Kapitel 2

Reid war der Einzige aus dem Team, der sich weitestgehend normal verhielt, mir gegenüber. So kam es, dass wir nur zu zweit im SUV saßen, die anderen quetschten sich lieber alle in einen Wagen und ich konnte mir vorstellen wieso. Spencer hingegen berichtete mir, was ich aufgrund meines fünfmonatigen Urlaubs alles verpasst hatte. Ganz bewusst sprach er das Thema Jack und Beth nicht an, weshalb ich ihm sehr dankbar war. Dennoch fiel mir auf, dass er mich immer wieder besorgt musterte, er schien zu verstehen, dass diese Sache nicht so einfach an mir vorübergehen konnte, als es offensichtlich den Anschein hatte. Reid war halt ein beispielloser Profiler, der es noch sehr weit bringen konnte, ohne sich anstrengen zu müssen. Nach einer Weile erklärte er: „Was hältst du von unserem neuen Fall, garantiert hast du dir schon etwas überlegt…" Ich nickte, erwiderte: „Wieso sucht er sich gerade diese Opfer aus? Weshalb verschleppt er sie in der Öffentlichkeit und wird doch nie gesehen? Keines der Opfer hat sich gewehrt, aber der toxikologische Befund sagt, dass die Frauen weder unter Drogen, noch Alkohol oder Medikamenten standen. Ich denke, er hält sie an einem Ort fest, der groß genug ist, um die Frauen foltern zu können, ohne, dass die Nachbarn es mitbekommen, es könnte natürlich auch ein gut isolierter Keller sein. Dann ist mir aufgefallen, dass er höchste Präzision bei der Organentnahme walten lässt, wir suchen also jemanden, der im medizinischen Bereich tätig ist oder war, ein Student, der abgebrochen hat, wäre natürlich auch möglich… Jedenfalls genießt er es, diese Frauen zu dominieren, er muss demnach schon mal polizeilich aufgefallen sein, da seine Persönlichkeit sehr stark ausgeprägt ist. Die Art und Weise der Folter weist auf einen Täter hin, der sich schon mal mit alternativen Verhörmethoden befasst hat…"-„Der Meinung bin ich auch, nur frage ich mich, wieso er den Opfern bei lebendigem Leib und ohne Narkose Leber und dann Herz entnimmt. Wie können die Opfer das überhaupt überleben? Das Herz ist Dreh- und Angelpunkt des Kreislaufs…" Ich antwortete: „Oder er entfernt das Herz direkt nachdem der Tod eingetreten ist… Klingt zwar grausam und eklig, scheint mir aber im vorliegenden Fall äußerst naheliegend…" Für den Rest der Fahrt schwiegen wir. Ich beobachtete Reid, der konzentriert auf den Verkehr achtete. Unser jüngstes Teammitglied hatte sich sehr verändert, er schleuderte nicht mehr so sehr mit Fachbegriffen um sich und versuchte auch nicht, andere zu verbessern oder seinen Senf dazuzugeben. Er war reifer geworden und einfühlsamer. Er schenkte dem ganzen Team seine Aufmerksamkeit, weshalb es ihm unmöglich entgangen sein konnte, dass es mir immer noch schlecht ging. Es wunderte mich, dass er meinen seelischen Zustand noch nicht angesprochen hatte, es schien, als wollte er abwarten, mir die Zeit geben, die ich benötigte, um damit fertig zu werden. Wieso tat er das? Was steckte hinter seiner Fürsorge und Freundlichkeit?

Der kleine bequeme Jet hob auf die Sekunde genau pünktlich ab. Jeder von uns studierte schweigend die mitgenommene Fallakte, was vollkommen ungewöhnlich war, denn normalerweise wurde im Flugzeug immer geredet. Als mir schließlich auffiel, dass sich alle außer Rossi und Reid sonderbare Blicke zuwarfen, reichte es mir. Ich schlug die Mappe zu und sprach: „Leute, was zur Hölle ist mit euch los? Ihr behandelt mich, als wäre ich ein ansteckendes Virus… Ich verstehe ja, dass ihr nicht wisst, was ihr zu mir sagen sollt, aber das ist echt keine Lösung! Ich bin wieder da und nur das zählt. Was die Vorfälle von vor fünf Monaten betrifft, ich… ich wäre euch dankbar, wenn wir nicht darüber reden würden…" Der muskulöse Afroamerikaner Derek Morgan trat an mich heran, umarmte mich freundschaftlich: „Hey Mann… Es tut mir leid, ich hatte Angst, ich könnte etwas Falsches sagen… Du hast uns allen sehr gefehlt, Hotch… Ich verspreche dir, wenn irgendwas ist, wir sind alle für dich da! Wie heißt es doch so treffend bei den Musketieren? Alle für einen und einer für alle!" Die anderen entschuldigten sich ebenfalls, schienen außerdem froh zu sein, dass ich wieder einsatzfähig war. Nur David und Spencer schwiegen, beobachteten mich, sie ahnten bereits, dass ich eine Maske aufgesetzt hatte, dass mir das Arbeiten nach wie vor sehr schwer fiel. Bis zur Landung weihte ich alle in die Theorien ein, die Reid und ich im SUV besprochen hatten. Alle wirkten beeindruckt über meine Leistung. Wie immer teilten wir uns auf, Blake und Morgan sahen sich die Tatorte an, J.J. würde der Pathologie einen Besuch abstatten, während Rossi und Reid mit den Hinterbliebenen redeten. Ich sah für mich vor, aufs Revier zu fahren, um mit den örtlichen Behörden unsere Vorgehensweise abzuklären und die Berichte durchzuarbeiten, halt schlichte Büroarbeit, die ich eigentlich nicht mochte, aber die notwendig war, denn ich traute mir selbst noch nicht über den Weg. Auf diese Weise war ich dem Team von Nutzen ohne die Ermittlungen zu gefährden. Die FBI-Außendienststelle schickte uns vier pechschwarze SUVs, Baujahr 2013, also noch brandneu. Wir verabredeten uns für zwei Stunden später auf dem Polizeirevier. So fuhr ich also allein auf die Wache, die vermutlich nicht sonderlich begeistert war, vom Federal Bureau of Investigation unterstützt zu werden, doch der Befehl kam von ganz oben, da konnte niemand protestieren. Ich stellte den Wagen auf dem Parkstreifen ab, stieg mit eiligen Schritten die Treppe zum Bürogebäude hinauf. Drinnen erwarteten mich mehr als ein Duzend Polizisten, zum Teil sehr mies gelaunt. Verständlich, sie fürchteten, wir würden ihnen den Fall wegschnappen, tatsächlich waren wir nur hier um sie zu unterstützen. „Detective Sheridan, ich bin SSA Aaron Hotchner vom FBI, sie hatten mit meiner Kollegin telefoniert. Könnten wir uns in ihrem Büro weiterunterhalten?", begrüßte ich den Ranghöchstem höflich. Dieser sah mich finster an, geleitete mich jedoch in den hinteren Bereich, wo er ein einzelnes Büro besaß. Er bot mir nicht mal einen Stuhl an, das allein zeigte schon, wie wenig mein Team hier willkommen war. Ich erklärte sofort, um jeglichen Streitereien aus dem Weg zu gehen: „Hören Sie, Detective, wir sind nur hier, um Ihnen zu helfen! Wir schreiben Ihnen und Ihren Männern nicht vor, was Sie zu tun haben, Wir erstellen ein Profil und helfen dabei, den Täter festzunehmen… Nur was die Medien angeht, würde ich Sie bitten, noch nichts zu sagen, denn das könnte den Ermittlungen sehr schaden." Der Cop steckte sich eine Zigarette an, erwiderte misstrauisch: „Sie reden von WIR, aber ich sehe nur Sie. Wo ist der Rest Ihres Teams? Kommen die erst noch aus dem Urlaub oder haben sie nur verschlafen?" Ich schüttelte den Kopf, meine Stimme klang nun weniger freundlich, dafür hatte sie einen harten Unterton angenommen: „Sie wissen nicht, wie wir arbeiten… Unser Team hat sich aufgeteilt, um sich ein besseres Bild des Falles machen zu können! Sie können uns diesen Aufenthalt vielleicht schwer und unangenehm machen. Hier allerdings ein Wort der Warnung. Sollten Sie oder Ihre Männer, absichtlich oder nicht, das Leben meiner Leute gefährden, werde ich persönlich dafür sorgen, dass Sie wieder Streife laufen und dass der Fall dem FBI vollkommen übertragen wird! Habe ich mich klar genug ausgedrückt, Detektive? ...Dann können Sie mir ja jetzt zeigen, welche Schreibtische für uns reserviert sind, ein einzelnes Büro wäre nicht schlecht. Sheridan warf mir einen finsteren Blick zu, zeigte dann schweigend auf das Büro schräg gegenüber von seinem eigenen: „Es gehört Officer Coulson, aber so selten, wie er da hockt, wird es kein Problem sein, wenn Sie es während Ihres Aufenthaltes nutzen, denke ich!" Ich sagte nichts, wunderte mich jedoch schon, warum ein ganz gewöhnlicher Officer ein eigenes Büro hatte, das war normalerweise den Detektive oder Sergeant vorbehalten. Ich runzelte die Stirn, ich sollte mir ein Bild von diesem Mann machen, der offensichtlich kein Büromensch war. Ich fragte nach den Berichten, Fotos, Beweisen und Zeugenaussagen des Falles, die mir nur wenig später ins Büro gebracht wurden, es waren mehrere Kisten. Doch bevor ich mich auf den Serienkiller konzentrierte, analysierte ich den Polizisten, auf dessen Arbeitsstelle mein Team sich eingenistet hatte. Der kleine Raum war akribisch sauber und ordentlich, das könnte beim Militär durchgehen. Auf dem Schreibtisch standen keine Fotos, doch anhand von dem Adressbuch, das ich in einer der Schubladen fand, war er ein Frauenheld mit vier Ex-Frauen, vermutlich ohne Kinder. Das Bücherregal war vollgestopft mit Thrillers, Kriminalromanen und Geschichtsbüchern, die sich auf den Zeitraum des zweiten Weltkriegs beschränkten. Ich runzelte die Stirn. Was war das für ein Mensch. Ich zog eines der Bücher aus dem Regal, sofort entdeckte ich eine leere Flasche Whisky dahinter, daneben, eine noch halbvolle Flasche Brandy. Ganz klar, der Kerl war Alkoholiker. Wieso war dann immer noch Polizist. Die Vorschriften besagten doch, dass Cops, die während der Arbeit tranken, augenblicklich rausgeworfen werden sollten. Ich seufzte, das konnte ja heiter werden! Ich drehte mich um, da standen Rossi und Reid mit drei Bechern Kaffee vor mir. Wir setzten uns hin und ich berichtete ihnen über das Problem des NYPD mit uns, ich fügte hinzu, dass Officer Coulson, dessen Büro wir zur Verfügung gestellt bekommen hatten, uns noch Ärger machen würde. David meinte: „Als ob wir nicht schon genug Probleme hätten… Der Director sitzt uns im Nacken, die Presse nervt uns und jetzt auch noch das! Manchmal hasse ich unseren Job!" Dann verschwand er, um Det. Sheridan zu begrüßen und in Erfahrung zu bringen, welchen Anruf er gerade erhalten hatte. Ich nippte schweigend an meinem schwarzen Kaffee. Spencer konnte sich nun nicht mehr zurückhalten, weshalb er vorsichtig fragte: „Sag mal Hotch… Wieso tust du dir das an? Wir wissen beide, dass du noch nicht bereit für den Außeneinsatz bist, auch wenn das psychologische Gutachten das Gegenteil behauptet… Ich weiß, dass du nicht darüber reden willst, aber du kannst es nicht ewig aufschieben. Ich weiß, wie du dich fühlst… Vergiss nicht, ich habe Maeve verloren… Sieh mich an… Hast du eine Ahnung, wie sehr ich mir die Schuld daran gebe? Du hattest mich darum gebeten, die beiden im Auge zu behalten, doch als der Anschlag verübt wurde, war ich mit dem Team unterwegs nach Nappa, Kalifornien… Und dann wurdest du angeschossen, wärst fast draufgegangen, vermutlich wolltest du sogar sterben, und leugne es nicht, ich habe es in deinen Augen gesehen! Hast du auch nur einen Augenblick an uns, den Rest deiner Familie, gedachtet? Garcia wäre an deinem Tod zugrunde gegangen… Alex und Derek hätten dich blutig gerächt, bevor sie deswegen ins Gefängnis gewandert wären. Und J.J., ihr Mann Will und dein Patenkind Henry, sie hätten es vermutlich nicht wirklich verstanden, geschweige denn verkraftet. David hätte den Dienst quittiert, weil er dich nicht hätte retten können. Hotch, du bedeutest uns allen mehr, als du es dir je vorstellen kannst! Jeder einzelne von uns verdankt dir unendlich viel, du bist nicht nur unser Boss, unser mürrischer Unit Chief, sondern ein Freund, jemand, für den wir sterben würden… Du hast all diese Schicksalsschläge nicht verdient, doch du musst nach vorn blicken, nicht zurück! Nimm deine Zukunft in die Hand, mach was aus deinem Leben, damit Jack, Haley und Beth stolz auf dich sein können." Ich schwieg einige Minuten lang, dann bemerkte ich prompt: „Was ist mit dir? Du hast mir erzählt, was alle anderen gemacht hätten, wenn ich gestorben wäre, aber dich selbst hast du nicht weiter erwähnt…" Spencer wurde knallrot im Gesicht, fuhr sich durch sein fast schulterlanges Haar. Unser jüngstes Teammitglied öffnete den Mund, brachte jedoch keinen Ton heraus. Mir fiel auf, dass er zu schwitzen begann. Hatte er etwa Angst? Aber wovor? Und wieso? Er wich meinem durchdringenden Blick aus, drehte sich um und rannte hinaus. Doch bevor ich ihm folgen konnte, kehrten die anderen ebenfalls zurück und wollten Bericht erstatten. Dass Reid nicht anwesend war, schien niemanden zu überraschen, sie dachten vermutlich, dass er etwas überprüfen sollte. Ich räusperte mich: „Also, was haben wir?" Alex Blake erklärte: „Die Fundorte der Leichen sind immer in der Nähe der Straße, jedoch im Grenzgebiet der unterschiedlichen Banden. Der Täter sucht sich jedes Mal einen Ort aus, wo es häufig zu Auseinandersetzungen kommt, offenbar legt er großen Wert darauf, dass seine Opfer gefunden werden…" J.J. fuhr fort: „Der Coroner sagt, dass die Frauen mehrfach vergewaltigt wurden und sich nicht gegen die Organentnahme gewehrt haben, jede Leiche weist eindeutige Fesselspuren auf. Der Gerichtsmediziner tippt auf Handschellen oder leichte Ketten. Die Opfer starben, als er ihnen das Herz herausgenommen hat, vermutlich behält er die Organe als Trophäen…" Bevor wir fortfahren konnten, erschien Reid wieder im Raum, meinte mit fester Stimme: „Det. Sheridan lässt ausrichten, dass es einen neuen Leichenfund gegeben hat, in einer Sackgasse in Harlem, die örtlichen Behörden sind bereits informiert." Ich wandte mich an Derek: „Du und Spencer fahrt sofort los, sagt dem Detective, dass sie nichts verändern sollen!" Der Afroamerikaner nickte und eilte mit unserem jüngsten Teammitglied hinaus. Rossi hatte nichts wirklich Spannendes zu berichten. Es gab keine Gemeinsamkeit zwischen den Opfern, sie kannten sich nicht und waren in unterschiedlichen Gesellschaftsschichten aufgewachsen. Die jungen Frauen waren auch vom Charakter her vollkommen verschieden, so zumindest die Angehörigen. Da wir nichts entdeckten, setzten wir unser Computergenie Penelope Garcia an den Fall ran, sie sollte versuchen Verbindungen zwischen den Frauen herzustellen, vielleicht Gemeinsamkeiten finden, die wir auf den ersten Blick nicht sehen konnten. Anschließend arbeiteten wir uns gemeinsam durch die Kisten, die Sheridan mir gegeben hatte. So vergingen mehrere Stunden, bis unsere beiden Agents zurückkamen, sie hatten einige neue Erkenntnisse gewonnen. Der Mörder musste sich gut in der Gegend auskennen, da er die Orte erreichte, die Leichen ablegte und dann wegfuhr ohne gesehen zu werden. Auch passte er den Moment genau ab, wann es keine Zeugen gab. Der Täter fuhr vermutlich einen großen Geländewagen, da die Opfer nach dem Tod kaum bewegt wurden. Ansonsten gab es nichts, was uns weiter voranbrachte. Garcia meldete sich auch nicht bis zum Abend nicht, offenbar hatte sie keine neuen Erkenntnisse. So traf ich die Entscheidung, dass wir uns einige Stunden ausruhen sollten, da alle sehr erschöpft waren. Wir fuhren mit zwei der Wagen in unser Hotel, das die FBI-Außendienststelle für uns gebucht hatte. Die Zimmerverteilung war folgende: Alex und Jennifer, Derek und David, Spencer und ich. Ich war mir allerdings sicher, dass ich keinen Schlaf finden würde, denn seit dem Tod von Beth und Jack litt ich unter Alpträumen, weshalb ich so wenig wie möglich schlief. Es war zwar nicht gesund, aber so ersparte ich mir den Schmerz, ihren Tod immer wieder mitanzusehen.