Mondscheinsonate

Ende des Krieges

Schwere Regentropfen prasselten gegen die Fenster, legten einen beinahe undurchsichtigen Schleier darüber und erlaubten es kaum nach draußen zu blicken. Jayden betrachtete ihre eigene Reflexion in der Scheibe und ließ ihre Gedanken schweifen.
Ließ sie kreisen um die Situation, der sie sich in den letzten Monaten stellen musste.

Der Krieg in der Zaubererwelt, der sich schon lange nicht mehr auf diese beschränkte, forderte sie jeden Tag aufs Neue heraus.
Sie glaubte nicht daran, dass er bald ein Ende finden würde.
Stattdessen finden sich jeden Tag neue Opfer auf der Station im St. Mungo wieder, deren Chance auf Heilung meist nicht einmal mehr Erwähnung fanden.

Mit einem leisen Seufzen wendete die junge Heilerin ihren Blick nach draußen, versuchte etwas in der Dunkelheit zu erkennen.
Es war die Nacht von Halloween, doch wegen dieses Unwetters, welches seit Tagen über England hing, war niemand auf den Straßen unterwegs.
Ein Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken, und während sie sich zur Tür umdrehte, wurde eben diese geöffnet.

„Dr. Hope, ich wollte sie nicht stören, aber da ist jemand, der sie unbedingt sprechen möchte. Er scheint verletzt zu sein, aber er möchte sich von niemandem behandeln lassen und hat ausdrücklich nach ihnen verlangt.", sagte die kleine, etwas rundliche Schwester und klang dabei besorgt.

Jayden nickte, schobt sich neben der Schwester vorbei auf den Flur der Krankenstation und lenkte ihre Schritte in Richtung Eingang.
Wer sie wohl mitten in der Nacht aufsuchte?
Sie betete einfach nur, dass es niemand war, der ihr eine Todesnachricht oder ähnliches überbrachte. Davon hatte sie wahrlich genug.
Bisher ist zwar noch niemand getötet worden, der ihr wirklich nahe stand, aber sie war sich sicher, dass es nur noch eine Frage der Zeit war.

Als sie den jungen Mann verloren in der Eingangshalle stehen sah, blieb ihr für einen Moment das Herz stehen.
Sein braunes Haar hing ihm nass ins Gesicht und er sah noch viel schmaler und ausgezehrter aus, als er es sonst schon tat.
Schon von weitem sah sie das Blut an seinen Händen.
Was, bei Merlin, war nur passiert? Ihre Schritte beschleunigten sich etwas und sie kam neben ihm zum stehen.
Doch bevor sie etwas sagen kann, vernahm sie sein leises Flüstern.

„Sie sind tot. Er hat sie verraten und jetzt sind sie tot. Da ist niemand mehr."

Jayden sah ihn einfach nur an, nicht recht verstehend, wovon er da redete. Vorsichtig ergrff sie seine rechte Hand und betrachtete seine Verletzungen.

„Remus, was genau ist passiert? Wer ist tot?", fragte sie leise.

Sie wusste, sie klang nicht so einfühlsam, wie sie es gerne wäre, aber nach den letzten Tagen in denen sie ständig hier war und kaum geschlafen hatte, war das auch kein Wunder mehr.
Jayden ließ seine Hand nicht los und betrachtete ihn.
Er war so blass, dass er beinahe durchsichtig wirkte.
Seine Augen, die sonst immer so leuchteten, wirkten nur stumpf, als er ihren Blick erwiderte.

„James und Lily. Sie sind tot. Voldemort hat sie erwischt. Und Sirius hat sie verraten...", antwortete Remus leise, während seine Hände begannen zu zittern.

Im ersten Moment hielt sie es für einen schlechten Scherz.
Aber der Blick in seine Augen verriet ihr, dass er es keineswegs versuchte.
Vorsichtig trat sie einen Schritt näher an ihn heran.
Sie versuchte Worte zu finden. Irgendwelche Worte, die ausdrücken könnten, was sie dachte oder fühlte.
Doch stattdessen kam da nichts. Die beiden sahen sich einfach nur an.

„Ich... Ich werde jetzt erst einmal deine Wunden versorgen. Und dann...ja..."

Weiter kam sie jedoch nicht, denn statt etwas auf ihre Worte zu sagen, warf sich Remus ihr einfach nur in die Arme und begann hemmungslos zu schluchzen.
Jayden sagte nichts weiter, schloss ihre Arme einfach nur um das zitternde Bündel.
Sie hatte an die Zukunft geglaubt. Sie hatte geglaubt, dass sich alles irgendwie zum Guten wenden würde. Die Guten gewannen doch sonst auch immer?
Doch sie wusste, dass solche Überlegungen auch zu keinem Ergebnis führen konnten. Schon gleich gar nicht zu einem, das irgendetwas ändern könnte.

Langsam schoss sie ihre Augen, drückte ihn näher an sich und flüsterte leise Worte, die wohl irgendwie beruhigend wirken sollten.
Aber wie sollte man jemanden beruhigen, der so herzzerreißend schluchzte, als gäbe es kein Morgen mehr?
Nun, wahrscheinlich gab es das wirklich nicht mehr. Aber Jayden wollte nicht daran denken, dass jetzt alles zu Ende war.
Irgendetwas mussten sie doch tun können.

„Hör zu, ich werde jetzt erst einmal deine Hände versorgen. Und dann nehmen wir den Kamin. Wir suchen Dumbledore, der wird wissen was wir tun können.", sagte sie leise und schob den noch immer weinenden Remus leicht von sich.

Dieser sah sie einfach nur aus seinen bernsteinfarbenen Augen an, aus denen jedes Leben gewichen zu sein schien.
Nur langsam nickte er, als Zeichen, dass er sie verstanden hatte und er ließ sich von der jungen Heilerin in eines der Behandlungszimmer schieben.


„Damit ich das jetzt richtig verstehe...", begann Jayden und beobachtete Dumbledore, wie er in seinem Büro auf und ab lief, „Voldemort ist weg. Sie haben keine Spur von ihm und glauben, dass ein Kind... diesen furchtbaren Zauberer zur Strecke gebracht hat?"

Die Ungläubigkeit spiegelte sich nicht nur in ihrem Blick wider. Hatte er denn jetzt komplett den Verstand verloren? Wie sollte das denn funktionieren?
Ihre Augen huschten zu dem kleinen, schlafenden Bündel, welches in Hagrids Armen absolut verloren wirkte.
Ab und an entwich dem Halbriesen ein leises Schniefen.

„Nein, ich glaube nicht, dass Harry ihn tatsächlich zur Strecke gebracht hat. Aber ich habe auch keine Ahnung, was tatsächlich passiert ist.", beantwortete der Schulleiter ihre Zweifel.

Jayden vergrub ihr Gesicht in ihren Händen und versuchte nachzudenken.
Das war alles so surreal. Seit Monaten dauerte nun schon die Hetzjagd der Todesser und sie schien ein immer größeres, für sie kaum fassbares, Ausmaß zu erreichen.
Und jetzt sollte das ganze einfach so vorbei sein? Aber wenn es doch anscheinend so leicht gewesen war, wieso waren James und Lily dann tot?
Und all die anderen, deren Namen sie nicht einmal gekannt hatte?

„Ich verstehe das nicht, Albus. Wieso hat Sirius das getan? Ich hatte immer den Eindruck, dass er und James unzertrennlich seien. Ich meine, ich habe sie nicht wirklich gekannt. Aber selbst ich habe von den großen Rumtreibern gehört, auch wenn sie damals in ihren ersten zwei Jahren noch beinahe harmlos waren."

Ein wehmütiges Lächeln stahl sich in das Gesicht des Schulleiters, als er sie über die Gläser seiner Halbmondbrille betrachtete.
Doch er sagte nichts. Stattdessen blickt er einfach aus dem Fenster. In der Ferne, weit hinter dem Verbotenen Wald, bahnten sich die ersten Sonnenstrahlen ihren Weg.
Der Regen schien inzwischen an Kraft verloren zu haben, nur noch einige wenige Tropfen fielen vom Himmel.

Das Wetter schien sich in letzter Zeit der Lage in der Zaubererwelt angepasst zu haben.
Und jetzt, wo anscheinend alles vorbei war, konnte sich auch die Sonne wieder zeigen.
Aber das war einfach nicht fair. Ein kleines Kind musste seine Eltern verlieren, damit alles beendet werden konnte.
Nein, nicht nur dieser kleine Junge hatte geliebte Menschen verloren. So viele waren gestorben. Sinnlos, ohne einen wirklichen Grund.
Nur weil ein Zauberer vollkommen den Verstand verloren hatte, musste so vielen Leid geschehen.

„Jayden? Können sie mir einen Gefallen tun?", fragte Dumbledore und sah die junge Heilerin wieder an.

Jene nickte nur und wartete ab, was sie für ihn tun konnte.
Irgendwie hatte sie in den letzten Stunden das Gefühl beschlichen, dass sie zu wenig getan hatte.
Sie hätte vielleicht dem Orden doch beitreten sollen. Aber sie hatte zu viel Angst gehabt, dass ihre Freunde die Nächsten wären, deren Namen im Tagespropheten zu lesen wären.
So hatte sich ihre Hilfe darauf beschränkt, dass sie die Mitglieder des Ordens, sofern sie überhaupt wusste, dass es welche waren, in St. Mungo behandelt hatte, ohne ein Wort darüber zu verlieren, dass jene anwesend waren.

„Nehmen sie Remus mit. Er sollte jetzt nicht allein sein und ich wage es zu bezweifeln, dass er in seine Wohnung zurückkehren möchte. Zumindest zum jetzigen Zeitpunkt nicht."

Jayden nickte. Sie wusste, dass Remus mit Sirius zusammen in einer Wohnung gelebt hatte - bis jetzt.
Ein leises Seufzen kam ihr über die Lippen, als sie sich von ihrem Stuhl erhob.
Einen letzten Blick warf sie auf den kleinen, schlafenden Harry. Die Narbe an seiner Stirn würde er wohl behalten.
Poppy hatte alles getan, was sie konnte. Dann verließ sie das Büro des Schulleiters.


Mit einem leisen 'Plopp' erschienen Jayden und Remus im Morgengrauen in der Straße, in der das Haus von ihr stand.
Seit sie im Krankenhaus waren, hatte er kein Wort mehr mit ihr oder irgendjemand anderem gesprochen.
Dumbledore wollte er nicht sehen, deswegen hatte sie ihn im Krankenflügel bei Poppy gelassen.
Als sie ihm vorschlug, er solle doch einfach mit zu ihr kommen, hatte er nur stumm genickt. Naja, wenigstens etwas.
Jayden lächelte ihm aufmuntern zu und beschritt den Kiesweg, der zu ihrem Haus führte.
Sie kramte in ihrer Tasche nach dem Hausschlüssel, konnte ihn jedoch nicht finden.

„Der muss doch hier irgendwo sein...", murmelte sie vor sich hin.

Doch bevor sie noch weiter nach dem Schlüssel suchen konnte, ertönte ein leises Klicken von der Innenseite des Hauses.
Die Tür schwang auf und eine kleine Hauselfe starrte die beiden aus vorwurfsvollen, grünen Augen an.

„Weiß Miss Hope eigentlich, wie spät es ist?", fragte sie und wackelt mit ihren Ohren.

Auf Jaydens Lippen stahl sich ein leichtes Lächeln.
Ihre Hauselfe, Debby, war immer sehr ungehalten, wenn sie nicht rechtzeitig Zuhause war.
Vor allem in solchen Zeiten war die Elfe im Grunde strickt dagegen, dass ihre Herrin überhaupt das Haus verließ.

„Ich weiß, dass es sehr spät ist. Aber jetzt bin ich ja da.", gab Jayden dann nur zurück und betrat das Haus.

Auf dem Tischchen neben der Tür konnte sie dann auch ihren Schlüssel entdecken.
Da hatte sie ihn also liegen lassen. Nun gut, wenigstens nicht irgendwo verloren.
Als Remus ihr nicht sofort folgte, drehte sie sich wieder um und lächelte ihn an. Sie hatte jetzt eigentlich nicht die Kraft dazu.
Ihr Kopf fühlte sich an, als ob jemand mit einem Hammer darauf geschlagen hätte.

„Debby, richte bitte das Gästezimmer für Remus her, ja? Er wird uns ein wenig Gesellschaft leisten die nächsten Tage.", sprach sie ihre Hauselfe noch einmal an, dann drehte sie sich wieder ihrem Gast zu.

„Und du, steh' hier nicht so herum und komm rein. Ich bin mir sicher, dass du eine Tasse Tee vertragen kann"