Kapitel 2
An meinem ersten Abend in Forks bin ich schnell eingeschlafen. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, die Zeit so weit es geht heraus zu zögern. Doch es ließ sich einfach nicht vermeiden, in die Schule zu gehen. Der Wecker riss mich an diesem Montagmorgen unsanft aus dem Schlaf. Ich setzte mich auf und mein Blick wanderte als erstes hinüber zum Fenster. Doch meine Hoffnung auf Sonne verflüchtigte sich recht schnell wieder. In Phoenix wurde ich morgen von den ersten warmen Sonnenstrahlen geweckt. Eine Tatsache, die hier völlig unmöglich war. Seufzend rappelte ich mich auf und ging hinunter in die Küche. Auf dem Tisch fand ich einen Zettel.
Bin bei einem Vorstellungsgespräch. Ich wünsche dir einen erfolgreichen ersten Schultag!
Kuss,
Mom
„Vielen Dank auch.", murmelte ich und schlurfte zum Kühlschrank, um mir etwas Milch für meine Cornflakes herauszunehmen. Die Schule in Forks hatte ich nur ein einziges Mal von außen gesehen. Ich hatte in Erinnerung, dass sie sehr klein war. Sicherlich war es dort kein Geheimnis, dass eine neue Schülerin auftauchte. Ich war mir sicher, dass man hier genauestens bescheid wusste. Über alles. Ausnahmslos. Ich hatte keine Lust meine Schüssel zu spülen und stellte sie auf die Theke, um mich anschließend im Badezimmer zu verziehen. Das heiße Wasser in der Dusche entspannte mich ein wenig, doch sobald ich wieder mitten im Raum stand, überkam mich ein kalter Schauer, der mich Gänsehaut bekommen ließ. Ich ging in mein Zimmer um mich einzukleiden und entschied mich nach langem hin und her für einen braunen Pullover und eine graue Jeans, passend zu meiner Stimmung. Ich musste zugeben, dass ich mir von meinem Aussehen erhoffte, nicht besonders aufzufallen.
Ich hatte es nicht weit bis zur Schule, nahm dennoch vorsichtshalber einen Schirm mit. Das Wetter in Forks war einfach zu unberechenbar, als dass man sich trauen konnte, ohne Jacke oder Schirm das Haus zu verlassen.
Natürlich war es reines Wunschdenken, trocken anzukommen. Um genau zu sein war ich triefend nass. Ich atmete tief ein und betrat anschließend das Gebäude. Glücklicher Weise war alles ausgeschildert, sodass ich nicht nach dem Weg zum Sekretariat fragen musste. Davon abgesehen, war mir an diesem Morgen eh nicht besonders nach Reden. Zumal ich mir sicher war, dass ich um neugierige Begrüßungs- und Kennenlerngespräche nicht herum kam. Vorsichtig klopfte ich an der Tür des Sekretariats an und betrat den kleinen Raum. Er war beheizt und mit nur einem große Schreibtisch und einer Theke ausgestattet hinter der eine ältere Dame in diversen Akten herum wühlte. Als ich eintrat, schaute sie auf und setzte ein strahlendes Lächeln auf. „Guten Tag", begann ich, „ich bin..." „Bella Jordan", vollendete die Dame meinen Satz. Ihr Lächeln wurde breiter. Ich nickte. „Willkommen in Forks.", sagte sie. Na super. Dies war also der erste Willkommens Schwall. Gut, dass ich mich innerlich ein Wenig darauf vorbereitet hatte. „Also Bella, dieses Formular musst du von jedem deiner Lehrer unterzeichnen lassen." Die Sekretärin drückte mir ein gelbes Blatt in die Hand, auf dem alle Lehrer bei denen ich scheinbar Unterricht hatte verzeichnet waren. Hinter jedem Namen war Platz für eine Unterschrift. „Wenn du jede Stunde abgezeichnet hast, kommst du nach dem Unterricht wieder her und gibst den Zettel wieder ab." Ich nickte und beobachtete dann, wie die Sekretärin unter der Theke nach einem Plan der Schule kramte, sich dann einen Stift suchte und mit mir zusammen die kürzesten Wege von Klassenraum und Klassenraum durchging. Ich war positiv überrascht. Eines musste man den Menschen in Forks lassen. Sie waren sehr freundlich, aufgeschlossen und hilfsbereit, was sich in den nächsten Stunden durchaus bestätigte.
Meine erste Stunde war Geschichte. Dank des Plans fand ich den Raum schnell, klopfte zaghaft an und öffnete die Tür. Ich betrat den Raum und ging direkt auf den Lehrer Mr Bane zu. Nach einem kurzen Wortwechsel und zum Glück ohne den ganzen Vorstellungskram schickte er mich auf einen Platz in der Mitte am Fenster. Schnellen Schrittes bewegte ich mich dorthin und nahm sehr wohl war, dass mich gut zwei Dutzend Augenpaare anstarrten und verfolgten, bis ich an meinem Platz angekommen war. Ich hatte vorerst kein Interesse daran, von den anderen angestarrt zu werden, daher stütze ich meinen Kopf an meine Hand, sodass mein dunkles Haar sich wie ein Vorhang vor meine rechte Gesichtshälfte schob.
Von Konzentration war jetzt wirklich nicht mehr zu sprechen. Ich nahm mir vor, nach dem Schellen möglichst schnell den Raum zu verlassen, um mich eilig zu dem Raum zu begeben, in dem ich Englisch hatte. Doch – wie sollte es auch anders sein – es kam anders.
Es schellte und steckte ich eilig meinen Block sowie mein Geschichtsbuch in meine Tasche und hob diese schwungtoll von meinem Tisch. Alles was ich danach wahrnahm war ein lautes, reißendes Geräusch. Auf dem Boden lagen meine sämtliche Schulsachen. Ich nahm mich zusammen, um nicht loszuschimpfen, beschränkte mich stattdessen aufs genervte Augenrollen und begann sogleich alles wieder einzusammeln. Zeitgleich befand sich ein Mädchen mit blonden Haaren neben mir um mich bei meiner Aufsammelaktion zu unterstützen. „Hi", sagte sie, „ich bin Marielle", stellte sie sich vor. „Du musst Bella Jordan sein." Ich nickte wortlos und schenkte ihr ein kleines Lächeln. „Du musst sehr frieren.", scherzte sie. „Noch hält es sich in Grenzen.", entgegnete ich ihr und stand wieder auf. Marielle warf einen flüchtigen Blick auf meine Tasche. „Die ist wohl hin.", sagte sie lächelnd. „Ja, in der Tat", bestätigte ich, „was solls, dann muss ich eben auf meinen alten Rucksack zurück greifen." „Gefällt es dir in Forks?" „Das kann ich noch nicht genau sagen..." Immerhin war diese Aussage nicht gelogen. Nur, weil ich mich wochenlang vor diesem Umzug gesträubt hatte, war es nicht so, dass ich mir keine neue Meinung über Forks bildete. „Entschuldige mich, Marielle. Ich muss mich auf die Reise nach meinem Englischraum machen." Ich versuchte witzig zu sein, um die Situation etwas aufzulockern. Doch Marielle machte es mir mit ihrer Art sehr leicht. „Fein, dann können wir zusammen los", sagte sie überschwänglich, „ich habe auch Englisch. Dann kann ich dich direkt ein paar anderen vorstellen." „Nunja eigentlich wollte ich es erst einmal ruhig...." „ruhig angehen lassen?" Sie lachte. „Das wird hier nur leider nicht möglich sein. Alle wissen, dass du heute deinen ersten Tag hier hast. Ich fürchte, du musst das alles über dich ergehen lassen."
Sie hakte sich bei mir ein, als seien wir schon ewig beste Freundinnen und begleitete mich zu meiner nächsten Stunde. Irgendwie war ich froh, jemanden zu haben, an den ich mich scheinbar wenden konnte. So fühlte ich mich nicht ganz allein, wie ursprünglich geplant.
Die nächste Stunde verlief nicht anders als meine Geschichtsstunde. Auch hier wurde ich von allen Seiten angestarrt als ich zu meiner Lehrerin Miss Gregory ging, um mich ihr vorzustellen und meine Unterschrift abzuholen. Da neben Marielle kein Platz für mich frei war, nahm ich in einer der hinteren Reihen Platz, wo ich mich in Ruhe auf die bevorstehende Pause vorbereiten konnte. In dieser, da war ich mir sicher, würde ich mich fühlen, wie in einer Quiz Show. Und so war es.
Direkt nach dem Schellen wurde ich erneut von Marielle in Beschlag genommen und zur Cafeteria geleitet, wo sie mich zu einem runden, voll besetzten Tisch führte. „Hi Leute!", sagte sie, „das hier ist Bella Jordan aus Phoenix." Ich errötete als mich die fünf Personen am Tisch von oben bis unten neugierig musterten. Ein dunkelhaariger Junge fand als erstes seine Sprache wieder. „Hi Bella! Schön, dich kennenzulernen. Mein Name ist Jesse." Er schüttelte mir mit festem Druck die Hand und überließ den anderen das Wort. „Ich bin Jacky", sagte ein Mädchen mit scheinbar asiatischer Abstammung. „Setz dich doch." Mir war etwas wohler, als Sekunden zuvor und zögernd nahm ich Platz. „Hast du dich schon eingelebt?", fragte ein anderes Mädchen namens Elizabeth. „Ähm...noch nicht. Wir sind noch nicht so lange hier." „Wer ist wir?", entgegnete mir Jesse. „Meine Mutter, mein Hund und ich." „Dein Vater nicht?", fragte Marielle. Ich schluckte. „Nein, mein Vater nicht. Ich...ich kenne meinen Vater nicht." Betreten schaute Marielle auf ihr Tablett. Ich war nicht sauer auf sie. Schließlich konnte sie nicht wissen, dass es so etwas wie einen Vater in meinem Leben nicht gab. Ich kannte ihn wirklich nicht. Er hatte sich aus dem Staub gemacht, als meine Mutter mit mir schwanger war und sich nie mehr gemeldet. Vielleicht war es auch ganz gut so.
Der Rest der Pause verlief recht gesellig. Mit vielen Fragen, Aufklärungen über gewisse Lehrer und Hausaufgaben. Auch die nächsten Stunden verliefen reibungslos und zu meinem großen Glück ohne gewisse Vorstellungsreden vor der Klasse. Am Nachmittag machte ich mich auf den Weg nach Hause.
Ich war froh, etwas Ruhe zu haben, so konnte ich mir den ganzen Tag durch den Kopf gehen lassen um meine Gedanken zu ordnen. So richtig war ich noch nicht überzeugt von Forks, allerdings war ich mir sicher, dass Marielle, Jesse, Elizabeth und alle anderen es mir leicht machen würden, mich einzuleben.
