Jasper POV

„ Alice, Alice, komm schon, gib nicht auf." Ich rannte zu Alice, die schlaff aus Marias Griff auf den Boden fiel. Ich fing sie auf und hielt sie in meinen Armen. „ Alice, Alice, Alice, es tut mir Leid, nein, Alice!" schluchzte ich vor mich hin. Ich hatte ihre Todesangst gefühlt, ich hatte ihren Schmerz gefühlt, und dann nur mehr tiefe Ruhe, die durch ihren Körper floss. Schlaff lag sie nun in meinen Armen und ich wiegte sie hin und her. Großer Schmerz war in meinen Herz und durchströmte meinen kompletten Körper. Meine Seelenverwandte, die Liebe meines Lebens, war tot, und ich hatte ihren Tod nicht verhindern können, ich hatte sie nicht beschützen können. Ich fühlte Marias Freude über ihren Sieg.

„ Alice hat sich nicht wehren können gegen dich, was ist das schon für ein großartiger Sieg?" Fragte ich sie mit vor Schmerz verzerrtem Gesicht.

„ Dich leiden zu sehen, das wollte ich, sonst nichts. Fast tut es mir Leid, dass die kleine Schlampe sterben musste, fast! Es war toll zu wissen, dass du ihre Todesangst spüren musstest. Die Kleine tut mir ehrlich fast Leid."

„ Alice, ich will zu ihr!" Schrie ich Maria an.

„ Sie ist tot!" gab sie kalt zurück. Kurz sah ich noch einmal auf ihren leblosen Körper herab, dann fing ich einfach an zu schluchzen. Das konnte nicht wahr sein, meine Seelenverwandte, warum hatte sie sterben müssen? Es war ganz allein meine Schuld, ich hätte sie nie dieser Gefahr aussetzen dürfen, nämlich mit mir zusammen zu sein! Beschützend hielt ich sie in meinen Armen fest und knurrte, als Maria mich von ihr wegziehen wollte. Ich hörte, wie die Haustür unten aufgemacht wurde, und das Lachen von Bella, die gerade mit Edward redete. Alice würde nie mehr lachen! Der Schmerz zuckte wieder durch mein Herz und mein Schluchzen verstärkte sich.

„ Wir kommen wieder!" drohte Maria und verschwand mit ihrem Begleiter durchs Fenster. Ich hörte, dass Edward und Bella die Treppe herauf rannten, und fühlte Edwards Besorgnis und Bellas Verwirrung. Die Tür wurde aufgerissen, aber ich starrte nur auf Alice Körper in meinen Armen. Ich hörte Bella schreien, doch ich achtete nicht auf sie, ich war zu sehr gefangen von ihrem bewegungslosen Körper.

„ Lass sie los, Jasper!" hörte ich Edwards Stimme aus weiter Ferne, und unmerklich schüttelte ich meinen Kopf.

„ Bella, bitte geh raus!" Edward drehte sich zu ihr um und Bella nickte wahrscheinlich. Ich fühlte ihr Entsetzen und ihren Schmerz über den Verlust und es waren kleine Messerstiche in mein Herz. Aus den Augenwinkeln sah ich Edward, der sich neben mich kniete und sanft, aber bestimmt versuchte, Alice aus meinen Armen zu nehmen. Instinktiv hielt ich sie fester an mich gepresst, ich musste sie beschützen.

Leise flüsterte Edward auf mich ein:" Sie ist tot, Jasper. Es tut mir Leid!" Ich drehte meinen Kopf hin und her, Alice konnte nicht tot sein!

Die Tür öffnete sich ein weiteres Mal und Emmett und Carlisle, so wie Esme, kamen herein. Carlisle drehte sofort wieder um und schob Esme aus dem Raum, nachdem er mich erblickt hatte.

„ Lass sie los, Jasper." Carlisle redete ebenso beruhigend auf mich ein, aber ich ignorierte ihn und wiegte Alice sanft vor und zurück. Er kniete sich neben mich hin und legte seine Hand auf meine Schulter.

„ Was ist passiert?" fragte Emmett geschockt und sah auf Alice herab. „ Warum hängt ihr Kopf in diesem seltsamen Winkel?"

„ Maria!" antwortete ich kurz und nahm Alice hoch und stand auf. Plötzlich hielt mich Emmett fest und Edward entriss meinen Armen seine Schwester, Alice.

„ Sie ist nicht tot, sie kann nicht tot sein, NEIN!" Edward legte sie auf das Bett und Esme kam hereingerannt. Sie nahm mich sofort in den Arm und wiegte mich hin und her, aber ich sah nur auf Alice, wie sie im Bett lag. Der Schmerz zerstörte mich innerlich. Ihre Lippen stand leicht offen, aber es sah einfach nur grotesk aus, da ihr Kopf nicht direkt auf ihrem Hals lag. Ich riss mich aus Esmes Umarmung und rannte wieder zu vergrub mein Gesicht an ihrer Halsbeuge und sog ihren Geruch tief ein. Sie konnte doch nicht einfach so tot sein? Womit hatte sie das verdient? Sie war der lebensfreudigste und liebenswürdigste Vampir, den ich kannte. Dieser Tag hatte ganz normal angefangen und endete mit einer Katastrophe.

„ Alice? Wach auf!" bat ich sie flehend. Ich spürte den Schock der anderen und ihren Schmerz, der aber nicht einmal annähernd so groß war wie meiner. Während ich Alice einfach ansah, erinnerte ich mich, wie ich sie kennengelernt hatte, wie wir geheiratet hatten, wie sie einfach gelebt hatte und jede noch so kleine Erinnerung traf mich tief im Herzen. Wie sie sich ihre Haare zurückstrich, wie sie meine Hand genommen hatte, wie sie gelächelt hatte, einfach alles drängte wieder an die Oberfläche in meinem Gehirn. Edward hielt sich den Kopf vor lauter durcheinander geratenen Gedanken, aber stoppen konnte ich es nicht. Jede Erinnerung tat umso mehr weh, wenn ich Alice so leblos auf dem Bett liegen sah, so tot.

„ Warum?" fragte plötzlich Bella. Sie stand an der Tür und ich fühlte ihre Angst, als sie Alice betrachtete, aber ich drehte mich nicht zu ihr um, sie war mir egal, ich musste mich um Alice kümmern. Meine Partnerin konnte nicht tot sein, das war unmöglich, sie war ein Vampir! Dieser Tag war der schlimmste, den ich je erlebt hatte, und ohne dass ich davon etwas geahnt hatte!

„ Was ist passiert, Jasper?" hörte ich Esmes fürsorgliche Stimme aus weiter Ferne.

„ Er steht unter Schock, er will es nicht begreifen, dass sie tot ist, er versteht das nicht." antwortete Edwards an meiner Stelle. Das nennt man Schock? Das würde ich anders nennen... Vielleicht Schmerz?

Ich strich über Alice kalte Wange und sah sie einfach nur an. Ganz sanft strich ich darüber und betrachtete ihr wunderschönes, entspanntes Gesicht, das mich vor kurzem noch so schmerzerfüllt angesehen hatte. Wieso hatte ich das nicht verhindern können? Woher nahm sich Maria die Freiheit meine Partnerin zu töten, nur um mich zu verletzen? Warum hatte sie nicht mich anstelle von dem lebensfreudigsten Vampir auf der ganzen Welt genommen? Und wieso, verdammt noch mal, bewegte sich Alice nicht mehr?

„ Er ist komplett geschockt, er glaubt noch immer, dass sie nur schlafen würde, obwohl sein Gehirn etwas anderes sagt." erklärte Edward und ich knurrte. Ihn ging es überhaupt nichts an, was ich wann und warum dachte, außerdem hatte er nicht recht, ich wusste, dass Alice nur schlief.

„ Alice?" flüsterte ich leise, so leise, dass es die anderen wahrscheinlich gar nicht gehört hatten. „ Wach auf, meine Süße, du hast genug geschlafen. Komm schon, Darling, wach auf. Mach deine kleinen, süßen Augen auf und sieh mich an. Süße, ich bitte dich, mach deine Augen auf." bat ich sie flehend. Sie schlief doch nur!? Sie konnte nicht gestorben sein, sie konnte nicht einfach so sterben!

„ Jasper?" hörte ich verschiedene Stimmen fragend sagen und fühlte auch eine Hand auf meiner Schulter liegen, die sanft auf und ab strich. „ Alice ist tot!" hörte ich jemanden sanft sagen, doch so richtig hatte ich nicht zugehört. Wieso sollte sie tot sein? Plötzlich zeigte mir mein Unterbewusstsein Gedanken, die ich verdrängt hatte, und plötzlich verstand ich auch genau, warum meine Liebste sich nicht bewegte. Ich sah Marias böses Gesicht, dass mich genau ansah, als sie Alice das Leben nahm, indem sie ihr einfach so ohne relevanten Grund den Kopf abriss. Ich hörte mich schreien, ich fühlte Alice' Ruhe, bis sie dann schlaff auf den Boden zu fallen drohte und ihr Körper kein Gefühl mehr ausstrahlte. Alice würde nie mehr aufwachen, mich nie mehr ansehen, das hatte ich jetzt verstanden. Ich sah noch ihren letzten Gesichtsausdruck, sie sah mich direkt an, als sie schlussendlich starb.

Ich fühlte mich zittern, als ich aus meinen Gedanken zurückkehrte und Alice starres Gesicht sah.

„ Nein!" hörte ich Edward murmeln, der seine Schwester verloren hatte, einen Vampir, dem er sehr nahe gestanden hatte. Ich wusste, wie gern sich die beiden hatten, wie oft hatte ich gefühlt, wie sich Edward freute, wenn er mit Alice sprach oder generell mit ihr zusammen war, und umgekehrt. Beide hatten eine innige, geschwisterliche Verbindung gehabt, und niemals war ich neidisch auf ihn, weil er meiner Liebsten so nahe stand, warum auch? Ich hatte genau gewusst, dass sie mich, und nur mich so liebte, und Edward „nur" als Bruder liebte. Wie gerne hatten sie miteinander geredet (auch wenn wir sie kaum dabei gehört hatten) und wie oft hatten sie miteinander Schach gespielt, ohne dass wir dabei mehr als drei Schachzüge sehen konnten. Sie hatten sich geliebt, und jetzt war Alice aus dem Leben geschieden...

Ich konzentrierte mich wieder auf die Gegenwart und sah Edward, der auf dem Boden kniete, und nach Alice Hand griff. Ich spürte seine Verzweiflung, seine Angst, seine Wut, aber vor allem: Seine Trauer. Diese Gefühle machten mich fast wahnsinnig, ich hatte schon mit meinem Schmerz zu kämpfen, und musste ihre Gefühle dabei immer von meinen trennen, auch wenn das oft schwer war, vor allem bei solchen.

Was sollte ich jetzt tun? Es war immer klar gewesen, dass ich ohne sie nicht leben könnte, niemals! Alice mochte den Gedanken nicht, dass ich ihr in den Tod folgen würde, aber sie hätte genau dasselbe getan, ich denke, jeder Vampir hätte das für seine große Liebe getan, denn wer konnte schon ohne sie leben? Jeder Atemzug, den ich ohne Alice machte, war eine Qual für mich, da ich wusste, dass sie nicht in meiner Nähe war, dass sie nicht auf dieser Welt lebte, sondern weit weg war und ich sie nicht erreichen konnte, nie mehr, außer wenn... Ja, außer wenn ich genau dasselbe tun würde wie sie...

Edwards Kopf schnellte bei diesen Gedanken auf und er sah mich durchdringlich an, aber ich hatte nur Augen für meine gestorbene zweite Seele, die friedlich auf dem Bett lag und sich nicht bewegte.

„ Wage es nicht, dass noch einmal in Erwägung zu ziehen, wir können dich doch nicht auch noch verlieren! Ich weiß, dass es schwer ist, Jasper, aber du kannst, nein, du darfst ihr nicht folgen, du musst dableiben, für uns. Wir lieben dich doch!" Ich war nur in dieser Familie wegen Alice, nur wegen ihr hatte ich dieses Leben akzeptiert, sie hatte mich dazu gebracht, und weil ich sie liebte, hätte ich alles für sie getan. Ich hätte liebend gerne mein Leben gegen ihres getauscht, damit sie ihre fröhliche Art zu leben weiterleben konnte, doch jetzt war sie tot, und ich hatte sie nicht davor bewahren können. Verdammt, meine Vergangenheit hatte sie schließlich umgebracht! Ich liebte zwar jeden aus dieser Familie, doch wenn ich zwischen Alice und ihr wählen musste, so wie jetzt, würde ich Alice nehmen. Sie gehörte zu mir, ich konnte nicht ohne sie sein, ich konnte keine Sekunde ohne sie auf dieser Erde wandeln und das würde ich auch nicht.

„ Warum sagt uns keiner, dass hier eine Familienkonferenz abgehalten wird? Dann wären wir früher gekommen!" hörte ich Rose spöttisch fragen. Sie kam gerade in unser Zimmer und ich fühlte, wie immer, ihren Übermut. „ Hey Alice, wir müssten mal wieder..." Sie erstarrte und stoppte mitten im Satz, als ihre Augen Alice erblickten.

„ Schätzen, was ist mit dir los?" Sie rannte schnell auf Alice zu und schüttelte, was mich zum Knurren brachte.

„ Lass sie los!" befahl ich ihr und schubste sie unsanft weg. Emmett fing seine Frau auf und hielt sie beschützend in seinen Armen.

„ Was ist denn passiert?" fragte Rosalie geschockt.

„ Alice ist tot." sprach Edward ihre unausgesprochene Frage aus und sprach sogleich weiter. „ Maria ist gekommen und..."
„ Was? Das kann nicht sein, das ist doch unmöglich... Einfach so? SIE HAT SIE EINFACH SO UMGEBRACHT?" schrie Rosalie plötzlich, und Bella zuckte zusammen.

Bella hatte ihre Freundin verloren, so wie Rose auch, jeder in dieser Familie hatte sie verloren, doch ich war mir sicher, sie würden über diesen Schmerz hinwegkommen, sie würden sich zwar immer an Alice erinnern, doch der Schmerz würde vergehen... Bei mir jedoch nicht, ich müsste für immer mit diesem Schmerz leben müssen, der mich innerlich tötete. Außer wenn ich selbst sterben würde, ihr folgen würde...

„ Komm mit, meine Süße!" flüsterte ich Alice zu, bevor ich sie vom Bett auf meine Arme hob. Ich nahm sie wie ein kleines Baby, ihre Beine um meine Hüfte geschlungen und ihren Kopf auf meiner Schulter. „ Bald bin ich bei dir, du bist gleich nicht mehr alleine!"

Schnell sprang ich mit ihr aus dem Fenster, ich wollte nicht von den anderen aufgehalten werden, ich wolle mich nicht verabschieden, denn ich wusste, dass ich sie nie mehr sehen würde, aber das nahm ich gerne in Kauf, wenn ich dafür bei Alice sein dürfte.

Auf dem schnellsten Weg rannte ich zu Peter und Charlotte, die ich, wie ironisch, aus meiner Zeit bei Maria kannte. Sie konnten mir meinen Wunsch nicht abschlagen, sie durften das einfach nicht tun, ich musste endlich wieder zu meiner Alice, ich wollte sie endlich wieder hören, spüren, sehen, riechen und lieben können. Ich wollte ihr hübsches Lachen wieder hören können, vorausgesetzt natürlich, dass wir auch im Tod vereint sein würden, doch ich glaubte ganz fest daran.

Ich suchte meine Freunde stundenlang, sie waren Nomaden, doch bald hatte ich sie endlich gefunden.

Konnte ich das von meinen Freunden eigentlich verlangen? Konnte ich verlangen, dass sie mich umbrachten? Natürlich konnte ich das, sie mussten das für mich tun, ich hätte es auch für sie getan.

Peter sah mich kurz an, und ich legte Alice ganz sanft auf den Boden, bevor ich ihn abwartend ansah. Seine Augen wurden groß, als er Alice erblickte, doch er sagte nichts dazu.

Er kam auf mich zu und umarmte mich fest, er drückte mich an sich und flüsterte:" Maria!" Ich nickte und er ließ mich wieder los, denn Charlotte betrat die Lichtung, auf der sie gerade rasteten.

„ Was für eine Überraschung, euch zu sehen." rief sie erfreut aus, bevor sie bemerkte, wie regungslos Alice da lag. „ Oh..." hörte ich sie erschrocken sagen.

„ Bitte..." bat ich sie flehend, und Peter nickte, bevor er Charlotte befahl ein Feuer zu machen. „ Es tut mir leid für dich, Jasper." flüsterte er noch, bevor er mir mit einem Ruck den Kopf abriss.

Sofort umgab mich Dunkelheit, doch ich tat das für meinen Engel, für die Liebe meines Daseins, ohne sie konnte und wollte ich nicht leben. Zuerst war alles dunkel, doch dann sah ich SIE. Sie stand lachend auf einer Lichtung, sie trug ein wunderhübsches, weißes Kleid, doch ihre schwarzen Haare standen wie immer wild vom Kopf ab, was ich wunderschön fand. Ich sah kurz an mir herunter und bemerkte, dass ich einen Anzug trug. Alice streckte ihre Hand nach mir aus und flüsterte:" Komm!" Ich ergriff ihre Hand ohne zu zögern, was mich an unser erstes Treffen erinnerte, und ihr Gesicht leuchtete, als sie es auch bemerkte.

„ Ich liebe dich!" sagte ich vertraulich, was Alice zum Lächeln brachte. Sie drückte meine Hand fest und jetzt wusste ich es: Nichts konnte uns jemals wieder trennen!