Vier Tage vergingen, bevor die fremde Frau wieder erwachte.
Thranduil wandelte meist wie üblich in seinen großen Hallen, doch ging er zu dieser Zeit auch gerne alleine hinaus in den Wald und genoss das jährliche Spektakel, das sich ihm im Hochherbst bot.
Im Laubwald, unter den hohen Buchen, schritt er dann und bewunderte das unendliche Gold, das die Blätter färbte. Wenn sie auf ihn herunter rieselten, war es ihm, als begrüßten die Bäume ihn mit diesem Opfer. Ein wenig Eitelkeit prägte seinen Charakter.
Diesen südöstlichen Teil des Waldes bewanderte er sonst nie. Er zog die Fichten- und Kiefernwälder, mit ihren geraden, säulenartigen Stämmen, ihren hohen, immergrünen Dächern und dem moosigen Boden vor, denn sie glichen seinen Hallen. Der Nadelwald machte den größten Teil des ganzen Grünwaldes aus. Tief im Gehölz war es schattig und ruhig, sodass es viele Tiere dorthin zog. Wildschweine und Hirsche waren dort zuhause.
Es war also eine Ausnahme, nur ein jährlich stattfindendes Ereignis, das den Elbenkönig hierhin führte. Es war die Farbe des alles tränkenden Goldes, der Schimmer, der ihn zog. Er liebte Glanz.
Und er mochte bei seinen Herbstwanderungen keine Begleitung. So sehr er gelegentlich die Gesellschaft und den guten Rotwein seiner eigenen Ernte schätzte, so war er doch manchmal gerne in eigenen Gedanken.
Daher missfiel es ihm, als Feredir, sein Hofmeister und ein viel schwatzender Elb, ihn beim Namen rief und laufend einholte. „Mein Herr Thranduil!", sprach er. „Ich störe Euch nur ungern. Dieser Anblick ist jedes Mal unbeschreiblich, nicht? Die Jahreszeiten wandeln sich so ohne unterlass..."
„Was gibt es?", unterbrach ihn der Waldkönig. „Ah ja, die Gruppe der Kundschafter, die Richtung Süden gesandt wurden, sind zurück. Sie haben von Dol Guldur berichtet. Es besteht mittlerweile kaum ein Zweifel daran, dass die Weisen mit ihrer Vermutung Recht hatten."
Thranduil seufzte. Der Süden des Waldes hatte sich im letzten Jahrhundert verdunkelt. Er hatte Gerüchte gehört, die Menschen hätten begonnen, sein Waldreich „Düsterwald" zu nennen. Wenn die Weisen richtig lagen, war die Bedrohung von unschätzbarer Größe. Sie vermuteten einen der Nazgûl in der alten Festung.
„Mein Herr?" Feredir wartete auf eine Antwort von Thranduil. „Danke dir, sie sollen mir nachher persönlich berichten", sagte dieser und wandte sich ab.
„Und", sprach der Hofmeister weiter, „das Fräulein ist aufgewacht. Sie hat sich erholt, doch sie spricht nicht viel. Ein Schatten von Trauer umgibt sie." Der Elbenkönig drehte sich noch einmal zu Feredir um und blickte ihn an. Und es war, als zöge ganz schnell die Spur der Überraschung über sein Gesicht. Dann sah er wieder weg. „Sonst noch etwas?" „Nein, mein Herr." Der andere Elb verbeugte sich leicht, wandte sich um und ging. Und Thranduil war wieder alleine.
Glandur hatte als erster bemerkt, dass die junge Elbin erwacht war. Thranduil's Hallen lagen versteckt in riesigen Höhlen, durchflochten mir den Wurzeln mächtiger Bäume. Und dort, wo die Räume der Genesung lagen, entsprangen kleine Quellen dem Stein. Sonnenlicht drang durch die hohen, felsigen Decken.
Glandur war die letzten Tage häufiger hierhin gekommen. Denn als er die hübsche junge Frau erblickt hatte, hatte ihn Neugierde gepackt. Er war viel jünger als sein Bruder und handelte viel mehr nach Gefühl.
Denn Arandur hatte gelernt, seine Emotionen zu verbergen. Er war ernst, streng und entschlossen und ein guter Heerführer. Er hatte den Oberbefehl über das gesamte Reiterheer des Königs. Ab und zu jedoch verfiel auch er dem Genuss des Weins, der ihn munterer und gesprächiger machte. Er liebte seinen kleinen Bruder, unterwies ihn in wichtigen Angelegenheiten und beschütze ihn vor Übel.
Glandur hingegen mochte meist nicht ernst sein. Er war oft gut gelaunt und ging mit offenen Augen durch die Welt, fasziniert von der Schönheit der Dinge und Wesen. Und das Wesen seiner jetzigen Bewunderung war nun dort, in den hellen Räumen, nördlich der Hallen.
Als er am Abend des vierten Tages nach der Jagd dort entlang spazierte, entdeckte er eine weiße Gestalt, die vor ihm die Stufen hinunterstieg. Ihr Blick wanderte in den großen freien Raum, der sich vor ihr erstreckte. Für jeden Fremden musste dieser erste Anblick atemberaubend sein!
Der unterirdische Palast Thranduils war unglaublich riesig. Trotz der wenigen Sonnenstrahlen, die diese Räume erreichten, waren sie wie durch einen Zauber ungewöhnlich hell erleuchtet, sodass allerlei Grün den Stein emporwuchs und sogar an manchen Orten Blumen die Wände schmückten. Die Wurzeln, die das Reich durchschlangen, waren so groß, dass sie als Brücken dienten. Und die Hallen waren immer belebt. Vögel bauten unter dem Dach ihre Nester und sangen im Efeudickicht. Die Elben des Waldes spazierten gerne durch diesen Ort, und an den Abenden gab es häufig Zusammenkünfte bei Wein und Musik.
Die weiß gekleidete Frau schaute zu Glandur herüber und dieser blieb stehen. Er brauchte einen Augenblick, um Mut zu fassen und schritt auf sie zu.
„Ihr seid erwacht...", sagte er, um irgendetwas gesagt zu haben. Es war nun an ihr, sich zu erklären, so dachte er, doch die zarte Stimme, die er vernahm, fragte nur leise: „Bitte, könnt ihr mir sagen, wo ich bin?" „Ihr seid im Reich des nördlichen Grünwaldes und wir befinden uns in den Hallen Thranduils, meines Elbenfürsten", sagte er ohne zu zögern. Sie hätte ihm in diesem Moment jede Fragen stellen können, er hätte sie wahrheitsgetreu beantwortet, denn seine Vorsicht schwand durch die Anziehung, die er bei ihrer Stimme verspürte.
„Ich bin Glandur, Andaers Sohn und ein Jäger, sowie Berater des Königs" Seine Ansprache missfiel ihm bereits, während er sprach. Warum war seine Position hier von Belang?
„Sagt mir, Herr Glandur, wem muss ich danken für die Fürsorge, die mir zu Teil wurde?" Sie senkte den Kopf und ihr kleines Perlendiadem funkelte auf. „Unserem Herrn Thranduil", sprach Glandur und hätte beinahe stolz hinzugefügt, dass er bei ihrer Rettung selbst dabei gewesen war und somit, so glaubte er fest, seinen Teil dazu beigetragen hatte.
Die Elbin erzwang sich ein flüchtiges Lächeln, als wolle sie ihm für die Auskunft danken. Dann sah sie erneut in den weiten Raum.
Tatsächlich waren ihre Bewegungen, ihre Haltung anders als die der Elben, die Glandur aus dem Wald kannte. Sie waren langsamer und bedachter und sehr grazil.
„Euer Name... Wie ist Euer Name?", fragte er zögernd. „Nimwen", war ihre Antwort.
„Frau Nimwen, Ihr werdet die nächsten Tage noch hier bleiben müssen... Bis Eure Wunde ganz geheilt ist und mein Herr Thranduil mit Euch gesprochen hat.", sagte Glandur. „Das verlassen der geheimen Hallen ist streng verboten, aber ihr könnt innerhalb dieser Mauern gehen, wohin es euch beliebt. Und ich kann Euch einige Bücher ausleihen, wenn ihr mögt...?" „Gerne", sagte die Elbin und ihr Gesicht erhellte sich tatsächlich für einen kurzen Augenblick.
Dann wandte sie sich um und schritt die Treppen wieder hinauf. Glandur blickte ihr noch kurz hinterher und setzte anschließend seinen Weg fort.
