3:00 Uhr
"Was ist wirklich los?", fragt er und streicht ihr mit einer zögerlichen Sanftheit über den Kopf, die er schon seit Monaten vermissen lässt.
"Wenn ich dir sage, was mit mir los ist, wirst du mir sagen, was mit dir los ist?"
"Okay", lässt er sich auf das Abkommen ein und sie hofft, dass er es als Chance versteht, ihr einige Dinge zu sagen, zu beichten.
"Ich fahre am Vormittag zu meinen Eltern und hole Rachel wieder ab."
Er hört zu, ohne etwas zu sagen, auch wenn er wahrscheinlich nicht versteht, worauf sie hinaus will. Seine Finger streichen weiter durch ihr Haar und sie genießt das Gefühl von Geborgenheit, solange es noch da ist.
"Sie lieben Rachel, aber ich spüre auch, dass sie es nicht normal, nicht richtig finden." Sie hält kurz inne. "Eine 40-jährige Frau in guter Position, die noch dazu nicht übrig geblieben ist, weil sie einen Buckel oder drei große Warzen auf der Nase hat, sollte nicht alleinstehend sein und nur hier und da mal eine lockere Liaison haben, die nicht viel mehr tut, als ihre Grundbedürfnisse zu decken."
"Sie sollte verheiratet sein, in abgesicherten Verhältnissen leben. Wenn sie adoptiert, dann nur, weil sie bereits zwei, drei eigene Kinder hat und einem weiteren Kind etwas Gutes bieten will. Nicht, weil sie dafür keinen findet."
Er hört weiter zu und es ist ein Wunder, dass er nicht schon dazwischen gegangen ist.
"Und es sind nicht nur meine Eltern, die sich genau das denken, wenn wir beim Familienessen zusammensitzen und sie mich mit meiner Schwester vergleichen, die über ihren Mann lacht, der die Kinder spielerisch durchs Wohnzimmer scheucht. Es sind auch die Leute im Krankenhaus, die hinter vorgehaltener Hand darüber tuscheln, dass ich wahrscheinlich viel zu sehr mit meinem Job verheiratet bin oder sonst irgendetwas mit mir nicht stimmen muss. Und ganz simple Begegnungen mit anderen Menschen, die irgendwann mit großen Augen fragen: 'Wie, Sie sind nicht verheiratet? Nicht einmal geschieden?'"
Er gibt einen kurzen Brummlaut von sich.
"Ich kann so sehr versuchen, es zu ignorieren und einfach ich zu sein, wie ich will. Ich werde immer wieder daran erinnert, dass es nicht normal ist, dass ich nicht normal bin."
"Ich würde nicht wollen, dass du normal bist. Normal ist langweilig."
"Als Mann ist das leicht zu sagen. Für euch gelten diese Konventionen anscheinend nicht. Im Gegenteil, es gilt als abenteuerlich, als potent, wenn ihr euch nicht auf ewig bindet."
"Kann sein." Wahrscheinlich wundert er sich, wann sie ihn endlich ins Spiel bringt.
"Ich will nicht, dass du das falsch verstehst. Ich verlange nicht, dass du mir nächste Woche auf dem Eiffelturm einen Heiratsantrag machst und wir danach zusammen in den Sonnenuntergang reiten, hinein in ein geregeltes Leben, so wie sich andere das vielleicht vorstellen. Das sind wir nicht und das müssen wir auch nicht sein."
"Okay", sagt er langsam.
"Ich will nur wissen, woran ich bin. Sind wir zusammen oder sind wir es nicht? Hast du vor ein größerer Teil, ein länger währender Teil meines Lebens zu werden oder willst du es bei dem lockeren Hier und Da belassen? Es macht mich fertig, endlich jemanden gefunden zu haben und jetzt trotzdem nicht zu wissen, woran ich bei ihm bin."
Er sagt nichts und es erschreckt sie.
"Ist das ein Nein?"
"Nein", erwidert er, "es ist kein Nein. Nur ist mein Problem, dass mir das irgendwann zu eng geworden ist. Ich weiß nicht, ob ich schon bereit bin für das große Ganze."
"Hast du dich deshalb distanziert?"
"Ja", gibt er zu. "Aber ich weiß, dass ich mit dir zusammen sein will. Ich weiß nicht, ob dir das reicht."
"Es ist gut, das zu wissen. Vorerst reicht mir das." Sie ist ehrlich, wenn sie sagt, dass es ihr vorerst reicht. Was irgendwann ist, weiß sie nicht, das kann keiner ahnen. "Hast du Gefühle für mich?"
"Natürlich", sagt er prompt und es klingt ein wenig empört, weil er vielleicht nicht damit gerechnet hat, dass sie immer noch anders denken könnte. Doch wahrscheinlich ist er insgeheim froh, dass sie die Frage nicht anders formuliert hat. Er hat die drei Worte bislang nicht in den Mund genommen.
"Manchmal fand ich das nicht so offensichtlich, wie du vielleicht gerade."
"Ich weiß."
"Was soll ich davon halten, wenn du drei Wochen lang nicht mit mir sprichst oder dich einfach mit Wilson aus dem Staub machst und nicht Bescheid sagst? Ich akzeptiere, dass du deinen Freiraum brauchst und ich bin bereit, ihn dir zu geben, aber nicht so."
"Ich weiß", wiederholt er einfach nur und sie ist sich sicher, dass er sich über sein Verhalten im Klaren ist.
"Ist das alles, was mit dir los ist?", fragt sie ihn, weil sie ganz genau weiß, dass das nicht alles ist und hofft, dass er irgendwann ehrlich zu ihr sein wird.
"Ja", antwortet er.
Es ist eine kleine Enttäuschung. Nein, eigentlich ist es sogar eine sehr große.
4:00 Uhr
Sie erinnert sich zurück.
Er holt sie mit einem großen Grinsen zu Hause ab und mustert sie einmal komplett von oben bis unten, als sie ihm die Tür öffnet.
"Und?", fragt sie leicht nervös, obwohl sie mehr als eine Stunde zwischen Kleiderschrank und Spiegel verbracht hat.
"Nicht schlecht", bemerkt er mit ein wenig Stolz in der Stimme und bleibt mit seinem Blick an ihren Stiefeln hängen. "Heiß."
Sie schaut an sich hinunter und betrachtet die kniehohen, schwarzen Lederstiefel. Nicht viel Absatz, aber trotzdem irgendwie scharf. "Danke." Sie lächelt.
"Fertig?"
"Ja." Sie nimmt ihre Handtasche und läuft noch einmal ins Wohnzimmer, um Rachel einen Kuss auf die Stirn zu drücken, der Babysitterin letzte Anweisungen zu geben und sich im Vorbeigehen ein letztes Mal im Spiegel zu betrachten.
Beim Anblick seiner Maschine draußen auf der Straße wird ihr dann ein wenig mulmig. Sie hat sich bislang erfolgreich darum gedrückt, hinter ihm darauf Platz zu nehmen und um die Kurven zu jagen. "Wir können doch auch das Auto nehmen", schlägt sie noch einmal vorsichtig vor, doch sie weiß schon, dass er sich darauf nicht einlassen wird.
"Diese Stiefel gehören auf eine heiße Maschine. Keine Widerrede."
Dass ihr das ein bisschen zu viel Hitze auf einmal ist, verschweigt sie vorerst und klettert hinter ihm auf den Sitz. Doch sie kann es nicht mehr verbergen, als er um die erste Ecke rauscht und sie sich so verzweifelt an ihm festklammert, dass er womöglich gleich vom Motorrad fällt, weil sie ihm die Luft zum Atmen abgeschnürt hat.
Irgendwann schließt sie die Augen, weil sie die extreme Nähe der vorbaurauschenden Szenerie nicht mehr ertragen kann. Sie hatte sich gewünscht, irgendwie friedlicher zu sterben.
Als sie nach einer halben Ewigkeit endlich am Ziel ankommen, lebt sie jedoch überraschenderweise immer noch und schwingt sich mit weichen Knien von der Maschine. "Das war…schnell", stellt sie fest, nachdem sie den Helm abgenommen hat und eine wildgewordene Mähne darunter auftaucht, die sie zu zähmen versucht.
"Meinst du? Ich fand, wir kamen kaum vom Fleck."
Er nimmt ihr ihren Helm—ein Geschenk, das schon ein Weilchen unbenutzt herumlag—ab und trägt ihn zusammen mit seinem bis zum Eingang, wo er ihre Tickets vorzeigt. Wie ein etwas unsicherer Schatten folgt sie ihm ins Innere, bis er kurz stehen bleibt, ein wenig irritiert zu ihr sieht und dann wartet, bis sie neben ihm angekommen ist. Sie könnte schwören, dass es da ein kleines Zucken seiner linken Hand gab, doch es bleibt dabei, während sie die Halle betreten.
Es dauert ein wenig, bis sie bei ihren Plätzen ankommen, weil sich einerseits immer wieder Menschen mit riesigen Cola-Pappbechern und Nachos zwischen sie drängen, und er andererseits etwas Mühe hat, all die Stufen zwischen den Tribünen zu bewältigen. Sie versucht nicht direkt hinzusehen, weil es ihr unangenehm ist, sie daran erinnert, dass auch sie in diese Sache so unglücklich involviert war, und er es sicher auch nicht will. Stattdessen sieht sie sich in der gut gefüllten Halle um.
"Ziemlich viele Leute hier", stellt sie fest.
"Die versammelte Elite der Welt", antwortet er und drängt sich mit seinem Stock unsanft an den Besuchern in ihrer Sitzreihe vorbei, denen sie danach einen entschuldigenden Blick zuwirft.
Nachdem sie ihre Plätze eingenommen haben, hat sie endlich Gelegenheit, ihn etwas genauer zu betrachten. Er sieht irgendwie leicht nervös aus, vielleicht, weil er nicht weiß, ob sie es auch nur im Geringsten mögen wird, dabei ist es ihr völlig egal, wohin er sie mitnimmt, solange sie etwas zusammen unternehmen, kostbare Zeit miteinander verbringen.
"Was ist?", fragt er, als er ihren gedankenverlorenen Blick bemerkt, der auf ihm ruht.
"Nichts", erwidert sie mit einem Lächeln. "Danke für die Einladung."
Misstrauisch kneift er die Augen zusammen. "Alles in Ordnung mit dir? Du hasst Wrestling."
"Vielleicht kannst du mich ja jetzt eines Besseren belehren. Außerdem mag ich es einfach, Zeit mit dir zu verbringen."
"Egal, was wir machen?"
"Nicht ganz." Sie weiß, er hat irgendwelche unangebrachten Gedanken bei der Frage. "Aber das hier fällt in die Kategorie 'Durchaus akzeptabel'."
Sie amüsieren sich gut, klatschen, lachen, staunen, schlürfen in der Pause Cola aus einem gemeinsamen Becher. Er legt seinen Arm auf ihre Stuhllehne und es ist fast so, als wäre es der erste Versuch von öffentlicher Zuneigungsbekundung, auch wenn es am Ende vielleicht nur sein Revier abstecken soll. Sie genießt es und lauscht seinen Erklärungen zu irgendwelchen besonders aufregenden Angriffen, bei denen sie nur schmerzvoll das Gesicht verziehen kann.
"Das war toll", sagt sie, als sie schließlich die Halle verlassen und zurück zu seinem Motorrad gehen.
"Wirklich?"
"Wirklich."
Sie bemerkt das kleine, zufriedene Lächeln auf seinem Gesicht, bevor es unter seinem Helm verschwindet. Auch sie setzt ihren Helm auf und nimmt hinter ihm Platz, während die Angst bereits wieder unangenehm in ihrer Brust anschwillt.
"Kannst du vielleicht ein bisschen langsamer fahren?", fragt sie vorsichtig, als er die Maschine anlässt.
Er lässt sie einmal aufheulen, doch tut es dann tatsächlich, bringt sie ganz sicher nach Hause, wo sie ihm auf ihre Weise mit einer Einladung zur Übernachtung für den gelungenen Abend dankt.
5:00 Uhr
Ein Handyklingeln reißt sie aus dem Schlaf. Er regt sich kurz neben ihr, wacht aber nicht auf. Sie nimmt das Handy mit nach draußen und schließt die Schlafzimmertür vorsichtig hinter sich. Ein Blick auf die Nummer verrät ihr, dass es die Klinik ist, die an diesem Samstag in aller Frühe etwas von ihr will.
"Hallo, Dr. Cuddy hier."
"Schwester Judy hier. Tut mir sehr leid Sie zu stören, Dr. Cuddy."
"Kein Problem", lügt sie prompt und gähnt leise, doch ein kleiner Laut entwischt ihr trotzdem.
"Es gab einen Zwischenfall auf Station 3. Ein Patient hat sich umgebracht."
Sie stöhnt und legt sich ihre freie Hand auf die Augen. "Wie?", fragt sie nach.
"Strangulation mit ein paar Kabeln. Die Nachtschwestern kamen zu spät, tut mir leid."
Ja, ihr auch, in vielerlei Hinsicht. Sie atmet ein paar Mal ruhig ein und aus, damit sie die Gefühle nicht gleich hier und jetzt überwältigen, und kann sich wieder etwas sammeln. "Ich komme gleich", verspricht sie mit müder Stimme.
Es bleibt einen Moment lang still am anderen Ende der Leitung und sie fragt sich, ob ihre enorme Erschöpfung, die sie kaum aufrecht stehen lässt und dazu zwingt, sich am Türrahmen zur Küche festzuhalten, wirklich so leicht herauszuhören ist.
"Sie müssen nicht unbedingt kommen. Ich weiß, dass Sie bis Montag frei haben. Vielleicht sollte ich Dr. Carson rufen, damit er das regeln kann."
Sie überlegt kurz, weiß aber, dass sie nicht gegen ihre eigene Verantwortung gewinnen kann, auch wenn es noch so schlecht um sie stünde. "Nein, nein, ich komme gleich vorbei. Geben Sie mir ein paar Minuten."
"Okay", sagt die Schwester. "Danke, Dr. Cuddy."
Ihre Finger zittern leicht, als sie die Taste zum Auflegen drückt und das Telefon zur Seite legt. In der Küche findet sie hinter Mehl und Backpulver eine Tafel Schokolade, die dort lagert, wo sie nur auf Zehenspitzen hinkommt, um sie nicht zu oft in Versuchung zu führen. Sie bricht sich einen Brocken ab und lässt ihn langsam auf der Zunge zergehen. Danach legt sich zumindest die Unruhe ihrer Finger etwas und der kalte Schweiß auf ihrer Stirn verschwindet langsam.
Sie geht zurück ins Schlafzimmer und bleibt an der Tür stehen, um ihn aus der Distanz zu betrachten. Er schläft friedlich wie ein Baby. Seine rechte Hand ist unter seinem Gesicht vergraben, auf dem sich der ein oder andere Abdruck seines Kissens abzeichnet. Sein Mund ist leicht geöffnet und seine Brust hebt sich in regelmäßigen Abständen. Ab und zu zuckt seine linke Augenbraue im Schlaf kurz—etwas, das ihr schon vor langer Zeit aufgefallen ist und immer wieder passiert.
Sie geht zu ihm und berührt ihn vorsichtig an der Schulter. "Hey", ruft sie leise.
Er regt sich und kräuselt die Nase. "Was ist?", fragt er mit geschlossenen Augen und klingt ein wenig verwirrt.
"Ich muss ins Krankenhaus", erklärt sie. "Es gab einen Notfall."
Es bringt ihn dazu, die Augen zu öffnen und kurz zu überprüfen, wo er überhaupt ist. "Patient?"
Sie nickt.
"Kann ich helfen?", fragt er überraschenderweise und dreht sich auf den Rücken. Die Abdrücke auf seiner Wange werden jetzt erst richtig deutlich und es ist ein Anblick, der in ihr eigenartig liebevolle Gefühle auslöst.
"Nur, falls du inzwischen den Tod heilen kannst."
"Soll vorgekommen sein", sagt er. "Okay, er war nicht wirklich tot und ich habe auch nicht wirklich etwas gemacht, außer ihm den Brustkorb aufzusägen."
"Ich fürchte, so einfach ist das diesmal nicht. Suizid."
Er sagt nichts und nickt nur ganz kurz.
"Ich hoffe, es dauert nicht so lange."
"Kann das nicht jemand anderes regeln?", fragt er und es entgeht ihr nicht, dass seine Augen kurz zu ihrem Handgelenk wandern. "Du hattest kaum Schlaf."
"Ich mache das lieber selbst." Sie geht hinüber zum Schrank und öffnet die großen Türen, starrt etwas ratlos hinein, dort wo sich so viele teure, schicke, unbequeme und aufreizende Outfits offenbahren. Dazwischen der ein oder andere Kapuzenpulli, Lieblingshosen mit weitem Bund, T-Shirts von ihm, die sie nicht gewaschen hat, seitdem er sie ausgezogen hat. Wahllos greift sie nach ein paar Sachen, die angemessen erscheinen für Treffen mit Polizei und aufgebrachten Angehörigen, die ihr zwischen ihren Tränen scharfe Vorwürfe machen.
Sie zieht sich rasch an und stellt fest, dass er wahrscheinlich wieder eingeschlafen ist, als sie einen letzten Blick auf ihn wirft. Oft fragt sie sich, von was er träumt, wenn er nachts neben ihr liegt oder allein unter seinen eigenen Bettlaken, die sich langsam aufwärmen. Oder am Tage, wenn er in seinem Büro döst und sein Kopf dabei zur Seite fällt. Sie fragt sich, ob es sie ist, die er dann sieht.
Sie fragt sich auch, an was er denkt, wenn er in Erinnerungen schwelgt. Gute Tage oder schlechte Tage, gemeinsames Lachen oder einsames Schweigen, Worte, Berührungen, Gefühle?
Und manchmal fragt sie sich sogar, an wen er denkt, wenn er sich in aller Stille einen runterholt.
Als sie den Raum verlassen will, gerade durch die Tür geht, spricht er plötzlich doch wieder. "Alles klar?", fragt er und sie überlegt, ob er meint 'Geht es dir gut?'. Was auch immer es ist, die Antwort ist nein, doch ihr Kopf nickt trotzdem und gibt ihm die Antwort, die er vielleicht hören will.
6:00 Uhr
Als sie den Anruf nicht mehr länger vor sich herschieben kann, macht sie es kurz und schmerzlos. Ihr Mitgefühl ist echt, weil sie so etwas nicht einfach vortäuschen kann und im Moment vielleicht noch besser als sonst nachvollziehen kann, wie es ist, jemanden zu verlieren, den man liebt.
Am anderen Ende gibt es wie erwartet Tränen, doch die Wut bleibt vorerst aus. Sie wird später kommen, da ist sie sich sicher. Unterdessen untersucht die Polizei, ob es Anzeichen für irgendwelche Versäumnisse des Klinikpersonals gibt. Doch wer sein Leben beenden will, wird einen Weg finden. Die Frage ist vielmehr, ob man ihm vorher hätte helfen können, helfen sollen, ob es an dieser Stelle Versäumnisse gab, die in ihrer Verantwortung liegen.
Sie legt auf und fühlt sich leer. Die Papiere und Akten, die sich nur in der letzten halben Stunde auf ihrem Tisch angesammelt haben, sind enorm und verdrängen bereits das, was sie eigentlich am Montag zu tun gehabt hätte. Sie hasst es, wenn ihr Tisch überfüllt ist und sie den Überblick verliert.
Die Polizei-Formulare sind im Moment am dringendsten. Sie beginnt, sie mit blauer Tinte auszufüllen und es ist leider nicht das erste Mal, dass sie so etwas macht. Leben und Tod sind sich hier nun einmal noch näher als irgendwo sonst.
Während sie schreibt, fällt ihr Blick auf das gerahmte Foto von Rachel auf ihrem Tisch. Sie ist eine Mutter, denkt sie, und es klingt immer noch ungewohnt und fremd in ihren Ohren, auch wenn sie nicht einmal laut ausspricht. Ja, sie hatte sich das alles anders vorgestellt, aber sie hat ein zuckersüßes Mädchen, das sie nicht mehr missen möchte. Das Drumherum stellt sie sich unterdessen immer noch anders vor.
Die Gedanken rund um Rachel haben sie nach ein paar Minuten vollends eingenommen und die Tinte auf den Formularen ist schon lange getrocknet. Fast regungslos starrt sie auf das Foto und sieht in Wirklichkeit nur noch verschwommene Umrisse, während sie weiter nachdenkt.
Irgendwann reißt sie das Geräusch der sich öffnenden Tür aus den Träumereien und sie nimmt wieder eine angemessene Position ein, um der Polizei oder jemandem von ihrem Personal entgegenzutreten. Und obwohl es jemand von ihrem Personal ist, ist es niemand, den sie erwartet hätte.
"Was machst du hier?", fragt sie und lässt sie Spannung wieder aus ihrem Oberkörper.
Er zuckt ahnungslos mit den Schultern und hält einen dampfenden Becher nach oben. "Dachte, du willst vielleicht einen Kaffee."
"Und deshalb bist du hergekommen?" Wenn es nicht ausgerechnet er wäre, der fast nichts tut, ohne dabei einen Plan im Hinterkopf zu haben, fände sie es fast anrührend, dass er zu einer Tageszeit etwas für sie tut, zu der er normalerweise höchstens sein Kissen betrachtet. "Du hättest ruhig liegen bleiben können. Ich hoffe, es dauert nicht mehr so lange."
Er zuckt ein weiteres Mal mit den Schultern und die Tatsache, dass er nichts beißend Sarkastisches oder Ironisches zu sagen hat, verrät ihr, dass er tatsächlich noch zu müde sein muss. Oder, dass ihm die letzte Nacht wie ihr zu schaffen macht und er es ausnahmsweise mal mit einer neuen, milderen Taktik versucht.
"Danke", sagt sie und deutet auf den Becher in seiner Hand. "Ich kann wirklich einen gebrauchen."
Er tritt einen Moment lang von einem Fuß auf den anderen. "Kann ich kurz mit dir reden?"
Sie ist sich nicht sicher, was er will und ob es in ein paar Sekunden erledigt sein wird. "Ja, kurz. Ich muss ohnehin warten, bis die Polizei fertig ist."
"Privat", sagt er und sieht durch die Jalousien hindurch in die Lobby, wo trotz der frühen Tageszeit bereits reges Treiben herrscht. Er geht ein Stück in Richtung ihres kleinen, abgetrennten Badezimmers, in das sie sich ab und zu hinein flüchtet und darin die Ruhe genießt, die Augen schließt und manchmal die Stirn gegen die kühlen Wandfließen lehnt.
Sie ist sich plötzlich nicht mehr so sicher, ob sie das, was er sagen will, im Moment wirklich vertragen kann. "Kann das vielleicht warten?"
Er überlegt, macht diese kleinen Bewegungen mit dem Mund und nickt dann. "Ja." Er stellt den Kaffeebecher auf ihrem Tisch ab und geht anschließend wieder zurück zur Tür. "Bin in meinem Büro."
Sie nickt und er ist weg. Vielleicht wollte er ihr ja das sagen, was sie ohnehin schon lange weiß. Es wäre immerhin ein Anfang, auch wenn sie sich gewünscht hätte, dass er schon viel früher einen Schritt auf sie zugemacht hätte und nicht immer nur mit genügend Abstand neben ihr durchs Leben läuft.
Wenig später kommt die Polizei in ihr Büro und vernimmt sie zu dem Vorfall, zu dem sie nicht viel sagen kann. Laut den ersten Ermittlungen gab es nichts, das jemand hätte tun können. Die Geräte waren ordnungsgemäß aufgestellt und gewartet, diverse Kabel lassen sich nun einmal nicht vermeiden. Das diensthabende Personal war so schnell da, wie es nur ging, doch zusammen mit einer geschwächten Prädisposition gab es nicht viel, was sie noch machen konnten. Die Wiederbelebung dauerte über dreißig Minuten und blieb trotzdem erfolglos. Zeitpunkt des Todes: 4:42 Uhr.
