Teil 2

Krankenhaus, zwei Stunden später...
„Garret?", Jordan eilte mit besorgtem Gesichtsausdruck über den Flur auf den Mann zu, der im Moment nicht Boss, sondern Freund war. Und genau das wollte sie ihm jetzt sein – eine Freundin, die für ihn in einer seiner schwersten Stunden da sein würde.

Er schien sie erst gar nicht wirklich wahr zunehmen, noch zu erkennen. Er saß einfach nur da, mit den Unterarmen auf den Knien gestützt, hängendem Kopf und starrte den grauen Fliesenboden an.

Der Anblick von Renees Blut auf seinem Hemd und in seinem Gesicht löste ein beklemmendes Gefühl in Jordans Brust aus.

Sachte berührte sie ihn an der Schulter und er blickte sie aus seltsam leeren Augen an. So hatte sie Garret schon lange nicht mehr gesehen. Nicht einmal beim Tod seiner Mutter.

Jordan wusste was er durchmachen musste - erst vor einigen Monaten hatte sie ähnliches ausgestanden, als Woody von einem wahnsinnigen Copkiller angeschossen worden war. Trotzdem wusste sie, das sie ihm keinen Trost spenden konnte. Er war damit alleine und musste zurecht kommen. Den Schmerz konnte ihm keiner abnehmen, die Sorgen konnte man zwar teilen, aber die Angst blieb einem alleine.

„Garret? Alles in Ordnung", das war eine dumme und inhaltslose Frage, doch Jordan wusste nicht, was sie hätte sonst sagen sollen, um irgendwie die beklemmende Stille zwischen ihnen etwas zu lösen.

„Was denken Sie Jordan?", in Garrets Augen glänzte es feucht, und er presste seine Lippen hart aufeinander, um zu verhindern das die Tränen ihren Weg über sein Gesicht fanden und Jordan mit ansehen musste, wie seine gewohnte Stärke in sich zusammenbrach. Er musste stark bleiben, so war es immer gewesen.

Den Flur hinunter ging erneut die Tür auf und eine junge, blonde Frau kam mit einem Kleinkind auf dem Arm herein gestürzt. Sie wirkte aufgelöst und durcheinander. Als sie sich suchend und hilflos umblickte, stand Garret auf. Jordan sah ihm hinter her, als er auf die junge Frau zuging und mit ihr leise sprach. Alleine lassen wollte sie Garret mit neuen Problemen nicht und daher stand sie auf und trat auf die beiden zu. Garret nahm der Frau das Kind gerade mit den Worten:

„Ist schon okay, ich kümmere mich um ihn. Geben Sie ihn mir," ab und drückte ihn ein wenig fester als sonst an sich. Der Kleine war noch nicht einmal ein Jahr alt, viel zu unschuldig um zu begreifen, was passiert war, was das für ihn unter Umständen bedeuten konnte. Entsprechend uninteressiert war er, spielte mit seinem Dinosaurier-Plüschtier und wirkte nur etwas von der fremden Umgebung irritiert.

Erst als sich Garret wieder herumdrehte, um zurück zu Jordan zu gehen, wurde er sich bewusst, dass diese bereits hinter ihm stand. Er seufzte schwer.

„Keinen Kommentar bitte...,"

„Was denn," grinste Jordan und war froh, dass ihr alter Garret trotz dem Schockzustand noch da war. Sie lächelte das Kind auf Garrets Arm an und wurde mit einem kleinen Lächeln belohnt. „Steht ihnen gut," grinste sie frech. „Und - er ist süß – so etwas hätte ich Renee nie zugetraut...," sie lächelte Garret dabei an. Es war ein liebevolles Necken in Erinnerung an alte Feindschaft. Noch vor einem Jahr hätte diese Bemerkung eine Diskussion ausgelöst. Doch es war viel in den letzten Monaten passiert, das ein wenig diese alte Feindschaft zwischen den beiden Frauen besänftigt hatte. Das wusste sogar Garret.

Sie setzten sich wieder. „Wie heißt er eigentlich?"

„Palmer."

„Na das passt schon wieder eher zu Renee. Eigenwillig wie immer," Jordan reichte eine Blick zu Garret, um zu begreifen, dass er nicht in der Stimmung war, sich von Jordan aufheitern zu lassen. „Ich sag ja schon nichts mehr. Ich versuch doch eigentlich nur, sie aufzuheitern. Aber schon klar, ich schweige. Versprochen. Soll ich Ihnen den Kleinen etwas abnehmen..."

„Nein.. ist schon in Ordnung. Palmer sollte jetzt bei jemanden sein, den er kennt. Auch wenn er sich erst vor kurzem so richtig an mich gewöhnt hat," seufzte er wehmütig und nahm seinen Blick nicht von dem Kind. Er hatte Renees Augen, die von ganz alleine lächeln konnten, wenn sie wollten – er seufzte leise.

„Na ja, Sie werden ihn mit ihrer schlechten Launen und ihrem grimmigen Wesen auch angst gemacht haben..."

„Jordan, wollten sie nicht den Mund halten," fuhr Garret sie müde an und fügte sanfter hinzu. „Sie vergessen etwas – Abby, und sie mag mich noch immer. Also muss ich als Vater ja irgendetwas richtig gemacht haben," er stupste dem kleine Palmer gegen die Nase, was den Jungen zum Kichern brachte. Ein Geräusch, das angesichts der Stimmung ungemein lösend für die beiden Erwachsenen war.

„Und wie geht es jetzt weiter?", sagte Jordan vorsichtig, nachdem sie beide eine Weile schweigend die Wand gegenüber angestarrt hatten. „Nicht das mich das etwas angeht. Aber Sie sollten wissen... jetzt bin ich auch mal für Sie da. Und bevor wir jetzt ganz sentimental werden," wertete Jordan gleich ihre Worte selbst ab. „Sie sollten sich vielleicht waschen gehen, bevor Palmer doch noch Angst vor Ihnen bekommt."

Mit der freien Hand langte sich Garret langsam und steif an die rechte Wange, als würde er sich erst jetzt wieder daran erinnern, was vor nicht mal einer Stunde passiert war. Dann nickte er. „Einverstanden. Würden Sie jetzt doch..."

„Na klar, komm her Palmer... Tante Jordan passt schon auf dich auf."

„Tante Jordan?," Garret brachte ein kleines Schmunzeln zustande, was Jordan mehr das Herz brach, als das es sie erfreute, denn seine Augen blieben dabei leer. „Palmer," Garret ging vor Jordan und dem kleinen in die Knie. „Sei schön brav. Ich komme gleich wieder." Palmer lächelte ihn ohne zu verstehen an und klatschte ihm mit dem Dino-Plüschtier ins Gesicht.

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Das Gesicht, das ihm kurz darauf im Spiegel entgegen blickte, war ihm sonderbar fremd. Es war blas, einige Jahre älter, als gewöhnlich und müde. Unendlich müde.
Die roten, getrockneten Spritzer auf der Wange, die sich kaum abwaschen ließen, vermengten sich im Becken mit dem Wasser und färbten es rot. Bei diesem Anblick verkrampfte sich Garrets Herz. Es war als wäre ein schwerer Eisenring darumgelegt worden, der schwer drückte, ohne das man sich davon befreien konnte.

Als sich Garret wieder aufrichtete, tropfte Wasser von seinem Gesicht in das Becken und auf sein Hemd, das er sich gerne einfach vom Körper gerissen hätte. Das viele Blut daran war nur eine schmerzhafte Erinnerung mehr. Es war schwer hinzunehmen, dass ihn der Spiegel daran erinnerte, was vor fast einer Stunde sein Leben verändert hatte. Er wollte nicht daran denken, wollte nicht den Tränen Vormarsch gewähren und vergrub sein Gesicht in den nassen Händen, als er sie nicht mehr zurückhalten konnte.

Es hatte doch noch so vieles gegeben, was er Renee hatte sagen wollen. So vieles, was sie niet geklärt hatten, so viele Dinge, die sie noch gemeinsam hätten tun können, Dinge die sie nie angesprochen hatten...

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Als Garret endlich aus dem Waschraum zurück zu Palmer und Jordan kam, war sein Gesicht zwar gesäubert, doch die roten, noch immer feucht glänzenden Augen gaben bereitwillig Auskunft über seinen Zustand.

Ehe sich Garret setzen konnte, ging eine Tür auf und ein Arzt in einem Operationskittel kam heraus. Garret sah ihm ausdruckslos entgegen. Die Angst vor schlechten Neuigkeiten, ließ ihn nicht hoffen.

„Dr. Macy?"

„Ja?"

Der Arzt machte für Jordans Geschmack ein viel zu weiches Gesicht. Meist überbrachte man so die schlechten Neuigkeiten. Ob sie Palmer die Ohren zu halten sollte? Wie viel verstand so einer kleiner Knirps schon? Meine Güte, stöhnte sie auf, hatte sie vielleicht Probleme....

Der Arzt legte Garret eine Hand auf die Schulter und nickte ihm mit einem plötzlichen Lächeln zu. „Es ist alles gut gegangen. Sie können in einer halben Stunde zu ihr. Die Operation ist ohne Komplikationen geglückt. Die Kugel hat nur um wenige Zentimeter die Lunge verfehlt und ist zwischen Herz und Lunge..."

Den Rest hörte Garret nicht mehr, als er vor Erleichterung sich gegen die Wand lehnte und die Augen schloss... sie würde weiter leben, es ging Renee so weit gut... mehr hatte er gar nicht hören wollen.

„.. sie wird natürlich von der Narkose noch geschwächt sein. Unter Umständen wird sie Sie vielleicht nicht einmal erkennen. Das dauert ein paar Tage. Also bleiben Sie nicht länger als nötig."

„Sicher, natürlich," stammelte Garret erleichtert und ging mit einem breiten Lächeln zu Jordan zurück, um ihr die Neuigkeiten mitzuteilen.

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Die halbe Stunde wurde zur Qual. Palmer begann zu quengeln und seine Art nach seiner Mutter zu betteln, brach Garret erneut das Herz. Wie brachte man einem nur mehrere Monate altem Kind bei, dass die vertraute Person, die man brauchte nicht in der Nähe war? Dass sie für eine lange Zeit nicht in der Nähe sein würde? Jordan, die das Krankenhaus immer erdrückender empfand, obwohl sie gute Nachrichten bekommen hatten, bot sich als Babysitter an. Ein Spaziergang im Park, ein Spielplatz.. etwas würde sie schon für Palmer finden. Garret war von dieser Idee nicht besonders begeistert. Jordan hätte er nicht einmal einen Goldfisch anvertraut, aber er fühlte sich überfordert. Und viel mehr Möglichkeiten gab es nicht. Keine Verwandten von Renee, die da gewesen wären, keine Freunde, nur Kollegen... also gab er den leichten Versuch eines Protestes auf und schickte Jordan mit Palmer los.

Garret wusste nicht, wie oft er inzwischen den Flur rauf und runter gelaufen war, aber langsam verlor er die Geduld. Sein nervöser Blick auf die Uhr half dabei natürlich nicht besonders.

Als kurz vor der abgelaufenen Zeit eine Schwester von der einen Seite des Flurs auf die andere lief, hegte er Hoffnung, doch sie wollte nichts von ihm. Garret musste weiter warten.

Wieder ging die Tür auf, doch diese Mal war es weder eine Schwester noch ein Arzt, sondern Woody. Der Detective kam mit einem besorgten Gesicht auf Garret zu geeilt.

„Wie sieht's aus?"

„Ganz gut," lächelte Garret, obwohl er noch vor einer halben Stunde geglaubt hatte nie wieder lächeln zu können. „Ich darf gleich zu ihr. Also fassen sie sich kurz."

„Oh natürlich," Woody griff in seine Innentasche und holte ein Plastikbeutelchen heraus mit einer Gewehrkugel darin. „Gleiches Kaliber wie in allen anderen Fällen auch!"

„Andere Fälle? Ich glaube ich muss meine Worte zurück nehmen. Doch ausführlicher bitte."

„Hat Ihnen Renee nicht erzählt, dass sie Polizeischutz hatte, wegen all diesen anderen Fällen?"

„Welche andere Fälle," fragte Garret gewohnt ungeduldig. „Und bitte was?" Polizeischutz? Er hörte davon zum ersten Mal.

„Wegen ihrem Prozess? Nein?," Woody sah betreten Garet an, als er begriff, dass der Gerichtsmediziner wirklich keine Ahnung hatte. Gleichzeitig war er auch etwas verlegen. Es gab sicher Gründe dafür, dass die Staatsanwältin Garret dieses kleine Detail verschwiegen hatte. Mann, man, man... wenn das mal kein Ärger für ihn bedeuten würde. „Der Angeklagte hatte ihr mehrmals vor der Verhandlung Morddrohungen gemacht, wir konnten es nur nie beweise. Und als er heute morgen von der Jury freigesprochen wurde, waren wir uns nicht sicher, ob wir den Polizeischutz nicht hätten verdoppeln sollen."

„Offensichtlich wäre das ratsam gewesen," sagte Garret gereizt.

„Wir waren ja da, aber der Schütze konnte überall sein. Es ist jedenfalls das gleiche Kaliber, wie bei den anderen zehn Opfern. Es wird in der Ballistik gerade überprüft ob es dieselbe Waffe ist. Wenn ja, kriegen wir ihn dran."

Garret schwieg auf einmal und seine Augen wanderten zum Fenster hinter ihnen. Woodys Worte lösten ein merkwürdiges Gefühl in ihm aus.... Schuld. Hatte er schuld an dem ganzen, weil er heute Morgen sich nicht ganz an das gehalten hatte, was er und Renee für seinen Gerichtsauftritt abgesprochen hatten? Weil ihm einmal mehr der Drang zur Ehrlichkeit dazu getrieben hatte, ihr Steine in den Weg zu legen, auch wenn er wusste, dass der Angeklagte ein Drecksschwein war, der Lebenslänglich verdient hatte?
Und jetzt, da es eine Jury-Entscheidung war, konnte ihn Renee nicht erneut wegen den Morden anklagen. Er hatte ihr den gesamten Fall ruiniert, das letzte was sie getan hatten war darüber zu streiten... Er wollte nicht näher darüber nachdenken, aber es war zu spät. Die Schuld und der Gedanke daran nagten an seinem Gewissen.

„Dr. Macy?", die Stimme des Arztes ertönte von der Tür und Garret fuhr herum. Er hatte ihn gar nicht gehört. „Sie können jetzt kommen."

„Sie entschuldigen, Woody?", Garret wartete keine Antwort ab, sondern ging dem Arzt nach. Er war voller Ungeduld und doch fühlte er sich nicht mehr ganz so beschwingt und erleichtert, wie er vor den Neuigkeiten von Woody gewesen war.

Sie schritten über einen anderen Flur in eine ruhigere Abteilung im Krankenhaus. Der Arzt zeigte ihm das Zimmer und ließ ihn dann alleine.

Unschlüssig stand Garret vor der Tür. Er wusste nicht was ihn dahinter erwartete, wusste nicht, ob er bereit war Renee ins Gesicht zu sehen, jetzt wo er wusste, was passiert war, jetzt wo er Dinge wusste, die sie ihm verheimlicht hatte und jetzt, wo er anfing sich an dem ganzen die Schuld zu geben...

tbc