Kapitel 1 - Lala (Oceana)

Mit jedem Meter den er sich in Gretchens Richtung bewegte, drehte sie sich einen Grad weiter in die andere Richtung von ihm weg.

Sie würde doch nicht allen Ernstes abhauen? War seine Körpersprache so eindeutig gewesen?

Seine Schritte wurden um einiges schneller und festigten sich, als sie leicht taumelig davon wankte.

„Gretchen", es war seine raue und kratzige Stimme, die er immer dann zustande brachte, wenn er selbst von Umständen einfach überfordert war.

Doch anstatt, dass sie sich zu ihm umdrehte, oder stehen blieb, entfernte sie sich zügiger von ihm. Ihre Mutter jedoch war aufgesprungen und kam direkt auf ihn zugestürmt, wie auch Jochen und Gretchens „neue" Familie im Schlepptau.

„Herr Doktor Meier", begann die kleine blonde Frau, die er selbst noch nie so fertig gesehen hatte.

„Was ist mit meinem Mann, geht es ihm gut? Sie wissen doch etwas, nicht?"

Mussten denn eigentlich alle Frauen in dieser Familie dieses Gen der unendlichen Worte in sich tragen – war ja zum kotzen.

Seine Aufmerksamkeit lag immer noch auf dem blonden Geschöpf im Brautkleid, was durch die schweren Glastüren wanderte. Hatte denn niemand außer ihm bemerkt, dass sie einfach ging? War wirklich nur ihm aufgefallen, dass die Königen, was redete er, die Kaiserin gar Päpstin der leicht fließenden Tränen sich nur geflissentlich aus dem Staub gemacht hatte, ohne große Sturzbäche zu heulen?

„Meier", wurde er unsanft zurück zu den vier umstehenden Haase - von Buhren – Familienmitgliedern geholt, und musste sich eingestehen, dass dieser Ton und auch die Aussprache von Jochen sehr seinem verstorbenen Vater ähnelten.

Verstorbenen Vater – guter Gedanke.

Mit seiner gewohnten Resolution räusperte er sich und schaute nun in die Gesichter der Angehörigen des Toten. Er wurde gleich viel sicherer in dem was er zu sagen hatte, wenn er die Familie des Professors ganz objektiv betrachtete und sich nicht von irgendwelchen weichgespülten, verheulten Gesichtern einschüchtern ließ.

„Frau Doktor Haase, Jochen", nonchalant und mit gewohntem blitzendem Blick begegnete er den Umstehenden und wollte gerade wirklich mit einem Satz anfangen, wie man ihn in irgendwelchen Medizinbüchern als Standart für solche Situationen zu Dutzenden lesen konnte, brachte es schlussendlich aber nicht übers Herz – oder schwarze Loch, was auch immer er an dieser Stelle besaß.

Er seufzte:

„Sie sollten sich erst einmal setzen, zwischen Tür und"

„Was, wieso denn? Was ist mit meinem Mann?", fuhr ihm Gretchens Mutter ins Wort. Er hasste es, wenn man ihn unterbrach.

„Mama, shh… es wird alles in Ordnung sein, setz dich" und für einen kurzen Moment konnte Marc wieder durchatmen, bis sich diese Kolonne wieder zu der Liege begeben hatte und Bärbel Haase sich von ihrem Sohn auf diese hinunter drücken ließ, Jochen zu ihrer rechten und daneben Gretchens neue Schwägerin, dessen Namen Marc leider schon wieder vergessen hatte. Sein ehemaliger Konkurrent und Gewinner um das Herz seiner Assistenzärztin stand ihm im Rücken an die Wand gelehnt.

Egal was er jetzt sagen würde, es wäre immer alles Falsch gewesen.

Mit einem tiefen Atemzug ließ er sich in die Hocke und fühlte sich als unterlegener sehr viel angenehmer in seiner Position, eine solche Mitteilung auszusprechen.

Mit festen warmen Händen nahm er die der Witwe und leckte unbewusst mit der Zunge über seine Unterlippe. Ihre Hände zitterten und mit jedem Wort das ihm auf der Zunge rollte, wünschte er, diesen Tag in seinem Bett geblieben zu sein.

„Frau Doktor Haase, es tut mir sehr, sehr leid", er streichelte mit seinen Daumen über die Handrücken und senkte den Blick auf eben diese, konnte diesem wässerigen blauen Blick nicht eine Sekunde länger Stand halten.

„Wir haben wirklich absolut alles versucht und…", wollte er sich jetzt rechtfertigen oder diesem arroganten Tropenarzt noch zu Verständnis verhelfen?

„Bei Ihrem Mann war der Virus und damit auch die Innere Blutung der Leber zu weit fortgeschritten"

„Nein, nein… nein", verstört schüttelte die Mutter vor ihm wild mit dem Kopf und wollte ihre Hände aus seinen reißen, was er zu verhindern wusste, und nur noch intensiver ihre Hände festhielt.

„Shhh…" Jochen hatte den Kopf seiner Mutter in seine Schulter gedrängt. Erbärmliche Schluchzer und unerschöpfliche Tränen konnten von der nun alleinstehenden Mutter und Witwe nicht mehr zurückgehalten werden.

„Es tut mir wirklich leid!", seine Stimme hatte an Dichte verloren und wirkte belegt und kratzig. Ein dicker Kloß hatte sich neben seinen Stimmbändern gebildet und er wagte es noch nicht aufzublicken.

Er bemerkte die rechte Hand von Gretchens Schwägerin Lizzy – das war ihr Name – die sich um seine und Bärbel Haases legte. Es war nur eine kleine Geste, die er dieser kleinen neureichen Göre dennoch niemals zugetraut hätte.

„Wenn sie irgendjemanden brauchen, zum Reden, ich kann Ihnen… Ihnen allen", Marc drehte sich auch zu Alexis um, dem sämtliche Farbe aus dem Gesicht gewichen war „einen Psy…"

„Danke, Doktor Meier", wurde er abermals harsch unterbrochen. Es erschreckte ihn erneut, dass diese Ansprache von Jochen, die von seinem ehemaligen Doktorvater und Arbeitgeber so identisch waren. Warum war es ihm noch nie zuvor aufgefallen?

„Ja…" es war wie ein Froschquaken, was ihm aus seiner Kehle entwich, ehe er sich in einer fließenden Bewegung erhob und Frau Haases Hände losließ.

Er blickte einen langen Moment auf die drei sitzenden Gestalten hinab. Er bewunderte Jochen für die Fassung, die er sich bewahrte, eine bebende Unterlippe und nur leicht in Wasser getauchte Augen ließen nicht direkt auf einen Todesfall seines Vaters schließen.

Marc hätte nicht gewusst, ob er so ruhig geblieben wäre, wenn es seine Mutter getroffen hätte.

„Doktor Meier, Patient, 36, 41°C, die Sieben, schnell", schrie eine Schwester vom anderen Ende des Flures und ungeachtet von den Hinterbliebenen, machte er sich geflissentlich aus dem Staub.

Zur selben Zeit hatten Gina Amsel und Maria Hassmann alle Hände voll zu tun, die Impfungen vom Tropeninstitut der Charitean alle Patienten des Krankenhauses zu verteilen. Natürlich waren sie nicht die einzigen, allerdings fühlte man sich bei einer Bettenzahl von rund 3.000 und nur noch wenig verfügbaren Ärzten, ziemlich allein.

„Amsel, sind die neuen Ampullen schon eingetroffen", war die gehetzte und doch sehr scharfe Stimme von Maria zu vernehmen, als sie einem kleinen Mädchen munter den Arm abklemmte, dem kleinen Wesen nicht in die Augen schauen konnte, als sie die Nadel mit dem Gelbfieber-Impfstoff auf den Deltamuskel ansetzte und zudrückte.

Sie selbst war Mutter und sich bewusst, dass die Abwehrkräfte gerade von Kindern diesem, fast schon mutierenden, Fieber kaum standhalten konnten. Es waren noch so viele, die versorgt werden mussten und zu wenig Leute, die von der Charite die Ampullen brachten.

„Es heißt „Frau Doktor" Amsel, bitte", wetterte die Trauzeugin vom Hasenzahn und setzte sich neben das Mädchen auf den Stuhl, um es in den Arm zu nehmen.

„Sie müssen nicht so grob sein, die haben hier alle Angst vor Ihnen."

„Das ist mir scheißegal, Amsel. Haben wir noch Ampullen, oder nicht", fauchte die brünette Neurochirurgin zurück und überspielte ihr Mitleid mit dem Mädchen, welches zusammengezuckt war.

„Nein…" erwiderte die immer noch in ihrem Trauzeuginnenkleid gestresste Gina.

Mit einem tiefen Seufzer verließ Maria eines der Kinderbehandlungszimmer zum Flur und schlug die Türe fest hinter sich zu, die sich gleich darauf wieder öffnete.

„Sind sie noch ganz dicht?", kam Gigi direkt zum Punkt.

„Wir brauchen neuen Impfstoff", erwiderte ihr gegenüber nur monoton und lief den Korridor zum leeren Schwesternzimmer hinauf.

„Das sind Kinder da drin, verdammt! Haben Sie überhaupt kein Herz? Wie können Sie fragen, ob wir noch Impfstoff haben, die haben doch alle Todesangst - jetzt…"

„Amsel", die Brünette drehte sich ruppig um und blieb abrupt stehen.

„Sie sind Kinderärztin, nicht?"

Gigi runzelte die Stirn. Was hatte ihr vorgetäuschter Job mit den Kindern zu tun?

„J-Ja?"

„Dann sollten Sie wissen, dass Kinder nur noch mehr ausflippen und sich aufregen, wenn man Ihnen nicht die Wahrheit sagt. Sie reimen sich aus merkwürdigsten Verhaltensweisen Dinge zusammen, die weit schlimmer als die Wahrheit sind", Maria hatte einen glasigen Blick. Sie dachte an ihre eigene Tochter. Sie wusste was es bedeutete, ein Kind anzulügen. Man konnte es nicht. Kinder hatten Antennen dafür, wenn etwas nicht in Ordnung war. Und sie war sehr, sehr dankbar, dass sie diese Situation nicht ihrem eigenen Kind sondern „nur" fremden erklären musste.

Sie drehte sich wieder herum und verfolgte ihren Weg zum Schwesternzimmer weiter.

Gina hingegen war sich bewusst, dass sie auf irgendeine Weise, einen wunden Punkt bei der Oberärztin vor ihr getroffen hatte.

„Hassmann. Ich brauche neuen Impfstoff für die Kinderstation… was soll das heißen?"

Für einige Sekunden war es still in dem Raum und Gina wunderte sich, was der kratzbürstigen Frau am Telefon die Sprache verschlagen hatte.

„Ist Ihnen klar, was sie da sagen? Sie spielen hier mit dem Leben von Dutzenden von Kindern", ihre Stimme wurde mit jedem Wort ein bisschen hysterischer und auch lauter.

„Es ist doch vollkommen egal, dass die Kinderstation im obersten Stock liegt, Gelbmücken können sich überall mit der gleichen Geschwindigkeit ausbreiten, auch in höhere… Geben Sie mir Ihren Vorgesetzten, sofort", schrie sie in den Hörer und Gina sah die ersten dicken Tränen auf der Wange von Frau Doktor Hassmann hinablaufen, bis sie das Telefon samt Schnurr quer durchs Schwesternzimmer der Kinderstation schoss und in Zeitlupe in sich zusammensackte.

„Scheiße, scheiße, scheiße"

„Die schicken keine weiteren Impfungen mehr?", fragte die Blonde und setzte sich neben die völlig entkräftete Maria.

Ein Kopfschütteln bestätigte ihre Annahme.

„Es ist bisher noch nicht ein Kind betroffen gewesen, deshalb schließt man darauf, dass sich die Mücken nur bis zur dritten Etage ausgebreitet haben. Erst der Rest, bevor die oberen Stockwerke versorgt werden.

Das war eine logische Erklärung, die Gina definitiv nachvollziehen konnte, und da sie die Frau neben sich auch für sehr rational eingeschätzt hatte, wunderte sie sich über diesen Ausbruch an Emotionalität!

„Vielleicht ist dem ja auch so… machen Sie sich mal keinen Kopf, die Charite - Tropenärzte wissen schon, was sie…"

„Das sind Kinder", brüllte die sonst so kaltherzig wirkende Frau zurück.

„Kinder", flüsterte sie noch und lehnte sich zurück an ein Regal, atmete tief durch und schloss die Augen.

Diese Gelbfieber-Epidemie war natürlich eine Ausnahmesituation und gewiss war es keine angenehme Lösung, die Kinder erst zu letzt zu impfen, dennoch hielt Gigi an dem wohl wichtigsten Grundsatz eines Arztes fest: Niemals einen Fall so nah an dich heranlassen, dass es dich selbst fertig macht.

„Haben Sie Kinder, Frau Doktor Amsel?", seufzte Frau Doktor Hassmann und legte ihren Kopf auf die angewinkelten Knie.

„Nein…", beantwortete Gigi die Frage wahrheitsgemäß, wusste aber nun natürlich, warum die Frau neben ihr so ausgetickt war.

„Dann kann man Ihnen noch nicht einmal vorwerfen, warum Sie nicht verstehen, dass das die größte Scheiße ist, die, die Charite jemals vorgeschlagen hat."

Maria atmete tief durch, stand auf und verließ das Zimmer zum Treppenhaus.

„Wo wollen Sie hin", rief Gigi hinterher.

„Ich geh mir Ampullen klauen. Was denn sonst?" fauchte die Brünette zurück und ließ eine schwere Feuertür hinter sich zufallen.

„Mehdi", schrie Marc auf der Säuglingsstation herum, was dieser nur mit einem Augenrollen zur Kenntnis nahm und bevor er antwortete dem letzten Baby eine kleine Dosis gegen das Gelbfieber indizierte.

„Meh-di", zog er es gewohnt lang.

„Hergott noch Eins, Meier, was ist denn los?"

„Hast du Gretchen gesehen?"

Der halbe Perser blinzelte verständnislos.

„Also nicht…", Marc lehnte sich an die Wand und wartete eigentlich nur darauf, dass sein Freund die nächst logische Frage stellte:

„Warum? Ist was passiert?"

Mit einem selbstgefälligen Lächeln überkreuzte Marc die Arme vor der Brust.

„Sie hat „Ja" gesagt. Das ist passiert!"

„Das ist mir klar… Aber warum sollte ich sie dann gesehen haben? Ist sie etwa hier?", Mehdi schloss die Tür zu dem Neugeborenenraum.

„Ihr Vater ist in der Kirche zusammengebrochen und vor rund einer Stunde verstorben." Und wie er es von seinem besten, vermutlich einzig wirklichem Freund erwartete, musste Mehdi sich erst mal hinsetzen und durchatmen.

„Was? Und das sagst du einfach so, zwischen Tür und Angel?"

„Hätte ich dir Kuchen und Kaffee kommen lassen sollen, um dir mitzuteilen, dass der Haase den Löffel abgegeben hat", schroffste Marc.

„Marc, ´n bisschen mehr Respekt", schollt Mehdi.

„Ist doch wahr", er rutschte an der Wand hinunter und setzte sich auf den Boden. Mehdi wusste die Haltung von seinem Freund ganz klar einzuschätzen. Marc Meier war nie jemand gewesen, dem sein Herz auf der Zunge klebte, sein Egoismus und sein falscher Zynismus – vielleicht.

Er wusste, dass der Tod des Professors Marc mehr mitnahm, als vermutlich ihn selbst, schließlich war Marc wie ein Ziehsohn seit seiner Doktorarbeit gewesen und Professor Doktor Haase hielt immer große Stücke auf seinen Schützling, was Marc vielleicht oft auch ausgenutzt hatte, aber dennoch die Anerkennung von ihm mehr als nur genoss und es ihm in seinem kleinen emotional armen Universum so etwas wie Geborgenheit gab.

Nach einer kurzen Pause des Schweigens schoss Mehdi ein weiterer Gedanke in den Kopf:

„Und warum suchst du Gretchen, die ist doch bei ihrer Familie?"

Marc schloss ergeben die Augen und atmete tief ein, worauf Mehdi nur ein Mitleidiges Lächeln für ihn übrig hatte: Marcs Achilles-Ferse war Gretchen.

„Ich weiß nicht wo sie ist, sie ist weggegangen, bevor ich ihr mitteilen konnte, was passiert ist."

„Das heißt, sie weiß noch gar nichts?", echauffierte sich Mehdi in die Raserei.

„Ja… nein,… keine Ahnung,… es war komisch, ich hab sie nicht gesprochen, aber ich denke, sie weiß was passiert ist", sein gegenüber zog daraufhin nur die Augenbraue ungläubig hoch.

„Ich bin aus dem OP gekommen, und sie ist abgehauen."

„Und du bist ihr nicht nach?"

„Nein… aber Familie Haase besteht leider aus mehr Menschen, als nur Vater und Tochter", abwertend wollte Marc das Thema beenden, als er sich aus seinem Kittel ein Feuerzeug mit Zigarette fischte und sich diese trotz des Rauchverbots ansteckte.

„Soll das heißen du… du… also du hast Schwester Bärbel und Jochen mitgeteilt, dass der Professor verstorben ist?", Mehdi traute seinen Ohren nicht.

„Ja."

„Und wie?"

Marc verdrehte nur sauer die Augen und erhob sich.

„Wenn du wissen willst, ob der Haasenlöffel-Witz gefallen ist: Nein…", er zog die Zigarette aus seinem Mund und leckte über seine Unterlippe.

„Meld dich, wenn sie bei dir auftaucht. Sie muss sowieso noch geimpft werden", und Marc ging den Flur hinab bis zur nächsten Glastür als ob es ein Tag wie jeder andere wäre.

Mehdi konnte nur den Kopf schütteln.