Kapitel 2
Hermine warf lachend den Kopf zurück. Ginny hatte einen dermaßen versauten Witz über Malfoys „Zauberstab" gemacht, dass Hermine Angst hatte, sich vor Lachen in die Hose zu machen. Sie lachte so laut und gackernd, dass sich viele Köpfe in ihre Richtung drehten und Ginny mittlerweile über sie lachen musste. Prustend und hustend versuchte sie es zu unterdrücken. Ginny kramte derweil nach einem Taschentuch, vergebens. Hermine vermutete, ihre Wimpertusche hatte sich in Verbindung mit den Lachtränen südwärts verabschiedet. „Harry!" zischte Ginny halblaut. Harry unterhielt sich keine drei Meter weiter angeregt mit Neville. „Was denn?" flüsterte er zurück und sein Blick fiel auf Hermine. „Oje!" stieß er kichernd aus. Ginny zog das Stecktuch aus Harrys Jackett und fuhrwerkte sogleich damit in Hermines Gesicht herum. Nach kosmetischer Wiederherstellung bekam Harry sein vor wenigen Minuten noch weißes, nun mit schwarzen Baticflecken überzogenes Accessoire zurück. Er rümpfte die Nase und sagte zu Ginny gerichtet, unüberhörbar sarkastisch: „Danke, Schatz." Ginny verdreht die Augen, während Hermines Blick durch den Raum wanderte, unauffällig prüfend, ob der Fauxpas unbemerkt geblieben war oder nicht.
Ihr Blick blieb an Parvati und Lavender hängen, die intensiv am Büfetttisch tuschelten. Über sie? Wäre den beiden auf jeden Fall zuzutrauen. Hermine hatte die Zwei seit dem Schulabschluss nicht mehr gesehen. Harry hatte ihr erzählt, dass Ron wieder mit Lavender zusammen sei. Als sie Ron anschließend, in großer Runde, einmal wieder sah, wollte sie ihn nicht fragen und er redet nicht darüber. Es wurde zu einem totgeschwiegenen Thema zwischen den beiden. Lavender warf einen Handkuss nach rechts. Leicht angewidert von solchem Verhalten folge Hermine ihrem Blick. Sie sah Ron. Der nahm den Handkuss nickend zur Kenntnis.
Mittlerweile hatte sein Gefühlsleben vielleicht schon die Ausmaße eines Esslöffels, dachte sie lächelnd. Damals, als sie Harry und Ron verlassen hatte, Wochen nach dem eigentlichen Ereignis, realisiert sie, wie schmerzhaft es für sie war, von ihnen getrennt zu sein. Harry war wie ein Bruder für sie. Sie konnte sich immer auf ihn verlassen und er auf sie. Er war jemand, der wirklich jede blöde Marotte von ihr kannte und sie trotzdem mochte, sie unterstützte, sich hinter sie stellte. Wie Ron. Aber doch nicht ganz wie Ron…
Nachdem sie ihre Mutter und ihren Vater gefunden und den Vergessenszauber von ihnen genommen hatte, wollten ihre Eltern, dass Hermine bei ihnen blieb. Sie spürten, wie sehr die Ereignisse, über ihre Tochter kaum redete, sie mitgenommen hatten, und sie wollten ihr wieder Halt und Fröhlichkeit zurückgeben. Hermine wollte das auch. Die meiste Zeit zumindest. Aber sie hatte auch das Gefühl, dass etwas fehlte. Jemand fehlte.
Sie studierte an einer Muggeluniversität in London Journalismus und arbeitete seit ihrem Abschluss für das Magazin Wizards` World, welches neue wissenschaftlicher Erkenntnisse in der Zaubererwelt veröffentlicht. Ron sagte, er habe sich extra wegen ihr mal eine Ausgabe geholt und alle Artikel, die sie geschrieben hatte, gelesen, aber Hermine glaubte ihm das nicht. Sie hatte gelacht, weil sie dachte, er hätte einen Scherz gemacht.
Hermine hatte es mit der Liebe versucht, vielleicht etwas zu verbissen. Während des Studiums war sie mit einem Kommilitonen ausgegangen. Michael Walters stritt damals mit Hermine um die Führung bei den Prüfungsleistungen. Er war klug und sah gut aus und war scheinbar auch ernsthaft an ihr interessiert. Sie gingen aus und lernten zusammen, aber Hermine kam das alles zu bemüht vor. Sie fühlte sich, als könne sie ihm nicht ihr wahres Ich offenbaren und meinte damit noch nicht einmal die Tatsache, dass sie eine Hexe war. Monate nach der Trennung von Michael reiste sie nach Bulgarien, um dort einen wichtigen Wissenschaftler für magische Metamorphosen zu interviewen. Eher durch Zufall kam sie am Stadion vorbei und im Nachhinein wusste sie auch nicht mehr genau, was sie dazu bewogen hatte, einen Blick rein zu werfen. Quidditch fand sie nach wie vor uninteressant, es war vielleicht nur ein kleiner Funke Neugier, ihn eventuell wieder zu sehen. Die anschließende Affäre zwischen Hermine und Viktor war leidenschaftlich und wortkarg, so wie es zwischen ihr und Krum immer gewesen war. Die Liebschaft dauert genau so lange, wie sich Hermine geschäftlich in Bulgarien aufhielt. Nach der Hochzeit von Harry und Ginny spürte Hermine den starken Drang in sich, auch ein Stück von Kuchen der Großen Liebe abhaben zu wollen. Sie versuchte Internet- und Speeddating und ließ Freundinnen und Freunde Blinddates mit meist potthässlichen Typen arrangieren. Bis jetzt hatte sich kein echter Erfolg eingestellt.
Hermines Blick lag immer noch gedankenverloren auf Ron. Er schien das zu spüren, denn mit einem Mal drehte er sich zu ihr und sah sie an. Erschrocken wurde sie rot und wendete sich ab. Blitzartig kam ihr der Gedanke, dass diese Aktion ihm zu denken geben könnte, und sie guckte ihn schnell wieder in die Augen und winkte schüchtern. Er winkte zurück.
