Weiter geht's….

Jaspers POV

Es dämmerte schon, als ich mich durch das geöffnete Fenster in unserem Zimmer schwang.

Alice und ich hatten den ganzen Tag gejagt, und, nun ja, noch anderes gemacht, um genau zu sein, hatten wir mehr anderes gemacht und dann zum Schluss noch ein bisschen dem Jagdtrieb nachgegeben.

„Ich muss mich umziehen!", hörte ich Alice' hohe und eigentlich immer fröhliche Stimme neben mir, doch eine Welle oberflächlichen Ärgers überflutete mich, und als ich mich umdrehte, bedurfte es keiner weiteren Erklärung, was diesen plötzlichen Stimmungswechsel bewirkt hatte.

Mit verbissener Miene rieb sie verzweifelt am Saum ihres Shirts und ich musste kein zweites Mal hinsehen, um zu bemerken, dass sich ein nicht gerade kleiner Blutfleck auf das helle Blau geschlichen hatte.

Alice hasste es, wenn ihre Klamotten nicht alle perfekt waren und zueinander passten, und das Braun von eingetrocknetem Blut gehörte offenbar nicht zu ihrer Definition von „perfekt".

Ich konnte nicht anders, als amüsiert zu grinsen, denn Alice erinnerte mich gerade an eine Mischung aus dem elfengleichen Wesen, das sie unbestreitbar war, und einer Furie, die drauf und dran war ihr Top zu attackieren. Was ich nun wirklich nicht verstehen konnte, denn es war ja nicht so, als hätte sie vorgehabt, diese Klamotten jemals wieder im Laufe der Ewigkeit anzuziehen. Was sie heute anhatte, war nicht gut genug für die, sagen wir, nächsten hundert Wochen und danach war es sicherlich unmodern geworden und jegliches Nachdenken über ein erneutes Tragen war überflüssig geworden.

„Sieh es als Einladung, dir was neues Schönes anzuziehen", versuchte ich sie auf rein verbalem Wege aufzuheitern.

„Das ist keine Einladung, sondern eine Verpflichtung. So kann ich doch nicht rumlaufen!"

Ich rollte die Augen und seufzte ein wenig theatralisch. Wie gesagt, ich konnte Alice nicht verstehen, aber das hatte ich ohnehin aufgegeben. Sie konnte nicht verstanden, lediglich auf Händen durch die Welt getragen werden.

„Ich warte im Wohnzimmer", murmelte ich ihr zu und wandte mich schon Richtung Tür.

Es war unnötig aus dem Raum zu gehen, nur weil sich meine – derzeit bloß Freundin, zu anderen Zeiten durchaus auch schon Ehefrau – ein frisches Oberteil anziehen wollte, doch seit ich, oder besser gesagt wir, zu den Cullens gehörten, hatte ich mir wieder angewöhnt, was es heißt, Privatsphäre zu gewähren. Jahrzehntelang ein Fremdwort für mich.

„Oh oh."

Ich drehte mich sofort zu ihr um, hektischer als notwendig, wie ich es immer tat, wenn von Alice auch nur ein besorgter Laut kam, ganz gleich, wie ihre Emotionen dabei aussahen. Eine alte Angewohnheit, die ich wohl nie ablegen würde.

Doch ich musste nun wirklich nicht sonderlich begabt sein, um ihr breites Grinsen zu deuten, das auf ihren sekundenlang leeren Gesichtsausdruck folgte.

„Viel Spaß mit Edward", wünschte sie mir geheimnisvoll und schob mich dann mit beiden Händen zur Tür hinaus, nicht ohne mir noch einen Kuss auf die Wange zu setzen.

Dann fand ich mich auch schon vor verschlossener Türe im Flur wieder.

Nicht dass fünf Zentimeter Holz ein sonderlich großes Hindernis für mich gewesen wären, aber ich hatte gelernt, dass man sich hier nicht beliebt machte, wenn man das Haus in seine Einzelteile zerlegte.

Seufzend trottete ich die Treppe herunter, mir würde wohl nichts anderes übrigbleiben, als die Bedeutung ihrer Worte auf dem offensichtlichsten Wege herauszufinden.

Sich ins Wohnzimmer stellen und darauf warten, dass Edward mich fand.

Wenn kein Mensch in der Nähe war und mich beobachtete, konnte ich mich nicht oft dazu zwingen mich zu setzten. Besonders nicht, nachdem ich herausgefunden hatte, dass ich, wenn ich vorher auf dem Sofa gesessen hatte, eine Viertelsekunde länger brauchte, um in den ersten Stock zu Alice zu gelangen.

Wie es aussah, musste ich nicht darauf warten, gefunden zu werden, denn ich rannte praktisch in Edward, der mit verschränkten Armen und zugekniffenen Augen im Türrahmen stand und mich freundlicherweise an seiner schlechten Laune teilhaben ließ.

„Genauso freundlich, wie du mir deine Gedanken mitteilst und mindestens genauso absichtlich!" kommentierte er meine Gedanken, die er wahrscheinlich schon erfasste, seit Alice mich vor die Tür gesetzt hatte, damit ich in aller Ruhe meiner Zukunft entgegen gehen konnte.

Schlechte Laune?

Welch überflüssige Frage.

„Wie Recht du hast, verdammt überflüssig!"

Seine Laune war ja noch besser, als ich es erahnt hatte, geradezu strahlend.

Und seit wann war ich bitte schön so sarkastisch?

„Immer schon!"

Ein dunkles, drohendes Grummeln verließ meine Kehle und ohne mich zu regen, starrte ich ihm direkt in die Augen.

Noch so eine Angewohnheit von mir, die ich nur sehr schwer ablegen konnte. Spürte ich unterschwellige Aggressionen, war es für mich wie ein Zwang, mein Gegenüber keinen Bruchteil einer Millisekunde aus den Augen zu lassen.

Was willst du, Edward?

Es musste etwas Dringendes sein, seiner Miene nach, und etwas Lustiges, wenn man Alice' Lachen nach ihrer Vision mit einbezog. Wobei nicht gesagt war, dass ich auch darüber lachen konnte, bloß weil meine Glücksfee auf Koffein es witzig fand. Alice fand vieles witzig.

Zum Beispiel Shoppen.

Neue Klamotten. Ich höre sie jetzt noch sagen: „Das gleiche Shirt in zwei verschiedenen Farben, ist das nicht lustig?" Nein!

Bella.

Okay zugegeben, über Bella konnte ich auch lachen, immer wenn sie es nicht mitbekam und ich Geschichten mit anhörte über ihr sportliches Geschick, das praktisch dauerhaft durch Abwesenheit glänzte.

Edward entspannte seine Schultern ein bisschen und atmete erleichtert aus. Vollkommen überflüssig, Luft in den Lungen brauchte man nur zum Sprechen.

„Ich hatte schon damit gerechnet, dass Alice dir schon alles erzählt hat."

Offensichtlich nicht der Fall.

„Gut. Und auch wieder nicht, sonst hättest du mir einfach und unkompliziert eine Antwort geben können."

Die Erleichterung war verschwunden und an ihre Stelle trat, konnte das möglich sein, Scham.

Aber meine Sinne, auch meine übernatürlichen, hatten mich noch nie getäuscht.

„Ich wollte dich bloß etwas fragen."

Er hatte seine eigenen Gefühle in meinen Gedanken gelesen und versuchte sie nun zu unterdrücken.

Was allerdings schwierig sein musste, denn bisher hatte ich noch nie jemanden getroffen, der es geschafft hatte, seine Emotionen so erfolgreich zu verfälschen, dass ich es nicht gemerkt hätte.

Edward hingegen auszuschalten, war ein ganz klein wenig einfacher. Alice hatte mir geraten, ich sollte die Bibel auswendig aus dem Kopf vom Hebräischen ins Französische übersetzen.

Problem dabei, ich konnte weder die eine noch die andere Sprache.

Also hatte ich mir angewöhnt, sämtliche Gedichte und Geschichten von Edgar Allan Poe zu rezitieren. Die waren vom Blutgehalt schon eher meine Kragenweite und hielten mich so sehr beschäftigt, dass ich an nichts anderes denken konnte.

„Das glaubst du …" Ein gehässiges Grinsen breitete sich auf Edwards Lippen aus und er fügte noch hinzu:

„Es ist bei weitem effektiver, wenn du es wie Carlisle machst, wenn er seine letzte Doktorarbeit ins Lateinische übersetzt, ist es wenigstens noch interessant."

Ich grummelte und überging seinen Kommentar einfach. Ich wollte jetzt nicht daran denken, was er vielleicht doch alles mitbekommen hatte.

Was wolltest du fragen?

Genug Smalltalk für heute.

„Es geht um die erste Nacht nach der Hochzeit, mit Bella. Und wenn du lachst, ich schwör es dir, fliegst du quer durch den Raum."

Ich bezweifele stark, dass du das schaffst.

Ein amüsiertes Grinsen legte sich auf meine Lippen. Ich hatte schon mit Emmett gekämpft, so zum Spaß, aber jetzt, wo er so direkt darauf stieß, fiel mir auf, dass ich mich noch nie mit ihm gemessen hatte. Aber gemessen daran, mit welcher Leichtigkeit er mit meinem wörtlich größeren, jüngeren Bruder umging, könnte sich das als interessant erweisen.

Dennoch beschloss ich, dass das Wohnzimmer kein geeigneter Ort war, das auszuprobieren, besonders nicht in Anbetracht der Uhrzeit. Carlisle könnte jeden Augenblick zur Tür hereinspazieren.

„Weise Entscheidung."

Ein bisschen schnippisch und immer noch gefüllt mit jeder Menge Ärger und Nervosität erwiderte Edward meinen starren Blick.

Ich werde nicht lachen, versprochen!

Noch war das leicht gesagt, ich wusste ja nicht einmal, worum es ging, aber meine Neugier war nun doch angeregt und ließ mir dieses Versprechen leicht über die mentalen Lippen kommen.

„Sie will, dass ich mit ihr … bevor sie so wird wie ich."

Edward sprach wie immer in Rätseln, oder besser gesagt in Lücken. Was ein Glück, war ich gut, unvollständige Sätze zu vervollständigen, denn darin hatte ich selber einen Meistertitel inne.

Ich schwieg und wartete darauf, dass er weitersprach, doch ich hörte nur Stille, ausgenommen von Esmes leisem Pfeifen irgendwo aus Richtung der Küche, Alice' Kichern im Obergeschoss, Rosalies und Emmetts … nein, das wollte ich lieber nicht hören!

Wann kommt die Frage?

Er seufzte abgrundtief, seine Schultern erschlafften für einen kurzen Moment der Resignation.

„Bin ich denn der Einzige, der darin ein Problem sieht?"

Mal ausgenommen davon, dass seine komplette Beziehung zu Bella eigentlich ein einziges Problem war, seit sie bestand, und es auch noch bleiben würde, bis Bella endlich ihre Sterblichkeit aufgegeben hatte, nein, sah ich kein Problem.

Sollte ich?

„Vielleicht ist da keins, deswegen frage ich … Ich weiß nicht, wie es ist. Wie stark man die Kontrolle verliert."

Jetzt endlich ging mir ein Licht auf, doch aufgrund der Ironie, die ich in der ganzen Situation sah, konnte ich nicht anders, als ein kurzes Lachen von mir zu geben, das ich noch versuchte in einem Knurren enden zu lassen.

Doch Edward konnte schließlich Gedanken lesen, er würde schon merken, dass ich nicht direkt über ihn lachte.

Du kommst ausgerechnet zu mir, wenn es um Fragen der Selbstbeherrschung geht? Ich glaube nicht, dass ich dir etwas beibringen könnte.

„Emmett war nicht einmal fähig, mein Problem zu verstehen …"

Okay, immerhin war ich also nur zweite Wahl, sollte mich das beruhigen oder verärgern?

„Ich will nur wissen, wie stark das Gefühl ist."

Sehr stark.

Einfache Frage, einfache Antwort.

Oder sollte ich noch etwas Erklärendes hinzufügen?

Aber viel wichtiger, warum um alles in der Welt wusste er das nicht selber? Gut, ich hatte nie mitbekommen, dass er mal mit jemand anderem angebändelt hatte, auch nicht zum Vertreib der Langeweile.

Aber so lange gehörte ich ja auch noch nicht zur Familie, ich glaube, ich hatte einfach angenommen, dass er die Zeit, bevor ich ihn kennengelernt hatte, nicht auch schon für sich gewesen war.

Seine Zähne krachten hart gegeneinander und seine plötzliche Besorgnis traf mich wie ein Schlag ins Gesicht.

Wäre ich an seiner Stelle gewesen, hätte ich wahrscheinlich den Notstand ausgerufen, doch ich war nicht er.

Ich hätte es nicht einmal geschafft, einen Menschen zu küssen, ohne ihn nicht daraufhin in Stücke reißen zu wollen.

Ganz zu schweigen davon, dass er Bella schon mehr als einmal hatte bluten sehen. Die Tatsache, dass sie noch lebte, sprach für seine Beherrschung.

Er nickte schwach, hatte er doch meine Gedanken verfolgt, doch so wirklich überzeugt von meiner These, dass er das schon irgendwie schaffen würde, schien er nicht.

Und ich konnte es ihm nicht verübeln.

Genaugenommen war ich gerade mehr als froh, dass Alice nicht im Entferntesten so zerbrechlich war, wie sie aussah. Im Gegenteil.

Als Beispiel musste ich nur an den Nachmittag denken und an die paar Bäume, die leider, aber unvermeidlich ihr Leben hatten lassen müssen und nun mehr klein als vollständig den Waldboden schmückten.

Alice konnte so ein Biest sein, wenn ihr danach war.

Zu meinem Glück war ihr sehr oft danach, denn ich liebte das kleine Biest …

„STOPP!"

Mit diesem Schrei sprang Edward mich fast an, sein Glück, dass es nur fast war, denn bei solchen hektischen „Angriffen" konnte ich nicht immer für alles garantieren.

„Es ist schon schlimm genug, wie oft Alice daran denkt, ich will es nicht auch noch von dir wissen!" Seine Augen funkelten mich böse an und für einen Moment hatte ich die Vorstellung eines kleinen Jungen vor Augen, der sich die Ohren zupresste, wenn er etwas nicht hören wollte.

„Ich wünschte, es wäre so einfach …"

So viel musste ich zugeben, mich würde es auch wahnsinnig machen, wenn ich mir Bettgeschichten vom Rest der Familie anhören müsste. Es reichte schon, wenn Emmett und Rose, die sich ausgerechnet das Zimmer neben uns teilten, es mal wieder gar nicht erwarten konnten. Mein gutes Gehör war da schon Strafe genug, ganz zu schweigen, dass ich entweder schnellstens wegmusste, bloß weit genug weg, oder bei einer von Alices' feengleichen Bewegungen zu viel für nichts mehr garantieren konnte.

Ich hasste es, das zu fühlen, was andere fühlten, doch ich gab zu, beim Sex war Alice, was das anging sehr, beflügelnd.

Und sie behauptete felsenfest, dass ich um einiges entspannter wäre, wenn Emmett und Rose …

„War ich nicht deutlich genug?" Wut unterbrach meine Gedanken, so stark, dass es schwer war, nicht selber die Zähne zu fletschen.

„Ich wollte nicht wissen, was ihr alles macht, wovon ich nichts wissen möchte, ich wollte nur wissen, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass ich Bella dabei umbringe. Um davon abhängig zu machen, ob ich mein Versprechen in diesem Ausnahmefall besser brechen sollte:"

Wow, so viel hatte Edward schon lange nicht mehr am Stück zu mir gesagt.

Ich denke, du schaffst es schon, sie lebend aus den Flitterwochen wieder mitzubringen, versuchte ich ihn zu beruhigen und beschloss, auch so seine Aufregung wieder etwas zu glätten.

Denn ganz so sicher, wie ich tat, war ich mir meiner Worte noch nicht.

Wenn ich daran dachte, wie ich Alice gegen den Baum …

„Jasper!" Ein Knurren und Zähneknirschen erfüllte den Raum und zum ersten Mal fand ich, dass Edward wirklich wie ein Vampir klang und nicht nur wie ein motziger Teenager, der versuchte bedrohlich zu wirken.

„Immerhin hast du nicht gelacht", grummelte er mir im Vorbeirauschen noch gequälte Anerkennung zu und verschwand dann in Carlisles Büro, offenbar, um dort auf ihn zu warten.

Kaum war die Tür hinter ihm geschlossen, tänzelte Alice leichtfüßig und vollkommen neu eingekleidet – eigentlich hatte sie nur das Shirt wechseln wollen – die Treppe herunter.

„Ich hab einfach keins gefunden, das zu der Hose gepasst hätte", verteidigte sie sich lächelnd und nahm meine Hand, um mich zum Sofa zu ziehen.

„Du hattest eine Jeans an." Fragend versuchte ich bloß eine Augenbraue zu heben, doch das gehörte nicht zu meinen Talenten, also war ein Fragezeichen über mein ganzes Gesicht gemalt.

„Aber eine, zu der einfach nichts anderes passt, Jazz, du verstehst das nicht!"

Da hatte sie Recht, wie immer, ich verstand sie einfach nicht!