Kapitel 1
Es war der erste September, ein besonderer Tag für jeden 11-Jährigen mit magischem Blut. Die endlosen Privatstunden, in denen man sich mit Rechtschreibung und ähnlichem befasste, hatten ein Ende. Nun folgte das, worauf man sein Leben lang hinfieberte: Hogwarts.
Auch für Daphne war es so weit. Als sie vor wenigen Wochen mit der Schuluniform und anderen Besorgungen heimkehrte, rieb sie sie mir unter die Nase und bedachte mich mit ihrem typischen spöttischen Grinsen. Ich machte mir nichts draus. Ich hatte schnell gelernt, dass es rein gar nichts brachte, mich bei Mutter oder Vater über Daphnes Verhalten zu beschweren. Das brachte mir nur Ärger ein.
Ich stand neben Daphne und Mutter und sah dabei zu, wie Daphne für ihren großen Tag zurechtgemacht wurde. Eine Regel, die uns Mutter schon in frühester Kindheit eingebläut hatte, war, dass eine Greengrass immer zu wirklich jedem Zeitpunkt angemessen gekleidet zu sein hatte.
Aus Daphne wurde also eine kleine Prinzessin gemacht, mit aufwendiger Frisur, teurem Designerkleid und ebenso teuren Schuhen.
„Haarnadel", befahl Mutter. Ich reichte ihr eine, die sie in Daphnes blondes Haar steckte. Sie trat einen Schritt zurück und betrachtete ihr Werk. „Du siehst wunderschön aus, Schatz."
„Ja auf jeden Fall", stimmte ich zu. Etwas anderes hätte man mir auch gar nicht durchgehen lassen. Natürlich sah sie wunderschön aus, wie ein Engel, mit ihren blonden Locken und den himmelblauen Augen.
Ich seufzte.
„Geh dich anziehen, Astoria", befahl meine Mutter in ihrem herrischen Ton. Sie war eine beeindruckende Frau. Groß gewachsen, schlank, mit langen glatten blonden Haaren und durchdringende blaue Augen. Sie war gut gekleidet, elegant und luxuriös, respekteinflößend. Früher wäre ich gestorben, um so zu sein wie sie.
Ich lief den langen Gang entlang zu meinem Zimmer und zog die Kleider an, die ein Hauself für mich bereitgelegt hatte. Mein Blick schweifte zum Spiegel. Während Daphne aussah wie ein kleiner Engel, schien ich das komplette Gegenteil zu sein. Ich war klein und pummelig mit braunem Haar und bernsteinfarbenen Augen. Ich drehte mich ein wenig, um mich von der Seite zu betrachten. Erst jetzt im nach hinein wird mir klar, wie wichtig mein Aussehen mir schon mit 9 Jahren gewesen war, was sicherlich an Mutters Erziehung lag.
„Astoria Annabelle Greengrass!" Der mahnende Ruf meiner Mutter holte mich zurück in die Wirklichkeit.
Eilig lief ich die Treppe hinunter und stieß zum Rest meiner Familie, die schon in der Halle wartete. Kaum dass ich angekommen war, griff Vater nach meiner Hand, Zuspätkommen war immerhin eine Schande. Das Gefühl durch eine Röhre gepresst zu werden stellte sich ein und mein Magen schien wie wild zu tanzen.
Schließlich tauchten wir auf dem Bahngleis auf, auf dem schon reger Betrieb herrschte. Ich taumelte und stieß gegen Gepäckwägen und Menschen, tanzte regelrecht durch die Menge. Ich murmelte eine Entschuldigung nach der anderen, während mir die Röte ins Gesicht stieg. Ich hasste apparieren.
Mutter packte mich am Ellenbogen und zog mich grob zu sich. „Blamiere uns nicht, Astoria", fuhr sie mich zwischen zusammengebissenen Zähnen an.
„Es tut mir aufrichtig leid, Mutter."
Mutter schnaubte. „Das sollte es auch. Komm"
Ich folgte ihr durch die Menschenmassen zu Vater und Daphne, die sich zu den Malfoys gesellt hatten. Meine Brust wurde eng, als ich Draco sah. Damals, mit neun, war es mehr eine Schwärmerei als wirkliche Verliebtheit. Irgendetwas an ihm faszinierte mich, etwas, das sich hinter diesen sturmgrauen Augen, dieser perfekten Fassade verbarg. Ich weiß, es klingt irgendwie lächerlich.
Vielleicht war es auch die Tatsache, dass er irgendwie verboten war, die mein Interesse anfangs weckte. Daphne und er waren sich, noch bevor sie überhaupt geboren waren, versprochen worden, eine perfekte reinblütige Ehe. Ich wusste, dass Mutter sich ganz besonders darüber freute, dass ihre Tochter einen Malfoy bekommen hatte. Ehrlich, es war wie in einem der schlechten Liebesromane, die Mutter immer las. Die hässliche Schwester ist hinter dem schönen Jungen hinterher, der schon der wunderschönen Schwester versprochen wurde, Drama pur.
Nach und nach stießen andere reinblütige Familien zu uns, die Parkinsons, die Crabbes, die Goyles und die Zabinis. Auch ihre Kinder sollten dieses Jahr eingeschult werden.
Ich fühlte mich irgendwie unsichtbar und fehl am Platz, während alle Kinder sich über Hogwarts unterhielten und darüber, dass Slytherin das einzige Haus sei, das ihrer würdig war. Und auch für die Erwachsenen existierte ich nicht. Sie redeten abfällig über Dinge, die gerade im Ministerium geschahen und über einen ganz bestimmten Jungen, der dieses Jahr eingeschult werden sollte. Harry Potter, laut meiner Mutter die Verkörperung des Teufels, der unseren Lord umgebracht hatte.
Ich sah mich nach ihm um, da ich wissen wollte, wie so eine Verkörperung des Teufels wohl aussah.
Mein Blick blieb an einer rothaarigen Familie hängen, von der mir Mutter schon einiges erzählt hatte. Sie waren Blutsverräter, pflegte meine Mutter immer abfällig zu sagen, nicht viel mehr wert als Schlammblüter. Die Wiesel.
Ich betrachtete sie aufmerksam, wie sie fröhlich umherschwirrten und lachten. Eigentlich wirkten sie ganz normal. Vielleicht ein wenig ungesittet. Schließlich entdeckte ich ein kleines Mädchen, das ich vorher noch nicht gesehen hatte. Sie war jünger als die anderen, so ungefähr in meinem Alter und blickte sehnsuchtsvoll und verunsichert in eine Richtung. Ich folgte ihrem Blick und dann sah ich ihn... Harry Potter. Er sah aus wie ein ganz normaler Junge, stellte ich enttäuscht fest. Ich weiß nicht, was genau ich erwartet hatte, aber ganz bestimmte keinen schlaksigen, dünnen Jungen mit zerzaustem schwarzem Haar und grünen Augen. In den Erzählungen meiner Mutter hatte er immer weitaus gefährlicher gewirkt.
Ein durchdringendes Geräusch schallte über den Bahnsteig, fast wie ein Alarmton. Sofort setzen sich die Leute, die in Grüppchen zusammengestanden und sich unterhalten hatten, in Bewegung. Umarmungen und Küsse wurden verteilt, ebenso wie verabschiedende Worte. Auch die Weasleys verabschiedeten sich herzlich voneinander, man konnte die Liebe, die diese Familie verband förmlich spüren.
Meine Aufmerksamkeit richtete sich auf meine Familie, die Daphne verabschiedete. Mutter sah Daphne mahnend an. „Halte unseren Namen in Ehren, hörst du? Benimm dich einer Greengrass würdig."
„Und wage es nicht, in ein anderes Haus als Slytherin zu kommen, sonst..." Vater musste den Satz nicht vervollständigen, wir wussten alle zu gut, was geschah, sollte man nicht nach Slytherin kommen. Enterbung, der Ausstoß aus der Familie, im schlimmsten Fall wurde man wie ein Squib behandelt. Ein Schauer lief mir über den Rücken.
Daphne reckte das Kinn in die Höhe, sie sah aus wie eine stolze Prinzessin. „Ich werde euch nicht enttäuschen, Mutter und Vater."
Mutter nickte zufrieden und umarmte Daphne steif. „Auf Wiedersehen, mein Schatz."
Daphne erwiderte die Umarmung zögerlich, unsicher wie weit sie in der Öffentlichkeit gehen konnte, ohne uns bloßzustellen. Dann lächelte sie, winkte uns zu und verschwand im Inneren des Zuges zusammen mit Draco, Crabbe, Goyle, Pansy und Blaise. Ich seufzte sehnsüchtig, fühlte mich irgendwie zurückgelassen.
Wir sahen zu, wie der Zug langsam am Horizont verschwand und mit ihm die vielen Schüler, die Alten sowie die Neuen, und Daphne war eine von ihnen. Sobald der Zug außer Sichtweite war, wandte Mutter sich zu Vater.
„Soso, das war also Harry Potter." Sie stieß ein kurzes hartes Lachen aus. „Und so einer soll den dunklen Lord getötet haben? Das ich nicht lache, er sieht so aus, als könnte er noch nicht mal seine Schuhe richtig binden."
Narzissa stieß ein lautes Lachen aus. „Wie recht du hast, Moira. Das ist ja noch ein Kind!"
Vater nickte. „Dieser Junge war wohl kaum in der Lage, ihn zu töten. Aber, wenn er es doch getan hat, dann ist er womöglich brandgefährlich."
„Ich fand, er sah nett aus", murmelte ich.
„Wie bitte?", fragte Mutter scharf.
„Gar nichts", sagte ich schnell und senkte den Kopf.
Mutter schnaubte. „Na das will ich mal hoffen. Komm, Astoria. Wir gehen nach Hause."
Ich griff nach ihrer Hand, den Kopf immer noch gesenkt. Zuhause würde mich eine Strafe erwarten. Ich hatte dieses messerscharfe Glitzern in ihren Augen gesehen.
x
Das Jahr zog sich in die Länge wie Kaugummi. Es war anders ohne Daphne, aber nach einer Weile gewöhnte ich mich an die Stille, die mich täglich umgab. Gelegentlich fühlte ich mich etwas einsam, selbst wenn meine Privatlehrerin Mrs Jonas bei mir war und mich in Dingen wie schriftlicher Division unterrichtete, die für meine Allgemeinbildung ungemein wichtig zu sein schienen. Manchmal schaffte ich es, mich davonzustehlen, wenn sie gerade nicht hinsah und verschwand in den Tiefen unseres riesengroßen Anwesens. Meistens war mein Ziel die Bibliothek, in der ich Stunden verbrachte und mich durch dicke, antike Wälzer schmökerte. Es war gar nicht so schlimm, doch das Warten machte mich wahnsinnig. Auch ich wollte endlich Freunde finden, jeden Tag in Dracos Nähe sein und vor allen Dingen Zaubern lernen. Mutter vertröstete mich anfangs immer, doch irgendwann begann sie, genervt zu wirken und fuhr mich an, wenn ich das Wort Hogwarts auch nur erwähnte.
Vater arbeitete viel und lange, während Mutter verschiedensten Wohltätigkeitsveranstaltungen beiwohnte oder sich mit den anderen Frauen traf. Meistens saßen wir beide abends alleine am riesigen Esstisch, der uns voneinander trennte wie eine überdimensionale Mauer. Sie wirkte oft sehr distanziert und ich fühlte mich von Tag zu Tag immer einsamer.
Wir bekamen beinahe regelmäßig Post von Daphne, in denen sie über den Schulalltag und ihre Freunde berichtete. Ihre beste Freundin war Pansy Parkinson, mit den anderen Mädchen aus ihrem Haus verstand sie sich gut, wenn auch „diese Sophie" ein wenig seltsam war.
Ich sog ihre Nachrichten auf wie ein Schwamm Flüssigkeit und verlor mich beinahe in der Illusion dieses perfekten Ortes, der so viel warmer und herzlicher war als mein Zuhause.
Als das Schuljahr schließlich vorbei war und Daphne zurückkehrte, war sie stinksauer, dass Gryffindor den Hauspokal gewonnen hatte.
„Das ist so unfair", hatte sie gemault. „Nur weil dieser dämliche Potter so einen dämlichen Stein vor diesem behinderten Lehrer gerettet hat, hat Dumbledore ihm diese verdammten Punkte gegeben, und zu allem Überfluss auch noch dem Schlammblut, dem Wiesel und Longbottom! Als hätte das nicht jeder andere genauso gut gekonnt."
Ich schwieg dazu, während Vater ihren Ärger schürte und ihr sagte, dass Slytherin den Hauspokal sicher im nächsten Jahr gewinnen würde.
Das nächste Schuljahr begann und ich musste wieder zu Hause bleiben und zusehen, wie sogar das Wieselmädchen stolz den Zug bestieg und ihrer Mutter begeistert zuwinkte. Ich blieb auf dem Bahnsteig zurück und fühlte mich irgendwie verlassen. Mutter drängte mich, nachhause zu gehen, doch ich blieb und starrte dem Zug hinterher, bis der letzte Hauch von rot am Horizont verschwunden war.
x
Das Jahr war noch schlimmer als das letzte. Ich drückte mich immer öfters vorm Unterricht, verbrachte viele Stunden in der Bibliothek und verschlang Daphnes Briefe förmlich. Ich las alle Artikel über Hogwarts, die ich im Tagespropheten vorfinden konnte und verfolgte mit Schrecken die Entwicklungen mit der Kammer des Schreckens. Anders als meine Eltern, die nur froh waren, dass es Daphne nicht betraf und auch nicht betreffen konnte, machte ich mir wahnsinnige Sorgen um die Schüler. Ich war wirklich erleichtert, als alle unversehrt nach Hause zurückkehrten und niemand dabei umkam, obwohl es Daphne äußerst missfiel, dass „Potter mal wieder die Welt gerettet hat."
Und dann war der Tag gekommen. Der Tag, an dem ich in der Winkelgasse meine Sachen für Hogwarts einkaufen konnte, nachdem mein Brief wenige Tage zuvor an meinem elftem Geburtstag angekommen war.
Als erstes schleppte Mutter Daphne und mich zu Ollivander, damit wir mir einen Zauberstab kaufen konnten. Darauf war ich am gespanntesten. Ollivander begrüßte uns freundlich und bedeutete mir dann, mich auf einen kleinen Hocker zu setzen. Ich nahm Platz und probierte mit großer Freude die Zauberstäbe aus, die er mir reichte. Doch er schüttelte immer wieder den Kopf, als ich beinahe den Laden in die Luft jagte. Schließlich reichte er mir einen, der mir irgendwie richtig vorkam.
„Weide, Phönixfeder, 11 Zoll", murmelte er, „hervorragend geeignet für stumme Zauber."
Ich schwang ihn einmal und ohne überhaupt den Zauberspruch auszusprechen, strömten kleine, rote Vögel aus der Spitze und tanzten im Laden umher. Fasziniert betrachtete ich das Schauspiel.
„Der wäre es dann", sagte Mutter spitz und bezahlte. Sie schien es kaum erwarten zu können, endlich den Laden zu verlassen.
Wir traten wieder auf die belebte Gasse und gingen auf die Magische Menagerie zu. „Ein Haustier", mahnte Mutter. „Und denk bloß nicht daran, dir eine Kröte zu besorgen." Ich verzog das Gesicht. Natürlich nicht. Nie würde ich so ein schleimiges grünes Ding anfassen geschweige denn besitzen wollen.
Ich steuerte sofort auf die Katzen in der Ecke zu und streichelte eine nach der anderen, um zu sehen, welche mir am besten gefiel. Sofort fiel mir eine kleine Katze auf, die sich bisher in den Hintergrund gedrückt hatte. Sie war hellgrau und hatte hellblaue, irritierende Augen, die mich neugierig anstarrten. Ich streckte vorsichtig meine Hand durch das Käfiggitter. Die Katze schritt vorsichtig und stolz auf mich zu und schnupperte an meinen Fingern. Mit großer Freude beobachtete ich, wie sie ihren Kopf an meinen Handrücken schmiegte.
„Die nehme ich", sagte ich zu Mutter. Sie zuckte gleichgültig mit den Schultern, griff grob nach dem Käfig, sodass die Katze protestierend miaute, und knallte ihn auf die Ladentheke.
„12 Galleonen", murrte die Verkäuferin. Mutter reichte ihr das Geld und wir machten uns auf den Weg zu Flourish und Blotts, wo wir unsere Bücher besorgten. Daphne fragte mich, wie ich meine Katze nennen wollte
„Tia", sagte ich. Wie komisch, sagte sie. Ich fand den Namen schön.
Auf dem Weg aus dem Laden begegneten wir den Malfoys. Ich spürte sofort, wie etwas in mir sich vor Nervosität verkrampfte und ich brachte kein Wort hervor.
„Guten Tag, Moira", sagte Narzissa.
„Guten Tag, Narzissa", erwiderte Mutter. Die beiden verfielen in ein lockeres Gespräch über das untypische, schöne Wetter und andere unwichtige Dinge, während Daphne und Draco sich über die Schule unterhielten. Es fühlte sich blöd an, nicht mitreden zu können. Ich kam mir so... überflüssig vor.
Ich ließ meinen Blick durch die rappelvolle Gasse wandern und entdeckte auf dem Boden eine niedergetrampelte Ausgabe des Tagespropheten. Black immer noch auf freiem Fuß, verkündete die Schlagzeile.
„Mutter, wer ist das?" Ich deutete auf den Zeitungsartikel. Mutter unterbrach ihr Gespräch mit Narzissa und sah mich genervt an. „Wer?" Sie ließ ihren Blick durch die Menge schweifen.
„Na der Mann da. Auf dem Bild in der Zeitung." Ich deutete auf den schmutzigen, zerfledderten Tagespropheten.
Mutter sah sich weiterhin suchend um und wurde plötzlich ganz bleich. „Niemand, Astoria. Niemand, der uns etwas kümmert.
„Hier steht, er ist aus Askaban ausgebrochen. Das geht doch gar nicht oder?"
„Halt den Mund!", fauchte Mutter laut. Einige Passanten starrten sie an. Mutter lächelte zuckersüß und schlang ihren Arm grob um mich. Sie warf einen kurzen Blick zu Narzissa, die leer vor sich hin starrte. „Kein Wort mehr, verstanden?" Ich nickte verängstigt. Was hatte dieser Mann getan, dass Mutter so reagierte? Ich wollte es mir gar nicht vorstellen...
„Kommt, Daphne, Astoria. Wir gehen. Auf Wiedersehen, Narzissa. Grüß bitte Lucius von mir."
Daphne murrte, sagte aber nichts. Wortlos folgten wir Mutter durch die Menschenmenge.
Wir besorgten rasch den Rest der Einkaufsliste, dann zog Mutter uns sofort weiter zum Kamin im „Tropfenden Kessel", obwohl sie uns versprochen hatte, dass wir ein Eis bekommen würden. Ich beschwerte mich nicht. Immerhin hatte ich eine verbotene Frage gestellt. Es war meine Schuld, wirklich.
x
Ich stand zum fünften Mal in meinem Leben auf diesem Bahnsteig und doch fühlte es sich an wie das erste Mal. Ich hatte meine Koffer dabei, Tias Katzenbox und meine Zauberutensilien. So aufgeregt war ich meinem Leben bisher nie gewesen. Mutter hielt mir die gleiche Standpauke, die sie auch Daphne immer hielt und beauftragte diese, ein Auge auf mich zu werfen. War es immer noch wegen der Sache in der Winkelgasse?
Das Signal ertönte laut und ich setzte mich zusammen mit den anderen Schülern und Schülerinnen in Bewegung. Mein Herz klopfte mir bis zum Hals, als ich Daphne zu einem Abteil folgte, indem schon Pansy Parkinson, Draco, Crabbe, Goyle und Blaise saßen. Daphne strahlte sie an und Blaise stand auf, um ihr mit den Koffern zu helfen.
Um ehrlich zu sein, Daphne sah einfach lächerlich aus. Keine Ahnung, wie Mutter ihr das durchgehen ließ. Ihre Nägel waren grell pink lackiert, die Lippen glänzten, weil sie zu viel Lipgloss benutzt hatte und die tiefschwarz getuschten Wimpern hatten einen unrealistischen Schwung. Es war einfach zu viel von allem, aber Blaise schien es zu gefallen. Er machte ihr ein Kompliment.
Schüchtern betrat auch ich das Abteil und sah mich nach einem freien Sitzplatz um.
„Was machst du denn hier?" Daphne sah mich missbilligend an.
„Mutter hat gesagt..."
„Mutter hat gesagt", äffte Pansy mich nach.
Daphne lachte laut. „Ernsthaft, Astoria, wie alt bist du? Sieben?", fragte sie. Ich schüttelte verletzt den Kopf. „Verzieh dich."
Ich versuchte verzweifelt, die Tränen zurückzuhalten. Daphne war schön öfters gemein zu mir gewesen, aber so heftig hatte sie mich noch nie verletzt. Ich hatte doch nur dazugehören wollen, zu ihrem kleinen Kreis von Slytherins, in Dracos Nähe sein und mit ihnen lachen. War das zu viel verlangt?
Verloren machte ich mich auf die Suche nach einem halbwegs leerem Abteil, doch alle waren schon besetzt von Schülern, die mich feindselig anstarrten. Na toll, so hatte ich mir meinen ersten Tag bestimmt nicht vorgestellt. Ich lief den gesamten Zug ab und fand schließlich am letzten Ende ein Abteil, in dem schon ein Mädchen saß, das ich flüchtig kannte. Rose Zabini.
Ich klopfte an die Tür des Abteils. Sie hob den Kopf, lächelte und bedeutete mir mit einem Wink, dass ich hereinkommen durfte. Ich zog die Tür auf und ließ mich auf den Sitz ihr gegenüber fallen.
„Bohne?", fragte sie und streckte mir ein Päckchen mit Bertie Botts Bohnen hin.
Ich lehnte dankend ab.
Sie zuckte mit den Schultern. „Bleibt mehr für mich." Eine Bohne fand den Weg in ihren Mund und sie erschauerte. „Ahh, Ohrenschmalz, wie eklig."
Ich biss mir auf die Lippe. „Ich hatte einmal Eulenkacke. Seitdem meide ich die Dinger, wo ich kann."
Rose brach in Gelächter aus. „Blaise hatte mal Riesenpups. Das war erst mal eklig."
Ich schüttelte mich. „Oh Merlin, hör auf. Du machst mir eine Gänsehaut."
Rose steckte grinsend die Packung in die Tasche und begann abwesend auf ihrem Zeichenblock zu malen. „Ich würde dich ja fragen, in welches Haus du kommst, aber das weiß ich ja schon. Also frage ich dich, in welches Haus du willst."
Ich sah sie verwirrt an. „Das ist doch dasselbe."
Sie hob den Kopf und blickte mich aus ihren großen braunen Augen an. „Doch, das ist sogar ein großer Unterschied. Du kannst zum Beispiel nach Ravenclaw wollen, weil dir die Grundsätze gefallen, aber vom Charakter eher nach Hufflepuff passen."
„Ich will nach Slytherin."
„Willst du das?" Rose' Stift schabte über das Papier. „Oder wollen deine Eltern das?"
Ich wand mich hin und her. „Ich weiß nicht. Darüber hab ich nie nachgedacht."
„Ich schon", sagte Rose leichthin. „Ich will nach Ravenclaw. Aber ich glaube, ich versuche es lieber mit Slytherin. Ich will ja nicht aus der Familie gestoßen werden. Ich mag meinen Bruder."
„Ich weiß gar nicht, in welches Haus ich passen würde."
Rose hob den Kopf und beäugte mich. Für den Bruchteil einer Sekunde befürchtete ich schon, dass sie tatsächlich in meine Seele blicken konnte.
„Ich weiß nicht", sagte Rose schließlich. „Aber du scheinst mir nicht so engstirnig zu sein, um nach Slytherin zu passen."
„Wie meinst du das?" Ich griff in meine Tasche und holte ein Buch über Heilpflanzen heraus.
Rose' Stift hielt inne. Für eine Weile hörte man nur das rhythmische Geräusch der Dampflok. „Du wirst schon sehen, Astoria. Dir wird es früher klarwerden als den anderen."
„Was wird mir klarwerden?", hakte ich nach.
Ein mysteriöses Lächeln umspielte Rose' Lippen. „Du wirst es schon wissen, wenn es so weit ist." Mit diesen Worten bekam sie so einen abwesenden Gesichtsausdruck und ihre Striche auf dem Papier wurden hektischer.
Ich vertiefte mich in mein eigenes Buch, meine Gedanken kreisten um die Sachen, die Rose gesagt hatte. Was sie wohl damit meinte?
