Kapitel 2

Nachdem ich ihn eine Zeit lang nur unmissverständlich angesehen hatte, nahm er meine Hand und zog mich mit sich mit.

Wir verließen mein Zimmer und liefen einen langen Gang entlang. Dann betraten wir einen Raum, der meinem sehr ähnlich war. Nur das die Samtbezüge ein paar Töne heller waren, als bei mir. Er bugsierte mich auf einen der Sessel und meinte: „Sorry, aber hier fühl ich mich wohler."

„Was meintest du mit, so wie ich?"

„Laut den Medien bin ich vor knapp zwei Jahren bei einem Motorradunfall gestorben. Leider müssen wir erst sterben, bevor wir leben können. Aber, bei dir ist irgendetwas anders. Ich spüre, dass nur ein Teil deiner Kräfte frei geschaltet wurden."

„Häh?", ich verstand gar nichts mehr. Der Typ musste mich einfach verarschen. „Sag mal, du verarscht mich, oder? Wenn nicht ist das nämlich der verrückteste Traum, den ich je hatte."

„Erinnerst du dich an deine Träume?"

„Meistens", gab ich verwirrt, auf Grund der komischen Frage.

„Was hast du als Kind geträumt?"

„Von einem Jungen, der immer mit mir gespielt hat. Und manchmal war auch ein Mädchen dabei."

„Und wenn sie da war hast du immer geschmollt, weil der Junge auch mit ihr gespielt hat und nicht nur mit dir.", lachte Seth.

„Ja, aber woher weißt du das?", fragte ich verwirrt nach.

„Der Junge war ich."

„Wie, du?"

„Ich hab als Kind das gleiche geträumt und seid ich hier bin weiß ich, dass es nicht nur ein Traum war."

„Wie, nicht nur ein Traum? Willst du damit sagen sie ist..."

„Ja. Sie ist wirklich in die Schlucht gestürzt."

„Ist sie...?"

„Nein. Seit damals ist sie hier. Aber sie war es nicht."

„Sie war was nicht?"

„Es soll jemand kommen, dessen Macht schier grenzenlos ist. Es soll uns in den Konferenzen des Cenos vertreten und uns leiten und führen."

„Und wer ist das?"

„Du."

„Ja klar. Und da lasst ihr mich sterben."

„Du musstest auf diesem Planeten sterben, um wirklich leben zu können."

„Du hast nen Knall"

„Was kann ich tun, damit du mir glaubst?"

„Beweise mir, dass das kein Traum ist", meinte ich und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Und wie?! Ich will dich nicht verletzten."

„Lass dir was einfallen."

Seth rückte naher zu mir auf, zog meine Arme auseinander und sah mich an.

„Schlag aber bitte nicht zu fest zu.", meinte er.

Dann zog er mich auf seinen Schoß. Noch bevor ich fragen konnte, was das sollte spürte ich seine Lippen auf meinen. Zuerst war ich zu geschockt, um zu reagieren. Ich erwachte erst wieder aus meiner Starre, als er begann mit seiner Zunge über meine Lippen zu fahren. Langsam öffnete ich sie. Das war mein erster Kuss und ich genoss ihn. Spätestens hier muss ich einwerfen, dass ich mich sowohl von Männern, als auch von Frauen angezogen fühle. Und hey, was sollte es. Selbst wenn es Wirklichkeit war, ich soeben gestorben und dann wieder auferstanden war und absolut keinen Peil hatte, warum, dann war dieser Seth, der bei mir war, wenigstens süß. Wenn auch ein bisschen unheimlich.

Verwirrt löste mein Todesengel den Kuss.

„Du bis...schwul?"

„Bi. Was gegen?"

„Nein. Weißt du, ich hab lange auf dich gewartet und beobachte dich schon eine ganze Weile."

„Muss ich jetzt Angst vor dir haben?"

Die Frage war eigentlich nicht ernst gemein. Doch Seths Miene änderte sich, kaum das ich ausgesprochen hatte. Seine Gesichtszüge entgleisten und in seinen weit aufgerissenen Augen spiegelten sich Schock und Angst wieder.

„Nein. Bitte nicht.", flüsterte er.

„Hey. Keine Panik. Das war ein Scherz."

Ich schloss ihn in meine Arme und langsam beruhigte er sich wieder.

„Sag bitte nie wieder, dass du Angst vor mir hast.", seine Stimme war brüchig. Das schien ihn schwer getroffen zu haben.

„Okay. Ich sag's nie wieder. Versprochen."

Eine Weile hielt ich ihn einfach fest. Doch dann siegte meine Neugier. Seth schien sich inzwischen wieder gefangen zu haben und deshalb traute ich mich ihn ganz vorsichtig darauf anzusprechen.

„Warum hast du gerade so komisch reagiert?"

„Darf ich so liegen bleiben?", fragte er vorsichtig.

„Klar"