Eins
House öffnete die Tür zum Untersuchsuchungsraum 2 und balancierte dabei seinen Stock und die Patientenakte geschickt in seinen Händen. Ein gespielt freundlicher Ausdruck lag auf seinem Gesicht.
"Mr. –", House warf einen verstohlenen Blick auf den Namen in der Patientenakte, "Green. Was ist Ihr Problem?"
Er holte einen nahestehenden Sitzhocker mit seinem Stock zu sich heran, ließ sich darauf plumpsen und sah den Patienten auf der Untersuchungsliege mit einem gelangweilten Gesichtsausdruck an.
Mr. Green verschränkte die Hände in seinem Schoß und atmete lang und tief ein. "Ich bin krank."
"Wirklich? Das ist etwas ganz Neues hier. Ich weiß nicht, ob ich schon so weit bin und Ihnen da helfen kann, aber vielleicht verraten Sie mir einfach, inwiefern Sie sich krank fühlen." House klappte die Krankenakte auf und hatte jetzt schon das dringende Bedürfnis, aus dem Behandlungsraum zu fliehen. Aber noch hatte er 45 Minuten Dienst vor sich.
"Ich fühle mich sehr krank."
House atmete hörbar laut aus. Das war genau die Art von Patient, die er jetzt nicht brauchte. "Können Sie mir Ihr Problem vielleicht genauer beschreiben?"
"Alles tut weh." Mr. Green sah House mit ausdruckslosen Augen an.
"Wie lange sind Sie denn schon sehr krank?", fragte House und überlegte, wie er dieses Spiel am schnellsten beenden könnte.
"Ziemlich lange."
House nickte und der Patient fühlte sich dazu animiert, im Takt mitzunicken. Als House aufhörte und ihn mit einem stechenden Blick ansah, hielt er jedoch wieder inne. "Wie lange ist ziemlich lange?"
"Lange halt."
"Einen Tag, eine Woche, einen Monat, ein Jahr?" House tippte seinen Stock ungeduldig auf dem Boden auf und schloss dabei die Augen.
"So in etwa." Der Patient neigte seinen Kopf leicht zur Seite und sah House weiterhin mit seinem unschuldigen Gesichtsausdruck an. House sah das aber nicht, denn er hatte die Augen vorsichtshalber immer noch geschlossen.
"Wie genau in etwa?"
"Naja, so eben in etwa."
House fühlte, dass eine Explosion—wahlweise vielleicht auch eine Implosion—kurz bevor stand und hielt seine Augen geschlossen. Um sich von der schlichten geistigen Beschaffenheit des Patienten abzulenken, rollte er mit seinem Hocker langsam hin und her. "Seit einem Tag?"
"Ja."
"Einer Woche?"
"Ja."
"Einem Monat?"
"Ja."
"Einem Jahr?"
"Ja."
Langsam wurde das Spiel langweilig. House versuchte, an etwas Schönes zu denken. Wo war nur Cuddy, wenn man sie mal brauchte? "Einem Jahrzehnt?"
"Ja, auch."
House öffnete abrupt seine Augen und starrte den Patienten mit dem verrückt gewordenen Blick eines Psychopathen an. Dieser erschrak kurz und lehnte sich ein Stück nach hinten.
"Ich habe Schwierigkeiten zu verstehen, wie lange genau Sie schon krank sind." Die Krankheit musste geistiger Natur sein; einzige Erklärung. "Könnten Sie da ein bisschen spezifischer sein?"
"Ich sagte doch schon, Doktor: ziemlich lange."
House sank wie ein nasser Waschlappen auf dem Hocker zusammen und seufzte laut. "Können Sie vielleicht schätzen?"
"Ich glaube, seit Henry geheiratet hat." Mr. Green kniff die Augen zusammen und überlegte angestrengt.
House stieß sich mit seinem Stock vom Boden ab und machte eine volle Umdrehung mit dem Hocker, bevor er wieder vor Mr. Green zum Stehen kam. "Oh, Henry! Ja klar. Wie geht's ihm?"
Der Patient lächelte ihm nur dümmlich entgegen. House entschloss sich, diesen Gedankengang abzubrechen und versuchte es mit einem neuen Weg, um herauszufinden, wo das Problem lag. Obwohl er sich inzwischen nicht mehr sicher war, ob er überhaupt noch wissen wollte, was das Problem war.
"Welche Medikamente nehmen Sie?"
"Eine kleine gelbe Pille, eine runde blaue und eine längliche weiße."
"Okay, Versuch fehlgeschlagen", sagte House zu sich selbst und sah dabei dem verwirrten Patienten in die Augen. "Irgendwelche Symptome?"
"Ich kann manchmal nicht schlafen."
"Ja, das kenne ich. Es gibt Leute, die rauben einem den Schlaf."
"Sie wissen also, was mir fehlt?"
"Sagen wir mal—", fing House an und wurde plötzlich durch die rasch auffliegende Tür des Untersuchungsraums unterbrochen.
Foreman steckte seinen Kopf in das Zimmer, nickte dem Patienten kurz zu und sah dann zu House. "Wir brauchen Sie. Ein neuer Fall ist gekommen."
"Sofort?", fragte House hoffnungsfroh.
"Ja." Foreman nickte und sah dann wieder zu dem Patienten, der ihn mit einem ausdruckslosen Gesicht ansah.
"Ja, Mr. Green, wie es aussieht, wird unser kleines Gespräch hier jäh unterbrochen. Aber ich bin mir sicher, ein anderer Arzt nimmt sich gerne Ihres komplizierten Falles an." Über das Gesicht von Mr. Green huschte ein kleiner, ängstlicher Ausdruck. "Ich werde sehen, ob unsere Krankenhausleiterin Dr. Cuddy höchstpersönlich für Sie Zeit hat."
House stand auf und ließ den Patienten im Zimmer zurück. Foreman folgte ihm bis zur Schwesterntheke, an der House die Patientenakte mit dem Vermerk, dass sie für Dr. Cuddy bestimmt sei, an die diensthabende Schwester übergab. Dann machte er sich mit schnellen Schritten auf zum Fahrstuhl und betätigte den Knopf mit dem Ende seines Stockes.
"Was gibt's?" Er sah zu Foreman hinüber.
"Weiblich, 24 Jahre, asiatischer Abstammung. Symptome sind druckempfindlicher Bauch, häufiges Nasenbluten, zeitweise Hörverlust, unerklärliche Ohnmachtsanfälle und Lähmungen, chronische Müdigkeit..."
House riss Foreman die Patientenakte aus der Hand und drückte ein weiteres Mal ungeduldig auf den Knopf des Fahrstuhls, bevor er einen Blick auf die erste Seite des Mysteriums warf.
