man den Tod sieht

Es war der Abend von Soneas Anhörung. Administrator Lorlen war erschöpft. Auf der Versammlung gestern war endlos lange diskutiert worden und einige Magier hatten sich, im Gegenteil zu ihm, mit ihrer Meinung nicht gerade zurückgehalten. Es hatte einige unangenehme Auseinandersetzungen gegeben.

Auch die eigentliche Anhörung heute war unangenehm und nervenaufreibend gewesen. Nicht nur, dass Lord Fergun die Gesetze gebrochen hatte, nein; als er in Soneas Geist gelesen hatte, hatte er etwas gesehen…

Es war geschehen, während er ihre Erinnerungen durchsucht hatte, um zu beweisen, dass die Anschuldigungen gegen Lord Fergun der Wahrheit entsprachen.

Sie entsprachen der Wahrheit; das schon, aber das war es nicht gewesen, was ihn so erschrocken hatte. Es war offensichtlich nicht Soneas Absicht gewesen, irgendetwas zu enthüllen, doch jeder ihrer vergeblichen Versuche, danach noch etwas daran zu ändern, hatte sich als nutzlos erwiesen.

Unsicher, was diese Enthüllung zu bedeuten hatte, entschied er sich, Akkarin einen Besuch abzustatten. Es war schon ziemlich spät, doch Lorlen wusste, dass Akkarin nie früh zu Bett ging.

Zögernd klopfte er an die Türflügel der Residenz. Es war ein kühler Abend, und Lorlen war ziemlich froh über den wärmenden Schild, der ihn schützend umgab.

Die Residenz stand ein wenig abseits der anderen Gebäude auf dem Gelände der Gilde. Lorlen war es schon immer ein wenig einsam vorgekommen hier zu leben, doch es schien ihm, als würde dies Akkarin nicht sonderlich stören.

Bisher hatte Lorlen noch nie gezögert, über irgendetwas mit Akkarin zu sprechen. Schließlich war dieser schon seit ihrer gemeinsamen Novizenzeit sein bester Freund. Doch sein heutiges Anliegen…

Lorlen wurde aus seinen Gedanken gerissen, als die großen Türflügel plötzlich aufschwangen; geöffnet von Akkarins Diener, Takan, der ihn höflich gestikulierend ins Innere geleitete.

„Lorlen", begrüßte ihn Akkarin lächelnd. „Ich hatte so eine Ahnung, dass du es bist." Er deutete auf einen Stuhl. Lorlen setzte sich.

„Du fragst dich, woher ich von Fergun erfahren habe, nicht wahr?". Akkarin goss anurenischen Dunkelwein in zwei Gläser und reichte Lorlen eines davon. Einen Moment lang blickte Lorlen auf seine Hände. „Nein, das ist es nicht…" Akkarin nippte an seinem Wein und sah ihn fragend an.

„Ist die Gilde verärgert, dass Sonea sich entschlossen hat zu bleiben?" „Ja, das auch, aber…ich…". Lorlen brach erneut ab. Das war sicher eins der schwierigsten Dinge, über die er je mit seinem Freund gesprochen hatte.

Akkarin setzte sich und seufzte. „Das Haus Maron ist nicht besonders erfreut, nicht wahr?" „Vermutlich nicht…", murmelte Lorlen und fuhr dann zögernd fort: „Aber Fergun sollte froh sein, dass er so glimpflich davon gekommen ist." Akkarin zog die Augenbrauen hoch und erwiderte nichts.

„Ich habe etwas beobachtet.", platzte es schließlich aus Lorlen heraus. Bei diesen Worten erbleichte Akkarin sichtlich. Vielleicht wäre es Lorlen aufgefallen, wäre in diesem Moment nicht so sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen.

„Während der Wahrheitslesung", sprach Lorlen weiter. Wie sollte er bloß erklären, was er gesehen hatte, wenn er selbst nicht einmal genau verstand, was er gesehen hatte.

Was genau hast du gesehen?", fragte Akkarin vorsichtig. Er hatte schon wieder etwas Farbe bekommen. „Etwas eben. Ich weiß nicht, was es war."

Akkarin beugte sich vor und hob eine Augenbraue. „Vielleicht einen Traum, an den Sonea sich in just diesem Moment erinnert hat." Fragend blickte Lorlen Akkarin an. Erinnerungen konnten nicht verändert werden, doch gewöhnlich waren Träume leicht als solche zu erkennen.

„Zeig's mir."

Lorlen zögerte kurz, dies war eine unübliche Methode. Aber in diesem Fall… „In Ordnung", sagte er heiser.

Der Hohe Lord stand auf und ergriff die Hand, die Lorlen ihm entgegen streckte. Dieser spürte Akkarins Präsenz von einem Moment auf den anderen. Irgendwie hatte Akkarin Lorlens geistige Schutzwälle umgangen, was eigentlich unmöglich war.

Egal. Lorlen holte kurz Luft, dann rief er sich die Wahrheitslesung in Erinnerung. Im Raum seines Geistes erschien ein goldgerahmtes Bild an der Wand. Die zuerst leere Leinwand füllte sich in Sekundenschnelle mir Farben, Formen und Strukturen. Einen Augenblick später war es komplett. Wie durch ein Fenster konnte man nun die folgenden Geschehnisse beobachten.

Das Ebenbild eines älteren Mannes in dunkelblauen Roben. Der Mann verbeugte sich. Das Bild war verschwommen und schwer zu sehen, so als hätte die Person, mit deren Augen das gesehen worden war, Schwierigkeiten, etwas zu erkennen.

„Hohe Lady, Lord Akkarin und Lord Lorlen, sie – sie sind tot." Der Mann sprach zögernd, kämpfte mit den Worten. Dann verschwamm die Erinnerung noch mehr und verschwand schließlich gänzlich.

Lorlen kannte den Mann nicht, doch während er überlegte, fiel ihm auf, dass er eine starke Ähnlichkeit zu Lord Osen aufwies. Vielleicht ein Verwandter? Der Mann war mindestens 25 Jahre älter als Osen. Sein zukünftiges Ich? Der Gedanke war erschreckend, doch sicher völliger Unsinn. Niemand konnte in die Zukunft sehen!

Akkarin zog sich aus Lorlens Kopf zurück und ließ sich wieder in seinen Sessel fallen; tief in Gedanken versunken. Etwas an dessen Mienenspiel irritierte Lorlen. Akkarin wirkte viel zu gelassen und – war es möglich – erleichtert?

Lorlen hatte Akkarin noch nie seine Gedanken lesen lassen. Es war anders als alles gewesen, was Lorlen zuvor begegnet war. Akkarin war so leicht durch seine Barrieren gedrungen, als hätten sie nicht existiert. Ferner war dessen Präsenz Lorlen kalt und emotionslos erschienen.

Schließlich begann Akkarin zu sprechen. „Interessant. Dieses Mädchen ist wirklich ein Mysterium." Zu Lorlens Überraschung sah Akkarin amüsiert aus.

„Glaubst du, es war ein Traum?"

„Nein.", meinte Akkarin zögernd.

„Dann vielleicht eine Art…Vision?"

„Möglich. Meinst du, Sonea hat sie dir mit Absicht gezeigt? ", fragte Akkarin; ein seltsamer Unterton schwang in seiner Stimme mit.

„Nein, es war ein Unfall. Sonea hat sich ziemlich schwer damit getan, die Richtige Erinnerung zu finden…Das war seltsam, es schien mir beinahe so, als gäbe es einfach zu viele davon – so als versuchte man, im Geist einer alten Frau zu lesen, und diese würde sich schwer damit tun, aus den unzähligen Erinnerungen die Richtige herauszufischen…Als sie dann bemerkt hat, was ich gesehen habe, blockierte sie eilig die Szene, bevor ich mehr sehen konnte."

„Es wäre gut, wenn du mit Lord Rothen sprichst. Er ist ihr Mentor und früher oder später wird er diese Erinnerung in ihren Gedanken sowieso entdecken." Akkarin schenkte zuerst Lorlen, dann sich selbst Wein nach.

„Und sag ihm, er soll es für sich behalten. In der letzten Zeit hat es hier genug Aufregung gegeben, ich würde es vorziehen, wenn in der Gilde kein Gerücht über eine geheimnisvolle Zukunftsvision kursieren würde und die Magier nicht schon wieder etwas hätten, über das sie spekulieren können…"

Lorlen selbst jedoch konnte sich nicht davon abhalten zu spekulierten. War es wirklich eine Vision? Oder war es eine Lüge, die mit voller Absicht von irgendjemandem in ihrem Kopf platziert worden war? Was, wenn es eine echte Vision war? Warum überbrachte der blau gekleidete Mann Sonea die Nachricht von seinem und Akkarins Tod? Und warum nannte er sie „Hohe Lady"? Seit der Gründung der Gilde hatte es noch nie eine Hohe Lady gegeben.

Akkarin trommelte mit den Fingern auf den Tisch. „Wir müssen Fergun irgendwohin schicken. Hast du irgendwelche Vorschläge?"

„Du glaubst also nicht, dass man ihn begnadigen wird?" „Nein, sicher nicht. Aber ich denke, als Leiter des Untersuchungskomitees, solltest du mir diese Frage beantworten." Akkarin warf ihm einen Blick zu.

„Du weißte, welche Unannehmlichkeiten sein Haus uns bereiten kann?" „Ich kann es mir denken, und ehrlich gesagt habe ich nichts dagegen, mal für eine Weile keine Heiratsanträge mehr vom Haus Maron zu bekommen." Er grinste.

„Wie wäre es mit einem Fort, oder etwas Ähnlichem?", überlegte Akkarin, dann erhob er sich plötzlich.

„Es ist spät. Wir sprechen morgen weiter." Er nickte Lorlen zu, dann verließ er den Raum schnell.

Das war untypisch für Akkarin gewesen. Vielleicht war dieser doch mehr beunruhigt, als er es sich hatte anmerken lassen.

„Gute Nacht", flüsterte Lorlen, dann stellte er das Weinglas sachte auf den Tisch zurück.


*euch Maroniherzen hinstell(hmmmLECKERXD)*

tbc Mina