Teil 1
Kapitel 1 – Wieder zuhause
Rastlos schritt Sonea in Rothens Wohnzimmer auf und ab. Ihre schwarze Robe wirbelte bei jeder ihrer Wendungen um ihren kleinen schlanken Körper, was ihr etwas Energisches, beinahe Zorniges verlieh.
„Wann werden sie mich endlich zu ihm lassen?", fragte sie ungeduldig. „Ich warte schon seit Tagen!"
Rothen saß in einem Sessel am Fenster, eine Tasse Sumi in der Hand. Seine Dienerin Tania war damit beschäftigt, den Staub von seinen Bücherregalen zu wischen. Bei Soneas Worten blickte sie erschrocken auf. Rothen wusste, sie fürchtete Sonea weniger auf Grund der schrecklichen Macht, über die sie gebot, als wegen ihrer momentan ständig wechselnden Temperaments.
Seit seine ehemalige Novizin wieder bei ihm wohnte, war Rothens Dienerin ihr gegenüber so herzlich und unbefangen, als wären die letzten Wochen nie geschehen. Wo andere ihr mit Furcht oder Misstrauen begegnet wären, glaubte Rothen Bewunderung in Tanias Stimme zu hören, wann immer sie sich mit Sonea unterhielt. Doch sobald Soneas Stimmung kippte, wurde seine Dienerin plötzlich übervorsichtig und ängstlich.
Tania war eine der wenigen, die Sonea noch ohne Furcht und Misstrauen begegneten, wusste Rothen. Viele Magier und Novizen, aber auch ihre auf dem Gelände der Gilde lebenden Angehörigen und die Diener, fürchteten die junge Frau, der Rothen sich vor so langer Zeit angenommen hatte. Und das aus gutem Grund: Sonea war eine schwarze Magierin. Sie besaß das Wissen, sich mit der Magie anderer zu stärken, bis sie um ein Vielfaches stärker als ein Gildenmagier war. Doch entgegen allen Befürchtungen verwendete Sonea diese Macht nicht für böse Zwecke, sondern um Kyralia vor feindlich gesonnenen schwarzen Magiern zu beschützen.
Nachdenklich betrachtete Rothen seine ehemalige Novizin. Ihr Gesicht wirkte blass und angespannt, was von der Farbe ihrer Robe unterstrichen wurde. Zwischen ihren Augenbrauen hatte sich eine steile Falte gebildet, die sie gleichsam nachdenklich und grimmig wirken ließ. Hätte Rothen nicht den Grund für ihr Verhalten gekannt, so hätte er Sonea möglicherweise gefürchtet. Tatsächlich glaubt er jedoch, ihre Situation besser zu verstehen als jeder andere.
„Hab Geduld." Er hatte aufgehört zu zählen, wie oft er ihr dies in den letzten Tagen gesagt hatte. „Die Heiler werden dich bestimmt bald zu ihm lassen."
Sonea schnaubte.
„Das sagt Ihr andauernd. Allmählich fange ich an, es nicht mehr zu glauben." Sie hatte das Zimmer erneut durchquert und blickte ihn finster an. „Seit einer Woche warte ich auf eine Nachricht von den Heilern. Ich kann nicht schlafen, ich kann nichts essen – ich halte das nicht mehr aus!"
Sie warf ihre Arme in einem Anflug von Verzweiflung und Jähzorn in die Höhe. Tania zuckte kurz zusammen und wandte sich dann wieder Rothens Bücherregalen zu.
„Du wirst Akkarin erst besuchen dürfen, wenn er aufwacht", sagte Rothen unbeeindruckt von ihrem Ausbruch. Er bezweifelte, sie würde ihre neue Macht benutzen, um unbefugt das Heilerquartier zu betreten. Denn dafür fürchtete sie sich viel zu sehr vor den Konsequenzen.
In der einen Woche, die vergangen war, seit Sonea in dem Zimmer, das einst seinem Sohn gehört hatte, aus ihrer magischen Erschöpfung erwacht war, hatte sie Rothens Geduld auf eine harte Probe gestellt. Die meiste Zeit über war sie stiller und nachdenklicher, als Rothen es von ihr kannte. Doch dieser Gemütszustand konnte in wenigen Augenblicken in Ungeduld und Jähzorn kippen oder – was Rothen noch schwerer ertragen konnte – in Furcht und Besorgnis.
Dann wiederum war Sonea wie ausgewechselt und erzählte ihm von Akkarin. Es war offenkundig, dass dies ihr momentanes Lieblingsthema war, und Rothen ließ es mit aller Nachsicht wieder und wieder über sich ergehen, weil ihr das Reden gut zu tun schien. Wenn sie von Akkarin sprach, wirkte sie glücklich, ihre Augen leuchteten und ihr Gesicht war weniger blass. In solchen Stunden war ihre Stimmung nahezu ansteckend und allmählich begriff Rothen, warum sie sich zu diesem Mann so sehr hingezogen fühlte.
Nur wenige Wochen zuvor hätte ihn der Gedanke, dass die junge Frau, die wie eine Tochter für ihn war, eine intime Beziehung mit Akkarin, dem schwarzen Magier und ehemaligen Oberhaupt der Gilde, führen könnte, zutiefst entsetzt. Akkarin hatte Rothen wieder und wieder Gründe geliefert, ihn zu hassen und die meisten davon hatten mit Sonea zu tun.
Akkarin hatte ihm Sonea nicht nur weggenommen und mit ihrem Wohlergehen erpresst, er hatte sie verdorben. Sie hatte schwarze Magie erlernt, damit getötet – und sie war ihm gefolgt, als die Gilde ihn fortgeschickt hatte.
Zuerst hatte Rothen geglaubt, Akkarin habe sie dazu mit einer absurden Geschichte dazu manipuliert. Er und die anderen Magier hatten den Worten ihres Anführers erst Glauben geschenkt hatte, als es bereits zu spät gewesen war. Während schwarze Magie in Kyralia seit Jahrhunderten verboten war, bestand das benachbarte Sachaka aus einer Kultur schwarzer Magier, die über die nichtmagische Bevölkerung herrschten. Seit dem letzten Krieg war das Land isoliert und seine Bewohner schürten ihren Hass auf die Gilde, die einen Teil des Landes verwüstet hatte, um zukünftige Angriffe zu verhindern. Die Sachakaner hatten nie erfahren, dass die Gilde schwarze Magie zweihundert Jahre später verboten hatte und daher nie den Versuch gewagt, sich für die erlittene Niederlage zu rächen. Eine kleine Gruppe von Magiern, die als Ausgestoßene in den Ödländern Sachakas lebte, hatte indes die Wahrheit herausgefunden, als Akkarin das Land einst in einem Anflug von Abenteuerlust bereist hatte. Seitdem waren immer wieder einzelne schwarze Magier nach Kyralia gekommen, um die Gilde auszuspionieren. Akkarin hatte die Eindringlinge im Geheimen aufgespürt und getötet, was ohne das Wissen, sich mittels schwarzer Magie zu stärken, unmöglich gewesen wäre.
Die Offenlegung von Akkarins Geheimnis hatte einen Skandal ausgelöst, der bis über die Landesgrenzen hinaus gedrungen war. Und seitdem wussten die Sachakaner mit Sicherheit, dass die Gilde schwach war.
Enttäuscht und wütend über den Betrug ihres Anführers hatte die Gilde, anstatt die drohende Invasion ernstzunehmen, Akkarin seines Amtes enthoben und ihn in das Land ihrer Feinde verbannt. Sonea hatte eine zweite Chance erhalten, die sie jedoch wütend ausgeschlagen hatte.
Wenn Ihr den Hohen Lord Akkarin ins Exil schickt, müsst Ihr mich mit ihm schicken, hatte sie bei ihrer Anhörung erklärt. Denn dann ist er vielleicht noch am Leben und kann Euch helfen, wenn Ihr wieder zur Vernunft kommt.
Der König hatte ihre Rebellion nicht geduldet und sie ohne zu zögern ebenfalls verbannt.
Rothen hatte vergebens versucht, Sonea umzustimmen. Die Gilde schickt ihn in den Tod, hatte sie unter Tränen gesagt. Zu zweit haben wir eine Chance, wo einer scheitern würde. Die Gilde muss die Wahrheit für sich selbst herausfinden.
In den darauffolgenden Wochen war Rothen fast krank vor Sorge um seine ehemalige Novizin gewesen. Wenigstens habe ich erst hinterher von ihren Gefühlen für ihn erfahren, dachte er trocken.
Nur wenige Tage, nachdem die Gilde die beiden schwarzen Magier verbannt hatte, hatten sich Akkarins Prophezeiungen bewahrheitet. Erst da hatten die Magier begriffen, dass Akkarin die Wahrheit gesprochen hatte. Und auch Rothen hatte seine Meinung über den schwarzen Magier geändert. Wären er und Sonea nicht zurückgekehrt, um gegen die Invasoren zu kämpfen, dann würde die Gilde jetzt nicht mehr existieren.
Wenn Rothen daran dachte, was sie alles aufgegeben hatte und welche Gefahren sie überstanden hatte, um Kyralia zu retten, empfand er großen Stolz und Bewunderung. Mit ihrer üblichen sturen Entschlossenheit und ihren starken Moralvorstellungen hatte Sonea eine schwere, aber richtige Entscheidung getroffen.
Stirnrunzelnd trank er einen Schluck Sumi. Er wusste, wie leidenschaftlich Sonea für die Menschen einstand, die ihr am Herzen lagen. Nichts für Akkarins Genesung tun zu können, musste schwer zu ertragen sein. Rothen hatte mit angesehen, wie sie fast den Verstand verloren hatte, als Akkarin im Kampf gegen die letzten drei Invasoren vor den Stufen der Universität gestorben war.
Erst da war ihm gedämmert, dass ihre Gefühle für Akkarin weit über den Respekt vor seiner Person hinausgingen. So weit, dass ihr sehr leichtsinniger Versuch, ihn wiederzubeleben, Sonea selbst an den Rand des Todes gebracht hatte.
Ihr Anblick, wie sie versucht hatte, ihren Geliebten zu retten, hatte nie ganz verheilte Wunden wieder aufgerissen. Erst als die Sachakaner kurz vor Imardin gewesen waren, hatte Rothen begriffen, was Sonea dazu bewogen hatte, sich Akkarin anzuschließen. Aber er war auch sicher gewesen, das alleine konnte nicht der Grund sein, warum sein Tod sie dazu gebracht hatte, sich die Seele aus dem Leib zu weinen und mit einer solchen Sturheit darauf beharrt hatte, ihn retten zu können.
Die Erinnerungen daran, wie er Yilara hatte sterben sehen, und an die Hilflosigkeit und die Verzweiflung, die er empfunden hatte, weil die Heiler ihr nicht hatten helfen können, hatte ihn begreifen lassen, dass Sonea diesen Mann liebte. Die Bestätigung hatte er erhalten, als sie wenige Tage später in seinem Apartment aus ihrer magischen Erschöpfung erwacht war.
Sein Name war ihr erstes Wort gewesen, kaum dass sie die Augen aufgeschlagen hatte. „Wo ist er?", hatte sie Rothen gefragt. „Ich muss zu ihm!"
„Er ist noch im Heilerquartier", hatte Rothen geantwortet. „Aber die Heiler lassen niemanden zu ihm."
Ein gehetzter Ausdruck war in ihren Augen erschienen. „Warum?", hatte sie zu wissen verlangt. „Was ist mit ihm?"
Realisierend, dass es keinen Sinn machte, es ihr zu verschweigen, hatte Rothen ihr die Wahrheit gesagt. Behutsam hatte er ihr erklärt, dass Akkarin auch drei Tage nach der Schlacht noch nicht aus seiner magischen Erschöpfung erwacht war und dass seine Magie sich nur sehr langsam regenerierte. Die Kraft, die Sonea ihm gegeben hatte, hatte gerade ausgereicht, um ihm am Leben zu erhalten. Die Heiler wussten nicht, was sie mit ihm tun sollten, weil es so einen Fall in der Geschichte der Gilde noch nie zuvor gegeben hatte.
Seine Worte hatten sie schockiert und sie war kurz davor gewesen, in Tränen auszubrechen.
„Sonea, was ist in Sachaka passiert?", hatte er sie vorsichtig gefragt.
Sie war ihm ausgewichen, doch die plötzliche Röte auf ihren Wangen hatte genügt, um Rothens Verdacht zu bestätigen. Und nachdem er Stillschweigen gelobt hatte, hatte sie ihm schließlich alles erzählt.
Während Akkarin im Heilerquartier lag, hatte Rothen alles versucht, um Sonea aufzumuntern. Doch das wurde mit jedem Tag zu einer größeren Herausforderung, da Sonea sich gegen jegliche Art von Zerstreuung wehrte und Akkarins Gesundheitszustand unverändert blieb. Seit der Schlacht gegen die Ichani war Sonea nicht mehr sie selbst. Sogar einen Spaziergang durch den Wald des Universitätsgeländes hatte sie entschieden abgelehnt. Rothen glaubte, Sonea hätte nicht einmal in die Stadt gewollt, hätte die Gilde ihr erlaubt, das Gelände zu verlassen. Nein, sie wollte dort sein, wo sie Neuigkeiten über Akkarins Zustand sofort erfuhr.
Obwohl Rothen reichlich Erfahrung im Umgang mit schwierigen Novizen besaß, hatten die letzten Tage seine Geduld auf eine harte Probe gestellt. Sonea verhielt sich alles andere als erwachsen und vernünftig, so wie er es von ihr gewohnt war.
„Was, wenn er nie mehr aufwacht?", fragte Sonea zum wiederholten Mal, während sie den Raum erneut durchquerte.
Die steile Falte zwischen ihren Augenbrauen war verschwunden. Plötzlich wirkte sie sehr klein und zerbrechlich.
Rothen unterdrückte ein Seufzen. Das war Soneas größte Furcht. Und sie wuchs mit jedem Tag, den Akkarin nicht aufwachte. Sonea fürchtete, am Ende doch versagt zu haben. Aber es war mehr als das. Sie fürchtete eine ungewisse Zukunft. Sie war eine Ausgestoßene und verachtet und gefürchtet für die Macht, über die sie gebot. Ohne Akkarin würde sie damit völlig alleine sein. Aber da war auch bedingungslose Liebe. Rothen konnte es in ihren Augen sehen. Doch nicht selten schien sie deswegen den Tränen nahe, wenn auch sie in seiner Gegenwart niemals weinte. Er gab vor, es nicht zu bemerken, weil er wusste, sie würde jeden Versuch sie zu trösten zurückweisen. Es quälte ihn, ihren Schmerz mitzuerleben und nicht mehr tun zu können, als einfach nur da zu sein.
„Er wacht ganz bestimmt wieder auf", antwortete er ruhig und wünschte wiederholt, er könnte im Heilerquartier darum bitten, dass sie sofort benachrichtigt würden, wenn sich an Akkarins Zustand etwas änderte. Aber er war an das Versprechen gebunden, das er Sonea gegeben hatte. Er durfte nicht einmal den Verdacht erwecken, dass sie und Akkarin eine Beziehung führten, weil Sonea nicht wusste, ob das dem schwarzen Magier recht war. Rothen musste ihre Wünsche respektieren, wenn er ihr Vertrauen nicht verlieren wollte.
„Was, wenn sie nicht wollen, dass er wieder aufwacht, weil sie sich vor dem fürchten, was er dann tun könnte?", fragte sie.
Sie – das war die Gilde, die Sonea wieder zu ihrem Feind erklärt hatte. Es war wie damals, als die Magier nach ihr gesucht hatten und sie geglaubt hatte, diese wollten sie töten. Es hatte Rothen sehr viel Geduld und Kraft gekostet, Sonea vom Gegenteil zu überzeugen und sich den Magiern anzuschließen. Jetzt schien es, als stünde er erneut vor dieser frustrierenden Aufgabe.
„Vielleicht geben sie ihm ein Schlafmittel." Sonea hielt inne und ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen. „Dürfen sie das überhaupt?"
„Ich bezweifle, dass sie das dürfen", sagte er vorsichtig, um sie nicht aufzuregen. „Jeder Heiler muss einen Eid schwören, der sie oder ihn dazu verpflichtet, alles in seiner Macht stehende für die Genesung eines Patienten zu tun, egal welcher Herkunft oder Gesinnung er ist."
Offenkundig nicht überzeugt verfinsterte sich ihre Miene weiter und sie schnaubte erneut. „Vielleicht ist er auch schon seit Tagen wach, aber sie lassen mich nicht zu ihm, weil sie glauben, wir wollten die Gilde übernehmen."
Rothen stellte seine Tasse auf einen kleinen Tisch. „Sonea, das ist Unsinn", sagte er. „Und das weißt du auch. Wenn Akkarin aufwacht, wird sich diese Nachricht schneller in der Gilde verbreiten, als der Harrel flüchten kann. Glaub mir, wir wüssten es längst."
Trotzdem verstand er nur zu gut, warum Sonea die Gilde wieder als ihren Feind betrachtete. Sie fürchtete, man würde sie und Akkarin erneut verbannen oder ihnen noch Schlimmeres antun, weil sie es gewagt hatten zurückzukommen. Vergeblich hatte Rothen sie in den letzten Tagen vom Gegenteil zu überzeugen versucht. Nachdem die Gilde nur knapp der Vernichtung durch eine Handvoll schwarzer Magier aus einem feindlich gesinnten Land entronnen war, war sie auf Akkarin und Sonea angewiesen und es wurden bereits Maßnahmen und Gesetze diskutiert, die eine Wiederaufnahme der beiden ermöglichen sollten. Die endgültige Entscheidung würde in wenigen Tagen fallen. Rothen fand indes, selbst die konservativsten kyralischen Magier mussten einsehen, dass es töricht wäre, ihre Retter wieder fortzuschicken. Auch wenn Akkarin und Sonea in der Gilde auf wenig Gegenliebe stoßen würden, hielt Rothen es für unwahrscheinlich, dass sie zurück nach Sachaka mussten.
Obwohl er das Sonea wiederholt erklärt hatte, weigerte sie sich, ihm zu glauben. Offenkundig wollte sie momentan keine Vernunft annehmen.
Hoffentlich wird sie vernünftig, wenn die Heiler sie endlich zu Akkarin lassen, dachte er in einem Anflug von Resignation.
Und er hoffte, das würde bald sein.
Seit er zum Zweiten Botschafter der Gilde von Elyne ernannt worden war, war Dannyl nur aus gelegentlichen dienstlichen Gründen nach Imardin zurückgekehrt. Bei jedem seiner Besuche hatte er sich hier indes weniger zuhause gefühlt. Sein Freund Rothen vermochte daran nicht viel zu ändern. Ebenso wenig wie das betagte Ehepaar Yaldin und Ezrille, mit dem er und Rothen gleichsam befreundet waren.
In den zwei Jahren, die Dannyl in Elyne lebte, war sein Apartment unverändert geblieben. Die Apparatur, mit der er einst versucht hatte, Gedankenbilder dauerhaft auf Papier festzuhalten, nahm noch immer einen Großteil seines Wohnzimmers ein. Sein Diener hatte sie mit Tüchern abgedeckt, um sie vor Staub zu schützen. Während seiner Besuche hatte Dannyl sie kein einziges Mal angerührt. Der Dannyl, der einst so besessen von seiner Forschung gewesen war, schien ein anderer gewesen zu sein.
Ein Dannyl, der sich selbst verleugnet hatte.
Inzwischen saß Dannyl seit einem Monat in Imardin fest. Ursprünglich war er gekommen, um eine Gruppe von elynischer Rebellen, die versucht hatten Magie zu erlernen, zu überführen, war jedoch geblieben, um Kyralia gegen eine Invasion schwarzer Magier zu unterstützen.
Nach der Schlacht hatte Dannyl der Gilde geholfen, sich neu zu organisieren und die Aufräumarbeiten in der Stadt zu erledigen. Als Alchemist besaß er ein solides Grundwissen über den Hausbau mittels Magie, weswegen man ihm dem Wiederaufbau der Häuser im Inneren Ring zugeteilt hatte. Auch wenn Dannyl keine Häuser konstruieren konnte, war er auf diesem Gebiet versiert genug, um die Anweisungen der auf Architektur spezialisierten Magier zu verstehen und auszuführen, während die niederen Arbeiten von freiwilligen Helfern aus der Stadt erledigt wurden.
Heute jedoch hatte er sich einen Tag freigenommen, um seinen Assistenten und Gefährten zu besuchen, der bei Verwandten in der Stadt untergekommen war.
Dannyl seufzte. Tayend zu sehen, hatte ihm gut getan. Der Besuch hatte jedoch kurz ausfallen müssen. In Elyne, wo die Menschen freizügiger und toleranter waren, hätte sich niemand an ihrer Beziehung gestört. Wie in so vielen anderen Dingen waren Kyralier jedoch auch in sexueller Hinsicht konservativ und prüde, und das zwang Dannyl, seine Beziehung geheimzuhalten. Er wusste, wenn sein Geheimnis ans Licht kam, würde seine Karriere als Botschafter ein jähes Ende finden. Möglicherweise würde die Gilde in sogar zurück nach Imardin beordern und ihm verbieten, Tayend zu sehen. Von den gesellschaftlichen Folgen für sich und seine Familie einmal ganz zu schweigen.
Dennoch wollte Dannyl keinen Tag seines Lebens auf Tayend verzichten müssen. Lange Jahre hatte er seine Natur verleugnet, bis er schließlich aufgehört hatte, sich ihrer bewusst zu sein. Erst durch Tayend war dieser Bann durchbrochen worden und er hatte begonnen zu akzeptieren, was er war. Auch wenn Dannyl nun ein heimliches Doppelleben führte, hatte er diesen Schritt keinen einzigen Tag bereut. Indem er seine Natur angenommen hatte, war sein Leben so viel reicher geworden – als hätte er dadurch erst zu leben begonnen.
Hoffentlich schickt die Gilde mich bald zurück nach Capia, dachte Dannyl mit einem leisen Seufzen. Dort war es leichter, Zeit mit Tayend zu verbringen, ohne Misstrauen zu erregen. Doch Elyne war auch zu seinem Zuhause geworden. Das Land, das Klima und die Mentalität der Menschen passten besser zu ihm, als das kalte, verregnete Kyralia mit seinen strengen gesellschaftlichen Regeln. Dannyl fühlte, dass er nicht mehr hierher gehörte.
Es klopfte.
Dannyl streckte seinen Willen nach dem Türknauf aus und ließ die Tür aufschwingen.
„Herein!"
Ein Diener trat ein und verneigte sich respektvoll. „Botschafter Dannyl, Lord … Administrator Osen wünscht Euch in seinem Büro zu sprechen", teilte er ihm mit. „Das heißt im Büro des früheren Administrators Lorlen."
Anscheinend brauchen selbst die Diener Zeit sich an die vielen neuen Positionen in der Gilde zu gewöhnen, fuhr es Dannyl durch den Kopf.
„Hat er gesagt, worum es sich handelt?", fragte er.
Der Diener nickte. „Es geht um Euren Posten in Elyne."
Dannyl zuckte unmerklich zusammen. Früher oder später hatte er mit so etwas gerechnet. Hatte die Gilde von ihm und Tayend erfahren? War ihm auf dem Weg in die Stadt jemand gefolgt? Dannyl spürte, wie sich die Furcht um seine Eingeweide krallte. Es gab kaum etwas, das er mehr fürchtete, als wenn die Gilde ihn für immer nach Imardin zurückzubeordern würde, um ihn von Tayend zu trennen.
„Danke", sagte er. „Ich mache mich sofort auf den Weg."
Während er von den Magierquartieren zur Universität schritt, bereitete Dannyl sich innerlich auf das Schlimmste vor. Bleib ruhig, ermahnte er sich. Du weißt nicht, ob es wirklich um dein Privatleben geht. Vielleicht ist es wirklich rein offizieller Natur.
Als er eintrat, runzelte er überrascht die Stirn. Er hatte erwartet, bei der Niederlegung seines Amtes alle höheren Magier vorzufinden. Außer dem neuen Administrator der Gilde, Osen, fand er nur Lord Balkan – den inoffiziellen neuen Hohen Lord – und Auslandsadministrator Kito vor. Allerdings waren sämtliche Heiler und Alchemisten seit Tagen damit beschäftigt, die Folgen der Schlacht überall in der Stadt zu bewältigen, also vermutlich auch die Oberhäupter und Studienleiter jener Disziplinen. Auch Balkans Nachfolger fehlte, wofür er indes dankbar war.
Es war jedoch Rothen, den er in der kleinen Runde vermisste. Nachdem Lord Peakin die Nachfolge von Lord Sarrin als Oberhaupt der Alchemisten angetreten hatte, war Rothen auf seinen alten Posten gerückt. Obwohl Dannyl wusste, sein alter Freund kümmerte sich um seine ehemalige Novizin, fand Dannyl, Rothen hätte ihm in dieser finsteren Stunde beistehen sollen.
Administrator Osen wies auf einen freien Stuhl. „Botschafter Dannyl, bitte setzt Euch."
„Danke, Administrator", erwiderte Dannyl und setzte sich. Er nickte den anderen Magiern zu. „Hoher Lord, Auslandsadministrator Kito."
„Ich habe Euch herbeordert, um über Euren Posten als Zweiter Botschafter von Elyne zu sprechen", teilte Osen ihm mit.
Dannyl nickte.
„Als man Euch dieses Amt übertrug, war Euer Aufenthalt in Elyne nur für zwei Jahre ausgelegt. Im vergangenen Jahr wurde Euer Posten von Lor … meinem Vorgänger auf fünf Jahre verlängert …" Osen hielt inne und schloss die Augen.
Ein plötzliches Mitgefühl mit dem jungen Magier verspürend, erinnerte Dannyl sich daran zurück, wie er während der Schlacht auf einen völlig aufgelösten Osen getroffen war. Gemeinsam hatten sie versucht, den Administrator mit ihren bloßen Händen aus den Trümmern eines eingestürzten Hauses zu bergen, nachdem sie ihre Magie im Kampf gegen die Sachakaner erschöpft hatten. Dann war Akkarin wie aus dem Nichts erschienen und hatte die Trümmer mit Magie fortgeräumt. Er hatte Lorlen angeboten, ihn zu heilen, doch dieser hatte darauf bestanden, dass Akkarin seine Magie für die Sachakaner aufhob.
Mit Lorlen war einer der besten Administratoren gegangen, die die Gilde je gehabt hatte. Für Osen war er zudem auch ein Mentor gewesen. Dannyl konnte sich kaum vorstellen, wie dieser sich jetzt fühlen musste.
Als Osen seine Augen wieder öffnete und Dannyl direkt anblickte, hatte er sich jedoch wieder unter Kontrolle. „Die höheren Magier wünschen, erneut mit Euch über die Dauer Eures Amtes zu sprechen."
Dannyl zwang sich, ruhig zu bleiben. „Was genau heißt das?", verlangte er zu wissen.
„Botschafter Dannyl, Ihr seid hervorragend für dieses Amt geeignet", sagte Auslandsadministrator Kito. „In den vergangen zwei Jahren habt Ihr hervorragende Arbeit geleistet. Es ist Euch gelungen, den Konflikt um den Großen Clan Khoymar friedlich zu lösen, was auf Grund der Ausgangslage nahezu unmöglich schien."
Dannyl lächelte erfreut. „Vielen Dank, Kito."
Und jetzt kommt der schlechte Teil, dachte er. Es war wie in einem elynischen Drama.
„Die Gilde weiß zu schätzen, was Ihr in dieser Zeit geleistet habt", fügte Osen hinzu. „Und wir, die höheren Magier, sind zu der Ansicht gekommen, dass Elyne mitsamt seinen Menschen und ihre Sitten und Gebräuche, besser zu Euch passen, als Kyralia ..."
So kann man es auch ausdrücken, dachte Dannyl trocken.
„Elyne scheint Euch zu einem Zuhause geworden zu sein", fuhr Osen fort. „Und aus diesem Grund bietet die Gilde Euch an, Euer Amt auf Lebenszeit zu bekleiden. Neben Lord Rothen hat sich vor allem Lady Vinara dafür ausgesprochen. Bedauerlicherweise kann sie nicht hier sein, weil sie ins Heilerquartier gerufen wurde …"
Im ersten Augenblick begriff Dannyl nicht, was Osen da sagte. Dann dämmerte ihm, was das für ihn bedeutete. Er wäre fort aus dem kalten und ungemütlichen Kyralia und konnte die Arbeit fortführen, die ihm so viel Freude bereitete.
Und er konnte weiterhin mit Tayend zusammen sein.
„Botschafter Dannyl?"
Dannyl zuckte zusammen.
Der Administrator blickte ihn fragend an. „Habt Ihr irgendwelche Einwände?"
„Nein." Dannyl schüttelte den Kopf. „Im Gegenteil. Ich bin überrascht. Damit habe ich nicht gerechnet."
„Ihr habt es Euch verdient."
Dannyl lächelte. Das war eine sehr kurze Besprechung gewesen. „Ich danke Euch", sagte er. „Euch allen."
„Ich gratuliere." Balkan erhob sich und schüttelte Dannyl die Hand. „Auf eine gute Zusammenarbeit."
„Vielen Dank, Hoher Lord", antwortete Dannyl ein wenig zögernd. Balkan war bei weitem nicht so einschüchternd und ehrfurchtgebietend wie Akkarin. Er schüttelte unwillkürlich den Kopf. Obwohl Dannyl den schwarzen Magier bis ins Mark fürchtete, konnte er sich keinen anderen als Anführer der Gilde vorstellen.
Wer hätte jemals gedacht, dass ich es vermissen würde, den Hohen Lord zu fürchten?, dachte er mit einem Anflug von Erheiterung.
Auch Osen und Kito erhoben sich und gratulierten ihm.
„Botschafter Dannyl, habt Ihr noch Fragen?", erkundigte sich der neue Administrator.
Dannyl überlegte einen Moment. „Wann soll ich zurück nach Capia reisen?"
„Sobald die Gilde Euch hier nicht mehr benötigt", antwortete Osen. „Eure Anwesenheit wird jedoch bei der Beisetzung unserer Kollegen erwartet."
Dannyl rang sich ein Lächeln ab. „Dazu werde ich selbstverständlich da sein."
Als es an der Tür zu Rothens Apartment klopfte, zuckte Sonea zusammen. Sie hielt inne und blickte unsicher zur Tür ihres Schlafzimmers.
Jedes Mal, wenn jemand klopfte, hoffte und fürchtete sie, es wäre wegen Akkarin. Ohne den Blutring, den man ihr abgenommen hatte, während sie sich von ihrer magischen Erschöpfung erholt hatte, wagte sie es nicht, ihn zu rufen. Sie nahm an, man hatte Akkarin seinen Ring ebenfalls abgenommen, da sie nichts sehen konnte, wenn sie ihren Willen darauf richtete. Also musste sie darauf vertrauen, dass man ihr Neuigkeiten über seinen Zustand mitteilte.
Bis jetzt waren indes nur Leute gekommen, um ihr Fragen zu stellen. Darunter wiederholt die höheren Magier, aber auch Magier, mit denen Rothen befreundet war, einige ihrer ehemaligen Lehrer und sogar ihre Klassenkameraden. Sonea hatte es Rothen und Tania überlassen, sie fortzuschicken und hatte die Flucht in ihr altes Zimmer ergriffen. Sie hatte eine ziemlich gute Vorstellung davon, welcher Art diese Fragen waren und sie verspürte weder den Drang, über Akkarin, noch über ihre Zeit in Sachaka oder über die Ereignisse der Schlacht zu sprechen. Seit sie wieder in der Gilde war, hatte sie nur mit Rothen und hin und wieder mit Tania gesprochen. Nachdem sie anderthalb Jahre lang keinen Kontakt zu ihrem ehemaligen Mentor haben durfte, hatte die gemeinsame Zeit ihnen beiden gut getan. Sonea hätte nie für möglich gehalten, dass es so viel zu erzählen gab!
Als Rothen die Tür öffnete und Sonea einen Mann in einer grauen Uniform und der grünen Schärpe der Diener des Heilerquartiers erblickte, spürte sie, wie sich ihr Puls vor Furcht und Vorfreude beschleunigte.
„Ich habe eine Nachricht für Lady Sonea", sagte der Diener und verneigte sich. „Lady Vinara wünscht Eure Anwesenheit im Heilerquartier."
Soneas Herz machte einen Sprung.
Er ist aufgewacht!
Sie war schon fast an der Tür, als Rothen sagte: „Warte, ich begleite dich."
Ungeduldig beobachtete sie, wie er die noch halbvolle Tasse abstellte und sich erhob. Sie waren kaum auf den Flur getreten, als Sonea loseilte. Die Magier, denen sie begegnete, wichen hastig vor ihr zurück, doch Sonea ignorierte sie.
Den Weg zum Heilerquartier legte sie nahezu im Laufschritt zurück. Rothen hatte offenkundig Mühe, mit ihr mitzuhalten, doch es fiel Sonea schwer, die nötige Geduld aufzubringen. Die Aussicht auf ein Wiedersehen mit Akkarin war alles, was sie in den vergangenen Tagen am Leben gehalten hatte.
Sich an die Umstände, unter denen sie Akkarins Novizin geworden war, zurückerinnernd, konnte Sonea kaum glauben, dass sie ein Paar geworden waren. Noch vor anderthalb Jahren hatte ihn dafür gehasst, dass er sie von Rothen getrennt hatte, und sie hatte ihn gefürchtet, so wie auch sie nun gefürchtet wurde.
Obwohl Akkarin sich besser um ihre Ausbildung gekümmert hatte, als Rothen es je vermocht hätte, und Sonea es ihm zu verdanken hatte, dass sie über sich hinausgewachsen war, hatte sie sich ohne Rothen einsam gefühlt. Ihre Familie wohnte in der Stadt, doch Sonea hatte es nur einmal gewagt, sie zu besuchen, weil sie zu sehr gefürchtet hatte, Rothen und Lorlen würden die Gilde zusammenrufen und Akkarin unvorbereitet konfrontieren, wenn sie spurlos verschwand. Unter den Novizen hatte sie keine Freunde gehabt. Auch wenn diese ihr nicht übelgenommen hätten, dass ausgerechnet sie, das Mädchen aus den Hüttenvierteln von Imardin, Novizin des Hohen Lords geworden war, hatte Sonea ihre Distanz zu den anderen Novizen gewahrt. Jeder Mensch, der ihr nahe stand, wäre ein potentielles Opfer für Akkarin gewesen.
Dann hatte Akkarin sie in sein Geheimnis eingeweiht und Soneas Furcht und Ablehnung waren in Respekt und Bewunderung umgeschlagen. Sie hatte sich seinem Kampf gegen die Sachakaner angeschlossen, um Kyralia zu beschützen. Aber für ihn hatte sie auch alles aufgegeben und ihr Leben riskiert.
Erst im Nachhinein und nur widerwillig hatte sie begriffen, dass sie ihm bedingungslos ergeben war.
Sonea erschauderte. Sie hatte nie begriffen, was die anderen Magier einst so lange in ihrem Anführer gesehen hatten. Auch jetzt verstand sie nicht, was er an sich hatte, das diese Loyalität inspirierte. Irgendwie hatten ihre einstige Furcht und ihre aufkeimenden Gefühle sich zu etwas vermischt, was fremd und neuartig war und was sie nicht mehr missen wollte.
Das Oberhaupt der Heiler erwartete sie mit sauertöpfischer Miene in ihrem Büro. „Akkarin ist aufgewacht und wünscht dich zu sehen", sagte sie und musterte Sonea eingehend.
Sonea hielt ihrem Blick unbeeindruckt stand. „Geht es ihm gut?", fragte sie aufgeregt.
Die Heilerin schürzte die Lippen. „Gut genug, um bereits Forderungen zu stellen. Ich bringe dich zu ihm."
Sich fragend, was für Forderungen das waren, folgte Sonea der Heilerin auf den Flur. Lady Vinara schien jedoch nicht an weiteren Erklärungen interessiert und Sonea behielt ihre Fragen für sich, um nicht das Misstrauen der anderen Frau zu erwecken.
Sie stiegen hinab ins Erdgeschoss und schritten einen Korridor entlang, dessen Krümmung dem runden Grundriss des Gebäudes folgte. Auf ihrem Weg passierten sie Türen, hinter denen Behandlungs- und Krankenzimmer lagen. Der Geruch von Desinfektionsmitteln hing in der Luft und löste beklemmende Gedanken an Tod und Krankheit in Sonea aus. Spürend, wie Übelkeit in ihr aufstieg, zwang sie sich, ruhig zu bleiben und flach zu atmen.
Zwei Heiler kamen ihnen entgegen. Als sie Sonea erblickten, weiteten sich ihre Augen und sie eilten rasch weiter.
Schließlich blieb Lady Vinara vor einer Tür stehen, vor der zwei Krieger postiert waren. Beide sahen aus, als hätten sie erst kürzlich ihren Abschluss an der Universität gemacht.
Und beide wirkten nervös.
„Warum wird er bewacht?", verlangte Sonea zu wissen.
„Eine Vorsichtsmaßnahme, die Balkan angeordnet hat", antwortete Lady Vinara knapp.
Ungläubig schüttelte Sonea den Kopf. Hatten sie es denn noch immer nicht begriffen?
Die Heilerin bedeutete den Wachen, zur Seite zu treten und öffnete die Tür mit einer knappen Bewegung ihrer Hand.
Sonea zögerte. Seit Tagen hatte sie diesen Moment herbeigesehnt, doch nun schlug ihre Freude in Furcht um. Es war das erste Mal, das sie ihn sah seit … seit …
Was, wenn er nicht mehr der Akkarin war, den sie kannte?
„Geh nur", murmelte Rothen hinter ihr. „Ich werde draußen warten."
Lady Vinara trat in den kleinen Raum. Sonea folgte ihr mit wachsendem Unbehagen.
„Hier ist Sonea, so wie Ihr es verlangt habt", hörte sie Lady Vinara wie aus weiter Ferne sagen. Zögernd trat Sonea neben sie.
Akkarin lag in einem Bett, das an der gegenüberliegenden Seite des Raumes stand. Vor dem weißen Bezug der Decke und der Kissen wirkte er noch bleicher als sonst. Sonea stellte jedoch erfreut fest, dass er lächelte, als sein Blick auf sie fiel.
„Hallo, Sonea."
Sie erstarrte. Plötzlich wusste sie nicht, wie sie sich ihm gegenüber verhalten sollte.
Sie hatten nie darüber gesprochen, was sein würde, wenn sie wieder zurück in der Gilde waren. Sie hatten nicht gewusst, ob sie die Schlacht überlebten, oder ob die Gilde sie wieder aufnahm. Sie hatten nur wenige gemeinsame Tage gehabt, bis es passiert war und doch waren sie sich in dieser kurzen Zeit näher gekommen, als Sonea je für möglich gehalten hätte. Reichte das, was sie hatten, überhaupt für eine Beziehung? Die Frage quälte sie, seit sie in Rothens Apartment aufgewacht war.
Jetzt, wo sie Akkarin gegenüberstand, fürchtete sie die Antwort mehr als alles andere.
Doch solange Lady Vinara noch im Raum war, musste Sonea so tun, als sei sie noch immer seine Novizin.
„Es ist schön, Euch wohlauf zu sehen, Mylord", stammelte sie und verneigte sich ein wenig unbeholfen. Ihre plötzliche Unsicherheit kam ihr dabei zugute. Sie spürte, wie ihre Wangen heiß wurden, und hielt den Blick gesenkt, hoffend, dass Lady Vinara es nicht bemerkte.
Falls Akkarin ob ihres Verhaltens verwirrt war, so ließ er sich das nicht anmerken. „Lady Vinara, lasst mich mit Sonea allein", sagte er mit einer Autorität, die deutlich machte, dass dies keine Bitte war.
Die Heilerin runzelte die Stirn, erhob jedoch keinen Protest. „Ihr habt fünf Minuten."
Fünf Minuten?!
Schlagartig verschwand die Röte aus Soneas Gesicht. Sie öffnete protestierend den Mund, besann sich dann jedoch eines besseren. Sie durfte Lady Vinaras Argwohn nicht vergrößern.
„Fünfzehn Minuten", sagte Akkarin ruhig.
„Auf keinen Fall", widersprach Lady Vinara scharf. „Die halbe Gilde wartet seit Tagen darauf, Euch zu sprechen und Ihr müsst Euch noch schonen."
„Ich werde mit niemandem sprechen, bevor ich mich nicht vollständig von Soneas Wohlergehen überzeugt habe", erklärte Akkarin. „Ich bezweifle, dass fünf Minuten dazu ausreichend sind."
Lady Vinaras Blick verfinsterte sich und Sonea unterdrückte unwillkürlich ein Grinsen. Sie wandte den Blick ab, damit die Heilerin ihr Gesicht nicht sehen konnte.
„Zehn Minuten", sagte Lady Vinara. „Und keine Sekunde länger. Sonea, achte darauf, ihn nicht aufzuregen. Und er muss liegenbleiben."
„Ja, Mylady", antwortete sie.
Die Heilerin bedachte Akkarin mit einem letzten strengen Blick und verließ dann das Krankenzimmer.
„Du hast also niemanden von uns erzählt", sagte Akkarin, nachdem sich die Tür geschlossen hatte.
Das war keine Frage, sondern eine Feststellung.
„Nein", antwortete Sonea plötzlich verlegen. „Ich wusste nicht, ob du damit einverstanden bist. Wir … wir haben nie darüber gesprochen."
Akkarin schwieg.
„Das heißt, ich habe es Rothen erzählt", fuhr Sonea nervös fort. „Aber er hatte es schon für sich herausgefunden. Er wird es für sich behalten. Und Dorrien auch."
Er runzelte die Stirn. „So, Rothen also."
„Ich wohne bei ihm, bis die Gilde entschieden hat, was mit uns geschehen soll. Es macht dir doch nicht aus?" Nach allem, was zwischen ihnen geschehen war, konnte er unmöglich noch etwas dagegen haben, wenn Rothen sich um sie kümmerte.
„Nein. Sicher hattet ihr zwei einiges aufzuholen."
Sie sahen einander an. Sonea wusste nicht, wie sie seinen Gesichtsausdruck deuten sollte. Sie hatte das Gefühl, alles falsch gemacht zu haben.
Dann lächelte er unvermittelt.
„Sonea, komm her."
Eine Woge der Erleichterung durchströmte sie. Dennoch trat sie nur zögernd näher. Warum musste sie ausgerechnet jetzt wieder anfangen ihn zu fürchten?
Akkarin setzte sich auf und reichte ihr ein paar Kissen. „Sonea, kannst du die Kissen hinter mir aufstapeln?"
Sie nickte, legte die Kissen am Kopfende übereinander und hielt sie fest, damit er sich anlehnen konnte. Dann erinnerte sie sich an Lady Vinaras Worte.
„Aber du sollst doch liegenbleiben", sagte sie streng.
Akkarin lehnte sich zurück und schloss für einen Moment die Augen, als wäre diese Bewegung schon zu anstrengend gewesen. Als er sie wieder öffnete, erblickte Sonea darin ein vertrautes Funkeln. Er streckte einen Arm nach ihr aus und zog sie auf die Bettkante herab. „Ah, ich möchte nur ein wenig aufrechter liegen."
„Dann geht es dir also schon besser", bemerkte sie.
„Im Gegensatz dazu, tot zu sein, ist dies eine deutliche Verbesserung."
Bei seinen Worten zog sich etwas in Soneas Brust schmerzhaft zusammen. Etwas schnürte ihre Kehle zu und das inzwischen nur allzu vertraute Brennen kehrte in ihre Augen zurück. Sie wandte den Blick ab. Hatte er überhaupt eine Vorstellung davon, durch welche Hölle sie für ihn gegangen war?
„Sonea."
Eine kühle Hand berührte ihre Wange.
„Sieh mich an."
Sie schluckte und gehorchte. Ihre Blicke begegneten sich.
„Ich habe dir mein Leben zu verdanken", sagte er leise. „Es gibt Dinge, die sich mit Humor leichter ertragen lassen. Aber ich brauche dich nur anzusehen, um zu wissen, dass ich dir damit keinen Gefallen tue. Es tut mir leid."
„Das braucht es nicht", flüsterte sie.
Ihr Blick verschleierte sich und sie spürte, wie Tränen ihre Wangen herabliefen. Sie schloss die Augen.
Akkarin legte seine Hände auf ihre Wangen. Seine Daumen strichen behutsam über ihre Haut und wischten die Tränen fort. Unter seiner Berührung verspürte Sonea wieder das vertraute Kribbeln, das ihr bis in die Haarwurzeln stieg.
„Alles ist gut", flüsterte er und küsste sie.
In den vergangenen Tagen hatte Sonea manchmal geglaubt, sie hätte vergessen, wie sich seine Küsse anfühlten. Doch jetzt kehrte alles wieder zurück. In einem Anflug von Zuneigung schlang sie ihre Arme um ihn und er zog sie zu sich.
Eine Weile verharrten sie so und Sonea genoss das Gefühl, in seinen Armen zu liegen und seinen vertrauten Duft einzuatmen.
Jetzt ist der richtige Augenblick, es ihm zu sagen.
Sie löste sich ein wenig widerwillig von ihm und setzte sich auf, so dass sie einander ansahen. Als sein Blick dem ihren begegnete, drohte eine plötzliche Woge von Panik sie zu überwältigen. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass es so schwer sein würde, diese Worte laut auszusprechen. Sie hatte es Rothen erzählt, hatte es unzählige Male im Stillen für sich wiederholt. Sie hatte es Akkarin sogar gesagt, als sie versucht hatte, ihn zu retten und sie nicht sicher gewesen war, ob er sie überhaupt hören konnte. Aber das hier, war etwas völlig anderes.
„Was ist?"
„Ich …", begann sie und kam sich albern vor. Am Tag der Schlacht hatte sie doch auch nicht gezögert. Aber seitdem war viel passiert. Sie hatte ihn verloren, war tagelang von ihm getrennt gewesen und hatte die ganze Zeit einer ungewissen Zukunft entgegengesehen. Doch jetzt war sie bei ihm und sie brauchte seine Zurückweisung nicht fürchten.
„Da ist etwas, das du wissen sollest."
Akkarin hatte die Arme vor der Brust verschränkt und betrachtete sie aufmerksam. Unter seinem Blick fühlte Sonea sich vielmehr wie seine Novizin, die gerade eine mittelschwere Dummheit angestellt hatte, als wie die Frau die er liebte.
„Ich höre."
Er macht es mir nicht gerade leicht, dachte sie. Ob er das absichtlich tut?
Anscheinend musste sie da jetzt durch. Sonea holte sie tief Luft und straffte sich.
„Akkarin, ich liebe dich."
Er bedachte sie mit seinem Halblächeln. „Ich weiß."
Sonea starrte ihn an. „Dann hast du mich gehört?"
Als sie jedoch daran zurückdachte, was sie getan hatte, um ihn zurückzuholen, löste sich ihre Überraschung auf.
„Ja. Aber ich wusste es schon vorher." Er ließ die Arme sinken und griff nach ihren Händen.
Sonea lächelte. Als sie sah, wie Akkarin sie durchdringend musterte, wurde sie jedoch wieder ernst.
„Deine Kräfte sind gewachsen."
Sie schüttelte den Kopf. Wie konnte er das wissen? Es war nicht einmal ihr bewusst gewesen.
„Ich habe keine schwarze Magie benutzt", antwortete sie schnell. Dachte er etwa, sie würde sich ohne seine Erlaubnis stärken?
„Es ist dein natürliches Potential", sagte er anerkennend. „Ich dachte, es hätte sich inzwischen vollständig entwickelt. Aber ich habe mich wohl geirrt."
Als sie sich auf die Quelle ihrer Kraft konzentrierte, erkannte Sonea, dass er recht hatte. Sie verspürte eine leise Freude, die sie jedoch beiseiteschob. Im Augenblick hatte sie ganz andere Sorgen.
„Was wird nun aus uns?", fragte sie und lenkte damit das Gespräch auf das Thema, das ihr schon die ganze Zeit auf der Seele brannte.
„Das hängt davon ab, was die Gilde mit uns vorhat. Hast du irgendetwas darüber erfahren?"
Sonea spürte, wie ihr Herz schwer wurde. Und was ist mit uns?
„Nicht viel", antwortete sie zögernd. „Rothen sagt, sie wollen uns wieder aufnehmen, doch sie streiten noch über die Bedingungen. Seit der Schlacht ist die Gilde in ziemlichem Aufruhr. Nicht nur wegen des Wiederaufbaus von Imardin. Sie sind dabei, sich neu zu organisieren. Es gibt viele Ämter, die neu besetzt werden müssen."
„Weißt du, welche Magier im Gespräch sind?"
„Nach allem, was Rothen erzählt hat, ist schon alles inoffiziell entschieden. Osen ist jetzt der neue Administrator. Lord Sarrin ist in den Ruhestand gegangen, nachdem er vergeblich versucht hat, schwarze Magie zu erlernen, um die Gilde während unserer Verbannung zu verteidigen. Sein Nachfolger ist Lord Peakin. Rothen ist auf Peakins früherem Posten." Sie hielt inne und lächelte. „Er ist jetzt Leiter der alchemistischen Studien. Bei den Heilern ist alles beim Alten."
Sonea brach ab. Sie hatte noch weitere Neuigkeiten für ihn. Aber sie wusste nicht, ob sie ihm gefallen würden.
„Sprich weiter", forderte Akkarin sie auf.
Es macht keinen Sinn, es ihm zu verschweigen, sagte sie sich. Er wird es sowieso erfahren.
„Das neue Oberhaupt der Krieger ist Lord Garrel", fuhr sie dann fort. Sie glaubte, eine Spur von Missbilligung in Akkarins Miene zu lesen, als sie diesen Namen aussprach. „Aber er hat im Gegensatz zu Balkan nur dieses eine Amt. Der Leiter der strategischen Studien ist jetzt Lord Vorel. Und Balkan wird Hoher Lord."
„Balkan ist eine gute Wahl", sagte Akkarin.
Sonea betrachtete ihn überrascht. „Es macht dir nichts aus?"
„Nun ich komme für dieses Amt nicht mehr in Frage", antwortete er ruhig. „Balkan fehlt zwar das politische Feingefühl, doch er ist ein guter Stratege. Er wird seine neue Aufgabe gewissenhaft ausführen."
Sonea fragte sich, ob er wirklich so gelassen ob dieser Neuigkeit war. „Er trägt weiße Roben", fügte sie hinzu.
Akkarins Mundwinkel zuckten. „Also wenn das nicht eine interessante Neuerung ist!"
„Sie haben wohl entschieden, die schwarzen Roben uns zu überlassen", erklärte Sonea froh, weil es ihr gelungen war, ihn zu erheitern. Ein Teil von ihr kam jedoch nicht umhin, sich zu wundern. Für Nicht-Gildenmagier war es ein Verbrechen, Magierroben zu tragen. Hatte man ihr die Robe nach der Schlacht nicht weggenommen, weil die Magier sie und Akkarin zu sehr fürchteten, oder sollte das Schwarz sie öffentlich brandmarken?
Ihre Frage, was aus ihrer Beziehung werden sollte, war indes noch immer nicht beantwortet. Und die Hälfte ihrer Besuchszeit war gewiss schon verstrichen.
„Sollte die Gilde uns wieder aufnehmen, wird das für Aufruhr sorgen", sagte Akkarin als habe er ihre Gedanken gelesen. „Für die meisten wird es nicht einfach sein, zwei schwarze Magier in ihrer Mitte zu wissen. Wir sollten sie nicht noch mit unserer Beziehung überfordern. Es könnte unserer Integrität mehr schaden als nutzen. Es war richtig von dir, Rothen und Dorrien zu bitten, es für sich zu behalten."
Soneas Herz setzte einen Schlag aus.
„Was soll das heißen?"
„Es wäre mir lieber, unsere Beziehung vorerst geheim zu halten", antwortete Akkarin. „Zumindest, bis wir wissen, welche Pläne sie mit uns haben."
„Ich finde es nicht gut, wenn wir einander verleugnen."
Sie hatte dieses Geheimnis gewahrt, solange sie nicht gewusst hatte, wie er dazu stand. Aber sie hatte so fest damit gerechnet, er würde einverstanden sein, wenn jeder erfuhr, dass sie jetzt ein Paar waren!
„Mir gefällt es auch nicht, aber wir haben keine Wahl", erwiderte er sanft. „Lass ihnen Zeit, sich an uns zu gewöhnen."
Das könnte dauern, dachte Sonea mit leiser Resignation.
„Was, wenn wir freiwillig wieder gehen?", schlug sie vor. „Auch wenn ich nicht weiß, wie wir an den beiden Wachen vor deiner Tür vorbei kommen sollen."
Während sie wieder vollständig regeneriert war, schien Akkarin noch schwach zu sein. Ein Kampf war undenkbar. Trotzdem war sie auf der Stelle bereit, sich mit ihm aus der Gilde zu kämpfen, würde er das wollen.
„Ah, die Wachen sind unser kleinstes Problem." Akkarin verschränkte die Arme hinter dem Kopf. „Sie sind voll Furcht, ich könnte plötzlich zwischen ihnen auftauchen und sie überwältigen. Ich bezweifle, sie würden ernsthaften Widerstand leisten, sollte ich das wirklich versuchen."
Sonea starrte ihn an. „Woher weißt du das?"
„Ich kann ihre Gedanken hören", antwortete er, als wäre das eine Selbstverständlichkeit. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen, als habe etwas sein Missfallen erregt. „Sie haben mich aufgeweckt."
„Wie ist das möglich?", entfuhr es Sonea. Akkarin hatte viele seltsame Fähigkeiten, die durch das jahrelange Praktizieren schwarzer Magie gekommen waren. Aber sein natürliches Potential war ganz offenkundig noch nicht vollständig wiederhergestellt. Wie konnte er zu etwas fähig sein, wozu er um ein Vielfaches stärker sein musste?
Aber wenn er die Gedanken der Krieger vor der Tür lesen konnte, dann hatte er auch die ganze Zeit gewusst, was sie dachte!
Er hat mich ganz schön an der Nase herumgeführt, dachte Sonea in einem Anflug von Verärgerung, obwohl sie wusste, dass sie ihm damit unrecht tat.
„Darauf habe ich keine Antwort, Sonea." Akkarins Augen fokussierten auch etwas hinter der Wand. „Wenn es nicht so schwierig wäre, sie auszublenden, dann wäre es sogar recht amüsant." Er lachte leise.
Sie streckte ihre Sinne aus, konnte die Präsenz der Wachen jedoch nur vage wahrnehmen.
„Warum?", wollte sie wissen. „Was sagen sie?"
Akkarin schien amüsiert. „Seit deiner Ankunft sind sie in heller Panik."
„Das ist doch wirklich lächerlich!" Sonea wusste nicht, ob sie lachen oder Mitleid mit den Wachen haben sollte.
„Furcht ist nicht rational", entgegnete er. „Das solltest du am besten wissen."
Sie bedachte ihn mit einem finsteren Blick und verkniff sich eine passende Erwiderung.
„Aber dann können wir doch wieder fortgehen", sagte sie dann. „Von heute an komme ich jeden Tag vorbei und gebe dir meine Kraft und dann kämpfen wir uns hier heraus …"
„Sonea, wir werden die Gilde nicht verlassen, solange sie das nicht ausdrücklich wünscht", sagte Akkarin leise. „Ohne uns sind sie jedem erneuten Angriff aus Sachaka hilflos ausgeliefert. Sie brauchen uns. Meine Loyalität gehört unverändert der Gilde und Kyralia."
Sonea seufzte. Und meine Loyalität gehört dir …
Aber das war natürlich nur die halbe Wahrheit.
„Dasselbe gilt für mich", erwiderte sie.
„Dann wirst du es verstehen."
Sie nickte zögernd.
„Die Gilde ist unser Zuhause. Du würdest anderswo nicht glücklich sein."
Er hat recht, musste Sonea einsehen. Sie öffnete ihren Mund, um etwas zu sagen, doch als sie zu Akkarin sah, war sein Blick erneut ins Leere abgewandert.
„Lady Vinara ist unterwegs", sagte er. „Wir sollten uns verabschieden."
Woher weiß er denn das schon wieder? Sonea schüttelte den Kopf. Dann beugte sie sich vor und umarmte Akkarin zum Abschied. Als sie sich von ihm lösen wollte, hielt er sie fest, um sie noch einmal zu küssen.
Dann schob er sie abrupt zurück, um einen anständigen Abstand zwischen sie beide zu bringen.
„Warte", sagte Sonea. Sie streckte ihm ihre Arme entgegen. „Nimm meine Kraft."
Er zögerte und sein Blick wurde hart. „Sonea …", begann er streng.
„Lady Vinara kommt", erinnerte sie ihn. „Wir sollten uns beeilen."
Akkarin seufzte. Seine Hände umschlangen ihre Handgelenke. Sich konzentrierend sandte Sonea ihm ihre Magie, darauf bedacht, sich nicht zu erschöpfen. Das würde Lady Vinara sofort auffallen. Als Akkarin sie losließ, erhob sie sich und trat rasch einen Schritt zurück.
„Was, wenn mir jemand meine Gefühle für dich anmerkt?"
„Dann gib es zu. Nach allem, was passiert ist, wird das kaum jemanden überraschen."
Sonea starrte ihn an, als wäre er nicht mehr ganz bei Trost. „Das ist doch nicht dein Ernst!", entfuhr es ihr. „Dann werden sie weitere Fragen stellen."
„Ich bin sicher, dir wird etwas einfallen", entgegnete Akkarin. „Aber ich werde nicht dulden, dass du lügst. Das wäre unehrenhaft, Sonea."
Sie nickte und hoffte, das würde nicht nötig sein.
„Ich werde mir einen Plan zurechtlegen, damit wir zusammen sein können", versprach Akkarin. „Vertrau mir."
Sie begegnete seinem Blick. „Das tue ich."
Die Tür ging auf und Lady Vinara trat ein. Ihr Blick verfinsterte sich, als sie Akkarin aufrecht sitzend erblickte. „Ihr sollt Euch ausruhen", sagte sie streng.
„Ja, Mylady", antwortete er ungewohnt unterwürfig und ließ sich wieder in die Kissen sinken, doch Sonea sah das Funkeln in seinen dunklen Augen. Ein Grinsen unterdrückend sah sie zum Fenster.
Lady Vinara wandte sich ihr zu. „Sonea, komm mit. Ich möchte dir noch einige Fragen stellen. Also verabschiede dich jetzt von Akkarin."
„Auf Wiedersehen, Akkarin", sagte sie und verneigte sich erneut. „Ich komme Euch morgen wieder besuchen, wenn ich kann."
„Ich freue mich jetzt schon darauf", erwiderte er. „Richte Rothen meine Glückwünsche zu seinem neuen Posten aus."
„Das solltet Ihr lieber selbst tun", gab Sonea zurück. Und das ist nicht das Einzige, was du ihm sagen solltest, fügte sie in Gedanken hinzu. Sie hoffte, er hörte zu.
Die Heilerin ging hinüber zum Bett und fühlte Akkarins Stirn. „Und Ihr freut Euch lieber nicht zu sehr", sagte sie barsch. „Ihr sollt Euch nicht anstrengen." Dann legte sie Sonea eine Hand auf die Schulter und schob sie sanft zur Tür. „Komm, Sonea."
Im Hinausgehen warf Sonea noch einen letzten Blick über die Schulter. Akkarin lächelte. Doch die Art, wie er es tat, ließ ihre Knie weich werden. Sie atmete einmal tief durch und wappnete sich für das, was als Nächstes kommen würde.
Draußen auf dem Flur blieb sie noch einmal stehen und bedachte die beiden Krieger mit einem finsteren Blick. Als einer von ihnen sichtlich zusammenzuckte, lächelte sie befriedigt. Dann folgte sie der Heilerin zu ihrem Büro.
„Lord Rothen wartet noch immer auf mich", wandte Sonea ein, nachdem sie die Treppe wieder emporgestiegen waren und den Flur zu Lady Vinaras Büro entlang gingen.
„Es wird nicht lange dauern." Die Heilerin öffnete die Tür zu ihrem Büro und bedeutete Sonea, auf einem Stuhl Platz zu nehmen.
Sonea setzte sich ein wenig unbehaglich. „Worum geht es?", wollte sie wissen.
Lady Vinara setzte sich ihr gegenüber. „Es geht um zwei Dinge, die dich und Akkarin betreffen."
Sie weiß es, fuhr es Sonea durch den Kopf. Das Gefühl des Unbehagens verstärkte sich. Doch sie versuchte ruhig zu bleiben und zwang sich, das Oberhaupt der Heiler anzusehen.
„Zunächst einmal wünsche ich eine Erklärung, wie es dir gelungen ist, Akkarin zurückzuholen, wenn sein Körper jeglicher Magie entleert war", begann Lady Vinara. „Selbst den besten Heilern der Gilde gelingt Wiederbelebung nur in seltenen Fällen – doch bei diesen lag kein Tod durch magische Erschöpfung vor."
Eigentlich hatte Sonea ein anderes Thema erwartet, doch besonders angenehm war dieses Thema ebenfalls nicht.
Sie schluckte. „Es war ziemlich …" wild, wollte sie sagen. Doch die Heilerin hätte nicht gewusst, was dieses Wort bedeutete. Rothen hatte ihr einst mit viel Geduld den Hüttenslang abgewöhnt. Auch wenn er nicht zuhörte, wollte sie ihm das nicht antun.
„Es war schwierig", sagte sie daher. „Eigentlich wusste ich gar nicht wirklich, was ich tun muss. Es war vielmehr, als würde ich auf mein Gefühl hören, als auf irgendetwas was ich jemals über Heilkunst gelernt habe. Aber meine Erinnerung daran ist ziemlich verschwommen. Und ich möchte sie nicht unbedingt wieder aufleben lassen. Es war nicht gerade angenehm. Im Gegenteil."
Sie schauderte als die Erinnerungen an die Verzweiflung, den Schmerz, die Furcht zu versagen und die Hoffnung vielleicht doch Erfolg zu haben, zurückkehrten. Seit jenem Tag hatte sie sich oft gefragt, was geschehen wäre, hätte sie tatsächlich versagt. Was auch immer es war – sie wusste, sie hätte es nicht ertragen.
„Sonea, ich habe wirklich großes Verständnis für dich. Deinen Mentor sterben zu sehen muss eine sehr schlimme Erfahrung für dich gewesen sein", sagte Lady Vinara mitfühlend. „Aber es ist wichtig. Nicht nur ich – auch die anderen Heiler würden gerne erfahren, wie du ihn zurückgeholt hast. Es könnte viele Leben retten."
„Ich verstehe", sagte Sonea langsam.
Natürlich wollte sie, dass auch andere einen Nutzen davon hatten. Sie hatte geglaubt, sie hätte Akkarin verloren. Nicht einmal ihrem schlimmsten Feind wünschte sie eine solche Erfahrung. Dennoch bezweifelte sie, dasselbe bei anderen Menschen zu können. Sie war sicher, ihre starken Gefühle hatten dabei eine nicht unwichtige Rolle gespielt. Und ihr Wissen über schwarze Magie hatte ihr dabei geholfen. Selbst wenn ihre Gefühle für Akkarin nicht involviert gewesen wären, konnte sie nicht verantworten, dieses Wissen weiterzugeben.
„Wenn es für dich leichter ist, dann kannst du mir auch einen Bericht schreiben", schlug Lady Vinara vor. „Du kannst dir damit ein paar Tage Zeit lassen. Meinst du, eine Woche reicht aus?"
Sonea nickte, obwohl sie glaubte, keine Zeit der Welt würde ihr genügen, bis sie bereit war, das noch einmal zu durchleben.
„Danke, Mylady", sagte sie. „Darf ich dann jetzt gehen?"
„Nein."
Die Heilerin beugte sich in ihrem Sessel vor und musterte Sonea. Ihr Gesichtsausdruck war nun wieder streng.
„Du bist jetzt eine Frau, Sonea. Deine Ausbildung ist noch nicht beendet, aber du bist schon lange kein Kind mehr. Das ist kaum einem Magier entgangen."
Sonea ahnte, was nun kommen würde. Irgendwie hatte sie genau das die ganze Zeit über befürchtet. Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen und nicht zu erröten.
„Wie meint Ihr das?", fragte sie unschuldig.
Lady Vinara betrachtete sie streng. „Sonea, du kannst vielleicht anderen etwas vormachen. Für mich hingegen sind deine Gefühle für Akkarin offensichtlich."
Diese so direkte Bloßstellung ihres eigenen Herzen verschlug Sonea für einen Augenblick die Sprache. Sie fühlte sich ertappt. War es denn wirklich so offensichtlich?
„Ich habe es mir bereits bei eurer Anhörung gedacht", fuhr die Heilerin fort. „Inzwischen besteht jedoch kein Zweifel mehr."
„Bei allem Respekt, Lady Vinara, aber das ist meine Sache", sagte Sonea mit brüchiger Stimme.
Zu ihrer Überraschung lächelte die Heilerin. „Ich möchte wirklich nicht wissen, was dich dazu gebracht hat, dich in Akkarin zu verlieben. Ihr wart lange Zeit ganz auf euch gestellt und dabei sind genug Dinge geschehen, die euch einander näher gebracht haben mögen. Ich werde niemandem von deinen Gefühlen erzählen."
Wunderbar, dachte Sonea sarkastisch.
„Danke", sagte sie dennoch, darum bemüht, nicht zu schroff zu klingen.
Lady Vinara nickte. „Eine Sache muss ich dennoch wissen: Hat Akkarin sich dir gegenüber jemals unsittlich verhalten oder dir irgendetwas getan, das du nicht wolltest?"
Sonea versuchte verzweifelt, ein Lachen zu unterdrücken. Diese Frage konnte sie ohne zu lügen beantworten. Alles, was Akkarin mit ihr getan hatte, hatte sie genauso gewollt und für sie war es alles andere als unsittlich gewesen. Im Gegenteil.
„Nein", sagte sie und sah der anderen Frau in die Augen.
„Gut."
Lady Vinara schien zufrieden. Sie lehnte sich in ihrem Sessel zurück. „Ich muss dich hoffentlich nicht daran erinnern, dass die Gilde eine intime Beziehung zwischen Mentor und Novize untersagt. Denn auch wenn ihr momentan nicht zur Gilde gehört, werdet ihr als das gehandhabt."
„Ich verstehe", sagte Sonea beklommen.
Sie erinnerte sich noch zu gut daran, was geschehen war, nachdem ihr früherer Erzfeind Regin das Gerücht verbreitet hatte, sie habe eine Affäre mit Rothen. Damals hatte sie aus Rothens Apartment ins Novizenquartier ziehen müssen. Viel schlimmer war jedoch gewesen, wie herablassend ihre Lehrer und ihrer Klassenkameraden sie danach behandelt hatten. Hatte Akkarin richtig entschieden, indem er darauf bestanden hatte, ihre Beziehung geheim zu halten?
„Sonea, ich möchte dich nicht für deine Gefühle verurteilen. Aber du musst wissen, wie du dich vor den Folgen schützen kannst, sollte Akkarin dir gegenüber irgendwann seine Beherrschung verlieren."
Sonea betrachtete die Heilerin aufgebracht. Am liebsten wäre sie aufgefahren, um Akkarin zu verteidigen. Aber sie wusste, sie musste sich zurückhalten.
Sie nahm einen tiefen Atemzug. „Dann sollte ich das wohl besser lernen."
Von seiner Bank aus konnte Rothen den Eingang des Heilerquartiers im Blick behalten. Während Sonea bei Akkarin war, hatte er sich auf die Suche nach seinem Sohn gemacht. Doch man hatte ihm nur gesagt, Dorrien sei in der Stadt unterwegs. Zwei Wochen nach der Schlacht herrschte in Imardin noch immer großes Chaos. Zahlreiche Villen im Inneren Ring lagen in Trümmern, nachdem die Ichani die Magie aus den Konstruktionen gezogen hatten, um sich zu stärken. Die Bewohner, die vor der Invasion evakuiert worden waren, kehrten allmählich zurück und nicht wenige von ihnen fanden ihr Zuhause in Trümmern vor.
Ein Großteil der Magier verbrachte seine Tage damit, die Häuser wieder aufzubauen und die zerstörten Nordtore zu reparieren. In den Hüttenvierteln war ein Feuer ausgebrochen, nachdem ein paar Bewohner einen Ichani getötet hatten. Wie Sonea ihm erzählt hatte, hatte der Ichani in den letzten Sekunden seines Lebens alles in einem Umkreis von mehreren hundert Schritten dem Erdboden gleichgemacht. Dabei waren mehrere Hütten in Brand geraten. Während das Feuer inzwischen wieder gelöscht war, litten die Menschen, die diese Katastrophe überlebt hatten, noch immer unter den Folgen. Zudem war eine Seuche ausgebrochen, die in den Hüttenvierteln und im Nord- und Westviertel wütete und die sich rasch ausbreitete, weil sich die obdachlos gewordenen Menschen in Bleibehäusern und Herbergen zusammendrängten.
Dorrien war nicht der einzige Heiler, der sich um das Wohl der Stadtbevölkerung kümmerte. Rothen schwante indes, sein Sohn wollte der Gilde entfliehen. Ganz besonders ihm und Sonea. Es war seine Art damit fertig zu werden, dass Sonea seine Gefühle nicht erwiderte.
„Wenn ich schon nicht mich selbst heilen kann, will ich wenigstens anderen helfen", hatte Dorrien nur gesagt, als Rothen ihn kurz nach der Schlacht zur Rede gestellt hatte. Das war das letzte Mal, dass er seinen Sohn zu Gesicht bekommen hatte.
Obwohl Soneas Gefühle für Dorrien nicht über eine Freundschaft hinausgingen, war dieser seit ihrer ersten Begegnung völlig in sie vernarrt. Anstatt ihren Standpunkt zu respektieren, schien Dorrien jedoch umso besessener von ihr zu werden, desto unerreichbarer sie für ihn wurde.
Seine Augen schließend genoss Rothen die frische Luft. Der Tag war ungewohnt kühl und ein kräftiger Wind blies allenthalben dunkle Wolken vom Meer aufs Festland. Seit der Schlacht hatte er sein Apartment nur verlassen, um an wichtigen Treffen der höheren Magier und Gildenversammlungen teilzunehmen, bei denen über den Wiederaufbau der Stadt, die Neuverteilung der Ämter oder über das weitere Vorgehen bezüglich Akkarin und Sonea diskutiert wurde. Rothen hatte jedoch klargestellt, sie sollten nur nach ihm schicken, wenn seine Anwesenheit wirklich erforderlich war. Sonea brauchte ihn. Für sie hatte er sogar seine Pflichten als Lehrer und seine neues Amt als Leiter der alchemistischen Studien vorübergehend vernachlässigt.
Als er die Augen wieder öffnete, sah er, wie Sonea das Heilerquartier verließ. Sie wirkte aufgebracht.
Er erhob sich und eilte auf sie zu.
„Das war ja so demütigend!", rief sie, als er sie erreicht hatte.
Mit großen Schritten stapfte sie in Richtung der Magierquartiere, die Hände in den langen Ärmeln ihrer Robe zu Fäusten geballt. Erneut hatte Rothen Mühe, mit ihr Schritt zu halten.
„Was hat er getan?"
Sonea hielt inne und wandte sich ihm zu. Ihre Haare flatterten im Wind und ihre dunklen Augen funkelten zornig.
„Doch nicht Akkarin!"
Ein Gruppe Heiler, die ihnen entgegen kam, blickten furchterfüllt in ihre Richtung.
„Sie war es!"
„Lady Vinara?"
Sonea nickte finster.
Rothen blinzelte verwirrt. „Was hat sie getan?"
„Sie hat …" Sonea schnappte erregt nach Luft und wurde rot. „Wenn ich nur daran denke, könnte ich im Erdboden versinken!"
Rothen kicherte. „Ah, ich verstehe."
Sonea betrachtete ihn empört.
„So etwas ist niemals angenehm, Sonea", sagte er sanft. „Aber glaub mir, es war längst überfällig."
„Wie könnt Ihr so etwas sagen! Ihr wisst doch gar nicht …"
„Sonea, ich kenne dich lange genug, um mir den Rest zu denken, wenn du mir etwas nur zur Hälfte erzählst."
Sie sah ihn an, ihr Blick war wild.
„Es ist in Ordnung", beruhigte Rothen sie. Er sah sich um und senkte die Stimme. „Du bist eine vernünftige, erwachsene Frau. Ich kann dir nicht verbieten, mit einem Mann intim zu werden. Ich bezweifle, dass du so an ihm hängen würdest, wäre er nicht anständig zu dir."
Auch wenn ich wünschte, es wäre nicht ausgerechnet Akkarin!
Soneas Miene wurde ein wenig weicher. Rothen verstand sie jedoch nur allzu gut. Zu lernen, wie man sich vor unerwünschten Folgen des Beischlafs schützte, war für die meisten Novizen eine eher peinliche Erfahrung. Trotzdem musste es sein. Aus dem, was Sonea ihm erzählt hatte, schloss Rothen, sie und Akkarin hatten mindestens einmal miteinander geschlafen. Sie konnte von Glück sagen, dass es ohne Konsequenzen geblieben war, auch wenn er annahm, Akkarin hatte die nötigen Vorkehrungen selbst getroffen.
„Komm, wir gehen ein wenig spazieren", schlug Rothen vor. „Dann kannst du dein hitziges Gemüt abkühlen und mir alles von deinem Besuch bei Akkarin und deinem Gespräch mit Lady Vinara erzählen, ohne dass wir Zuhörer haben. Ist das ein Angebot?"
Sonea nickte. „Danke, Rothen."
Nachdem sie die Gebäude der Universität hinter sich gelassen und den Weg in den Wald eingeschlagen hatten, berichtete Sonea ausführlich, was ihr im Heilerquartier widerfahren war. Sogar ihre Bedenken, die Beziehung mit Akkarin der Gilde zu verheimlichen, vertraute sie ihm an.
Trotz ihrer Verärgerung über das Gespräch mit Lady Vinara scheint sie endlich wieder ein wenig Vernunft angenommen zu haben, stellte Rothen erleichtert fest.
„Nun ich denke, fürs Erste ist es besser, wenn ihr eure Beziehung geheim haltet", sagte er vorsichtig. „Wenn die Gilde euch beide wieder aufnimmt, wird es für sie dadurch, dass ihr schwarze Magier seid, schon schwer genug. Eure Beziehung könnte euch erheblichen Schaden zufügen, weil viele das nicht billigen werden."
„So etwas Ähnliches hat Akkarin auch gesagt."
„Und damit hat er recht."
Selbst als Akkarin noch Hoher Lord gewesen war, hätte er sich über nicht derart über die Gilde hinwegsetzen können. Jetzt hingegen würde es für den schwarzen Magier noch schwieriger werden, Sonea zu beschützen. Würde ihm Soneas Wohlergehen nicht so sehr am Herzen liegen, hätte Rothen es lieber gesehen, wenn die beiden ihre Beziehung beendeten, um allen Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Doch anscheinend gab es nichts, was die beiden zu trennen vermochte. Nicht einmal der Tod hatte es vermocht. Wie sollte es die Vernunft dann können?
„Aber für Euch ist das doch kein Problem, nicht wahr?", fragte Sonea zögernd.
Rothen schüttelte den Kopf. Ihm war nicht wohl dabei, Sonea überhaupt mit einem Mann zusammen zu wissen. Aber er wusste, sie traf ihre Entscheidungen niemals unüberlegt. Und solange sie glücklich war, war ihm das Bestätigung genug, dass er sich keine Sorgen machen brauchte.
„Für mich nicht", antwortete er. „Aber für viele der anderen Magier. Besonders für die älteren."
„Akkarin hat gesagt, er würde sich einen Plan überlegen, wie wir trotzdem zusammen sein können", sagte sie.
„Es würde mich wundern, wenn er das nicht tut."
Während sie durch den Wald spazierten, dachte Rothen daran, wie einige seiner Nachbarn auf Soneas Anwesenheit in seinem Apartment reagiert hatten. Schon bald würde Akkarin aus dem Heilerquartier entlassen und vorläufig in eines der Magierquartiere ziehen. Aus den Gildenversammlungen wusste Rothen, dies würde erneut für Proteste sorgen, weil viele Magier sich nicht mehr sicher fühlen würden. Rektor Jerrik und Lord Ahrind hatten zudem bereits dagegen Einspruch erhoben, Sonea einen Platz im Novizenquartier zuzuteilen. In den Magierquartieren würde sie indes nicht bleiben können.
Also musste eine andere Lösung gefunden werden.
Er führte Sonea fort von dem Weg, dem sie bisher gefolgt waren. Es ging ein wenig bergauf und Rothen begann zu schnaufen. Mit leisem Neid betrachtete er Sonea, der die Steigung nichts auszumachen schien.
Ich bin wahrhaftig ein gutes Vorbild für meine Schützlinge, dachte er. Immer wieder habe ich ihnen gesagt, sie sollen sich öfter an der frischen Luft bewegen, anstatt sich hinter ihren Büchern zu verstecken, und hier bin ich alter Stubenhocker und schaffe noch nicht einmal diesen Hügel.
Sie überquerten die Kuppe des Hügels und stiegen dann wieder hinab in den Wald. Nach einem kurzen Stück durch das Unterholz teilten sich die Bäume vor ihnen und gaben den Blick auf ein kleines, aber imposantes Haus im Stil der Villen im Inneren Ring frei. Obwohl es verlassen wirkte, zeigte die Fassade keinerlei Spuren von Vernachlässigung.
Sonea blickte sich verwirrt um. „Sind wir noch in der Gilde?"
„Ja." Rothen lächelte. „Wir sind bei den Residenzen. Das hier ist die Arran-Residenz."
„Oh", machte sie überrascht. „Warum ist mir das Haus noch nie aufgefallen?"
„Nun, es steht ein wenig abseits von der Straße und den anderen Häusern. Lord Iven, der Magier für den es erbaut wurde, war schon immer ein wenig wunderlich gewesen. Und je älter er wurde, desto mehr wurde er zum Einsiedler."
„Ihr sprecht von ihm, als wäre er bereits gestorben", stellte Sonea fest.
„Das ist er. Im letzten Winter, nachdem er über zehn Jahre hier gewohnt hat. Er wurde fast einhundert Jahre alt."
Sonea runzelte nachdenklich die Stirn. Sie blickte hinauf zu den fragilen Türmen. „Aber warum ist es dann nicht wie die anderen abgebrannt?"
„Lord Iven fürchtete um seine Frau, die mit ihm in dieses Haus zog. Weil sie sich weigerte, ihn zu verlassen, als es mit ihm zu Ende ging, musste sie in einem anderen Zimmer schlafen, damit sie in Sicherheit war, sollte er im Schlaf sterben. Aus demselben Grund brauchte er jeden Tag seine verbleibende Magie nahezu auf. Nach seinem Tod musste daher nur das große Schlafzimmer renoviert werden."
Sonea schlang die Arme um ihren Körper. „Können wir bitte über etwas anderes reden?"
„Natürlich", erwiderte Rothen sanft.
Er hatte nicht daran gedacht, dass Sonea auf dieses Thema empfindlich reagieren könnte, und nahm sich vor, diesbezüglich etwas behutsamer zu sein.
„Möchtest du es dir ansehen?", fragte er stattdessen.
„Gerne." Sie betrachtete ihn misstrauisch. „Warum habt Ihr mich hergeführt?"
„Ich wollte einen Spaziergang machen, um dich auf andere Gedanken zu bringen", antwortete er lächelnd.
Ihre Augen verengten sich, dann nickte sie. „Sehen wir es uns an."
Sie gingen zum Eingang. Rothen berührte den Türgriff, doch die Tür blieb verschlossen. Er streckte seinen Geist aus, um sie zu untersuchen und stellte fest, dass sie mit einem magischen Schloss belegt war, dessen Mechanismus ihm unbekannt war.
„Es muss versiegelt worden sein", sagte er. „Wir werden uns mit einem Blick durch die Fenster begnügen müssen."
Er folgte Sonea, die bereits an der Hauswand entlang gelaufen war und durch ein Fenster spähte. Es war so hoch, dass sie sich auf die Zehenspitzen stellen musste.
„Die Zimmer sehen sehr groß aus", sagte sie. „Aber die Möbel sind alle mit Tüchern bedeckt."
„Das ist, damit sie nicht verstauben." Er betrachtete sie lächelnd. „Gefällt es dir?"
Sonea nickte und betrachtete die Außenfassade hingerissen. „Ein wirklich schönes Haus. Der Architekt, der es gebaut hast, muss sehr begabt gewesen sein."
„Das Haus Arran züchtet Rennpferde. Lord Iven konnte sich gewiss einen guten Architekten leisten."
„Was ist aus seiner Frau geworden?"
„Sie ist zu ihrer Familie in die Stadt gezogen."
Sie hatten das Haus zur Hälfte umrundet. Auf der Rückseite befand sich eine Veranda mit hohen Fenstern, die bis zum Boden reichten. Darüber befand sich ein riesiger Balkon, der von zerbrechlich wirkenden Säulen gestützt wurde. Rothen hätte dieser Konstruktion wenig Vertrauen geschenkt, würde er nicht wissen, dass sie mit Magie erbaut war.
Das Gras auf der Rückseite des Hauses war hoch und wogte im Wind. Die Bäume und Sträucher waren ungeschnitten und Unkraut wucherte in den Beeten. Der ganze Garten machte einen verwilderten Eindruck.
„Es gibt sogar Pachibäume!"
Begeistert wies Sonea auf eine kleine Gruppe von Bäumen, deren Äste sich unter dem Gewicht zahlreicher Pachi bogen. Rothen sah zu, wie sie auf die Bäume zu lief und die Früchte betrachtete.
„Schade, sie sind noch nicht reif."
Rothen lächelte. Erfreut stellte er fest, dass er an diesem Nachmittag mehr bei ihr erreicht hatte, als in den gesamten zwei Wochen zuvor.
„Nun, wenn du hungrig bist, dann sollten wir besser zurückgehen."
