Disclaimer: Ich verbinde keine finanziellen Interessen an dieser Geschichte. JKRowling danke ich für Severus Snape und seine Welt; Warner Brothers für die Besetzung seiner Rolle, die uns die fettigen Haare, die gelben Zähne und Finger erspart - und uns 's Stimme und Augenbraue schenkt... Besitzanspruch erhebe ich auf Caryn Willson und die magische Persönlichkeit des Türklopferadlers in Ravenclaw, auf Lucas Boots und einige mehr, die Ihr kennenlernen werdet.

Dies ist eine Neufassung dieser Geschichte – nicht inhaltlich verändert, aber meinem aktuellen Schreibvermögen angepaßt – so daß sie nach meinem Empfinden intensiver geworden ist. Auch in den erotischen Szenen, so daß ich die Altersbegrenzung ebenso wie „Willkommen im zweiten Leben" wegen realerotischer Anteile auf 18 erhöhe.

Wenn jemand an der alten Fassung hängen sollte, kann er sie auch in Zukunft bei ProfSnapenachlesen: ..

Ich danke meiner lieben littledragonfly ganz herzlich dafür, die Story noch einmal, diesmal BETAzu lesen! Das ist wirklich ein Liebesdienst!! *herzlich umarm*

Dir, meiner inuverse, ganz lieben Dank, daß Du in all Deiner Arbeit mit „Poison" und mit „Willkommen" auch noch meinen Klagen zuhörst, weil sich diese Überarbeitung viel schwieriger gestaltet, als ich vorher dachte!

Das zweite Leben

Prolog

Mai HP1

Caryn Willson.

MERLIN!

Der unterdrückte Impuls wirkte sich lediglich als unmerkliches Zögern aus, ehe er das Ravenclaw-Regal ordnungsgemäß links liegen ließ und nach der Akte seines Problemschülers in Slytherin griff.

Wer bist Du eigentlich?

Er zog die Akte aus dem Regal seines eigenen Hauses.

Oder besser: WIE ALT BIST DU?

Damals hatte er sich hier eingeschlichen. Wann genau?

Danach. War er noch in der Fünften gewesen? (Jetzt war Caryn es.) Damals hatte er ihren Namen gesucht.

Lily Evans.

Welche ihm niemals hatte gehören können. Nicht mehr. Sie hätte es nie.

So hatte er wenigstens ihren Namen in Besitz genommen, indem er hier ihre Akte in seinen Händen gehalten hatte sowie jede einzelne Seite, die Hogwarts über sie gesammelt hatte.

Caryn Willson.

Kerrin stand dort. Schwedisch. Wie ihr Vater. Vier Eingriffe des Ministeriums während ihrer Kindheit. Und das in der Muggelwelt...! In seinen Mundwinkeln suchte sich ein Gefühl Ausdruck, welches keine Verächtlichkeit oder Grimmigkeit oder ein anderes aus seinem Standartrepertoire war... Egal. Daß sie schon als Kind auffällig gewesen war, wunderte ihn zumindest nicht. Er hatte vor allem wissen wollen, wie alt ihr Vater war. Aber der Mann war tot. Seit drei Jahren schon. War nur fünf Jahre älter gewesen als er. Und sie? Am war sie sechzehn geworden....

WAS TUST DU HIER?!! Professor Snape wieder ein pubertierender Jüngling?!

Lächerlich. Es wurde lediglich Zeit, daß der Freitag kam. Damit er sich einmal wieder würde abreagieren können! Mit ungenügend dosierter Kraft schob er die blaue Akte ins Regal zurück. Sie knallte an die Rückwand. Die grüne im Arm, verließ er mit wehendem Umhang das kleine Büro. Selbstverständlich nicht, ohne es vorschriftsmäßig zu versiegeln mit dem Zauber, der sämtlichen Unbefugten den Zutritt unmöglich machte. Mit demselben Zauber, den er als Sechzehnjähriger analysiert und sich angeeignet hatte und seither beherrschte.

Wie auch alles andere in seinem Leben.

Ziel, Wille, Bedacht

Caryn Sonnabend,2.3

Es gab Dinge, die Caryn schon immer hatte beherrschen wollen. Apparieren gehörte unbedingt dazu.

Als Kind von Muggeln war für sie dieser unvermittelte Übergang von einem Ort zu einem beliebig weit entfernten anderen (mitsamt seinen Konsequenzen für die Sicht der Welt) eine der faszinierendsten magischen Möglichkeiten. Heute war es endlich soweit. Ihre erste Apparierstunde fand bei strahlendem Sonnenschein im vollbesetzten Innenhof des Schlosses statt. Alle Siebtkläßler sorgten für ein munteres Gewusel und Gemurmel; die wenigsten hatten den Blick schon auf den Ministeriumszauberer gerichtet, der vorne auf einem Podest stand und jetzt das Wort an die Schüler richtete:

„Mein Name ist Wilkie Twycross und ich werde für die nächsten zwölf Unterrichtsstunden Ihr ministerieller Apparierlehrer sein. Ich werde Sie auf die Prüfung im nächsten Jahr vorbereiten, damit Sie nach ihrem Schulabschluß die Lizenz zum Apparieren erhalten können. Wie Sie vielleicht wissen, ist es normalerweise unmöglich, innerhalb von Hogwarts zu apparieren oder zu disapparieren. Der Schulleiter hat diesen Bann für eine Stunde ausschließlich auf diesem Hof aufgehoben, damit Sie üben können..."

Seine Rede floß an den meisten jungen Leuten vorbei, welche noch in eifrige Gespräche mit dem Nachbarn vertieft waren und zum Teil dabei, zu Schülern aus anderen Häusern Kontakt aufzunehmen, mit denen sie nicht allzu oft auf so engem Raum versammelt waren. Caryn hatte niemanden, mit dem sie hätte plaudern können. Wenn sie es denn gewollt hätte. Ihre eigenen Gedanken hielten sie meist von ihren Kameraden fern. Auch jetzt fragte sie sich gerade, wie ein solcher Anti-Apparationsbann wohl gewirkt werden könne. Die Molekularstruktur des Ortes mußte dabei berücksichtigt werden... Dementsprechend wäre wohl die Aufhebung solch eines Banns eine schlichte Rückverwandlung? Aber konnte es so einfach sein?

Professor Flitwick würde sich bestimmt bereit erklären, ihr entsprechende Literaturempfehlungen zu geben. Naja, wohl mit dem dezenten Hinweis, darüber nicht, wie beim letzten Mal, die regulären Hausaufgaben zu vergessen...

„Ruhe bitte!" donnerte Professor McGonagall mit dröhnender, magisch verstärkter Stimme. Caryn grinste. Bestimmt hatte die ältere Hexe Twycross' Rede schon viele Jahre hindurch wieder und wieder gehört und hatte genau gewußt, daß ihre Ermahnung erst an dieser Stelle notwendig war…

„Ich möchte Sie nun alle bitten, sich so hinzustellen, dass Sie vor sich etwa zwei Meter Platz haben."

Es gab ein großes Geschiebe und Gedrängel, als sie sich verteilten, gegeneinander stießen und andere von ihrem Platz vertrieben. Die Hauslehrer gingen zwischen den Schülern umher, stellten sie in Position und beendeten Streitereien.

„Hier ist Ihr Apparationsziel!"

Twycross schwang seinen Zauberstab. Augenblicklich tauchte vor jedem Schüler auf dem Boden ein altmodischer hölzerner Reifen auf.

Caryns Hauslehrer Flitwick kam gerade an ihr vorbei und blinzelte ihr zu. Ah ja, und da hinten stand – mit seiner üblichen arroganten Maske – ihr Erzfeind. Schwarze zerzauste Haare. Hakennase. Verkniffener Mund. Abstoßende, blasse, harte, desinteressierte, überhebliche Gesichtszüge. Schwarze, kalte, unbeteiligte, grausame, herzlose Augen. Schöne Hände dummerweise und eine Stimme, bei der Caryn regelmäßig dafür sorgen mußte, daß sie nicht vergaß, wer er war. Professor Snape. Sie zuckte zusammen, als diese schwarzen Augen für eine Sekunde ihrem Blick begegneten. Sofort runzelte sich seine Stirn, die anscheinend vorher ausnahmsweise mal glatt gewesen war. Wie hatte denn das angehen können?! Unvorstellbar! So ein widerwärtiger Typ!

„Beim Apparieren muss man sich vor allem die Goldene Dreierregel einprägen", rief Twycross. „Ziel, Wille, Bedacht! Schritt eins: Fixieren Sie Ihre Gedanken fest auf das gewünschte Ziel", sagte Twycross. „In diesem Fall das Innere Ihres Reifens. Bitte konzentrieren Sie sich jetzt auf dieses Ziel."

Caryn nahm die Unsicherheit um sich herum wahr und spürte für einen Moment die Verachtung, die von Snapes Blick ausging, als er ihn über die Schüler schweifen ließ. Was bildete der sich eigentlich ein?! War er nie siebzehn gewesen? Unglücklicherweise hatte er sich mittlerweile fortbewegt, so daß Caryn seinen Anblick nur hätte vermeiden können, indem sie bewußt ihren Kopf weggedreht hätte. Sie schloß lieber die Augen und lauschte der Stimme des Apparierlehrers, der in seinen Anweisungen fortfuhr.

„Schritt zwei", sagte Twycross, „fokussieren Sie Ihren Willen darauf, den Raum, den Sie sich vorstellen, einzunehmen! Lassen Sie Ihren Wunsch, sich dort hinzubegeben, von ihrem Kopf in jede Zelle Ihres Körpers strömen!"

Schon wieder war Snapes Blick auf ihr, das spürte sie auch mit geschlossenen Augen. Wollte er damit etwa ausdrücken, daß er gerade ihr nicht zutraute, das Apparieren zu lernen? Bestimmt tat er das mit voller Absicht: Sie mit diesen schwarzen Augen zu verunsichern, um sie davon abzuhalten, sich auf ihr Ziel zu konzentrieren. Nur weil er sie so sehr haßte. Weil sie ihn so sehr haßte. Dabei war sie sehrwohl dazu in der Lage, sich von ihrem Wunsch, sich dorthin zu begeben, durchströmen zu lassen!Es war nur dieses Strömen, das sie intuitiv den Schritt machen ließ.

Schwarze Beklemmung.

Nichts.

Dann:

Zuerst der Geruch.

Kaffee... Holz, Rauch, Feuer.... Magie..... Männlich.

Dann das aufgeregte Geschrei um sich herum. Seltsamerweise erst danach dieser Körper an ihrem, die starken Arme, die sie gleichzeitig auf die Beine zogen und von sich wegstießen. Unmittelbar wurde sie von andern Armen gestützt, weiblichen diesmal.

„Miss Willson, also das ist aber wirklich erstaunlich!"

Das war Flitwicks Stimme. Ungläubig. Nicht besorgt. Die Besorgnis kam von McGonagall:

„Fehlt Ihnen irgendetwas? – Nein, alle Körperteile da! – Haben Sie sich wehgetan?"

Schließlich seine Stimme:

„Wären Sie vielleicht so freundlich, mich erst mal von hier wegzulassen?" Arrogant. Ironisch. Ätzend.

Caryn schlug die Augen auf und sah Snape sich mit völlig unbewegtem Gesichtsausdruck zwischen Schloßmauer und Professor McGonagall, welche Caryn noch immer aufrecht hielt, hindurchwinden. Sein Geruch löste sich auf. Sie hätte alles darum gegeben, das ebenfalls tun zu können.

Oh mein Gott, laß das hier nicht wahr sein!

Wie hatte das geschehen können?! Wie unsagbar peinlich! Was hatte sie mit Snape zu schaffen?!

„Sie sind allen Ernstes appariert!" hatte sich zu ihnen durchgeschoben. „Sie müssen ein Naturtalent sein, also das habe ich einfach noch nie erlebt. In der ersten Stunde. Einfach so. Ohne den dritten Schritt zu kennen!"

„Mit Bedacht hätte Miss Willson wohl kaum einen derartigen körperlichen Angriff auf mich gestartet!" kam ein schneidender Kommentar von hinter Professor McGonagall.

Anscheinend war er doch in der Nähe geblieben. Dieses Ekel! Wutentbrannt drehte Caryn sich zu ihm um und blitzte ihn an.

„Entschuldigen Sie bitte vielmals meine unbedachte Handlung, Herr Professor Snape!"

„Das war doch keine Absicht, Severus!" ereiferte sich Professor McGonagall. „Weiß der Himmel, welche Kräfte da am Werk waren, na, mädchenhafte Schwärmerei scheidet bei Ihnen ja wohl aus!"

Sie hatte Caryn losgelassen und funkelte den großen, schwarzen Mann zornig an.

Caryn sah nicht zu ihm. Ein intuitives Mitgefühl hatte sich bei ihr eingeschlichen. Jeden anderen Mann hätte McGonagalls sarkastischer Kommentar verletzt...

Ihn aber ja wohl kaum. Hatte er sie nicht gerade eben von sich gestoßen, als sei sie... giftig? Dabei würde sie selbst in Zukunft eine dritte Tatsache ausblenden müssen, die mit dem Objekt ihres Hasses nicht vereinbar war... Anscheinend war sie ihm noch nie so nahgekommen, daß sie hätte bemerken können, wie... gut er roch....

Und ihr Haß war es ja wohl offensichtlich gewesen, der sie dazu gebracht hatte, sich unbewußt ihn als Ziel auszusuchen!

Danach traute sie sich nicht mehr, auch nur zu disapparieren zu versuchen. Unerträglich, wenn sie noch einmal in ihn hineinappariert wäre! Was die übrigen Schüler darüber dachten, war ihr relativ gleichgültig. Im Grunde wußte ja jeder, wie sie zu Snape stand. Aber wußte sie es selbst? Viel unangenehmer die Frage: Wie erklärte Snape selbst sich die Sache? Würde er zu ungeahnten Grausamkeiten greifen, um sich an ihr zu rächen? Aber wofür denn nur? Was hatte sie nur dazu gebracht?

Beinahe fühlte sie sich in ihre Kindheit zurückversetzt, wenn ihr wieder einmal etwas Unerklärliches unterlaufen war, wenn fremde, seltsame Leute aufgetaucht waren, um es wieder in Ordnung zu bringen und Caryn zu beruhigen, daß für sie später, in Hogwarts, unter ihresgleichen, alles gut werden würde. Dieses Gefühl...., etwas vollkommen Unbekanntes herbeizusehnen, war es auch, das sie heute am meisten beunruhigte. Und irgendwie auch beflügelte... Das Getuschel ihrer Mitschüler und die Blicke, die auf sie gerichtet waren, ignorierte sie. Snape hielt sich glücklicherweise außerhalb ihres Blickfeldes auf. Und Professor Flitwick konnte nachvollziehen, daß sie für heute genug hatte, und entließ sie mit einem anerkennenden Tätscheln auf ihrer Schulter.

Bedacht? Alles bedacht?

Severus Sonnabend, 2.3

Unter seiner perfekt kontrollierten Oberfläche kochte Snape vor Zorn! Wie hatte sie es wagen können?! Sie beide ins Gerede zu bringen, zum Gespött der Leute zu machen sogar? Wie hatte sie diese Unverfrorenheit besitzen können, ihm auf eine Weise zu nahe zu kommen, die mit dem Begriff Überrumpelung schon nicht mehr treffend zu beschreiben war! Ihn mit der Situation quasi zu ERSCHLAGEN, die er noch nicht annähernd durchdrungen, noch nicht einmal für sich selbst in den Griff bekommen hatte! Mit dem abweisendsten Gesichtsausdruck, den er zuwege zu bringen vermochte, eilte er durch die Gänge seinen Kerkern entgegen. Alle vor ihm zurückweichen zu sehen, erfüllte ihn mit einer tiefen Befriedigung, die ihn wiederum beruhigte. So war es richtig. Niemand sollte ihm zu nahe kommen. Er hatte die Macht, sich alle Menschen vom Leib zu halten. Er allein bestimmte über das Ausmaß seiner Distanz zu seiner Umwelt. Wie hatte sie es wagen können?!

Er hatte es sich natürlich gedacht. Schon lange bevor sie eben die Dreistigkeit besessen hatte, mitten in seine Arme zu apparieren. Was vorher wirklich noch

keine getan hatte. Allerdings war er sich nicht sicher, ob nicht auch sein Blick auf ihr dazu beigetragen hatte, daß sie von ihm derart angezogen worden war. Welcher zweifelsohne nicht auf ihr hätte liegen dürfen. Nein, streng genommen war es nicht so überraschend, wie es vielleicht den Anschein hatte. Oder besser: Es war nicht im mindesten überraschend, daß es Caryn gewesen war. Der Zwischenfall bestätigte seine Vermutungen, wenn er auch der ganzen Sache einen für seinen Geschmack entschieden zu dramatischen Charakter verlieh. Er würde sich wirklich konzentrieren müssen, die Kontrolle inne zu behalten.

Severus betrat seine Räume und versiegelte die Tür hinter sich. Heute würde er keine Besucher dulden. Und das Mittagessen würde er sich von den Hauselfen durch den Kamin bringen lassen. Gut, daß Wochenende war und seine Lehrerpflichten sich auf das unvermeidbare Minimum beschränkten. Er brauchte Ruhe. Er mußte in Ruhe über alles nachdenken. Vor allem zu einer Strategie finden, wie er mit der Geschichte mit Caryn umgehen würde.

Was sollte Allesmit Caryn Willson zu tun haben?!

Severus

Schon seit längerem war sie ihm aufgefallen als eine der interessanten Schüler in ihrem Jahrgang, auch unabhängig davon, daß sie weiblich war. Nicht gleich nachdem sie nach Hogwarts gekommen war, dafür war sie viel zu still und introvertiert gewesen, hatte meist nicht zu beanstandende Tränke abgeliefert und in den schriftlichen und mündlichen Prüfungen ihr Gefühl für Zaubertränke

bewiesen. Aber so etwas war für ihn nicht von Interesse. Schülerangelegenheiten waren ausschließlich nervig und überflüssig.

Sie war intelligent, wohl auch überdurchschnittlich intelligent. Auch damit konnte man ihn nicht beeindrucken. Die weniger Intelligenten existierten für ihn einfach gar nicht; Intelligenz war die Voraussetzung, daß er einen Menschen überhaupt wahrnahm, also für ihn normal.

Sie war auch nicht schön. Nicht einmal als hübsch würde man sie eigentlich bezeichnen. Nicht daß ihn je irgendwelche Äußerlichkeiten gekümmert hätten. Und schöne Menschen langweilten ihn meistens. Wobei man ihr markantes Gesicht nicht mehr vergaß… Vielleicht war es der Kontrast ihrer eher herben Gesichtszüge und der intensiven Weiblichkeit, die sie ausstrahlte in ihren Bewegungen, in ihrer Art zu schauen, sich zu kleiden... Severus musterte sie jedes Mal gespannt, wenn sie keine Schuluniform trug. Bemerkte, daß seine Augen unwillkürlich von ihr angezogen wurden, um aufzunehmen, wie sie sich bewegte: ihren Gang, die Kopfhaltung ebenso wie ihre Handbewegungen beim Zutatenschneiden. Auf jeden Fall sah sie anders aus, als von einem jungen Mädchen erwartet wurde, und das hob sie von den anderen ab. Und da sie sich auch keinen sonstwie gearteten Bemühungen unterzog, sich dem verlangten Schönheitsideal anzugleichen, erweckte sie den Eindruck, als wolle sie bewußt sie selbst bleiben. Und daß man sie ernstnehmen müsse.

Zweifellos verfügte sie über Charakter, eine auch als Kind bereits deutlich ausgeprägte Persönlichkeit. Wußte, was sie wollte (hier: möglichst viel lernen).

Tat nichts, was von ihr erwartet wurde, um anderen zu gefallen oder auch nur nicht aufzufallen. Zensuren waren ihr gänzlich egal. Sie lernte, was sie für wichtig hielt; wenn eine Sache sie nicht interessierte, überging sie sie einfach und ließ sich nur mit massiver pädagogischer Gewalt dazu bewegen, sich damit zu beschäftigen.

Caryn verstellte sich nicht, bemühte sich nicht um ihre Mitmenschen, geschweige denn, um Freundschaften. Vielmehr verhielt sie sich oft so, daß sie Freundschaften geradezu vereitelte. Sie schien sich selbst um jeden Preis treu bleiben zu wollen; sie paßte sich nicht an, nahm keine Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer. Dies umgab sie mit einer absoluten Unnahbarkeit. Was Severus bewunderte.

Bei ihm selbst als Jugendlichem war dieses Verhalten aus der Not heraus entstanden, aus seiner Unfähigkeit zu kommunizieren; Caryn machte zumindest nach außen hin den Eindruck, als sei es selbst gewählt und als sei sie damit zufrieden.

Jedenfalls gab es für sie anscheinend Ausnahmen: Ihr Hauslehrer Filius Flitwick war in fast schon übertriebener Weise von ihr angetan; er hielt sie für freundlich, umgänglich, auf der anderen Seite einfach ruhig und introvertiert. Nach Snapes Beurteilung galt sie aber bei fast allen anderen Menschen – Lehrern wie Schülern – zwar als irgendwie interessant, stark und unabhängig, auf der anderen Seite aber unsozial, egoistisch und arrogant. Dabei lächelte sie oft – lachen gesehen hatte er sie noch nie –, aber ihr Lächeln bezog sich zu ausschließlich auf ihre eigenen Gedanken, welche sie von ihrer Umgebung abschottete, als daß es kommunikativ hätte wirken können.

Ihre männlichen Klassenkameraden machten einen großen Bogen um sie. Die armen Jungs hatten eindeutig Angst vor ihr. Die Mädchen ignorierten Caryn

weitgehend, wie Caryn sie ihrerseits ignorierte. Folglich gehörte sie nicht dazu, war eigentlich immer allein, was sie allerdings in keiner Weise zu kümmern schien. Dieses Mädchen hatte nichts gemein mit normalen Teenagern.

Es war schon erstaunlich, wie viele Gedanken er sich über sie machte...

Das entsprach nicht im geringsten ihrem Stellenwert in seinem Leben. Den sie überhaupt nicht hatte. Selbstverständlich nicht.

Das kommt davon, daß Dein ganzes Leben auf die Schule ausgerichtet ist. Ein Mann sollte in die Welt hinausgehen, dort eine Frau kennenlernen...

Was sollte er mit einer Frau?! Sein Leben funktionierte perfekt, so wie er es organisiert hatte. Caryn hatte mit seinem Leben nichts zu tun. Er allein würde darüber entscheiden, ob ihr von ihm für eine Weile und eine klar festgelegte Weise ein Platz darin zugewiesen werden würde. Sie hatte lediglich dafür gesorgt, daß sie ihm aufgefallen war. Nichts weiter.

Und jetzt würde er in die Welt hinausgehen und im Verbotenen Wald einige Trankzutaten besorgen! Das war doch besser, das schöne Wetter auszunutzen, als die ganze Zeit in seinem Kerker zu hocken!

Klassenkampf

Caryn Dienstag,5.3

Caryn saß trotz der an sich netten Atmosphäre unter den Schülern allein an einem Arbeitstisch – in ihrem UTZ-Kurs für Zaubertränke waren nur noch zwölf Schüler aus allen vier Häusern, die einzigen, die in den ZAGs ein E oder O erreicht hatten – und wartete ein wenig besorgt auf Snape.

Ob er sie triezen würde mit ihrer Apparierpanne? Oder war ihm die Sache genauso unangenehm wie ihr, so daß er sie auf sich beruhen lassen würde? War das nicht egal? Sie würde sich wehren!

Genauso miesepetrig wie sonst rauschte er durch's Klassenzimmer, ging weiter zu seinem Pult und begann das Schuljahr, indem er die Anwesenheitsliste durchging. Caryn war, wie üblich, die Letzte auf seiner Liste.

„Miss Willson! Ich sehe, Sie haben sich in diesem Jahr weiter nach hinten gesetzt. Glücklicherweise sind die Anti-Apparierbanne ja wieder ordnungsgemäß installiert. Da brauche ich also keine Angst zu haben, daß Sie mir gleich auf dem Schoß sitzen."

Ihre Mitschüler kicherten und flüsterten voller gruseligem Entsetzen über den Gedanken, auf Snapes Schoß zu landen, verstummten jedoch auf der Stelle unter Snapes warnendem Blick. Caryn fühlte sich auch in der anschließenden Stille im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit, was ihr gar nicht behagte. Seine Unverschämtheit, ihr Mißgeschick auf diese Weise breitzutreten, erstickte ihr Mitleid mit ihm, weil alle ihn so abstoßend fanden, im Keim. Andererseits hatte sie ja auch irgendwie damit gerechnet, daß er ihre Kämpfe auch in diesem Schuljahr fortzuführen gedachte – und wäre auch enttäuscht gewesen, wenn er sie nicht besonders beachtet hätte. So blendete sie die anderen Schüler aus und sah ihn herausfordernd an.

„Ich kann mich gerade so beherrschen, Herr Professor Snape. Ich will ja nicht, daß Sie sich noch einmal an mir vergiften!" sagte sie spitz.

Wiederum wurde mehrstimmiges Gemurmel laut: Man wußte zugenüge, was nun folgen würde. Am Ende würden die Ravenclaws um mindestens zehn Hauspunkte ärmer sein, und das wog für diese den Unterhaltungswert bei weitem nicht auf. Den übrigen jedoch waren die immer wieder spannenden Snape-Willson-Schaukämpfe eine äußerst willkommene Abwechslung.

Snape war von seinem Platz aufgestanden und musterte Caryn mit spöttischer Belustigung.

„Kiebig wie eh und je, wie ich sehe. Na, dann wollen wir doch mal sehen, ob Sie auch etwas Sinnvolles zum heutigen Unterricht beizutragen haben, Miss Willson! – Wie lautet das heutige Thema? In der letzten Stunde vor den Ferien habe ich es in beiden Gruppen angekündigt!"

Caryn kniff die Lippen zusammen und sah sich unauffällig um. Verständnislose Gesichter überall. Hatte er das neue Thema wirklich erwähnt? Er log bestimmt nicht, aber ihm war ohne weiteres zuzutrauen, daß er es in irgendeiner Form verschlüsselt hatte, um heute gleich zu Beginn Hauspunkte abziehen zu können.

„Ich kann mich leider nicht erinnern, Sir."

„Wie schade! Na, hoffentlich ruhen Sie sich ab jetzt nicht auf Ihrer außergewöhnlichen – (außergewöhnlich ungeschickten) – Apparierbegabung aus!"

„Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn wir das Thema für den

Rest unseres Lebens vergessen könnten..." murmelte Caryn genervt.

Snape legte in seiner boshaften Art den Kopf schief.

„Da verlangen Sie zu viel von mir, Miss Willson. Wer mir eine solche Gelegenheit bietet, auf ihm herumzuhacken, wird nie mehr in Ruhe gelassen werden, so gut müßten Sie mich doch eigentlich kennen!"

Caryn runzelte die Stirn, sagte aber nichts. Eine solche selbstironische Offenheit war gar nicht typisch für den Zaubertränkemeister.

„Habe ich zu erwähnen vergessen, daß ich Ihnen für die fehlende Antwort auf meine Frage noch fünf Punkte abziehen muß?" fragte dieser gerade liebenswürdig.

„Ach, müssen Sie!" rutschte Caryn heraus.

„Och, nee, muß das jetzt doch noch sein?" murmelte jemand links von ihr.

„Na, Miss Willson, haben Sie Sehnsucht nach unserem werten Hausmeister?" verlangte Snape mit öliger Stimme zu wissen.

„Sag einfach nichts!" wisperte eine andere Stimme aus Ravenclaw.

„Nein", sagte Caryn.

„Wie war das?" lauerte Snape.

„Nein, Sir", wiederholte Caryn zähneknirschend.

„Dann beweisen Sie mir, daß Sie keine Nacharbeit brauchen!"

Snape wies mit seinem Zauberstab auf die Tafel, wo die Überschrift erschien: Konzentationssteigernde Tränke.

„Na, erinnern Sie sich jetzt? – Was hat unser letztes Thema vor den Ferien mit diesem neuen zu tun?"

Seine schwarzen Augen ruhten nach wie vor auf Caryn. Würde er sie heute überhaupt nicht mehr aus seinen Fängen entlassen? Zumindest war ihr wieder eingefallen, womit sie sich in der sechsten Klasse beschäftigt hatten, und jetzt war ihr auch die Verbindung klar:

„Wir haben uns mit Schlaf- und Entspannungstränken beschäftigt, und um die Konzentration zu fördern, will man sozusagen das Gegenteil davon bezwecken. Also wahrscheinlich... die Wirkung umdrehen."

„Ah, wie erfreulich, daß das Denken bei Ihnen augenscheinlich doch noch klappt."

Ohne einen weiteren Kommentar hatte Snape sich von Caryn abgewandt und war ein Stück gewandert. Diese spürte, wie sie sauer wurde über seine mit Sicherheit bewußt eingesetzte Ungerechtigkeit. Das konnte sie einfach nicht auf sich sitzen lassen, so dumm und überflüssig die anderen das auch finden würden. Aber Snape sollte nicht glauben, daß Caryn in den Ferien ihren Kampfesmut verloren hatte – und erst recht nicht, daß er sie mundtot machen könne, indem er auf ihrem Apparariersunfall herumritt!

„Entschuldigen Sie, Herr Professor, aber Sie haben zu erwähnen vergessen, daß Sie mir für die richtige Beantwortung Ihrer Frage fünf Hauspunkte angedeihen lassen müssen!"

Ihr Lehrer war so schnell vor ihrem Tisch, daß ihr klar wurde, daß sie ihm in die Falle gegangen war: Sie hatte das getan, wozu er sie hatte bringen wollen. Snape stützte sich auf die Tischkante und sagte zuckersüß:

„Da ich mir selbstverständlich nicht von einer Schülerin vorschreiben lasse, welche pädagogischen Maßnahmen ich ihr gegenüber ergreife, werden Sie sicher Verständnis dafür haben, daß ich Ihnen ebendiese fünf Punkte abzuziehen gezwungen bin, Miss Willson."

„Ich hätte auch nichts anderes von Ihnen erwartet, Herr Professor Snape", erwiderte Caryn lächelnd.

„Sehen Sie", sagte er samtig, „und damit beweisen Sie mir wieder einmal, daß ich mit meiner Vermutung eben, daß Ihr Verlangen nach der Nähe unverändert groß ist, doch richtig lag! Heute Abend werden Sie ihn endlich wiedersehen."

Triumphierend verließ er ihren Tisch, und Caryn riß sich zusammen, um ihre Wut bei sich zu behalten in Anbetracht der Tatsache, daß sie keine Lust hatte, all ihre Abende dieser Woche bei Filch zu verbringen.

„Wir könnten noch ewig so weitermachen, Professor, aber ich füge mich Ihrer Gewalt", konnte sie jedoch nicht unterdrücken.

„Noch einmal fünf Punkte Abzug für Ihren Hang zum letzten Wort, Miss Willson", stellte er mit einem fies hochgezogenem Mundwinkel fest.

Caryn biß sich auf die Zunge. Auf diese Weise eckte sie nur bei ihren Mitschülern an. Und ihm war nicht beizukommen. Nicht die geringste Fähigkeit zur Einsicht. Er war der schlechteste Lehrer, den man sich vorstellen konnte! Und sie wollte das nicht hinnehmen. Irgendwann würde sie ihren Krieg gewinnen. Sie wußte nur noch nicht, wie.

Snape und die Anderen Schülerinnen... und Caryn

Severus Dienstag, 5.3

Er wartete, bis Caryn als Letzte den Klassenraum verlassen hatte, bevor er seinen Kontrollgang unternahm. In diesem UTZ-Kurs war der Unterricht wirklich weitgehend angenehm. Zumal diese verbalen Kämpfe mit Caryn Willson ihm unleugbar großen Spaß machten. Und ihr Apparierunfall machte die ganze Sache sogar noch delikater. Gut ausschlachtbar für seine Zwecke. Und dieses Mädchen war in der Lage mitzuspielen, anstatt sich verletzt zurückzuziehen. Sie hielt bisher wahrhaftig, was sie versprach...

Irgendwann hatte sie ihm unmißverständlich zu verstehen gegeben, daß sie ihn haßte. Das war bei seiner Person, weiß Gott, nichts Ungewöhnliches. Es gab zwar immer wieder Verrückte unter den Schülerinnen, die auf Grausamkeit und Ungerechtigkeit standen, beziehungsweise dahinter einen liebevollen Menschen vermuteten, den es zu befreien galt. Es gab sogar gar nicht mal so wenige, die so weit gingen, sich in ihn zu verlieben.

Er schien für Mädchen mit Helfersyndrom die Idealbesetzung zu sein: Daß er weder gut aussehend noch liebenswürdig war, schien für diese Spezies gerade den Beweis dafür darzustellen, daß in ihm eine Art Märchenprinz versteckt sein müsse.

Und in Verbindung mit seiner arroganten Ausstrahlung, der Aura seiner nicht geringen magischen Macht und einem durchaus annehmbaren Körperbau geschah es mit erstaunlicher Regelmäßigkeit, daß eine stotternde junge Schülerin ihm ihre unsterbliche Liebe zu verstehen gab.

Dennoch gab es keinen Menschen auf der Welt, der wirklich ihn mochte. Er war einfach kein liebenswerter Mensch. Und da er das nicht ändern konnte – und nach der Schuld, die er in seiner Vergangenheit auf sich geladen hatte, hatte er das Recht darauf ohnehin verwirkt – hatte er sein abstoßendes Ich in Perfektion ausgebildet.

Er verhielt sich völlig unzensiert, nahm auf nichts und niemanden Rücksicht, durfte sämtliche Launen und negativen Gefühle (an denen er leider keinen Mangel hatte) an allem und jedem auslassen. Damit hatte er nebenbei dafür gesorgt, daß er seine Ruhe hatte. Die Schüler verstummten, wenn er ins Klassenzimmer kam, und arbeiteten verbissen, um ihm keine Gelegenheit zu geben, sie zu maßregeln. Vermieden es, ihm in die Augen zu sehen, um seinen Zorn nicht herauszufordern.

Verließen fluchtartig den Raum, wenn die Stunde zu ende war. Machten einen großen Bogen um ihn, wenn er auf den Gängen auftauchte. Nicht so sie.

Umgeben von einer Aura aus leidenschaftlichem Haß suchte Caryn jede Konfrontation mit ihm. Ihre Augen schienen auf der Lauer zu liegen, die seinen einzufangen, sobald er in ihre Richtung sah. Ihre Hand war in der Höhe, aber dann – von ihm ignoriert – würde sie unaufgefordert sprechen, ihn angreifen, wenn er etwas ihrer Meinung nach Ungerechtes getan hatte. Und das geschah snape-definitionsgemäß ständig. Er hatte sich auf ihren Kampf eingelassen. Hatte sie auf die Probe gestellt, ausgelotet, wieweit sie zu gehen und was sie für diesen Kampf in Kauf zu nehmen bereit war. Er hatte sie provoziert, um zu verfolgen, ob sie sich in vorhergesehener Weise verhielt. Er hatte auf jeden ihrer Angriffe hin zurückgeschlagen, um zu sehen, wann sie sich würde kleinkriegen lassen.

Aber seine ganze kalte Grausamkeit hatte anscheinend keine Spuren bei ihr hinterlassen. Vielmehr hatte sie ihren Kampf, ihre leidenschaftlichen Angriffe, ihre Energie noch verstärkt.

Er bewunderte sie dafür, wie sie es fertigbrachte, offensichtlich all ihre Aufmerksamkeit auf ihn konzentriert zu haben und gleichzeitig so einwandfreie Unterrichtsarbeit zu leisten, wenn sie sich für ein Thema entschieden hatte.

Wie sie seine Demütigungen und Strafen immer wieder unbeeindruckt wegsteckte, um in der nächsten Stunde mit ungebrochenem Stolz weiterzumachen.

Ihn leidenschaftlich herauszufordern. Ihn vor Gefühlen vibrierend zu fixieren.

Das einzige, was sich mit der Zeit bei ihr änderte, war, daß es ihr immer besser gelang, ihre Wut zu kontrollieren, um ihm so schwer wie möglich zu machen, einen Anlaß für Bestrafung zu finden. Wobei er natürlich überhaupt keine Rechtfertigung benötigte, um sie zu bestrafen. Selbstverständlich wußte er, was danach kommen würde. Was sonst konnte dahinter stehen, wenn eine siebzehnjährige Schülerin ihn für so wichtig erachtete, einen derartigen Kampf zu veranstalten über eine dermaßen lange Zeit? Noch dazu ein Mädchen, das ansonsten zu beinahe keinem anderen Menschen in näherem Kontakt stand. Er stand im Mittelpunkt ihres Universums, wenn sie im Unterricht zusammen waren. In ihrem Haß und ihrer Entrüstung war sie absolut kompromißlos, ging quasi über Leichen, um diese Gefühle auszuleben (in ihrem Fall waren diese Leichen der ständige Verlust von Hauspunkten beziehungsweise das Flehen der anderen Ravenclaws, doch bitte darauf Rücksicht zu nehmen, und die Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit, indem sie unglaublich viele Strafstunden bei Filch oder Hagrid ableisten mußte).

Da fragte man sich unwillkürlich, ob sie in gegenteiligen Gefühlen ebenso vehement und kompromißlos wäre... (War das nicht ein allgemein menschlicher Traum: Absolut geliebt zu werden?)

Das gilt natürlich nicht für Dich, Severus.

Snape und die Welt... und Dumbledore

Severus Dienstag, 5.3

Severus betrat die Große Halle wie üblich erst, als die meisten bereits ihre Plätze eingenommen und sich die dampfenden Schüsseln und Platten auf den Tischen materialisiert hatten. Mit wehendem Umhang rauschte er den Mittelgang entlang in Richtung erhöhtem Lehrertisch, wo er nach einem knappen Kollektivgruß auf seinem angestammten Stuhl Platz nahm und sich seinem Essen zuwandte, ohne sich im geringsten um seine Nachbarn zu kümmern.

Wer ihn bei seinem Auftritt wahrgenommen hatte, hatte ihn so gesehen, wie er bezweckte gesehen zu werden. Seine Erscheinung hatte er vor vielen Jahren bewußt gestaltet. Begonnen bei seiner schwarzen, respekteinflößenden Kleidung samt seinem antiken Gehrock, den er damals bei Madame Malkin's in doppelter Ausführung hatte anfertigen lassen und seitdem täglich – bei jedem Wetter, zu jeder Tageszeit und zu jedem Anlaß – trug (Was mit Frische- und Anti-Verschleißzaubern problemlos möglich war. Auch wenn er doch ab und zu gezwungen war, einen davon in die Wäscherei von Hogwarts zu geben.). Weiter bei seinem schwebenden Gang, seiner Gestik und Mimik, seiner Stimme. Nichts an seinem Auftreten überließ er dem Zufall. Jedes einzelne Detail verkörperte seine autoritäre Persönlichkeit, die er in der Welt darstellen wollte.

Auf diese Weise war gewährleistet, daß niemand seine Unzulänglichkeiten oder seine Ängste zu erahnen vermochte. Seine Schwächen gingen niemanden etwas an.

Die Welt sah einen starken, mächtigen, nicht zu durchschauenden Zauberer.

„Severus, ich hoffe, das Schuljahr läuft bisher zu Deiner Zufriedenheit!"

Severus zuckte zusammen, als sich die Hand seines Direktors auf seine Schulter legte, vortäuschend, sich beim Hinsetzen neben ihn auf diese Weise abstützen zu müssen. Er knirschte mit den Zähnen. Dieser Mann war von der Welt selbstverständlich ausgenommen.

Dumbledore sah ihn noch immer als den begabten, aber abstoßenden Slytherinschüler von damals, unglücklich, einsam und bedürftig, unfähig, den Verlockungen der Schwarzen Magie zu widerstehen. Und Severus haßte das. Daß er in Gegenwart seines ewigen Schulleiters und Retters sämtliche Energie dafür aufbringen mußte zu verhindern, sich wieder genauso zu fühlen. Die dämliche Frage des Älteren beantwortete er nicht. Was diesen selbstredend keineswegs davon abhielt, ihn weiter zu belästigen.

„Auch wenn Dein Start am Samstag ein wenig... unsanft war, wie ich gehört habe. – Obwohl ich mir für eine derartige Apparierpanne unangenehmere Partnerinnen vorstellen könnte..."

Der alte Zauberer gluckste und schielte von Severus' verzogenem Gesicht zum Ravenclawtisch hinüber. Severus widerstand dem spontanen Impuls, dem Blick dorthin zu folgen. Stattdessen kniff er seine Lippen zusammen und verschränkte die Hände ineinander, um sich daran zu hindern, sie zu Fäusten zu ballen.

Scheinbar gelassen erwiderte er:

„Danke der Nachfrage, Albus, alles läuft wie in jedem Schuljahr. Was Deine Anspielung angeht, daß ich es genießen könnte, wenn irgendwelche Schülerinnen an mir kleben, möchte ich doch die Gelegenheit wahrnehmen, Dir mitzuteilen, daß ich sexuell durchaus nicht so sehr frustriert bin, wie Du anscheinend vermutest."

Mit der Intonation seiner gleichzeitig seidigen wie schneidenden Stimme – seiner Spezialität – konnte er zufrieden sein.

„Deine Art ist wirklich herzerfrischend, mein Junge!" lachte dieser. „Auch wie Du es schaffst, immer so ernst zu bleiben, ist wirklich beeindruckend! Auch beängstigend für einige Schüler. Leider. Denn Du kannst wirklich äußerst amüsant sein auf Deine Weise. Wie gerade unsere junge Freundin dort am Ravenclawtisch durchaus zu schätzen weiß, wie mir ebenfalls zu Ohren gekommen ist!"

Während Severus noch – jetzt wirklich sauer – herumfuhr, bekam er schon wieder den besänftigend gemeinten Körperkontakt des alten Mannes aufgedrängt, indem dieser ihm seine Hand diesmal auf den Arm legte und ihn warmherzig anlächelte.

„Reg Dich nicht auf, Severus, ich wollte Dir nicht unterstellen, daß Du Dich mit einer Schülerin einlassen würdest. Keineswegs. Du weißt, ich vertraue Dir."

Diese achtungsvolle Warmherzigkeit, mit dem der alte Zauberer ihn angesprochen hatte – und Severus hatte zweifellos irgendwo die Sehnsucht danach, von seinem Mentor auf diese Art angesprochen zu werden, das war er nicht in der Lage zu leugnen –, war keineswegs persönlich gemeint, so echt sie sein mochte.

Albus Dumbledores Lebensphilosophie war die Liebe.

Vielmehr ausnahmslos allen Menschen mit Liebe zu begegnen, seinen es auch Mörder und Verbrecher, so wie er, Snape. Dumbledore hatte ein unendlich großes Herz, mit dem er alle Menschen pauschal und nach dem Gleichheitsgrundsatz mit Liebe überschüttete. Und dieses Verhalten konnte Severus einfach nicht anerkennen! Zumal er selbst derjenige in Dumbledores Umwelt war, der solche Liebe am wenigsten von allen verdient hatte. Schlicht ausgelacht fühlte er sich regelmäßig von seinem Direktor. Zumal dieser seine schroffe, abweisende Art überhaupt nicht ernst nahm, aus Severus auf diese Weise eine lächerliche Witzfigur machte.

Dabei war das etwas, das sich wirklich verändert hatte seit seiner Jugend:

So verachtens- und verurteilenswert Severus Snape sich in der Vergangenheit verhalten hatte, so ernsthaft nahm er sein heutiges Leben – oder zumindest große Teile davon – zum Anlaß, verantwortungsbewußt und würdig zu sein. Gerade Albus Dumbledores würdig. Neben Lily war dieser der einzige Mensch, der für ihn eine Bedeutung hatte.

Severus verfolgte aus den Augenwinkeln, wie der alte Schulleiter sich nach der drittmaligen Hand auf ihm – wiederum auf seiner Schulter, um den jämmerlichen alten Knochen beim Aufrichten zu helfen – vergnügt von ihm entfernte, um sich neben den Werwolf zu setzen und dort mit seiner Liebesdusche fortzufahren. Wobei dort seine Liebe einem seiner alten gryffindorschen Lieblingsschüler zuteil wurde, welcher als einzig Überlebender wohl nun die Gesamtdosis seiner damaligen Clique erhielt. Severus' Stirn runzelte sich automatisch.

Das war womöglich der Aspekt, der ihm in seinem Leben am meisten zu schaffen machte: Während sich die meisten Menschen mit der von Severus angebotenen Darstellung der Person Snapes zufriedengaben, – wie von ihm bezweckt – auf Distanz blieben und jeden wirklichen Kontakt mit seiner Person vermieden, meinten die wenigen, die ihn interessant genug fanden, zu ihm in Kontakt treten zu wollen, daß ein wahres Wesen hinter der von ihm verkörperten Person versteckt sein müsse.

Nicht einmal Dumbledore – oder gerade nicht Dumbledore –, der sich auf seine Menschenkenntnis etwas einbilden dürfte, sah ihn als den, der er war. Genauso wie all die vor unerschöpflicher erotischer Energie strotzenden kindlichen Schülerinnen meinte der Direktor, einen guten Kern in ihn hineininterpretieren zu müssen. Wahrscheinlich würde Dumbledore gütig nicken und sie ermutigen, ihn mit ihrer Liebe zu knacken.

Hast Du eine Ahnung, Albus!

Eine solche wohlwollend-liebevolle Sicht seiner Person war schlicht Unsinn. Mit Verlaub. Nein. Seine wohlgestaltete äußere Erscheinung drückte genau das aus, was er war. Was er sein wollte. Und meistens – oder am ehesten – war. Mächtig. Stark. Unverletzbar. Rücksichtslos, wenn es darum ging, sich und seinen Mitmenschen die Realität zu vergegenwärtigen. Verantwortungsbewußt, wenn es darum ging, sich selbst und seinen Mitmenschen die Illusionen über diese Realität auszutreiben. Mit einer Selbstdisziplin, die an Selbstaufgabe grenzte, diesen Prinzipien treu. Treu seinem Selbst, das er zusammengerafft hatte aus den

Trümmern seines völlig verpfuschten Lebens, damals als gescheiterter Vierundzwanzigjähriger. Gerettet und getragen von einer Stärke, die nur Dumbledore kannte.

Lily.

Welche zu gleicher Zeit seine große Schwäche war. Nie wieder durfte diese Schwäche in die Nähe seiner Oberfläche gelangen. Und genau das wurde gewährleistet durch sein öffentliches Selbst.

Sein Blick war zum Tisch der Ravenclaws geschweift. Caryn saß einsam vor ihrem Teller, hatte jedoch ein offenes Buch daneben liegen, wie so oft. Das machte sie richtig. Genauso hatte er selbst es früher gehandhabt. Als sie ihre Augen vom Text auf den Teller lenkte, sah Severus vorsichtshalber weg, damit sie seinen Blick nicht spürte. Dieses Mädchen war anscheinend irgendwie empfänglich für seine Gedanken über sie. Auf seinem Essen waren seine Augen besser aufgehoben.

Schon vor geraumer Zeit hatte er unmerklich begonnen, sie zu beobachten. Nach den ersten Anzeichen eines Umschwingens ihres Gefühlspendels Ausschau zu halten.

Gefühle. Als Kind war ihm irgendwann bewußt geworden, daß ihm die Emotionen der Menschen in seiner Umgebung in einer Weise zugänglich waren, die nicht normal war, erst recht nicht in der Muggelwelt seines Vaters. Diese seine Fähigkeit, von Menschen ausgesandte Schwingungen – in vielen Fällen - wahrnehmen und entschlüsseln zu können, hatte ihn für seine Mitmenschen unheimlich, gefährlich gemacht, hatte diese dazu gebracht, ihn zu meiden, ihn auszugrenzen.

Vielleicht deswegen, vielleicht auch ohne bestimmten Grund, hatten sich, solange er denken konnte, die Gefühle fast all seiner Bezugspersonen ihm gegenüber beschränkt auf Ungeduld, Neid, Ärger, Angst, Verachtung... – oder hatten schlicht gefehlt. So hatte er sich mit den Jahren in seinem täglichen Leben ein totales Desinteresse am Innenleben seiner Mitmenschen antrainiert. Dementsprechend hatte er schon ziemlich früh versucht (und es auch mehr und mehr geschafft), sich ihren Schwingungen willentlich zu verschließen.

Seine Begabung für Legilimentik hatte er erst später in seiner Todesserzeit unter Voldemorts Anweisung perfektioniert und mit großer Effektivität seinen Feinden gegenüber eingesetzt. So hatte er Schwingungen von Angst, Zorn, Verstellung erspüren können und an seine Komplizen weitergeben. Hatte im Kampf seine Gabe genutzt, um gegen ihn gerichtete Flüche vor dem Aussprechen zu sehen und zu blocken.

In seinem heutigen Leben war er im Normalfall vollkommen abgeschottet und ließ die Emotionen anderer Menschen nicht an sich heran. Umso überraschter war er gewesen, als vor etwa zwei Jahren die Wahrnehmung von Caryns Zorn, irgendwann dann ihr Haß nahezu ungefiltert in sein Bewußtsein gedrungen waren. Er hatte zu dem Zeitpunkt weder seinen Geist auf sie gerichtet, noch seine Abschottung gelockert. Dennoch waren ihre Schwingungen für einen Moment zu ihm herübergeschwappt, so intensiv, als wären es seine eigenen Gefühle gewesen.

(Wobei sie auch für jeden anderen in dieser Hinsicht ein offenes Buch war mit ihrer unmißverständlichen Mimik und Körpersprache.)

Ihre unverborgene Heftigkeit in ihren Emotionen faszinierte ihn ebenso, wie sie ihn auf der anderen Seite abstieß. Gefühle waren ihm lästig. Gefühlsbetonte Menschen unberechenbar. Verachtenswert, wie manche sich zum Sklaven ihrer Bedürfnisse und Gefühle machten. Er hatte seine Emotionen weitestgehend im Griff. (Zumindest tat er alles, um sie wieder unter Kontrolle zu bekommen, wenn er.... seine schwachen Momente hatte.) Bei ihr hatte er niemals den Eindruck gehabt, sie sei ihrem Haß ausgeliefert. Caryn stand ihren offensichtlich so heftigen Gefühlen nicht machtlos gegenüber (so wie er selbst, wenn seine Emotionen ihm entglitten waren).

Sie hatte die Macht, ihre Gefühle auszuhalten, mit ihnen zu leben, auch dann, wenn sie sie nicht unterwerfen konnte. Gar nicht unterwerfen wollte?

Sie war die ganze Zeit im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte. War oft genug erstaunlich schnell in der Lage, ihre Gefühle zu kontrollieren, bedachte die Folgen ihres Handelns (wenn sie diese auch meist nicht zu kümmern schienen), drückte ihren Haß aus mit Ironie und Sarkasmus. Gar nicht so verschieden von ihm selbst.

Im Gegensatz zu ihm selbst war sie dabei jedoch in keinster Weise distanziert. Sie brachte sich vollständig ein mit ihrer gesamten Person. Sie zeigte sich in ihrer offen zur Schau gestellten Abneigung. Ohne Scham. Ohne die Angst, verletzt zu werden.

Ja, er glaubte sogar, daß er gar nicht in der Lage war, sie zu verletzen, so sehr er sich auch bemühte. Das war schon faszinierend. Caryn schien in sich selbst zu ruhen, so extrem, daß ihr egal war, wie die Welt sie behandelte, solange sie die Welt so behandelte, wie sie es für richtig hielt. Und darin unterschied sie sich wieder gar nicht so sehr von ihm.

Caryn hatte an sich, ihn in kürzester Zeit so wütend zu machen, bis er nahe daran war, seine Kontrolle zu verlieren. Das hätte ihn besorgen müssen. Daß sie diese Macht über ihn hatte. Über ihn, der er ja normalerweise sein Gemüt vor Übergriffen von innen und außen hervorragend abzuschotten imstande war; der er seine Person und sein Leben eisern im Griff hatte. Trotz seines Wissens um seinen Schuldanteil bei jeder einzelnen Todesseraktion während des Voldemort-Terrors, an der er teilgenommen hatte; trotz des permanenten Mißtrauens, das ihm deswegen von seiner Umwelt entgegengebracht wurde; trotz der tödlichen Emotionen bezüglich Lilys. Caryns Angriffe waren ihm nicht unangenehm, selbst wenn sie seine Wut entfachten. Sie regten ihn auf. Sie erregten ihn. Ließen ihn sich lebendig fühlen, stark in seinem Zorn.

Und Caryn machte ihm auf diese Weise immer wieder klar, daß sie einer der wenigen Menschen und womöglich die einzige Schülerin war, die es verdient hatte, von ihm ernst genommen zu werden. In den Unterrichtskämpfen waren sie ebenbürtige Partner. Davon ließ er sie selbstverständlich nichts ahnen. (War aber nicht sicher, daß sie es nicht von sich aus wußte.)

Nur schade, daß wohl unausweichlich damit zu rechnen war, daß sie diese Tatsache früher oder später verspielen würde, indem sie sich in ihr Bild von ihm verlieben würde. Und jedes Mädchen, das so etwas tat, konnte von vornherein nur verachtet werden.

Severus ließ den Rest auf seinem Teller zurück und rauschte in seiner Art aus der Halle. Aus den Augenwinkeln registrierte er, wie Caryns Augen seine Gestalt eine Sekunde lang streiften. Zu anderen Gefühlen als Widerwillen reichte es noch nicht.

Noch nicht...

Er sollte wirklich aufhören, so viel über sie nachzugrübeln!

Fürsorgliche Kämpfe

Severus Donnerstag, 7.3

Die gesamte letzte Nacht war er im Schloß unterwegs gewesen. Nach einem besonders schlimmen Alptraum hatte er nicht gewagt, sich wieder hinzulegen. In seinem Kopf hämmerte es mit einer Regelmäßigkeit, die ihm jede Konzentration unmöglich machte. Die Schüler waren genauso nervig wie immer, nur konnte er sie heute noch weniger ertragen als sonst. Herrschte alle und jeden automatisch an.

Caryn meldete sich, ohne daß er eine Frage gestellt hätte.

„Tun Sie mir den Gefallen, Miss Willson, und arbeiten Sie einfach, ja?" bat er sie böse. Ihm war heute nicht nach konstruierten Kämpfen.

„Ihnen geht es nicht gut, nicht wahr, Professor, das tut mir leid. Es hilft nur niemandem, wenn Sie ihre schlechte Laune an uns auslassen. Wenn Sie netter zu uns wären, würden wir auch gerne Rücksicht auf Sie nehmen."

Sie bemühte sich, mitfühlend und verständnisvoll zu klingen, schaffte es jedoch nicht, den Ärger, der sie zu dieser Äußerung bewogen hatte, darin gänzlich zu verbergen. Dieser Ärger färbte ihre Worte anklagend und bissig. Sein Zorn schwappte in einer Sekunde hoch. Er stürzte zu ihr hin, als wolle er sie allen ernstes angreifen. Caryn wich nicht vor ihm zurück, schien sich in keiner Weise zu wappnen. Sie betrachtete ihn einfach wie eine Mutter ihr Kind in der Trotzphase: genervt, aber seine Wut akzeptierend, ohne gewillt zu sein, ihm brachte seine Wut zur Explosion. Er schrie:

„Was fällt Ihnen ein! Ihre Unverschämtheiten lasse ich mir nicht bieten! Zwanzig Punkte Abzug für Ravenclaw! ICH WARNE SIE, reizen Sie mich nicht noch mehr!"

Caryn sah ihn ruhig an und erwiderte jetzt vollkommen sachlich:

„Ich hatte eigentlich vor, Sie gerade einmal nicht zu provozieren, Herr Professor. Ich wollte nur einmal ausprobieren, nett zu Ihnen sein. Leider ersticken Sie solche Ansätze immer im Keim."

Ihre Dreistigkeit, die Ebene des Kampfes zu verlassen und mit ihm darüber zu sprechen, machte ihn einen Moment stumm. Er war eindeutig in der Defensive, und Caryn wußte das. Und genoß ihre Macht. Er mußte den Spieß umdrehen und hatte gerade keine Ahnung, wie. Auf ihrer Ebene auf sie einzugehen, wäre ihm zu persönlich. Und auf Ebene des Kampfes zu antworten, bedeutete, eben dies und folglich seine Schwäche zuzugeben. Aber er hatte keine Wahl.

„Wagen Sie es nicht noch einmal, so mit mir zu sprechen!" knurrte er gefährlich drohend. „Sie wissen, daß ich am längeren Hebel sitze, und ich schicke Sie heute Abend zum Nachsitzen zu !"

„Verzeihen Sie bitte, wenn ich Ihnen zu nahe getreten bin, Herr Professor Snape", sagte sie weich. Vor Verblüffung über diese unvorhersehbare Kapitulation

während ihres Triumphs mußte er husten und war jetzt hellwach. Caryn hatte zu einem Zeitpunkt kleinbeigegeben, da die ganze Klasse bereits registriert hatte, daß ihm nichts als Strafen geblieben waren, um sein Gesicht zu wahren. Und durchdiesen Rückzug in dieser Schlacht hatte sie selbst das zu verhindern gewußt. Bei sich war er ehrlich genug, ihr zum Sieg zu gratulieren. Sie war wirklich gut gewesen! Dennoch war höchste Zeit, daß alle hier im Raum zur Kenntnis nahmen, daß der Krieg mit dieser Schlacht keineswegs zu ende war.

„Miss Willson", erwiderte ihren sanften Ton, der bei ihm alle in Deckung gehen ließ, weil sie sich auf das Schlimmste gefaßt machen mußten. Caryn musterte ihn einfach gelassen.

„Sie scheinen heute so besorgt um mich zu sein... Zusätzlich zu den beiden Ereignissen, die ich eben bereits erwähnte, würde ich mich sehr freuen, wenn Sie am Anschluß an unsere Stunde mir die Arbeit abnehmen, den Klassenraum aufzuräumen. Und da Sie heute so lieb zu mir sind, dürfen Sie gern Ihren Zauberstab benutzen."

Er sah sie mit verkniffenen Lippen an. Es wurmte ihn ein bißchen, daß es Caryns Idee gewesen war, Nettigkeiten als Machtdemonstration einzusetzen. Das andere in ihm aufkeimende Gefühl – ...Stolz auf die Leistung seiner Gegnerin...? – schob er relativ unbesehen zur Seite. Seine Gegnerin lächelte prompt.

„Ich sehe, Ihnen geht es besser, nicht wahr?"

Er öffnete den Mund, aber sie sah vor sich auf den Tisch, und er war gerade schlichtweg zu amüsiert, um zurückzuschlagen.

Nach der Stunde blieb Caryn gehorsam und mit einer gewissen Erwartungshaltung an ihrem Platz. Zum ersten Mal bemerkte Severus, wie ein Bedürfnis sich in ihm formierte: das Bedürfnis, mit ihr auf einer Metaebene in Kontakt zu treten, ihr zu verstehen zu geben, daß sie gut war in ihrem Spiel, daß es ihm wirklich besser ging jetzt, daß sie ihm Spaß machte.

Das ist nicht Dein Ernst! So etwas würdest Du nicht einmal Minerva gegenüber zugeben!

Nein, natürlich nicht.

„Sie wissen, was Sie zu tun haben!" fuhr er Caryn an. „Sagen Sie mir im Büro Bescheid, wenn Sie fertig sind, damit ich die Tür versiegeln kann!"

Damit ließ er sie stehen und rauschte er aus dem Klassenzimmer.

Severus

Warum hatte sie keine Angst vor ihm? Hatte er Angst vor ihr? Warum konnte sie ihn manchmal so zornig machen, während er dann wieder mit ihr spielte und sich im Stillen amüsierte?

Seine Gedanken hatten schon vor Monaten begonnen, immer öfter an ihrer Person hängenzubleiben, um sie zu kreisen. Theorien ihrer Motive und ihres Verhaltens aufzustellen und dann von allen unbemerkt zu überprüfen. Parallelen zu suchen zwischen ihm und ihr. Erinnerungen an sich selbst in dem Alter zu vergleichen mit ihr. Er ertappte sich dabei, wie seine Aufmerksamkeit von ihr eingenommen wurde, sobald er sie sah, sei es beim Essen, auf den Gängen, in der Klasse. Er sammelte Informationen über sie, wenn andere über sie redeten. Wenn seine Kollegen sich über sie unterhielten. Als er einmal etwas im Verwaltungsbüro von Hogwarts zu tun

gehabt hatte, hatte er die Gelegenheit genutzt, ihre Akte herauszusuchen und durchzulesen. Dieses Mädchen bedeutete ihm nicht das Geringste. War lediglich ein Forschungsobjekt. Interessant. Unterhaltsam. Eine Ablenkung von seinem ansonsten im Moment recht angespannten Leben. Die einzige, die er momentan hatte. Und Ablenkung brauchte selbst er.

Einsamkeit

Caryn Donnerstag.7.3

Ausnahmsweise hatte sie sich kurz in den Gemeinschaftsraum gesetzt, da sich vor ihrem heutigen Nachsitzen bei Filch nichts anderes mehr lohnte, und ließ jetzt ihren Blick über das geschäftige Treiben im sonnendurchfluteten Turmzimmer schweifen. Alle unterhielten sich mit Freunden oder spielten Karten oder Schach, oder sie saßen einträchtig zusammen und arbeiteten.

Sie setzte sich grundsätzlich an den Rand, um sich nirgendwo zwischen zu drängen.

Bezeichnenderweise war der Sessel neben ihr frei, obwohl er sich in gemütlicher Nähe des Feuers befand. Das lag an ihr, das wußte sie. Kaum jemand mochte sie. Was vor allem daran lag, daß Caryn irgendwie die Kompetenzen fehlten, zu einer Gruppe dazuzugehören. Das war schon immer so gewesen, schon im Kindergarten. Ihre einzige Kindheitsfreundin war drei Jahre älter gewesen als sie, Kathleen war in der Klasse ihres Bruders Michael gewesen. Bis sie weggezogen war und Michael und Caryn wieder miteinander alleingelassen hatte.

Irgendwie konnte Caryn mit Gleichaltrigen nichts anfangen. Hatte nichts mit ihnen gemein. Andererseits war sie auch nicht bereit, sich zu verstellen, so zu tun, als ob das anders wäre. Dann blieb sie lieber allein.

Zweifellos würde man sie als einsam bezeichnen. Ohne Freunde oder enge Bindung zu ihrer Familie. Natürlich hatte sie ihren Bruder Michael, aber seit der mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter in Schweden lebte, war ihr Eulenkontakt langwierig und seltener geworden. Keine böse Absicht auf beiden Seiten, aber ein Baby hielt einen schon auf Trab.

Und Caryn war hier in Hogwarts schließlich auch ausgelastet. Und sie war sich selbst auch genug. Lebte in ihren Interessen, las viel... im Moment am liebsten Romane, die für sie - wenn nicht Flucht aus ihrer Realität – so doch bestimmt eine Ersatzwelt waren, in der sie sich mit Liebe, Freundschaft, Familie beschäftigen konnte, ohne all dies wirklich zu haben.

Nein, unglücklich war sie nicht. (Nur in den Ferien mußte sie sich zusammenreißen, um nicht in diesen verbotenen Zustand zu geraten, von dem sie sich geschworen hatte, sich niemals hineinzubegeben.)

Auch wenn es sicher merkwürdig war: Die Strafen von Snape machten einen großen Teil ihres Alltags aus. Die anderen dachten bestimmt, daß sie nichts Besseres zu tun habe, als dem Filch-Knochen Gesellschaft zu leisten. Sie nahm das halt in Kauf. Aber wofür? Was hatte sie von den ewigen Kämpfen mit Snape? Die änderten diesen Idioten ja doch nicht.

Naja, der beachtet Dich wenigstens!

Toll, und gab ihr täglich zu verstehen, daß er sie haßte. Das machte ihr Spaß?!

Als es Zeit war, erhob sich Caryn von ihrem Sessel und verließ den Raum, ohne daß auch nur ein Mensch von ihr Notiz genommen hätte.

Soziale Gruppe Muggelkunde

Caryn Freitag, 8.3

Das Klassenzimmer von Caryns Lieblingslehrerin, Professor Burbage, war – wie immer – unverschlossen, so daß sie sich bereits jetzt (direkt nach dem Mittagessen) einen Platz suchen und noch ein bißchen lesen konnte, bevor es um zwei Uhr losging.

Irgendwann kamen die beiden Freunde Jonah Miller und Chris Timberlake aus Gryffindor in den Raum, dann Joan Baker und Polly Lewis aus Hufflepuff, die sich auch zusammen niederließen. Allein setzte sich ein Junge aus Ravenclaw, Lucas Boots, den Caryn allerdings kaum kannte. Bisher war er nur als Teil einer Dreier-Reinblüterclique in Erscheinung getreten, die Caryn immer eher nach Slytherin eingeordnet hätte. Sie ließen ihre noble Herkunft heraushängen, waren jedoch wohl von ihren fortschrittlichen Eltern jahrelang dazu verdonnert worden, Muggelkunde zu belegen. Gleich nach den ZAG-Prüfungen hatten sie das Fach abgegeben, daher wunderte Caryn, daß Lucas jetzt, ein Jahr später, wieder hier auftauchte, noch dazu ohne seinen Anhang.

Wenig später betrat Professor Burbage das Zimmer. Sie erfaßte die Anwesenden mit einem Blick und blieb einen Augenblick nachdenklich im Türrahmen stehen.

„Ich sehe gerade, wie verloren unsere kleine Gruppe in diesem großen Klassenraum aussieht. – Wissen Sie was? – Wir gehen in mein Büro. Da sitzen wir gemütlicher!"

„Kommen denn die anderen nicht mehr?" wunderte sich Joan, während sich alle auf den Weg machten. Alle Blicke richteten sich auf Professor Burbage.

„Tja: das Schicksal eines überflüssigen Faches" antwortete diese mit leiser Enttäuschung in der Stimme. „Kaum jemand findet Muggelkunde wichtig genug, um Energie damit im UTZ-Jahr zu verschwenden!"

„Wieviele waren denn letztes Jahr noch übrig?" wollte Lucas wissen.

„Zwölf immerhin", antwortete Joan nach kurzer Überlegung.

Die Lehrerin entsiegelte ihr Büro und bat die kleine Gesellschaft mit einer galanten Handbewegung hinein.

„Suchen Sie sich einen Platz am kleinen Tisch!" forderte sie die Schüler auf, die sich auf einem Dreiersofa und zwei Sesseln verteilten.

„Caryn, nehmen Sie sich einen von diesen Stühlen!" Sie reichte ihr einen und stellte für sich ebensolchen dazu. „So!"

Professor Burbage setzte sich und blickte aufmunternd in die Runde.

„Ja, Lucas, ich begrüße Sie erst einmal zu unserem Kurs! Schön, daß Sie wieder zu uns gestoßen sind! – Gleich zu Beginn möchte ich Sie alle fragen: Wollen wir uns angesichts dieser intimen Runde nicht duzen?" Und auf die wohlwollenden Blicke hin: „Ich heiße Charity!"

„Hallo Charity!" rief Jake verschmitzt, und Caryn grinste, weil ihr der Verdacht kam, daß vor allem die junge hübsche Lehrerin der Grund dafür war, daß die beiden Gryffindors den Weg hierher gefunden hatten. Charity lächelte ihn herzlich, aber unverbindlich an, und wandte sich alle.

„Ab heute werden wir jedes Treffen, das ja immerhin vier Stunden dauert und zu einer Zeit stattfindet, an dem die anderen schon Wochenende haben, in gemütlicher Atmosphäre verbringen." Sie schwenkte ihren Zauberstab, und eine Kanne Tee erschien auf dem Tisch vor ihr, ein weiterer Schlenker, und sieben Tassen, Milch und Zucker sowie zwei Packungen Kekse kamen vom Regal herübergeflogen. Auf Muggelart schenkte sie jedem ein. Dann fuhr sie fort: „Wir werden immer mit einer Anfangsrunde anfangen. Entlehnt ist diese Kommunikationsform aus der Gruppenpädagogik der Muggel. Also Ausbildungs- oder Therapiegruppen, Selbsterfahrungsgruppen oder ähnliches. Hinterher mehr zu dieser Methode. Heute äußert Ihr Euch zu der Frage: Warum habt Ihr Euch entschlossen, an diesem UTZ-Kurs teilzunehmen? – Caryn, magst Du beginnen?"

Diese schaute ihre Lehrerin an.

„Ich möchte nach der Schule an einer Muggeluniversität Psychologie studieren und zusätzlich Muggelkunde an der Zaubereruni."

„Verrätst Du uns Deine Beweggründe dafür?"

„Ich stamme aus einer Muggelfamilie. Und ich interessiere mich für die Beziehungen zwischen den beiden Welten. Diskriminierungen, Mischehen, wie sich magische Kinder in ihren Muggelfamilien fühlen..."

„Und in Verbindung mit Psychologie...?"

Caryn lächelte traurig.

„Ich habe bisher von ziemlich vielen Problemen in diesen Bereichen gehört."

„Da hast Du wohl leider recht." Charity erwiderte ihr Lächeln. Sagte dann, an alle gerichtet: „Mir ist wichtig, daß wir uns in diese Gruppe persönlich einbringen. Also werden wir auch von persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen berichten und darüber diskutieren. Auch über Aspekte, die Du angesprochen hast, Caryn. Danke Dir."

Sie wandte sich an den nächsten:

„Jake, machen Sie weiter?"

Caryn beobachtete die Gesichtsfarbe des blonden Sunnyboys, aber er tat ihr nicht den Gefallen, rot zu werden.

„Ich bin Halbblüter, und bei meinen Eltern gab es nur Probleme, bis sie sich endlich haben scheiden lassen. Da war ich zwölf." Er sah Charity in die Augen, und Caryn mußte sich ein Grinsen verkneifen. Ob ihre Lehrerin ein Helfersyndrom vorzuweisen hatte? Diese nickte bloß aufmunternd. „Seitdem habe ich kaum noch Kontakt zu meinem Muggelvater." Er zuckte mit den Schultern.

„Und mit Muggelkunde willst Du das... ändern?" fragte Charity.

„Ja, vielleicht."

Die folgenden waren auch Halbblüter, und bis auf Polly, die aus einer glücklichen Ehe einer Hexe mit einem Muggel stammte, hatten alle ähnliche Schwierigkeiten erlebt. Caryn genoß die Vertrautheit, die sich in der kleinen Gemeinschaft ausgebreitet hatte, indem Charity jede persönliche Äußerung aufnahm und verstärkte. Es fühlte sich gut an, hier zu sein, und auch die anderen schienen sich wohl zu fühlen.

Als Letzter war Lucas an der Reihe. Er war ein wenig verlegen.

„Ich komme aus einer richtig alten reinblütigen Zaubererfamilie, und das einzige, was ich über Muggel weiß, habe ich aus dem Muggelkundeunterricht früher. Das heißt, meine Eltern haben nichts gegen Muggel. Aber kennen halt auch keine. Naja." Er machte eine Pause. „Seit einigen Monaten bin ich jetzt mit einem Mädchen zusammen, die... Muggel ist."

Caryn war sofort gespannt aufmerksam. Endlich mal was wirklich Spannendes! Aller Augen waren erwartungsvoll auf Lucas gerichtet, dem das gar nicht so behagte.

„Weiß sie, daß Du Zauberer bist?" platzte Joan heraus.

Lucas grunzte nur.

„Wir werden in Zukunft Gelegenheit haben, uns privater kennenzulernen. Danke", beendete Charity die Situation. „Ich weiß nicht, ob Ihr wißt, daß ich auch – mittlerweile seit einem Jahr – mit einem Muggel verheiratet bin", fuhr sie fort. „Da wir eine Wochenendehe führen, umgehen wir den Alltag ein wenig. Welcher zweifellos eine Herausforderung darstellt, permanent zwei Welten miteinander zu verbinden."

Caryn hatte gewußt, daß Charity am Wochenende nach Hause fuhr. Daß diese Lehrerin ein Privatleben hatte, war ihr immer selbstverständlich vorgekommen. Bei Flitwick oder McGonagall... oder Snape schien ihr das nahezu unmöglich...

Hat Snape eine Frau??

Eine Ehefrau auf keinen Fall, er war ja immer in Hogwarts. Eine Geliebte? Irgendwie behagte Caryn der Gedanke nicht. Außerdem konnte sie sich nicht vorstellen, wie er jemanden küßte. Nicht einmal anlächelte...

Ist das nicht egal?!

Irgendwie war ihr das NICHT egal.... Jedenfalls freute sie sich, daß dieser Kurs so viel Gelegenheit bot, über Dinge zu sprechen, die sie wirklich interessierten!

„Danke für Eure Offenheit!" schloß ihre Lehrerin die Anfangsrunde ab. „Und das führt gleich zu unserem neuen Thema Kommunikation in sozialen Gruppen bei Muggeln. Ein Gebiet, das in der Zaubererwelt – ebenso wie die allgemeine Psychologie, wie Caryn richtig erkannt hat – immer vernachlässigt wird. Aber gerade Euch als Betroffenen wird klar sein, daß ein Zauberstab im zwischenmenschlichen Bereich manchmal wenig ausrichten kann!"

Der Nachmittag verging wie im Fluge, und am Ende ertappte sich Caryn dabei, daß sie inmitten der Teilnehmergruppe Charitys Büro verließ, die plaudernd den Gang zur Eingangshalle entlang schlenderte.

„Wie hast Du Deine Freundin kennengelernt?" erkundigte sich Joan neugierig bei Lucas. Dieser antwortete prompt.

„Auf dem Bahnhof King's Cross nach den letzten Weihnachtsferien."

„Echt? Liebe auf den ersten Blick?" fragte Polly mit großen Augen.

Lucas lächelte in einer Weise, die in Caryn eine Sehnsucht wachrief. Sie wollte auch einen Mann, der so liebevoll an sie dachte... obwohl Lucas natürlich kein Mann war, sondern eindeutig ein Junge. Aber ein netter. War ihr das früher nie aufgefallen?

Sie hatte ihn immer nur als Teil seiner Clique erlebt. Wo er der Stillere gewesen war. Nicht so begabt, nicht so selbstbewußt, nicht so gutaussehend, nicht so reich wie seine beiden Freunde. Gespannt wartete Caryn jetzt auf seine Antwort. Lucas schien es jetzt zu genießen, im Mittelpunkt des Interesses dreier Mädchen zu stehen. Oder lag es daran, daß er endlich einmal Gelegenheit dazu hatte, von seiner Freundin zu berichten? – Stimmt. Seine lustigen Kumpane interessierten sich gewiß nicht für die wahre Liebe!

„Ich habe Lauren auf dem Bahnsteig gesehen. Und sie mich. Und da sie Tiere liebt, hat sie mich auf meine Eule angesprochen."

„Aber Du mußtest zum Hogwartsexpress...!" wandte Polly mit schwelgender Stimme ein.

„Naja, die Gelegenheit war günstig: Sie gab mir ihre Adresse, und ich versprach ihr, ihr mit meiner Eule einen Brief zu schicken."

„Genial!" fand Joan. "Auf diese Weise kannst Du ihr doch auf unauffällige Weise beibringen, daß Du ein Zauberer bist!"

„Theoretisch schon", meinte Lucas angespannt. „Mit jedem Brief ein bißchen mehr. – Aber die endgültige Wahrheit ist für Muggel, glaube ich, doch ganz schön kraß!"

Caryn versank in Gedanken. Wirklich romantisch! Sicher war Lauren hübsch. Und Lucas sah mit seinen blonden Locken und blauen Augen auch nicht übel aus. Nicht ihr Typ, aber bestimmt waren die beiden ein hübsches Paar...

„Ihr seht Euch ganz schön selten, oder?" fragte sie, bevor sie sich darüber Gedanken machte, daß sie sich eigentlich sonst zurückhielt. Lucas sah sie dementsprechend überrascht an, antwortete aber freundlich.

„Ich habe mir von Flitwick schon letztes Jahr die Erlaubnis geholt, sie an den Hogsmeade-Wochenenden zu besuchen. Der ist extra zu Dumbledore gegangen, aber den kennt Ihr ja: Für Liebe hat er Verständnis!" Caryn erwiderte sein Lächeln und nickte. „Und in den Ferien halt. – Glücklicherweise hat meine Familie auch nichts dagegen, daß ich Lauren in den Ferien besuche."

Die vier waren in der Großen Halle angekommen, und automatisch setzte sich Caryn am Ravenclawtisch neben Lucas, dem seine Kollegen einen Platz freigehalten hatten. Da diese Lucas sofort in ihr Gespräch einbezogen, war Caryn jedoch wieder allein. Mit einem kleinen Seufzer wandte sie sich dem Essen zu.

Plötzlich fühlte sie sich beobachtet und sah auf. Snapes Augen ruhten wieder einmal auf ihr. Als sie seinem Blick begegnete, sah er weg. Ob er sie nun wirklich haßte oder nicht: Zumindest sah er sie ziemlich oft an... Wie dem auch sei. Caryn freute sich auf nächsten Freitag. Dieser Muggelkundekurs versprach, äußerst interessant zu werden!

Soziale Gruppe Zaubertränke

Severus Dienstag, 12.3

Ihre Hand war oben. Er beachtete sie nicht. Stand hinter Miss Watson und zeigte, wie er sich an deren Angst weidete. Während sein Augenmerk in Wirklichkeit Caryn galt. Würde sie ihm die Gelegenheit geben, sie zu anzugreifen, indem sie unaufgefordert sprach? Er spürte ihren Zorn. Ihre Augen auf ihm. Er hatte seinen Blick nach unten gerichtet, beobachtete sie aber aus den Augenwinkeln.

„Professor Snape, Laura kann Ihre Frage nicht beantworten, solange Sie sie... bedrohen!" scholl ihre Stimme mit unverhohlener Wut durch den Kerker.

„Und Sie, Miss Willson", spie er ihren Namen aus, „können offensichtlich nicht aufhören, sich um Dinge zu kümmern, die Sie nichts angehen."

Er verließ sein Unterrichtsopfer, um sich mit lauernden Schritten auf den Weg zu Caryn zu machen. Seine Augen hatte er auf ihr Gesicht geheftet. Das Mädchen wich ihnen nicht aus. Nachdenklich legte er seinen Kopf schief, als er ihren Platz erreicht hatte.

„Es ist doch auch verwunderlich, daß Sie plötzlich das Bedürfnis haben, sich um Ihre Mitschüler zu sorgen. Wo diese Ihnen doch normalerweise herzlich egal zu sein scheinen..."

Dies war eine gute Gelegenheit, auszuloten, ob ihre Isolation bei ihr ein verletzlicher Punkt war. Sie verzog keine Miene, und auch seine legilimentische Stipvisite (sie sollte natürlich nichts davon merken) zeigte keinerlei Besonderheiten in ihrer Aura.

„Sie sehen, Sir, gerade SIE bringen mich noch dazu, ein sozialer Mensch zu werden!" entgegnete sie mit einem amüsierten Grinsen. Am liebsten hätte er ihr Grinsen erwidert. Ärgerlich verzog er seinen Mund zu einer fiesen Variante.

„Ich bin sicher, ich muß Sie nicht daran erinnern, Miss Willson, daß es sich nicht empfiehlt, sich über mich lustig zu machen. Und das noch in einer derart impertinenten Art und Weise, daß Sie mich damit zur Weißglut bringen werden."

Was in dem Moment gelogen war. Sie war offensichtlich heute gut drauf.

„Ich würde mich nie erdreisten, mich über Sie lustig zu machen, Sir."

Ihre Ironie war nur ein Hauch. Severus beugte sich zu ihr hinunter und ließ seine Augen so dunkel und durchdringend wie möglich leuchten. Caryn verschlug er damit nicht die Sprache.

Gutes Mädchen!

„Ich wollte Sie nur an eine pädagogische Grundsätzlichkeit erinnern, daß Angst die Verknüpfung der Synapsen verhindert", erklärte sie spitz. Dann veränderte sich ihr Ton, und sie sagte vollkommen sachlich:

„Das könnte Ihrer Lehrertätigkeit zugute kommen. Wir könnten besser lernen. Es würde auch für Sie alles angenehmer machen."

Wie ein Blitz durchfuhren ihn ihre letzten Sätze. Damit hatte sie geschafft, die Grenze zu überschreiten. Jetzt wirklich zornig, holte er zu einem Gegenschlag aus:

„Seit Ihrer ersten Apparierstunde wissen wir ja alle, wo Ihre große Schwäche liegt, Miss Willson: Ihnen mangelt es offensichtlich an Bedacht! Nur so läßt sich erklären, wie sie es immer wieder schaffen, sich trotz ihrer bestimmt durchschnittlichen Intelligenz mit mir anzulegen."

Diese Spitze verletzte sie vielleicht nicht so effektiv wie die Granger. Aber immun gegen die Aberkennung ihres überdurchschnittlichen Geistes war sie bestimmt nicht.

Ihr Blick war kühl. Na also.

„Wissen Sie, Herr Professor: Solange ich in der Lage bin, Sie mit Ihren Fehlern zu konfrontieren, mache ich mir um solche Nebensächlichkeiten wie ihre Einschätzung meiner intellektuellen Fähigkeiten eher weniger Sorgen."

Ihre Entgegnung war auf Wort- und Gefühlsebene dermaßen gut, daß er seine Wut eine Sekunde vergaß. Das reichte, um sanft zu antworten:

„Für eine derartig bodenlose Unverschämtheit, Miss Willson, sehe ich mich gezwungen, Mr. Filch heute Abend Ihre Gesellschaft anzugedeihen. Denn um solches zu verhindern, scheint es in Ihrem Kopf doch irgendwie zu fehlen."

„Es ist nur unmöglich, Ihren verbalen Versuchungen zu widerstehen, Herr Professor", grummelte sie vor sich hin, worauf er grimmig lächelte. Wenn sie doch bei den verbalen Versuchungen halt machen würde... Er würde ihre Schlagabtausche wirklich vermissen!

Caryn

„Das war nett von Dir eben..."

Caryn, die gerade dabei war, ihren Arbeitstisch aufzuräumen, sah auf. Laura stand zusammen mit ihrer Freundin Lesley vor ihr und sah sie freundlich an, was Caryn ein schlechtes Gewissen machte.

„Das hätte ich für jeden gemacht. Mich regt er einfach so auf. Tut mir leid, daß Ihr schon wieder Hauspunkte verloren habt."

Du hast sie doch auch verloren!" Und, als Caryn nicht reagierte: „Trotzdem danke. – Kommst Du mit in den Gemeinschaftsraum, bevor wir essen?" fragte Laura.

Grimmig wurde Caryn bewußt, daß es stimmte: Snape sorgte dafür, daß sie die Möglichkeit bekam, soziale Kontakte aufzunehmen!

„Geht mal schon vor, ich komme gleich nach."

Was sie natürlich nicht tun würde. Caryn wollte ihnen nicht als fünftes Rad am Wagen zur Last fallen, außerdem redeten die beiden die ganze Zeit und obendrein über Dinge, die Caryn nicht interessierten. Naja, sie mußte sich jetzt sowieso schnell um die Hausaufgaben kümmern, da sie heute Abend wieder einmal einen Termin hatte...

Ablenkungen und Verirrungen

Severus

Das letzte Schuljahr war in sexueller Hinsicht ein ereignisreiches gewesen. Das hatte er perverser Weise diesem Schönling, Gilderoy Lockardt, zu verdanken gehabt. So schwer dieser ansonsten auch zu ertragen gewesen war. (Daß Dumbledore einen solchen Versager ihm als Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste vorgezogen hatte, hatte ihn beinahe getröstet; denn die Verweigerung des Direktors konnte so wirklich nichts mit dessen Zweifeln an seiner, Snapes, fachlichen Kompetenz zu tun haben. Auf der anderen Seite quasi schwarz auf weiß zu bekommen, daß Dumbledores mangelndes Vertrauen in Snape der Grund war, war umso bitterer gewesen. Nun ja, vermutlich hatte er es nicht besser verdient.)

Daß diese Witzfigur von Lockardt dann die Frechheit besessen hatte, ihn, Severus, als seinen Assistenten zu ihm auf den Laufsteg zu holen, damit der umschwärmte Schönling sich beim Duellierclub von den kleinen Mädchen angaffen lassen konnte, hatte sich dann für Snape im Nachhinein als Glück erwiesen. Snape hatte zweifellos eine gute Figur gemacht, seine Überlegenheit über den Schönling wäre da nicht einmal nötig gewesen. In den darauffolgenden Wochen hatte er sich zumindest vor verliebten Mädchen kaum retten können, und selbst nach Aussortierung derjenigen, die von vornherein ausschieden – es kamen ausschließlich Volljährige in Frage – waren immer noch drei übrig gewesen, so daß er eine Zeitlang damit beschäftigt gewesen war, die eine oder andere in seinen Kerkern zu empfangen. Letztendlich war sogar eine dabeigewesen, die bereit war, zu seinen Bedingungen eine längerfristige sexuelle Beziehung zu ihm aufrechtzuerhalten. Das war selten, die meisten hielten ihn nicht länger als einige Treffen aus, bevor sie sich waidwund zurückzogen, um ihre Wunden zu lecken, die der lieblose Snape ihnen zugefügt hatte. Anschließend flüchteten sie sich meist in die liebevollen Arme irgendeines Klassenkameraden. (Er konnte sich ein amüsiertes Grinsen nie verkneifen, wenn diese Mädchen vergeblich ihren Freund dazu zu kriegen versuchten, sie vor Snapes Zaubertränkeklassenzimmer zu küssen.)

Wie gesagt, er konnte sich eigentlich hundertprozentig darauf verlassen, daß ihn keine seiner Geliebten lange belästigte. Und für den Fall, daß doch einmal eine so masochistisch gestört war, daß er sie nicht mehr los wurde, kam eine Konsequenz seiner Regel, nur Siebtkläßlerinnen zu erhören, zum Tragen, daß sie am Ende des Jahres Hogwarts verließen. (Ein Gedächtnismodifikationszauber bei einem verliebten Mädchen war bezüglich der Nebenwirkungen leider zu gefährlich, sobald ihre Gefühle für ihn sich über längere Zeit vertieft hatten und ihr Körper erst Erinnerungen daran gespeichert hatte.)

Caryn war schon früher anders gewesen als diese anderen Schülerinnen. Auch SIE war damals gekommen, um dem Ereignis Snape gegen Lockardt beizuwohnen. Einen Tag lang hatte er sogar geglaubt, sie habe das tatsächlich seinetwegen getan; hatte er sie auf seinem Weg in die Große Halle doch noch – an Lockardt gänzlich desinteressiert – in der Eingangshalle getroffen, ohne daß sie vorgehabt zu haben schien, sich den Scharen der Zuschauer anzuschließen. Ihr verblüffter Blick war ihm in die Halle gefolgt. Und SIE SELBST dann offenbar ebenso, zumindest hatte er sie später im Publikum wiedergesehen. Beim Verlassen des Schauplatzes war ihm trotz seiner Besorgnis über Potters Fähigkeit, Parsel zu sprechen, nicht entgangen, daß Caryn ihn mit einem geradezu giftigen Blick belegt hatte. Weiter darüber nachgedacht hatte er nicht – und am Tag darauf hatte sie sich in den Kampf gegen ihn gestürzt. Eine Weile hatte es gedauert, ehe er begriffen hatte, daß ihr leidenschaftlicher Haß von Verliebtheit nicht grundsätzlich verschieden war…

Im Verlauf dieses Schuljahres schließlich, das gerade mal zwei Wochen alt war, rechnete er relativ fest mit Caryns bewußtem Gefühlswandel. Naja, bei genauer Betrachtung blieb nur noch dieses Schuljahr, in dem sich ihre Gefühle für ihn verändern könnten. Wobei ihr Apparierunfall doch eigentlich als eindeutiges Indiz gewertet werden konnte…

Letztendlich war es ihm natürlich egal, ob sie sich mit ihm einlassen würde... Sowieso war ihm nicht nach viel Zwischenmenschlichkeit zumute. Wo dieser Schweinehund von Black aus Azkaban ausgebrochen war und Snape ständig aus dem Tagespropheten heraus anstarrte, tauchte Lily öfter als je in Snapes Alpträumen auf. Außerdem wurde er (als ob es nicht gereicht hätte, durch den Anblick des Potterjungen ständig James vor Augen haben zu müssen) in diesem Schuljahr auch noch durch die permanente Anwesenheit dieses Werwolfs von Lupin (obendrein in Personalunion mit dem Inhaber von Snapes Traumjob) an diese gottverdammte Zeit damals erinnert.

Nein, selbst wenn Caryn sich wider Erwarten nicht willig zeigen sollte: An sich hätte er in diesem Jahr sowieso lieber seine Ruhe...

Der Granger-Trick

Severus Donnerstag, 14.3

Sie war heute besonders interessiert. Sonst konnte es Stunden geben, wo sie sich für sich mit anderen Inhalten beschäftigte, weil sie den Trank langweilig oder überflüssig fand. Der Vergleich verschiedener Antischmerztränke, die Schlußfolgerung der letzten Stunde, hatte ihre ganze Konzentration. Mal sehen, wie der Granger-Trick bei ihr funktionierte. Snape richtete es so ein, daß er sie genau im Blick hatte und stellte eine schwierige Frage. Sofort war ihr Finger oben. Als einziger, natürlich. Soweit absolut granger-mäßig. Er überging sie und sagte in die Klasse:

„Ich dachte mir schon, daß niemand in der Lage ist, die Konsequenzen unserer Versuche vom letzten Mal zu ziehen."

Er drehte den Schülern den Rücken zu und machte Anstalten, die Antwort auf seine Frage an die Tafel zu zaubern, als er ihre zornige Stimme hörte.

„Professor Snape, ich finde es extrem unhöflich, wenn Sie mich übersehen."

Er wirbelte herum.

„Ihnen scheint es nicht an Selbstwertgefühl zu mangeln, Miss Willson, wenn Sie sich so sicher sind, daß Sie es verdienen, von mir beachtet zu werden."

Er legte eine grausame Verachtung in seine Stimme und wartete gespannt auf ihre Reaktion.

„Und Sie, Professor, überschätzen sich, wenn Sie annehmen, daß ich es auf Ihre Beachtung abgesehen hätte."

Ihre Geringschätzung hätte ihm alle Ehre gemacht, stellte er bei sich fest, kein Vergleich zu den Tränen, die die Granger immer kaum unterdrücken konnte! Was wurde jetzt von ihm erwartet?

„Diesen respektlosen Ton verbitte ich mir, Miss Willson. Fünf Punkte von Ravenclaw und Nachsitzen bei Mr. Filch, sieben Uhr."

Sie murmelte nur etwas, worauf er nicht weiter eingehen mußte. Wollte sie etwa schon aufgeben? Na, da wollte er doch mal sehen... Welche Frage war da angemessen?

„Wer von Ihnen kann mir sagen, welche Klasse von Substanzen für einen Schmerztrank unerläßlich ist und warum?"

Erwartungsgemäß blieben diesmal alle Hände unten, dabei wußte sie garantiert die Antwort.

„Daß nicht einmal Miss Willson das weiß, fällt mir schwer zu glauben", schnarrte er gefährlich. Sie zeigte keine Reaktion. Er war beeindruckt von ihrem Gefühl

für Wirkung. „Miss Willson, wissen Sie die Antwort auf meine Frage?"

„Ja." Sie klang arglos. Er kräuselte unwillkürlich genüßlich die Lippen in Vorwegnahme ihrer Wut, die er gleich entfachen würde.

„Und woher nehmen Sie die Arroganz, uns ihr Wissen vorzuenthalten?"

Jetzt hatte er sie! Snape sah förmlich, wie ihr Zorn in ihr hoch kochte und ihre Augen hell aufblitzten. Um Worte war sie auch in diesem Zustand nicht erlegen.

„Das ist eine paradoxe Intervention wie aus einem Lehrbuch über Kommunikationspsychologie!" Sie sprach mit betont sachlicher Stimme, die ihre Wut allerdings in keiner Weise zu verbergen vermochte. Setzte zähneknirschend hinzu: „Egal wie ich mich verhalte, ist es falsch."

„Diese Erklärung des Begriffs einer Doppelbindung wäre für mich nicht nötig gewesen, Miss Willson, und ich weise Sie darauf hin, daß ich es hasse, wenn dahergelaufene Schüler mit ihrem Wissen um sich werfen", schnauzte er sie an.

„Wenn Sie diese Haltung Schülern gegenüber für pädagogisch erachten, können Sie als Lehrer einem leid tun!" zischte seine Gegnerin wütend.

Snape begab sich mit schwingenden Roben vor ihren Tisch und beugte sich drohend über sie.

„Für diese unangebrachte Beurteilung meiner pädagogischen Fähigkeiten bekommen Sie weitere zehn Punkte abgezogen. Und sie dürfen ihre heute Abend begonnene Tätigkeit bei morgen Abend fortsetzen."

„Das war es wert", stieß sie zwischen zusammenbebissenen Zähnen hervor.

„Ihr Hang zum letzten Wort wird noch einmal ihr Verhängnis, Miss Willson", sagte er in durchaus liebenswürdigem Ton, der bei ihm nichts anderes als das absolute Gegenteil zu bedeuten pflegte. Als er nicht weitersprach, sah sie erstaunt zu ihm hoch. Im Gegensatz zu ihm konnte sie nur beide Augenbrauen heben.

„Und? Ihre Strafe?"

Es fiel ihm mittlerweile ziemlich schwer, seine Bewunderung und Belustigung für ihr Temperament und ihre Schlagfertigkeit nicht zu zeigen. Er setzte ein verächtliches Gesicht auf und zischte sie an:

„Glauben Sie etwa, mich dazu bringen zu können, daß ich Ihnen das gebe, was Sie erwarten?"

Die Verblüffung in ihrem Gesicht wich einem Ausdruck nachdenklicher Wachsamkeit. Na? Jetzt lächelte sie, und sie verbarg ihren Spott derart gut, daß es eine Sekunde dauerte, ehe er diesen in ihrer Mimik gefunden hatte.

„Das würde ich niemals wagen, Herr Professor", hauchte sie sanft, hier nicht die Spur von Ironie hörbar. Dagegen konnte selbst Snape nichts sagen. Er durfte sie wahrhaftig nicht unterschätzen, dachte er befriedigt. Obwohl das eigentlich das war, was er im Augenblick am wenigsten tat. Noch war sie ihm eine zweifellos ebenbürtige Spielpartnerin. Bis auch sie dahinterkommen würden, wie sexuell erregend es war, sich von dem Mann niedermachen und schlecht behandeln zu lassen. Dann würde er nur noch auf sie herabsehen können. Schade eigentlich....

Er ließ sie mit ihren Gedanken allein (ebenfalls eigentlich schade) und fuhr in seinem Unterricht fort. Den Rest der Stunde beachteten sie einander nicht.

Caryn

Wie konnte ein Mann so viele Widerwärtigkeiten in seinem Charakter vereinen? Wie konnte ein Lehrer seinen Schülern so entgegengesetzt jeder Pädagogik begegnen, was beim Lernen ausschließlich kontraproduktiv war? Wie konnte ein derart intelligenter Mensch über eine derartig niedrige soziale Kompetenz verfügen?

Genau das konnte nicht sein. Er mußte eine Rolle spielen. Er mußte sich dazu entschieden haben, so zu sein. Es mußte Gründe dafür geben. Wahrscheinlich mußte er sein wahres Ich schützen. Wovor auch immer.

Aber wie konnte es sein, daß er nicht erkannte, wieviel Schaden ihm diese Rolle zufügte? Daß niemand ihn ernstnehmen konnte bei so geballter sozialer Inkompetenz, lediglich in Deckung ging vor seiner willkürlichen Grausamkeit?

Er machte sie aggressiv. Wütend. Sie konnte diese Art, sich feige aus dem Leben zurückzuziehen, sich feige sämtlichen zwischenmenschlichen Beziehungen zu entziehen, nicht ertragen! Er war ein erbärmlicher Feigling. Verachtenswert. Schwach. Wachrütteln wollte sie ihn! Zur Verantwortung ziehen. Ihn zwingen, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Sie anzusehen. Was sie bei ihrem Vater nie geschafft hatte.

Eifersüchteleien

Caryn Freitag, 15.3

Die ganze Woche hatte sie sich auf den Freitag Nachmittag gefreut. Sie genoß das Gefühl, zu einer netten Gruppe dazuzugehören, noch dazu bei der liebsten Lehrerin der Schule. Zu Caryns Überraschung kam nach dem Mittagessen Lucas zu ihrem Platz.

„Wollen wir zusammen zu Charity rübergehen?"

Caryn lächelte erfreut. Die ganze Woche hatte er sie zwar gegrüßt, wenn sie sich begegnet waren, hatte aber nie Anstalten gemacht, mit ihr zu sprechen.

„Ja, gern!"

Wieder einmal fühlte sie, daß jemand sie ansah. Wieder Snape. Fand er es genauso seltsam wie sie selbst, daß sie sich in Begleitung eines anderen Menschen aufhielt? Der mochte sich doch gerade melden! Wenn einer wirklich einsam war, dann doch wohl ER. Ungeliebt und einsam. Selbstgewählt. Bisher hatte sie immer geglaubt, daß es sich bei ihr ebenso verhalte. Aber dafür gefiel ihr Lucas' Gesellschaft verdächtig gut!

Severus

Schon wieder war dieser Junge bei Caryn. Sie hatte ihn erfreut und ein bißchen überrascht angelächelt und machte sich jetzt mit ihm zusammen auf den Weg aus der Halle. Seit wann hatte sie Freunde? Letzte Woche war sie schon einmal zusammen mit diesem Lockenkopf in die Große Halle gekommen. War das nicht auch Freitag gewesen? Lucas Boots hieß er. Trat sonst nur im Pulk mit einigen Ravenclaw-Reinblütern auf. Daß ausgerechnet der sich für Caryn interessierte... In den letzten Tagen und im Unterricht hatten sich die beiden aber nicht beachtet... Sportliche Figur, längere blonde Locken, und wie er sie jetzt anlächelte! Wenn sie auf derart grüne Bubis stand, würde das wohl nichts werden mit ihr...

Du bist doch wohl nicht allen ernstes eifersüchtig auf einen Schuljungen?!

Verbissen zwang er sein Augenmerk weg von Caryn. Sie paßte aber einfach nicht zu diesem Knilch. Der konnte ihr doch nicht das Wasser reichen...

Ohne es direkt zu bemerken, war er auch aufgestanden und mit seinen üblichen ausladenden Schritten in Richtung Ausgang geeilt. Sein Vorteil war, daß sich automatisch eine Gasse bildete, um ihn durchzulassen, was er mit einem grimmigen Lächeln zur Kenntnis nahm. Er holte Caryn und Boots an der Tür ein und schnappte einen Gesprächsfetzen auf.

„Hast Du Post von ihr gekriegt?" fragte Caryn gerade.

„Klar. Wir schreiben uns so oft wie möglich. Alle vier Wochen ist schon ganz schön selten!"

Naja, es ging anscheinend um eine dritte Person.

Na, Severus, bist Du erleichtert, keine gegenseitigen Liebesschwüre zu hören?

Er würde seinen Ruf als Spielverderber der Romantik nutzen und sehen, ob er dadurch an mehr Informationen kam.

„Na, Miss Willson", mischte er sich mit herablassender Ironie ein. „Auf dem Weg ins Wochenende? Denken Sie daran, daß zwischengeschlechtliche körperliche Annäherungen Hauspunkte kosten!"

Caryn wandte sich ihm erbost zu.

„Wenn ich darauf antworte, ziehen Sie mir auch Hauspunkte ab, obwohl wir jetzt zum Unterricht gehen."

„Und ich bereits anderweitig vergeben bin, Sir!" beeilte sich Boots hinzuzufügen.

Wie nett von ihm! Severus zog, jetzt amüsiert, eine Augenbraue hoch.

„Wie rührend, so eine junge Liebe, , die in die Welt hinausgeschrieen zu werden verlangt!" spottete er. „Oder haben Sie Angst, daß Sie ansonsten Ärger von Ihrer Freundin bekommen, wenn ich petze?"

Boots war klug genug, darauf nicht zu antworten, Caryn dagegen ließ sich natürlich die Gelegenheit zu einem Schlagabtausch mit Snape nicht entgehen. Zufrieden wähnte Severus sich im Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit.

„Seit wann haben Sie Verständnis für Liebe, Herr Professor Snape?" giftete sie ihn an. Der Stich, den ihm diese ihre Meinung versetzte, schmerzte empfindlich. Und in Verbindung mit der Scham sich selbst gegenüber, daß er dermaßen pubertär um ihre Zuwendung buhlte, schnellte der Zorn in ihm hoch wie eine jagende Kobra.

„Passen Sie auf, daß Sie sich nicht im Ton vergreifen, meine Liebe!" zischte er sie an und sah sauer, wie dieser Jüngling von Boots Caryn am Arm nahm und sie mit sanfter Gewalt aus seiner Nähe beförderte, bevor sie etwas erwidern konnte. Mußte er sie anfassen? Severus kämpfte den Impuls nieder, ihnen etwas nachzurufen. Er hätte auch gar nicht gewußt, was. Mit verbitterter Miene wandte er sich der Treppe zu seinen Kerkern zu.

Verdammt, Severus, Du solltest das Wochenende nutzen, Deine emotionale Lage zu klären!

Das traf sich gut. Er würde seine Räume die nächsten zwei Tage nicht verlassen müssen.

Caryn

„Was ist das eigentlich zwischen Dir und Snape?" wollte Lucas wissen, nachdem er das Hauspunktekonto für heute konstant gehalten hatte.

„Er macht mich wild!" schimpfte Caryn. „Wenn er nur den Mund aufmacht, gibt er Gemeinheiten von sich! Und das kann ich nicht auf mir sitzen lassen!"

„Du bist echt sauer, oder? – Er scheint Dich auch auf dem Kieker zu haben. Aber ich habe oft den Eindruck, daß Du ihm Spaß machst. Daß er Dich absichtlich provoziert, um Dich dazu zu bringen, mit ihm zu streiten." Er sah sie prüfend an. „Womit er ja immer Erfolg hat!"

Caryn sah ihn erstaunt an.

„Aber eben war er doch wirklich wütend!"

„Stimmt. Das wird er öfter, ich meine, was erwartet man auch sonst von Snape! Aber manchmal könnte ich schwören, daß er es genießt. Hat halt eine seltsame Auffassung von Humor." Er überlegte einen Moment.„Zum Beispiel gestern. Da habt Ihr Euch einen Schlagabtausch geliefert über eine ziemlich lange Zeit, mehrere Minuten. Nur Ihr beide. Die ganze Klasse war außen vor. – Das macht Dir doch auch Spaß, oder?"

Caryn wurde rot.

„Naja, schon..."

„Das sieht man. – Ist ja auch ziemlich unterhaltsam. Wenn Du nur nicht so furchtbar viele Hauspunkte verschwenden würdest!" Der Junge grinste. Caryn wußte nicht, was sie sagen sollte. „Ich bin nicht sauer oder so", setzte er dann hinzu. „Mir ist der Hauspokal ziemlich egal. Aber ansonsten macht Dich das nicht gerade beliebt, nicht? – Und Filch?" fragte er plötzlich. „Hast Du bei dem auch Spaß?"

„Das ist mit diesem dummen Squib nicht drin", sagte Caryn grimmig.

„Aber das mit Snape macht Dir so viel Spaß, daß Du Filch in Kauf nimmst?! Ist das nicht schon fast eine Liebeserklärung?" neckte er sie. „Immerhin bist Du in ihn reinappariert!"

Caryns Gesichtsfarbe bekam einen intensiveren Rotstich.

„Quatsch!"

Lucas sah sie belustigt an.

„Quatsch! So ein Unsinn. – Ich mag ihn noch nicht einmal!"

„Wenn Du das sagst..."

Zu Caryns Erleichterung kamen in diesem Moment die beiden Gryffindors, und Lucas beendete das Gespräch.

Mochte sie Snape? Aggressiv machte er sie. Wütend. Manchmal hilflos vor Zorn. – Interessant fand sie ihn. Wartete gespannt, wann sich ihr nächster gemeinsamer Kampf anbahnte. War enttäuscht, wenn er sie ignorierte. – Ja, das stimmte. Sie wollte von ihm beachtet werden. Wurde ja auch ziemlich oft angesehen von ihm. Und in diesem Schuljahr war sie im Unterricht auch auf ihre Kosten gekommen...

Snape konnte man gar nicht mögen.

Heute hatte sie ihn getroffen, als sie ihm an den Kopf warf, daß er doch keine Ahnung von Liebe hatte. Professor Snape mit Liebe in Verbindung zu bringen, schien ziemlich unmöglich. Andererseits... vielleicht war er privat ja wirklich ganz anders? War ein liebvoller Partner, der seine Geliebte umarmte... tröstete... küßte...

„Na, Caryn? So in Gedanken heute?" wurde sie von Charity begrüßt, als sie in ihrem Büro angelangt war.

Was hatte sie mit Snape am Hut? Er gehört mir! Wisperte eine Stimme in ihrem Kopf. Er genießt den Kampf mit mir, denken unsere Zuschauer. Er streitet nur mit mir! – Und mit McGonagall, aber die ist aus dem Alter raus... Was?! Wofür?!!

„So, guten Tag, allerseits! Wir beginnen mit unserer Anfangsrunde!"