen."

"Du magst ihn so sehr?"

Sie nickte und schluckte.

"Dad, die Schule."

"Gut, ich mache es kurz. Reika, du weisst ja, was ich immer sage: Vertrauen will verdient sein."

Seine Tochter nickte erneut, er selbst machte eine Pause, doch dann sprach er weiter. "Reika, bevor du diesen Jungen noch einmal ausserhalb der Schule triffst, möchte ich ihn kennenlernen. Ich möchte mir ein Bild von ihm machen, ich will wissen, ob man ihm trauen kann oder nicht. Bist du damit einverstanden?"

"Du willst ihn kennenlernen?", fragte Reika leise. "Nur kennenlernen? Und nicht ihm die Kehle aufschlitzen?"

Jetzt konnte Shinichi wieder lächeln.

"Hey, ich bin kein Mörder, was denkst du denn von mir? Es sei denn, er hat dich angefasst. Hat er?"

Nun lächelte auch Reika.

"Dad, ich bin deine Tochter, ich weiss mich zu verteidigen."

"Hoffen wir es."

"Ach, Dad."

Shinichi räusperte sich.

"Komm, gehen wir wieder runter. Miyuki und Shunsaku haben heute Geburtstag, du solltest ihnen gratulieren."

"Ich hab es nicht vergessen."

Nach diesen Worten ging Reika eilig an ihm vorbei, Shinichi blieb noch einen Moment stehen und atmete tief durch. Dieser Teil war geschafft. Wenigstens etwas.

Als er sich umdrehte und ebenfalls gehen wollte, stand seine Tochter wieder vor ihm. Er erschrak.

"Reika!"

"Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken."

"Schon gut. Was ist denn los?"

"Dad, ich verstehe das nicht", sagte sie mit leiser Stimme, und Shinichi schaute sie ruhig an.

"Was verstehst du nicht?"

"Ich... Du hast doch gesagt, dass die Kudos sich nur einmal verlieben, aber dafür richtig."

"Ja, das stimmt. Und?"

"Na ja... Den anderen Typen, damals aus der Schule... du weisst das noch, oder?"

"Dieser Vegetarier, der dich nur verarscht hat?"

Reika rollte mit den Augen und seufzte.

"Genau der. Dieser Vollidiot."

"Was ist mit ihm?"

"Mit ihm nichts, aber..."

Jetzt machte Reika eine Pause, dann brachte sie ihr Anliegen endlich auf den Punkt.

"Bei mir ist es jetzt nicht mehr das erste Mal. Ich mag Keisuke wirklich, wenn du verstehst, was ich meine. Aber er ist nicht der erste, in den... Ich meine... Du hast gesagt, dass die Kudos sich nur einmal verlieben, aber dafür richtig-"

"Ich weiss", unterbrach Shinichi sofort seine Tochter. "Ich verstehe, was du meinst. Diese 'Angelegenheit' betrifft die Kudo-Männer, aber du bist eine Frau. Du bist zwar ein geborener Kudo, allerdings ein weiblicher. Bei uns Männern ist es klar, aber bei euch Frauen... Es tut mir leid, Reika, aber diese Frage kann ich leider nicht beantworten. Ich weiss es nicht."

Als die Sechzehnjährige nichts erwiderte, fügte Shinichi noch etwas hinzu. "Allerdings denke ich, dass du für diesen Blödmann von damals nur geschwärmt hast, dass du dich also gar nicht wirklich in ihn verliebt hast."

Reika sah hoch.

"Du meinst... Keisuke könnte der Erste sein? Der einzige?"

Shinichi zuckte mit den Schultern und lächelte sie an.

"Vielleicht. Möchtest du denn, dass es so ist?"

Reika sah zu Boden.

"Wenn man bedenkt, dass die Kudo-Männer sich nur einmal verlieben und dasselbe bei uns Frauen auch sein könnte..."

Dann sah ihren Vater direkt an. "Ja, eigentlich schon."

"Dann magst du ihn wohl wirklich", seufzte er.

Die Sechzehnjährige antwortete nicht, und auch Shinichi nahm das Gespräch nicht mehr auf. Das konnte er auch später noch tun.

"Na los, gehen wir runter. Ich habe noch nicht zu Ende gefrühstückt."

Als Vater und Tochter die Küche wieder betraten, wurden sie nur mit kurzen Blicken bedacht. Niemand erwähnte auch nur ein Wort über das, was vorhin geschehen war. Reika verhielt sich endlich so wie immer und gratulierte als erstes ihren beiden Geschwistern.

"Hey, ihr zwei. Alles Gute zum Geburtstag!"

"Danke! Was bekommen wir von dir?"

Reika grinste.

"Das seht ihr dann heute Abend. Erst kommt die Arbeit, dann das Vergnügen. Mit anderen Worten: erst die Schule, dann das Geschenk."

"Nur eines? Du bist fies", schmollte Miyuki, im Gegensatz zu Shunsaku. Er war derselben Meinung wie Reika, allerdings nur, was die Reihenfolge betraf.

Ran verkniff sich ein Lächeln und wandte sich stattdessen ihrem Mann und ihrer ältesten Tochter zu.

"Na los, ihr beiden. Esst auf."

Der hungrige Shinichi liess sich das nicht zweimal sagen, und auch Reika genehmigte sich ein Glas kalte Milch. Shinichi Jr. beobachtete sie mit düsterem Blick, sagte jedoch nichts und tat auch nichts.

Am Frühstückstisch war es wieder geschäftig wie eh und je, niemand achtete auf Yusaku Jr., der plötzlich mit angestrengtem Gesichtsausdruck dasass und aussah, als verkrampfte er sich. Shunsaku war der erste, dem das auffiel.

"Hey, was ist mit dem Kleinen los?"

Alle schauten zu ihm, doch auch die neuerlangte Aufmerksamkeit half nichts.

Yusaku Jr. sah immer noch so aus wie vorher, er ächzte, dann war plötzlich ein unangenehmes Geräusch zu hören, das wie ein langgezogener Furz klang. Daraufhin sah Yusaku Jr. wieder zufrieden aus, der Geruch, der sich dann aber ausbreitete, war bestialisch.

Es bedeutete, dass Yusaku Jr. die Windeln voll hatte.

Alle ausser Yuriko rümpften die Nase, und Miyuki machte ihrem Unmut Luft.

"Bäh, Yusaku, kannst du das nicht später machen, wenn wir in der Schule sind?"

Der Appetit war ihnen allen gründlich vergangen, auch Shinichi.

"Was für ein Morgen", stöhnte er und massierte sich die Schläfen.

Während Ran sich seufzend freiwillig meldete, Yusaku Jr. aus dem Kindersitz hob und mit ihm verschwand, öffnete Shinichi Jr. das Fenster, um den Gestank loszuwerden. Shunsaku meckerte.

"Ein toller Geburtstag."

Ihr Vater räusperte sich.

"Wollt ihr noch Brot? Oder sonst etwas? Ich räume sonst ab."

"Nein, danke."

Miyuki und Shunsaku wechselten einen Blick, dann verschwanden sie. Shinichi Jr. tat dasselbe mit Reika und ging ebenfalls. Sie folgte ihrem Bruder, so dass schlussendlich nur noch Shinichi und Yuriko am Tisch sassen. Der Vater schaute zu seiner jüngsten Tochter, die an ihrer Milchflasche nuckelte und ihn hin und wieder angrinste, wie wenn sie sagen wollte: 'Mein Bruder war das, nicht ich!'

Shinichi lächelte. Gestern räumte sie den Tisch ab, heute vertrieb ihr Bruder sie aus der Küche. Die jüngsten Zwillinge waren gerade erst sieben Monate alt und schliefen die Nächte noch nicht ganz durch, und tagsüber waren sie so, wie ihre grossen Geschwister in ihrem Alter gewesen waren: Sie begannen, die Welt zu entdecken. Und die Welt wissen zu lassen, dass sie auch existierten.

Reika währenddessen zog sich für die Schule um und suchte die Bücher und Unterlagen zusammen, die sie für diesen Tag benötigte. Gedanklich war sie jedoch nicht bei der Schule, sondern bei Keisuke. Sie dachte an das bevorstehende Treffen zwischen ihm und ihrem Vater - und bekam Angst davor. War es wirklich eine gute Idee, Keisuke jetzt schon ihrem Vater vorzustellen? Reika hatte plötzlich sehr grosse Zweifel.

Wenn das bloss gut ging...

Fortsetzung folgt...

Anmerkung der Autorin:

Uiuiui, da ist ganz schön was los im Hause Kudo. Erst ein genetisches Problem, dann wurde der Tisch abgeräumt, dann Reikas unerlaubtes-Fernbleiben mit anschliessender So-gut-wie-Schlägerei, und am Schluss noch eine Giftgas-Attacke. xD

Nun ja, aber jetzt sollte eigentlich klar sein, was im nächsten Kapitel geschieht - oder nicht? Sind Reikas Ängste begründet? Kommt das Treffen überhaupt zustande? Und/oder spinnt Shinichi Jr. eine Intrige, um seiner Schwester die schlagkräftige Reaktion heimzuzahlen?

Mehr erzähle ich nicht, ihr dürft aber gespannt sein! xD

Bis zum nächsten Mal!

ShinichiKudo

PS: Ich hoffe, ihr erkennt die Verbindung zu "Das Lächeln des Engels"!