Hustend stieg Draco aus dem Kamin. Reisen mit Flohpulver waren ihm generell zuwider und er hasste dieses flaue Gefühl im Magen und den brennenden Staub, der sich in seinen Klamotten festsetzte.

Zielsicher steuerte sein Vater auf die Aufzüge an der gegenüberliegenden Seite zu und Draco folgte ihm mit sinkender Laune. Das Ministerium war so... er wusste kein besseres Wort dafür, steril. Alles hier war einem steifen Zeremoniell unterworfen, was ihn dazu animierte, die Flucht zu ergreifen, statt hier zu bleiben. Er hatte keine Ahnung, wie sein Vater das tagtäglich aushielt, denn Draco wusste, was sein Vater über die meisten Leute hier dachte und es war ein Wunder, dass er noch keinen Amoklauf begangen hatte, wo er doch zu Hause mit nichts anderem beschäftigt war, über diese Leute zu schimpfen.

Rasselnd glitt das Aufzuggitter vor ihm zu, das Ausblick passte zu seiner Stimmung: Gefangen. Im zweiten Stock machte sein Vater eine knappe Geste, die ihm bedeutete, auszusteigen.

„Einfach um die Ecke, dann bist du schon da." Ohne Draco noch einmal anzusehen, drückte er den Knopf des Aufzugs und verschwand bald.

Draco fand es ungewohnt, dass er keine Stimmen hörte, doch als er vor dem Büro von Arty Binks ankam, da las er an der Tür das Schild: Bitte nicht stören – Examen.

Wie lästig, dachte er und ließ sich auf einen der Stühle vor dem Büro sinken. Jetzt musste er auch noch warten. Draco hasste warten, denn darin hatte er es zur Meisterschaft gebracht.

Die Tür des Büros schwang kurz auf und ein junges Mädchen trat mit gesenktem Kopf heraus. Sie schien den Tränen nahe zu sein. Vielleicht einer der Prüflinge überlegte Draco und musterte sie.

Sie hatte sich zurecht gemacht, trug eine schwarze Strumpfhose zu ihrem dunklen Rock und eine Bluse, so wie man sich jemanden vorstellte, der vielleicht im Büro arbeitete. Einen Blick auf ihr Gesicht konnte er nicht werfen, denn sie hatte das Gesicht in den Händen vergraben. Ob sie weinte?

Ja, sie tat es, denn sie kramte hektisch nach einem Taschentuch. Draco wusste selbst nicht recht, warum er es tat, aber er reichte ihr eins. Erschrocken sah sie ihn an, nahm es jedoch und wischte sich die Tränen verstohlen fort.

„Danke." sagte sie mit erstickter Stimme.

Erst jetzt konnte er einen Blick auf ihr Gesicht erhaschen. Ein unscheinbares Mädchen, wie jemand, den man an jeder Straßenecke traf und wieder vergaß. Die großen, grünen Augen wirkten ein wenig wässrig, was vermutlich an ihren Tränen lag und sie trug das Haar ziemlich kurz beinahe wie ein Junge und wenn sie nicht gerade weinte, dann mussten ihre kleinen blonden Locken auf den Betrachter einfach lustig wirken, so empfand Draco es zumindest.

Sie schien sich immer noch nicht so recht beruhigt zu haben, denn immer wieder wischte sie sich mit dem Taschentuch über die Augen.

„Alles in Ordnung?" fragte er schließlich.

„Ja... nein." antwortete sie ihm.

„Kann ich Ihnen helfen?"

Ihre Augen wurden groß. Scheinbar sprach sie selten jemand mit Sie an, denn sie wirkte jung.

„Nein. Ach..." Sie stockte. „Ich habe meine Prüfung fürchterlich vermasselt." sie wies auf das Schild hinter sich und Draco nickte.

„Sind Sie Lehrling für magische Strafverfolgung?"

Sie nickte traurig und sah zu Boden. „Es tut mir Leid, wenn ich Sie hier belästigt habe." Scheinbar hatte sie sich wieder gefangen. „Danke für das Taschentuch." sagte sie leichthin, stand auf und ging schnellen Schrittes den Flur hinunter.

Ein wenig bedauernd sah ihr Draco nach, denn jetzt war er wieder allein. Sie war zumindest nicht so aufdringlich gewesen, wie die letzten Mädchen mit denen er gesprochen hatte. Nun ja, dann halt nicht, dachte er und lehnte sich zurück, um wenig später Arty Binks zu begrüßen, der bald heraus geeilt kam um seinen Gast in Empfang zu nehmen.

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Über drei Stunden hatte Draco nun Arty Binks Ausführungen über verschiedene Zweige der magischen Strafverfolgung gelauscht und er war von Herzen froh, dass es vorbei war. Er saß nun in der Cafeteria und wartete darauf, dass sein Vater ihn endlich abholte. Nur wenige Hexen und Zauberer waren um diese Uhrzeit hier und wenn, dann holten sie sich nur hastig einen Kaffee oder Tee und verschwanden dann eilig wieder.

Er sah das Mädchen kurz wieder, was er vor dem Büro von Mr. Binks getroffen hatte, doch als sie ihn erblickte, flüchtete sie regelrecht, was Draco ziemlich übellaunig registrierte. Nicht weil er sie besonders anziehend gefunden hätte, doch immer öfter bemerkte er diese Reaktion, wenn er seinen Namen nannte, oder wenn die Leute ihn als einen Malfoy erkannten.

Der Name schien mit Voldemort, ja, Draco zwang sich den Namen zumindest zu denken, untrennbar verknüpft zu sein. War es ein Wunder? Seine Eltern trugen Beide das dunkle Mal und sie Beide hatten an der finalen Schlacht von Hogwarts teilgenommen. Und er, Draco, hatte seinen Teil dazu beigetragen. Immer wenn er bei seinen Schlussfolgerungen an diesem Punkt angekommen war, hörte er auf damit. Für ihn war dieses Kapitel entgültig geschlossen und er würde sich damit nie, nie wieder befassen, koste es, was es wolle. Auch wenn seine Eltern das ein wenig anders sahen.

Auch einige Leute, die Draco flüchtig kannte, waren an ihm vorbei geeilt. Einige zogen es sehr offensichtlich vor, ihn nicht zu kennen, obwohl er ihre Namen sehr wohl kannte und seine Laune verschlechtere sich stetig, desto mehr Minuten der Tag hatte.

Als sein Vater endlich die Cafeteria betrat, schien ihm eine Ewigkeit vergangen zu sein und er war ausnahmsweise froh ihn zu sehen.

„Wie war es bei Arty?" fragte Lucius und ließ sich neben Draco sinken, der auf einer Eckbank im letzten Winkel des Raumes Platz genommen hatte.

„In Ordnung." antwortete er wahrheitsgemäß. Vermutlich hätte die gesamte Tour spannender sein können, wenn nicht dieser unsagbar langweilige Mensch sein Führer gewesen wäre.

Lucius schien sich mit dieser Antwort zufrieden zu geben und stand rasch wieder auf. Ihm war anzusehen, dass er es für unter seiner Würde hielt, mit anderen Hexen und Zauberern in einer Cafeteria zu sitzen. Das war zu gewöhnlich für den Herrn von Malfoy Manor, dachte Draco amüsiert. Heutzutage war es wahrlich keine gute Idee noch so hochmütig zu sein, wo man nicht nur ein paar Monate in Askaban verbracht hatte, sondern mittlerweile zum dritten Mal haarscharf an einem erneuten Besuch dort, vorbei geschrammt war.

„Wenn du nichts mehr zu tun hast, würde ich jetzt gerne gehen." sagte er zu seinem Vater und wollte gerade seinen Stuhl zurück schieben, als ihm jemand auf die Schulter tippte.

Ein wenig erschrocken drehte sich Draco um und sah in die verweinten, grünen Augen, des Mädchens, dass vorhin vor ihm geflüchtet war. Sie hatte sich offensichtlich beruhigt, auch wenn sie immer noch sehr traurig wirkte.

„Ich habe vergessen, dir dein Taschentuch zurück zu geben." Sie lächelte ein wenig schief und reichte es ihm.

„Vielen Dank, Draco." Ein kleinen Moment staunte er, woher kannte sie seinen Namen? Erst beim zweiten Blick fiel ihm auf, dass er immer noch diese dämlichen Dinger mit Schriftzug benutzte, etwas auf das sein Vater natürlich Wert legte. Dabei kam man sich mit so Etwas wie ein alter Mann vor.

„Danke Dir..." er wusste ihren Namen auch nicht. Ein kleinen Moment wollte er danach fragen, doch er sah die finstere Miene seines Vaters und so ließ er es bleiben.

Sie verschwand irgendwo hinter den Säulen die Richtung Atrium führten.

„Was ist?" fragte er herausfordernd. Er war sich ziemlich sicher zu wissen, was in seinem Vater vorging.

„Nicht deine Liga, mein Sohn." antwortete er lakonisch.

Draco wandte sich zum gehen um. „Was meine Liga ist und was nicht, das entscheide ich selbst, Vater." Am liebsten wäre er dem namenlosen Mädchen nur deswegen hinterhergelaufen, weil sein Vater dann ausgeflippt wäre, aber Draco fühlte sich seit Monaten schon so antriebslos und tat die meisten Dinge, die er überhaupt tat, nur seiner Mutter zur Liebe und er fand, dass Vater ärgern kein besonders tolles Motiv war, um einem mittelmäßiges Mädchen, das nicht einmal einen Namen für ihn hatte, hinterher zu rennen.

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Spät in der Nacht saß Draco alleine im Salon von Malfoy Manor und grübelte über seine Zukunft nach. Er musste endlich aus seiner Starre erwachen und etwas tun. Der erste Schritt war, seiner Meinung nach, endlich eine eigene Wohnung. Aber sein Vater hatte ihm ziemlich drastisch klar gemacht, was er davon hielt, wenn er sich eine Wohnung suchte, ohne einen Job zu haben. Gut, einen Job. Dieses dämliche magische Strafverfolgungsbüro klang einfach. Das war leicht verdientes Geld. Und zur Prüfung hatte er noch genug Zeit, die legte man schließlich erst nach einem Jahr ab. Außerdem hatte Arty Binks durchblicken lassen, dass er einen Posten mit Führungsverantwortung zu erwarten hatte. Ja, warum eigentlich nicht. Es war kein Traumjob, aber in Dracos Leben war schon lange kein Platz mehr für extravagante Träume gewesen. Vielleicht sollte er einfach morgen früh zu seinem Vater gehen und ihm sagen, dass er gerne dort einen Vertrag unterzeichnen würde. Dann hätte er die Option mit der Wohnung und es war unabdingbar, dass er sich eine eigene Wohnung leistete.

Leise ging er um den Kamin herum und setzte sich an den Schreibtisch seines Vaters. Sein Vater hatte dort einige Angebote für ihn gestapelt, sowohl was Wohnungen betraf, als auch Berufe. Fluchend wühlte er sich durch die Unordnung. Wie konnte ein einzelner Mensch so viel Chaos anrichten? Und seine Mutter nahm ihn auch noch immer in Schutz. Eigentlich nur, um sich ein bisschen Platz zu verschaffen, zog er die untere Schublade auf und stieß auf ein alt aussehendes Pergament.

Draco rang mit sich. Eigentlich war es ihm egal, wem sein Vater schrieb, oder wer ihm schrieb, aber irgendwie siegte in seiner Verärgerung die Neugierde und er faltete das kleine Pergament vorsichtig auseinander.

Jedoch gehörte die Handschrift darauf weder seiner Mutter, noch seinem Vater. Aber der Brief war ganz offenbar an seine Mutter gerichtet.

Wer auch immer den Brief geschrieben hatte, er war verdächtig gut darüber informiert, was sein Vater so getrieben hatte und dennoch nahm die Angst von Draco Besitz, er konnte regelrecht fühlen, wie der Verfasser in Sorge war und sich vor der Zukunft fürchtete. Und seltsamerweise sich sehr um seine Mutter sorgte, sogar von einer Einladung war die Rede. Ein Teil des Briefes fehlte, offenbar hatte jemand das Pergament über das Feuer gehalten, es aber nicht übers Herz gebracht, ihn gänzlich zu Vernichten.

Draco nahm ihn und steckte ihn in seine Brusttasche. Dieses Mal würde seine Mutter ihm Rede und Antwort gestehen müssen, da war er sich zum ersten Mal sicher.

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