Kapitel 1: Der Winter naht
Eddard Stark I
„Vor langer, langer Zeit, bedeckten unendliche Wälder das Land. Darin wohnten seit alters her die Geister von Göttern und Dämonen." (Aus dem Film Prinzessin Mononoke)
Wolfswald, 298 n. A. E.
Nachdem seine Söhne die Schattenwölfe gefunden hatten, sollte die Rückreise nach Winterfell ereignislos verlaufen. Für einen Tag hatte es bereits genug Unheil gegeben. So hatte er gedacht.
Ein Geräusch war zu hören und die Pferde schreckten alle zurück. Sie witterten etwas. „Was ist das?", rief Theon besorgt.
„Vielleicht ist es ein Schattenwolf", meinte Ser Rodrik und wandte sich an ihn: „Das Männchen womöglich. Der Vater der Welpen."
Bevor Ned antworten konnte, hörte er eine bekannte Stimme: „Es ist kein Schattenwolf." Aus einem anderen Teil des Waldes trat ein großer Junge vor. Galeron, sein zweiter Sohn. Er war größer als Robb, obwohl er ein Jahr jünger war. Sein Sohn Gale erinnerte Ned immer ein wenig an Brandon, aber nur vom Äußeren her und seinem leichten Charme. Sonst war Gale nur wenig temperamentvoll, eher ruhig, ernst und pflichtbewusst.
„Wir verfolgen es schon seit ein paar Tagen", erzählte Gale ihnen. Wir. Das bedeutete… Auf einem Baum sah er Katniss auf einen oberen Ast stehen. Aber er hatte sie erst bemerkt, nachdem sie sich bewegt hatte. Sie sprang herunter, aber bevor er Angst haben konnte, drehte sie sich mit den Füßen um den unteren Ast, machte eine Luftrolle und landete galant auf ihren Füßen. Ernst blickte sie zu ihnen auf und meinte: „Es ist nicht menschlich."
„Nicht menschlich?", fragte Bran entsetzt.
Gale runzelte die Stirn und sah in den Wald hinein. „Auch nicht tierisch", sagte er. „Ihr solltet besser nach Winterfell zurückkehren."
Seine Kinder, die ihm sagten, er und seine Gefolgschaft sollten sich in Sicherheit bringen. Die beiden verblüfften ihn mit ihrer Art immer wieder. Es hörte sich nicht gut an. Etwas das weder menschlich, noch tierisch war, konnte es gar nicht geben. Und wenn doch, würde er sie sicher nicht damit alleine lassen.
„Da. Es kommt", warnte Gale und Ned zuckte zusammen. Nicht wegen der Warnung, sondern weil Katniss einen lauten Pfiff machte.
Ein Dammis kam herbei, ein großes rotes Reittier. Zumindest Katniss nutzte es als Reittier. Sie zog einen Pfeil und spannte ihn auf ihrem Bogen.
Auf einmal kam das ungeheuerlichste Geschöpf, das er je gesehen hatte, aus dem Wald heraus. Es war riesig, hatte rote Augen, hatte vier… sechs… nein, acht Beine und… es schien als bestand sein Körper aus schleimigen Würmern, die… sie ätzten das Gras unter ihn weg. Und es kam auf sie zu!
„Es ist ein Dämon!", rief Gale laut und zog sein Schwert.
Neds Wachen dagegen waren erst wie zu Stein erstarrt. Sie schienen sich nicht bewegen zu können. Er selbst wusste nicht, was er tun sollte.
„Was? Ein Dämon?" Seine Wachen gerieten aus der Starre in Panik.
Der Dämon brüllte! Er schrie und die Würmer auf ihn schienen zu springen und entblößten einen riesigen Eber. So groß wie Ned ihn noch nie gesehen hatte. Wahrscheinlich dreimal so groß, wie der größte Eber, den er je gesehen hatte. Aber diese Würmer fielen zurück und machten aus ihm wieder die unheilvolle Gestalt.
Dann kam es auf sie zu!
„Lauft weg!", schrie Katniss ihnen zu. Aber keiner schien sich zu bewegen.
Da landete ein Pfeil zwischen ihnen. Brans Pony reagierte als erstes, dann alle anderen. Sie ritten zur Seite, wodurch der Dämon an ihnen vorbei lief. Direkt auf Gale und Katniss zu!
„NEIN! GALE! KATNISS!", schrie er entsetzt. „SPANNT DIE PFEILE, MÄNNER!"
Aber bevor jemand seinem Befehl Folge leisten konnte, sprang Katniss bereits auf ihr Dammis und Gale auf sein Pferd, das direkt zu ihm gelaufen kam und die beiden galoppierten weg. Neben den Dämon, davor. Es war viel zu nah!
„FOLGT IHNEN!"
Ned spornte als erstes sein Pferd an und verfolgte sie. Seine Kinder durften nicht durch dieses Monster sterben! Er konnte das nicht zulassen! So schnell, wie er wohl noch nie geritten war, eilte er mit seinem Pferd hinterher. Aber es schien nie genug zu sein. Er holte sie einfach nicht ein.
„ES LÄUFT AUF WINTERFELL ZU!", hörte er Gale schreien und Neds Augen weiteten sich panisch. Tatsächlich! Es nahm nicht den Waldweg, aber die Richtung brachte ihn nach Winterfell. Gale schrei zu ihnen nach hinten: „SEID VORSICHTIG! ES IST VERFLUCHT! LASS EUCHT NICHT VON IHM BERÜHREN!"
Es war verflucht? Dann lasst ab, wollte Ned schreien, aber stattdessen hörte er Katniss Stimme, die neben dem Dämon ritt: „ICH BITTE DICH, BESÄMPFTIGE DEINEN ZORN! WAS DU AUCH SEIN MAGST, GOTT ODER DÄMON, BITTE LASS UNS IN FRIEDEN!"
Auf einer Lichtung, einer großen Wiese, schienen nur Gale und Katniss noch mit ihm mithalten zu können. Sie anderen fielen zurück. „HALT AN! VERSCHONE UNSERE STADT UND UNSERE BURG!", schrie Gale dem Ungeheuer zu. „ZURÜCK! HALT AN!"
Aber das Ding hörte nicht auf seine Kinder und raste immer weiter auf Winterfell zu. Katniss nahm einen Pfeil und schoss ihn auf den Dämon zu. Ned sah wie der Pfeil sein Ziel fand, auch wenn er nicht wusste, wo sie getroffen hatte. Aber das Ding blieb stehen, zog sich zusammen und gab ein Geräusch von sich, das nach Schmerzen klang.
Dann brach es aus! Teile davon, die wie Arme aussahen schossen in alle Richtungen auf sie zu. Gale und Katniss duckten sich, ritten davon, aber eine Hand erwischte ihn am Arm. Er wollte ihn wegziehen, sah dabei wieder den Eber unter dem Gewürm. Auch sah er wie Katniss einen weiteren Pfeil abfeuerte. Auf sein Auge! Sie hatte bereits sein anderes Auge getroffen. Jetzt das zweite. Danach verließ das Zeug seinen Arm.
Unheilvoll schmolz das Zeug auf dem Eber und als Gale und Katniss sicher näher heran wagten und von ihren Reittieren abstiegen, taten sie es langsam auch. Wobei… Ned fiel mehr von seinem Pferd, als dass er abstieg. Der Schmerz war überwältigend und verzweifelt hielt er sich den Arm. Gale kam zu ihm gelaufen. Er zog seine Feldflasche heraus, zog den Korken mit den Zähnen heraus und schüttete das Wasser dann über seinen Arm. Die Wunde war bereits zu sehen, weil sein Ärmel weggeätzt wurden war. Unheilvoll schimmerte sie ihm in blauviolett entgegen.
Der Eber fiel jetzt um und all die Würmer verflüssigten sich und zogen in den Boden ein, wobei sie das Gras wegätzten.
Katniss ging zu dem Ungeheuer, dass jetzt wirklich nichts mehr, als ein Dämon zu sein schien. Sie verbeugte sich vor ihm. „Oh, du Gott des Zorns und des Hasses, der du keinen Namen hast", sagte Katniss ehrfürchtig und verneigte sich immer wieder vor ihm. „Ich verneige mich vor dir. Hier, wo du gefallen bist, sollst du ein Grabhügel und die Bestattungsriten erhalten. Gehe in Frieden und verschone uns mit deinem Hass."
Zu allem Entsetzen – das Ned heute gesehen und erlebt hatte – begann das Ding auch noch zu sprechen: „Verabscheuungswürdige Kreaturen! Ihr sollt meinen Zorn spüren und meinen Hass teilen." Nach seinen Worten, verätzte sein eigenes Fleisch von ihm, verflüssigte sich und ließ nur sein Knochengerüst zurück. Es starb und der Geruch war bestialisch.
Fassungslos sahen sie die Überreste an.
„Vater", hörte er Bran schreien, der weinend auf ihn zugelaufen kam. Aber Gales Stimme hielt ihn an: „Bran, nicht!" Sein Sohn stoppte seine Bewegung. „Du darfst ihn nicht anfassen", sagte Gale ihm und blickte in die Runde. „Die Wunde ist verflucht. Niemand darf sie berühren."
„Aber…", begann Ser Rodrik zu stammeln. „Was bedeutet das?"
Seine Tochter drehte sich zu ihnen um, sah erst allen in die Augen und letztendlich auch ihm selbst. „Es bedeutet, dass du sterben wirst."
Robb Stark I
„Die Dinge sind nicht immer das, was sie zu sein scheinen, der erste Eindruck täuscht viele. Und nur die Klugheit einiger weniger nimmt wahr, was so gründlich verborgen schien." (Der römische Dichter Phaedrus)
Winterfell, 298 n. A. E.
„Ich hab hier die Festkleidung von Cinna", meinte Gale, als er eintrat und den Stapel auf einem Tisch legte. „Mutter will dass wir sie anziehen."
Robb selbst war gerade unter dem Messer des Barbiers. Sie alle mussten dadurch, bis auf Gale. Der rasierte immer sein Gesicht und hielt seine Haare viel kürzer als sie anderen.
„Warum ist eure Mutter so erpicht darauf, dass wir uns so rausputzen für den König?", fragte Jon. Es war allerdings Theon, der darauf antwortete: „Das gilt der Königin, wetten? Ich hörte sie hat einen geschmeidigen Nerz."
„Ich hörte, der Prinz sei ein recht royaler Zipfel", warf Robb ein. Theon grinste: „Stellt euch die vielen Südländerinnen vor, in den er seinen recht royalen Zipfel schiebt."
Der Barbier schien fertig zu sein, denn er klopfte ihn auf die Schulter, nachdem er Robbs Gesicht abgetastet hatte. „Na los, Tommy, scher ihn gründlich", meinte Robb und klopfte Jon auf die Schulter. „Er mochte noch kein Weib so sehr, wie die eigenen Haare."
Theon und er lachten über seinen eigenen Witz, aber Gale war ernst und erzählte ihnen: „Es gibt Gerüchte aus dem Süden, dass die Grausamkeit der Königin nur mit ihrer Eitelkeit gleichzusetzen ist und der Kronprinz soll ein sadistisches Monster sein. Als Kind hat er mal den Bauch einer Katze aufgeschlitzt, um zu sehen, ob da wirklich Junges drin waren. Hinter hübschen Gesichtern verstecken sich die größten Monster und die Lennisters sind für ihre Unbarmherzigkeit berühmt. Nehmt euch lieber in acht mit euren Worten."
Erstaunt sah Robb seinen Bruder an. Es schien immer, als wüssten Gale und Katniss über alles Mögliche bescheid. Immer wiesen sie auf grausige Details hin und nahmen nie ein Blatt vor dem Mund. Besonders Mutter gefiel das nicht.
Der Humor in Robb verflog und er sprach ein Teil dessen aus, was er fühlte: „Ich verstehe sowieso nicht, wieso sie ausgerechnet jetzt hierher kommen müssen. Maester Plutarch hat Katniss' Worte bestätigt. Vater stirbt und wir alle müssen damit zurechtkommen. Jetzt sollen wir uns aufpolieren und scherzen, weil der König nach siebzehn Jahren beschließt seinen alten Freund zu sehen? Das ist doch krank."
Gale sah so verbissen aus wie er. Anscheinend hatte sein Bruder genauso gedacht wie er. Theon und Jon wirkten bei der Erinnerung betroffen. Vielleicht war es anders für sie, aber Robb musste ständig daran denken. Wenn sein Vater starb, dann würde er zum Lord von Winterfell werden, zum Wächter des Nordens.
Jetzt wo es vor ihm lag, konnte er nicht sagen, dass er sich danach sehnte. Es setzte den Tod seines Vaters voraus und wenn es möglich wäre, dann würde er für alle Zeit auf diese Titel verzichten, wenn es das Leben seines Vaters retten würde.
Am Tag der Ankunft stand Robb aufgereiht mit seinen Geschwistern an der Seite seiner Eltern, als die Nachricht die Runde ging, dass der König nahte. Robb staunte, als Katniss sich einreihte. Sie trug eine enge schwarze Lederhose, darüber ein graues Hemd das mit silbernen Nähten einen brüllenden Kopf eines Schattenwolfs zeigte und darum, trug sie einen Mantel, wie sie alle. Mit weißem Fell. Ihre Haare waren anders geflochten als sonst. An den Seiten waren sie eng an die Kopfhaut nach hinten geflochten und ihre oberen Haaren in einem komplizierten Styl ebenfalls, sodass sie hinten offen aussahen. Seine Schwester sah wunderschön aus. Eindrucksvoll, wie eine Kriegerin.
„Ich hab gesagt, du sollst ein Kleid tragen, Katniss", wies Mutter sie zurecht. Katniss verdrehte die Augen – wie es oft bei Mutters Bemerkungen tat – und antwortete: „Und ich habe „ja, ja" geantwortet. Jetzt stehen wir hier."
Mutter und Katniss hatten sich noch nie gut verstanden. Aber es schien, als wäre es in den letzten Jahren zu einer Feindschaft ausgeartet. Robb tat das, was er immer tat. Er sah weg.
„Sansa, wo ist deine Schwester?", fragte Mutter nach Arya. Aber Sansa zuckte nur unbekümmert mit den Schultern. Wie sollte man auch wissen, wo Arya sich mal wieder rumtrieb?
Doch irgendwann kam sie angelaufen. Als die Gefolgschaft des Königs bereits hinein ritt. Vater hielt sie auf: „Hey, hey, hey! Was willst du denn damit?" Vater nahm ihr den Helm ab, worüber sie fast alle schmunzeln mussten. Besonders als Arya bedrückt nach unten sah. Ihre Augen weiteten sich vor Staunen, als sie an Katniss vorbei ging, um sich einzureihen. Arya hatte Katniss schon immer bewundert. „Weg da!", verlangte sie von Bran und schubste ihn praktisch beiseite. Robb unterdrückte den Drang den Kopf zu schütteln.
Ritter ritten hinein und missfallend beobachtete Robb, wie Sansa und dieser rotgekleidete Junge – der wahrscheinlich der Prinz war – sich ein Lächeln teilten. Er würde es nicht zulassen, dass dieses Monster seiner kleinen Schwester zu nahe kam.
Hinter einer königlich aussehenden Kutsche kam der enttäuschendste Anblick von allen hinein geritten. Ein fetter Mann mit einer Krone. Vor dem verneigte Vater sich und alle anderen taten es ihm gleich. Aus den Augenwinkeln sah Robb, wie der König sowohl Hilfe, als auch einen Hocker brauchte, um von seinem Pferd herunter zu kommen.
Sogleich ging der König zu Vater und winkte ihn hoch. Vater stand auf und sie konnten sich wieder erheben.
„Majestät", grüßte Vater den Mann. Die beiden sahen sich eine Weile an, bevor der König sagte: „Du bist fett geworden."
Sprachlos sahen sie alle den fetten König an. War das sein ernst? Vater wies mit seinen Augen auf die Wampe hin und dann lachte der König, wie auch Vater und die beiden umarmten sich herzlich.
„Cat", grüßte er dann auch Mutter und umarmte sie kurz. „Majestät." Der König wuschelte kurz über Rickons Haare, bevor er zu Vater sagte: „Neun Jahre! Warum sehe ich dich nicht? Wo zur Hölle steckst du?"
„Ich hüte den Norden für euch, Majestät", antwortete Vater, während ein kleiner blonder Junge und ein blondes Mädchen aus der Kutsche ausstiegen, hinter ihnen kam eine wunderschöne Frau heraus, in Gold und Rot gekleidet – die Königin. „Winterfell ist euer."
„Wo ist der Gnom?", hörte er Arya fragen. Sansa antwortete ihr bissig: „Hältst du wohl die Klappe."
„Wen haben wir denn da? Du musst Robb sein", meinte der König und sie schüttelten einander die Hand. „Galeron", sagte er, als er zu Gale kam und auch sie schüttelten einander die Hand.
Als er an Katniss vorbei kam, erstarrte er. „Lyanna", flüsterte er, während Katniss ihm ungerührt entgegen sah. Sie machte sich nicht einmal die Mühe ihn zu verbessern. Gale runzelte die Stirn und kniff die Augen zusammen, wobei er mit Robb einen Blick austauschte. Anscheinend gefiel Gale etwas daran nicht und Robb empfand es ebenso.
Irgendwann löste der König sich aus seiner Starre und ging weiter. „Du bist aber eine Hübsche", sagte er über Sansa, die sich darüber freute. Dann fragte er Arya: „Und dein Name ist?" „Arya." Bei Bran staunte er gespielt. „Oh. Zeig uns deine Muskeln." Bran zeigte seinen noch schmächtigen Arm. „Aus dir wird ein Soldat."
Aryas Geplapper lenkte Robb wieder ab. „Das ist Jaime Lennister, der Zwillingsbruder der Königin." Sofort sah Robb nach vorn zu dem goldhaarigen Mann, der seinen Helm abgenommen hatte. Ihn klappte beinah der Mund auf. Schnell schaute er nach hinten in die zweite Reihe, wo Finnick Odair stand, das Geschworene Schild seiner Schwester Sansa. Sie sahen fast gleich aus. „Hältst du bitte die Klappe", fauchte Sansa dagegen.
Die Königin kam zu ihnen und hielt erwartungsvoll ihre Hand zu Vater hoch. Vater küsste ihren Handrücken und grüßte: „Meine Königin." Robb fand ihr Lächeln nicht im Geringsten charmant. „Meine Königin", sagte Mutter mit einem tiefen Knicks.
Bevor sie anderen die Königin begrüßen konnten, verlangte der König zu Vater: „Bring mich zu deiner Krypta. Ich will ihnen meinen Respekt zollen."
„Wir reiten seit einem Monat, Liebster", wies die Königin hin. „Die Toten können doch wohl warten."
„Ned", verlangte der König und Vater folgte.
Robert Baratheon I
„Gestern liebt ich, heute leid' ich: morgen sterb' ich. Dennoch denk' ich heut' und morgen gern an gestern." (Aus einem Gedicht von dem deutschen Dichter Gotthold Ephraim Lessing)
Winterfell, 298 n. A. E.
Sobald sie unten in der Krypta waren, bat Ned: „Erzähl mir von Jon Arryn."
„Es ging ihn blendend und dann…" Er erinnerte sich an die plötzliche Krankheit genau. Die ganze Zeit hatte er bei Jon am Bett gesessen. „Brannte es sich durch ihn hindurch. Was immer es war." Wehmütig dachte Robert an Jon und seine eigene Kindheit bei ihm auf Hohenehr zurück. „Ich liebte diesen Mann."
„Das taten wir beide", fügte Ned hinzu.
„Dir musste er nie viel beibringen, aber mir… Weißt du noch, wie ich mit sechzehn war?" Lachend dachte er an die gute, alte Zeit zurück. „Alles was ich tun wollte, war Schädel spalten und Mädchen vögeln. Er hat mir gezeigt wo es lang ging."
Fragend sah Ned ihn an und das „Ja?" hatte einen seltsamen Klang. „Sieh mich nicht so an", meinte Robert. „Das ich nicht gehorcht habe, war nicht seine Schuld."
Beide blieben stehen und er sah seinen besten Freund an, den er wie einen Bruder liebte. „Ich brauche dich, Ned und zwar unten in Königsmund und nicht hier oben, wo du niemanden etwas nützt."
Ned sah zur Seite, aber Robert fuhr fort, mit seiner offiziellen Königsstimme sagte er: „Lord Eddard Stark, ich möchte euch zur rechten Hand des Königs ernennen."
Wie es bei Ned üblich war, weil er immer so unglaublich ehrenvoll und feierlich war, ging er auf die Knie: „Ich habe diese Ehre nicht verdient." Robert lachte: „Ich habe nicht vor dich zu ehren. Ich will dass du mein Königreich lenkst, während ich esse, trinke und mich vorzeitig in die Gruft hure. Verdammt Ned, steh auf." Auf seine Aufforderung, tat sein Freund das. „Du hast mir geholfen den Eisernen Thron zu erobern. Jetzt hilf mir das verdammte Ding zu halten. Wir waren dafür gemacht gemeinsam zu herrschen. Wenn deine Schwester noch lebte, wären wir durchs Blut verbunden."
Wehmütig dachte er an Lyanna zurück. Endlich hatte er zu ihr wieder ein Bild. Neds älteste Tochter spukte vor seinem geistigen Auge herum. Sie war so schön wie der Wald, wie die Jagd selbst. Die Schönste aller Frauen-
„Dazu ist es nicht zu spät", endschied Robert. „Ich habe einen Sohn. Du hast eine Tochter. Wir verbinden unsere Häuser."
Entschlossen trat Robert an seinem Freund vorbei, weiter hinein in die Gruft.
„Du meinst Katniss", begann Ned endlich zu antworten. „Sie ist-" „Das Ebenbild von Lyanna. Als wäre Lyanna wiedergeboren." „Katniss ist nicht wie Lyanna. Sie sieht weder so aus, noch haben sie einen ähnlichen Charakter", widersprach Ned ihm. „Meine Tochter ist… mehr wie ich."
„Dann wird sie eine gute Braut für meinen Sohn machen." „Robert-" „Mein Sohn kann sich durch eine solche Schönheit geehrt fühlen", befand Robert fast neidisch. „Dann werden wir endlich Brüder sein."
„Ich werde mit ihr sprechen", lenkte Ned ein. „Aber sie ist kein einfaches Mädchen, das sich einfach fügen wird." Genau wie Lyanna. Joffrey würde seinen Spaß mit ihr haben. Die wilden Mädchen waren immer noch die besten.
Endlich kamen sie zu Lyannas Statur. Ned wies mit seiner Hand darauf hin. Ehrfürchtig blieb Robert davor stehen und sah zu ihr hoch. Er konnte sie nicht in dem steinerden Gesicht erkennen, aber hier war ihr Grab. Hier lag das einzige, was von ihr übrig geblieben war.
Robert nahm die Feder aus dem Mantel, die er für sie mitgebracht hatte. Von einem Vogel, den er selbst erlegt hatte. Vorsichtig legte er sie in ihre ausgestreckte Hand, als könnte sie zerbrechen.
„Musstest du sie an einem solchen Ort begraben?", fragte er seinen ältesten Freund. „Sie sollte irgendwo auf einem Hügel liegen mit der Sonne und den Wolken über ihr."
„Sie war meine Schwester", antwortete Ned ihm. „Hier gehört sie her."
„Zu mir hat sie gehört", widersprach Robert bitter. Mit der Hand griff er zu ihrem Gesicht. „In meinen Träumen, töte ich ihn jede Nacht." „Und das habt ihr, Majestät", fügte Ned hinzu. „Die Targaryens sind weg."
Voller Zorn dachte Robert an die übriggebliebene Drachenbrut. „Einige sind noch übrig." Und wenn er die Gelegenheit bekam, dann würde er sie zerquetschen.
„Robert", holte Neds Stimme ihn aus dem Zorn zurück und er schaute wieder hinauf zu Lyanna. Oh, seine wunderschöne, wilde Lyanna, die von diesem Drachen geschändet wurden war. „Robert."
Langsam drehte Robert sich um. Er hatte gerade so gerne in seinen Erinnerungen geschwellt. Sein Freund sah ihn ernst an. „Ich weiß nicht ob ich dir dienen kann, Robert", sagte sein Freund ihm. „Ich habe weniger Zeit auf der Erde als du."
Wie bitte? Ned würde wahrscheinlich hundert werden, weil er nicht trank und so vorbildlich lebte, wie Jon. Vielleicht nur achtzig, aber immerhin deutlich älter als der Durchschnitt.
Lachend sah er seinen Freund an. „Was für einen Blödsinn redest du da, Ned? Du wirst mich um mindestens fünfzig Jahre überleben und noch deine Urenkel auf dem Schoß haben."
Aber Neds Gesichtsausdruck verzog sich nicht einen Moment zur Fröhlichkeit. Stattdessen hielt er seinen rechten Arm nach vorne und zog den Ärmel davon zurück. Selbst aus den Metern Entfernung und in der Dunkelheit konnte Robert die Wunde erkennen.
Ungläubig trat er näher und betrachtete die blauviolette Wunde, die sich um Neds Arm schlängelte und offen aussah. „Die Wunde wird sich bis in meine Knochen hindurch arbeiten und mein Herz zum Stehen bringen", erzählte Ned ihm. „Dann werde ich sterben. Der Maester hat mir noch ein Jahr gegeben."
Als Robert sie beinah berührte, zog Ned seinen Arm zurück und deckte die Wunde wieder ab. „Wie ist das passiert?"
„Ein Dämon."
Robert wollte lachen, aber dann sah er, dass Ned keinen Scherz gemacht hatte. Sein Gesicht war steinernst.
„Es war einmal ein Eber gewesen. Aber dann wurde er ein Dämon. Meine Kinder – die sich besser mit den Alten Legenden und Monstern auskennen – meinen, dass er durch seinen Hass zerfressen wurde", erzählte Ned ihm. „Es war eine schwarze Substanz um ihn, wie Würmer, die sich durch ihn hindurch fraßen. Dasselbe kann jetzt wohl mir passieren, wenn ich mich meiner Wut hingebe." Ned sah ihn in die Augen. „Er kam aus den Norden und wollte Richtung Süden. Es geht allerlei Merkwürdiges im Norden vor sich. Hinter der Mauer. Dämonen tauchen immer mehr auf. Geflohene Grenzer von der Mauer behaupten, dass sie die Toten gesehen haben und die Wildlinge fliehen vor irgendwas in Scharen in den Süden."
Das war… Bei jedem anderen hätte Robert geglaubt er sei durchgedreht. Aber nicht bei Ned. Wenn er von alten Legenden sprach – mit dieser Wunde – dann musste es wahr sein. Etwas braute sich hinter der Mauer zusammen.
„Wahrscheinlich bin ich dir doch hier im Norden mehr zu nutzen, als im Süden", meinte Ned. Dann sah er zu Boden. „Außerdem wollte ich das letzte Jahr gerne mit meiner Familie verbringen. Robb vorbereiten."
Natürlich. Das war absolut verständlich. Dennoch spürte Robert wie sein Herz sich zusammenzog. Erst Lyanna, dann Jon… nun auch noch Ned. War er verflucht? Alle Menschen, die ihm etwas bedeuteten starben vor ihm.
Mit seiner Hand fasste er nach Neds Schulter. „Ich werde alles tun, um dich und deine Familie zu unterstützen."
Langsam nickte Ned. „Was ist mit Tauriel? Sie ist jetzt die Wächterin des Ostens. Wirst du ihr auch helfen?"
Ah, Jons Tochter. „Ich hab daran gedacht, ihr den Titel nicht zu geben", erzählte er seinen Freund. „Vielleicht sollte Jaime Lennister erst einmal den Titel tragen."
„Was? Robert, das kann nicht dein ernst sein", schimpfte Ned mit ihm. „Es ist Tauriels Erbe. Jon wollte es so. Außerdem ist Jaime Lennister ein Ritter der Königsgarde und nicht einmal ein Mann aus dem Grünen Tal. Das Erbgesetz ist eindeutig. Das war Jons Wille."
„Sie ist zu jung." Seine Worte hörten sich selbst leer an.
„Tauriel ist dreizehn Jahre alt und das intelligenteste Mädchen, dass ich kenne", widersprach Ned. „Sie ist bereit. Das hat Jon selbst gesagt."
Robert konnte seinem Freund nicht in die Augen sehen. „Sie ist ein Mädchen." „Robert, was soll das? Es ist schon lange entschieden wurden", argumentierte Ned heftig. „Jeder weiß, dass sie ein Mädchen ist. Dennoch stimmten alle Lords des Grünen Tals für sie als Erbin, statt für ihren Bruder. Wie werden sie reagieren, wenn sie hören, dass der König ihr dieses Recht verwehrt und es einen Fremden gibt? Götter, Robert! Es heißt das Tal der Arryns! Du kannst ihr nicht ihr Erbe absprechen!"
„Verdammt!", fluchte Robert über die spukenden Worte seiner Frau. Sie hatte ihm eingeredet, dass Tauriel nicht bereit war. „Du bist todkrank und schaffst es immer noch mir ins Gewissen zu reden."
Erleichtert lachte Ned auf. „Was Recht ist, ist Recht, Robert." Dieser selbstgerechte…
Sansa Stark I
„Weißt du eigentlich, dass du den Schlüssel zu meinem Herzen hast? Du hast nur nie versucht, mein Herz zu öffnen." (Unbekannter Autor)
Winterfell, 298 n. A. E.
„Wieso soll Katniss den Prinzen heiraten?", fragte Sansa verzweifelt. „Sie wird ihn nicht einmal mögen. Außerdem will sie keine Prinzessin sein."
Es war Eifersucht, die aus Sansa sprach, aber keine Missgunst. Katniss war ihr Vorbild. Nicht weil Sansa unbedingt kämpfen wollte. Aber Katniss war selbstbewusst, elegant und immer wunderschön. Oft wünschte Sansa sich, dass sie mehr wie Katniss aussah. Oft schaute sie sich im Spiegel an und fragte sich, wie sie mit dunklen Haaren aussehen würde und solch grauen ausdrucksstarken Augen.
Ihre Einwände waren nicht unangemessen. Keine Lüge. Jeder in Winterfell, eigentlich im ganzen Norden, wusste, dass Katniss die geborene Kriegerin war, die sich durch nichts aufhalten ließ. Mutter fand es schrecklich, aber ihre Proteste halfen nichts. Schon mit sechs Jahren wusste Katniss, wie sie an den Wachen vorbei kam und aus Winterfell in den Wald fliehen konnte, wo sie den Tag verbrachte und abends mit einer großen Jagdbeute zurück kam.
Nichts würde Katniss mehr hassen, als eine Prinzessin oder sogar Königin zu sein. Bei jeder Gelegenheit erwähnte Katniss wie sehr sie den Süden hasste. Sie trug selten Kleider, ritt gerne weg und verabscheute – nach eigener Aussage – alle Männer. Warum sollte dann Katniss mit den Prinzen verlobt werden und nicht sie?
„Katniss ist nun einmal älter", antwortete Mutter ihr. „Nur ein Jahr!" „Außerdem hat der König sie gewählt, weil sie ihn an Lyanna erinnert."
Sansa runzelte die Stirn. Sie kannte natürlich die Geschichte von Lyanna. Robert hatte für sie einen Krieg geführt und den Drachenprinzen am Dreizack erschlagen, der sie entführt hatte. „Aber Vater sagt doch immer, dass Arya Lyanna ähnlich sei", widersprach sie. „Er meinte Katniss hätte nichts mit ihr gemeinsam. Ich weiß das. Sie ist Vater ähnlich." Ehrlich, gerecht, ruhig, pflichtbewusst und wenig an überflüssigen Dingen interessiert.
„So hat es der König nun einmal entschieden", sagte Mutter ihr und flocht weiter ihre Haare. „Katniss wird sich fügen müssen und du solltest dich für deine Schwester freuen. Eines Tages wird sie Königin sein."
Tatsächlich konnte Sansa sich Katniss als Königin vorstellen. Aber nicht an der Seite des Prinzen, sondern nur allein. Sie dagegen fand den Prinzen so gutaussehend und sie wollte schon immer in den Süden! Es war so ungerecht.
Schließlich war Mutter fertig mit ihren Haaren und Sansa betrachtete sich im Spiegel. Sie fand dass sie gut aussah, aber sie hatte Katniss noch nicht gesehen. Ihre Schwester sah immer eindrucksvoller aus, als alle anderen. Unsicher zog sie an ihrem selbstgenähten Kleid. Katniss konnte nicht nähen. All ihre Kleidung wurde von Cinna, einem Schneider in Winterfell, gefertigt.
Bei Arya musste sie sich keine Sorgen machen. Nichts an Arya war jemals schön oder anmutig. Aber sonst… Edshara war wunderschön und das obwohl sie meist nur eine Rüstung trug. Auch ihre Cousinen Tauriel und Kenna waren Schönheiten. Unter ihnen allen würde Sansa nicht besonders hervorstechen.
Nachdem sie fertig war, trat sie nach draußen, wo Finnick schon auf sie wartete. Finnick war einer der wenigen Ritter im Norden und unglaublich gutaussehend. Er hatte ihr geschworen, sie für alle Zeit zu beschützen und wich kaum von ihrer Seite. Anders als bei ihr, war seine Kleidung nicht besonders festlich, sondern eher wie immer. Eine schwarze Hose und ein weißes Hemd mit Stehkragen. Zwar trug er keine Rüstung, aber er hatte sein Schwert am Gürtel befestigt. Sansa wusste aber, dass seine bevorzugte Waffe ein Dreizack war. Es war aber egal was er trug. Er sah immer noch überwältigend gut aus, sodass sie rot wurde.
Ihre Mutter ignorierte ihn, da sie ihn nicht mochte. Finnick war eigentlich ein Bastard aus den Westlanden, der zu ihnen gekommen war. Bald schon hatte er sich in den Augen ihres Vaters bewehrt und er hatte ihn zum Ritter geschlagen. Als solcher hatte er sich einen eigenen Nachnamen verdient und er hatte sich für Odair entschieden. Dann hatte er sich als ihr Geschworenes Schwert verpflichtet.
Zaghaft lächelte sie ihn an und er trat von der Wand weg, löste seine verschränkten Arme, nahm ihre Hand und küsste ihren Handrücken. „Ihr seht wunderschön aus, Lady Sansa", gab Finnick ihr charmant ein Kompliment. Egal ob sie ausgefallen oder so einfach wie jetzt waren, immer flatterte Sansas Herz bei seinen Worten. Finnick war der charmanteste Mann den sie kannte und der Ritter ihrer Träume. „Lasst mich euch begleiten."
Glücklich harkte Sansa sich bei ihm ein und ließ sich von ihm zur Festhalle begleiten. Sie gingen nicht sofort hinein, sondern in das hintere Zimmer, von dem aus sie immer eintraten, wenn schon alle da waren. Diesmal war nicht nur ihre Familie hier, sondern auch die königliche Familie. Staunend betrachtete sie den Kronprinzen in seinem roten Gewand. Er sah so gut aus.
„Du magst ihn", flüsterte Finnick erkennend zu ihr ins Ohr. „Was meinst du? Ist er schöner als ich oder gewinne ich doch noch in dieser Kategorie?"
Sansa zitterte bei seinen Worten. Sie wagte es nicht in seine Augen zu sehen. Die waren immer so türkisfarben und glitzerten wie das Meer.
„Ihr seid der schönste Mann den ich kenne", antwortete Sansa leise. „Ich glaube nicht dass es jemand besser aussehenden gibt." Wirklich nicht. Joffrey war wirklich attraktiv. Aber im Vergleich mit Finnick wies er Mängel auf. Finnick war viel größer, er war deutlich muskulöser und sein Kinn war ganz anders. Ansprechender. Ebenso wie seine breiten Schultern.
Alle waren da, bis auf Katniss, die erst als letztes dazu kam. Mutter sah nicht glücklich aus, allerdings sagte sie nichts. Vielleicht weil Katniss ein Kleid trug. Ein unglaublich schönes Kleid, auf das Sansa mal wieder neidisch wurde. Von unten war es weiß und löste sich nach oben in immer mehr Schneeflocken auf, die um ihrer Hüfte noch verdichtet aussahen und dann nur noch vereinzelt auftraten, bis zu ihren Ausschnitt, wo sie detailliert zu erkennen war. Einige waren mit silbernen Fäden verziert, wodurch man sie besser sehen konnte und das Kleid schön glitzerte. Der Stoff darunter war in einem hellen grau und auch ihre Ärmel waren aus einem grauen Stoff, der durchsichtig wirkte, sodass man ihre Arme sehen konnte. Ihre schwarzbraunen Haare waren über ihre Stirn, um ihren Kopf, wie eine Krone geflochten mit einem silbernen perlenartigen Band dazwischen, dass eine Haarsträhne ersetzte. Ihre restlichen Haare waren offen. Katniss trug keinerlei Schmuck, aber das brauchte sie auch nicht. Alle sahen sie staunend an.
„Entschuldigt, dass ich zu spät bin", sagte sie in ungewöhnlich freundlichem Ton. „Aber Gale und mein Begleiter haben noch gefehlt."
Hinter ihr traten Edshara und Jon in den Raum. Niemand sah entsetzter aus als ihre Mutter. Sie hatte verboten, dass die beiden mit am hohen Tisch saßen!
Mutter wollte etwas sagen, aber Vater kam ihr zuvor. „Dann reiht euch jetzt ein", sagte er zu den beiden, sodass kein Streit entstehen konnte. „Sansa, begleite du den Prinzen." Ja!
Kurz sah sie, wie Katniss vollkommen zufrieden sich bei Jon einharkte, der sehr verlegen aussah, während Edshara sich lächelnd bei Gale einharkte. Ihre Schwester Edshara war noch schöner als Katniss, allein wegen ihrer nachtschwarzen Haare und ihren einzigartigen violetten Augen. Sie trug ein schwarzes Kleid, das anscheinend mit Perlen besetzt war, sodass es wie der Nachthimmel draußen aussah.
Finnick übergab sie den Prinzen, der sie lächelnd ansah. Aber sie wurde von dem Prinzen abgelenkt, da Finnick ihr ins Ohr flüsterte: „Ich werde den ganzen Abend in eurer Nähe sein, Lady Sansa. Wenn ihr euch unwohl fühlt, dreht euch um. Ihr werdet mich immer hinter euch finden. Wachend, das euch nichts geschieht." Ihr Herz schlug höher und ihr Gesicht brannte wegen seines Versprechens, anstatt durch die Nähe des Prinzen.
Vor ihr hatten sich ihr Vater und die Königin aufgereiht. Sie war strahlend schön und viel prunkvoller als alle Schönheiten des Nordens. Hinter ihnen kam der König – der sie so mit seinem Antlitz enttäuscht hatte – der ihre Mutter begleitet. Dann folgte Rickon allein. Gefolgt von ihrem ältesten Bruder Robb, der Prinzessin Myrcella begleitete. Danach kamen Gale und ihre Halbschwester Edshara, dicht dahinter ihr Halbbruder Jon mit Katniss. Erst danach kam Prinz Joffrey mit ihr als Begleitung. Ein Blick nach hinten zeigte ihr, ihre mürrische Schwester Arya, die Prinz Tommen begleiten musste. Danach kam der wunderschöne Zwillingsbruder der Königin, Jaime Lennister, der ihre Cousine Tauriel Arryn begleitete. Ihr Bruder Bran ging neben dem hässlichen Gnom, der nichts wie seine Geschwister aussah. Zuletzt kam Theon Graufreud, das Mündel ihres Vaters, der ihre Cousine Kenna begleitete.
Alle sahen sie mehr oder weniger glücklich aus, als sie die große Halle betraten. Sansa für ihren Teil war glücklich, auch wenn der Prinz nicht ihr Verlobter war. Denn immer wenn sie an diesen Abend nach hinten sah, stand Finnick wie versprochen da und wachte über sie.
Jaime Lennister I
„Was wir im inneren sind zählt nicht. Das was wir tun zeigt wer wir sind!" (Aus dem Film „Batman Begins")
Winterfell, 298 n. A. E.
Zu sagen, dass er nicht begeistert war, im Norden zu sein, wäre noch untertrieben. Er hasste das kalte Land, in dem es tatsächliches sowas wie Sommerschnee gab und in dem das Haus Stark regierte. Mit Eddard Stark, dem Mann der ihn so hasste. Immer wieder träumte er von dem Tag, als Lord Stark in den Thronsaal hinein kam und ihm auf den Thron sitzen fand. Er sah ihn und verurteilte ihn. Ab da an war er der Königsmörder gewesen.
Wieso musste König Robert nur mit so einem Mann befreundet sein? Ach ja, weil auch er furchtbar war. Jaime konnte keinen von ihnen ausstehen.
Aber dennoch war er hier. Der König glaubte, dass er seinen Befehlen folgte, doch er folgte immer nur seiner Schwester. Seine wunderschöne Schwester, die schönste von allen. Keine andere konnte mit ihr mithalten.
Sein Blick wanderte zu dem Mädchen neben ihn, das sich in den zwei Jahren sehr verändert hatte, als er sie das letzte Mal gesehen hatte. Als Tauriel Arryn zuletzt Königsmund besucht hatte, war ihr Gesicht dicker gewesen und sie war allgemein kleiner gewesen. Sie hatte dumme Zöpfe getragen und hatte altklug überall ihre ehrenhaften Standpunkte kundgegeben, um zu beweisen das sie hochnäsig wie die Ehre war für die sich die Arryns so rühmten. Die verdammte Ehre auf die Eddard Stark so sehr bestand.
Aber jetzt war Tauriel Arryn nicht mehr so klein. Nun, sie war immer noch winzig im Vergleich zu ihm und viel kleiner als seine Schwester. Doch dumme Zöpfe trug sie nicht mehr. Stattdessen fielen ihr ihren roten Haare seidig auf den Rücken und nur wenige geflochtene Strähnen schmückten sie. Einfachheit, wie es der Norden schätzte. Als er einen kurzen Blick auf ihre Oberweite riskierte, erkannte er dass sie einen Busen bekommen hatte. Nicht sehr viel, aber schon mehr als ihre Mutter, Lady Lysa Arryn vorweisen konnte. Ihr Gesicht war schmaler und trug ihren Stolz jetzt viel besser. Statt ihn zu beachten, sah sie stur geradeaus.
„Ihr habt euch sehr verändert, Lady Tauriel", merkte Jaime an und trank einen Schluck Wein. „Ist eure Vorwitzigkeit auch zusammen mit eurem Kindheitsspeck gewichen?"
Ihre hellblauen Augen, die sie von ihrem Vater geerbt hatte, fixierten ihn verächtlich. „Ihr habt euch dagegen gar nicht verändert, Ser Jaime", erklärte Tauriel anstatt ihm zu antworten. „Ihr tragt eure Arroganz noch immer wie auch eure Unehrenhaftigkeit zur Schau."
Was?
Genau aus diesem Grund hatte er dieses Gör in keinster Weise vermisst. Sie verstand sich bestens darauf ein Miststück zu sein.
„Ich bin nicht-" Jaime versuchte seinen Zorn herunterzuschlucken. „Hier muss mein Name noch nie ausgesprochen wurden sein. Wahrscheinlich nennen mich alle einfach Königsmörder."
Verständnislos sah Tauriel ihn an. Sie hatte diesen Blick in den letzten zwei Jahren noch mehr perfektioniert. Schon als sie ein Kleinkind war, hatte sie ihm immer das Gefühl gegeben das er der dumme Junge war und sie die Erwachsene.
Als konnte sie wieder nicht glauben, wie dumm er war, schüttelte sie den Kopf. „Du begreifst es immer noch nicht. Niemand interessiert sich dafür, dass du einen verrückten König getötet hast", erklärte Tauriel verächtlich. „Alle verurteilen euch – zu Recht – dafür dass ihr es euch auf dem Thron bequem gemacht habt, während auf Befehl eures Vaters Elia Martell und ihre Kinder auf widerwärtigste Weise ermordet wurden." Jaime wollte nicht widersprechen. Er konnte es nicht. Denn er hatte sich das selbst alles bereits im Stillen vorgeworfen. „Ihr habt eure Eide gebrochen. Mehrmals. Denn ihr habt darin versagt die königliche Familie zu schützen. Die Unschuldigen. Ihr habt sowohl als Königsritter, als auch als Ritter an sich versagt." Ihre Worte schnitten tiefer als jedes Schwert, das ihn bisher getroffen hatte. „Und deswegen verachten euch die Menschen. Denn ihr habt euch danach auch nie eurer Verantwortung gestellt und für eure Taten gebüßt. Ihr lebt einfach weiterhin vor euch hin, als kümmert euch nichts. Als hättest ihr kein Gewissen. Fragst ihr euch da wirklich, warum sie euch für unehrenhaft halten?"
Verletzt sah er Tauriel an. Sie war seit sie sich kennengelernt hatten – seit Tauriel sprechen konnte – seine schärfste Kritikerin gewesen. Das letzte Mal hatten sie eine ähnliche Unterhaltung gehabt und er hatte gedacht, dass sie ihn verstanden hatte. Außer Tyrion war sie die einzige, der er erzählt hatte, warum er den König getötet hatte. Er hatte nie gewusst wieso, aber er hatte immer gedacht, dass wenn das ehrenhafte Mädchen ihn verstehen würde – und auch verzieh – das er dann sowas wie eine Absolution erhalten würde. Aber Tauriel erwies sich als so ungnädig wie immer ihn gegenüber. Manchmal wollte er sie wirklich dafür hassen.
„Nein, nicht wirklich", gab er zu. „Aber…" Kurz stockte Jaime, entschloss sich dann aber weiter zu sprechen. „Ich frage mich, warum ihr mich dafür haltet. Ich dachte, ihr wüsstet, dass ich im Inneren ganz anders bin."
Ohne Angst, aber auch ohne Mitgefühl, begegnete Tauriel seinen Blick. „Wisst ihr, Ser Jaime, euer Innerstes ändert eure Taten nicht", erklärte sie ihm. „In dieser Welt kommt es nicht darauf an, wie ihr im Inneren seid. Nur was ihr tut zeigt wer ihr wirklich seid. Solange ihr nicht handelt wie ein ehrenvoller Mann, solange seid ihr es auch nicht."
Wie ein Kind, das von seiner Mutter gescholten wurde, schaute Jaime vor Scham auf den Boden. Tauriel hatte diese Wirkung auf ihn.
„Meine Meinung scheint euch wichtig zu sein. Vielleicht habt ihr euch deswegen mir damals offenbart", vermutete Tauriel. „Aber ihr habt nichts an euch geändert, sondern einfach befunden, dass alle jetzt ihre Meinung über euch ändern müssen. Das ich meine Meinung vor allem ändere. Aber wieso sollte ich das tun? Ihr habt euch nicht ein wenig verändert seit unserer letzten Begegnung. Tatsächlich glaube ich, dass ihr euch in den letzten siebzehn Jahren nicht ein bisschen verändert habt."
Es stach. Diesmal fühlte es sich an, als hätte Tauriel ihr Schwert durch sein Herz gebohrt. Dabei hatte er noch nie eine solche Wunde – oder eine ähnliche gehabt.
„Ich habe mich verändert", versuchte er zu beteuern. „Besonders in den letzten zwei Jahren."
Unerschrocken, nein herausfordernd, sah Tauriel ihn an. „Wirklich? Wieso habt ihr dann nicht – nicht einmal aus Höflichkeit – euer Beileid zum Tod meines Vaters bekundet."
Jaime klappte der Mund auf. Er wollte etwas sagen, auch wenn ihm nicht bewusst war was. Irgendwas. Doch schließlich schloss er seinen Mund, denn ihm fiel einfach nichts ein. Stattdessen musste er in ihren Augen lesen, wie er weiter in ihrer Achtung sank.
Wieso war es ihm nur so wichtig, was sie von ihm dachte?
„Lady Tauriel Arryn", verkündete König Robert auf einmal und unterbrach damit ihr Gespräch. „Tretet vor."
Tatsächlich aufmerksam sah Jaime dabei zu, wie Tauriel sich erhaben erhob und nach vorne trat, während die Geräusche des Festes verklungen. Alle sahen sie aufmerksam an, als der König aufstand und Tauriel niederkniete. Wie immer machte sie alles vollkommen richtig. Das schien ein Wesenszug von ihr zu sein.
„Lady Tauriel aus dem Hause Arryn", begann Robert in seiner feierlichen Stimme, die nicht wirklich zu ihm passte. „Hiermit überreiche ich euch das Ahnenschwert eurer Familie." Das Schwert, das vor kurzem noch Jon Arryn getragen hatte wurde auf Tauriels nach oben gehaltenen Hände gelegt, die sich nicht weiter aus ihrer Position rührte, sondern immer noch verharrte. „Und ernenne euch zur Lady von Hohenehr, zur Hüterin des Grünen Tals und zur Wächterin des Ostens. Möget ihr gerecht und lange regieren."
Großer Applaus erklang in der Halle, obwohl wenige Männer aus dem Grünen Tal anwesend waren. Jaime überraschte es aber nicht. Tauriel war sehr beliebt, auch hier anscheinend. Die Menschen hatten schon immer Respekt vor denjenigen, die immer das richtige taten und für ihre Ehre bekannt waren. Obwohl Tauriel gerade einmal… dreizehn Jahre alt war, konnte Jaime sich absolut sicher sein, dass sie ihre Aufgabe besser meistern würde als einige vierzigjährige Lords. Trotz dass sie ihn mit ihrer Moral oft auf die Nerven ging war Jaime sich bewusst, dass sie auch eine der intelligentesten Menschen auf der Welt war. Aufrichtig schloss er sich dem Beifall an.
Vielleicht mochte Jaime sie nicht, weil sie die Fähigkeit hatte ihn zurechtzuweisen und seine Handlungen in Frage zu stellen. Aber er konnte sie respektieren. Er wusste er tat es. Tauriel besaß die Ehre nach der er als Kind immer gestrebt hatte.
Als sie wieder aufstand suchte er ihre hellblauen Augen. Doch die neue Wächterin des Ostens wandte sich nicht zu ihm um und er fühlte sich ein wenig verloren.
