Im Märchenwald:

6 Uhr kam an diesem Abend schnell, wie Regina fand, dabei hatte sie nicht viel getan. Sie hatte versucht, sich mit einigen Büchern abzulenken, doch immer wieder wanderte ihr Blick zur Uhr und mit jeder Stunde die verstrich, schien sich der Knoten in ihrer Magengrube fester zusammen zu ziehen. Mit aller Kraft versuchte sie sich daran zu hindern, ihre Gedanken kreisen zu lassen, doch sie versagte kläglich und mehr als einmal, wanderte der Knoten von ihrem Magen in den Hals und ihr Blick verschwamm durch einen Schleier von Tränen.

Ihm geht es gut.", wiederholte sie ihr inneres Mantra. „Er ist glücklich und feiert den heutigen Tag ausgelassen...mit Emma - … mit seiner Mom."

Du warst einmal seine Mom", meldete sich eine zweite Stimme zu Wort. Gemein klang sie und ein bisschen wie ihre Mutter.
„Ich bin immer noch seine Mom."

Aber das weiß Henry nicht."

Regina musste schlucken und wischte sich wütend über die Augen.

Du musst dich daran gewöhnen. Dein Sohn wird niemals wissen, dass es dich überhaupt je gegeben hat. Emma hat deine Rolle eingenommen und wahrscheinlich erfüllt sie diese sogar besser, als du es je getan hast.", setzte die Stimme beißend nach.

Wütend griff Regina nach einem Fläschchen Parfum, auf ihrem Schminktisch, das sie gerade eben beim Fertigmachen benutzt hatte und warf es mit einem unterdrückten Aufschrei frustriert an die Wand.

Es klirrte laut auf dem Steinboden und der süßliche Duft des Inhalts breitete sich im ganzen Zimmer aus. Regina hatte gerade die Hand gehoben, um die Scherben magisch zu beseitigen, da klopfte es an die Tür und Snow steckte den Kopf in ihre Kammer. Wenn sie von Reginas Wutausbruch mitbekommen hatte, überspielte sie es gekonnt und ließ sich nichts anmerken.
„Es ist kurz vor sechs.", meinte sie, mit ihrem gewohnt sanftem und freundlichem Tonfall.

„Ich komme sofort.", erwiderte die Königin. „Geh du schon mal vor."

Snow nickte und verschwand wieder.

Mit einer einfachen Handbewegung beseitigte Regina die Unordnung, die sie verursacht hatte und betrachtete sich noch einmal im Spiegel. Passend zum Anlass, hatte sie ein rotes Kleid mit Goldstickereien gewählt. Vielleicht, wenn sie es schaffte die äußere Fassade des Festes zu gewahren, würde sich ihr Gemüt dem auch anpassen, war ihre Überlegung. Die Königin atmete noch einmal tief durch. Sie hatte wirklich keine Lust, auf das bevorstehende Essen, aber Snow hatte mit ihrer Aussage früher am Tag recht gehabt. Ob sie alleine war, oder in Gesellschaft, Reginas Schmerz über Henry würde bleiben und wenigstens konnte sie einen anderen kleinen Jungen glücklich machen, der noch nie ein Weihnachtsfest gefeiert hatte.

Mit gestrafften Schultern, verließ Regina ihr Gemach und ging die vielen Treppen hinunter zu dem Saal, wo zuvor schon die Ratssitzung stattgefunden hatte und wo nun ein gedeckter Tisch, die Charmings, Robin und ein aufgeregter kleiner Roland auf sie warteten.

Letzterer strahlte voller Freude, als er die Königin erblickte.
„R'gina!", rief er aus. „zum Glück bist du da. Ich hatte schon angst, dass du nicht kommst."

„Das hätte ich doch nicht tun können.", erwiderte die Angesprochene. „Ich kann dich doch nicht das ganze gute Essen alleine essen lassen. Nicht, dass du noch platzt."

Roland grinste und bließ die Backen auf. „Dann sehe ich aus wie Little John. Der isst auch immer alles."

Regina hatte sich neben dem kleinen Jungen nieder gelassen, während Snow zu ihrer Linken saß.

„Es ist schön, dass du da bist.", meinte sie ehrlich. „Vor allem, da Belle leider nicht mit feiern wird."

Die Erwachsenen tauschten ernste Blicke aus. Belle arbeitete hart daran, einen Weg zu finden, Rumpelstilzchen aus der Gewalt der grünen Hexe zu befreien und ihr ständiges Scheitern, versetzte das sonst so zuversichtliche Mädchen in eine düstere Stimmung. Sie alle fanden sich in einer immer aussichtsloseren Situation wieder, was die Ankündigung Zelenas, sie wolle Snows und Charmings Kind stehlen, umso bedrohlicher machte.

Roland, der von dem kurzen Stimmungswechsel nichts mitbekommen hatte, holte alle Anwesenden wieder in die Gegenwart zurück, indem er laut in die Hände klatschte.
„Wo ist das Essen?", fragte er ungeduldig und spielte mit einer Gabel, die vor ihm lag.

„Das müsste jeden Moment bereit sein.", meinte Snow und warf einem Bediensteten, der unauffällig an der Tür gestanden hatte, einen kurzen Blick zu. Der Diener nickte und verließ den Saal. Wenige Minuten später wurden mehrere Teller mit Speisen herein getragen und auf die Tischmitte gestellt. Eine große, mit Gemüse gefüllte Weihnachtsgans, Rotkohl, Soße und Klöße. Dazu Wasser und Wein.

„Ich habe mich dagegen entschieden vorportionierte Teller servieren zu lassen.", erklärte Snow. „So wie es jetzt ist, ist es viel mehr wie im Land ohne Magie."

Die Prinzessin und der Prinz standen beide von ihrem Platz auf und während Charming die Gans zuschnitt, nahm Snow eine Kelle in die Hand: „Wer möchte was und wie viel?"

Sie alle hielten ihr ihre Teller entgegen, die die Schwarzhaarige großzügig füllte. Als schließlich jeder zu Essen hatte, ergriff sie erneut das Wort:

„Also dann wünsche ich uns hiermit einen wundervollen Heiligabend und ein gesegnetes Weihnachtsfest."

Feierlich stießen die Erwachsenen ihre Weingläser aneinander und Roland hielt sein Wasserglas in die Mitte. Dann widmete er sich auch sogleich seinem Essen.
„Immer langsam, Roland.", ermahnte Robin seinen Sohn. „Es nimmt dir keiner was weg."

Der Dieb hatte sich bisher sehr zurück genommen, dachte Regina. Er saß zwar entspannt in seinem Stuhl, hatte ihr mehr als einmal ein warmes Lächeln geschenkt und widmete das Meiste seiner Aufmerksamkeit seinem Sohn, zu dessen anderen Seite er saß, aber die Königin wurde das Gefühl nicht los, dass der König der Diebe sich ein wenig fehl am Platz fühlte. Sie konnte es ihm nicht verübeln. Obwohl er seit ihrer Rückkehr mit der Königsfamilie im Schloss lebte und auch fleißig mit half, gegen Zelena vorzugehen, so bevorzugte er dennoch die simpleren Gemächer und speiste immer mit seiner Bande an Räubern, unten in der Küche. Tatsächlich hatten sie beide noch nie ein Mal gemeinsam eingenommen, ausgenommen, der Tag ihrer Ankunft, am Lagerfeuer, bevor sie das Schloss gestürmt hatten. Reginas Blick blieb an ihm Hängen, während sie beobachtete, wie der Räuber, der taktisch und roh sein konnte und der so viele Kämpfe bestanden hatte, seinem Sohn liebevoll die Gans kleinschnitt und ihm zeigte, wie man manierlich aß. Roland folgte den Anweisungen seines Vaters aufmerksam und versuchte, ihm alles nach zu machen, was Robin wiederum ein Lächeln entlockte. Wenn er lächelte hatte er die gleichen Grübchen im Kinn, wie sein Vater...

Ein Stoß von Snows Ellenbogen in ihre Seite, holte Regina wieder in die Realität zurück.
„Du starrst.", murmelte sie leise. „Und du hast seit über einer Minute dein Essen nicht angerührt."

Die Königin räusperte sich und belud ihre Gabel.

„Mhmm. Das schhmeckt shoo gut!", verkündete Roland begeistert mit halb vollem Mund.

„Viel bessher als das, was wir am Lagerfeuer immer machen."

Der Knoten in Reginas Magen machte sich wieder bemerkbar und sie nahm einen Schluck Wein.

Während der Hauptgang verspeist wurde, begann Charming eine Unterhaltung mit Robin, und Snow und Regina amüsierten sich mit Roland, der weiterhin überschwänglich das gute Essen lobte und mit dem verglich, was es im Wald immer so zu speisen gab.

Als die Teller leer waren, fühlte selbst Regina sich zum bersten voll und sie war froh, dass sie sich gegen ein Korsett entschieden hatte. Sie musste sich selber eingestehen, dass es ihr wirklich gut geschmeckt hatte und einige von Rolands überschwänglichen Aussagen hatten sie und Snow laut zum Lachen gebracht. In diesen Momenten war Robins Blick auf sie gefallen und in seinen Augen hatte etwas gelegen, was sie nicht ganz benennen konnte. Eine Art Wärme, die über ein Lächeln hinaus ging..

Der Nachtisch wurde herein getragen und schlagartig kehrte der Knoten in Reginas Bauch zurück.

„Noch mehr Essen!", rief Roland in einer Mischung aus Unglaube und Entzücken.
„Bratapfel.", stellte Robin fest. „Mit Vanillesoße. Das ist etwas ganz feines, Roland."

Snow lachte, während sie wieder anfing, Portionen zu verteilen.

„Wer hätte gedacht, dass du und ich eines Tages zusammen Äpfel essen, was Regina?"

Die Königin erwiderte das Lächeln nur halbherzig.

Roland hatte erneut begonnen zu zu schlagen und Regina musste sich ermahnen, nicht wieder an seinem Anblick hängen zu bleiben.

„Du hast kaum etwas gegessen.", bemerkte Snow.

„Ich bin satt.", erwiderte die Schwarzhaarige. „Anders als du, esse ich nicht für zwei."

Zufrieden mit Reginas Antwort, lächelte die Prinzessin und fuhr sich über ihren Babybauch.

„Kann ich deinen Rest haben?", fragte Roland schamlos.

„Du meine Güte, Roland, wenn du so weiter isst, dann siehst du demnächst wirklich aus wie Little John.", meinte Robin

„Du hast mal am Lagerfeuer gesagt, ich müsste viel essen, damit ich groß und stark werde."

„Ja, aber es gibt einen unterschied zwischen 'stark' und 'fett'."

Regina grinste bei Robins Bemerkung und schob seinem Sohn dennoch ihren Teller hin.

„Es ist Weihnachten.", bemerkte sie nur.

Der kleine Junge schaffte es, auch noch Reginas Portion zur Gänze zu verputzen, bevor er Messer und Gabel laut klappernd auf seinen Teller fallen ließ.
„Ich bin papp satt.", verkündete er, was alle in der Runde lachen ließ.
„Das glauben wir dir.", antwortete Snow.

Eine Weile saßen sie alle noch gesättigt und in ihren Stühlen zurückgelehnt an dem runden Esstisch, doch als Roland langsam ungeduldig wurde, verlagerten auch die Erwachsenen ihre Position zu den Sesseln, die um den großen Kamin herum standen.

„Der Kleine hat ja eine Unmenge an Energie.", sagte Snow zu Robin, während sie seinen Sohn beobachteten, der trotz der riesen Mahlzeit, die er vor wenigen Minuten erst zu sich genommen hatte, schon wieder um den Weihnachtsbaum herum sprang.

„Das erwartet euch auch noch.", antwortete der Dieb mit einem bedeutungsvollen Blick auf Snows Bauch.

Roland kam zu Reginas Sessel hinüber, der am weitesten vom Feuer entfernt stand.
„Was machen wir nun?", fragte er.

Die Königin warf einen Snow einen fragenden Blick zu. Sie war diejenige, die den Abend geplant hatte und die Prinzessin sprang auch sofort ein.

„Wir könnten ein paar Lieder singen. Wenn du her kommst, dann bringe ich dir welche bei."

Der kleine Junge verließ Reginas Seite und setzte sich auf den Boden vor Snows Sessel. Diese stimmte 'Oh Tannenbaum' an und obwohl Charming fleißig mitsang und auch Roland und selbst Robin den Text beim dritten Durchlauf mitsingen konnten, so hallten die Stimmen doch merkwürdig leer in dem großen Raum. Nach 'Oh Tannenbaum' war 'Morgen kommt der Weihnachtsmann' an der Reihe, doch selbst Snow schien die seltsame Stimmung aufzufallen, denn kurz darauf schlug sie vor:
„Wie wäre es, wenn wir ein paar Spiele spielen."

Dieser Vorschlag traf auf allgemeine Zustimmung. Sie alle setzten sich im Kreis auf den großen Teppichvorleger, des Kamins, Snow ächzend unter der Last ihres neuen Körpergewichts und Regina, weil es für Roland selbstverständlich war, dass sie mitmachte. Außerdem besorgte Charming eine Runde dampfende Tassen Glühwein für die Erwachsenen und heiße Schokolade für den kleinen Jungen. Dieser hatte sofort zu einer Packung Spielkarten gegriffen.

Mit Kartenspielen kannte er sich sehr gut aus, wie sie alle schnell feststellten und mit einem Geschick, das ungewöhnlich war, für sein Alter, mischte Roland die Spielkarten und erklärte ihnen allen Spiele, die er an vielen Abenden mit den Männern von Robins Bande, am Lagerfeuer gelernt hatte. Roland gewann fast jede Runde, bis Charming ihn schließlich beim Schummeln erwischte.

Schuldig grinsend, rückte der kleine Junge einige Karten heraus, die er unauffällig hinter seinem Rücken gehortet hatte. Regina warf Robin einen Blick zu.
„Gibt es etwas, was du uns ebenfalls beichten möchtest, Dieb?", fragte sie mit Betonung auf dem letzten Wort.

Der Angesprochene hob abwehrend die Hände.
„Nur weil klauen meine Berufung ist, heißt das nicht, dass ich ein Falschspieler bin. Wer hat dir das überhaupt beigebracht, Roland?", fragte er, sich mit strenger Miene an seinen Sohn wendend.

„Little John.", erwiderte dieser, während er die Karten für eine weitere Runde mischte.

„Das hätte ich mir denken können.", murmelte sein Vater, mehr zu sich selbst.

„Weißt du Roland, vielleicht ist es Zeit, dass wir dir mal ein paar Kartenspiele beibringen.", meinte Snow und nahm ihm die Karten sanft aus der Hand. „Weißt du, wie 'Mau Mau' geht?..."

Nach einigen Runden 'Mau Mau' waren die Kartenspiele abgehandelt und Charming holte einen Würfelbecher hervor. Roland Augen glitzerten, denn damit kannte er sich genauso gut aus, wie mit Karten. Regina hingegen entschuldigte sich.
„Würfelspiele sind nicht so mein Gebiet.", meinte sie, stand auf und ließ sich in dem nächsten Sessel nieder. Von dort aus beobachtete sie die Anderen. Der Glühwein hatte ihre Sinne leicht benebelt, das laute Klappern und das Knallen des Bechers auf den Boden, klang an ihre Ohren, gepaart mit allgemeinem Gelächter. Ihr Blick ruhte die meiste Zeit auf Roland. Die Art und Weise wie er seinen Becher immer wieder enthusiastisch schüttelte und auf dem Boden abstellte und dann die übertriebene Freude, oder aber das lange, enttäuschte Gesicht, wenn er ihn abhob und sah, welche Zahl die Würfelaugen zeigten. Vielleicht war es doch keine gute Idee, dass sie sich ausgeklingt hatte, denn ohne dass Regina es bemerkte, begannen ihre Gedanken zu wandern und plötzlich war da wieder dieser Knoten. Dieser verdammte Knoten in ihrer Magengegend, der sich schon den ganzen Tag über immer wieder bemerkbar gemacht hatte und plötzlich hielt Regina es drinnen nicht mehr aus.

Sie murmelte etwas, von dem sie selbst nicht genau verstand, was sie eigentlich meinte und verließ dann mit langen schnellen Schritten den Saal.


Mama, kannst du die Musik lauter machen?"

Regina nickte, hielt ihre Hände kurz unter den Wasserhahn ihrer Spüle, wischte sie sich dann an ihrer Schürze trocken und ging hinüber zu einem kleinen CD Player, der auf Arbeitsfläche in der Mitte der großen Küche stand. Die Melodie von „Rudolf the Red Nosed Reindeer" drang nun laut durch den Raum und Henry sang leidenschaftlich mit. Er stand auf einem Hocker, nahe der Spüle, eine mit Bären bedruckte Kinderschürze umgebunden, die Ärmel bis zu den Ellenbogen hochgekrämpelt, und stampfte Kartoffeln in einer Plastikschüssel, zum Takt der Musik.
Regina ging zu ihm hinüber und sah ihm über die Schulter.

Das sieht schon sehr gut aus.", lobt sie ihren Sechsjährigen, während sie einen Schuss Milch dem fast fertigen Kartoffelbrei beigab. „Sag Bescheid, wenn du alle Stückchen klein gestampft hast."

Henry summte zustimmend und traktierte fleißig weiter seine Kartoffeln. Seine Mutter indes, stellte sich an den Herd, wo sie Fett in einer Pfanne hatte heiß werden lassen. Mit lautem Zischen legte sie Rindsmedaillons hinein, die sie erst an diesem Tag sorgfältig bei der Schlachterin ausgesucht hatte. Während Regina das Fleisch drehte, vorsichtig darauf bedacht, dass es noch einen rosa Kern beibehalten würde, ging sie mental ihre Checkliste durch.

- Baguette: geschnitten

- Erbsen: stehen auf dem Tisch.

- selbst gemachte Kräuterbutter: schon gestern vorbereitet.

- Salat und Dressing: gerade mit Henry erledigt.

- Kartoffelbrei: in Arbeit.

- Fleisch: ..fertig.

Sie hob das Rindfleisch aus der Pfanne und auf einen bereitstehenden Teller, bevor sie sich wieder an ihren Sohn richtete.
„Was macht der Kartoffelbrei?", fragte sie und Henry hob seine Schüssel hoch. „Na das ist doch Prima.", kommentierte sie nach einem prüfenden Blick und holte eine Porzellanschüssel aus einem der Schränke. Sie gab Henry einen großen Löffel in die Hand und vorsichtig, unter Reginas wachsamen Blick, füllte er den Kartoffelbrei um.

Ich stell das auf den Tisch.", meinte er, kletterte von seinem Hocker und ließ sich von seiner Mutter die Schüssel geben. Diese nahm den Teller mit Fleisch und folgte ihm hinaus ins Esszimmer, wo der Tisch schon festlich gedeckt auf sie wartete.

Das Licht im Raum war gedämmt, auf den Fensterbänken flackerten Teelichter und eine lange Lichterkette am Fenster sorgte dafür, dass sie immer noch genug sehen konnten. Als Regina platz genommen hatte und auch ihr Sohn links neben ihr auf seinen Stuhl rutschte, hielt sie für einen Moment gedankenverloren inne und genoss die Gemütlichkeit der Situation. Nur sie und Henry, an Weihnachten, mit leckerem Essen. Aus der Küche drang immer noch gedämpft die Musik der Weihnachts-CD...

Mom, können wir jetzt endlich anfangen?", drang die Stimme ihres Sohnes zu ihr durch. Regina blinzelte kurz, dann besann sie sich und begann, Henrys Teller zu füllen.

Ich schneide dir noch eben dein Fleisch.", meinte sie und griff nach ihrem Messer, doch hielt sie inne, als Henry entschieden den Kopf schüttelte.

„Ich kann das alleine.", meinte er, piekste demonstrativ mit der Gabel in sein Fleisch und begann mit seinem Messer daran zu säbeln. Regina lachte bei dem Anblick und geduldig zeigte sie ihm, wie man das Messer richtig hielt und so schnitt, dass man nicht den Tisch mit durchsägte. Schließlich hatte Henry den Dreh einigermaßen raus und mit großen Appetit begann er zu essen. Regina grinste und dachte an das letzte Weihnachten zurück. Im letzten Jahr hatte sie sich an einer Weihnachtsgans versucht, die Henry jedoch nach zwei Bissen und dem Kommentar 'Wääh', von sich weggeschoben hatte. Schließlich hatte sie ihren Jungen noch dazu überreden können, wenigstens sein Gemüse zu essen, während sie in der Küche stand und ein Fertigschnitzel aus der Tiefkühltruhe anbriet.

Schhhmeckt köshtlisch", meinte Henry, den Mund so voll, dass Regina die Erbsen im Kartoffelbrei erkennen konnte.

„Erst Mund leer machen, dann sprechen.", ermahnte sie, halbherzig streng.

Als ihrer beider Teller leer waren, fühlte Regina sich eigentlich satt, doch Henry war schon von seinem Stuhl geglitten und wartete ungeduldig an der Küchentür darauf, dass sie sich bewegte.

„Komm schon, Mom! Nachtisch!"

Seufzend erhob Regina sich und folgte ihrem Sohn. Bratapfel mit Vanillesoße war seit jeher ihre Weihnachtstradition. Die Äpfel vorzubereiten dauerte nicht lange, aber die Zeit im Ofen, gab Regina wenigstens den Moment, den sie brauchte um die Hauptspeise ein wenig sacken zu lassen.

Als Henry schließlich auch seinen Nachtisch mit großen Gusto verspeist hatte, (seine Mutter verkniff sich ein Kopfschütteln bei dem Anblick. Wo steckte er das alles bloß hin?) verriet ein Blick auf die Uhr Regina, dass es kurz nach 8 war und damit nach Henrys Schlafenszeit.

Wir können noch eine Runde Karten spielen, aber dann muss der Kleine Prinz ins Bett. Ansonsten kann der Weihnachtsmann nicht pünktlich seine Geschenke abliefern."

Die Ausrede mit dem Weihnachtsmann klappte zum Glück immer, denn anstatt zu murren, flitzte Henry so schnell wie möglich in das Wohnzimmer, wo eine Packung Spielkarten schon auf dem Fernsehtisch bereit lag. Bei der Runde Mau Mau, die folgte, verlor Regina kläglich und triumphierend mit dem Hintern wackelte, hüpfte Henry die Treppe hinauf und in das Bad, um sich Bettfertig zu machen. Wenig später lag er unter seiner Decke und lauschte der Stimme seiner Mutter, die ihm eine Weihnachtsgeschichte vorlas. Als sie das Ende von „Die Stadt der tausend Schneemänner" erreichte, waren seine Augen geschlossen, sein Atem tief und gleichmäßig und sein Unterbewusstsein spann Träume, voller Schnee, Lachen und buntem Geschenkband.


Wie eine Wand, traf die eisige Nachtluft ihr Gesicht, als die Königin hinaus in den Hof trat, in dessen Mitte ihr Apfelbaum thronte. Der unberührte Schnee knirschte unter ihren Stiefeln, während sie auf die Pflanze zu ging, die Arme fröstelnd fest vor ihrer Mitte verschlungen.

Der Baum war der Selbe, der auch in ihrem Garten in Storybrooke gestanden hatte, doch in dieser Umgebung wirkte anders und irgendwie fehl am Platz. Die Nacht war zu dunkel, der Himmel zu Sternenklar und es war zu leise. Man hörte nicht das ferne Motorengeräusch von irgendwelchen Autos, die gelegentlich vorbei fuhren. Keine Musik, die plötzlich von irgendwoher dröhnte und selbst das Gröhlen der Besoffenen, die von dem Rabbit Hole nach Hause torkelten, fehlte ihr. Das Einzige, was in jeder Welt gleich zu bleiben schien, war der Schnee, der in der Dunkelheit zu leuchten schien und die Nacht auf geheimnisvolle Weise erhellte.

Vielleicht war der Zauber, den Schnee auf die Welt zu legen vermochte, so stark, dass er verschiedene Welten durchmessen konnte, dachte Regina. Vielleicht war dies genau der selbe Schnee, der auch in Storybrooke fiel, oder zumindest dort, wo Storybrooke einst gestanden hatte. Vielleicht lag eben jener Schnee nun auch in Boston und in New York...

Gedankenverloren bückte die Königin sich und nahm trotz der beißenden Kälte ein wenig dieser weißen Substanz in ihre Finger. Sich aufrichtend, drückte die lockeren Flocken zu einem festen, weißen Klumpen zusammen. Ihr Blick wanderte in die Ferne, an dem Apfelbaum vorbei, auf das dunkel Meer an Baumspitzen, die den verwunschenen Wald ausmachten, der in dem spärlichen Licht der wenigen Fackeln, die den Hof und das Schloss beleuchteten, nur zu erahnen war. Ohne sich dem bewusst zu sein, hob Regina den Schneeball an ihre Lippen und nahm ein wenig davon in ihren Mund. Das kalte Material zerschmolz auf ihrer Zunge, wurde zu Wasser...

„Und ich dachte, das Festmahl heute hätte Euch mehr als genüge getan."

Bei dem Klang der Stimme hinter ihr, zuckte Regina heftig zusammen und ließ den Schneeball fallen, bevor sie herum fuhr.

Robin kam auf sie zu, milde lächelnd und zwei dampfende Tassen in der Hand, höchst wahrscheinlich gefüllt mit mehr Glühwein.

Genervt verdrehte die Königin ihre Augen, während sie laut ausatmete.

„Ich wollte Euch nicht erschrecken.", meinte der Dieb, mit entschuldigender Miene, während er sich neben sie gesellte und ihr eine der Tassen entgegen hielt. Mit zusammengezogenen Augenbrauen nahm die Königin das Getränk an. Es war noch zu heiß zum Trinken, aber es brachte wieder Gefühl in ihre Hände, die eben noch taub vom Schnee gewesen waren.

Für einen Moment starrte Regina wieder in die Ferne, während Robin schweigend neben ihr stand und das Selbe tat.
„Ich bin hier hinaus gegangen um alleine zu sein.", stellte sie nüchtern fest.

„Ich weiß.", antwortete der Dieb schlicht, ohne sich von der Stelle zu bewegen.

„Vermisst dein Sohn dich nicht?", fragte Regina nach einer kurzen Pause

„Der bringt dem Prinzen gerade bei, wie man beim Kartenspielen am besten betrügt."

Die Königin schnaubte. „Das sind nicht die Dinge, die ein Fünfjähriger einem erwachsenen Mann beibringen sollte."

Robin zuckte nur mit den Schultern. „Vermutlich nicht. Aber austreiben möchte ich es ihm auch nicht. Vor allem da er heute so viel Spaß hatte."

Regina schmunzelte bei dem Gedanken an den kleinen Jungen und die Freude mit der er an diesem Tag gesprüht hatte, sei es beim Baum schmücken, Essen, oder Karten spielen. Robins Blick wanderte zu ihr hinüber.

„Ihr schient heute auch einige freudige Momente gehabt zu haben.", meinte er vorsichtig.

Und da war er wieder. Der Knoten und dazu ein Gefühl der Schuld. Regina zwang sich zu einem Lächeln, um sich nichts anmerken zu lassen.

„Weihnachten ist ein Fest der Freude und Roland hat die Angewohnheit ansteckend fröhlich zu sein.", erwiderte sie.

Robins Blick ruhte immer noch auf ihr und sie fühlte sich fast schon unangenehm durchschaut. Schnell nahm sie einen Schluck von ihrem Glühwein und sah danach auf ihre Tasse, den Kopf gesenkt.

„Ist Roland auch der Grund, warum Ihr heute so ungewohnt warmherzig wart?"

Reginas Gesichtszüge entgleisten ins Ungläubige.

Warmherzig?"

„Nunja.", meinte der Dieb. „Bei unseren letzten Treffen habt ihr mir immer eine Salve schnippischer Kommentare entgegen gebracht. Das ist anders, wenn Roland dabei ist."

'Schnippische Kommentare', hallte es in Reginas Kopf nach.

„So schnell wie der Kleine Dinge aufschnappt und lernt, wäre er nach 5 Minuten in der Lage, all deine Männer verbal zu entwaffnen, wenn ich mich ihm gegenüber normal verhalte."

Bei diesen Worten lachte Robin laut und schallend auf.

„Dazu ist er sowieso schon in der Lage.", meinte er glucksend und nahm selber einen Schluck aus seiner Tasse.

Regina hatte ihren Blick auf den Baum gewandt und schwieg.

„Das ist also dein normales Verhalten?"

„Was?", fragte Regina verwirrt.

„Du hast gesagt: 'Wenn ich mich ihm gegenüber normal verhalte'. Ist das dein normales Verhalten? Die kalte, leicht genervte Art, immer ein schnippisches, meist fieses Wort auf den Lippen?"

Regina entging nicht, dass er nun das 'Du' benutzte. Ebenfalls konnte sie nicht umhin zu bemerken, mit was für einer Sorgfalt er offenbar ihren Worten gefolgt war und wie er sie wahrnahm.

„So bin ich halt.", erwiderte sie knapp.

„Das glaube ich nicht.", antwortete Robin prompt

„Wie bitte?" Das war das zweite Mal in diesem Gespräch, dass Regina nachfragte.

„Ich glaube, dass du heute Abend viel mehr du selbst warst, als sonst.", sagte der Dieb.

„Und seit wann kennst du mich so gut?"

„Ich habe dich gesehen, als wir zusammen in das Schloss eingebrochen sind."

Regina schnaubte und verlagerte ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen.

„Ich glaube, dass du dir die meiste Zeit eine Fassade aufbaust.", fuhr Robin gnadenlos fort. „Sie soll Schmerz fern halten und die Leute, die dich mögen. Und Roland schafft es, deine Fassaden runter zu bringen."

„Hör auf zu reden.", mischte Regina sich mit belegter Stimme ein.

„Und deine Reaktion jetzt sagt mir, dass ich recht habe."

„Nun, ob du recht hast, oder nicht, ist vollkommen egal. Das alles geht dich überhaupt nichts an, Dieb.", ihre Stimme war kalt und abweisend.

Robin seufzte. „Ich glaube nicht, dass Henry das wollte."

Regina zog scharf die Luft ein.
„Wie kannst du es wagen?", fragte sie wütend und fast schon ungläubig. „Du weißt gar nichts. Du kennst – .. Du hast doch überhaupt keine Ahnung!"

Regina hatte ihre Stimme angehoben und auch Robin antwortete laut.
„Du hast recht, ich kenne deinen Sohn nicht. Aber Snow hat mir erzählt was geschehen ist und es ist offensichtlich, wie sehr du ihn liebst. Und wenn dein Sohn dich auch nur halb so sehr liebt, wie du ihn, dann wollte er nicht, dass du unglücklich bist."

Bei diesen Worten lachte Regina auf. Es klang falsch und künstlich und endete beinahe in einem Schluchzen.

„Henry kann überhaupt nichts für mich wollen. Er ist weiß nicht einmal, wer ich bin."

„Aber du willst doch auch, dass er glücklich ist."

Regina nahm einen großen Schluck Wein. Vielleicht schaffte dieser, ihre Sinne so weit zu vernebeln, dass ihre Emotionen betäubt wurden.

„Natürlich will ich, dass er glücklich ist.", antwortete sie schließlich. Ihre Stimme wieder ruhig. „Aber ich kann nichts tun um das zu bewirken."

Heiße Tränen brannten nun in ihren Augen und sie konnte nichts tun um sie daran zu hindern, ihre Wangen herabzulaufen. Robin beobachtete sie, das Mitleid offensichtlich in sein Gesicht geschrieben und sie hasste sich dafür. Er sollte sie nicht in diesem Zustand sehen. Es herrschte schweigen.

„Kennst du das-", sprach Robin schließlich. „Wenn jemand den du magst gestorben ist, du aber immer noch das Gefühl hast, die Person ist bei dir?"

„Henry ist nicht tot."

„Das weiß ich. Worauf ich hinaus will ist.. Was ist, wenn der Tod nur der Übergang in eine andere Welt ist? So wie Henry jetzt auch in einer anderen Welt ist. Aber dennoch bleibt eine Verbindung zwischen den Menschen die sich geliebt haben. Vielleicht hat Henry, auch wenn er sich nicht daran erinnert, immer noch eine Verbindung zu dir. Alleine deshalb würde es sich lohnen, für ihn glücklich zu sein."

Regina schloss die Augen. Sie wusste, dass dies höchst wahrscheinlich Unsinn war, doch sie belog sich selber, wenn sie nicht zugab, selbst schon ähnliches gedacht zu haben.

„Ohne ihn kann ich nicht glücklich sein."

Robin seufzte und wandte seinen Blick von ihr ab, während er über seine nächsten Worte zu Sinnen schien. Regina, der immer noch Tränen salzige Spuren auf das Gesicht malten, leerte ihre Tasse. Der Wein tat seine Wirkung. Die Welt wirkte wie in Watte gepackt, stumpf und taub und in ihrem Kopf hallten all die Dinge nach, die Robin zu ihr gesagt hatte.

Einem plötzlichen Impuls folgend, begann sie zu reden. Leise und nicht direkt an Robin gewandt.

„Er hat Weihnachten immer so geliebt. Jedes Jahr hatten wir unsere eigenen kleinen Rituale.. Dieses Jahr... - das ist das erste Weihnachten, was wir nicht zusammen verbringen und ich kann nicht umhin, zu überlegen, was er wohl gerade macht. Der Gedanke verfolgt mich sowieso ständig. Was macht er gerade? Wie ist sein Leben? Ist er glücklich? ...Ich weiß nicht einmal, ob bei ihm gerade Tag oder Nacht ist. Vielleicht ist Heiligabend bei ihm schon längst um, oder es ist erst Nachmittag und er freut sich darauf. Und das Schlimmste an dem Gedanken ist, dass ich niemals Antworten auf all diese Fragen kriegen werde, stattdessen kommen nur umso mehr hinzu. Wann wird er wohl seine erste Freundin haben, studieren, seinen ersten Beruf? Was ist, wenn ihm etwas zustößt? Was, wenn ich es mir erlaube glücklich zu sein und irgendwo in einer anderen Welt ist mein Sohn tot unglücklich?"

Robin hatte schweigend ihrem Wortschwall gelauscht.

„Die Prinzessin hat mir erzählt, dass du ihm und seiner leiblichen Mutter schöne Erinnerungen und den Start in ein neues Leben gegeben hast.", sagte er sanft.

„Nur weil die Erinnerungen schön sind, heißt das nicht, dass das Leben auch schön bleibt. Nach meiner Erfahrung kann das Leben ziemlich grausam sein."

„Das ist die pessimistische Art und Weise, diese Situation zu betrachten.", meinte Robin. „Ich kann verstehen warum du so denkst, aber ich glaube es würde dir gut tun, optimistischer zu sein. Du hast selbst gesagt, du wirst nie die Antwort auf all deine Fragen kriegen, aber all die Voraussetzungen, die du deinem Sohn gegeben hast, sollten dafür sorgen, dass er ein glückliches Leben lebt. Und sollte es wirklich so sein, dass ihm das Glück nicht lange hold ist, so wollte er sicherlich dennoch nicht, dass du unglücklich bist. Du kannst nicht dein ganzes Leben auf eine negative Spekulation hin verschwenden, Regina."

Die Königin starrte nur weiter in ihre Tasse und antwortete nicht. Sie war es Leid, sich gegen Robin zu wehren, es würde sowieso nichts bewirken. Er würde auf seinem Punkt beharren, auch wenn sie ihm sagte, dass sich Optimismus für sie noch nie ausgezahlt hatte.

Das Schweigen zwischen den Beiden zog sich, während wieder sanfte Flocken begannen, vom Himmel zu schweben. Die Tasse in den Händen der Königin war nun leer und erkaltet und leicht fröstelnd verschränkte sie ihre Arme erneut.

„Vielleicht wäre es besser, wieder hinein zu gehen.", meinte der Dieb vorsichtig, doch er stieß auf weiteres Schweigen. Regina vermied es weiterhin ihn anzusehen, doch das knirschen des Schnees unter seinen schweren Schritten verriet ihr, dass Robin sie alleine gelassen hatte.

Als sie Gewissheit hatte, dass er weg war, atmete sie auf. Endlich war er fort und hatte aufgehört all die Dinge zu sagen, die sie nicht hören wollte. Während ihre Gedanken dem Gespräch nach hingen, wurde ihr mit einem Schlag bewusst, was sie alle von sich preisgegeben hatte und erneut kehrte der Selbsthass zurück. Dieser selbstgefällige Dieb hatte es nicht verdient, hinter ihre Fassaden zu sehen und dennoch hatte sie es zugelassen. Aber am meisten hasste sie, dass sie sich insgeheim eingestehen musste, dass sie es genossen hatte. Trotz des Schmerzes, hatte es gut getan zu reden, all das auszusprechen, was sonst nur in ihren Gedanken lebte. Und Robin war ein guter Gesprächspartner. Jemand der nicht nur mitleidig ihren Worten lauschte, wie Snow es tun würde, sondern der seine eigene Meinung vertrat und sich nicht von ihrer dunkleren Seite abschrecken lies. Der Dieb schien keine Angst zu haben, die Böse Königin zu fordern, schreckte nicht davor zurück, unangenehm zu sein und ein kleiner Teil ihrer Selbst, der Teil von ihr, der insgeheim seinen Worten recht gab, bewunderte ihn dafür. Bewunderte, dass er sie nicht mitleidig als dieses schwache, gebrochene Wesen betrachtete, sondern als Kämpferin.

Regina schüttelte widerwillig den Kopf, als sie sich bei ihren eigenen Gedanken ertappte. Nein. Sie würde es nicht zulassen, dass dieser Dieb mit seiner selbstgefälligen Art sich ihre Anerkennung holte. Denn aus Anerkennung wuchs all zu leicht Zuneigung und Regina wusste als Beste von allen, was den Leuten geschah, die ihre Zuneigung hatten. Es war schon gefährlich genug, dass sie seinem kleinen Sohn, Roland, erlaubt hatte, sich einen kleinen Platz in ihrem Herzen zu erschmuggeln. Wenn sie jetzt auch noch seinen Vater... NEIN.

Entschieden und immer noch Kopfschüttelnd drehte die Königin sich auf ihrem Absatz um und eilte ins Schloss zurück. Ohne zu zögern schritt sie an dem Ratssaal vorbei und ging direkt in ihre Gemächer, deren Tür sie verschloss. Wenige Minuten späte,r lag sie in dem großen Himmelbett und starrte an die Decke. Ihr Haar offen, gekleidet in einem simplen, weißen Nachthemd. Mit aller Kraft versuchte sie, ihre Gedanken zum Schweigen zu bringen und ob es Stunden, oder nur Minuten waren, bis sie der Schlaf endlich übermannte, vermochte sie am nächsten Tag nicht mehr zu sagen.


Henry war gerade fertig damit, den kleinen Tisch in ihrem Apartment zu decken und ein paar bunte Teelichter anzuzünden, da kam Emma zu der Haustür herein. Mit sich brachte sie den köstlichen Geruch warmen Essens.

„Hmm, Lecker.", kommentierte Henry, während Emma in die Küche ging und dort ihre Last an Plastiktüten abzustellen.

„Die Leute auf der Straße haben mich ganz komisch angeguckt.", erzählte sie. „Wir können doch nicht die Einzigen sein, die an Heiligabend nicht kochen."

„Wir sind eben einzigartig.", meinte Henry. „Und chinesisch ist nun wirklich kein traditionelles Weihnachtsessen."

„Wenn ich kochen könnte, würden wir vielleicht sogar mal ein traditionelles Essen haben."

„Keine Sorge, gefüllte Weihnachtsgans mag ich sowieso nicht."

„Hast du das denn je probiert?", fragte Emma verdutzt und Henry zuckte mit den Schultern.
„Bestimmt."

Emma hatte begonnen, das fertige Chinaessen aus seiner Pappverpackung zu befreien und sie bemühte sich, es so auf ihrer beiden Teller zu häufen, dass es wenigstens einigermaßen ansehnlich serviert werden konnte. Als sie fertig war, nahm Henry die Teller und stellte sie auf den Tisch. Es herrschte eine gemütliche Atmosphäre. Das Apartment wurde nur von Lichterketten und Kerzen beleuchtet und im Hintergrund drang leise Weihnachtsmusik aus dem Radio.

„Fröhliche Weihnachten, Mom und einen guten Appetit.", verkündete Henry und stieß mit Emma eine Tasse Kinderpunsch an.

Beim Essen drehte sich ihr Gespräch zuerst um Emmas Job und Henrys Schule, bevor sie in Schweigen verfielen, während sie beide Hänchenstreifen und Reis auf ihre Gabeln häuften.

„Weißt du was, Mom?", meinte Henry, der seinen Teller betrachtete.

„Hmm?", machte Emma mit vollem Mund?
„Ich finde wir sollten nächstes Jahr mal versuchen, gemeinsam etwas zu kochen. Und wenn es dann eine Katastrophe wird, sind wir wenigstens beide daran schuld."

„Von mir aus.", erwiderte die Blonde schulterzuckend. „Wer weiß, vielleicht verwandle ich mich bis zum nächsten Weihnachten in eine Meisterköchin."
Henry lachte auf. „Da muss aber starke Magie im Spiel sein."

„Heey!", sagte Emma mit gespielter Empörung. „Ich wette es gibt Tutorials auf YouTube dafür. Warte nur ab. Nächstes Jahr um diese Zeit, hast du ein königliches Festmahl vor dir stehen."

Ihr Sohn gluckste und schob sich eine weitere Gabel in den Mund.

Als ihre Teller einige Minuten später leer waren, fühlten sich beide zum Bersten voll, doch das hinderte Henry nicht daran, schelmisch zu grinsen.
„Pfannkuchen?", fragte er und Emma stöhnte.
„Ich weiß nicht einmal, wie ich mich bewegen soll und du willst noch mehr essen"

„Bis die fertig sind, haben wir schon wieder verdaut und Platz für mehr.", argumentierte der Teenager und seufzend erhob Emma sich aus ihrem Stuhl, in dem sie zufrieden zurückgelehnt gesessen hatte.

„Jetzt sind dir meine Kochkünste plötzlich nicht zu lasch.", meinte die Blonde während sie beide Äpfel schälten und würfelten.

„Apfelpfannkuchen machen ist nicht kochen.", antwortete Henry.

Wenig später, hatten sie beide erneut beladene Teller und volle Münder.

„Nach Weihnachten muss ich Diät machen, sonst passe ich nicht mehr in meine Hose.", bemerkte Emma.

„Also mich bringst du zu keiner Diät."

„Ja, aber du steckst das auch woanders hin. Ich schwöre, in den letzten 2 Monaten bist du sicherlich 3 Zentimeter gewachsen."
Als Antwort grinste Henry nur und steckte sich demonstrativ eine weitere Gabel Pfannkuchen in den Mund.

Nachdem selbst Henry zugeben musste, dass er sich für die nächsten Wochen wahrscheinlich nur von einem Ort zu dem anderen rollen konnte, verlagerten sie ihren Sitzplatz vor den Tannenbaum, wo Henry ein paar Spielkarten hervorholte. Emma stand vor der Stereoanlage und kramte in den Weihnachts CDs, da der Radiosprecher gerade „Last Christmas" angekündigt hatte.
Mutter und Sohn endeten damit, laut die Lieder auf der CD mit zu singen, während sie sich einen verbitterten Kampf im Skip-Bo lieferten. Der Abend zog sich, von der CD wurde irgendwann wieder zum Radio gewechselt und zum Abschluss saßen Mutter und Sohn unter einer Decke auf dem Sofa aneinander gekuschelt und schauten „Der Zauberer von Oz". Kurz bevor ihnen beiden die Augen zu fielen, gingen sie zu Bett und nicht lange, nachdem er das Licht ausgemacht hatte, schlief Henry auch schon wie ein Stein.