Die Assistenz

„Wilbur, Purzelchen?", schrie eine unangenehm durchdringende Stimme energisch in den dunklen Schacht des Treppenhauses.

„Ja, Mum?", kam es seufzend von oben.

„Komm mal runter, Junge, hier will Dich jemand sprechen!"

„Ich hab aber gerade echt keine Zeit, Mum", klagte Wilbur, Purzelchen und verlangte, „Sag Owen, ich muss das hier unbedingt fertig bekommen!"

„Das habe ich ja gesagt, aber sie sagt, dass es wichtig ist, Junge!"

„Eine Sie?", fragte es nun aus der Höhe erstaunt und deutlich interessierter.

„Ja, ich denke schon…"

„Was heißt denn hier, ‚ich denke schon'?", erkundigte sich erstaunt eine helle Stimme.

„Heutzutage weiß man nie, woran man so ist, Püppchen."

„Dann sollten Sie aber vielleicht aufhören mich Püppchen zu nennen!", forderte der Besuch.

„Seien Sie mal nicht so empfindlich, Püppchen!"

„Ist sie es?", klang es von oben hoffnungsvoll.

„Wer denn Purzelchen?", erkundigte sich seine Mutter.

„Na, wer schon, Melissa!"

„Welche Melisse?"

„Melissa! Und Du weißt genau wer Melissa ist!"

„Ach die Melisse. Nein, nein, ich denke nicht, dass es Deine Melisse ist, außer, dass Amerika ihr nicht so gut bekommen ist!"

„Wie bitte?", fragte der Besuch pikiert.

„Sie müssen wissen, er wartet immer noch auf seine große Liebe, dieses Flittchen Melisse", erklärte Misses Honeytree gerne.

„Wenn es nicht Melissa ist, hab ich echt keine Zeit!", entschied Wilbur hörbar enttäuscht.

„Gut, ich sag es ihr, Purzelchen!"

„Danke, ich habe es gehört", kam der Besuch der Abfuhr der braven Mutter zuvor, „Mister Honeytree, mein Name ist Granger und ich brauche auch wirklich nicht lange", rief sie nun ihrerseits die lange, düstere Treppe hinauf.

„Hermine Granger?", kam es zweifelnd von oben.

„Richtig!"

„Tse! Netter Trick Owen, aber das glaubt Dir doch eh keiner."

„Owen? Owen Pendergast?", echote Wilburs Mum und stemmte mit finsterem Blick ihre kurzen, dicken Arme auf die mehr als ausladenden Hüften „wusste ich es doch, das da was nicht stimmen konnte, was wollte schon so eine feine Dame bei meinem Wilbur?"

„Nein, Madam, ich bin nicht Owen, ich bin Hermine Granger!", versicherte der Besuch.

„Das glaub ich Dir aber nicht, Du kleiner Tunichtgut, Du hattest schon früher nur Dummheiten im Sinn", Wilburs Mum griff kurzerhand nach dem Besen der in der Ecke inmitten vieler Spinnweben sein Dasein fristete und schwang ihn drohend Richtung Hermine Granger, alias Owen Pendergast, „wenn das Deine liebe Mutter selig wüsste, dass Du mich so zum Narren halten musst!"

„Nein, verflixt, ich bin nicht Owen", entgegnete Wilburs Besuch mit einer deutlichen Spur Ungeduld und zückte verteidigend ihren Zauberstab, „sondern Hermine Granger, Madam, und wenn ihr Sohn nicht sofort herunter kommt, gehe ich rauf!"

„Wie? Schon gut, schon gut! Du brauchst nicht gleich ausfallend zu werden", beschwichtigte Misses Honeytree ihren Besuch angesichts des Zauberstabs, „Wilbur, Junge, Owen scheint mir ziemlich wütend zu sein. Sein Vater war auch ein solcher Heißsporn!", sie wedelte sich hektisch mit ihren Wurstfingern Luft zu, „Vielleicht ist es besser wenn Du doch mal her kommst Purzelchen, wer weiß, was der junge Pendergast sonst noch so mit Deiner armen, alten Mutter anstellt."

„Ich will doch gar nicht zu Ihnen, sondern zu Ihrem Sohn!", korrigierte der Besuch, der vorgab nicht Owen Pendergast zu sein.

„Ich werde es aber auch nicht zulassen, dass Du etwas mit meinem Sohn anstellt, Owen!", stellte Misses Honeytree klar.

„ICH BIN NICHT OWEN!"

„Meine Güte, hört schon auf! Ich komme ja, aber nur fünf Minuten!", kam es resignierend von oben und man hörte ein jämmerliches Knarren, gefolgt von einem scharrenden Geräusch, dann klapperten eilige Schritte viele alte Stufen hinab, bis sie unten am Fuß der Treppe angekommen waren.

„Oh, Professor Granger!", Wilbur Honeytree, einem langen, blassen, blonden Jungen Anfang Zwanzig klappte sichtlich der Unterkiefer hinab, als er seines Besuchs gewahr wurde.

„Guten Tag, Mister Honeytree!", grüßte die hübsche Frau Mitte Dreißig süffisant und steckte ihren Zauberstab weg, „Danke, dass Sie mir doch glauben, dass ich nicht Owen bin und zudem noch fünf Minuten Ihrer kostbaren Zeit für mich opfern."

„Ja, äh, gern Madam!", stotterte Wilbur und starrte Professor Granger an, als wenn sie geradewegs aus einer anderen Welt käme.

„Was will die Dame von Dir?", mischte sich Misses Honeytree neugierig ein und blickte misstrauisch von einem zum anderen.

„Ich werde mein Anliegen selbstverständlich gleich erläutern", versicherte Professor Granger, beugte sich aber näher an Wilbur heran, um ihm zuzuflüstern, „Aber vielleicht können wir uns irgendwo kurz ungestört unterhalten?"

„Oh, das wird aber schwierig", murmelte Wilbur, immer noch mehr als überfordert und räusperte sich erst einmal umständlich, bevor er sich fing, kurz ratlos den engen, völlig zugestellten Flur entlang blickte und dann schließlich zaghaft und mit rotem Kopf nach oben deutete, „vielleicht kommen Sie besser mit hinauf."

„Aber Junge, Du willst diese Dame doch nicht mit auf Dein Zimmer nehmen?", konnte seine Mum die plötzliche Entschlossenheit ihres Sohnes und vor allem dessen moralisch anstößiges Ansinnen nicht fassen, „Das gehört sich aber gar nicht!"

„Keine Sorge Misses Honeytree", versuchte Hermine Granger die Befürchtungen ihrer Gastgeberin zu vertreiben, „ich versuche mich zu beherrschen und tue Ihrem Sohn nichts, versprochen!"

„Das sagen alle, Püppchen und dann haben wir Alten den Salat!"

„Schon gut, Mum", machte Wilbur beschwichtigend, ihm war die ganze Situation sichtlich unangenehm, „Professor Granger ist auch eine Mutter und zudem die Frau von Professor Snape, meinem alten Tränkeprofessor in Hogwarts!"

„Was? Der? Und das soll mich beruhigen, Junge", rang Misses Honeytree die Hände derart, dass ihr immenses Doppelkinn in erhebliche Wallung geriet, „Ich würde diesen finsteren Menschen mit seinen ungehobelten Manieren auch sofort für Dich verlassen, Purzelchen!"

„Ich will meinen Mann auf keinen Fall verlassen", stellte Professor Granger klar, „ich will Ihren Sohn nur etwas fragen, verflixt und zugenäht."

„Aber das können Sie doch auch in meiner gemütlichen Küche tun, Püppchen!", sie wies auf den einzigen größeren Raum im ganzen Haus.

„Oh, nein, nein", wehrte Professor Granger nach einem schnellen Blick in das unglaubliche Durcheinander des Hauptlebensraumes der Familie Honeytree ab, „Ich will Sie wirklich nicht stören, es geht auch ganz schnell!"

„Ja, ja, das sagen sie alle und dann haben wir Alten den Salat!"

„Nun, Salat ist gesund!", befand Professor Granger genervt, schob den Sohn der penetranten Erziehungsberechtigten kurzerhand die Treppenstufen hinauf und schloss energisch die Speichertüre hinter sich.

„Meine Güte! Wo ist eigentlich Ihr Vater, Wilbur?", erkundigte sich Professor Granger kopfschüttelnd.

„Äh, durchgebrannt mit einer Kartenleserin, als ich noch ganz klein war", erklärte Wilbur und versuchte die vielen Stufen hinauf nicht zu stolpern. Oben angekommen, atmete er tief durch und ließ Professor Granger höflich den Vortritt in sein Zimmer.

„Na, das ist wenig verwunderlich", murmelte diese und schaute sich interessiert in der engen, niedrigen Dachstube um. Bett, Stuhl, Tisch, Schrank, zu mehr war hier kein Platz, aber alles war zwar ärmlich und abgewetzt, aber penibel sauber, aufgeräumt und durchstrukturiert. Gut, sehr gut. Nach den ersten Eindrücken vom restlichen Haus hatte sie schon Zweifel ob Mister Honeytree der richtige Adressat ihres Besuches sei!

„Nun, Mister Honeytree", begann sie und fixierte den blassen Jungen vor sich mit durchdringenden Blick, sie wollte offensichtlich keine Zeit verschwenden, denn sie hatte das untrügliche Gefühl, dass Mutter Honeytree sie nicht lange ungestört lassen würde, „Sie werden sich sicherlich fragen, was ich von Ihnen will."

„Äh, ja, genau…, aber setzen Sie sich doch", erinnerte sich Wilbur an seine Manieren und suchte verzweifelt nach einer Sitzgelegenheit. Nachdem er kurz das Bett anvisiert hatte und seine Hautfarbe daraufhin noch einige Grade röter geworden war, wies er schließlich auf den einzigen Stuhl im Raum, der hinter dem sehr alten Schreibtisch stand, als sich seine Mutter schon wieder eindringlich in Erinnerung rief.

„Wilbur, Purzelchen, soll ich einen Saft oder einen Tee bringen?", schrie Misses Honeytree von unten.

„Nein, nicht nötig Mum!", war Wilburs Antwort und schaute besorgt zur Türe.

„Es macht aber gar keine Umstände, Junge!", versicherte sie.

„Nein, wir haben keinen Durst!"

„Na, dann!", schien Misses Honeytree fürs erste diese Möglichkeit des kontrollierten Störens aufzugeben.

„Danke", lächelte Professor Granger, sowohl für den Sitzplatz, als auch dafür, dass Wilbur ihnen seine Mutter vom Hals gehalten hatte und zog ihren Schal enger, die Temperaturen in der Dachstube waren mehr als mäßig, „Es ist so, dass ich Sie gerne um Ihre Mithilfe bitten würde."

„Mithilfe?", horchte Wilbur erstaunt auf, „wobei?"

„Nun", Professor Granger setzte sich sehr vorsichtig auf den sichtlich altersschwachen Stuhl, „wie Sie vielleicht bereits aus dem Tagespropheten erfahren haben, werde ich bald die Schulleitung in Hogwarts übernehmen."

„Ja, das habe ich gelesen. Herzlichen Glückwunsch, Madam", Wilbur nahm verlegen nun seinerseits umständlich auf der Kante des schmalen Bettes Platz und wischte seine feuchten Hände an den langen Oberschenkeln ab.

„Danke", lächelte Hermine Granger und warf einen kurzen Blick auf die Unterlagen auf dem reichgefüllten Tisch vor ihr. Ah ja, seine Abschlussarbeit für das Ministerium unter dem Titel, „Optimierte Abläufe in komplexen Strukturen", Kingsley hatte ihr davon erzählt und genau darum war sie hier.

„Sie müssen wissen", seufzte sie, „die Anfrage der Schulräte kam reichlich überraschend und ich habe nach langem Überlegen dem Angebot nur unter einigen Bedingungen entsprochen, denn ich liebe meine Arbeit in Edinburgh und da sind ja auch noch die Mädchen und mein Mann. Alles Dinge, die ich absolut nicht aufgeben oder gar vernachlässigen möchte."

„Ja", nickte Wilbur obwohl er nicht so aussah, als wenn er ehrlich verstehen könnte, warum Professor Granger nicht ihren Mann ein klein wenig vernachlässigen wollte, immerhin war ihm Professor Severus Snape noch in denkbar schlechter Erinnerung.

„Und um alles unter einen Hut zu bekommen", fuhr die junge, zukünftige Schulleiterin fort, „benötige ich unbedingt Jemanden, der mir den Rücken frei hält von allem, was administrativen Charakter hat. Ich suche eine fähige, souveräne Assistenz, die mitdenken kann, intelligent und umsichtig ist und sich auf komplexe Organisationen versteht."

„Hm, das macht Sinn", nickte Wilbur zustimmend.

„Richtig, und darum bin ich hier, Wilbur, ich möchte Ihnen diesen Job anbieten!"

„Was? Mir?", Diese Mitteilung entsetzte den jungen Honeytree dermaßen, dass er vor lauter Schreck von der Bettkante rutschte, was einen lauten Rums produzierte und sofort Misses Honeytree auf den Plan rief, „Purzelchen, ist alles in Ordnung, ist sie frech geworden, soll ich rauf kommen?"

„Wie? Nein, nein, Mum, ich, ich…", stammelte Mister Honeytree und starrte Hermine jetzt ehrlich entsetzt an.

„Ja, Wilbur", nickte diese grinsend, „genau Sie will ich für diese Aufgabe!"

„Aber…, aber, warum denn gerade ich?", verstand Mister Honeytree immer noch nicht und rappelte sich mühsam wieder auf.

„Nun, weil ich nach der Prüfung einiger interessanter Bewerber glaube, dass Sie genau der Richtige für diese Aufgabe sind!"

„Aber ich… ich habe mich doch gar nicht beworben."

„Nein, aber der Zaubereiminister hat Sie mir vorgeschlagen und ich fand seinen Rat mehr als überzeugend."

„Aber warum nur?", konnte Wilbur Honeytree immer noch nicht fassen und raufte sich die Haare.

„Weil Sie über ein ungewöhnliches Organisations- und Strukturtalent verfügen, Intelligenz und Umsicht besitzen und zudem ein wirklich guter Mensch sind!"

„Nein, nein! Professor! Sie irren sich! Ich bin eigentlich richtig mies, ich kann meine Mutter nicht leiden und denke schlecht von meiner Verlobten und was das Organisationstalent angeht, so etwas kann ich nur in der Theorie", schüttelte Wilbur leicht panisch die frisch gerauften schlaffen, blonden Haare, „Außerdem habe ich doch schon eine Anstellung in der Unterabteilung für Schreibdienste und Botengänge. Die brauchen mich da!"

„Büro für Schreibdienste… ", versuchte Professor Granger nicht allzu offensichtlich mit den Augen zu rollen, „Selbstverständlich würden wir eine Probezeit vereinbaren, Mister Honeytree. Ich werde mit Ihrer Vorgesetzten sprechen, sie wird den Posten sicherlich bis zu den Herbstferien freihalten können, bis dahin können Sie sich und ich mich entscheiden und keiner hat etwas verloren." Sie sah ihn eindringlich an, „Was denken Sie, Wilbur?"

„Äh, das ich gerade gar nicht denken kann!", erwiderte der junge Honeytree ehrlich.

„Ja, so ging es mir bei meinem Jobangebot auch!", seufzte Professor Granger lächelnd.

„Wilbur, Purzelchen, ist wirklich alles in Ordnung?", rief sich Mutter Honeytree nach den wenigen Minuten des ratlosen Schweigens mal wieder in Erinnerung.

„Nein… Ja, Mum", stöhnte Wilbur und raufte sich erneut die Haare.

„Ich gehe jetzt besser", lächelte Professor Granger und erhob sich vorsichtig von dem knarrenden Sitzmöbel, „denken Sie in Ruhe über meine Bitte nach, vielleicht fragen Sie einige gute Freunde und gehen etwas spazieren, so was soll helfen."

„Ach, wissen Sie", wisperte Wilbur mit hängenden Schultern, „seit Melissa weg ist, habe ich außer Mum nur Owen und der ist ein Idiot."

„Tja, dann bleibt Ihnen wohl nur noch das Spazierengehen!", zuckte Hermine Granger mit den Schultern, „Aber suchen Sie Ihr Heil nicht im Alkohol, denn das führt nur zu Atemnot!"

„Hm?"

„Egal", grinste Professor Granger, „kommen Sie doch am übernächsten Samstag zum Tee nach Hogwarts, dann können wir über Details sprechen. Aufgaben, Gehalt etc.. Professor Flitwick, ihr alter Hauslehrer würde sich auch freuen Sie wiederzusehen.

„Gut, danke, ich überlege es mir, Professor Granger", stellte Wilbur in Aussicht.

„Schön, dann wünsche ich Ihnen noch einen guten Tag, Mister Honeytree", Professor Granger schlug den Kragen ihrer Robe hoch, „wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich gleich von hier aus nach Hause apparieren, ich denke nämlich, dass ich ebenfalls nicht so sehr auf Ihre Mutter stehe."

Und als Wilbur abwesend nickte, zückte sie lächelnd ihren Stab. Doch bevor sie ihn erhob, meinte sie noch grinsend, „Zu der Stelle gehört übrigens eine sehr schöne Dienstwohnung, in die man ungestört sehr gut Freunde und Freundinnen einladen kann", dann schwang sie ihren Stab in drei kleinen Schlenkern und war mit einem leisen Plopp verschwunden.

Zurück blieb ein mehr als verwirrter junger Mann, dessen Mutter sich gerade schwerfällig die vielen, vielen knarrenden Stufen hocharbeitete, um ihren Sohn mit einem Tablett voller alter Kekse und wässriger Limonade vor der gefährlich-hübschen Dame zu retten.