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Kapitel 2

Erstaunliche Entdeckungen

„Diese verdammten Amateure!", zischte Draco mit gepresster Stimme und warf heftig die Tür zum Schlafsaal hinter sich zu, den er sich unter anderem mit Blaise Zabini, Vincent Crabbe und Gregory Goyle teilte. Er zog seinen Umhang aus und warf ihn achtlos in Richtung seines Bettes. Die Tür öffnete sich erneut und Blaise kam herein. Er sah Draco eine Weile zu, wie er wütend in der Mitte des Zimmers auf und ab ging. Schließlich ging er ein paar Schritte auf ihn zu und wollte ihm die Hand auf die Schulter legen, doch Draco schlug sie ungehalten herunter, ohne ihn anzusehen.

„Was ist denn los, Draco?", fragte Blaise, jedoch nicht allzu fassungslos. Draco hatte bekanntermaßen die Gewohnheit, seine Wut auf andere an Unbeteiligten auszulassen.

„"Was soll schon sein, Zabini? Kümmer dich um deinen Krempel." Draco setzte sich auf sein Bett. „Bin ich denn hier nur von Blödmännern umgeben, die nicht wissen, was sie was angeht und was nicht …?", murmelte er zornig vor sich hin und starrte dann mit mahlendem Kiefer auf seine Fäuste. Blaise ließ sich von seinem wütenden Gehabe nicht beeindrucken und setzte sich auf sein eigenes Bett gegenüber von Draco.

„Der Typ vor dem Tor hat ja 'ne ziemliche Aufregung um dich veranstaltet … Hatte es wohl auf dich abgesehen?" Er wartete schweigend. Draco antwortete nicht, sah ihn aber zögernd an. Blaise sah zu Dracos Koffer hinüber, den jemand – wahrscheinlich ein Hauself von Hogwarts – neben dessen Bett gestellt hatte. Draco folgte seinem Blick kurz und kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, sah dann aber schnell wieder auf seine Hände.

Blaise, der Dracos Reaktion bemerkt hatte, fragte vorsichtig: „Wieso war der so auf deinen Koffer aus … Ich meine, du wirst wohl kaum Du-weiß-schon-wen da drinnen nach Hogwarts schmuggeln, oder?"

Er lachte trocken. Eigentlich sollte es ein Scherz sein, aber Draco schien keinen Nerv für dumme Scherze zu haben. Er sprang auf und sah Blaise kalt an. Dann presste er mit zusammen gebissenen Zähnen hervor: „Ich warne dich, Zabini. Lass mich mit dem dummen Gefrage in Ruhe, bevor ich mich vergesse. Ich habe Wichtigeres zu tun." In einer abrupten Bewegung stand er auf und ging auf die Tür zu, um den Schlafsaal unverrichteter Dinge wieder zu verlassen.

Wesentlich Wichtigeres", sagte er über die Schulter hinweg. Er ging mit gesenktem Kopf zu Tür und blieb davor noch einmal stehen. „Und sollte irgendwer an meine Sachen rangehen", er öffnete die Tür, drehte sich noch einmal um und warf Blaise noch einen langen eiskalten, hellgrauen Blick zu. Blaise hob eine Augenbraue.

„Dann merke ich das sofort", drohte er leise und knallte die Tür wieder hinter sich zu.

Blaise saß ratlos auf dem Bett und verstand überhaupt nichts mehr. Warum war Draco bloß so empfindlich? Dass er seine schlechte Laune an ihm ausließ, daran hatte er sich gewöhnt – und auch vor seiner Wut musste er keine Angst haben. Aber dass Draco ihn zurückwies und ihm sogar drohte, war neu. Er wusste, dass ohnehin niemand je wagen würde, seine Sachen anzufassen – wozu dann diese Drohung? Noch dazu hatte Draco ihn in den dreizehn Jahren, die sie sich nun kannten, noch nie verdächtigt oder ihm misstraut.

Blaises Blick wanderte zu seinem eigenen Nachttisch, wo der Tagesprophet lag, den er im Zug gelesen hatte. „Keine Revision im Fall Lucius Malfoy", schrie das Titelthema darauf in Großbuchstaben. Er dachte daran, wie Draco ausgesehen hatte, als er, Blaise, ihn in den Ferien besucht hatte; eine Woche, nachdem sie Mr. Malfoy nach Askaban geschickt hatten. Draco war nur ein Schatten seiner selbst gewesen, blass und mit dunklen Augenringen und ungekämmt. Aber da hatte er immerhin noch mit ihm gesprochen. Als er ihn dann im Zug wieder getroffen hatte, sah er gepflegt und gestriegelt wie immer aus und Blaise hatte angenommen, dass er sich wohl wieder gefangen hatte.

Nachdenklich begann er, seine Sachen auszupacken. Er hatte das Gefühl, dass sein bester Freund die Verhaftung seines Vaters wohl doch nicht so gut weggesteckt hatte wie vermutet, wusste aber absolut nicht, wie er ihm weiterhelfen konnte.

* * *

Nach und nach gingen auch die Gryffindors in ihre Schlafsäle und begannen damit, ihre Koffer auszupacken. Ron und Neville belegten zwei benachbarte Betten – sonst immer hatte Harry das Bett zwischen ihnen gehabt – und unterhielten sich wortkarg, während sie ihre Umhänge in die Schränke räumten und Ron seine Poster von den Chudley Cannons über seinem Nachttisch anbrachte. Neville stellte auf seinen Nachttisch einen Topf mit einem riesigen missgestalteten und furunkelbedeckten Kaktus, der die Hälfte seines großen Schrankkoffers eingenommen hatte. Anscheinend war dieses seltsame, hässliche Pflanzenungetüm darüber nicht sehr angetan, denn es schien wütend zu zittern und schlug mit seinen stacheligen Seitenauswüchsen nach Neville aus. Ein paarmal traf er auch, und Neville bekam sofort dicke rote Pusteln auf den Händen und Unterarmen.

„Das ist eine mimbulus mimbeltonia – ziemlich faszinierende Dinger, sag ich dir", meinte Neville zu Ron, der ihn zweifelnd anschaute. „Naja … eigentlich Harvey hier ganz in Ordnung. Sie mögen einfach keine engen, dunklen Orte. Aber sie haben ein cooles Verteidigungssystem – wenn du sie ärgerst, schießen sie einen übel stinkenden Saft auf dich, und wenn man den auffängt und abkocht, hat man ein ziemlich wirksames Mittel gegen die meisten Hautprobleme."

„Harvey, hm? Faszinierend …" Ron lächelte säuerlich und sah den missgebildeten Riesenkaktus an, der schon wieder nach Neville ausschlug, während dieser weiter versuchte, seinen Nachtschrank einzuräumen. Ron hatte keine Lust, weiter seinen Koffer auszupacken. Er warf das grüne T-Shirt mit einem roten Löwenkopf darauf, das er gerade heraus geholt hatte, wieder in den Koffer und schlug den Deckel zu. Mit den Füßen schob er den noch halbvollen Koffer unter sein Bett.

„Ich geh wieder runter." Er sah Neville unentschlossen an. Der nickte ihm zu und zog ruckartig seine Hand von der Nachttischplatte zurück, auf der eine weitere rot leuchtende Pustel erschien. Neville rieb die Stelle und lächelte gequält.

„Ich komm gleich nach."

Ron nickte ebenfalls und ging, mit den Händen in den Hosentaschen, zur Tür.

Unten saßen noch etliche Schüler und tauschten ihre Ferienerlebnisse aus. Hermine war ebenfalls wieder heruntergekommen und saß zusammen mit Ginny in der Nähe des Kaminfeuers. Als sie Ron kommen sah, legte sie das dicke Übersetzungsbuch für alte Runen, in dem sie gerade geblättert hatte, beiseite und wartete, bis er sich in den Sessel ihr gegenüber gesetzt hatte.

„Hast du die vielen Zauberer auf dem Bahngleis und vor dem Schloss gesehen?", sprach sie ihn ohne Umschweife auf das an, was allen am meisten im Kopf umherging. Ron nickte, während sie weiter sprach: „Die haben alle Schüler und Koffer durchsucht. Sogar Nevilles Naschtüte haben sie ausgeschüttet – der Arme. Und ab Montag laufen sie auf den Gängen Patrouille, während wir Unterricht haben."

Ron sah missmutig ins Feuer.

„Ja", sagte er verdrossen. „Das kann einen echt nervös machen. Ist doch total übertrieben. Ich mein', Du-weißt-schon-wer will doch Harry, oder? Die Todesser haben doch gar keinen Grund, Hogwarts anzugreifen oder so."

„Sei nicht albern, Ron. Dumbledore muss die Sicherheit aller Schüler gewährleisten. Das Ministerium lässt ihn doch nicht aus den Augen. Was, wenn die Todesser sicher gehen wollten?" Hermine schaute grimmig von Ron zu Ginny und zurück.

„Jetzt schaut nicht so bedröppelt", winkte Hermine angesichts der schockierten Gesichter ihrer Freunde ab. „Ich meine doch nur, dass Dumbledore sich nicht einfach zurücklehnen und uns in Sicherheit wiegen würde."

„Die vom Ministerium warten doch bloß auf eine Gelegenheit, Professor Dumbledore zu feuern und einen von ihren Leuten auf seinen Stuhl zu setzen!"

Ginnys Gesicht hellte sich zu einem spitzbübischen Grinsen auf. „Dann haben die aus dem letzten Jahr nicht besonders viel gelernt …", meinte sie, und alle drei dachten grinsend an Dolores Umbridge, wie sie nach dem Feuerwerk der Weasley-Zwillinge wimmernd, rußbeschmiert und zerzaust inmitten der zerbrochenen Schilder mit ihren Ausbildungserlassen gestanden hatte. Doch dann wurde Hermine wieder ernst und wandte sich an Ron.

„Außerdem wissen die Todesser wahrscheinlich nicht einmal, dass Harry zu Hause bleibt. Sie nehmen sicher an, dass er wie jedes Jahr hier ist."

Neville kam von der Treppe zum Jungenschlafsaal zu ihnen herüber.

„Was ist denn mit dir passiert?", fragte Ginny mit Blick auf Nevilles verpustelte Unterarme.

„War nur mein Kaktus – ist etwas verstimmt heute. Halb so schlimm, wirklich. Ich frage Professor Sprout gleich morgen nach etwas Diptam-Lösung", beschwichtigte Neville sie schüchtern und setzte sich.

Ron dachte an sein Gespräch mit ihm und Luna auf der Zugfahrt und setzte die Unterhaltung fort.

„Vielleicht erwarten die ja sogar, dass Harry sich zu Hause verkriecht, wo er sicher ist? Würde doch voll in das Bild passen, das Du-weißt-schon-wer von uns Nicht-Todessern zu haben scheint …"

Neville lächelte Ron kurz zu, verkniff es sich dann aber schnell, um seinem Freund nicht in die Parade zu fahren. Hermine schaute Ron verdutzt an.

„Das ist gar nicht mal so abwegig …", meinte sie mit verwundertem Unterton. „Langsam mache ich mir echt Sorgen um dich, Ron – ist alles in Ordnung mit dir?"

Gespielt beleidigt verschränkte Ron die Arme vor der Brust und schürzte die Unterlippe. Dann lächelte er Hermine an.

Ginny schaute mit gehobener Augenbraue zwischen den beiden hin und her. Ihre Wangenmuskeln zuckten leicht, als würde sie ein Grinsen unterdrücken. Doch dann wurde ihr Gesicht wieder nachdenklich.

„Was ist mit Dumbledore? Er ist nicht nur dem Ministerium ein Dorn im Auge. Alle sagen, dass er der einzige ist, vor dem Ihr-wisst-schon-wer Angst hat. Wenn er seine Macht vergrößern will, muss er ihn doch irgendwie anders angreifen … oder von Hogwarts wegkriegen, oder?"

„Genau", sagte Hermine kopfnickend, „Rons Dad sagt auch, dass im Ministerium hundertprozentig einige korrupt sind. Niemand nennt Namen, aber Mr. Weasley hat in letzter Zeit viel Geheimnistuerei und Getuschel beobachtet."

Jetzt meldete sich Neville erschrocken zu Wort: „Wirklich? Aber die Auroren draußen sind doch auch vom Ministerium? Was, wenn da Todesser dabei waren?" Er sah seine Freunde ängstlich an, während nervös er seine juckenden Unterarme kratzte.

Ron, Hermine und Ginny aber lächelten ihn beruhigend an. Neville schaute nur fragend zurück. Hermine klärte ihn auf.

„Keine Chance. Ich habe am Bahnhof in London nämlich einen gewissen humpelnden Mann gesehen. Er hatte den Hut auffällig tief ins Gesicht gezogen, aber ganz konnte er sein vernarbtes Gesicht nicht ganz verbergen."

Neville begriff. „Moody?"

„Jepp", antwortete sie, „Und auf dem Weg hoch zum Tor lief eine zierliche junge Hexe mit blauen Haaren neben den Kutschen her. Das war eindeutig Tonks. Dumbledore setzt den Orden zu unserem Schutz ein!"

Ron lehnte sich in seinen Sessel zurück und verschränkte die Hände hinter seinem Kopf. „Dumbledore hat seine Leute überall. Mit linken Methoden kommen die jedenfalls nicht weiter", sagte er in leicht überheblichem Tonfall. „Genial, der Mann!"

Hermine kicherte. „Was ist denn jetzt wieder so lustig an mir?", nörgelte Ron und ließ die Hände auf die Armlehnen seines Sessels fallen.

„Das klang vorhin in der Großen Halle aber noch anders – ‚Dumbledore ist echt noch schräger, als ich dachte' …", machte sie ihn mit verstellter Stimme nach.

Ginny lachte nicht. „Was soll das eigentlich mit Snape? Warum kriegt ausgerechnet er Dunkle Künste? Und wieso gerade jetzt?"

„Genau das hab ich mich auch gefragt!", rief Ron aufgeregt und sah Hermine rechtfertigend an. „Der ist doch seit Jahren scharf drauf, uns Flüche und sonstwas auf den Hals zu jagen. Jetzt muss er sich nicht mehr hinter Nevilles schlechten Tränken verstecken – nichts für ungut." Er sah Neville entschuldigend an („Schon okay, ehrlich"). „Na, jedenfalls kann er uns jetzt direkt quälen."

Aber Hermine schüttelte skeptisch mit dem Kopf. „Ich weiß nicht – sah es jemals so aus, als ob Snape einen Vorwand brauchte, um seine miese Laune an uns auszulassen? Wenn er uns noch mehr ärgern wollte, brauchte er dieses Fach nicht dafür." Da konnte ihr keiner widersprechen. Ginny nickte überzeugt. Ron schaute dennoch grimmig.

In eindringlichem Tonfall fuhr Hermine fort: „Was, wenn er durch seine … Vergangenheit", Ron brummte etwas von „wer's glaubt …" dazwischen, "könnte doch sein, Ron! Wenn er gerade durch seine Vergangenheit dafür geeignet ist?"

Ginny nickte erneut zustimmend und sprang ihr bei: „Stimmt auch wieder. Bei denen steigt man nicht einfach aus. Die Todesser waren sicher nicht begeistert und haben sich bestimmt alle gegen ihn gestellt." Sie sah Ron kurz an und setzte sich aufrechter hin. „Eigentlich, wenn man's mal so betrachtet … War doch ziemlich mutig von ihm, auf Dumbledores Seite zu wechseln und sogar dem Orden beizutreten."

Ron ließ sich nicht umstimmen. „Ach, der ist doch ein linker Hund! Mann, kapiert ihr's nicht? Immer schleicht er um Dumbledore rum und alles – der wartet doch nur auf den richtigen Moment, um –"

„Nein, DU kapierst es wohl nicht!", unterbrach ihn Ginny jetzt wütend und lehnte sich aufgebracht aus ihrem Sessel hervor. „Du denkst wohl, einer muss jetzt an Harrys Stelle treten und in Snape und den Slytherins ausschließlich das Schlechte sehen!" Sie hielt erschrocken inne und sah die anderen an.

Dann blickte sie betreten auf ihre Hände und fuhr etwas ruhiger fort: „Ich meine doch nur, dass Harry durch seine ganzen Erfahrungen vielleicht … nicht immer ganz objektiv auf die Menschen schauen kann. Wie oft hat er die Streitereien mit Malfoy oder Snape selbst herausgefordert oder sich viel zu leicht von ihnen provozieren lassen?" Dann schaute sie Ron wieder an. „Ich finde, man sollte immer eine zweite Chance haben, wenn man was Schlimmes gemacht hat. Harry könnte keinem Slytherin je eine Chance gegeben."

Neville fügte unsicher hinzu: „Er hat mich ziemlich oft gegen Malfoy und seine Kumpel verteidigt", er blickte wieder schüchtern in die Runde. „Aber manchmal, da … kam es mir auch so vor, als ob er etwas heftiger als angebracht auf Malfoy losgegangen ist." Der Satz schien ihn ziemliche Überwindung gekostet zu haben; er senkte den Blick und pulte verlegen an seinem lädierten Arm herum.

Ein betretenes Schweigen trat ein. Die drei Freunde sahen sich nicht an. Alle drei hatten die sture Abneigung ihres gemeinsamen Freundes gegen die Slytherins nicht immer gerecht gefunden, aber sie schämten sich irgendwie, hinter Harrys Rücken darüber zu sprechen.

Nach einer Weile schloss Hermine: „Was wir auch immer von Professor Snape halten mögen", sie warf einen vorwurfsvollen Seitenblick auf Ron, „Professor Dumbledore hat beschlossen, dass er vertrauenswürdig ist. Wir haben nun mal Unterricht mit ihm und müssen das Beste daraus machen. Weniger als bei der Umbridge mit ihrem ‚risikofreien Lernen' können wir vermutlich nicht daraus mitnehmen." Sie hatte „risikofreien Lernen" mit einer sehr umbridgehaften Piepsstimme ausgesprochen.

Ron, Ginny und Neville sahen sie an und lachten leise. Die vier Freunde saßen noch eine Weile am prasselnden Kaminfeuer und schwelgten in den Erinnerungen an Hogwarts' Siegeszug gegen die Untersekretärin des Ministeriums im vergangenen Schuljahr, und nach und nach gingen die anderen Schüler in die Schlafsäle. Wenig später saßen sie fast allein im Gemeinschaftsraum.

Ron sah auf die Uhr. Es war bereits weit nach Mitternacht. „Es is' schon ziemlich spät, Leute. Morgen ist das Quidditch-Auswahlspiel, da will ich fit sein. Angelina soll echt streng sein." Er stand auf und ging an Neville vorbei. Mit einem kurzen Blick auf Hermine und Ginny murmelte er so leise, das Neville es gerade hören konnte: „Frauen können nämlich echt gruselig sein, Alter …" und ging zur Treppe zu den Jungenschlafsälen.

„Also, wir sehen uns morgen."

„Ja, gute Nacht!", sagte Hermine, und sie und Ginny standen ebenfalls auf. Neville tat es ihnen gleich und die vier gingen auf ihre jeweiligen Schlafsäle.

Sie wären sicher sehr interessiert gewesen, wenn sie wüssten, wer gerade am Portraitloch des Gryffindor-Gemeinschaftsraumes vorbei schlich.

* * *

Draco wagte nicht zu atmen. Er war gerade noch hinter einen Wandvorhang geschlüpft, bevor Mr. Filch ihn erwischen und gleich am ersten Abend des Schuljahres jemandem bestrafen konnte. Seine dürre, aschgraue Katze, Mrs. Norris, ging glücklicherweise vermutlich gerade auf einem anderen Gang Patrouille, sonst hätte sie ihn sicher sofort entdeckt. So ging der Hausmeister einfach an ihm vorbei und bog am Ende des Ganges um die Ecke.

Draco stieß seinen unbewusst angehaltenen Atem in einem langen Seufzer aus und ging weiter. Der Steinboden war kalt unter seinen nackten Füßen; in Schlafanzughose, Unterhemd und Schulumhang war es zu dieser Jahreszeit schon zu kalt auf den Gängen des Schlosses. Fröstelnd lief er durch die Gänge, hielt hier und da lauschend inne oder versteckte sich, wenn er etwas hörte. Einmal erschrak er fast zu Tode, als er um eine Ecke spähte und direkt neben ihm jemand „Hee da!" zischte. Er zuckte so heftig zusammen, dass er rückwärts gegen eine Rüstung stolperte. Sie wankte bedrohlich hin und her, und Draco hielt sie schnell fest. Zitternd ließ er sie los. Dann schaute er sich um und sah das Gemälde neben der Wand an. Der alte Edelmann darauf schimpfte über seine „Herumtreiberei" und raunte etwas von „frechen Bengels" und „alten Erziehungsmethoden". Draco stöhnte genervt, erwiderte aber nichts und schlich weiter.

Schließlich stand er vor dem Wasserspeier, der Dumbledores Büro bewachte. Das Passwort wusste er natürlich nicht, aber er wollte ohnehin nicht hinein. Er griff in die Innentasche seines Umhanges und wollte gerade etwas hervorholen, als er hinter sich ein Geräusch hörte. Er drehte sich blitzschnell um und erschrak sich zum dritten Mal in den letzten zwanzig Minuten fast zu Tode.

Direkt vor ihm stand Harry Potter.

Draco wich zwei Schritte zurück. „Was – wie … Was hast du hier zu suchen, Potter?" Draco war fassungslos.

Harry legte sich den samtig schimmernden Tarnumhang über eine Schulter. „Das Gleiche könnte ich dich fragen, Malfoy", antwortete er finster und ging einen Schritt vor.

Draco zog seinen Zauberstab und richtete ihn direkt auf Harrys Brust, doch in derselben Sekunde spürte er den von Harry an seiner Kehle.

„Ich warne dich, Potter –", drohte Malfoy, doch seine Stimme zitterte und seine Zauberstabhand tat es auch. Er versuchte, sich zu fassen und straffte sich kaum merklich. „Wieso habe ich dich noch nicht im Zug oder im Schloss herumstolzieren sehen?"

Harry sah ihn abschätzig an. „Vor gewissen Giftschlangen bleibt man besser vorerst im Verborgenen. Was hast du vor Dumbledores Büro zu suchen?"

Draco rang sich ein Lächeln ab, das überlegen wirken sollte, aber es sah verkrampft aus. „Wissen dein Wiesel-Freund und die Schlammblüterin, dass du hier bist, Potter?"

Harry funkelte ihn in wildem Zorn an und drückte den Zauberstab härter gegen Dracos Hals, zögerte aber, bevor er leise hervorpresste: „Wüsste nicht, was dich das angeht."

Draco schöpfte sofort Zuversicht aus diesem winzigen Zögern. Er stellte sich aufrecht hin und hob seinen Zauberstab ebenfalls gegen Harrys Kehle. Seine Augen waren zu Schlitzen verengt und sein kaltes Lächeln wurde sicherer. Er hob sein spitzes Kinn und raunte: „Verstehe, Narbengesicht. Keiner darf wissen, dass du hier bist!" Sein Lächeln wurde geradezu triumphal.

Harry hatte damit gerechnet und konterte sofort. „Und wenn ich mich irre, darf auch keiner wissen, warum der Typ am Tor deinen Koffer versiegelt hat …"

Das siegessichere Lächeln fiel augenblicklich von Dracos Gesicht und enthüllte die darunter liegende Angst und Verunsicherung von vorher darauf. „Was soll das heißen? Was –"

„Was ich weiß, Malfoy?", fragte Harry herausfordernd. „Vielleicht mehr, als dir lieb ist." Endlich ließ er seinen Zauberstab von Dracos Kehle sinken, wo er einen kleinen roten Abdruck hinterließ. Jetzt stand er mit seinen Armen an den Seiten vor Draco, der immer noch auf seinen Hals zielte.

„Zum Beispiel, was der Zauberer draußen so dringend vor Flitwicks Enthüllungszaubern verbergen wollte." Er blickte auf Dracos Brust, wo dieser zuvor in seinen Umhang gegriffen hatte. Draco schluckte und wurde zusehends unruhiger. Misstrauisch zog er die Augenbrauen zusammen – wie viel wusste Potter wirklich? Und wie war er überhaupt unbemerkt so nahe an ihn herangekommen? Das Narbengesicht stand hier vor ihm, in seinem schwarzen T-Shirt und seinen lässigen Jeans – barfuß, genau wie er selbst – und glaubte anscheinend, er könne ihm drohen. Er bluffte, es konnte nicht anders sein. Oder nicht?

„Ich weiß, was du hergebracht hast. Und, was es bedeutet. Was hast du damit vor?", beharrte Harry mit fester Stimme. Draco fiel auf, wie kräftig Potter über die Ferien anscheinend geworden war. Er schloss eine magiefreie Flucht aus, denn er schätzte sich mit strategischer Sachlichkeit als körperlich unterlegen ein. Doch Magie kam auch nicht in Frage – zu Aufsehen erregend. Ohnehin musste entweder Filch oder seine Katze mittlerweile auf dem Weg hierher sein, da sie immer alle Schlossgänge in der gleichen Reihenfolge abgingen. Er hatte nicht viel Zeit.

Harry blieb ruhig stehen und beobachtete, wie es hinter Dracos blasser Stirn arbeitete. Er war wütend und angespannt, aber er musste sich beherrschen und abwarten, wenn er etwas erreichen wollte.

Schließlich ließ auch der Slytherin seinen Zauberstab sinken. Harry bewegte sich nicht und schaute Draco unbeirrt an. Von der Seite her fiel silbriges Mondlicht durch ein Fenster. Draco musterte Harry abschätzend von oben bis unten. Potter hatte sich irgendwie verändert. Oder hatte er ihn nur bisher einfach unterschätzt? Es erschien ihm jedenfalls unklug, ihn hier und jetzt herauszufordern.

Der Weißblonde schluckte merklich und begann langsam: „Hör mal, Potter … Du kannst nichts machen. Wir sitzen im selben Boot, ob's dir gefällt oder nicht."

Harry legte den Kopf etwas schräg und hob eine Augenbraue. Das Mondlicht ließ seine grünen Augen aufleuchten. „Was soll das heißen?", fragte er in sarkastisch gespieltem Interesse.

„Wenn du mich verrätst, verrate ich allen, dass du hier bist." Draco stellte sich jetzt direkt vor Harry, den er um knapp einen halben Kopf überragte, und fügte flüsternd hinzu: „Und damit meine ich nicht nur hier in der Schule."

Harry schaute ihn angewidert an. „Ich verstehe immer noch nicht, warum wir deswegen eine Art Handel haben. Was hält dich davon ab, einfach hier und jetzt den Zauberstab an deinen Unterarm zu drücken und deine Freunde zu rufen?"

Draco sog zischend Atem ein. Potter schien ihm immer eine Schrittlänge voraus zu sein. Allmählich wirkte er tatsächlich gefährlich. Das Narbengesicht konnte einfach nicht wissen, dass er das Dunkle Mal trug. Woher hatte der Kerl seine Informationen? Wieder hatte er das Gefühl, einen Verein von Anfängern hinter sich zu haben und auf sich allein gestellt zu sein. In ihm loderte der Zorn vom Abend wieder auf, über die unnötige Diskussion mit dem falschen Auroren, die verächtliche Einstellung der anderen Todesser ihm, Draco, gegenüber und auch Zabinis Fragerei.

Draco fasste einen Entschluss. Er würde den Plan ändern und abwarten, welche Rolle Potter in der ganzen Sache spielte. Es war eine Entscheidung aus Wut über die Inkompetenz der anderen Todesser, aber er hatte auch das deutliche Gefühl, dass sein schwarzhaariger Erzfeind eine Bedrohung darstellte.

„Du weißt genau, dass sie nicht herkommen können. Und wenn ich das … ohne gute Begründung mache … " Er brach mitten im Satz ab und kniff wieder die Augenlider etwas zusammen. „Mein Angebot: Ich sage vorerste keinem, wer da –", sein Tonfall wurde sarkastisch, „– unter uns wandelt. Und du hältst dich aus meinen Angelegenheiten raus und lässt mich gehen." Angespannt wartete Draco Harrys Reaktion ab.

Harry blickte ihm fest in die Augen. „Wenn ich auch nur irgendjemanden meinen Namen tuscheln höre, lass ich dich hochgehen. Dumbledore wird schon herausfinden, was du vorhast."

Draco wollte sicher gehen. „Und was hält dich davon ab, gleich an die Tür hinter mir zu klopfen und petzen zu gehen?"

„Was für eine Hilfe wäre ich ihm damit, Malfoy? Als ob du dann einfach reden würdest. Als ob Voldemort nicht schon einen Plan b hat. Außerdem haben wir noch die eine oder andere Rechnung offen. Nein, ich will selbst sehen, was du vorhast und dich dann samt gescheitertem Plan vorführen." Er brachte tatsächlich ein Lächeln zustande, aber es wirkte ungehalten und wütend. „Du hast keine Wahl. Du musst weiter machen. Und früher oder später werde ich dich erwischen."

Draco konnte nichts mehr erwidern. Woher hatte Potter das so gut gelernt? Das war sein Spiel, und der verdammte Gryffindor hatte ihn eindeutig geschlagen – dieses Mal. Schäumend vor Wut und Unsicherheit schaute er zu, wie Harry sich umdrehte und ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen den Gang hinunter ging. Draco drehte sich unsicher zum Wasserspeier um.

„Du machst für heute besser Schluss, Malfoy. Filch kommt gleich in dieses Stockwerk", sagte Harry über seine Schulter hinweg vom Ende des Ganges her. Draco drehte sich um, aber der andere war nicht mehr zu sehen.

Er stand noch einen Augenblick da, mit arbeitenden Wangenmuskeln und geballten Fäusten. Dann steckte er ruppig seinen Zauberstab weg und machte sich auf den Weg zurück in die Kerker.

Trotz seiner kochenden Wut konnte sich Draco ein Grinsen nicht verkneifen. Potter war gut, dass musste er ihm einräumen – wenigstens einer (außer ihm selbst) machte seinen Job richtig. Bedauerlich war nur, dass dieser eine das Scheitern seiner, Dracos Pläne, zum Ziel hatte.

Das würde noch interessant werden.

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So, Kapitel zwei ist fertig, gell. Es ist kurz nach Mitternacht und Kill Bill ist gerade zu Ende. (Ich liebe die Szene, in der sie zu dem mexikanischen Zuhälter sagt: „Mein Pussy Waggon ist verreckt.")

Ich hoffe, ihr fühlt euch gut unterhalten (von mir meine ich, nicht von Quentin Tarantino) und hattet ein wenig Spaß. Ich find's jedenfalls ganz gut, auch wenn man nie aufhören kann, irgendwas noch umzuformulieren und zu berichtigen.

Bitte dranbleiben und fleißig reviewen, wem's gefällt – oder auch, wem nicht, dann bitte auch reviewen! Kluge Ratschläge sind wie gesagt strengstens erwünscht. Manchmal nehme ich produktive Kritik sogar an … Auch wenn's mir (wie jedem wahrscheinlich) gegen meinen Schreiberstolz geht.

Bis zum nächsten Kapitel!

Euer Fox.