Ein ganz liebes Danke an Jojo92, Natalie und Franzii93, die mir ein Review dagelassen haben!!


Sunrise

by CarpeDiem

Chapter two: Trommelwirbel

2

Die Regentropfen zogen lange Schlieren an den Scheiben von Edwards Volvo, während sich der Wangen über die gewundenen Waldstraße schlängelte. Ich starrte hinaus in den Regen und sah die grünen Bäume im trüben Tageslicht an uns vorbei rauschen. Die Landschaft veränderte sich kaum, auch hier war alles von grünem Wald bedeckt. Gelegentlich fuhren wir durch eine kleine Stadt oder eine Ortschaft, aber den größten Teil der bisherigen Strecke hatten wir unter einem grünen Blätterdach hinter uns gebracht. Fast hatte ich den Eindruck, dass alles immer grüner wurde, aber ich war mir ziemlich sicher, dass ich mir das nur einbildete. Grüner, als in Forks, konnte es nirgends sein.

Der Scheibenwischer bewegte sich unablässig über die Windschutzscheibe, und das Trommeln der dicken Regentropfen überdeckte das leise Surren des Motors mit Leichtigkeit.

Als ich heute Morgen die Augen aufgeschlagen hatte, hatte mich das gleichmäßige Geräusch des Regens, der draußen auf mein Fensterbrett prasselte, bereits begrüßt, und mich von da an den ganzen Tag über begleitet. Es war monoton und beruhigend gewesen, und immer wenn ich mein Zimmer verlassen hatte, um meine sämtlichen Gegenstände im Haus zusammen zu suchen, hatte es mir gefehlt. Es hatte meine schleichende Panik überdeckt, aber es war auch wie ein Trommelwirbel gewesen, der unaufhaltsam immer schneller geworden war.

Es hatte mich überrascht, wo im Haus ich überall meine Sachen verteilt hatte, aber im Großen und Ganzen hatte ich nicht sonderlich lange gebraucht, um alles in meinen Koffer zu packen. Es war kaum mehr, als ich dabei gehabt hatte, als ich in Forks angekommen war. Zwei Jahre waren seitdem vergangen, und mit einem Mal fragte ich mich, wie die Zeit so schnell hatte vergehen könne, ohne dass ich es bemerkt hatte. So viel hatte sich in diesen zwei Jahren in meinem Leben geändert. Doch obwohl ich so lange Zeit in Forks gewesen war, sah das Haus, nachdem ich gepackt hatte, wieder so aus, als wäre ich niemals hier gewesen. Ich hatte Forks gehasste, und nun hasste ich es, ihm den Rücken zu kehren.

Heute war zwar Mittwoch gewesen, aber Charlie hatte sich freigenommen, und so war er den ganzen Tag zu Hause gewesen und hatte mir dabei zugesehen, wie ich alle sichtbaren Beweise meines Lebens bei ihm systematisch vernichtet hatte.

Zum Mittagessen hatte ich Lasagne gemacht, aber ich hatte wie beim Frühstück kaum einen Bissen hinunter bekommen. Die ganze letzte Woche hatte ich Dinge gekocht, die ich noch ein letztes Mal essen wollte, bevor sie mir nie wieder schmecken würden. Es war seltsam sich das vorzustellen. Ich hatte viele Dinge in dieser Woche zum letzten Mal gemacht. Ich war das letzte Mal mit Angela, Ben, Jessica und Mike in Port Angeles im Kino gewesen und ich war das letzte Mal mit Jake Motorrad gefahren.

Ich hatte geplant Jake nach meiner Hochzeitsreise anzurufen, um mich von ihm zu verabschieden. Ich wusste, warum er nicht zu meiner Hochzeit gekommen war, und ich konnte das verstehen, aber ich hatte gehofft, dass er am Telefon mit mir reden würde, denn ich hätte es nicht ertragen können mich nicht von ihm zu verabschieden. Trotzdem war ich mir sicher gewesen, dass ich es nicht fertig bringen würde, wenn ich ihm dabei ins Gesicht hätte sehen müssen. Er war meine Sonne gewesen, als meine Welt in Dunkelheit versunken war. Ich liebte ihn, und diese Gewissheit war noch immer kaum zu ertragen.

Während er sich von seinen Verletzungen nach dem Kampf erholt hatte, war ich ihn jeden Tag besuchen gekommen, und so lange er ans Bett gefesselt gewesen war, war er immer zu Hause gewesen. Doch sobald Carlisle ihm erlaubt hatte aufzustehen, und vor allem in seine Wolfsform zu wechseln, hatte ich ihn nicht mehr zu Gesicht bekommen. Immer wenn ich versucht hatte ihn zu erreichen, hatte mir Billy gesagt, dass Jake gerade unterwegs wäre und er nicht wüsste, wann er zurück sein würde. Jacob war mir aus dem Weg gegangen und das gründlich. Ich machte weder Billy noch ihm deswegen Vorwürfe und ich ertrug den Schmerz, den es mir bereitet hatte, von ihm getrennt zu sein ohne mich dagegen zu wehren, denn ich hatte es verdient. Ich war es gewesen, die Jake diese Verletzungen zugefügt hatte, und sie schienen um ein Vielfaches langsamer zu heilen, als es die körperlichen Wunden getan hatten. Ich vermutete, dass er deswegen so viel Zeit als Wolf verbrachte, denn so war der Schmerz für ihn vermutlich leichter zu ertragen.

Ich hatte diese Fluchtmöglichkeit nicht, und obwohl Edward immer an meiner Seite war und mir die Schmerzen, an denen er überhaupt keine Schuld trug, zu nehmen versuchte, schaffte er es nicht. Wieder spürte ich dieses Loch in meiner Brust, kleiner und weniger qualvoll, als das, das Edward damals hinterlassen hatte, doch es war da, und ich wusste, dass es nie wieder verschwinden würde. Trotzdem war es zu ertragen. Und ich ertrug es.

Mein Blick wanderte wie so oft in letzer Zeit vollkommen selbstverständlich zu meinem Armband, und blieb an der kleinen Schnitzerei hängen. Der kleine Wolf war das einzige, das ich für eine verdammt lange Zeit von Jacob sehen würde, doch es genügte jedes Mal, um den Ekel vor mir selbst ans Tageslicht zu bringen. Ich wünschte nur es gäbe einen Weg Jacob den Schmerz zu nehmen, denn es war nicht fair, dass er für etwas litt, dass ich verursacht hatte.

Da die Hochzeitsreise verschoben worden war, hatte ich mit einem Mal einen ganzen Tag viel zu viel Zeit zur Verfügung gehabt, und ich hatte Jacob vorgestern angerufen, mit der Absicht einfach nur seine Stimme zu hören. Ich wusste, es würde die Dinger schlimmer machen, aber meine Finger hatten seinen Nummer wie von selbst gewählt. Jake war zu Hause gewesen. Er hatte sich für sein Fehlen bei meier Hochzeit entschuldigt, im Nachhinein war es ihm kindisch vorgekommen, aber ich hatte ihm keine Vorwürfe gemacht. Als er gefragt hatte, ob ich den Tag mit ihm verbringen würde, hatte ich zugestimmt und so waren wie ein letztes Mal zusammen gewesen, als beste Freunde und keiner hatte auch nur mit einem Wort die Zukunft oder die Vergangenheit erwähnt.

Obwohl ich gewusst hatte, dass Charlie und Edward mich umbringen würden, hatten wir die Motorräder auf meinen Transporter geladen, und waren zu den Klippen gefahren. Wir waren wirklich sehr langsam gefahren, aber es hatte gereicht, um den Wind in meinen Haaren zu spüren, und mich meine Sorgen für ein paar Stunden vergessen zu lassen. Jacob war immer noch meine Sonne, die mit ihren Strahlen alle dunklen Wolken durchdrang, und ich glaubte auch, dass es mir gelungen war ein paar seiner Wolken zu vertreiben. Trotzdem hatte Jacob es nicht den ganzen Tag lang geschafft den traurigen Glanz in seinen Augen - es war der gleiche, wie in Edwards Augen - zu verbergen, und immer dann hatten mich die Gegenwart, der Schmerz und die Angst, wieder für ein paar Momente eingeholt.

Zum Abschied hatte Jake mich umarmt, aber er hatte nicht versucht mehr von mir zu verlangen. Ich wusste, dass es ein Fehler gewesen war zu ihm zu fahren, als ich die Fahrertür meines Transporters geschlossen hatte. Ich hatte es in seinen Augen gesehen, ich hatte alles nur noch schlimmer gemacht.

Doch der Schmerz war immer mehr der Angst gewichen.

Jeder hat sich schon einmal gefragt, ob es einem lieber wäre, eine Woche vor seinem Tod zu erfahren, dass man stirbt und die letzte Woche seines Lebens in diesem Wissen zu verbringen und sich von allen verabschieden zu können, oder einfach mitten im Leben tot umzufallen. Die Vorstellung sich von niemandem verabschieden zu können war zwar grauenvoll, aber eindeutig dem Wissen und der Angst genau zu wissen wann es vorbei war, vorzuziehen. Dieses Wissen brachte mich nämlich langsam um den Verstand, und die Angst raubte mir die Möglichkeit meine letzten Tage als Mensch genießen zu können. Und mittlerweile wünschte ich mir, dass Edward mich nicht gerettet hätte, nachdem James mich damals gebissen hatte.

Charlie kam ebenfalls nicht besonders gut damit zu Recht, dass ich ihn und Forks verlassen würde. Er hatte sich immer noch nicht an den Gedanken gewöhnt, dass ich und Edward jetzt verheiratet waren und es gefiel ihm nicht, dass ich nach Alaska ziehen würde. Er wollte zwar, dass ich aufs College ging, aber es wäre ihm lieber gewesen, wenn das College zu mir gekommen wäre, und ich nicht hätte ausziehen müssen. Es hatte ihn damals sehr gefreut, dass ich zu ihm gezogen war, und obwohl es nicht immer einfach gewesen war, hatte ihm das Zusammenleben mit mir sehr viel bedeutet. Ich liebte Charlie und ich hatte ihn in der Vergangenheit zu oft meinetwegen in Gefahr gebracht, und ich tröstete mich mit der Gewissheit, dass er ohne mich sicherer wäre. Es war mir sehr schwer gefallen mich wieder aus seiner Umarmung zu lösen und ich hatte es nicht geschafft die Tränen zurückzuhalten, als ich mich an der Tür von ihm verabschiedet hatte. Wenn er gewusst hätte, wohin ich tatsächlich ging, und wie lange es dauern konnte, bis wir uns wieder sahen, hätte er mich nicht gehen lassen, da war ich mir sicher.

Aber ich hoffte, dass es nicht allzu lange dauern würde, bis ich nach Forks zurückkehren konnte. Ich würde versuchen so schnell ich konnte die Kontrolle über meinen Durst zu erlangen, und mit etwas Glück wäre ich in der Lage, ihn bald zu besuchen, anstatt mir bis zu seinem Tod zu jedem Familienfest und Geburtstag eine Ausrede ausdenken zu müssen. Aber ich wusste, dass das Jahre dauern konnte, und ich würde mich denen, die ich liebte, erst wieder nähern, wenn ich mir sicher war, dass ich sie nicht verletzen würde. Der Gedanken daran, dass ich Charlie oder Renée etwas antun könnte, ließ mich frösteln. Zu gerne hätte ich mich damit beruhigt, dass ich sie liebte, und sie deshalb nie verletzen würde, aber ich wusste, dass ich das nicht konnte.

Seit ich Bree gesehen hatte, hatte ich begriffen, dass ich trotz allem ein Monster werden würde. Diese Neugeborene, die sich während des Kampfes gegen Viktoria gestellt hatte, war für mich wie ein Blick in einen Spiegel gewesen. Sie war mehrere zehn Meter von mir entfernt gestanden, aber sie hatte sich kaum beherrschen können. Allein der Geruch meines Blutes hatte sie in den Wahnsinn getrieben und mir war zum ersten Mal wirklich klar geworden, wie viel Kontrolle jeder Vampir, aber vor allem Edward, aufbringen musste, um nur mit mir im gleichen Zimmer zu sein und mich nicht augenblicklich zu töten. Aber selbst nachdem ich wusste, was aus mir werden würde, war ich noch bereit ein Vampir zu werden - ein Monster zu werden. Ich hatte unglaubliche Angst davor, aber ich wusste, dass Edward immer an meiner Seite sein würde, und dieses Wissen linderte meine Angst auf ein erträgliches Maß. Ich vertraute ihm. Er würde nicht zulassen, dass mich mein Durst zur Mörderin machte.

Ich hatte mich entschieden, ich würde lieber meine Seele dem Teufel überlassen und die Ewigkeit mit Edward verbringen, als ein Mensch zu blieben, zu altern, während Edward ewig jung blieb, und dann nach vielleicht 70 gemeinsamen Jahren mit ihm zusammen zu sterben.

Edward bewegte seine Hand, und damit auch meine, zum Schalthebel, und riss mich aus meinen Gedanken. Unsere Finger waren seit wir eingestiegen waren miteinander verflochten - meine Hand unter seiner. Wir schalteten einen Gang runter und ich konnte durch den Regen erkennen, dass wir durch eine kleine Stadt fuhren. Ich hatte überhaupt nicht bemerkt, dass es draußen Dunkel geworden war, aber es musste bereits mitten in der Nacht sein. Die Straßen waren wie ausgestorben und die Laternen zu beiden Seiten waren beinahe die einzigen Lichter in der Dunkelheit. Ein Blick auf die Uhr am Armaturenbrett bestätigte meine Vermutung, es war zwei Uhr morgens. Edward fuhr viel zu schnell über die nasse Straße, und ich hielt mich davon ab auf die keine Nadel zu sehen, um zu wissen, wie schnell genau wir waren. Bei jedem anderen Fahrer hätte ich Angst gehabt, dass der Wagen ins Schleudern geraten würde, aber nicht bei Edward. Nicht mehr. Außerdem war ich mit meinen Gedanken immer noch woanders.

Edward drehte den Kopf zu mir und schenkte mir ein liebevolles Lächeln und wartete bis ich es ansatzweise erwiderte, erst dann sah er wieder auf die Straße. Ich gähnte und Edwards Lächeln wurde zu einem Grinsen.

„Schlaf ein paar Stunden", schlug er vor und schaltete mit meiner Hand wieder einen Gang nach oben. Wir hatten die kleine Stadt wieder verlassen, und das einzige Licht auf der dunklen Straße waren die Scheinwerfer des Volvos.

„Und träum etwas Schönes", fügte er mit einem weiteren Lächeln hinzu, aber selbst im dunklen Inneren des Wagens konnte ich die Schatten sehen, die sich über sein Gesicht legten. „Wir werden wohl nicht vor Mittag ankommen."

Ich nickte und lehnte mich mit dem Kopf gegen meinen Gurt, um tatsächlich noch etwas zu schlafen. In den letzten Tagen hatte ich nur sehr schlecht geschlafen und selbst das gleichmäßige Geräusch des Regens, das mich sonst tief und fest schlafen ließ, hatte das nicht ändern können. Ich war die meiste Zeit der Nacht stumm neben Edward gelegen, ob in seinem Bett oder in meinem, und hatte darauf gewartet, dass meine Gedanken zur Ruhe kommen würden und ich einschlief. Aber wenn ich einmal eingeschlafen war, dann hatte ich immer wieder diesen seltsamen Traum gehabt.

Ich lief durch den Wald und versuchte mir jedes grüne Blatt, jeden Zweig und jeden Baum genau einzuprägen. Alles war so vertraut, aber irgendetwas war anders und schließlich kam ich an eine Lichtung. Ich war mir nicht sicher, ob es unsere Lichtung war, sie war kreisrund und die Sonne warf ihr helles Licht auf die bunten Wiesenblumen, aber etwas war anders und ich wusste nicht was es war. Edward stand schillernd und glitzernd in der Mitte der Lichtung und winkte mich zu sich. Ich trat ins Licht, ohne Edward aus den Augen zu lassen, und als ich ganz in der Sonne stand, wurde sein sanftes Lächeln breiter und strahlender und er lachte, als würde er sich unglaublich freuen. Doch ich wusste nicht über was, und seine überschwängliche Freude machte mich ratlos und unsicher, und immer an dieser Stelle wachte ich verwirrt auf.

Ich versuchte zu begreifen, was dieser Traum mir sagen wollte, schließlich hatten alle Träume, die ich mehrere Male hintereinander geträumt hatte, etwas zu bedeuten gehabt, aber so sehr ich auch versuchte es zu verstehen, ich kam nicht dahinter. Ich hatte Edward von dem Traum erzählt, aber auch er konnte sich nicht denken was es damit auf sich hatte.

Ich versuchte den Traum zu vergessen und meine Gedanken auf nichts Bestimmtes zu konzentrieren, während ich mich etwas nach links setzte, um mich besser gegen den Gurt lehnen zu können. Ich hoffte, dass das Geräusch des Regens auf der Scheibe zusammen mit dem leisen Surren des Motors und Edwards kalter Hand in meiner mir noch zu ein paar letzten Stunden Schlaf verhelfen würde. Vielleicht würde ich dieses Mal auch meinen Traum verstehen. Ich schloss die Augen, und während ich versuchte, an nichts zu denken, brauste der silberne Volvo mit meinem Engel am Steuer tiefer in die Finsternis.

Ich hatte nicht geschlafen. Mit jeder Meile, die wir zurücklegten und damit unserem Ziel, einer abgelegenen Bergregion im Süden von Alaska, näher kamen, breitete sich eine unterschwellige Panik in mir aus, die es mir unmöglich machte einzuschlafen. Stattdessen sah ich aus dem Fenster und beobachtete die Landschaft, die sich während der ganzen Fahrt kaum änderte. Hin und wieder kamen wir in die Nähe einer großen Stadt und ich konnte den rötlichen Schein der Lichter am schwarzen Himmel sehen, aber wir blieben stets in mehreren Meilen Entfernung. Die meiste Zeit fuhren wir durch ausgedehnte Wälder, die, je weiter wir nach Norden kamen, einen immer größeren Bestand an Nadelbäumen aufwiesen. Wir fuhren an langen, tief blauen Seen entlang, und ich konnte um uns herum immer Berge sehen, egal in welche Richtung wir gerade fuhren. Manchmal waren sie höher, die Gipfel waren mit Schnee bedeckt und wirkten bläulich, aber meistens waren es niedrige Berge, die ganz von Wald bedeckt waren.

Als es wieder hell wurde, und wir die Grenze nach Alaska hinter uns ließen, gab es so gut wie keine Laubbäume mehr. Aber egal ob die Bäume Blätter oder Nadeln trugen, die grüne Farbe, die den Großteil der Landschaft ausmachte, blieb. In der Nähe größerer Städte kam uns gelegentlich ein Auto entgegen, aber auf den kleinen Straßen, die sich durch die bergige Landschaft schlängelten, gab es meistens nichts als Wald. Wir fuhren durch zahlreiche Nationalparks und ich fragte mich, ob es hier überhaupt Gegenden gab, die nicht unter Naturschutz standen. Es war eine wunderschöne Landschaft und die Natur strahlte eine unheimliche Ruhe aus, die sich auch auf mich auswirkte.

Während im Radio eine von Edwards CD's lief, begann ich die gelben Schilder, die am Straßenrand vor Elchen warnten, zu zählen, um mir etwas die Zeit zu vertreiben, aber als sie immer häufiger wurden, gab ich es irgendwann auf. Edward wusste genau wohin er fahren musste und zögerte kein einziges Mal, wenn er auf eine neue Straße abbog. Ich hätte mich hoffnungslos verfahren, besonders da man es in Alaska mit den Straßenschildern nicht so genau zu nehmen schien. Bei jeder Tankstelle, die wir finden konnten, hielten wir an, damit ich meinen menschlichen Bedürfnissen nachkommen konnte und ich schaffte es sogar in der früh, während ich aus dem Fenster sah, das ganze Sandwich, das ich mir eingepackt hatte, zu essen.

Irgendwann am Vormittag verschwand dann westlich von uns die Bergkette, der wir den ganzen Morgen über gefolgt waren, und einige Meilen darauf sah ich eine ungeheuer große Fläche dunklen Wassers. Es war ein See, der Iliamna See. Wir brauchten beinahe zwei Stunden bis wir um in herum gefahren waren, und erreichten schließlich die letzte Stadt auf unserer Reise. Kokhanok bestand aus lediglich 174 Einwohnern und verdiente die Bezeichnung Stadt damit gar nicht, aber es war das letzte bewohnte Gebiet, das ich für die nächsten Monate, vielleicht sogar Jahre sehen würde. Mehrere Meilen außerhalb der Stadt verließen wir die schlechte, aber breite Straße und bogen auf eine schmälere und noch schlechtere Straße ab, der wir von nun an folgten. Es gab keine Straßenschilder mehr, und nach ein paar weiteren Meilen endete der ohnehin schlechte Teerbelag, und wir fuhren auf einer Kiesstraße weiter.

Nachdem wir nun jegliche Zivilisation hinter uns gelassen hatten, verstärkte sich meine schleichende Panik wieder. Ich wurde unruhig, schon allein deswegen, weil ich mir nicht sicher war, ob wie noch auf dem richtigen Weg waren. Edward aber nahm mir diese Bedenken und versprach, während er nach meiner Hand griff, dass die Straße nicht plötzlich aufhören würde. Doch das schaffte es keineswegs mich zu beruhigen. Wenn wir auf dem richtigen Weg waren - was ja an sich gut war -, dann würden wir zwangsläufig irgendwann ankommen, und da es nur noch diese eine Straße gab, konnte es nicht mehr weit sein.

Wir folgten der Straße noch über zwei Stunde lang und mit jeder Meile verstärkte sich meine Panik. Mein Bauch fühlte sich flau an, und als meine Hände zu zittern begannen, verschränkte ich die kalten Handflächen in meinem Schoß. Edward sah mich immer wieder beunruhigt an, er hörte wie sich mein Herzschlag stetig beschleunigte und immer wieder seinen Rhythmus verlor, aber ich ignorierte seine Blicke so gut ich konnte.

Mein größter Wunsch würde in Erfüllung gehen, und trotzdem machte mich die Angst vor den kommenden drei Tagen beinahe ohnmächtig. Ich wünschte, ich würde diese Angst nicht spüren, das würde es leichter machen, nicht nur für mich. Ich sah Edward an, dass ein Wort von mir genügen würde, um ihn sofort umdrehen und nach Forks zurückfahren zu lassen. Aber ich blieb stumm neben ihm sitzen, und versuchte an etwas anderes zu denken, was mir jedoch nicht besonders gut gelang.

Wir fuhren über eine weitere Stunde die Straße entlang und ich fragte mich schon, ob wir tatsächlich auf dem richtigen Weg waren, als mit einem Mal ein Haus zwischen den Bäumen auftauchte. Es war eine dunkle Jagdhütte mitten im Wald, und die Sandstraße endete unmittelbar davor in einem tiefen, vom Regen aufgeweichten Weg, durch den sich mehrere Reifenspuren zogen.

Das erste, das mir auffiel war, dass das annähernd rechteckige Holzhaus für eine Jagdhütte ziemlich groß war. An der Vorderseite des Hauses war eine überdachte Veranda, die aus dunkel gefärbten, dünnen Holzstämmen gebaut worden war und sich wohl um das ganze Haus zog. Das Holz war von einer gleichmäßigen dunkelbraunen Farbe und sah alt, aber sehr robust aus. Auch die Dachziegel des Spitzdaches waren dunkel und mit Moos überwuchert und wer immer diese Hütte gebaut hatte, war lange nicht mehr hier gewesen.

Ich betrachtete das Haus, das für mich die nächste Zeit mein zu Hause sein würde, und entschied, dass sie mir durchaus gefiel. Es hatte etwas Rustikales, Unzerstörbares an sich, das ich schon an meinem alten Transporter, den ich für ein paar Hundert Dollar schweren Herzens an den einzigen Gebrauchtwagenhändler in Forks verkauft hatte, geschätzt hatte.

Edward folgte dem schlammigen Weg um das Haus herum, und parkte den Volvo unter einem angebauten Dach an der Ostseite hinter Carlisles schwarzem Mercedes, Rosalies rotem BMW, und Alice' gelbem Porsche, der alle anderen Autos mit Leichtigkeit in den Schatten stellte.

Er drehte den Zündschlüssel herum und stellte den Motor ab. Das leise Surren erstarb und da der Wagen unter dem Dach stand, hörte ich nicht einmal mehr das Prasseln der Regentropfen, die durch das Blätterdach fielen. Wir saßen einen Moment lang schweigend da, und Edward starrte stumm auf den Kofferraum des schwarzen Mercedes, bevor er den Kopf zu mir drehte, und mich mit ernster Miene ansah.

„Du weißt, dass du das nicht tun musste. Noch kannst du es dir anders überlegen. Und ich werde dir nicht böse sein, falls du das tun solltest."

Ich blickte starr auf meine Hände und rieb meine kalten, und schweißnassen Handflächen aneinander, um meine Finger dadurch ein wenig zu wärmen. Ich zitterte mittlerweile am ganzen Körper und mir war eiskalt und schlecht vor Angst. Und dennoch wollte ich das hier mehr als alles andere auf der Welt.

„Ich werde es mir aber nicht anders überlegen", sagte ich mit dünner Stimme und wandte meinen Blick von meinen kalten Händen ab, um Edward anzusehen. Er hatte den Kopf zu mir gedreht und sein Gesicht war vollkommen ausdruckslos. Aber seine Augen verrieten ihn. Ein trauriger Glanz hatte sich wie so oft in seine topazfarbene Iris geschlichen, und sagte mir unmissverständlich, was sein Gesicht vor mir zu verbergen versuchte. Er hatte gehofft, dass ich meine Entscheidung nun doch ändern würde, und er musste sich jetzt damit abfinden, dass ich es doch nicht getan hatte. Ich sah ihn an, und schließlich zwang sich ein Lächeln auf seine Lippen.

„Lass uns rein gehen", schlug er vor und öffnete die Fahrertür, um auszusteigen. Ich griff ebenfalls nach dem Türgriff, doch bevor meine Hand ihn erreicht hatte, wurde die Tür bereits geöffnet und Edward stand schon neben mir. Selbst meine braune Jacke, die auf dem Rücksitz gelegen hatte, hatte er längst in der Hand.

Ich stieg aus dem Auto, und obwohl meine zittrigen Beine mich aufrecht hielten, fühlte sich alles seltsam taub an. Edward legte mir die Jacke um die Schultern und schloss die Wagentür. Dann gingen wir um den Volvo herum und hinaus in den Regen.

Ich spürte die Tropfen beinahe gar nicht und das Geräusch des Regens, der auf das Dach der Hütte prasselte, verband sich mit allen anderen Geräuschen zu einem belanglosen Hintergrundsummen, das ich kaum hörte. Meine Füße bewegten sich wie von selbst neben Edward über den weichen Waldboden, und die drei Stufen bis unter das Dach der Veranda. Als ich den Blick dann wieder hob, standen wir bereits vor der Tür und Edward hatte sie schon für mich geöffnet.

Ich betrat die Hütte und das erste was mir auffiel, war, dass im Vergleich zu der kalten Luft draußen auffallend warm war. Im Auto war es vermutlich genauso warm gewesen, aber ich konnte meinen Gefühlen im Moment nicht trauen. Esme, Carlisle und Alice warteten bereits hinter der Tür auf uns, und nachdem Edward meine Jacke an eine kleine Garderobe neben der Tür gehängt und die Tür geschlossen hatte, nahm Esme mich in den Arm. Sie achtete wie immer darauf sanft zu sein um mich nicht zu verletzen, aber ihre Umarmung war trotzdem mitfühlend und tröstlich.

„Wie geht es dir, Bella?", fragte sie, als sie mich wieder losgelassen hatte.

„Gut", log ich und bemühte mich ein Lächeln zu Stande zu bringen, was mir jedoch weitgehend misslang.

Dann warf ich einen kurzen Blick nach links in den Gang der Hütte und erkannte an dem Küchentresen und den schwarzen Ledersofas sofort den extravaganten Geschmack der Cullens. Die Wände der Jagdhütte waren wie der Fußboden aus dem gleichen, dunklen Holz wie die Außenfassade, nur dass alle Balken und Holzlatten abgeschliffen und glatt poliert waren. Auch das Innere des Hauses besaß dieses rustikale Aussehen, das es gleichzeitig auch sehr gemütlich erscheinen ließ. Wir standen in einem kleinen Gang, und rechts von mir, und gegenüber der Haustür, in meinem Rücken, waren weitere Türen. Links führte ein kurzer Gang in einen großen rechteckigen Raum, der sowohl Esszimmer und Küche, als auch das Wohnzimmer war.

Während ich mich umschaute, sah ich Jasper, Emmet und Rosalie, die im hinteren Teil des Hauses gewesen waren und jetzt zu uns kamen, um mich ebenfalls zu begrüßen. In dem Moment, als mein Blick Jaspers goldenen Augen begegnete, legte sich ein Gefühl der Ruhe über meine aufgewühlten Sinne und kämpfte meine Panik auf ein erträgliches Maß nieder. Ich atmete tief durch und es war, als wäre eine unglaubliche Last von meinen Schultern genommen worden. Ein schwaches Lächeln lag auf Jaspers Lippen, als er den Blick abwandte und in einiger Entfernung zu mir stehen blieb. Emmet stellte sich mit einem Grinsen in meine Richtung zu den anderen. Zweifellos freute er sich schon auf unser Armdrücken in vier Tagen, von dem er immer noch fest überzeugt war, es zu gewinnen.

Edward griff nach meiner Hand und drückte sie aufmunternd. Auch er spürte die Woge aus Ruhe und Gelassenheit, die durch das Zimmer strömte und sich auf mich konzentrierte. Ich warf Jasper ein dankbares Lächeln zu, das er mit einem Kopfnicken quittierte. Er wusste wie sehr er mir im Moment mit seiner Gabe half. Auch wenn er mir die Angst nicht vollkommen nehmen konnte, so schirmte er sie doch soweit ab, dass ich sie nur noch als dumpfe Unruhe spürte. Ich wusste, dass die Panik immer noch da war, und normalerweise wollte ich nicht, dass Jasper meine Gefühle beeinflusste, doch jetzt war ich sehr dankbar von dieser Panik, die mich bereits seit Tagen in Schach hielt, befreit zu sein.

Rosalie beachtete mich kaum. Sie stand zwar bei den anderen, aber sie vermied es mich direkt anzusehen. Ich wusste, dass sie meine Wahl nicht verstehen konnte. In ihren Augen gab ich das Wertvollste auf, das ich hatte: mein Leben. Als sie bemerkte, dass ich sie ansah, erwiderte sie den Blick kurz und lächelte schwach. Wir würden wohl nie die besten Freundinnen werden, aber wir kamen inzwischen ganz gut miteinander aus.

Neben ihr stand Alice und ihr zuversichtliches Lächeln, das ihre Augen leuchten ließ, gab mir ein beruhigenderes Gefühl, als es Jasper je gekonnt hätte.

„Bella, wenn du möchtest können wir gleich beginnen", hörte ich Carlisles Stimme neben mir. Ich drehte den Kopf und etwas in meinen Blick schien ihn dazu zu veranlassen weiter zu reden. „Wir können allerdings auch noch etwas warten, falls du noch Zeit brauchst."

„Nein", antwortete ich sofort und war selbst überrascht wie sicher meine Stimme klang. „Ich möchte es gleich tun. Ich würde vorher nur noch gerne ein paar Worte mit Alice reden."

Carlisle nickte. „In Ordnung. Edward und ich werden solange drinnen auf dich warten."

Ich nickte und Edwards ließ meine Hand los, als er sich abwandte und Carlisle durch die Tür zu meiner Rechten folgte. Esme verschwand mit einem letzten ermutigenden Lächeln im Gang und dann in einer Tür auf der linken Seite.

„Wir sehen uns in drei Tagen - Schwesterchen", sagte Emmet mit einem verschmitzten Grinsen, bevor er Rosalie an der Hand nahm und ebenfalls den Gang entlang ging.

Als Jasper ihnen jedoch folgen wollte, hielt ich ihn auf. Der Gedanke daran, dass meine Panik mit jedem Schritt, den er sich von mir entfernte, wieder Stück für Stück zurückkommen würde, machte mich nervös. Ich bat ihn zu bleiben und als er sich neben Alice stellte, spürte ich eine neue Woge aus Gleichmut, die durch mich hindurch glitt. Ich lächelte dankbar. Dann überlegte ich mir, wie ich meine Frage am besten stellen konnte. Ihr entspannter Gesichtsausdruck gab mir zwar keinen Anlass mir Sorgen zu machen, aber dennoch tat ich es. Ich wollte einfach aus ihrem Mund hören, dass bei meiner Verwandlung nichts Schreckliches passieren würde, außer, dass ich starb und ein Vampir wurde. Doch bevor ich auch nur einen Ton gesagt hatte, antwortete sie mir bereits.

„Ja."

„Was ja?", fragte ich perplex und Alice' Grinsen wurde noch eine Spur breiter.

„Meine Antwort auf deine Frage, sie lautet ja. Ja, ich bin mir sicher, dass nichts Schreckliches passieren wird."

Erleichterung durchströmte mich und dieses Mal hatte es nichts mit Jasper zu tun.

„Dann hast du es gesehen?", fragte ich in der Hoffnung noch etwas mehr aus Alice herauszubekommen.

„Das nicht", meinte sie ausweichend, bemühte sich aber sofort ihr zuversichtliches Lächeln zurück zu bekommen. „Jedenfalls nicht direkt. Aber glaub mir Bella, es wird alles gut gehen, dass verspreche ich dir. Ich fühle es und ich war mir selten bei einem Gefühl so sich wie jetzt."

Ich sah Alice verwirrt an. „Du kannst es nicht sehen?"

„Nein, nicht klar und deutlich, aber ich weiß, dass alles gut gehen wird. Das Problem ist, dass sich noch niemand wirklich entschieden hat. Du hast große Angst und dein Unterbewusstsein sträubt sich immer noch dagegen. Edward überlegt sich gerade zum aber tausendsten Mal, ob er das Ganze nicht doch noch verhindern sollte, und Carlisle wird es nicht tun, wenn du dir nicht sicher bist. Ich kann vermutlich erst dann etwas sehen, wenn er dir das Gift injiziert hat."

Alice zuckte entschuldigend mit den Schultern. Sie schien sich ihrer Worte jedoch sicher zu sein, obwohl sie nichts sehen konnte. Und die Tatsache, dass sie nichts sehen konnte, verwirrte mich.

„Aber wie hast du dann Aro davon überzeugen können, dass ich eine von euch werde, wenn du es nicht sehen kannst?"

„Ich kann die eigentliche Verwandlung und ihren Ausgang nicht sehen. Aber ich sehe das Ende deines Weges, und dieses Ende ist unausweichlich. Ich habe es bereits gesehen, als Edward dich das erste Mal gesehen hat, und seitdem hat sich an dieser Gewissheit nichts geändert. Aro hat diese Vision auch gesehen und er wusste somit, dass es unabwendbar ist. Für ihn ist es nicht von Bedeutung wie lange du noch ein Mensch bleiben wirst, dich zu töten wäre in seinen Augen eine Verschwendung gewesen. Er ist neugierig darauf, welche Gabe du besitzen wirst, wenn du eine von uns bist."

Ich nickte lediglich, da ich meiner Stimme nach dieser Voraussage nicht mehr traute. Ich würde also auch in Zukunft mit den Volturi zu tun haben. Aro hatte mich nur aus dem Grund nicht getötet, weil meine eigenartige Fähigkeit, einigen ihrer dunklen Gaben zu widerstehen, wahrscheinlich das letzte Rätsel war, das die Welt ihm noch aufgeben konnte. Das machte mich für ihn zu etwas Besonderem und er würde mich ganz sicher weiterhin im Auge behalten wenn ich ein Vampir war. Ich konnte nur hoffen, dass meine Gabe nichts allzu Besonderes sein würde, und die Volturi schnell wieder das Interesse an mir verlieren würden.

Alice sah wohl meinen nachdenklichen und besorgten Gesichtsausdruck.

„Du brauchst dir keine Sogen zu machen, Bella. Es wird alles gut gehen. Vertrau mir."

Ich nickte. „Das tu ich." Ich vertraute Alice und ich vertraute auch darauf, dass sie beinahe immer Recht hatte.

Alice warf mir ein letztes aufmunterndes Lächeln zu, dann drehte sie sich um und tanzte mit federleichten Schritten den Gang entlang.

„Ich bleibe in der Nähe", versprach Jasper, als ich einen Blick von ihm zur Tür warf. Ich lächelte dankbar, griff dann mit zittrigen Händen nach dem Türgriff und betrat den Raum.

Edward stand mit dem Rücken zu mir, den Blick aus dem Fenster gerichtet. Seine Haltung war angespannt, und als ich das Zimmer betrat, drehte er sich nicht um. Carlisle stand hinter ihm, ebenfalls den Rücken zu mir gewandt, und wie ich vermutete, sprach er für mein Gehör lautlos mit Edward. Ich schloss die Tür hinter mir und spürte augenblicklich, wie meine Panik wieder ein Stück an die Oberfläche drang. Bereits das dünne Holz der Tür reichte aus, um Jaspers Einfluss auf mich abzuschwächen und mir das Gefühl zu geben, in diesem quadratischen Zimmer eingesperrt zu sein.

Dabei gab es in diesem Zimmer nichts was diesen Anschein erwecken würde. Durch das große Fenster mit den weit geöffneten Fensterläden, drang viel Licht, und ließ den Raum, trotz des trüben Wetters, angenehm hell wirken. Links an der Wand stand ein großes Holzbett mit bunten Wolldecken und vielen Kissen, das beinahe die Hälfte des Zimmers einnahm. Daneben stand an der Wand auf jeder Seite des Bettes ein kleines Nachtkästchen und darüber hing je eine alte Öllampe, deren warmer Schein dazu beitrug, den Raum zu erhellen. An der rechten Holzwand des Zimmers standen zwei hüfthohe Kommoden und ein Stuhl. Außerdem lag auf dem Boden hinter dem Bett ein ovaler, blauer Teppich.

Mein Blick kehrte jedoch zum linken der beiden Nachtkästchen zurück, und blieb an den Gegenständen hängen, die darauf lagen. Zwei in Plastik verpackte Spritzen, und vier kleine Ampullen mit durchsichtiger Flüssigkeit. Drei davon sahen aus wie die kleinen Fläschchen mit Impfstoffen aus dem Krankenhaus und trugen ein Etikett, doch die vierte war etwas größer und unbeschriftet. Ich wusste, dass dieses Fläschchen das Gift enthielt, das mich töten würde.

Es gab nämlich noch ein weiteres Problem, das bei meiner Verwandlung aufgetreten war. Das Abkommen mit den Werwölfen besagte, dass der Frieden vorbei war, sobald einer der Cullens einen Menschen biss, und das galt keinesfalls nur für das Territorium rund um Forks. Wenn Edward meinen Wunsch erfüllte und mich beißen würde, ganz gleich wie sehr ich es wollte, würde es zu einem Krieg kommen, der erst beendet wäre, wenn eine Seite vollständig vernichtet war. Das hatte ich natürlich auf keinen Fall zulassen können. Doch wenn ich ein Mensch blieb, würden mich die Volturi umbringen, so viel stand fest. Es hatte den Anschein gemacht, als ob es auf die eine oder andere Weise zu einem Kampf kommen würde, bei dem ich das Leben meiner Vampirfamilie und das meiner Freunde bei den Werwölfen aufs Spiel setzte, doch Carlisle hatte schließlich eine Lösung gefunden.

Edward musste mich nicht zwangsläufig beißen, um mich zu verwandeln, das Gift musste lediglich in meine Blutbahn gelangen. Carlisle hatte es daraufhin geschafft Edward eine ausreichend große Menge Gift, ähnlich wie bei einer Schlange, abzuzapfen, um mich anstatt durch einen Biss, durch eine Injektion zu verwandeln. Die Werwölfe hatten diese Möglichkeit übersehen. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass ein Vampir es gezielt darauf anlegen könnte einen Menschen zu verwandeln. Und wahrscheinlich würde das auch kein anderer Vampir tun, denn es hatte ziemlich lange gedauert eine ausreichende Menge des Giftes zusammen zu bekommen. Doch Edward hatte das keineswegs abschrecken können, denn so bestand kein Risiko mehr, dass er bei der Verwandlung die Kontrolle verlor und mich umbrachte.

Ich zwang mich meinen Blick wieder von der kleinen Ampulle, und vor allem von den dünnen Nadeln der Spritzen, abzuwenden und so gut es ging tief durchzuatmen. Carlisle drehte sich zu mir um, während Edward weiterhin aus dem Fenster sah.

„Bella, bist du dir sicher, dass du das wirklich willst?"

Ich ließ mir Zeit bevor ich antwortete, obwohl ich diese Frage heute nicht zum ersten Mal hörte und sie bereits beantwortet hatte. Doch diese Entscheidung würde mein Leben für immer verändern und deshalb war es diese Frage in meinen Augen wert, dass ich mir einen Moment Zeit nahm, um über meine Antwort nachzudenken.

Doch das änderte nichts daran, dass ich meine Entscheidung getroffen hatte „Ja."

Carlisle nickte. „Gut, dann leg dich aufs Bett."

Ich setzte mich langsam in Bewegung und ging mit einem tauben Gefühl in den Beinen zum Bett. Als ich es erreicht hatte, setzte ich mich auf die bunte Decke, bückte mich und streifte mir mit zittrigen Händen die Schuhe von den Füßen. Dann zog ich die Füße an und legte mich ausgestreckt hin. Ich hatte bereits ein lockeres T-Shirt und eine Jogginghose an, damit ich mich nicht extra umziehen musste. Edward wandte sich mit einer einzigen Bewegung vom Fenster ab, als müsse er sich dazu zwingen, und als ich das nächste Mal geblinzelt hatte, saß er bereits auf einem Holzstuhl neben mir. Er beugte sich zu mir hinunter und griff nach meiner Hand, die beinahe so kalt war wie seine eigene. Die Finger meiner anderen Hand krallte ich unbewusst in die Wolldecken. Meine Atmung hatte sich beschleunigt und mein Herz schlug so laut, dass ich es selbst in meinen eigenen Ohren hören konnte, aber dass Edward an meiner Seite war, und meine Hand hielt, machte es erträglicher.

Ich spürte wie sich das Bett auf meiner rechten Seite senkte, als Carlisle sich darauf setzte.

„Ich werde dir zuerst ein Betäubungsmittel und die erste Dosis des Morphins verabreichen, bevor ich dir das Gift injiziere. Ich kann dir nicht genau sagen wie lange das Betäubungsmittel seine Wirkung beibehalten wird, aber du wirst mit Sicherheit annähernd einen Stunde bewusstlose sein und bis dahin hat sich das Gift bereits vollständig in deinem Körper verteilt. Danach wird das Morphin dafür sorgen, dass du weitgehend schmerzfrei bleiben wirst."

Ich antwortete mit einem knappen Nicken und zwang mich in Edwards Gesicht zu sehen. Carlisles kalte Finger griffen nach meinem Arm, lösten meine Finger behutsam von der Wolldecke, und drehten ihn dann auf die Unterseite. Der Geruch von Alkohol stieg mir unangenehm in die Nase und ich verkrampfte mich, ohne etwas dagegen tun zu können. Trotzdem spürte ich nur einen winzigen Stich, als die Nadel meine Haut durchdrang. Carlisle war vorsichtiger und unendlich viel geschickte, als jeder menschliche Arzt es je sein könnte, und so spürte ich kaum etwas. Ich entspannte mich wieder etwas, als wäre das Betäubungsmittel in der Lage beinahe sofort seine Wirkung zu entfalten.

Edwards goldene Augen funkelten mit einem warmen Glanz zu mir hinunter, aber er schaffte es nicht ein Lächeln zu Stande zu bringen. Mir selbst gelang es mit Sicherheit ebenso wenig.

„Es wird nicht länger als eine Minute dauern, bis du das Bewusstsein verlierst", informierte mich Carlisle und wieder antwortete ich ihm nur mit einem Nicken. Ich starrte Edward an, aber ich schaffte es nicht irgendetwas zu sagen, meine Stimme gehorchte mir nicht.

Edward beugte sich weiter zu mir hinunter und seine kalten Lippen legten sich auf meine. Ich hätte einen weitaus fordernden Kuss erwartet, so wie er mich immer küsste, wenn er glaubte kurz davor zu sein mich zu verlieren, aber ich täuschte mich. Er küsste mich unglaublich sanft, aber nicht vorsichtig und mein Herzschlag setzte für einen Moment aus. Dann löste er den Kuss wieder, um mich anzusehen, und strich mir meine Haare hinter die Ohren.

„Ich werde genau hier sein, wenn du aufwachst, und auf dich warten, das verspreche ich dir. Ich liebe dich, mehr als ich es je in Worte fassen könnte."

Dann berührte seine Lippen meine Stirn und das letzte, was ich sah, waren seine topazfarbenen Augen, bevor meine Lieder schwer wurden und ich die Augen schloss.

„Ich liebe dich", murmelte ich undeutlich und einen Augenblick darauf wurde alles um mich herum schwarz.

tbc


A/N: Ich hab die ganze Reise mit Googel Earth geplant, also den See und die Berge gibt es, ob es die Straßen allerdings auch gibt weiß ich nicht... Ich kenn mich da jetzt auf alle Fälle super aus gg