2. Kapitel

„Du hast was…?" stieß Cosette vollkommen entgeistert hervor. „Wie konntest du so etwas tun?" Mme la Baronne Ponmercy hatte den halben Vormittag damit zugebracht, aus ihrem Vater herauszubringen, warum die Verzweiflung aus jeder seiner Poren schrie. Erst auf ihre sechste direkte Frage hatte er zugegeben, daß es mehr als das Schicksal der armen Frau von gestern gewesen war, was ihm auf der Seele lag. Es hatte sie drei weitere Aufforderungen, doch mit ihr zu sprechen, gekostet, bis Valjean mit Tränen in den Augen ihr den vergangenen Abend in allen Einzelheiten geschildert hatte.

„Ich weiß es nicht", stöhnte Valjean gequält auf. „Ich war so wütend, und irgend etwas mußte ich zerstören. Da sind mir diese Worte entglitten. Und ich weiß, daß er mir das nicht verzeihen kann. Weil es nämlich stimmt."

„Unsinn", sagte Cosette entschieden, „wenn du das wirklich glaubtest, würdest du wohl kaum seit zehn Jahren mit ihm leben. Nach allen, was ich weiß, war meine Mutter in einem Zustand, in dem sie alles, die kleinste Aufregung nur, hätte töten können."

„Ich weiß nicht, was ich tun soll, Cosette." Valjean wirkte hilfloser, als seine Tochter ihn jemals zuvor gesehen hatte. „Ich habe etwas Unverzeihliches getan, und ich kann nichts tun, was es ändert."

„Du hast häufiger in deinem Leben Dinge getan, von denen du glaubtest, sie seien nicht zu verzeihen", erinnerte Cosette.

„Ja, natürlich", Valjean lachte bitter auf, „nur mit dem Unterschied, daß Verzeihen nicht eine von Javerts herausragendsten Eigenschaften ist."

„Vielleicht unterschätzt du ihn?"

„Wohl kaum. Wir kennen uns bald ein halbes Jahrhundert, da gibt es nicht mehr viele Stärken und Schwächen, die unbekannt sind."

„Und jetzt hast du vor, dich hier in der Stiftung zu verstecken?" fragte Cosette und griff nach ihrem Mantel.

„Wo willst du hin?" fragte Valjean irritiert.

„In eure Wohnung", antwortete Cosette entschlossen. „Ich finde, irgendwer sollte dem armen Javert sagen, daß er nicht dafür verantwortlich ist, was mit meiner Mutter geschehen ist. Und da du das offenbar nicht vorhast, werde ich das tun."

Valjean starrte mehr als ein wenig fassungslos seiner Tochter hinterher, die mit festem Schritt die Stiftung verließ. Es fiel ihm schwer zu glauben, daß Javert auf Cosette hören würde, doch ein Funken Hoffnung glomm in ihm auf.

XXX

Cosette konnte sich nicht erinnern, in den vergangenen zehn Jahren einmal die Wohnung ihres Vaters betreten zu haben, wenn sie wußte, daß er nicht anwesend war. Auch wenn Javert und sie ein gutes Verhältnis hatten, wäre ihr ein Besuch bei ihm allein eher wie ein Eindringen in seine Privatsphäre vorgekommen. Doch besondere Situationen forderten besondere Mittel.

Marguerite, die Haushälterin der beiden Männer, öffnete die Tür und wies auch prompt darauf hin, daß Valjean nicht zuhause war. „Ich weiß", erklärte Cosette, „ich will auch gar nicht zu ihm."

„Na, dann", erwiderte Marguerite und ließ Cosette vorbei zur Treppe in der Hoffnung, daß diese das Mißverständnis, denn etwas anderes konnte es ja gar nicht sein, was sie am vorherigen Abend zwangsläufig mitangehört hatte, bereinigen würde.

Cosette erklomm die Stufen und blieb oben für einen Moment vor der Tür zum Salon stehen. Wußte sie eigentlich, was sie hier tat, und wie sie dies tun wollte? Doch da sie in jeder außer in biologischer Hinsicht Valjeans Tochter war, hatte sie auch die Fähigkeit, in unbekannten Situationen das Notwendige zu tun. Energisch klopfte sie einmal kurz und trat ein, ohne auf Antwort zu warten.

Der Anblick, der sich ihr bot, erinnerte sie spontan an einen Morgen in einem Hotelzimmer in Toulon. Javert saß auf der Chaiselongue und starrte ins Leere. Er hatte sich, wenn überhaupt, nur oberflächlich rasiert, der schon seit mehr als zwei Jahrzehnten aus der Mode geratene Zopf saß nicht ordentlich, und er trug weder eine Weste, noch einen Rock.

Valjean hatte gesagt, daß es schlimm war; so schlimm hatte es sich Cosette allerdings nicht vorgestellt. Sie schloß die Tür hinter sich wieder.

Erst das Geräusch ließ Javert aufmerksam werden und zur Tür blicken. Als er Cosette sah, erhob er sich sofort und machte einen sichtlich verlegenen Eindruck ob seiner derangierten Erscheinung. „Mme la Baronne", sagte er knapp.

„Seit wann sind wir wieder so förmlich miteinander?" fragte Cosette irritiert.

„Nun, ich gehe davon aus, daß Sie mich gleich fragen werden, ob es wahr ist, was Ihnen Ihr Vater gesagt hat. Ich werde es bestätigen, und danach dürften Sie keinerlei Wert mehr darauf legen, von mir in familiärer Weise angesprochen zu werden", erwiderte Javert steif. Es war leichter, wenn er vorwegnahm, was ihn erwartete, das hatte er früh in seinem Leben gelernt. Die Verletzungen gerieten dann weniger tief.

„Es ist nicht wahr." Cosette hatte auf einmal den unbändigen Wunsch, Javert am Hemdkragen zu packen und kräftig zu schütteln; der einzige Grund, der sie daran hinderte, war der Größenunterschied.

„Doch, es ist wahr." Javert war noch niemals so schmerzlich bewußt gewesen, wieviel ihm Valjeans Familie inzwischen bedeutete. Sie zu verlieren, würde unendlich wehtun. „Ich habe Ihre Mutter umgebracht."

„Es wird nicht dadurch wahr, daß Sie dies immer wiederholen." Cosette griff nach dem vor dem Schreibtisch stehenden Stuhl, drehte ihn in Javerts Richtung und ließ sich darauf nieder. „Sie ist gestorben, weil sie sehr krank war. Jede Form von Aufregung hätte sie getötet. Daß es Ihr Eintreten war, ist reiner Zufall gewesen."

„Hätte ich sie nicht verhaftet, hätte mein Eintreten sie nicht aufgeregt."

„Hätte mein Vater ihre Entlassung verhindert, wäre sie nicht verhaftet worden. Hätte sie nicht für meinen Unterhalt aufkommen müssen, wäre sie nie nach Montreuil zurückgegangen." Cosette wurde zunehmend ärgerlich. „Wie weit wollen wir das noch treiben? Jede Handlung hat irgendwelche Folgen, das ist nun einmal so. Wäre meine Mutter nicht gewesen, wäre mein Vater für Sie nicht der Fall Ihres Lebens geworden, Sie wären nie von dieser Brücke gesprungen, und er hätte Sie nicht gerettet. Die vergangenen zehn Jahre hätte es nicht so gegeben, wie sie nun einmal waren."

Ein Teil von Javerts Gehirn, welcher noch halbwegs analytisch funktionierte, stellte fest, daß der Anblick einer wütenden Cosette etwas Faszinierendes hatte. „Selbst wenn das, was Sie sagen, stimmen würde, ändert es nichts daran, daß Valjean mir den Tod Ihrer Mutter vorwirft."

„Er hat mir gesagt, er habe sich entschuldigt."

Javert nickte. „Er hat so etwas gesagt, ja, aber ich weiß nicht, ob ich ihm verzeihen kann."

„Er hat Ihnen eigentlich alles verziehen", warf Cosette ein. „Das war mehr als eine wütende, dumme Bemerkung."

Für einen kurzen Moment biß sich Javert auf die Lippe. Er haßte es, Unzulänglichkeiten einzugestehen, aber er konnte jetzt auch nicht schweigen. „Ich habe keine Ahnung, ob ich das kann, vergeben. Ich habe nicht viel Übung darin."

Cosette ging zu Javert hinüber. „Sie und mein Vater müssen das in Ordnung bringen, hören Sie?" beschwor sie ihn. „Dieses Zerwürfnis, oder wie man das auch immer nennen mag, macht Sie beide unglücklich, und ich will nicht, daß Sie unglücklich sind. Weder mein Vater, noch Sie."

Javert blickte auf Cosette herunter. Hatte jemals irgendeine Frau es gewagt, auf diese Weise mit ihm zu sprechen? Er konnte sich nicht erinnern. Es fiel ihm schwer zu akzeptieren, daß sich Cosette in etwas eingemischt hatte, was sie seiner Ansicht nach überhaupt nichts anging, und doch war es nicht wirklich unangenehm, all diese Worte zu hören. „Es ist gerade einmal ein paar Stunden her, daß all das passiert ist. Das heilt nicht so schnell."

„Aber Sie werden alles daran setzen, daß es heilen wird, nicht wahr?" Auf einmal klang Cosette so jung, wie sie wirklich noch immer war, ein Eindruck, der noch dadurch verstärkt wurde, daß sie Javert unvermittelt umarmte.

Für einige Sekunden blieb dieser stocksteif stehen. Abgesehen von den Kindern gab es nur einen einzigen Menschen, der ihn bislang umarmt hatte. Es fehlte ihm an Übung, wie man auf eine tröstende oder vielleicht auch trostsuchende Umarmung reagieren sollte.

Nach einer Weile des Zögerns erwiderte Javert die Umarmung, erlaubte Cosette sogar, ihren Kopf an seiner Brust zu bergen und hielt tapfer durch, bis sie sich von ihm löste.

Etwas verlegen machte Cosette drei Schritte rückwärts. „Versprechen Sie mir, daß Sie nicht einfach aufgeben, Javert, nur weil mein Vater eine unbedachte dumme Bemerkung gemacht hat."

„So wenig, wie Vergeben eine Charaktereigenschaft von mir ist, so wenig ist es Aufgeben", antwortete Javert nicht ohne Selbstironie.

„Ich bin jetzt losgeworden, was ich zu sagen hatte." Cosette tastete nach ihren Haaren, um zu prüfen, ob in ihrer Frisur noch alles am richtigen Platz war.

Trotz der Situation und seiner Verzweiflung gelang es Javert nicht, ein Lächeln zu unterdrücken. „Vielleicht sollten Sie noch einige Minuten warten, bevor Sie gehen. Mein, ähm, Hemdknopf hat einen Abdruck in Ihrem Gesicht hinterlassen, den Sie sicherlich nur mit Schwierigkeiten M. le Baron erklären könnten", sagte er fürsorglich. „Das alles ist schon so kompliziert genug."

Cosette errötete etwas. „Vermutlich haben Sie recht. Wir brauchen nicht noch mehr Auseinandersetzungen in dieser Familie, als wir schon haben."

„Nein, nicht wirklich." Obwohl Javert das Wissen, daß Cosette ihn weiterhin zur Familie zählte, wenigstens ein wenig das Herz erleichterte, mußte er unwillkürlich schaudern bei dem Gedanken, daß sie und Marius ähnliches durchmachen würden wie er gerade.

„Dann versprechen Sie mir, daß Sie sich bemühen, meinem Vater zu verzeihen."

„Sie können genauso hartnäckig sein wie er."

„Nun?"

„Ja, ich verspreche, mich zu bemühen", erklärte Javert schließlich.

Als Cosette eine Viertelstunde später tatsächlich ging, war Javert um ein paar Informationen über den vorangegangenen Tag reicher und um ein Versprechen ärmer, von dem er nicht wußte, ob er es wirklich würde halten können.

XXX

Es fiel Valjean nicht leicht, an diesem Abend in die Wohnung zurückzukehren. Er wußte nicht, was ihn dort erwartete, ahnte jedoch, daß es nicht angenehm werden würde. Er konnte noch immer nicht verstehen, weswegen ihm am vorherigen Abend dieser unverzeihliche Satz entfleucht war, es gelang ihm noch nicht einmal zu ergründen, woher dieser Gedanke gekommen war. Gut, die Situation in der Stiftung war ähnlich jener in Montreuil gewesen, als Fantine aus Angst vor der Polizei gestorben war, doch das erklärte nicht sein Verhalten, noch entschuldigte es dieses gar.

Die Nacht war grauenvoll gewesen, er hatte keinen Schlaf gefunden und hatte sich dann früh in die Stiftung aufgemacht, als Javert noch geschlafen hatte. Und genau eine solche Nacht würde ihm jetzt wieder bevorstehen, denn was sollte sich geändert haben seit heute morgen? Er schämte sich noch immer unendlich für sein Verhalten.

Doch es gab keine Alternative. Jede Möglichkeit, die Rückkehr in die Wohnung zu vermeiden oder zumindest aufzuschieben, wäre ein Weglaufen gewesen. Und einen Bruch dieses Versprechens konnte Valjean unter keinen Umständen verantworten, weder vor sich selbst, noch gar vor Javert.

Gleichzeitig nervös und niedergeschlagen betrat Valjean das Haus und stellte verwundert fest, daß alles so wirkte, als sei nichts passiert. Aus der Küche konnte er hören, wie Marguerite das Abendessen zubereitete, an der Garderobe hingen Javerts Mantel und Hut… Wie konnte das alles so unverändert sein nach dem gestrigen Abend?

Er nahm seine Kraft zusammen und stieg nach oben. Beinahe hätte er sich bei dem Gedanken ertappt, sofort ins Schlafzimmer zu gehen und eine Begegnung mit Javert zu vermeiden, aber das wäre nun wirklich feige gewesen. Man konnte ihm vorwerfen, was man wollte, aber er war nach Digne niemals mehr vor seiner Verantwortung geflohen – oder zumindest war er immer zurückgekehrt.

Er öffnete die Tür, und auch im Salon bot sich ihm ein vertrauter Anblick. Javert saß am Schreibtisch, hatte seine Brille auf der Nase und betrachtete eine Karte von Paris, während er in den Händen ein Lineal und einen Zirkel hielt. Er blickte nicht auf, sondern starrte konzentriert auf die Karte.

Valjean wünschte sich nichts sehnlicher als hinüberzugehen und mit einer Berührung, einem Kuß zu signalisieren, daß er zuhause war, doch er traute sich nicht. Eine Zurückweisung, die unzweifelhaft erfolgt wäre, hätte er nicht ertragen können. Aber er mußte etwas tun oder wenigstens etwas sagen, um das belastende Schweigen zu brechen. Er räusperte sich leise. „Ich bin zuhause", sagte er fast unhörbar.

Javert beendete seine Notiz in aller Ruhe und blickte erst dann auf. „Das sehe ich."

„Wie… war dein Tag?" Valjean wußte nicht, was er sagten sollte, aber er mußte sprechen; das Schweigen wäre unerträglich gewesen.

„Was denkst du?" fragte Javert zurück.

„Ich weiß, das war eine dumme Frage", gestand Valjean. „Ich habe den ganzen Tag damit zugebracht herauszufinden, ob die junge Frau von gestern Familie hatte. Bisher war ich nicht sonderlich erfolgreich."

„Wenn sie eine registrierte Prostituierte war, kann vielleicht die Polizei weiterhelfen."

„Ich werde nachfragen lassen." Valjean nickte. „Auch wenn ich es etwas unpassend fände, die Polizei ausgerechnet in diesem Fall um Hilfe zu bitten."

„Mehr als diesen Ratschlag werde ich dir nicht geben. Ich verspüre nicht die geringste Lust, über diese Angelegenheit mit dir zu diskutieren."

„Das kann ich gut verstehen." Valjean stieß ein leises Seufzen aus. „Javert, ich weiß wirklich nicht, was da gestern in mich gefahren ist, so etwas unverzeihliches…"

Javert machte eine abwehrende Handbewegung. „Ich möchte im Augenblick davon nichts hören."

„Natürlich." Valjeans sowieso schon niedergeschlagene Haltung verstärkte sich dadurch, daß seine Schultern noch weiter herabsanken.

„Deine Tochter war vorhin hier." Javert packte seine Unterlagen zusammen. „War das deine oder ihre Idee?"

„Sie war tatsächlich hier? Ich hatte gehofft, daß sie sich nicht einmischt."

„Sie ist deine Tochter."

Für einen kurzen Moment beschleunigte sich Valjeans Herzschlag, weil sich plötzlich ihre gewohnte Vertrautheit eingestellt zu haben schien, doch der Moment verging dadurch, daß Javert sich mit seinen Papieren erhob und sich anschickte, den Raum zu verlassen.

„Ich muß noch etwas überprüfen."

Valjean schloß für eine Sekunde die Augen. „Ich hatte gedacht, nein, gehofft, wir würden zumindest miteinander essen."

Javert blickte auf Valjean herunter und schüttelte den Kopf. „Nein, ich glaube nicht." Er verließ das Zimmer, und das Geräusch der sich schließenden Tür erschien Valjean das Geräusch seines Herzens zu sein, das brach.

XXX

Obgleich sie weiterhin dieselbe Wohnung teilte, sahen sich Valjean und Javert in den folgenden Tagen kaum. Javert machte keine Anstalten, seine wenig bequeme Schlafstatt im Salon aufzugeben, er verließ das Haus meist gegen Abend und kehrte irgendwann in der Nacht zurück. Valjean ging morgens in die Stiftung, denn er redete sich ein, daß er seine Arbeit nicht deswegen vernachlässigen durfte, weil es ihm schlecht ging, und er konnte vor der kalten Atmosphäre fliehen, die in der Wohnung herrschte.

Wenn sich die beiden Männer begegneten, pflegten sie einen zivilisierten, höflichen Umgang miteinander, doch an ein Gespräch, da mehr als oberflächlichen Inhaltes war, konnte keiner von beiden denken.

Am vierten Tag nach dem Vorfall kehrte Valjean am Abend nach Hause zurück und traf im Flur der Wohnung auf Javert, der gerade dabei war zu gehen.

„Wohin gehst du?" fragte Valjean und fand im gleichen Moment, daß er genauso fordernd und beleidigt klang, wie er niemals hatte klingen wollen.

„Ich arbeite"; antwortete Javert kühl, griff in seine Manteltasche und brachte ein Stück Papier zum Vorschein. „Ich denke, das wird dir helfen."

Valjean blickte ihm nach, wie er die Wohnung verließ, und entfaltete das Papier. Ein Name und eine Adresse in einer kleinen Stadt in der Bretagne waren darauf zu lesen sowie der Vermerk „Schwester". Valjean benötigte einen langen Moment, um zu begreifen, daß es sich um die Anschrift der Schwester jener unglücklichen Prostituierten handeln mußte.

Oh, Gott, Javert hatte tatsächlich in den vergangenen Tagen die nächste Angehörige der Frau herausgefunden, fuhr es Valjean durch den Kopf. Er tat selbst so etwas Unverzeihliches, und dann tat Javert das, was er immer tat, nämlich seine Pflicht, und beschämte ihn damit. Das würde eine weitere, sehr lange, sehr einsame Nacht werden, die ihm da bevorstand, in der seine Schuldgefühle ihn dazu treiben würden, beinahe dem Wahnsinn nahe zu kommen. Mit Sicherheit war es keine gute Idee, in dieser Stimmung der Schwester zu schreiben, um sie vom Tod der armen Frau und den unschönen Umständen, die dazu geführt hatten, zu unterrichten.

Auf einmal wußte Valjean, daß er den Abend nicht allein vor sich hingrübelnd in der Wohnung verbringen konnte. Er griff nach seinem Mantel und machte sich wieder auf den Weg nach draußen. Die kalte Abendluft wirkte belebend; sie war eindeutig der einsamen Wohnung vorzuziehen.

Valjean wußte nicht, wohin er gehen sollte. Natürlich würde seine Tochter ihm nicht die Tür weisen, auch wenn sie mehr als deutlich gemacht hatte, was sie von seinem Vorwurf an Javert hielt. Doch es erschien ihm nicht richtig, sich von seiner Familie umsorgen zu lassen, wenn er derartig versagt hatte. Er verdiente das schlichtweg nicht. Aus den gleichen Gründen sah er sich auch nicht in der Lage, zu den Danois' zu gehen. Es gab natürlich noch weitere Möglichkeiten, doch jede verwarf er sofort wieder, und je länger er darüber nachdachte, desto mehr erkannte er, daß es nicht daran lag, daß er keine dieser Personen sehen wollte, sondern weil er eigentlich mit Javert zusammensein wollte. Nicht mit dem kühlen, wortkargen Mann, dem er gelegentlich auf dem Flur ihrer Wohnung begegnete, sondern mit dem Javert, wie er noch vor wenigen Tagen gewesen war, liebevoll, mit trockenem Humor ausgestattet, bereit zuzuhören…

Valjean seufzte. Er hatte kein Recht, diese Seite von Javert zurückzuwünschen, nachdem er sie selbst vertrieben hatte.

Er befand sich so tief in seinen Gedanken, daß er beim Abbiegen um eine Häuserecke beinahe mit einem entgegenkommenden Passanten zusammengestoßen wäre.

„Wenn Sie eine Brille brauchen, um zu sehen, wohin Sie laufen, sollten Sie die vielleicht auch aufsetzen", beschwerte sich der andere Passant.

„Verzeihen Sie mir, ich war in Gedanken", versuchte Valjean, sich zu entschuldigen, und sah zum ersten Mal bewußt seinen Gegenüber an, um gleichzeitig leise aufzustöhnen. „Du? Ausgerechnet du?"

Joseph Clery war seit ihrer letzten Begegnung während der Saint-Michel-Morde sichtlich gealtert. Jetzt jedoch huschte ein strahlendes Lächeln über sein Gesicht, das mit Sicherheit zu früheren Zeiten zu den Namen „Prinzessin" beigetragen hatte. „Jean, der Ausbrecherkönig", stieß er für Valjeans Geschmack deutlich zu laut hervor. „Was führt dich denn in diese Gegend?"

Da Valjean nicht genau wußte, wohin ihn seine ziellosen Schritte geführt hatten, blickte er sich zunächst einmal um. Er stellte fest, daß er sich nur wenige Schritte vom „Coq noir" befand, wo er mit Javert die Ermittlungen in den Saint-Michel-Morden begonnen hatte. Aber darüber wollte er lieber nicht nachdenken, schon gar nicht in Anwesenheit der indiskretesten Person der Welt.

„Wenn du auf der Suche sein solltest, bin ich gerne bereit, dir behilflich zu sein", fuhr die Prinzessin fort.

Valjean warf ihm einen ausgesprochen unerfreuten Blick zu, der offenbar als Antwort genügte.

„Du bist also nicht auf der Suche." Clery grinste. „Wo steckte er dann, dein Polizist? Weiß der, wo du dich ohne ihn herumtreibst?"

Valjean entschloß sich, die Unhöflichkeit zu begehen, einfach weiterzugehen.

So leicht ließ sich die Prinzessin jedoch nicht abschütteln. Dieser nahm es einfach als Einladung, Valjean ein Stück zu begleiten. „Hhm, ich fürchte fast, daß es kein gutes Zeichen ist, wenn dein Schatten nicht in Sicht ist", plauderte die Prinzessin munter weiter. „Also wenn ich so einen Kerl wie den hätte, würde ich ihn ja nicht aus den Augen lassen, nein, eigentlich vor allem nicht aus den Händen."

„Wie wäre es, wenn du einfach den Mund halten würdest und in die entgegengesetzte Richtung gingest?" knurrte Valjean. Er hatte schon soviel Schaden angerichtet, daß es ihm vollkommen gleichgültig war, wenn er jetzt auch noch Clery unfreundlich behandelte.

„Davon halte ich ja so ganz entschieden gar nichts", antwortete dieser. „Dir geht es nicht besonders gut, und wenn ein alter Freund in Not ist, muß man doch helfen."

„Es wäre mir neu, daß wir jemals Freunde waren." Valjean hätte seinen Schritt beschleunigt, wäre ihm nicht just in diesem Moment die Lächerlichkeit der ganzen Situation aufgegangen. Er konnte förmlich Javerts Stimme hören, also Javerts Stimme aus der Zeit, als dieser noch mit ihm sprach, wie sie sagte: „Ungefähr so mußt du es dir vorstellen, wie es ist, wenn du unbedingt jemandem Hilfe geben willst, der sie gar nicht möchte." Abrupt blieb er stehen. „Wieso denkst du, ich könnte Hilfe benötigen?"

Clery wäre beinahe ins Stolpern geraten, als er ebenso plötzlich stehenblieb. „Ich kann mir nicht vorstellen, daß du so ganz allein durch eine kalte Januarnacht tappen würdest, wenn zuhause ein warmes Bett und jemand, der darin liegt, warten würden."

Valjean schloß wortlos die Augen. Es tat weh, in dieser Weise gesagt zu bekommen, was schon die ganze Zeit in seinem Kopf vorging.

„Was ist also los?" Die Prinzessin klang auf einmal so, als wäre mit ihm eine ernsthafte Unterhaltung tatsächlich möglich. „Er hat dich doch nicht etwa verlassen?"

Für einen kurzen Moment vergaß Valjean, wem er gegenüber stand, daß es sich um die lästige, aufdringliche, indiskrete Prinzessin handelte. Er mußte jemandem sagen, wie es ihm ging. Er hatte sich zu lange zusammengerissen, es nicht zu erwähnen, damit Cosette nicht noch einmal zu Javert gehen würde, und um sie zu schützen, weil es ihr selbst so nahe ging. Doch nun konnte er einfach nicht mehr. „Er ist noch da, körperlich, meine ich, aber nicht bei mir. Ich habe das einzige gesagt, was ich nie hätte sagen dürfen. Und er wird es mir nicht verzeihen können."

„Oh, je, das klingt aber gar nicht gut." Clery schien kurz seine übliche übertriebene Art beiseite zu legen und echtes Mitgefühl zu zeigen. „Was hast du getan, damit er dir verzeiht?"

„Wie getan?" Valjean wirkte verständnislos.

„Heilige Maria Magdalena, heißt das, du läuft hier durch die Straßen, anstatt ihn davon zu überzeugen, daß es keine gute Idee ist, auf immer mit dir zu grollen?" Die Prinzessin stöhnte frustriert auf. „Vielleicht solltest du endlich beginnen, um ihn zu kämpfen."

Valjean sah für einen Augenblick so aus, als wäre dieser Gedanke völlig neu für ihn, und tatsächlich war es auch so. Er hatte geglaubt durch das, was er gesagt hatte, jeden Anspruch darauf verloren zu haben, aktiv daran mitwirken zu dürfen, daß Javert ihm verzieh. Doch wenn es gar nicht so war? Wenn er selbst eine Anstrengung vollbringen mußte, damit sie wieder zueinander fanden, damit es nicht nach all den Jahren in Distanz und Kälte endete? Er hatte im Bagno nicht aufgegeben, er hatte auf der Barrikade und in der Kanalisation nicht aufgesteckt, wieso sollte er ausgerechnet jetzt damit anfangen? Wo es um das Wichtigste in seinem Leben ging?

„Sieh mich nicht so an", beschwerte sich Clery. „Du erwartest doch wohl hoffentlich nicht, daß ich dir erkläre, wie du um ihn kämpfen sollst. Das solltest du eigentlich selber am besten wissen."

Das Lächeln, was sich auf Valjeans Gesicht gestohlen hatte, war schwach, aber nicht hoffnungslos. „Ich denke, das weiß ich", erwiderte er. „Ich habe nicht erwartet, daß ich das jemals würde sagen müssen, aber ich danke dir. Du hast mir deutlich gemacht, was ich tun muß."

Die Prinzessin gab einen erleichterten Ton von sich. „Weißt du, Valjean, es wäre einfach zu traurig, wenn ihr beiden es nicht schaffen würdet. Daß ihr beiden zusammen überhaupt möglich seid, gibt mir so was wie Hoffnung." Er suchte umständlich in seiner Tasche nach einem Taschentuch, um seine Rührung über sich selbst zu verbergen. „Und jetzt mach, daß du nach Hause kommst, denn sonst könnte es sein, daß ich mein Glück bei deinem einsamen Polizisten selbst versuche."

Es gelang Valjean nur mühsam ein, „Wage es ja nicht" zu unterdrücken, bevor er in die Nacht verschwand.

XXX

Inspecteur Lucien Danois ließ die Papiere sinken, die er gerade sehr gründlich studiert hatte. „Ich kann nicht sagen, daß das eine schöne Geschichte ist, die Sie mir bringen", meinte er mit hörbarem Widerwillen in der Stimme.

Javert nickte. „Ich weiß. Und ich weiß auch, daß es nicht einfach sein wird, etwas zu unternehmen."

„Na, ja, die Hauptarbeit haben Sie ja bereits geleistet." Lucien wirkte, als würde seine alte, überschwengliche Bewunderung für Javert wieder einmal die Oberhand gewinnen. „Wie haben Sie herausbekommen, daß es ausgerechnet diese Polizeistation gewesen sein muß?"

„Das war nicht allzuschwer." Nur von Javert konnten diese Worte ohne jeden Anschein von falscher Bescheidenheit benutzt werden. „Ich habe zunächst berechnet, welchen Weg die Frau zwischen der Zeit, als sie, wie mir Mme la Baronne erzählte, in der Stiftung erschien, und was sie als Zeitpunkt angab, als sie die Station verließ, zurücklegen konnte in dem Zustand, in dem sie war. Damit waren einige Stationen ausgeschlossen. Und dann habe ich ein paar diskrete Erkundigungen eingezogen, wo sie normalerweise ihren Platz hatte, an dem sie auf Kunden wartete… Einigen der Frauen dort ist schon ähnliches passiert. Sie konnten mir dann sagen, welche Station es in ihrem Fall war. Es blieb nur diese eine übrig. Sie muß es einfach sein." Für einen kurzen Moment zögerte Javert. Er haßte es, um etwas zu bitten. „Werden Sie etwas unternehmen, Lucien?"

„Wenn Sie glaubten, daß ich das nicht täte, wären Sie kaum hier", stellte Lucien trocken fest. „Allein der Gedanke, daß so etwas vor zehn Jahren Violetta hätte passieren können, macht mich derartig wütend, daß ich den Kerlen persönlich den Hals umdrehen könnte. Aber ich werde natürlich den legalen Weg wählen."

„Die Beweislage ist nicht besonders gut", wandte Javert ein. „Die Zeugin ist tot, es gibt nur die Aussagen von Valjean, Cosette und den anderen Leuten, mit denen sie in der Stiftung gesprochen hat, und ob die anderen Frauen aussagen würden…"

„Ich weiß auch, daß das vielleicht nicht reichen wird. Aber ich werde es auch zunächst etwas anders anfangen, und morgen abend die Station durchsuchen lassen wegen dienstlicher Unregelmäßigkeiten. Vielleicht finde sich ja dabei etwas, das wir verwenden können."

„Das wäre in der Tat eine Möglichkeit."

Lucien seufzte, als er die Papiere ordentlich zusammenlegte. „Ich fürchte, es ist die einzige Möglichkeit, um hier etwas zu erreichen. Auf direktem Wege werden wir hier wenig Erfolg haben. Ich habe schon zwei- oder dreimal auf diese Weise einen Fall lösen können. Violetta schimpft dann zwar immer mit mir, wenn ich ihr davon erzähle, weil ihr auf diesen verschlungenen Pfaden immer alles zu langsam geht, und ich auch nicht für eine Verhaftung garantieren kann, und dann streiten wir. Aber meistens komme ich am Ende zu einem Erfolg."

Javert runzelte die Stirn. Es erschien ihm merkwürdig, daß Lucien offen erzählte, wie er mit Violetta stritt. Er hatte nie den Eindruck gehabt, daß die Ehe zwischen dem jungen Inspektor und seiner Frau nicht glücklich war. Brachen etwa auch andere Beziehungen gerade auseinander, so wie seine eigene? „Streiten Sie häufig?"

„Oh, ja", zu Javerts Überraschung lachte Lucien leise, „Violetta ist ziemlich temperamentvoll. Aber das hat nicht nur unangenehme Seiten, denn wir genießen es, uns wieder zu versöhnen. Das hat einen ganz eigenen Reiz."

Als Javert sich auf den Heimweg machte, war er in nachdenklicher Stimmung. Es irritierte ihn, daß man sich offenbar streiten konnte, ohne daß dies die Beziehung gefährdete. Und auch daß man es genießen konnte, sich zu versöhnen, war eine Idee, die sich ihm nicht ganz erschloß.

In der Wohnung war Valjean offensichtlich bereits schlafen gegangen. Javert holte sich sein Kissen und seine Decke aus dem Schrank, um sich so gut es ging, auf der Chaiselongue niederzulassen. Dabei stellte er fest, daß an der Lehne ein Zettel hing. Er nahm den Zettel, zog seine Brille aus der Tasche und fragte sich, weswegen sein Herz so undiszipliniert schnell schlug, als er unter der Adresse, die er Valjean am Abend in die Hand gedrückt hatte, dessen schwer zu entziffernde Handschrift erkannte.

„Danke", stand da zu lesen. „Du bist unglaublich. V."

So sehr er sich auch bemühte, es gelang Javert nicht, das kleine Lächeln, was auf einmal seine Mundwinkel umspielte, ganz zu unterdrücken.