Die Augen der Sklavin
Kapitel 2 – Der Schein trügt
Legolas betrachtete die Frau vor ihm genauer, sie war schätzungsweise in ihren dreißiger Jahren, was man ihr aber kaum anmerkte. Nur ihre Augen, die die beiden Gefährten kühl und abschätzend musterten, zeugten von ihrem Alter. „Herrin", versuchte Legolas einen höflichen Vorstoß, doch sie wies ihn an, zu schweigen. An den Mann, der Gimli festhielt gewandt, sagte sie: „Bring sie rein, Harad, ich möchte nicht, dass die Mädchen sie sehen." Der Angesprochene tat wie ihm geheißen und brachte die Freunde in das Haus, wo er sie unzählige Gänge entlang und einige Treppen auf und ab führte, bis sie in einem Kaminzimmer standen. Dort saß bereits die blonde Frau, die die Anführerin dieser Bande zu sein schien. „Ihr wolltet vorhin etwas sagen, Herr Elb. Was ist es, dass Euch auf der Seele liegt?", fragte die Menschenfrau mit einem leicht spöttisch klingendem Unterton. Legolas hatte sich seine Worte auf dem Weg hierher gut überlegt, denn sie konnten über das Schicksal seines Freundes und auch über sein eigenes entscheiden.
„Mein Name ist Legolas Thranduilion und dies ist mein Freund Gimli, Gloins Sohn. Wir waren auf dem Weg nach Minas Tirith, als Eure Männer uns aufgriffen. Wir sind uns keines Vergehens bewusst, hättet Ihr die Güte uns aufzuklären, warum wir gefangen gehalten werden?", sprach er bestimmt, aber höflich. Die Frau vor ihm runzelte die Stirn und besah sich die Gefangenen näher, sie hatte sich vorher nicht über das eigenartige Paar gewundert, dass allein durch die Wildnis streifte. Doch nun fielen ihr die vielen Geschichten ein, die diese zwei Freunde beschrieben und sie schluckte hart. Das konnte ihr Untergang sein, dachte sie, wenn ich sie nicht sofort frei lasse. Ihr Gehirn arbeitete fieberhaft, während sie versuchte nach außen hin einen neutralen Eindruck zu machen. Was, wenn diese zwei ihren Plan durchkreuzen würden? Das konnte sie sich nicht leisten, also tat sie das einzige, was ihr in diesem Moment möglich war: Sie versuchte die Aufmerksamkeit von sich fortzulocken. Erschrocken schlug sie die Hand vor den Mund und sah die Helden des Ringkrieges mit großen Augen an. „Harad! Wie konntest du dich nur so täuschen. Verzeiht, eure Hoheit, mein Diener hat Euch verwechselt.", sagte sie aufgeregt und begann die Fesseln der beiden zu lösen. Harad wollte etwas erwidern, doch sie warf ihm einen eisigen Blick zu, der ihn verstummen ließ. Dummer Mensch, dachte sie und als sie die Gefährten befreit hatte, bat sie vielmals um Entschuldigung und bot ihnen gemütliche Sessel an.
„Ihr müsst wissen", begann sie dann, „dass hier seit einigen Tagen zwei Vagabunden herumstreunen und den Mädchen dieser Schule Angst bereitet haben. Ich habe meine Männer angewiesen jeden der ihnen verdächtig vorkommt, zu mir zu bringen. Ich weiß nicht, was in sie gefahren ist, dass sie von Euch dachten, Ihr wäret Streuner. Ich bitte vielmals um Verzeihung. Oh, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt, mein Name ist Meril [1] und ich leite diese Schule." Legolas war über die plötzliche Freundlichkeit der Lady sehr überrascht, doch sein Wort wog in Gondor viel, da er ein Freund des Königs war, und so wunderte er sich nicht länger darüber, dass man ihnen sofort glauben geschenkt hatte. Doch eins schien ihm unklar und er sprach die Menschenfrau gleich darauf an. „Was für eine Schule ist dies hier? Sie ist auf keiner Karte eingezeichnet." „Oh, ihr habt Recht. Wir leben hier sehr abgeschieden und bekommen nur wenig Besuch, aber ich glaube, dass so die Konzentration der Mädchen nicht auf etwas anderes gelenkt wird. Dies hier ist eine Schule für Hofdamen und Zofen, ihr müsst wissen, ich war selbst einmal eine Zofe eines Fürsten von Gondor. Er verliebte sich in mich und wenig später heirateten wir. Viele Mädchen träumen von diesem Schicksal, deswegen kommen sie hierher und erwerben in der Ausbildung ein Empfehlungsschreiben unserer Schule an die Herrenhäuser Gondors. Es gab nie Beschwerden über die Mädchen, die ich ausgebildet habe und mittlerweile hat meine Schule eine gewisse Berühmtheit erlangt. Aber bitte, das interessiert Euch sicherlich nicht. Möchtet ihr etwas essen? Möchtet ihr Wein, Wasser oder etwas anderes? Ich vergesse über meinen Stolz auf die Mädchen doch noch Euch angemessen zu verpflegen", meinte Meril erschrocken und wies die Männer an, den Raum zu verlassen und Getränke und Speisen zu holen. Noch bevor einer der Freunde etwas erwidern konnte, sprach Meril schon weiter. „Ich möchte Euch anbieten, dass Ihr hier übernachtet. Für die Strapazen, die Ihr meinetwegen erleiden musstet, möchte ich Euch entschädigen, auch wenn es nicht viel ist, was ich tun kann." Sie sah die Gefährten auffordernd an und diese willigten ein.
Als Gimli und Legolas auf dem Weg zu den Hütten waren, die man ihnen zugewiesen hatte, unterhielten sie sich leise miteinander. „Ich traue dieser Frau und ihren Handlangern nicht", brummte Gimli. „Aie, mellon nîn[2], ich verstehe deinen Bedenken. Auch mich plagen Furcht und Unsicherheit. Hoffen wir, dass dies nur Trug ist", antwortete Legolas nachdenklich. Da jeder eine kleine Hütte für sich hatte, verabschiedeten sich die Freunde voneinander und jeder ging seinen Bedürfnissen nach. Gimli sank sofort ins Bett und sein Schnarchen war noch nebenan zu hören, wo Legolas die Hütte genauer betrachtete. Der Wohnraum war heimelig eingerichtet, es gab ein großes Bett, das am Fenster stand, einen Kleiderschrank und eine Chaiselongue, die zum Ruhen einlud. Doch nach ruhen war dem Waldelben nicht zumute, noch immer fühlte er Gefahr wie einen sachten Schleier über sich und seinem Freund liegen. So wachte er bis zum Morgen grauen, bis er das Rumpeln des Zwerges hörte und hinaustrat um seinen Freund zu begrüßen. Am Vormittag war es ruhig in der Schule, doch gegen Mittag wurde ihnen von zwei jungen Mädchen, die noch keine fünfzehn Sommer zählten, ein Mahl gebracht, was sie dankend zu sich nahmen. Der Unterricht der Schule schien vorbei zu sein, denn immer mehr junge Mädchen fanden sich auf der Wiese zwischen der Schule und den Hütten. Sie tanzten und sangen, einige davon waren recht leicht bekleidet und hier und da sah man eine junge Brust hervor blitzen. „Mir scheint diese Schule bildet noch ganz andere Berufe aus", brummte der Zwerg, als er eines dieser jungen Mädchen entdeckte. „Was ist dagegen einzuwenden, wenn die Mädchen ihre Herren bezirzen wollen, bedenke, mellon nîn[2], dass sie alle hoffen von reichen Edelmännern geehelicht zu werden." Der Zwerg blickte den Elben erstaunt an, doch dieser stieß ihm scherzhaft in die Seite. „Es ist nicht an uns zu urteilen, Freund Zwerg, was immer hier vor sich geht wird mit rechten Dingen geschehen", fügte er dann an. Und doch fiel auch Legolas auf, dass nahe dem Waldrand die Männer von Meril verborgen standen und die Schülerinnen beaufsichtigten.
Kaum, dass er sich darüber hätte wundern können, kamen einige Mädchen schüchtern auf die zwei Männer zu. Sie warfen sich ihnen zu Füßen und flüsterten zu ihnen, doch so durcheinander, dass selbst Legolas nichts verstehen konnte. Er half dem Mädchen, was ihm am nächsten lag, auf und sah sie an. „Wie kann ich Euch helfen?", fragte er höflich und sah Hoffnung in den verweinten Augen aufkeimen. „Befreit uns, Herr! Bitte! Wir möchten zurück zu unseren Familien!", schluchzte sie und drängte sich nah an den Elben, der nicht wusste, wie ihm geschah. Die junge Frau schluchzte immer lauter und zitterte am ganzen Körper, also nahm sich der Elb ihrer an und hüllte sie in eine schützende Umarmung. „Er wird euch nicht helfen, was glaubt ihr eigentlich?", hörte er eine Frauenstimme hinter sich. Als er sich umdrehte, erblickte er ein weiteres Mädchen, dass jedoch nicht so aufgewühlt schien, wie die anderen. Sie hatte schulterlanges, braunes Haar und eine zierliche Statur, was sie aber nicht davon abhielt den wesentlich größeren Legolas aus ihren braunen Augen abweisend anzufunkeln. „Er ist einer der Sklavenhändler, so wie jeder andere Mann der hierher kommt. Oder habt ihr das vergessen? Er verkauft euch an irgendwelche Bauernhöfe oder widerliche Männer. Und was euch euer Gejammer einbringt, wisst ihr ja bereits, oder habt ihr die Schläge vergessen? Aber was sage ich, betet ihn an, auf dass er euch bei der Tyrannin anklagt und ihr wieder Prügel bekommt. Irgendwann werdet auch ihr einsehen, dass die einzigen, denen ihr hier vertrauen könnt, ihr selbst seid", damit drehte sie sich auf dem Absatz um und lief davon. „Bitte vergebt ihr, Herr, sie weiß nicht, wer Ihr seid. Bitte helft uns!", flehten die anderen wiederum. Er sah das Mädchen, welches er immer noch im Arm hielt, fragend an. „Stimmt es, dass ihr Sklaven seid? Ist das hier nicht eine Schule?" „Ja, Herr, wir sind Sklaven. Wir lernen hier unseren Herren zu gehorchen. In jeder Hinsicht", flüsterte sie und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Noch bevor er etwas erwidern konnte, kam Meril heran und fragte, was passiert wäre. „Dieses Mädchen hier ist gefallen und hat sich am Knie verletzt. Würdet ihr die Güte haben sie zu versorgen, MyLady?", log Legolas. „Natürlich, mein Herr, ich hoffe sie ist Euch nicht zur Last gefallen.", erwiderte Meril und zog das Mädchen am Arm aus der Umarmung des Elben. „Keineswegs, es ist wundervoll hier. Sagt, wäre es möglich noch einige Tage zu bleiben?" Meril war perplex, der Elb wollte bleiben? Das konnte gefährlich werden, dachte sie, nickte aber um kein Aufsehen zu erregen. „Bleibt solange ihr wollt, werte Herren", damit führte sie das Mädchen fort und auch die anderen zerstreuten sich.
„Bist du des Wahnsinns?", empörte sich der Zwerg, als sie außer Hörweite der Wachen und der Lady waren. „Gimli, hier ist Seltsames am Werk. Ich muss wissen, was hier gespielt wird und wenn es wahr sein sollte, was das Mädchen gesagt hat, muss Elessar davon erfahren!", redete der Elb auf ihn ein. „Ja, da hast du fürwahr Recht, aber dieser Ort ist mir unheimlich, aber vor allem dieses Weib!", erwiderte der Zwerg. Legolas drückte Gimli zur Bestätigung die Schulter. Es wurde Zeit die Geschehnisse im Druadan-Wald aufzudecken.
[1] Meril – Rose
[2] mellon nîn – Mein Freund
