Dieses Kapitel ist für Etheldis, weil sie überhaupt Schuld an der ganzen Sache ist.
Hermione hörte ein leises Rauschen; es erinnerte sie an Wind, der durch Blätter wehte. Außerdem kitzelte sie etwas an der Wange. Und es war angenehm warm.
Sie schlug die Augen auf und blinzelte heftig. Wo auch immer sie sich befand – es war hell hier. Sehr hell.
Von daher dauerte es einige Augenblicke, bis ihre Augen sich an das Licht gewöhnt hatten und sie sich umsehen konnte.
Zuallererst sah sie an sich herab. Sie trug immer noch ihre Lehrerrobe und sie hatte ihren Zauberstab immer noch in der Hand. Das war gut.
Sie streckte sich und stellte dabei fest, dass sie keine Schmerzen hatte. Das war auch gut.
Schließlich richtete sie sich auf und sah sich um.
Sie saß in... einem Garten? Verwirrt runzelte sie die Stirn. Doch, das hier war eindeutig ein Garten, ein ziemlich großer, feudaler sogar. Ein paar Meter von ihr entfernt befand sich ein verwitterter, marmorner Springbrunnen, der mit einer Engelsstatue verziert war. In einiger Entfernung standen alte Bäume – Eichen, soweit sie das auf die Schnelle beurteilen konnte –, und das Gras, in dem sie lag, war kurz und gepflegt.
In diesem Augenblick stellte sie auch fest, dass sie nicht direkt im Gras lag, sondern auf einem schwarzen Umhang.
Snape! Wo war Severus?
Hektisch sprang sie auf die Beine, was mit einem leichten Schwindelanfall bestraft wurde, den sie jedoch entschlossen ignorierte. Sie musste Snape finden!
„Ich bin hier, Hermione", hörte sie eine Stimme zwischen den Bäumen. „Hier ist sonst weit und breit niemand – nur ein paar gewöhnliche Käfer, Spinnen und Vögel."
Hat er mich gerade wirklich Hermione genannt?, wunderte sie sich noch, als der Zaubertränkemeister auf sie zu kam.
Auch er schien unverletzt, bewegte sich geschmeidig und schnell wie immer und wirkte erstaunlich gelassen, wenn man bedachte, in welcher Situation sie sich befanden.
„Und nein", fuhr er fort, ehe sie den Mund aufmachen konnte, „ich weiß nicht, wo wir sind oder wie wir hier her gekommen sind. Alles was ich vermuten kann, ist, dass mit dem Zauber etwas schief gegangen ist."
Sie nickte langsam und sah sich um. Über ihnen schien die Sonne. „Sind Sie verletzt?", wollte sie wissen. Stur wie er war, würde er es sich wahrscheinlich nicht anmerken lassen und...
Er warf ihr nur einen kurzen Blick zu. „Nein, Professor Granger, das bin ich nicht. Was ist mit Ihnen? Ihnen war gerade schwindelig."
Mit einer gewissen Anstrengung gelang es ihr, ihre Gesichtszüge wieder unter Kontrolle zu bringen. So weit musste es also kommen, dass Severus Snape sich dazu herabließ, sich um sie zu sorgen. Denn genau das tat er doch – sonst würde er, der normalerweise Körperkontakt scheute, nicht so nahe an sie herantreten, immer bereit, sie aufzufangen, sollte sie umkippen.
„Es geht schon wieder; mir geht es gut. Ich bin zu schnell aufgestanden", erklärte sie. Da fiel ihr etwas ein. „Wie lange waren wir weg?", erkundigte sie sich, bückte sich nach Severus' Umhang, hob ihn auf und schüttelte ihn kräftig aus, ehe sie ihn seinem Besitzer zurückgab.
„Ich bin vor ungefähr einer Viertelstunde aufgewacht", erwiderte er achselzuckend und schlang sich den Umhang nachlässig wieder um die Schultern. „Wie lange ich weg war, kann ich Ihnen aber auch nicht beantworten."
Sie nickte nachdenklich. „Irgendwas mit dem Zauber ging schief und hat uns hierher gebracht. Haben Sie auch... dieses Gefühl gehabt, als würde man von einem Portschlüssel...?"
Er nickte geistesabwesend und rieb sich den linken Unterarm. Als er merkte, dass Hermione ihn beobachtete, ließ er es bleiben.
Sie verzichtete darauf, ihn deswegen anzusprechen, machte sich aber eine mentale Notiz – offenbar hatte er immer noch Probleme mit dem Dunklen Mal. Sie wusste zwar, dass es eigentlich verblassen müsste, aber viele ehemaligen Todesser noch unter ständigem Juckreiz und einem brennenden Schmerz litten. Draco Malfoy – der entgegen der Erwartungen aller Heiler geworden war –, hatte ihr einmal erklärt, sein Mal fühle sich so an wie eine schlecht verheilte Brandwunde.
„Wir können nicht mehr in Schottland sein", murmelte sie halblaut, um das etwas unangenehme Schweigen zwischen ihnen zu brechen. „Da war ja Winter und hier scheint es Frühsommer zu sein. Diese Büsche da hinten blühen", merkte sie an.
Severus hob eine Braue. „Ihnen ist bewusst, dass ich keines Ihrer beiden Anhängsel bin, denen Sie alles erklären müssen?"
Sie runzelte die Stirn und setzte zu einer giftigen Verteidigungsrede an, doch Severus hob abwehrend die Hand. „Wo auch immer wir sind – hier wachsen Pflanzen, die nur in Großbritannien vorkommen." Zur Verdeutlichung wies er auf ein mickriges, kleines Blaugrünes Sprottenkraut zu Hermiones Füßen. Die magische Pflanze war Bestandteil einiger Zaubertränke und wuchs angeblich nur in Cornwall.
Als sie sich umsah, bemerkte Hermione noch einige Pflanzen, die darauf schließen ließen, dass sie immer noch in Britannien sein müssten. Aber wie das möglich sein sollte...
Hermione war so tief in Gedanken versunken, dass sie aufschrak, als Severus plötzlich mit den Fingern schnippte.
„Was ist?", wollte sie sofort von ihm wissen.
Er schenkte ihr ein leises Lächeln. „Eigentlich nichts. Ich würde mich doch sehr wundern, wenn wir so einfach wieder zurückkämen – aber wir könnten versuchen, von hier weg zu apparieren."
Hermione sah ihn mit schräg gelegtem Kopf an und biss sich auf die Unterlippe. „Okay... versuchen könnten wir es. Wo sollen wir hin? Immerhin können wir nicht..."
„... nach Hogwarts apparieren, ich weiß", beendete der Tränkemeister ihren Satz. „Vielleicht Hogsmeade? Von dort kämen wir bequem nach Hogwarts zurück."
„Na schön... aber wir sollten Seit-an-Seit-Apparieren versuchen – nur zur Sicherheit", murmelte Hermione.
Severus grinste süffisant.
Hermione spürte, dass sie schon wieder errötete – obwohl er nichts weiter tat, als sie provokativ anzugrinsen – und sie machte ihrer Empörung mit einem gereizten Schnauben Luft (überhaupt, wusste er, dass Irma – die natürlich nicht Recht hatte! –, irgendwie doch ins Schwarze getroffen hatte?).
Schweigend trat er neben sie und reichte ihr galant den Arm, als wären sie bei einem Gala-Dinner oder einer ministerialen Veranstaltung und nicht irgendwo in der... ja, wo eigentlich?
„Dann also Hogsmeade", murmelte Severus neben ihr mit so samtiger Stimme, dass Hermione ein Schauder über den Rücken lief.
Sie unterstellte ihm glatte Absicht (der Bastard wusste um die Wirkung seiner Stimme, unter Garantie!), riss sich dann aber wieder zusammen und konzentrierte sich auf ihr Ziel, ihren Willen und apparierte dann mit Bedacht.
Oder versuchte es eher.
Denn es passierte absolut gar nichts.
Sie seufzte leise und wand ihren Arm aus Severus' Griff. „Wäre auch zu schön gewesen."
Severus sah sie mit spöttisch gehobener Braue an. „Aber, aber Hermione? So schnell wird die kleine Löwin doch wohl nicht aufgeben?"
Er schaffte es immer wieder aufs Neue, sie wütend zu machen. Sie funkelte ihn böse an, schnappte sich seinen linken Unterarm und versuchte es erneut.
Wieder funktionierte es nicht, doch diesmal war er es, der sich aus ihrem Griff wand.
Jetzt erst merkte sie, wo sie ihn festgehalten hatte.
Doch ihre Entschuldigung verließ nie ihren Mund, denn Severus sah sie so warnend an, dass sie entschied, ihm seinen Willen zu lassen. Trotzdem murmelte sie einige abwertenden Worte über starrköpfige Männer und besonders giftige Kommentare über hirnrissige Schlangen.
Severus hörte ihr Gemurmel natürlich und hatte Mühe, sein Grinsen zu unterdrücken – sie war ja so leicht ins Boxhorn zu jagen, die kleine Löwin –, als plötzlich in einiger Entfernung Schritte ertönten.
Severus und Hermione reagierten blitzschnell, ohne sich abzusprechen und doch so gut koordiniert, dass man meinen könnte, sie kämpften schon seit Jahren zusammen. Sie richteten ihre Zauberstäbe in die Richtung, aus der die Schritte kamen, standen leicht schräg zueinander und waren jederzeit in der Lage, sich gegenseitig Deckung zu geben.
Das Geraschel der Füße in trockenem Laub wurde indessen immer lauter und wenig später erspähte Severus eine kleine, schlanke Gestalt zwischen den Bäumen. Sofort zielte er mit dem Zauberstab auf den Neuankömmling.
„Bleiben Sie stehen!", forderte der Tränkemeister mit lauter Stimme, während er versuchte, sich vor Hermione zu stellen.
Hermione murrte halblaut, dass sie auf sich selbst aufpassen konnte und dass sie jetzt nichts mehr sah, aber er ignorierte die impertinente Hexe. Das hier war vielleicht nicht der richtige Zeitpunkt für Mutproben seitens der Gryffindor. Und er war nun einmal erfahrener.
Die Gestalt unter den Bäumen hielt sofort inne und hob – unaufgefordert – die Hände.
„Wer sind Sie?", fragte Hermione und schob sich ein bisschen an Snape vorbei. Der Mann war immerhin viel größer als sie und sein Rücken versperrte ihr komplett die Sicht.
„Darf ich näher kommen? Ich will Sie ja nicht anschreien", antwortete die Gestalt unter den Bäumen mit männlicher, wenn auch piepsiger Stimme.
Severus machte mit der freien Linken eine herrische Bewegung und der Mann trat zwischen den Eichen hervor, näherte sich den beiden Professoren mit langsamen, umsichtigen Schritten und blieb schließlich in etwa drei Metern Entfernung stehen.
Severus und Hermione musterten ihn eine Weile schweigend. Vor ihnen stand ein Mann, der durch und durch menschlich aussah. Er schien alt zu sein, auch für Zauberermaßstäbe.
„Er sieht aus wie Dumbledore – nur kleiner", murmelte Hermione kaum hörbar neben Severus.
Der Zaubertränkelehrer spürte einen schmerzhaften Stich in der Magengrube bei der Erinnerung an seinen alten Mentor, aber er musste Hermione Recht geben. Der Kerl vor ihnen trug zwar nur einen kurzen schlohweißen Bart und war zwei Köpfe kleiner als Severus – und damit einen halben Kopf kleiner als Hermione –, aber sein Kleidungsstil hätte Albus sicher gefallen.
Der alte Mann deutete eine kleine Verbeugung an. „Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle. Mein Name ist Enrico, ich bin der Älteste im Rat der Bücherwürmer."
Aus dem Augenwinkel sah Severus, wie Hermione der Unterkiefer herunterfiel. Er selbst musste seine langjährigen Erfahrungen als Spion aufwenden, um absolut regungslos zu bleiben.
„Tatsächlich?", hakte er leise nach. „Laut der uns vorliegenden Beschreibungen sehen Bücherwürmer anders aus."
Enrico lächelte ihn mit funkelnden Augen an, die ihn schmerzlich an Albus erinnerten. „Dessen bin ich mir durchaus bewusst, Professor Snape."
„Sie kennen ihn?", fragte Hermione erstaunt, als sie ihre erste Verblüffung überwunden hatte.
„Aber selbstverständlich kenne ich Professor Severus Snape! Immerhin ist er schon seit einiger Zeit Lehrer in Hogwarts und er war ein Freund Dumbledores, nicht wahr?", erwiderte Enrico freundlich, mit einem Tonfall als plaudere er über seinen letzten Theaterbesuch.
Severus richtete sich kerzengerade auf. Warum erinnerte ihn alles hier an Dumbledore? Seit Jahren versuchte er, mit seinem Schmerz über den Mord an seinem alten Freund klarzukommen, hauptsächlich, indem er ihn einfach ignorierte. Was sollte das hier? War das sein persönlicher Alptraum?
„Oh, Sie kennen wir hier selbstverständlich auch, Professor Granger", fuhr Enrico nach einem prüfenden Blick in Severus' Gesicht fort. Der Tränkemeister hätte aus Stein gemeißelt sein können.
„Aber... woher denn?", fragte Hermione und ließ langsam den Zauberstab sinken. „Wo sind wir hier überhaupt?"
„Ah, ja, lassen Sie mich erklären", meinte Enrico gut gelaunt und ließ sich nicht davon stören, dass Severus seinen Zauberstab nicht um einen Millimeter senkte.
Der alte Bücherwurm schnalzte mit der Zunge. „Wo fange ich am besten an? Ach ja, Sie beide haben hier selbstverständlich nichts zu befürchten. Dieser Ort ist absolut sicher."
„Und was ist mit Ihnen?", bohrte Hermione nach, den Zauberstab wieder auf Enrico gerichtet, wenn auch halbherzig.
„Oh, ich würde doch nicht das Gastrecht verletzen und Ihnen beiden Schaden zufügen, nicht wahr?", erwiderte Enrico milde und glättete seine weinrote, grellbunt bestickte Robe.
Er ignorierte Severus' und Hermiones Zauberstäbe und setzte sich auf eine kleine Steinbank, die neben dem Marmorbrunnen stand. „Ich versichere Ihnen, dass niemand in der Buchwelt Ihnen ein Leid zufügen wird."
Severus hob die linke Braue um zwei Millimeter. „Buchwelt?"
Enrico nickte gut gelaunt. „Sie befinden sich gegenwärtig in der Buchwelt, ja. Oh, da fällt mir ein: Herzlich Willkommen!"
Hermione trat neben ihm von einem Fuß auf den anderen. „Buchwelt? Warum haben wir noch nie davon gehört?"
„Und wie kommen wir wieder von hier weg?", fügte Severus hinzu, Hermiones Frage interessierte ihn zwar auch, aber nicht ganz so brennend wie seine eigene.
„Professor Granger, die Existenz der Buchwelt ist Ihnen bisher vermutlich entgangen, weil es eine sehr stille Welt ist", erklärte Enrico und hob wie zur Entschuldigung eine Hand. „Wir wollen nicht gesehen werden und werden daher meistens auch nicht gesehen. Um Ihnen das genauer darlegen zu können, müsste ich aber weiter ausholen und ich bezweifle, dass Professor Snape hier seine Ungeduld noch lange zügeln kann."
Enrico wandte den Oberkörper leicht, damit er Severus geradeheraus betrachten konnte. „Sie können in Ihre eigene Welt zurückkehren, indem Sie apparieren", erklärte er liebenswürdig und neigte dabei den Kopf ein wenig.
„Das geht nicht! Was, glauben Sie, haben wir direkt nach unserer Ankunft hier versucht?", knurrte Severus, senkte jetzt jedoch den Zauberstab ein wenig. Er hatte gelernt, seinem Gefühl zu vertrauen, und sein Gefühl sagte ihm, dass dieser Mann – Wurm? – die Wahrheit sagte.
Enrico ließ sich von Severus' harscher Art nicht abschrecken. „Aber selbstverständlich können Sie hier nicht apparieren", erwiderte der Bücherwurm nachsichtig, wie ein netter Onkel zu seinem begriffsstutzigen Neffen.
„Die Grenzen von Hogwarts?", flüsterte Hermione plötzlich und stellte sich endgültig neben Severus. Enrico konnte nicht besonders gefährlich sein, wenn Severus den Zauberstab senkte. Hermione merkte, wie sehr sie Severus' Urteil vertraute, verscheuchte den Gedanken aber schnell wieder. Das hier war nicht der richtige Zeitpunkt, um sich über das eigene Gefühlsleben Gedanken zu machen.
Als Enrico nickte, packte sie Severus am Arm. „Wir sind immer noch in Hogwarts, Professor! Wir müssen irgendwie vom Schulgelände runter, um in unsere Welt..."
„Und da", meinte Severus zynisch, verzichtete aber darauf, sich von ihr loszureißen, „liegt ja der Hippogreif begraben, Granger! Wie sollen wir bitteschön aus Hogwarts raus, wenn wir in einer eigenständigen, kleinen Welt innerhalb von Hogwarts festsitzen?"
Gleichzeitig wandten sie sich wieder an Enrico.
Der lächelte ein bisschen verträumt und sah einem Schmetterling hinterher, ehe er seine Aufmerksamkeit wieder den beiden Menschen vor sich zuwandte. „Das dürfte kein Problem sein. Von hier aus können wir Sie in jedes Bücherregal dieser Welt bringen. Von dort aus kommen Sie wieder in Ihre eigene Welt und nach Hogsmeade."
„Sie kennen Hogsmeade?", echoten Hermione und Severus unisono.
Jetzt grinste Enrico offen. „Ob man es glaubt oder nicht, auch Madam Rosmerta besitzt ein Bücherregal."
Severus und Hermione tauschten Blicke. Severus sah der jungen Hexe an, dass sie völlig und absolut fasziniert war von dieser Welt, die sie beide da gerade zufällig entdeckt hatten. Und er musste sich eingestehen, dass es ihm ebenso ging.
Enrico erhob sich recht geschmeidig für sein Alter und deutete mit einer eleganten Geste auf den Wald, in dem sie sich befanden. „Nun, was halten Sie beide von einer Führung durch unsere Welt? Ich bin gerne bereit, Ihnen Ihre Frage zu beantworten. Wir müssen ohnehin ein Stückchen gehen, bis wir zu einem Portal kommen, das Sie wieder in Ihre Welt bringen kann. Außerdem", fügte Enrico mit einem schelmischen Lächeln hinzu, „sind Sie doch nicht zufällig hier, oder?"
„Ähm, nein", meinte Hermione. Sie warf Severus einen Blick zu.
Er nickte kaum merklich. Wie die Reaktion des Bücherwurmes ausfallen würde, wenn er erfuhr, warum sie hier waren – oder eher, was sie hatten tun wollen, ehe sie hierher befördert worden waren –, wusste er nicht. Es konnte unerfreulich werden. Trotzdem schien es ihm unklug, nicht ehrlich mit diesem Bücherwurm zu sein.
„Wir... das ist eine etwas längere Geschichte", meinte Hermione. „Und bevor ich sie Ihnen erzähle, muss ich etwas wissen."
„Nur zu, fragen Sie", Enrico nickte ermutigend.
Hermione räusperte sich. Plötzlich wirkte sie nervös, was Severus ihr nicht verdenken konnte. Diese Frage konnte durchaus als Beleidigung aufgefasst werden oder... Er fasste seinen Zauberstab fester. „Zerstören Sie Bücher?"
Enrico zuckte kurz zusammen und verzog das Gesicht, als hätte er in etwas Saures gebissen. Dann lächelte er Hermione jedoch wieder so freundlich an wie zuvor.
„Nein, Professor Granger. Wir zerstören keine Bücher. Wir restaurieren sie."
Hermione sah Severus mit großen Augen an. „Dann hatte Xenophilius Lovegood doch Recht!"
„Oh, Sie kennen Xeno?", warf Enrico ein. „Ein netter Bursche, natürlich ein völlig hoffnungsloser Fall, aber mit dem Herz am rechten Fleck."
Hermione war nicht wirklich geneigt, ihm da vorbehaltlos zuzustimmen, immerhin hatte Lovegood Harry, Ron und sie seinerzeit an die Todesser verraten – wenn auch, um Luna zu retten.
Sie ahmte daher Severus nach, setzte ein möglichst nichtssagendes Gesicht auf und übte sich in Schweigen.
Enrico merkte wohl, dass er keine Antwort erhalten würde, denn er zuckte mit den Schultern und machte ein paar Schritte in die Richtung, aus der er ursprünglich gekommen war. „Warum machen wir uns nicht auf den Weg zu einem Bücherregal? Unterwegs können Sie mir sagen, wie Sie zu dieser... ähm, Fehlannahme gekommen sind – obwohl, nein, ich weiß es. Sie haben die alten Aufzeichnungen über Bücherwürmer gelesen, nicht wahr?"
Hermione und Severus tauschten noch einen kurzen Blick, dann folgten sie dem Bücherwurm. Hermione steckte nach einem kurzen Zögern sogar ihren Zauberstab weg. Sie musste sich nicht zu ihm umdrehen, um zu wissen, dass Severus – paranoider Ex-Spion – den Zauberstab immer noch bei der Hand hatte.
„Wir wurden von unserer Bibliothekarin informiert, dass wir in der Bibliothek einen Bücherwurmbefall hätten", erzählte Severus knapp, während er dicht hinter Enrico herging.
Sie erreichten die Bäume und tauchten in die Schatten ein. Hermione fühlte sich dort sofort wohler als auf der kleinen Lichtung, denn in der Bücherwelt war es recht warm, und sie hatte angefangen, in ihren Lehrerroben zu schwitzen.
Enrico seufzte leise. „Das Los eines Bücherwurms, fürchte ich."
Hermione runzelte die Stirn. „Wie meinen Sie das?"
Er warf ihr ein Lächeln über die Schulter zu. „Professor Granger, wir haben ein Stück weit zu gehen, also werde ich Ihnen unsere ganze Geschichte erzählen, wenn Sie einverstanden sind."
Severus und Hermione nickten. Sie folgten dem kleinen Bücherwurm, der sie einen ausgetretenen Trampelpfad entlang führte.
„Ich nehme an, dass Sie den Ausspruch ‚Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt' kennen?", setzte Enrico an.
„Das ist ein arabisches Sprichwort und...", erwiderte Hermione sofort, verstummte jedoch augenblicklich, als sie merkte, dass Severus leise grinste.
„Was?", wollte sie von ihm wissen.
Er grinste breiter. „Sie können es immer noch. Eine Alleswisserin wie sie leibt und lebt."
„Ach ja?", schoss Hermione zurück, grinste aber auch. „Sehen Sie sich den an, der das sagt!"
Als Enrico dezent hüstelte, wandten sie ihm wieder ihre Aufmerksamkeit zu.
„Sie beide sind ein reizendes Pärchen", sagte Enrico mit einem sanften Lächeln.
Sofort wollte Hermione auffahren und sie sah, dass es Severus da nicht anders ging, aber Enrico sah sie mit einem dumbledore'schen Funkeln in den Augen an und ließ sie beide verstummen.
„Wie dem auch sei", fuhr Enrico fort, als wäre nichts gewesen. „Dieses Sprichwort – Professor Granger hat übrigens Recht, es stammt aus dem arabischen Raum –, trifft die Wahrheit ziemlich genau. Wenn ein Buch ein Garten ist, dann sind wir die Gärtner. Wir leben in Büchern."
„Und Sie restaurieren sie?", wiederholte Hermione neugierig. Sie bemühte sich, nicht zu Severus zu schauen, der ziemlich blass neben ihr her ging, schwieg und wachsam den Eichenwald im Auge behielt. Wenn das hier ein Garten sein sollte, dann war es ein verdammt großer. Und ein verwilderter noch dazu...
„Das ist unsere Aufgabe, ja. Wir reparieren brüchiges Pergament, kümmern uns um kaputte Einbände, erneuern die Leimung, entfernen Stockflecken, verjagen Ungeziefer und sorgen ganz allgemein einfach dafür, dass Bücher auch nach fünfhundert Jahren noch lesbar sind."
Enrico warf Hermione einen Seitenblick zu. „Sie haben doch wohl nicht gedacht, dass die alten Buchbestände von Hogwarts von alleine so gut erhalten sind?"
„Ähm, offen gestanden... habe ich mir darüber noch nie Gedanken gemacht", gestand Hermione verlegen. „Und wenn doch, dann habe ich immer angenommen, dass Zauber dafür..."
„Papperlapapp, Zauber! Alles Handarbeit unserer Restaurateure", unterbrach Enrico sie. „Hogwarts ist unsere Zentrale, verstehen Sie? Als größte magische Bibliothek ist die von Hogwarts der ideale Ausgangspunkt für uns. Ah, da wären wir."
Urplötzlich verließen sie den Wald. Sie traten aus dem Schatten der Bäume auf eine freie Fläche voller Gras, Blumenbeete und niedriger Hecken, die kunstvoll zugeschnitten waren. Hier waren sie auch nicht mehr alleine.
Wesen, die aussahen wie gewöhnliche, in schlichte schwarze Roben gekleidete Menschen, aber Bücherwürmer waren, schlenderten in Dreiergruppen umher, manche saßen im Gras und plauderten, andere schienen hitzig zu diskutieren, wieder andere teilten sich freundschaftlich eine Tafel Schokolade.
Schokolade?
Hermione blinzelte, dann sah sie genauer hin. Doch, der junge Mann – Bücherwurm – brach gerade eindeutig ein Stück Schokolade von einer Tafel und reichte es seinem Nachbarn.
Enrico, der ihrem Blick gefolgt war, lächelte. „Unser aller Schwäche, fürchte ich", seufzte er und tätschelte seinen Bauch. „Schokolade. Schafft schreckliche Flecken in Büchern, das kann ich nicht leugnen, aber sie ist so... gut."
„Dann sind das hier alles Bücherwürmer?", wollte Hermione wissen.
„Jaah. Sie beide sind unsere ersten Gäste seit... lieber Himmel, das müssen jetzt einige Jahre sein. Dumbledore kam kurz vor seinem Tod noch einmal hierher", sinnierte Enrico und nickte einem Trio Bücherwürmer, das sie passierte, freundlich zu.
Severus richtete sich neben Hermione auf. Sie warf ihm einen besorgten Blick zu, aber er weigerte sich, sie anzusehen und starrte stur geradeaus.
„Dumbledore war hier?", fragte sie bei Enrico nach. „Aber... warum weiß dann in Hogwarts niemand von Ihnen? Wir dachten, Sie wären...ähm Schädlinge."
„Ein recht verbreitetes Missverständnis, ja. Dumbledore war ein guter Freund der Bücherwürmer, müssen Sie wissen. Ein guter Freund von mir." Enrico verstummte und hing für ein paar Minuten seinen Erinnerungen nach, während sie den parkähnlichen Teil der Buchwelt durchquerten.
„Wir erreichen jetzt unsere Schaltzentrale", sagte er plötzlich, als sie eine hohe Mauer aus alten Bruchsteinen erreichten. „Von dort aus können wir in jedes Buch der Welt gelangen, um es zu restaurieren. Bitte erschrecken Sie nicht, die Dimensionen unserer Schaltzentrale können etwas einschüchternd sein."
Mit einer galanten Geste öffnete Enrico das mit Schnitzereien verzierte Holztor in der Mauer und winkte Hermione und Severus durch.
Hermione hielt mitten im Schritt inne. Die Halle, die sie gerade betreten hatte, übertraf alles, was sie bisher gesehen hatte. Sie erstreckte sich in alle Richtungen, weiter als sie schauen konnte. Die weißliche Decke war hoch, sie konnte nicht schätzen, wie hoch genau, aber es waren auf jeden Fall mehr als zwanzig Meter. Das Faszinierende war aber, dass keine Säulen die Decke trugen, sie schien zu schweben.
Außerdem war es taghell, obwohl Hermione keine Lichtquelle entdecken konnte. Vermutlich die Decke, dachte sie und warf einen kurzen Blick nach oben.
Im Gegensatz zur hellen Decke bestand der Boden zu ihren Füßen aus schwarzem Marmor, der von weißen Adern durchzogen war. Die Halle hatte keine Einrichtung, wenn man einmal von den unzähligen Torbögen absah, die frei im Raum standen und die Hermione an den Schleier in der Mysteriumsabteilung erinnerten.
Bücherwürmer – immer noch in Dreiergruppen – gingen durch die Halle, manche näherten sich den Bögen und durchschritten sie sogar. Andere wiederum tauchten aus den Bögen auf.
„Atemberaubend", murmelte sie schließlich.
Enrico nickte mit einem bescheidenen Lächeln. „Wir sind sehr stolz auf unsere Welt."
Severus machte eine knappe Bewegung mit der Hand zu dem Torbogen, der ihnen am nächsten war. „Was hat es mit diesen Bögen auf sich?"
„Das sind die Tore zu den Bücherregalen. Sie können sich vermutlich vorstellen, welch hohe Anzahl an solchen Portalen erforderlich ist, um jedes magische Bücherregal dieser Welt versorgen zu können", erklärte Enrico.
Schweigend beobachteten sie, wie eine Gruppe Bücherwürmer aus einem Torbogen auftauchte. Diesmal waren es drei Frauen, die plaudernd an ihnen vorbeizogen, Enrico mit einem „Hallo Sir" und Severus und Hermione mit einem freundlichen Nicken und einem neugierigen Blick begrüßten.
„Es sind immer drei", beobachtete Severus und sah zu, wie die nächste Gruppe durch einen Torbogen verschwand.
„Und einer ist immer viel kleiner als die anderen", fügte Hermione hinzu.
„Sie beide haben eine gute Beobachtungsgabe", meinte Enrico mit einem höflichen Lächeln. „Kommen Sie mit mir, wir suchen uns ein Bücherregal, das für unsere Zwecke angemessen ist."
Enrico führte sie nach links.
Als Hermione nach links blickte, sah sie immer noch die graue Steinmauer, die auch den Garten abgegrenzt hatte, aber rechts von ihr, vor und hinter ihr konnte sie kein Ende der Halle entdecken.
„Was hat es mit der Würmchengestalt auf sich?", wandte sie sich an ihren Bücherwurmbegleiter.
Der sah sie mit einem Schmunzeln an und zuckte mit den Schultern. „Unser Los. Wenn wir die Buchwelt verlassen, sind wir dazu verdammt, als kleine grüne Würmer durch die Gegend zu kriechen. Wer auch immer uns einmal geschaffen hat, hatte einen ziemlich kruden Sinn für Humor, wenn Sie mich fragen."
„Und wer hat Sie geschaffen?", hakte Severus nach.
Hermione warf ihm einen kurzen Blick zu. Er war nicht mehr so blass wie vorhin, bei der Erwähnung Dumbledores. Das war gut. Sie wusste, dass Dumbledores Tod ihn immer noch mitnahm, und sie machte sich Sorgen.
Wieder zuckte Enrico mit den Schultern. „Das wissen wir nicht. Uns gibt es schon, seit es Bücher gibt. Mit dem Erscheinen des Buches in Kodexform erschienen auch wir." Enrico lächelte frech. „Das hat man mir zumindest so gesagt. So alt bin ich nicht."
Hermione lächelte ihn an. „Dann hat Irma also vorhin ein paar von Ihnen gesehen, die die Buchwelt verlassen haben. Sie hielt die drei für Schädlinge und hat uns informiert."
„Ich nehme an, Sie wollten Ihre Bibliothek mit einem Schädlingszauber von uns...ähm, befreien?", schloss Enrico mit gerunzelter Stirn.
„In der Tat", murmelte Severus trocken. „Was nicht funktioniert hat", fügte er hinzu.
Hermione konnte ihr breites Grinsen nicht unterdrücken. „Zehn Punkte von Slytherin..."
„... für das Feststellen von etwas Offensichtlichem", schloss Severus und sah sie mit funkelnden Augen an.
Sie hatte den Eindruck, irgendwer zöge ihr den Boden unter den Füßen weg. Warum hatte sie sich früher so vor diesen glitzernden Augen gefürchtet? Und warum wurde sie jetzt so davon angezogen, verdammt?
Enrico tat, als hätte er ihr Geplänkel nicht bemerkt. „Sehen Sie, darin lag das Problem. Sie wollten Schädlinge vernichten. Unsere ureigene Magie schützt uns vor solchen Zaubern. Für gewöhnlich werden die betreffenden... ähm, Übeltäter einfach in unsere Welt gezogen, wo sie uns dann treffen. Wenn wir in der Lage sind, den wahren Sachverhalt zu schildern, sind meistens keine weiteren Maßnahmen mehr nötig und unsere Gäste werden wieder in ihre eigene Welt gelassen."
„Meistens?", wiederholte Severus skeptisch und sah Enrico mit hochgezogener Braue an.
„Nun", meinte der Angesprochene schulterzuckend, „es kommt immer wieder vor, dass jemand sich als Feind der Bücherwürmer herausstellt. Dann müssen wir entsprechende Maßnahmen ergreifen."
Hermione schauderte, als sie das hörte. Plötzlich klang Enrico nicht mehr wie der liebe Opa, als der er sich ihnen präsentiert hatte, sondern wie ein entschlossener Kämpfer, der vor nichts zurückschrecken würde.
„Und woher wissen Sie, dass wir keine Feinde der Bücherwürmer sind?", bohrte Severus nach.
Das breite Grinsen, das sich jetzt auf Enricos Gesicht zeigte, ließ den gefährlichen Eindruck wieder schwinden und den lieben, gütigen und großväterlichen Bücherwurm zurückkehren.
„Sie beide als Feinde der Bücherwürmer?", lachte er. „Ich bitte Sie! Severus Snape, der Mann mit der größten Privatbibliothek in ganz Schottland, und Hermione Granger, die schon im zarten Alter von elf alles in der Hogwartsbibliothek verschlungen und mit dem allergrößten Respekt behandelt hat? Ich fürchte, wenn wir Sie beide zu unseren Feinden rechnen müssen, können wir gleich einpacken!"
„Sie haben uns beobachtet?", fragte Hermione. „Dass Sie das alles wissen?"
Enrico zuckte nonchalant mit den Schultern. „Wenn Sie in einem Raum voller Bücher sind, sind Sie wahrscheinlich nicht alleine, Professor Granger. Wir sind meistens da."
„Wie viele von Ihnen gibt es auf der Welt?", stellte Severus die Frage, die Hermione auf der Zunge gelegen hatte.
Doch hier presste Enrico die Lippen aufeinander. „Zu wenige."
Mit einem Ruck straffte er sich. „Folgen Sie mir einfach weiter, dann werden Sie verstehen, was ich meine."
Damit ging er einfach weiter.
Hermione warf Severus einen fragenden Blick zu, doch er zuckte nur mit den Schultern und folgte dem Bücherwurm.
