Mit schmerzendem Körper erhob sich Harry von seiner Matratze, auf der er die Nächte, der letzten Wochen, verbracht hatte.

Das hiess, wenn mal Zeit für eine Ruhepause war.

Sein Onkel hatte eine perverse Freude daran, sich immer neue Gemeinheiten auszudenken, mit denen er Harry quälen konnte.

Harry war beileibe nicht faul. Die Menge der Arbeiten jedoch, die er tagtäglich erledigen sollte, waren einfach nicht mehr zu bewältigen.

Je mehr er sich abmühte, desto vielfältiger und dreckiger wurden die Arbeiten, die ihm zugeteilt wurden.

Angefangen mit dem Putzen des Hauses, dem Garten, die Streicharbeiten am Zaum, die Entrümpelung des Kellers und des Dachbodens…

Alles natürlich nebst den normalen Hausarbeiten wie waschen, kochen, bügeln, einkaufen und, und, und…

Und das nur, weil sein Onkel ihn psychisch und physisch am Boden sehen wollte.

Das war es was sein Onkel wollte. Einen Grund finden, um Harry zu bestrafen. Diese morbide Befriedigung, einen jungen Menschen zu misshandeln, um selbst diese abnormale Selbstbefriedigung zu erlangen, die Harrys Onkel durch Masturbieren, nicht einmal Ansatzweise erlangte.

Diese Bestrafungen waren es, die Harry an den Rand eines totalen Zusammenbruchs führten.

Und damit waren nicht die Schläge gemeint, die natürlich schmerzten und ihn vom Schlafen und vom Arbeiten abhielten.

Nein, der konsequente Essensentzug, verbunden mit dem Schlafmangel und den Boden und am Verzweifeln war.

Harry spürte, dass er am Ende angelangt war. Sein Selbsterhaltungstrieb war dabei aufzugeben. Er war zu schwach um sich um den Garten und die Auffahrt zu kümmern, die noch heute von Unkraut und welkem Laub, befreit werden sollten.

Sich langsam die Treppe hinunter Richtung Küche bewegend, um wenigstens in den Genuss eines Glas Wassers zu gelangen, bemühte sich Harry, nicht zu fallen. Seine ganze linke Seite brannte wie Feuer und er war sich fast sicher, dass der Mangel an Luft auf die gebrochenen Rippen zurückzuführen war.

Müde, ein kühles Glas Wasser, an die fiebrig heisse Stirn haltend, blickte er aus dem Fenster auf die Einfahrt, die an diesem aussergewöhnlich heissen Frühlingstag auf ihn wartete.

Sich aufraffen und anfangen. Das war Harrys Devise. Jammern und lamentieren nützte ihm nichts. Vernon würde schon einen Grund finden um zu meckern.

Stunden später sass Harry auf dem Boden der Auffahrt und hielt seinen Kopf in beiden Händen.

Die Knie hatte er angezogen, obwohl ihm in dieser Stellung, alles Schmerzte was schmerzen konnte.

In wenigen Minuten würde Onkel Vernon mit seinem Wagen die Auffahrt hinauffahren. Er würde aussteigen und bemerken, dass Harry nicht fertig geworden war.

Und schon hörte Harry den Wagen, der sich langsam den Ligusterweg entlangschlängelte.

Er sah zu, wie sich die Gesichtsfarbe seines Onkels änderte, als er den Wagen parkte und langsam ausstieg.

Harry sah die Wut in den Augen seines Onkels. Und noch bevor Harry etwas zu seiner Verteidigung sagen konnte, hatte ihm sein Onkel mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen.

Harry hielt sich die Nase, die nach dem heftigen Schlag zu bluten anfing.

„Du elendes Stück Scheisse! Habe ich dir nicht ausdrücklich aufgetragen, die Auffahrt so zu pflegen, dass ich bei meiner Heimkehr, kein einziges Unkraut mehr sehe!"

Vernon wurde immer lauter und seine Atemung ging immer schneller. Für Harry war das ein sicheres Zeichen, dass sein Onkel sich so richtig in seine Wut steigern würde.

„Was denkst du dir eigentlich dabei. Wir haben dich nicht all die Jahre durchgefüttert, damit du dich zu einem undankbaren und faulen Nichtsnutz entwickelst!"

Vernon griff sich einen von Harrys Armen und schleifte ihn hinter sich her in Richtung Eingang.

„Dir werde ich zeigen was passiert, wenn man meine Anweisungen nicht beachtet. Du hast dich das letzte Mal auf deiner faulen Haut ausgeruht!"

Trotzig, mit schmerzverzehrtem Gesicht, blickte Harry zu seinem Onkel hoch.

„Ich bin nicht faul, und auch nicht undankbar. Aber ich verhungere. Ich habe keine Energie mehr. Bitte Onkel, ich flehe dich an, gib mir etwas zu essen, oder lass mich wenigstens in Ruhe sterben."

Dieses kleine Aufbäumen, kostete Harry die letzte Kraftreserve die er noch hatte. Er spürte wie ihn die Schwärze einer Ohnmacht umhüllte.

Das Gebrüll seines Onkels wurde schwächer und langsam driftete Harry ab in die dankbare Ruhe und den Frieden, den eine Ohnmacht für kurze Zeit mit sich brachte.

Als er Stunden später wieder zu sich kam, wusste er nicht wo er sich befand. Es war kalt und unbequem. Sein Kopf dröhnte und sein Körper stand in Flammen.

Langsam setzte die Erinnerung wieder ein. Der Streit mit Onkel Vernon. Die Schläge und die Demütigung, vor seinem Onkel gebettelt zu haben.

Langsam setzte sich Harry auf.

„Autsch!" Harry konnte den lauten Aufschrei nicht verhindern. Er hatte sich den Kopf an einem Holzbalken gestossen.

Jetzt weiss ich wenigstens wo ich mich befinde, ging es ihm durch den Kopf. Im ganzen Haus gab es nur einen Ort, der niedrig genug war. Der Schrank unter der Treppe.

Sein altes Zimmer.

Er streckte den Arm aus, um zu sehen, ob er die Tür öffnen konnte.

Zu seiner Verwunderung war sie nicht verschlossen.

Langsam kroch er auf allen Vieren hinaus. Die Kraft aufzustehen hatte er nicht mehr.

Langsam Richtung Ausgang zu kriechend, schaute er sich um.

Alles war ruhig und dunkel. Nur der Mond, der hell durch die Fenster schien, spendete ein wenig Licht.

Langsam öffnete er die Eingangstür.

Er wusste nicht was er da tat. All seine Gedanken waren auf die Eingangstüre fokussiert.

Aus dem Haus, weg von seinem Onkel. Nur noch an Flucht denken, konnte er in seiner misslichen Lage, die er nicht überleben würde.

Er hatte keine Ahnung wohin er wollte, aber alles erschien ihm besser, als auch nur einen einzigen Tag länger, bei seinen Verwandten zu verbringen.

Jetzt nur noch diese kleine Treppe hinunter und den kleinen Weg zur Strasse, dann war es geschafft.

Harry wollte sich, nach dieser kleinen Strecke, ein klein wenig Ruhe gönnen, da er immer noch so unglaublich Müde war.

Nein Harry, du darfst nicht einschlafen, dachte er, bevor er sich dazu zwang, seinen Körper, in Richtung Strasse zu bewegen.

Stöhnend robbte er weiter. Meter für Meter, schleifte er seinen malträtierten Körper in Richtung Freiheit. Bald schon, würde er in die Dunkelheit eintauchen, und für immer aus Onkel Vernons Einflussbereiches verschwunden sein.

Nur noch ein paar Meter trennten ihn vom Ende der Auffahrt, als er hinter sich die Stimme seines Onkels hörte.

„Na, wen haben wir den da! Denkst du wirklich ich lasse zu, dass du hier lebend rauskommst!"

Vernon lächelte seinen Neffen dreckig an.

„Ich bin noch lange nicht fertig mit dir. Also beweg deinen Hintern zum Haus, oder du wirst es bereuen!"

Nicht aufgeben Harry, Komm schon Harry, aufstehen Harry. Wie ein Mantra sagte sich Harry diese Sätze immer wieder vor. Du schaffst das. Steh auf und gehe auf die Strasse zu.

Und Harry schaffte es wirklich, sich auf die Beine zu hieven, und sich in Richtung Strasse zu bewegen.

Hinter sich konnte er hören, wie sein Onkel in seinen Wagen stieg und diesen anliess.

„Hilfe! Kann mich jemand hören? Bitte! Ich brauche Hilfe!"

So laut er noch konnte versuchte Harry, jemanden auf sich aufmerksam zu machen.

Er sah, wie die Lichter der Nachbarn angingen. Aber es war zu spät. Den Wagen von Vernon hinter sich hörend, drehte er sich um und sah, wie sein Onkel mit viel Tempo, auf ihn zu fuhr. Er spürte einen stechenden Schmerz… Dann nichts mehr. Seine Welt versank in der Dunkelheit.

„Mein Gott, was ist passiert?"

Eine Nachbarin kam so schnell sie konnte näher.

Sie kniete sich neben Harry und versuchte, sich an die unzähligen Stunden zu erinnern, die sie in erster Hilfe genommen hatte.

„Dursley, rufen sie einen Krankenwagen. Der Junge ist schwer verletzt."

Bevor Vernon auch nur einen Finger krumm machen konnte, oder seine Wut noch mehr an Harry ausleben konnte, war seine Frau Petunia, so schnell als möglich zur Unfallstelle geeilt.

„Ich habe den Krankenwagen und die Polizei schon gerufen. Sie werden bald hier sein."

Und mit einem unsagbar traurigen Blick zu ihrem Mann meinte sie mit Tränen in den Augen: „Diesmal bist du zu weit gegangen Vernon. Viel zu weit. Da kann ich nicht mehr mitmachen!"

Petunia drehte sich zu ihrer Nachbarin um und meinte: „Hilf ihm Doris. Er muss es schaffen. Bitte!"

Schluchzend setzte sie sich neben ihren Neffen auf den Boden und hielt seine Hand, während Doris versuchte das Leben dieses unschuldigen jungen Mannes zu retten.

Stöhnend kam Harry zu sich. Unvorstellbare Schmerzen schossen durch seinen Körper.

Er bekam kaum noch Luft.

Seinen Kopf ganz leicht zur Seite neigend, konnte er seine Tante erkennen, die seine Hand hielt. Er sah, dass sie ihre Lippen bewegte, aber er konnte sie nicht verstehen.

Dennoch empfand er es als tröstend, zu spüren, wie seine Tante ihm nach so langer Zeit beistand und seine Hand hielt.

„Bitte Harry! Halte durch. Hilfe ist unterwegs. Hörst du mich? Sieh mich an verdammt noch mal!"

Harry drückte die Hand seiner Tante, damit sie spürte, dass er froh war, sie bei sich zu haben.

„Ich bin dir nicht böse Tante Petunia", flüsterte er so leise, dass Petunia sich ganz nah zu ihm hinunterbeugen musste, um ihn zu verstehen.

„Ich verzeihe dir, und bin dir dankbar, dass du mir jetzt hilfst."

Mehr konnte er nicht mehr sagen. Zu stark waren seine Schmerzen. Er driftete ab in eine erlösende Ohnmacht, als er in der Ferne die Sirenen der Kranken- und der Polizeiwagen hörte.