1995
Sie tauchten vor einem großen Landhaus wieder auf. Es war von hohen Hecken umgeben, die sich dunkel gegen den blass-blauen Himmel abzeichneten. In der Ferne war der Schrei eines Pfaus zu vernehmen. Sie schritten auf ein Schmiedeeisernes Tor zu, welches sich sogleich öffnete, um sie herein zu lassen. Ihr war sofort klar wo sie sich befand. Sie hatte das Haus schon des Öfteren besucht. Malfoy Manor. Auch nach seinem Fall, hatte sie den Kontakt zu den Malfoys noch eine Zeit lang aufrecht erhalten. Schließlich gehörten sie zu den wenigen, die überhaupt von ihrer Existenz wussten. Nun sollte sie also bei den Malfoys wohnen? Mit Little Hangelton hätte sie leben können, auch wenn dort alles vermutlich nach all den Jahren ziemlich verfallen und marode sein würde, müsste sie sich dort nur mit Tom auseinandersetzen und nicht zusätzlich noch mit den Hausherren. Sie schritten den Kiesweg entlang, auf den plötzlich ein weißer Pfau geflattert kam und majestätisch an ihnen vorbei stolzierte. Sie sah Tom an und zog vielsagend eine Augenbraue hoch. Er antwortete mit einem ebenso vielsagenden verächtlichen Schnauben.
„Albino-Pfauen? Ernsthaft? Etwas hässlicheres konnte er wohl nicht finden, was?", flüsterte Sie ihm ins Ohr.
Sie erreichten das Hauptportal, das unverzüglich aufschwang. Man erwartete sie also. Im Inneren des Hauses herrschte ein seltsames Zwielicht. Es war ausgesprochen früh am Morgen und vermutlich schlief der Rest der Familie noch, dachte sie. Jedoch stellte sie schnell fest, dass sie sich geirrt hatte. Hinter einer der großen Steinsäulen trat eine - trotz der ausgesprochen frühen Morgenstunde - perfekte zurechtgemacht und frisierte Narzissa hervor.
„Mylord." begrüßte sie Tom und verbeugte sich tief vor ihm „Es ist uns eine Ehre Euch hier begrüßen zu dürfen und Helia, schön Sie wieder zu sehen.", sagte sie ruhig und bevor Helia etwas erwidern konnte, umarmte Narzissa sie herzlich und küsste sie auf die Wange, was sie nicht erwartet hätte. „Wenn Ihr mir folgen mögt, wir haben ein Zimmer im ersten Stock herrichten lassen." Sie ging eine große Steintreppe empor und einen dunklen Korridor entlang. Die Wände waren mit dunklem Holz getäfelt und einige Bilder hingen an der Wand, die aber allesamt mit Laken zugedeckt waren. Offensichtlich wollten die Malfoys nicht, dass das ein oder andere plauderhafte Portrait verriet, wer sich bei ihnen aufhielt.
„Wie geht es deinem Sohn, Narzissa?", fragte Helia freundlich, um die Spannung, die fast greifbar war, etwas zu entladen.
„Draco? Oh, nun es geht ihm gut. Er hat Ferien und schläft noch, Madame. Aber er wird heute abreisen, um den Rest der Ferien bei einem Freund zu verbringen, Theodore Nott, falls Sie sich an seinen Vater erinnern können?" Helia konnte ihr ansehen, dass Narzissa die Situation unangenehm war. Sie wollte ihren Sohn wohl aus all dem heraus halten und in ihren Augen konnte Helia große Sorge lesen. Narzissa öffnete eine Tür auf der rechten Seite und bedeutete ihnen einzutreten.
„Das Badezimmer befindet sich dort drüben." Sie deutete auf eine kleine Tür, die auf der linken Seite des Zimmers lag. „Hinter dieser Tür ist ein begehbarer Kleiderschrank." Sie deutete auf die Tür an der rechten Wandseite. „Ich werde den ganzen Tag im Haus sein, falls etwas benötigt wird." Damit verschwand sie wieder und ließ sie allein. Helia konnte sich an das Zimmer erinnern. Sie hatte hier schon einmal zuvor einige Zeit verbracht. Vor seinem Fall. Es war ein großer, dunkler Raum mit hohen Decken und einem großen Holzbett mit verzierten Pfosten. Ein großer Eichenschreibtisch stand an der Fensterseite des Raumes. Zwei Sofas und ein Kamin befanden sich auf der linken Seite und große Bücherregale aus Holz erstreckten sich bis zur Decke. Ein Teil war leer geräumt. Narzissa hatte vermutlich schon erwartete, dass sie Bücher mitbringen würde.
Helia ging ein paar Schritte auf den Dunklen Lord zu und musterte ihn genau, von oben bis unten. Bei seinem Gesicht hielt sie inne.
„Daran muss ich mich gewöhnen.", stöhnte sie auf. Er sah sie regungslos an. Vermutlich verstand er was sie meinte. Natürlich war auch ihm klar, wie sehr er sich seit dem Tag, an dem sie sich zum ersten Mal begegnet waren, verändert hatte, innerlich sowie äußerlich.
„Ich nehme an du hast das Zimmer gegenüber? Wie letztes Mal?", fragte sie.
„Nun, um ehrlich zu sein werden wir uns dieses Zimmer teilen. Ich habe nur ein separates Arbeitszimmer den Gang hinunter." antwortete er.
„Seit wann teilen wir uns ein Schlafzimmer?", fragte Helia verwundert. Das hatten sie früher auch nicht getan. Helia war sehr auf ihren Freiraum bedacht und hatte immer angenommen, dass Tom dies ähnlich sah. Vermutlich hatten sie nur so die Jahre vor seinem Fall heil überstanden, ohne sich gegenseitig in den Wahnsinn zu treiben.
„Seit jetzt!", stellte er fest, „Ich habe noch einige wichtige Angelegenheiten, die meiner Aufmerksamkeit bedürfen. Bis heute Abend." Damit verschwand er aus dem Zimmer und ließ Helia allein zurück. Seine Schritte verhallten auf dem Gang und Helia stand ziemlich verdutzt in diesem kalten, stillen Raum. Was sollte sie denn nun tun? Nur Momente später erschien Lucius Malfoy und überreichte ihr ihre schwarze Reisetasche.
„Ich bin unten wenn Sie etwas benötigen, Madame." verabschiedete er sich. Auch wenn Helia nicht gerade der Sinne nach Auspacken stand, hatte sie doch das Bedürfnis etwas sinnvolles zu tun. So verstaute sie also zunächst ihre Kleidung im Wandschrank, der von der Größe her, in London als Wohnzimmer durchgegangen wäre und sortierte ihre Bücher in das leere Regal ein. Erst nachdem sie mit all dem fertig war, bemerkte sie wie schrecklich müde sie war. Kein Wunder, hatte sie doch in der letzten Nacht kein Auge zu getan. Auch in den Nächten davor nicht, wenn man es genau nimmt, da sie ihn schon länger erwartet hatte. Da konnte ein kleines Schläfchen am Vormittag nicht schaden, dachte sie.
Sie erwachte erst gegen Nachmittag wieder - auch wenn sie das nicht genau sagen konnte, da sie natürlich eine Uhr vergessen hatte - und zog sich schnell etwas über. Sie entschied sich für ein knielanges, mitternachtsblaues Kleid, welches mit Narzissas Garderobe leicht mithalten konnte. Vorsichtig steckte sie den Kopf aus der Tür. Auf dem Gang war es ganz still. Selbst die Portraits gaben keinen Laut von sich. Vermutlich waren sie in ihre Rahmen an anderen Orten geflüchtet, sofern sie denn weitere hatten. Sie wanderte ein wenig durchs Haus, bis sie im Salon auf Narzissa traf.
„Kann ich Ihnen etwas zu essen anbieten, Helia? Die Hauselfen bereiten eine hervorragende Puttanesca zu." Helia musterte die ältere Frau von oben bis unten und sah sie streng an.
„Dir ist klar, dass Puttanesca nach Hurenart bedeutet? Soll ich das als eine Anspielung verstehen?" sagte sie ruhig und etwas Gefährliches lag in ihrer Stimme.
„Nein, nein, natürlich nicht! Das gab es heute nur zu Mittag, bitte, bitte ..." stammelte sie vor sich hin. Bevor sie sich ihr noch zu Füßen warf und um das Leben ihrer Familie bettelte, musste Helia laut auflachen.
„Ich scherze, Narzissa. Alles ist gut. Was ist denn los mit dir? Du bist schrecklich angespannt." Fast tat es Helia schon leid, sie so unter Druck gesetzt zu haben. Narzissa sah auch nicht sonderlich gut aus, wie ihr bei näherer Betrachtung auffiel. Sie hatte blasse Augenringe, die sie versucht hatte zu überschminken. Narzissa schwieg.
„Ich sehe schon, die Anwesenheit des Dunklen Lords ist dir eine Ehre, aber auch eine Last, nicht wahr?", fragte Helia und ließ sich in einen der weichen Sessel fallen.
„Nein, nein, so ist es nicht! Bitte, denken Sie nicht, dass es mir eine Last ist.", bat Narzissa inständig.
„Nun, sollte es dennoch der Fall sein, kann ich dich beruhigen.", versuchte Helia zu beschwichtigen „Er wird vermutlich die meiste Zeit in seinem Arbeitszimmer verbringen oder auf Reisen sein, so wie früher, denke ich. Er wird viel zu tun haben. Danke für eure Gastfreundschaft. Ich weiß das sehr zu schätzen." Helia versuchte, so gut wie möglich, versöhnliche Töne anzuschlagen. Diplomatie war eine ihrer Stärken und hatte sich schon in der Vergangenheit als nützlich erwiesen. Narzissas Anspannung machte sie fast selbst nervös.
„Ich denke, ich hätte ganz gerne einen Kaffee, falls das möglich ist und dir täte ein Kaffee ebenfalls gut.", bemerkte Helia. Wenige Augenblicke später und ohne dass Narzissa ein Zeichen gegeben hatte, erschien ein Kaffeetablett auf dem kleinen Tischchen zwischen ihnen. Scheinbar hatten die Hauselfen gute Ohren, groß genug waren sie ja.
„Nun erzähl mal Narzissa, wie erging es euch in den letzten Jahren? Den kleinen Draco habe ich noch gar nicht gesehen." Helia war zwar bewusst, dass Narzissa ihren Sohn aus der ganzen Geschichte heraushalten wollte, aber es war ein Gesprächsthema, welches ihr Sicherheit geben würde und über das sie – wäre die Situation eine andere – sicherlich gerne gesprochen hätte.
„Er kommt jetzt in sein fünftes Jahr in Hogwarts. Er ist in Slytherin, wie unsere ganze Familie ja schon zuvor und seine Noten sind sehr zufriedenstellend.", berichtete sie kurz angebunden, aber der Stolz, der in ihrer Stimme mitschwang, war deutlich zu erkennen.
„Das freut mich. Er ist also im selben Jahr wie dieser Harry Potter?" fragte Helia gespannt. Narzissas Gesichtszüge wurden strenger. Ihr gefiel nicht, in welche Richtung dieses Gespräch ging. „Ja, im selben Jahrgang. Aber er ist in Slytherin und dieser Junge", sie betonte das Wort Junge besonders verächtlich „ist in Gryffindor. Und ich kann Ihnen versichern, dass sie gewiss keine Freunde sind."
„Das hätte ich auch nicht erwartet. Draco hat zweifelsohne eine gute Erziehung genossen." Damit war der Damm gebrochen. Narzissa erzählte freudig von den Erfolgen ihres Sohnes in Hogwarts und denen ihres Mannes im Ministerium. Er hatte einen guten Draht zum Minister und sie waren sogar bei Spielen der Quidditch Meisterschaft in dessen Loge gewesen. Nicht, dass Narzissa dieser Besenflug Firlefanz interessiert hätte, aber einer solchen Einladung müsste man schließlich nachkommen. Der Tag neigte sich langsam dem Ende zu und es wurde Zeit das Abendessen einzunehmen.
„Ich werde dem Dunklen Lord Bescheid geben.", sagte Helia und verabschiedete sich für den Moment von Narzissa. Das Gespräch hatte sie angestrengt. Auch wenn sie Narzissa eigentlich gut leiden konnte, war sie doch eine anstrengende Person, die sehr große Stücke auf das Ansehen ihrer Familie hielt und sich mit Prahlereien nur wenig zurückhalten konnte. Sie lief den dunklen Korridor entlang und klopfte an die Tür des Arbeitszimmer. Nach einer Weile folgte ein „Bitte", was ihr bedeutete einzutreten. Der Dunkle Lord saß an einem recht überdimensionierten Schreibtisch, auf dem sich Pergamente, Bücher und undefinierbare Gerätschaften stapelten. Er sah nicht einmal auf, um zu sehen wer der Störenfried war.
„Das Abendessen wird in wenigen Minuten gereicht, wenn Du uns mit deiner Anwesenheit beehren würdest?", fragte Helia teils gespielt, teils ernsthaft höflich. Er sah kurz auf. „Nein.", war seine kurze aber bestimmte Antwort.
„Gut", antwortete sie knapp und ging wieder. Überredungsversuche wären fruchtlos gewesen. Zu vertieft war er in seine Arbeit, was Helia sofort erkannte. Also speiste sie mit den Malfoys allein.
Die Stille am Tisch war erdrückend. Lucius wagte es kaum sie anzusehen. Narzissa lächelte ihr einige Male zu, verhielt sich aber auch eher zurückhaltend. Nach dem Abendessen verschwand Helia schnell in ihr Zimmer. Es war leer und dunkel. Was hatte sie auch erwartet? Sie nahm sich ein Buch aus dem Regal und begann darin zu lesen. Kurz nach Mitternacht, als Helia schon fast beschlossen hatte zu Bett zu gehen, schwang die Tür auf. Tom trat ein und machte sich daran, seine Arbeit nun an dem etwas kleineren Schreibtisch fort zu führen.
„Kann ich dir irgendwie behilflich sein?", fragte Helia, um das Schweigen zu brechen.
„Kaum." Er war unglaublich kurz angebunden.
„Außer?", fragte Helia erneut. Sie war nicht dumm und wusste sogar über Themen Bescheid, die man ihr niemals zugetraut hätte. In der Überraschung lag die Kraft.
„Außer was?", langsam wurde ihm diese Fragerei lästig.
„Kaum bedeutet nicht grundsätzlich nein.", lachte sie.
„Gut. Außer natürlich, du kennst dich mit Prophezeiungen aus.", entgegnete er.
„Fein, ich muss dir recht geben, da kann ich nicht helfen. Für Wahrsagerei und Schicksalsdeutungen und diesen ganzen Unsinn, hatte ich noch nie viel übrig.", antwortete sie und widmete sich wieder ihrem Buch.
„Seltsam, dabei solltest du doch am meisten davon verstehen, oder irre ich da?" Helia musste bei seinen Worten lachen. „Gut, ich kann auch eine Vorhersage machen. Es wird diesen Monat regnen. Ist das nicht das Prinzip von diesen Scharlatanen? Etwas vorhersagen, was, aller Wahrscheinlichkeit nach, sowieso eintreffen wird?" Wahrsagerei hatte noch nie eine Bedeutung für sie gehabt. Die meisten Wahrsager gaben doch ohnehin nur vor hellsichtige Fähigkeiten zu haben. Einen echten Wahrsager zu finden, war in der heutigen Zeit doch wohl sehr unwahrscheinlich.
„Ich spreche von richtigen Prophezeiungen ..." er brach ab.
„Du meinst wie jene, die Severus damals gehört hat?", fragte Helia unumwunden.
„Ebendiese."
Helia dachte nach. Sie hatte sich in den letzten Jahren viele Gedanken um diese Prophezeiung gemacht. Und fast hätte sie auch geglaubt, dass dieser Junge die Prophezeiung mit seinem Fall erfüllt hätte. Doch dem war nicht so.
„Nein, entschuldige, darüber weiß ich wirklich nichts. Sie werden in einem Raum im Ministerium gelagert, hat mir Severus einmal erklärt. Mehr weiß ich jedoch nicht.", gab sie zu.
„Das habe ich auch schon herausgefunden." murmelte er. Einige Minuten vergingen. Beide schwiegen sich an. Dabei hatte Helia so viele Fragen, die sie unbedingt beantwortet haben wollte. Wo war er die letzten Jahre über gewesen? Was hatte er dort, wo auch immer er war, getan? Und vor allem … was zur Hölle war das für ein riesiges Schlangenvieh, das gerade zur Tür herein gewunden kam.
„Ehm Tom?" fragte Helia etwas angespannt. „Wer ist das?" Er sah auf und erkannte Nagini, die zur Tür herein schlenderte.
„Sie heißt Nagini.", erklärte er. Als er erkannte, dass sich Helia nicht mit dieser kurzen Antwort zufrieden geben würde, erklärte er weiter: „Ich habe sie aus Albanien mitgebracht. Sie hat sich bereits als sehr nützlich erwiesen und wird es auch in Zukunft tun." Schlange, Nagini, Albanien. Alles total einleuchtend, dachte sie. Die Schlange glitt über den Boden und rollte sich auf einem der Sofas zusammen. Sie war ausgesprochen hübsch, das musste Helia zugeben. Sie hatte nie einen besonderen Draht zu Schlangen gehabt – nicht so wie er - aber hegte auch keine Abneigungen gegen sie.
„Albanien?", fragte Helia zögerlich. Er schwieg. Wie überraschend. Er war ja nie der gesprächigste Vertreter seiner Art gewesen, aber so kurz angebunden hatte sie ihn selten erlebt.
„Tom? Denkst du nicht, dass es möglicherweise an der Zeit ist, mir zur erklären wo du die letzten Jahre über warst?", fragte sie vorsichtig. Doch während sie redete, erinnerte sie sich plötzlich an all die Sorgen, die sie in den letzten Jahren seinetwegen hatte. All die Zweifel, all Jene, die ihr versucht hatte klar zu machen, dass er tot sei.
„Ich habe die ersten fünf Jahre nach deinem Verschwinden an nichts anderes gedacht, als dich zu finden. Ich habe das ganze Land nach dir abgesucht und nicht nur dieses, nebenbei bemerkt! Aber Albanien? Ernsthaft? Und dann tauchst du einfach so wieder auf." Sie war aufgestanden und wanderte ziellos durch den Raum, immer verfolgt von Naginis wachsamen Augen. Er sah sie durchdringend an und seufzte einmal genervt auf. Einen unendlich wirkenden Moment herrschte weiter Schweigen, bis er sich endlich von seinem Schreibtisch erhob und zum Sofa ging. Ihm hatte nicht gefallen wie sie mit ihm sprach. Schließlich war er der Dunkle Lord und sie nur eine Frau, wenn auch seine. Ganz davon abgesehen, dass er nicht einmal genau wusste, wie sie nach den Jahren zu ihm stand. Zwar hatte er von einigen seiner treusten Todessern - die er sich jedoch ebenfalls durchaus ergebener gewünscht hätte - gehört, dass sie versucht hatte ihn zu finden und nie aufgehört hatte an seine Rückkehr zu glauben, aber Zweifel waren nicht so leicht zu vertreiben, wie zu hegen. Schließlich waren selbst sie nur zögerlich an seine Seite zurückgekehrt. Er nahm sich ein Glas Wein und begann doch zu erzählen, zumindest im Groben. Angefangen mit jenem schicksalhaften Abend, an dem er die Macht eines - ihr Leben opfernden - Schlammblutes unterschätzt hatte, über seine Jahre in Albanien, seiner Begegnung mit Quirnius Quirell und Rückkehr nach Albanien, bis hin zu seiner Auferstehung durch die Hilfe Peter Pettigrews und Barty Crouch Jr.
„Wieso hast du mich nicht gerufen, Tom? Wieso? Du hättest nur nach mir rufen müssen. Ich wäre zu dir gekommen. Hätte zu dir kommen müssen!", sagte sie, nachdem sie seiner Erzählungen aufmerksam gefolgt war. Irgendwo war ihr jedoch immer klar gewesen, dass er sie niemals gerufen hätte. Dazu war er viel zu stolz. Wer weiß in welchem Zustand er sich befunden haben mochte. Er hätte ihr gegenüber niemals Schwäche gezeigt, aber dennoch wollte sie eine Antwort.
„Du hättest mich finden können.", antwortete er kalt.
Sie war fassungslos. Machte er ihr nun Vorwürfe, nicht genug nach ihm gesucht zu haben?
„Ernsthaft, Tom? Albanien? Wie sollte ich bitte auf Albanien kommen?"
„Weil Albanien ein guter Ort ist, wenn man nicht gefunden werden will." antwortete er. „Klar, logisch. Die Arktis übrigens auch, aber dir liegt scheinbar eher das mediterrane Klima, ja?" meinte sie und musste nun lachen. „Ich kann dir versichern, ich habe mehr als nur ein Mal nach dir gesucht. Ich hätte die ganze beschissene Welt abgefackelt, wenn es was genutzt hätte!" schrie sie ihn beinahe an.
„Sei' s drum, ich bin zurück und dieses Mal werde ich nicht versagen.", meinte er kalt. Es lag purer Hass in seiner Stimme, der natürlich auf den Jungen zurückzuführen war. Dieser verdammte, vom Glück verfolgte, Junge.
„Und was ist mit denen, die nicht an deine Seite zurückkehren wollen?", fragte Helia, die wieder an all Jene denken mussten, die damals versucht hatten ihr einzureden, dass er tot sei, obwohl sie es längst besser wusste. Vermutlich hatten sie es aus Angst behauptet. Ja, sie mussten große Angst gehabt haben, dass er nicht - wie alle behaupteten - tot war.
„Sie werden ihre gerechte Strafe erhalten.", sagte er knapp und sie wusste was das bedeutete. Sie konnte nur hoffen, dass sie sich gut zu verstecken wussten oder ihr Ende am besten selbst herbei führten.
„Wie ist deine Meinung von Severus? Ich bin mir nicht sicher auf welcher Seite er nun stehen mag. All die Jahre als Schoßhund der großen Albus Dumbledore." Er fragte sie tatsächlich nach ihrer Meinung? Erstaunlich. Damit hatte sie nicht gerechnet, zumindest nicht so schnell. Früher hatte er oft nach ihrer Meinung gefragt, auch wenn er ihren Rat so gut wie nie befolgte.
„Also, wenn du mich fragst, solltest du dir eher Sorgen um die Treue Anderer machen, als um die von Severus. Ich hatte in den letzten Jahren immer wieder Kontakt zu ihm und es gab keinerlei Anzeichen, dass er deine Vorstellungen nicht mehr teilt.", erklärte sie sachlich. Sie hatten in den letzten Jahren immer einen regen Briefkontakt gepflegt und waren, so konnte man es nennen, schließlich Freunde geworden.
