Jean ging auf dem schnellsten Weg zu Lisa, die, wie sie wusste, sich in ihrer Wohnung aufhielt, die im Nebengebäude lag. „Jean, nett, dass du mich besuchst! Ich habe gerade Kaffee fertig, magst du welchen?" Lisa nippte an dem heissen Getränk. Jean schüttelte den Kopf. „Du solltest dich setzen, Lisa!" Sie sah Jean erstaunt an. „Wieso, was ist los?" – „Logan.......er ist wieder da......"

Jean konnte förmlich sehen, wie bei Lisa alle Farbe aus dem Gesicht wich. Die Kaffeetasse fiel klirrend zu Boden, die braune Flüssigkeit ergoss sich über die Fliesen. Mit einem Schritt war Jean bei ihr, packte sie am Arm und drückte sie ins Sofa. „Aber.......aber......wieso?" Lisas Stimme war ein einziges Krächzen, in ihrem Inneren tobte ein Aufruhr, den sie nicht im Entferntesten beschreiben konnte. Nachdem Logan damals verschwunden war, fiel sie in ein tiefes Loch, verfluchte jeden Mann und ihn im Besonderen. Irgendwann hatte sie sich damit abgefunden, dass er nicht zurückkam – und sie hatte Darius kennengelernt, mit dem sie inzwischen ein Paar geworden war. Ihre Hände zitterten und sie sah Jean mit einem Blick an, der an ein waidwundes Reh erinnerte. „Wieso?" flüsterte sie wieder.

Plötzlich sprang sie auf, ihr erster Schock schien in Wut umzuschlagen. Ihre Augen funkelten. „Dieser Mistkerl!" sie schrie es fast, „ich werde ihm erzählen, was ich von ihm halte, ich werde........." sie hielt inne, als sie Jeans abwesenden Blick bemerkte. „Was ist?" Jean lächelte. „Nur eine Nachricht vom Professor. Er erwartet uns alle heute abend zum Essen. Sozusagen als Wiedersehensfest für Logan." Lisa lachte kurz und hart auf. „Ich glaube, ich werde an diesem Essen nicht teilnehmen." „Doch, wirst du!" Jean sah sie eindringlich an. „Oder willst du allen zeigen, wieviel er dir noch bedeutet, indem du vom Essen fern bleibst?" Lisa wusste, das Jean recht hatte.

Nachdem sie nach Jeans Besuch ruhelos in ihrer Wohnung umher gewandert war, versuchte sie sich wieder auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Es gab noch genügend Papierkram zu erledigen und sie musste dringend ins Hauptgebäude, wo ihr Büro lag. Sie hatte Angst. Angst, ihm zu begegnen, Angst vor ihrer Reaktion.......aber da musste sie durch. Sie trat in die Halle, wandte sich den Gang nach rechts entlang und stockte plötzlich, als eine ihr nur zu gut bekannte Stimme ihren Namen rief. „Lisa!" Sie schloss für einen Moment die Augen, atmete tief durch. Warum hatte nur er diese besondere Gabe, ihren Namen so auszusprechen, dass ihr jedesmal wieder eine Gänsehaut über den Rücken lief? Sie drehte sich langsam um, sah die hochgewachsene Gestalt ein paar Meter vor ihr. Oh ja, das war er – und er hatte sich nicht verändert. Immer noch die gleichen Klamotten, dieselbe, alte Lederjacke, in der sie so oft ihr Gesicht gedrückt hatte, um seinen Geruch zu atmen. „Guten Tag, Logan," sie hoffte, ihre Stimme klang einigermassen normal, denn in ihrem Kopf tönte sie wie eine piepsige Maus, die in der Falle gefangen war. Er kam auf sie zu und sie wich automatisch ein paar Schritte zurück. Nur zu gut hatte sie in Erinnerung, welche Anziehungskraft seine Nähe auf sie ausübte, und sie hatte sich geschworen, dass er sie nie wieder berühren würde.

„Lisa......"er stand jetzt dichter vor ihr, bohrte seinen Blick in ihre Augen. „Lass mich in Ruhe, Logan!" – „Bitte, lass mich erklären......." – „Ich will keine Erklärung!" jetzt klang ihre Stimme wütend, und verletzt. „Es war Erklärung genug, als du vor 2 Jahren einfach verschwunden bist!" – "Bitte, ich will........" – "Was du willst, interessiert mich nicht!" aus ihren Augen schienen kleine Blitze zu schiessen, „meinetwegen verschwinde wieder!" Er griff nach ihr, packte sie am Arm. „Das ist nicht dein Ernst, oder?" Sie schaute ihn mit grossen Augen an, empfand diese kleine Berührung als dermassen intensiv, dass sie für einen Moment keinen klaren Gedanken fassen konnte. „Lass.mich.los." mühsam betonte sie jedes einzelne Wort. Er liess sofort von ihr ab. „Und bitte," ihre Stimme klang nun fast flehentlich, „fass mich nie wieder an- nie wieder!" Sie drehte sich um und ging. Sie flüchtete in ihr Büro, liess sich dort auf den Sessel fallen und weinte Tränen der Verzweiflung.

Weiber! Logan war wütend, auf sich, auf Lisa, auf alles. Da kommt man zurück und das ist auch nicht richtig! Aber er wusste, dass es so nicht stimmte. Er hatte es sich zu leicht gemacht und hoffte, es würde weiterhin leicht sein. Aber so war es nicht und er würde kämpfen müssen, wenn er Lisa zurückhaben wollte.
Als es Zeit für das Abendessen wurde, füllte sich der gemütliche Raum mit fast allen Hausbewohnern. Logan wurde freundlich, aber von vielen auch distanziert begrüsst. Anscheinend nahm man ihm sein damaliges Verschwinden sehr übel. Er wusste, dass seine Freunde recht hatten. Im Gegensatz zu ersten Begegnung mit Lisa am Nachmittag, wo er seine weichere Seite gezeigt hatte, benahm er sich nun wieder wie der alte Logan.....mega cool, was sonst! Lisa hatte gehofft, weit weg von Logan zu sitzen, aber den Gefallen tat er ihr nicht, sondern er setzte sich genau neben sie. Lisa war sich seiner körperlichen Anziehungskraft sehr bewusst und sie bekam kaum einen Bissen hinunter.

Irgendwann sprach er sie an. „Wie geht es dir?" wollte er eher beiläufig wissen, „ich habe vorhin gar nicht danach gefragt." Lisa legte ihr Besteck aus der Hand, schaute ihn von der Seite an und antwortete nur „Gut, danke". - „Ich habe gehört, du hast wieder einen Freund?" Lisa war auf der Hut, was wollte Logan von ihr? Sie nickte nur. „Bist du glücklich mit ihm?" seine Stimme klang leise und sein Blick war intensiv auf sie gerichtet.
„Na....natürlich!" stotterte Lisa und sie dachte, Darius ist ein fabelhafter Mensch, falls du das wissen willst, aber ansonsten kann er dir natürlich nicht das Wasser reichen! Das würdest du doch gerne hören, nicht wahr? Warum lässt Du mich nicht einfach in Ruhe, wie ich dich heute nachmittag gebeten hatte?

Sie griff mit leicht zitternden Händen nach ihrem Glas. Seine Gegenwart machte sie völlig nervös. Logan lächelte. Er war ein guter Beobachter und hatte das leichte Zittern ihrer Hände bemerkt. Wie gut, dass meine Körperbeherrschung besser ist, wie deine, dachte er amüsiert, ansonsten würde ich dich hier auf der Stelle nehmen......