Disclaimer: Wenn Scherben uns gehören würde, würden wir die Welt nach Personen absuchen, die wie Sirius und Lily aussehen und uns auf Bora Bora niederlassen, wo Sirius Meike und Lily Geli mit einem großen Fächer Luft zufächern würde. So viel dazu.

He, vielen lieben Dank für eure Reviews! Wir waren sehr gespannt auf eure Reaktionen und haben uns gefreut wie Kekse (und natürlich beantworten wir die Reviews auch noch).

Wir hoffen, dass ihr mit dem nächsten Kapitel Spaß habt. Schreibt uns doch einen kleinen Kommentar. :-)


- Kapitel 2: Das Tagebuch -

- für Sina -

Upper Flagley, 12. November 1981

Am nächsten Morgen gab es keinen seligen Moment, in dem er sich nicht erinnerte. Sirius erwachte mit dem Geruch nach Lilys Parfüm in der Nase, das er jetzt gut kannte, nur eben nicht in seinem Bett, und mit einem schlanken Körper unter der Decke an seinen gepresst. Alles war vom einen auf den anderen Moment da - und gleichzeitig die Vorstellung seines besten Freunds, der ihn anschuldigend ansah. James war seit weniger als zwei Wochen tot.

Oh mein Gott.

Sirius schaltete von Denken auf Handeln, löste sich so vorsichtig von Lily, dass sie sich nicht einmal regte, suchte ein paar Kleider zusammen und zog sich im Badezimmer an. Er wagte nicht, sich zu duschen, aus Sorge sie zu wecken, beschränkte sich auf Zauber, sah nach dem friedlich schlafenden Harry und war weg.

Er hinterließ einen Zettel auf dem Küchentisch. Sie solle seine Wohnung benutzen, solange sie nur wolle. Sie finde ihn über die Aurorenzentrale oder den Orden. Er musste nicht mehr sagen als das. Sie wussten beide, dass sie eine sehr einfache - schmerzhafte, ja, aber einfache - Situation gerade furchtbar verkompliziert hatten. Trauer sollte simpel sein - wenigstens das.

Fünf Minuten später war er im Apparationsbereich des Ministeriums erschienen und stand in der Tür des Spindraums, in dem männliche Auroren sich nach Missionen umzogen. Ein halbes Dutzend Kollegen sah sich zu ihm um und wusste aus Überraschung oder Verlegenheit nicht, was es sagen sollte.

„Ist das Zimmer im Zellentrakt frei?", fragte er. Bei den Zellen gab es ein kleines Räumchen für den wachhabenden Auror, das schon lange nicht mehr in Anspruch genommen wurde. Sie brachten die Gefangenen jetzt gleich am ersten Tag nach Askaban. Ab und zu wurde es benutzt, wenn jemandes Wohnung explodierte.

Als Auror Scrimgeour zögerlich nickte, wandte Sirius sich wortlos ab.

„Ich dachte, Sie seien beurlaubt!", rief Auror Colt ihm schließlich nach.

„Jetzt nicht mehr", gab Sirius über die Schulter zurück. „Falls Moody mir plötzlich wieder vertraut", fügte er unwillig zu sich selbst hinzu. Aber als Moody ihn zum ersten Mal bemerkte, nickte der alte Mann ihm nach einem Moment des Zögerns zu, und Sirius nahm an, dass er sich damit zufriedengeben musste.


Tage zogen ins Land und wurden zu Wochen, aber sie strichen nicht unbemerkt an ihm vorbei wie früher, wenn er sich in Arbeit vergrub, sondern quälten sich langsam voran. Nacht um Nacht lag Sirius in dem kleinen Bett in der Aurorenzentrale wach, starrte an die Decke und lauschte auf die Geräusche aus dem Großraumbüro, während er zu begreifen versuchte, dass James tot war, tot, für immer, und niemals zurückkehren würde, und dass er den falschen Freund verdächtigt hatte. Aber Peter hatte alles wieder gut gemacht, außer dass James tot war. Und er hatte mit Lily geschlafen und roch immer noch ihr Parfüm, wenn er die Augen schloss.

Sirius hatte in seinem Leben mit zahllosen Frauen geschlafen und sie gleich danach wieder vergessen. Keine dieser Frauen war die Frau seine besten Freunds und die Mutter seines Patenkinds gewesen. Er hätte Lily noch drei Wochen zuvor nie auch nur auf diese Weise angesehen. Sein Leben hatte sich in den Wochen nach Halloween auf sie und Harry reduziert, um sie hatte sich alles gedreht wie in einem winzigen Solarsystem, weil es irgendwie nicht so schlimm war, dass James nicht da war, wenn Lily da war. Sirius fragte sich, ob er sich vor ihr versteckte oder vor sich selbst.

Einmal bat er Hagrid, in seiner Wohnung vorbeizusehen und ein paar seiner Sachen zu holen, aber als der Halbriese zurückkam, berichtete er, dass Lily nicht dort gewesen sei, obwohl sie sichtlich noch dort wohnte. Sirius beruhigte das; seine Wohnung war zurzeit der sicherste Ort, den er kannte.

Außer Hogwarts.

Er hatte Albus Dumbledore bereits am zweiten Tag in seinem Schulleiterbüro besucht, schon wieder in Aurorenrot gekleidet, und dem Schulleiter die Situation auseinandergesetzt. Lily brauchte Tag und Nacht Schutz, der Orden konnte ihr diesen Schutz geben, und er würde verdammt sein, wenn er sein Versprechen an James brach, beziehungsweise ein weiteres.

Er gab dem Schulleiter die Pläne für Wachschichten in Upper Flagley, ohne ihm ein einziges Mal in die Augen zu sehen. Albus Dumbledore hatte bereits zwei Stunden nach seiner Festnahme gegen ihn ausgesagt, ohne auch nur mit ihm zu sprechen. Dagegen hatten die Auroren wenigstens nur gemacht, wofür sie bezahlt wurden.

„Wann sehen wir dich wieder im Orden, Sirius?", hatte Albus sanft gefragt.

Wenn die Hölle gefriert, dachte Sirius und warf ihm einen ungläubigen Blick zu, der nicht ganz seine bittere Enttäuschung verbarg, bevor er in den Kamin sprang und in die Zentrale zurückkehrte. Es galt, einen Krieg auszutragen, und Sirius scheute nicht davor zurück, die gefährlichsten und schwierigsten Aufgaben für sich zu beanspruchen. Alles, damit er nicht denken musste. Schuldgefühle jagten ihn ebenso wie eine irrationale Sicherheit, dass er versagt hatte - weil James tot war, weil dieser erste Kuss von ihm ausgegangen war, weil er Lily und Harry alleine ließ, obwohl sie ihn brauchten.

Er spürte jedesmal Lilys Lippen über seine geistern, wie sich ihr Körper unter seinem wand, sobald zwischen Missionen eine Minute der Ruhe einkehrte. Er roch den Duft ihrer Haare nach ... nach Vanille und Honig und irgendwie unerklärlich nach Sommer, selbst jetzt, wo der Winter langsam anbrach... nein. Gedanken wie diese führten direkt in die Hölle. James würde auf den Himmel pfeifen und direkt in der Hölle auf ihn warten, und Sirius hätte jede Strafe verdient, die der Mann sich für ihn ausdachte.

Als er eines Nachts hundemüde mit seinem Team von einer langwierigen Mission heimkehrte, Rabastan Lestrange gut verschnürt im Gepäck, wartete eine ungeduldige Eule in seinem kleinen Zimmer. Sie gehörte Remus.


Liverpool, 6. Dezember 1981

Remus lebte in einer kleinen Muggelwohnung in einem Mehrfamilienhaus, was Sirius hasste, weil er keinen Fuß vor die Tür setzen konnte, ohne wegen seiner Roben und langen Haare angestarrt zu werden. Also kam er via Flohnetzwerk und stolperte in die abgenutzte Küche.

„Moony?", rief er und biss sich im selben Moment auf die Lippe, weil er nicht wusste, ob er den Spitznamen überhaupt noch benutzen durfte. Aber er erhielt keine Antwort. Er räusperte sich. „Remus?"

Remus Brief hatte Sirius das Herz in der Brust zusammengeschnürt und ihn gleichzeitig vorsichtig aufatmen lassen, denn Remus ging präzise mit Worten um, und diese klangen wie ein Friedensangebot. Sirius fragte sich, ob Remus wieder mit Lily in Kontakt stand, ob er sich ebenso einsam fühlte wie er selbst - nie hätte er gedacht, dass er sich ohne seine Freunde so verloren fühlen würde. Seine Welt war vom einen auf den anderen Tag in Scherben zersprungen... seine Freunde tot oder entfremdet, seine Verbündeten hatten ihn unüberrascht aufgegeben und umso überraschter zurückgenommen. Es tat auf so unterschiedlichen Ebenen weh, dass Sirius sie nicht mehr auseinanderhalten konnte.

Aber Remus klang in seinem Brief versöhnlich... und bei Gott, hoffentlich hatte er nicht mit Lily gesprochen...

„Remus?", wiederholte er, ging in großen Schritten durch die Wohnung, von einer abrupten Panik erfüllt - lass es nicht wie bei James sein -, aber da saß Remus auf dem Fenstersims seines winzigen Arbeitszimmers und sah mit einem Stirnrunzeln nach draußen, als sei die Welt für ihn vergessen. Als Sirius zögerlich seinen Namen wiederholte, wandte er den Kopf und sah ihn an.

„Ah ja", sagte er. „Sirius."

Sirius runzelte die Stirn. „Ist alles in..."

„Ja. Alles ist bestens."

Unsicher blieb Sirius stehen, wo er war. Er hatte Remus seit Monaten nicht besucht, aber hier hatte sich nicht viel verändert. Zerlesene Bücher stapelten sich auf dem Boden, die meisten aus der Bibliothek. Der Schreibtisch stammte noch vom Vormieter und bleichte aus. Farbe schälte sich von den Wänden wie geronnenes graues Blut.

Einen Augenblick lang war Sirius absolut überzeugt davon, dass Remus es wusste. Er musste es wissen - gerade erfahren haben -, und deshalb sah er ihn an, als erkenne er ihn eigentlich nicht.

Oder vielleicht war das wegen dem Verrat, den er mit James an ihm begangen hatte.

Sirius räusperte sich. „Du hast geschrieben, dass du reden willst."

„Ja", sagte Remus gedehnt. „Ich wollte reden." Pause, als wollte er es jetzt nicht mehr. „Ich war gestern in Godrics Hollow."

Der Name löste unwillkürlich Schmerz aus. Sirius schloss die Augen. „Haben sie schon..."

„Alles ist unverändert." Remus klang, als sei er in Gedanken an einem völlig anderen Ort. „Aber die Schilde sind fort. Ich bin die Treppe raufgegangen und habe aus dem Fenster gesehen. Man kann sich fast vorstellen, dass Lily im Garten mit Harry spielt und James ihnen von der Veranda aus zusieht..."

„Remus..." Unvermittelt brannten Tränen in Sirius Augen, und er kämpfte, um sie zu vertreiben. Er hatte seinen Anteil an Tränen vergossen - meistens nachts, wenn niemand es sah, nur ein einziges erleichterndes Mal in Lilys Armen. Hier und jetzt war der falsche Zeitpunkt, und er arbeitete daran, bis er sich unter Kontrolle hatte. Remus sprach hingegen weiter, ohne es zu bemerken, und sah dabei wieder aus dem Fenster.

„Lily hat den Schlafanzug benutzt, nicht wahr? Ich habe die anderen Portschlüssel alle gefunden, aber sie sind jetzt natürlich inaktiv." Eine lange Pause verging. Dann drehte Remus langsam den Kopf und sah ihn direkt an. „Ist sie immer noch bei dir?"

Er weiß es, dachte Sirius abrupt. Sie hat es ihm erzählt, und er hält es für meine Schuld, weil es nämlich meine Schuld ist. „Ja", antwortete er tonlos.

„Benutzt ihr wieder den Fidelius?"

Die Vermutung war wieder vergessen.

Keine schlechte Idee, kommentierte der Teil von ihm geschäftig, der immer ein Auror war, doch der andere Teil von ihm schauderte zutiefst. Der Fidelius... er würde nicht über sich bringen, noch einmal den Fidelius zu benutzen.

„Nein."

„Was für Schilde benutzt ihr dann?"

„Alle, die nötig sind." Sirius runzelte die Stirn. „Ich kümmere mich um Lily, Remus. Sie ist in Sicherheit."

Außer, dass du das schon mal gedacht hast, und rate, was passiert ist.

Außer, dass du sie lieber gevögelt hast, anstatt sie zu beschützen.

Seine innere Stimme klang jetzt beunruhigend nach James.

„Ist sie das", sagte Remus leise und nachdenklich.

Langsam schlich sich in die Nervosität auch Ungeduld. „Hör zu, ich habe nicht lange Zeit. Ich habe mich entschuldigt. Ich bin bereit, mich noch hundertmal zu entschuldigen, wenn es nötig ist. Aber ich kümmere mich um Lily."

„Und Harry."

Sirius schloss die Augen, atmete durch, um ruhig zu bleiben. „Und Harry", stimmte er zu und öffnete sie wieder.

„Und sie hat ihren Zauberstab noch?", fragte Remus weiter, und Sirius resignierte. Er verstand es, in Ordnung. Remus hatte ihn herbestellt, weil er vielleicht Lily nicht finden konnte - vielleicht folgte Albus wirklich seinen Anweisungen, und niemand aus dem Orden betrat die Wohnung in Upper Flagley, wenn er nicht musste -, weil er sich um Lily Sorgen machte und nachprüfen wollte, ob Sirius an alles dachte. Lily trauerte. Sie würde keine Kraft haben, sich selbst darum zu kümmern. Remus kam einer Pflicht nach, aber er machte klar, wo die Grenzen ihrer Freundschaft jetzt lagen.

„Sie benutzt einen von meinen." Eine von Sirius ersten Taten hatte wirklich darin bestanden, seinen Zauberstabschrank zu öffnen und mit Lily erbeutete Zauberstäbe durchzugehen, bis sie einen fanden, der ihr gut genug stand, dass Ollivander warten konnte - immer ganz der Auror, immer beschäftigt, um bloß nicht an James denken zu müssen. Sie hatte einen aus Eiche ausgewählt, von dem Sirius nicht einmal mehr wusste, woher er ihn hatte. Er schluckte. „Sie hatte ihn nicht in der Hand, als James... als Voldemort... als er angegriffen hat. Ich... ich konnte nicht dorthin zurück." Es war zu früh gewesen, als immer noch alles in einem Nebel lag. Und danach hatte er sich eingeredet, es sei nicht so wichtig. Dumm von ihm.

„Hm", sagte Remus nachdenklich und starrte den Himmel an. „Ich dachte, sie hätte ihn mitgenommen."

„Wieso?"

Remus zuckte mit den Schultern. „Ich wollte ihn euch mitbringen, aber er war nicht im Haus."


Godrics Hollow lag verschlafen im Herbst. Er war dieses Jahr spät gekommen. Herzförmige rote Blätter regneten immer noch vereinzelt aus den kahlen Bäumen am Straßenrand und wurden von beißenden Windböen die Straßen hinabgetrieben, bis sie in schmutzigen Pfützen ertranken. Das Potter-Haus war jetzt wieder sichtbar, weil der Fidelius-Zauber aufgehoben worden war. Nach Peters Tod waren sie alle Geheimniswahrer geworden - auch Voldemort - und irgendjemand musste den Zauber beendet haben.

Er suchte das Haus zwei Stunden lang ab, aber Remus lag richtig - da war keine Spur von Lilys Zauberstab. Und Sirius war sicher, dass Lily Godrics Hollow nicht besucht hatte. So gut kannte er sie. Er war auch sicher, dass sie niemanden gebeten hatte, den Zauberstab für sie zu holen, denn Moody hatte erst gestern den Eichenzauberstab erwähnt und als den von Eliah Nott identifiziert.

Also suchte er und biss die Zähne zusammen, wenn er innezuhalten drohte, weil eine Erinnerung sich anschlich. Er besaß beinahe so viele Erinnerungen an Godrics Hollow wie Lily, hatte sich so oft in James Familie eingeschlichen, dass es ihn manchmal mit Schuldgefühlen erfüllt hatte. Mittlerweile wusste er jede Minute der Erinnerungen zu schätzen und ging sie in den langen Nächten immer wieder durch wie kleine Schätze, aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt.

Aber sein misslungener Accio hatte ihn nicht getäuscht. Der Zauberstab war nicht im Haus.

Stattdessen fand er etwas im Kinderzimmer.

Stirnrunzelnd kniete Sirius nieder und hob den Gegenstand auf. Er musste einmal weiß gewesen sein, war aber über die Jahrhunderte nachgedunkelt und magisch nicht verrottet, glatt, handtellergroß, konisch geformt, mit einer sauberen, scharfen Kante. Automatisch sah er sich um, entdeckte ein zweites Stück, das unter Harrys Bett gerollt war, und hob es auf. Sie passten perfekt aufeinander, bildeten eine Schale.

Sirius wusste nicht genau, wo im Körper er hingehörte - ein Gelenkstück vielleicht -, aber er erkannte einen Knochen, wenn er einen sah... einen alten Knochen, eine Reliquie.

Merkwürdig.

Widerwillig stand er auf. Es gab eigentlich nur einen Ort, an dem er darauf hoffen konnte, eine Antwort auf die Frage danach zu erhalten, was ein kaputter Knochen in Harrys Kinderzimmer zu suchen hatte, auch wenn es der eine Ort war, den er bisher so angestrengt gemieden hatte wie Godrics Hollow.


Peter hatte in einer kleinen Hafenstadt in Südengland gelebt, in der es nur vier Zaubererfamilien gab, die alle dicht gedrängt, Haus an Haus in einer engen Altstadtgasse am Meer wohnten. Pettigrew Senior war vor Jahren im Krieg gestorben - auf ihrer Seite, laut Peter, aber vielleicht hatte er gelogen -, die Geschwister hatten sich ins Ausland abgesetzt, nur seine alte Mutter lebte noch irgendwo in Cornwall, verließ niemals das Haus. Deshalb war Sirius nicht überrascht, die Wohnung absolut unverändert vorzufinden. Alles war genau wie in der Nacht, als er die Tür aufgebrochen und festgestellt hatte, dass Peter ganz einfach nicht dort war.

In der echten Zaubererwohnung fand Sirius sich besser zurecht als in Remus Muggelloch, und er hatte dort auch mehr Zeit verbracht. Es dauerte nicht lange, bis ein paar Zauberstabgesten den Inhalt des Schreibtischs nach außen gekehrt, ein paar Accio alle persönlichen Besitztümer Peters auf dem Bett gestapelt hatten - eine Unordentlichkeit, die er sich in Godrics Hollow nie erlaubt hätte, doch jeder Instinkt, den er besaß, schrie ihn an, sich zu beeilen, denn etwas stimmte nicht.

Sirius konnte sein Glück nicht fassen, als er einen routinemäßgen Accio Tagebuch versuchte, weil er ihn sich bei Hausdurchsuchungen angewöhnt hatte, und tatsächlich aus dem Gewühl auf dem Bett ein Buch in seine Hand sprang. Es war schlicht, schwarz, titellos, und beim ersten Durchblättern fand er nur vereinzelte Einträge in Peters knapper, enger Schrift. Aber es war ein Tagebuch - er hatte nicht gewusst, dass Peter eins führte.

Sirius sank auf das Bett und schlug die erste Seite auf. Seine Hände zitterten plötzlich.

7.6.1980 -

Ich schreibe dieses Tagebuch, weil ich so gut wie tot bin. Ich bin nicht dumm - ich bin ein Todesser und habe meine Freunde verraten und den größten Fehler meines Lebens begangen, klar, ich bin tot. Es ist zu spät, um etwas wiedergutzumachen. Aber jetzt geht etwas vor, das ich aufschreiben muss, damit es nicht verloren geht. Jemand muss es tun.

In den Kreisen des Lords gehen Gerüchte um, dass Du-weißt-schon-wer an etwas Großem arbeitet, etwas Geheimem, das ungeheuerlicher ist, als man es sich vorstellen kann. O. Long hat von R. Lestrange erfahren, dass dieses Etwas weit über den Krieg hinausgeht und nur den Dunklen Lord persönlich betrifft. Von A. Yaxley weiß ich, dass er seit Jahren Recherchen betreibt, die er streng geheimhält, aber über die Jahre sind immer wieder Andeutungen gefallen, und sie glaubt, dass es etwas zutiefst Dunkles sei - etwas, das mit dem Versuch zusammenhängt, unsterblich zu werden.

Ich habe die Seiten gewechselt, weil ich dachte, dass es die einzige Möglichkeit sei zu überleben, dass ich die Sache aussitzen muss, bis ein größerer Zauberer als Dumbledore Du-weißt-schon-wen besiegt. Aber ein unsterblicher Dunkler Lord würde ewig herrschen, und das kann nicht einmal ich vor meinem Gewissen verantworten...

Sirius runzelte die Stirn. Er hatte einem abhanden gekommenen Zauberstab nachgeforscht, einem kaputten alten Knochen, aber stattdessen fand er... fand er das hier. Er blätterte weiter, fand Hinweise auf weitere Gerüchte, methodische Zusammenfassungen von Gesprächen mit allen möglichen... Augustus Rockwood ist ein Todesser?

Er stockte beim Blättern, als er seinen Namen fand... nein.

Nicht seinen. Den seines Bruders.

Unwillkürlich wurde ihm kalt, und er musste sich zwingen weiterzulesen. Er konnte nicht glauben, dass er wirklich las, was er las.

18.10.1981 -

R. Black ist letztes Jahr im August verschwunden, und beide Fronten hielten die andere für verantwortlich. A. Goyle berichtet nach ein paar Gläsern Feuerwhiskey, R.B. hätte eine Entdeckung gemacht, bevor er verschwand...

20.10.1981 -

Habe N. Malfoy dazu gebracht, mir den Elfen der Blacks auszuleihen. Offenbar kann ich immer noch mit Hauselfen umgehen, Kreacher ist netter, als ich von S. her dachte.

Weg zur Höhle wie folgt:...

Unter der Beschreibung endete das Tagebuch. Am 20. Oktober hatten James und er sich mit Peter getroffen, um den Geheimniswahrertausch zu besprechen.

Warum hat er nicht abgelehnt? Peter, du Idiot, warum hast du nicht abgelehnt?

Unweigerlich wollte Sirius sich zu James umdrehen, bevor ihm einfiel, dass James nicht mehr da war.

Er schluckte.

Remus hatte deutlich gemacht, dass er nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte, und Sirius würde eher in Askaban verrotten, als sich noch einmal an Dumbledore oder Moody zu wenden.

Es sah ganz danach aus, als müsste er nach Upper Flagley zurück.


„Sirius?", fragte Lily mit rauer Stimme und erschien mit Harry auf dem Arm in der Küchentür. Sie klang, als hätte sie gerade noch geweint und sei zu müde, um noch überrascht zu sein, weil er plötzlich wieder hier war. Sie hatte rote Augen.

Sirius war auf alle möglichen Gefühle vorbereitet gewesen, aber seit dem Aufbruch aus Peters Wohnung tanzten so viele unbeantwortete Fragen, so viele merkwürdige Rätsel in seinem Kopf - und dieser Knochen klackerte bei jeder Bewegung in seiner Robentasche -, dass er nur Lilys Hand anstarren konnte, die auf Harrys Rücken lag.

Zwischen zwei Fingern hielt sie ihren Zauberstab. Und nicht den aus Eiche, den er ihr geliehen hatte, sondern den zehneinviertel Zoll Weide mit Einhornschweifhaar, den sie seit ihrem ersten Schuljahr benutzt hatte.

Er hörte sich sprechen. „Wo kommt der Zauberstab her?"

Lily zuckte mit den Schultern, als sei es überhaupt nicht wichtig, und sagte das letzte, das Sirius erwartet hatte oder hören wollte.

„Severus Snape", erwiderte sie.


tbc