Kapitel 2
Er hatte wieder geträumt. Von dem Tag, an dem er ins Meer gehen wollte und Cud ihn aus dem Wasser gezogen hatte. Als er aufgegeben hatte, weil er nicht mehr damit gerechnet hatte, je einen seiner Begleiter wieder zu finden. Sein Stolz gebrochen und er beinahe zum Verräter geworden war.
Seit Stunden brütete Blueface über den Millionen von Code-Zeilen, die von den neuen Lanteanern verändert worden waren. Aber er konnte sich nicht konzentrieren, genauso gut hätte er den Tag damit verbringen können, den Pflanzen im Biolabor beim Wachsen zuzuschauen. Trotzdem gab er vor, zu arbeiten. Gelegentlich lauschte er den mentalen Unterhaltungen der anderen Wraith an Bord, spürte Guides übermächtige Präsenz und wie sich alle seinem Willen beugten. Nur Snow besaß eine größere Macht, aber sie hielt sich zurück, überließ ihrem Gefährten das Planen der nächsten Schritte.
Wenn er wenigstens wüsste, was die Lanteaner verändert hatten! Dann könnte er unterbinden, was die Widernatürlichen selbst an ihrer Programmierung änderten. Wohl zum tausendsten Mal in den letzten Wochen rief er das Basisprotokoll des Widernatürlichen auf, das sie herunterladen konnten, bevor sie die Monstrosität zerstören mussten. Er atmete tief durch und startete eine neue Simulation. Blueface wusste langsam nicht mehr weiter. Alle seine Bemühungen drehten sich im Kreis.
Während unzählige Zahlen- und Zeichenkolonnen über den Bildschirm seiner Arbeitskonsole rollten, drifteten seine Gedanken zurück zu dem Gefühl, das er am Morgen beim Aufstehen hatte. Fast roch er das Salz in der Luft, spürte das Wasser auf seiner Haut brennen. Cuds Flüche, die ihm noch in den Ohren hallten. Und die Taubheit, die Kälte in seinem Inneren, die der Blade erst aus ihm herausschütteln musste, bevor er überhaupt reagiert hatte. Heute Morgen hatte er sich selbst davon befreien müssen. Wieder einmal.
Eine Berührung schreckte ihn auf und er fauchte instinktiv, woraufhin der junge Techniker, der ihn gestört hatte, sich furchtsam duckte. Blueface sammelte sich kurz, dann fragte er: „Was?"
„Sie werden von der Brücke gerufen, Sir", meinte der Techniker und zog sich zurück.
Blueface rief die Mitteilung auf und knurrte leise. Bepackt mit allem, was er benötigte, machte er sich auf den Weg zur Brücke. ‚Warum hat das so lang gedauert?', fragte Bonewhite ihn still bei seinem Eintreffen.
‚Ich war von einer Simulation abgelenkt', entgegnete Blueface und ging an die Arbeit. Erst vor zwei Jahren hatte man ihn angewiesen, den Subraumfunk auf die Frequenzen der Allianz einzugrenzen, der sie angehörten. Jedes Mal, wenn sie Kontakt mit anderen Hives oder Kreuzern aufnehmen wollten, mussten die Protokolle wieder geändert werden, von den Umbauten an den Verstärkern ganz zu schweigen.
Das Schiff war alt und es gab so schon viel zu viele Systeme, die beinahe nur noch durch gutes Zureden zu funktionieren schienen. So wunderte es Blueface wenig, dass er auch dieses Mal wieder auf allen Vieren hinter eine Verkleidung kriechen musste, um einige Schaltkreise zu überbrücken. „Wenn Sie Kontakt aufnehmen wollen, dann sollten Sie das jetzt tun, Sir…"
Guide, der auf seinem Platz im Hintergrund der Brücke gesessen hatte, trat vor und beugte sich zu dem Cleverman hinunter, von dem nur noch die Füße zu sehen waren. „Ich würde es vorziehen, dieses Gespräch in deiner Abwesenheit zu führen, Blueface."
„Dann werden Sie noch zwei Stunden mindestens warten müssen, bis diese Verbindung stabil genug gewachsen ist. Im Moment kann ich die Schwankungen von hier direkt manuell ausgleichen, Sir", entgegnete dieser und fluchte innerlich. Selbst wenn das Schiff die neue Verbindung schneller angenommen hätte, war es wohl nur eine Frage der Zeit, wann er den das Gerät wieder auszubauen hatte. Das Innere der Kommunikationskonsole war ihm mittlerweile vertrauter, als ihm lieb sein konnte.
Auch wenn er die mentale Unterhaltung zwischen Guide und seinem Hivemaster Bonewhite nicht genau verfolgen konnte, so schmeckte er doch das Misstrauen, das ihm die beiden entgegenbrachten. „Ihre Entscheidung, Commander. Aber viel schneller wird…"
„Nein, es ist gut", fiel Guide ihm ins Wort, „ich weiß um deine Verschwiegenheit."
„Wie Sie wünschen, Sir." Blueface justierte das Sensorpad, um den Verstärker maximal auszunutzen, auch wenn die zarten organischen Verbindungen des Schiffs zum Gerät noch nicht für eine reguläre Kommunikation ausgereicht hätten.
Einige Zeit versuchten die Drohnen auf der Brücke vergeblich, eine Verbindung aufzubauen und Guide wurde langsam ungeduldig, als Blueface endlich die richtige Frequenz fand. Der Cleverman konnte spüren, wie sich über ihm ein Bild aufbaute, sehen konnte er von seiner Position aus nichts.
„Guide, nehme ich an", ließ sich ein fremder Commander vernehmen und Blueface stellten sich die Nackenhaare auf.
Guide nickte und entgegnete: „Thorner, so weit ich informiert bin. Es freut mich, dass unser Angebot auf Interesse gestoßen ist."
„Meine Königin hat in Erwägung gezogen, sich der Primary anzuschließen. Und da wir besitzen, was die Allianz benötigt, war das wohl keine Frage", meinte Thorner lächelnd.
„Gut. Meine Clevermen arbeiten ununterbrochen an dem Problem. Jede weitere Information kann uns allen nur helfen." Guide blickte kurz zu Bonewhite hinüber, dann fügte er hinzu: „Wir sind in fünfzehn Stunden an den Koordinaten, die ich Ihnen übersende. Wann können Sie dort eintreffen?"
Es dauerte einen Moment, in dem die andere Mannschaft wohl ihre Berechnungen anstellte, bis Thorner antwortete: „Der Hive ist anderweitig gebunden. Aber ich werde mit einem kleinen Kreuzerverband aufbrechen und vielleicht zwei oder drei Stunden länger benötigen."
„Dann freue ich mich auf unser baldiges Zusammentreffen", sagte Guide glatt und ließ die Verbindung abbrechen. „Immer noch die gleichen Feiglinge", fluchte der Commander, „Nur niemals mit einem der kostbaren Hives irgendwo auftauchen! Ich schwöre dir…"
„Sir…", unterbrach ihn Bonewhite und wies auf Blueface, der immer noch hinter der Verkleidung der Kommunikationskonsole steckte. Da sonst nur Drohnen auf der Brücke zugegen waren, hatte der Commander den Cleverman völlig vergessen.
„Brauchen Sie mich noch?", fragte Blueface und schluckte.
„Nein, vorläufig nicht", antwortete Guide und runzelte die Stirn. „Wann sagtest du noch einmal, wären die Verbindungen vollständig ausgereift?"
„In ungefähr zwei Stunden, Sir." Blueface krabbelte aus der Konsole und verschloss sie sorgfältig, obwohl seine Hände zitterten. Nach einer angedeuteten Verbeugung verließ er beinahe fluchtartig die Brücke. ‚Sweep, ruf die anderen zusammen, wie auf Khieser, Spielzimmer mittlere Sektion, heute Abend.' Da er befürchteten musste, dass Guide und Bonewhite seine mentale Aktivität nun besonders überwachten, war es am Unauffälligsten, seinen Schlupfbruder zu kontaktieren, der als Wartungstechniker hauptsächlich mit den Kommunikationssystemen zu tun hatte.
‚Khieser' war ihr Codewort dafür, jeden der ehemaligen Flüchtlinge einzeln anzusprechen. So war es ihnen auf dem gleichnamigen Planeten damals gelungen, sich von den anderen Verfolgten abzusetzen, ohne Aufsehen zu erregen. Soweit sie wussten, war ihre kleine Gruppe auch die einzige gewesen, die letztendlich überlebt hatte. Umso schmerzlicher war es, noch einmal alle daran erinnern zu müssen. Es ist wieder wie früher, dachte Blueface und hätte seine Verzweiflung laut herausschreien können. Aber er riss sich zusammen, kehrte in sein Labor zurück und gab vor, zu arbeiten, als wäre nichts weiter geschehen.
Am Abend, als sie alle acht versammelt waren, begannen sie ein Würfelspiel und unterhielten sich flüsternd. „Und du bist sicher, dass er es ist?", fragte Heat und unterdrückte seinen Zorn auf den ehemaligen Jäger, der sie so hartnäckig verfolgt hatte.
„Guide nannte ihn Thorner und ich habe seine Stimme erkannt", antwortete Blueface und biss sich auf die Lippen. Von den an ihrem Tisch Anwesenden hatte er die meiste Zeit mit diesem Wraith verbracht, was allen nur zu bewusst war. „Wenn ihr mir nicht glaubt, in ein paar Stunden könnt ihr ihn selbst spüren, dann ist er nah genug."
„Wir glauben dir", flüsterte Cud, der als einziger mehr davon wusste, was Blueface zu erdulden hatte, als er von Thorner gefangen genommen worden war, „aber wir wollen es wohl alle nicht wirklich wahrhaben."
Betreten schwiegen die anderen und würfelten weiter. Dann fragte Morose: „Und was sollen wir jetzt tun?"
„Wenn er an Bord kommt, könnten wir ihn umbringen", brummte Swirl.
„Und wenn er auf dem Kreuzer bleibt? Selbst wenn wir mit den Darts angreifen, können wir ihn so nicht erwischen", raunte Tremble, „Außerdem traue ich Guide zu, dass er eher uns als die Kreuzer abschießt. Was immer Thorner hat, es scheint wichtig zu sein für die Allianz."
Blueface starrte vor sich hin, während die anderen verschiedene Möglichkeiten diskutierten, sich ihres ehemaligen Verfolgers zu entledigen. Dann sagte er leise: „Ihr werdet gar nichts tun. Er weiß nicht, dass wir hier sind. Wenn überhaupt, wird er wohl höchstens auf mich treffen. Guide sagte etwas von einem Problem der Clevermen, wozu Thorner neue Informationen hätte." Blueface wehrte den Widerspruch vom besorgten Cud ab und fuhr fort: „Er weiß nicht, dass ich euch wieder getroffen habe. Belassen wir es dabei. Haltet euch im Hintergrund, wenn alles gut geht, sehen wir ihn nie wieder."
„Ich würde dem Jäger auch lieber die Eingeweide rausreißen", sagte Locket und krallte sich in den Spieltisch, „aber Blueface hat Recht: er weiß nichts und je weniger wir uns zeigen, desto besser kann es für uns nur sein. Irgendwann kommt unser Tag und dann werden sie alle büßen müssen!"
Eine Weile lang spielten sie weiter, um den Schein zu wahren. Ihre kleine Gruppe war vielen nicht ganz geheuer und erregte immer schon leichtes Aufsehen. Vielleicht, weil ihre Verbundenheit so ungewöhnlich stark war, auch über die sonst üblichen Grenzen zwischen Blades und Clevermen hinweg. In unregelmäßigen Abständen trafen sie sich, zum Spiel, zum Beobachten der Wettkämpfe und bei vielen anderen Gelegenheiten, die der Hive bot, die eigenen Unterkünfte zu verlassen und anderen Wraith zu begegnen. Dennoch boten sie keinen alltäglichen Anblick.
Die Blades waren auch nach all den Jahrtausenden nicht bereit, ihre Rachegedanken aufzugeben, wollten sich aber zurückhalten. Sweep und Morose hatten beschlossen, sich fernab der Hauptgänge oder in ihren Quartieren aufzuhalten, solang die Gefahr bestand, jemandem von ihrem alten Hive zu begegnen. Mit gemischten Gefühlen suchte Blueface spät an diesem Abend sein Quartier auf und erschrak, als er einen Besucher bemerkte, der dort auf ihn wartete.
