Zweites Kapitel
Lauwarme Nachtluft wehte über die Grashalme und bog diese mit sanftem Druck gen Boden, während hunderte kleine Glühwürmchen umher schwirrten. Ihre schnell schlagenden Flügel verursachten einen stetigen und rhythmischen Ton. Freya saß still an einem Baumstamm und sah dem Treiben der Glühwürmchen zu. Leise summte sie die Melodie eines Liedes. Obwohl Freya nicht einmal sagen konnte vorher die Erinnerung an dieses Lied kam, bedeutete es ihr doch so viel. – Welch` Ironie.
Ihre grünen Irden bedachten die kleinen Tiere mit mildem Ausdruck. Es schien, als würden die Glühwürmchen einen Tanz aufführen, der nur für sie gedacht war. Das Licht der Tiere, ließ zusätzlich kleine Schatten auf ihrem Gesicht tanzen.
Freya ließ ihren Kopf schließlich nach hinten an den Baumstamm fallen und schloss die Augen, während sie ohne Unterlass vor sich her summte. Es half ihr ihre Gedanken etwas einzudämmen, denn die Geschehnisse der letzen Stunden hatten ihre Spuren hinterlassen. – Nicht in diesem Maß, dass sie irgendwelche Verletzungen erleidet hätte, nein dazu war mehr nötig, aber jedoch so als das sie sich zumindest diese und eventuell auch die nächste Nacht ausruhen musste. Freya war sich bewusst, dass jede Sekunde die sie verlor, den Untergang aller bedeuten könnte. Jedoch würde es ebenfalls niemandem etwas bringen, wenn sie vor Erschöpfung ihre Aufgabe nicht erfüllen konnte.
Als Freya ihre Augen wieder öffnete, konnte sie zwei Hasen sehen die sich ebenfalls zu ihr auf die Lichtung getraut hatten. Sanft lächelte sie bei diesem Anblick. Es war ihr durchaus kein unbekanntes Schauspiel, das Waldbewohner in ihrer Nähe gehäuft auftraten, aber sie hatte nicht gedacht dass es an diesem für sie unbekannten Ort ebenso wäre. Es war wie mit dem flüstern der Bäume. Sicherlich verstand Freya ihr Geflüster und doch klang es in ihren Ohren wie eine ganz eigene Sprache. Weit entfernt von der Heimat und Fremd. – Trotzdem war sie erleichtert. Die Natur machte den Hauptbestandteil ihrer Existenz aus. Alleine der Gedanke nicht mit ihrer Umgebung kommunizieren zu können löste ein beklemmendes Gefühl in ihr aus.
Der plötzlich aufkommende Wind, brachte die Blätter der Bäume zum rauschen. Es dauerte einige Sekunden bis Freya die Veränderung in der Umgebung wahrnehmen konnte. Die Glühwürmchen waren verschwunden und die eingekehrte Stille war schwer und kündigte an, dass etwas geschehen würde.
Noch ehe Freya sich erheben konnte, lenkte ein schwirrendes Licht Ihre Aufmerksamkeit auf sich. Zunächst konnte man es nur schwer zwischen den Bäumen und Sträuchern ausmachen. Doch es bewegte sich zielsicher durch die Dunkelheit.
Langsam erhob sie sich, die näherkommende kleine Lichtkugel nicht aus den Augen lassen. Sie vermochte nicht zu sagen, was es damit auf sich hatte. Bewegungslos stand sie da und beobachtete, wie das Licht nur wenige Meter vor ihr schwebte. Die einzige Bewegung die sie sich traute, war der Griff zu ihrem Anhänger. Mit diesem, feste in der Hand, fühlte sie sich gleich etwas sicherer.
Faszinierend sah sie dabei zu wie das Licht heller werden zu schien, sodass sie ihre Augen mit der anderen Hand abschirmen musste.
„Freya."
Erschrocken weiteten sich ihre grünen Irden, während sie sich in einer fließenden Bewegung in eine kniende Position sinken lassen ließ. Ihren Kopf senkte sie ebenso wie ihren Blick zu Boden.
„Mein Herr Myoni."
Der hochgewachsene Mann mit den blonden langen Haaren und unnatürlich blauen Irden sah auf das Wesen vor sich herab. Ein mildes Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Sein weißes Gewand wehte leicht in dem abebbenden Wind. Die Glühwürmchen hatten ihren Tanz wieder aufgenommen und umschwirrten die beiden Gestalten.
„Erhebe dich Freya."
Elegant erhob sie sich und wieder einmal wurde ihr die Größe ihres Gegenübers bewusst. Damit meinte sie nicht nur seine tatsächliche Körpergröße, die ihre um einiges überragte, sondern auch die Macht die er ausstrahlte. Nicht umsonst, war ihr Gegenüber einer der vier großen Gottheiten. – Zumindest an dem Ort, den sie ihre Heimat nannte.
Still stand sie da und wartete darauf, dass er etwas sagen würde. Freya wusste, dass sein Erscheinen einen Grund haben musste. Sie war zu unbedeutend, als das sich der Gott des Lichts einfach nur nach ihrem Wohlbefinden erkundigen wollte.
„Mein Herr Myoni, was kann ich für Euch tun?", fragte Freya nach einer Weile dann doch, als die Nervosität, die sie ergriffen hatte, zu stark wurde. Ihr Gegenüber wandte sich von ihr ab und betrachtete die Glühwürmchen, deren Licht so klein erschien, im Vergleich zu dem was er zu erzeugen im Stande war.
„Meine liebe Freya. Die Göttin der Gnade bat mich dir einen Anhaltspunkt zu geben. Ich weiß nach wem du suchst und wer dir diesen Auftrag gegeben hat. – Nicht nur Idur setzt großes Vertrauen in dich, sondern auch ich. Leider bin ich nicht im Stande dir den Aufenthaltsort von Lavea oder gar der lieblichen Ran zu nennen. Allerdings habe ich einen Blick auf die verschiedensten deiner Schicksalspfade erhaschen können und ein Detail stach dabei doch sehr heraus. – Also hör gut zu, denn ich habe nicht viel Zeit. Suche nach jemand der ein Schwert besitzt, das es vermag Tote ins Leben zurück zu holen. Halte dich an den Besitzer dieses Schwertes, jemand mit silberweißen Haaren und goldenen Augen und dann solltest du auch finden wonach du eigentlich suchst."
Freya nickte ernst. Obgleich es sie ärgerte, dass die Antwort die sie ersehnt hatte nur noch mehr Fragen aufwarfen. Warum war es so wichtig diese Person zu finden? Hatte sie nicht schon genug, dass auf ihren Schultern lastete? Wo sollte sie nur anfangen zu suchen und was sollte sie tun wenn sie die Person dann gefunden hatte?
„Ich danke Euch vielmals mein Herr.", Freya verbeugte sich tief als Zeichen ihrer Dankbarkeit. Sie wagte es nicht ihre Bedenken zu äußern, dazu fürchtete sie zu sehr ihr Gegenüber zu verärgern.
„Mein liebes Kind, ich weiß es lastet viel auf dir. Doch ich bin sicher, dass sich alles am Ende zusammenfügen wird wenn wir nur auf uns vertrauen."
Der Gott des Lichts hob mit seinen schlanken Fingern, Freyas Kinn an, sodass sie ihm zum ersten Mal ins Angesicht sehen konnte. „Verzage nicht, ich bin bei dir, selbst in den dunkelsten Stunden."
Abermals musste sie ihre Augen gegen das helle Licht abschirmen. Als es verschwunden war, starrte sie eine Weile auf die Stelle an der zuvor noch Myoni gestanden hatte. Zurück war nur das Gefühl seiner Finger an ihrem Kinn geblieben.
Summend ging Freya den aus abgetretenen Gräsern entstandenen Weg entlang. Sie lächelte milde, als sie an den ersten Morgen in der ihr Fremden Welt dachte.
Freya hatte die Augen aufgeschlagen, als das zwitschern der Vögel an ihre Ohren drang. Suchend hatte sie zu den Ästen hinauf gesehen und die drei Vögel erspäht, die sich miteinander zu unterhielten schienen.
„Vielen Dank.", lachte Freya, als die drei Vögel ihr sachte einen Blumenkranz auf das Haupt gelegt hatten. – Einige Dinge schienen sich nie zu ändern. Sie hatte ihnen nachgesehen und erst als sie die grau-braunen Vögel nicht mehr sehen konnte, hatte sie auf dem Absatz kehrt gemacht und irgendeine Richtung eingeschlagen.
Nun lief sie bereits seit mehreren Stunden ziellos umher. Ihre Gedanken wanderten dabei immer wieder zu dem Gespräch das sie vor wenigen Stunden geführt hatte. Freya musste einsehen, dass sie sich wohl glücklich schätzen konnte dass die Götter ihr halfen, anstatt sich zu ärgern, dass man ihr nicht mehr helfen konnte. Ihre anfängliche Verärgerung verflog bereits.
Freya hatte die gegebenen Informationen abgewogen und war am Ende nicht viel weiter, als zu Beginn des Morgens. Lediglich eins hatte sie beschlossen: Sie würde ihre Suche nach Lavea und Ran fortsetzen und sollte sie dann der Person begegnen, von der Myoni gesprochen hatte, so konnte sie ihren Plan noch immer ändern. Dies erschien ihr am sinnvollsten, als in einer fremden Umgebung jemand Fremdes zu suchen. – Und sie hatte das Gefühl, dass sie früher oder später auf eben jene Person treffen würde. Immerhin hatte Myoni selbst ihre Schicksalspfade sehen können und immer wieder war diese eine Person darin zu erscheinen. Freya musste demnach nur der Göttin des Schicksals vertrauen. – Und das tat sie. Als Dienerin der Natur verehrte sie alle Götter gleich. Nur so konnte ein Gleichgewicht gehalten werden.
Freya blieb stehen, um die rosa Blumen zu betrachten, die in einer Unmenge plötzlich am Wegesrand wuchsen. Der Geruch, der von den Blüten ausging verschaffte ihr ein ungutes Gefühl. – Sie konnte nicht einmal sagen wieso dies so war, immerhin hätten an diesem fremden Ort solche Blumen nichts ungewöhnliches sein können und dennoch…. – Ihre feinen Nackenhärchen sträubten sich. Ihr Blick wanderte dann über die vielen Blumen, zu den Hütten die vereinzelnd zwischen den Blumen erbaut worden waren.
„Oh eine Reisende?"
Freya wandte sich der Fremden älteren Frau zu. Diese stand neben einem älteren Mann, vielleicht ihrem Ehemann, und lächelte sie freundlich an. Freya zögerte, nickte dann jedoch.
„Ja. Ist das so offensichtlich?" Freya lächelte ebenfalls milde.
„Es dämmert schon. Du solltest hier im Dorf übernachten… - Entschuldige Kind, wie ist dein Name?"
„Freya.", antwortete sie und betrachtete die Gesichter ihrer Gegenüber aufmerksam. Jedoch konnte sie nichts erkennen, dass darauf schließen ließ das sie mit dem Namen etwas anfangen konnten. Sie atmete erleichtert aus. So war es wahrscheinlich auch besser.
„Oh, das ist wirklich nett. Ich würde ihr Angebot gerne annehmen."
Die beiden älteren brachten Freya zu einer kleinen Hütte am Dorfrand, ebenfalls umgeben von den Blumen die Freya kritisch beäugte.
„Diese Hütte wurde extra für Reisende gebaut. Bitte, fühl dich wie zu Hause."
Freya nickte dankend. Sie ahnte, dass es besser war ihnen nicht zu sagen was sie eigentlich ihre Heimat nannte. Das sie dort niemals auch nur daran denken würde eine Hütte zu bauen. Wieso auch? Die Natur bot ihr alles was sie benötigte.
Kurz nachdem Freya alleine gelassen wurde, kam ein jüngerer Herr zu ihr.
„Bitte, hier ist etwas zu essen."
Damit stellte er das Tablett auf der Veranda ab, während Freya an der Hütte gelehnt saß und in die Ferne schaute.
„Vielen Dank.", lächelte sie.
Lange hielt Freya es jedoch nicht dort aus. Bereits als es zu dämmern anfing merkte sie wie rastlos sie wurde, weswegen sie einen Spaziergang durch den angrenzenden Wald machen wollte. Zufrieden lehnte sie sich an einem Baum und genoss die vertrauten Gerüche des Waldes, sowie die Geräusche der kleinen Waldbewohner.
Freya hatte das Angebot nur angenommen, weil sie gehofft hatte Lavea, Ran oder diesen unbekannten Fremden zu treffen. Sie schüttelte den Kopf. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Sie war nicht dafür gemacht, in einem kleinen Raum eingepfercht zu sein.
Erst als der Mond bereits aufgegangen war, machte sie sich daran in das Dorf zurück zu kommen. Sie wollte sich zumindest von den freundlichen Dorfbewohnern verabschieden, bevor sie wieder ihrer Wege ging.
Freya blieb jedoch plötzlich stehen. Ihre Augenbrauen zogen sich verwirrt zusammen, als sie einige der Dorfbewohner betrachtete, die auf dem Weg zu der Hütte waren, in der sie eigentlich schlafen sollte. Außerdem war der Geruch der Blumen noch einmal intensiver geworden. Einzelne Blütenblätter wurden in dem leichten Wind davon geweht.
Freya ging langsam zwischen den Dorfbewohnern durch. Sie schienen keine Kenntnis von ihr zu nehmen. Sie standen lediglich inmitten der Blumen, hatten die Augen geschlossen und ein seliges Lächeln auf den Lippen.
„Das ist so beruhigend.", murmelte einer der Dorfbewohner.
„Ja. Es besänftigt meine Seele.", stimmte ein anderer mit ein.
Es wirkte falsch. Freyas ungutes Gefühl verstärkte sich mit einem mal. Erschrocken ging sie einen Schritt zurück, als Ranken aus dem Boden kamen und sich um die Beine der Dorfbewohner schlängelten.
„Was passiert hier nur?" Die Dorfbewohner bluteten aus den Augen, jedoch schienen sie keine Schmerzen zu haben. Freya bezweifelte das sie es überhaupt spürten.
Freya sah zu ihren nackten Füßen, als weitere Ranken sich um ihre Beine ringeln wollten. Doch schon auf halben Weg zerfielen sie plötzlich und waren spurlos verschwunden.
Noch während sie angestrengt über die Geschehnisse nachdachte, öffnete sich die Tür der Hütte. Freya konnte mehrere Personen erspähen, jedoch nur einer von ihnen warf einige Zettel nach den Dorfbewohnern. Als diese auf die Ranken trafen leuchtete es plötzlich bläulich auf. Freya konnte noch einen der Dorfbewohner auffangen, die anderen jedoch stürzten zur Erde, während die Blumen mit einem mal verschwunden waren. Entsetzt betrachtete sie die leblosen Körper, die selbst zu Erde geworden waren. Was war dies nur für eine Welt in der man sie platziert hatte.
Ihr Blick wanderte von der leblosen Frau in ihren Armen zu den Fremden, die nun aus der Hütte kamen. Freyas Aufmerksamkeit bekam dabei genau eine Person. – Silberne Haare und goldene Augen! Und ein Schwert konnte sie ebenfalls entdecken!
