Disclaimer: Wie immer ist nichts mein, ich übersetze nur. ;)

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Kapitel 02 – Die erste Begegnung

Samstag, 13. Juli, 12:54 Uhr

Hradčany, Prag, Tschechische Republik

Das Beste an meinem speziellen Auftrag sind mit Sicherheit die Vorbereitungen.

Vorbereitung ist das Wichtigste – und nach drei Jahren detaillierter Recherche habe ich alle Fakten, die ich brauche. Bleiben also nur noch die Schönheitspflege, um meinen Plan in die Tat umzusetzen. Und wo könnte man den Tag besser starten, als im Kosmetiksalon? Gibt es etwas Schöneres als sich von perfekt gestylten Barbie-Püppchen umgarnen zu lassen, während ich mich in einem professionellen Ledersessel zurücklehne und entspanne?

Und selbst wenn mir Kosmetiktermine zuwider wären, würde ich trotzdem hingehen müssen – schließlich kann ich schlecht vier Wochen durch die Wüste Saudi Arabiens wandeln und dennoch verführerisch sein. Ich kann ja schlecht im Sandsturm meine Augenbrauen zupfen und in ausgedehnten Bädern Achseln, Beine und Bikinizone rasieren. Und ich bin mir sicher, dass Vale nicht unbedingt auf haarige Frauen steht.

Da die Kosmetikerinnen bezahlt werden, lasse ich mir auch das passende Makeup zu meinem Outfit machen, a la „professionelle Sucherin, stylisch, aber praktisch". Und Grund Gütiger, war es das wert!

Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, als ich über meine Haare streife – diese sind übrigens ein ganzes Stück kürzer, da sie in letzter Zeit doch zu lang geworden sind und langsam an einen dieser zugewachsenen Hunde erinnerten, deren Augen man unter lauter Fell kaum noch sehen kann. Die Friseuse hatte ein wenig über das Ohrteil meines Kommunikationsgeräts gegrummelt, insbesondere als ich es nicht herausnehmen wollte. Wahrscheinlich haben sie es für Kopfhöher eines MP3-Players gehalten.

Mir gefällt der Stufenschnitt meiner Haare – vielleicht behalte ich diesen auch nach der Mission. Die Ponysträhnen kitzeln zwar, wenn sie mir ins Gesicht fallen, aber sie vervollständigen den aufreizenden Look, so dass ich sie nicht hinter die Ohren streifen mag. Mal sehen, wie das in Kampfsituationen klappt – aber ich werde schon nicht vor eine Wand rennen.

Ich streife mir die glänzenden Strähnen aus dem Gesicht, so dass die Haare in der Sonne glitzern. Einige junge Männer drehen sich bewundernd nach mir um – und genau darauf war ich aus. Ein Testlauf ob der Look der richtige ist, sozusagen. Auch wenn meine ersten Opfer höchstens siebzehn Jahre sind. Es ist Sommer und die Straßen sind voller Kinder und Jugendlicher, die ihre Abschlussarbeiten hinter sich gebracht haben und den Ferien entspannt entgegenblicken – also bieten sich genug Möglichkeiten meinen Look zu testen, während ich mich durch die Straßen in Richtung der verlasseneren Gegenden bewege.

Im Gegensatz zu den Menschenmassen laufe ich in die entgegengesetzte Richtung – weg von der Altstadt und hinein in die Umgebung des Prager Schlosses. Aus Vorsicht nehme ich die schmalen Seitenstraßen – damit mich niemand sieht, bevor ich meinen großen Auftritt habe.

‚Zhalia', kommt eine krächzende Stimme aus dem Ohrteil. ‚Ich hoffe du bist soweit. Du solltest jetzt in der Nähe sein. Wir gehen in zehn Minuten rein. Komm pünktlich, wir möchten uns nicht unnötig lange mit ihnen herumschlagen'.

‚Entspann dich, Kleiner, ich bin gleich da', denke ich und grinse zufrieden. Eine Antwort erwartet er nicht – und er hätte mich auch nicht gehört, weil mein Kommunikationsgerät nur ein eine Richtung –nämlich meine- funktioniert.

Ich blicke mich kurz um, um sicherzugehen, dass ich alleine bin, bevor ich das Ohrteil herausnehme und es auf dem Bürgersteig mit der Schuhsohle zertrete. Besser kaputt, als dass es in die falschen Hände gerät – besonders da ich so dicht am Hotel der Huntik Vereinigung bin.

‚Aah!', seufze ich mit Zufriedenheit. Das Adrenalin rauscht durch meinen Körper bei dem Gedanken was mir in wenigen Augenblicken bevorsteht. Was für ein herrliches Gefühl! Und das, wo ich erst mal nur ein wenig schauspielern muss. Eine Kleinigkeit für den Anfang.

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Derselbe Tag, einige Minuten zuvor

Hotel der Huntik Vereinigung

Hradčany, Prag, Tschechische Republik

Dante konnte nicht von sich behaupten, dass er ein wählerischer Typ war. Ganz im Gegenteil, passte er sich schnell an eine Situation an und ignorierte die Unwägbarkeiten. Aber selbst für ihn gab es Grenzen.

Und Babysitten war eine davon.

Das änderte sich auch nicht dadurch, dass beide Kinder fünfzehn Jahre alt waren und -so könnte man meinen- daher ein gewisses Maß an Vernunft und logischem Denkvermögen besaßen. Wie sich schnell herausstellte, war das nicht genug; schon am ersten Tag ihrer Bekanntschaft verwickelten sie ihn in jede Menge Schwierigkeiten. Die Organisation vor seiner Haustür, ein gewaltsames Eindringen in Sophies Haus, ein Kampf in unbekanntem Terrain, dann eine Auseinandersetzung mit einem fanatischen Bodyguard und einen weiteren Angriff von DeFoes Untertanen, aus dem er mit einer Brandwunde auf der Brust herausging, weil er eine hilflose Maid schützen musste. Und dann auch noch ein Nachtflug nach Prag, hinein in eine der Gebiete, in denen die Organisation besonders dicht vertreten war – er konnte sich jedenfalls nicht über mangelnde Abenteuer beklagen…

Wie kam es bloß, dass einige Menschen dem Abenteuer ständig nachzujagen versuchten und keine fanden, während einige –die Ruhe und Entspanntheit bevorzugt hätten- ständig von Abenteuern angesprungen wurden? Er konnte nicht einmal in Ruhe einkaufen gehen, ohne über einen rotznasigen Bengel und seinen Verfolger zu stolpern – und das in seinem eigenen Vorgarten.

Nun gut, Lok war kein rotznasiger Bengel… Auch wenn Dante ihn am liebsten über die nächste Mauer in den dahinter liegenden Kanal befördert hätte, weil er seine Ruhe störte (die zumindest fast drei Jahre gedauert hatte), hatte er doch die Kraft erkannt, die von dem Jungen ausging. Oder besser von seinem Amulett, das er durch den Stoff von Loks Brusttasche schimmern sah. Er hatte sofort seine Bedeutung erkannt und die Eingebung, dass er dies nicht ignorieren konnte folgte auf dem Fuße. Er hatte sich nicht geirrt.

Der Junge war immerhin der Sohn von Eathon Lambert – und er besaß seines Vaters Tagebücher. Als er die Bücher gesehen hatte, war Dante überkommen von… ja, was genau war es nun? Angst? Aufregung? Freude? Es war schwer zu sagen.

Er hielt eine unbezahlbare Quelle an Wissen und Geheimnissen in der Hand, die in den falschen Händen höchst gefährlich sein konnte. Selbst für Lok –der den Wert des Inhalts nicht erkannte- war der Besitz der Bücher gefährlich. DeFoes Jagd hatte bewiesen, dass die Organisation bereit war zu töten, um an die Bücher zu kommen – und das konnte er als Detektiv, als Beschützer der Gerechtigkeit nicht ignorieren.

Ebenso wenig konnte er den Inhalt der Tagebücher und das darin enthaltene Wissen ignorieren. Er musste handeln –und zwar schnell. Lok war wohl bereit sich seiner Führung anzuvertrauen, aber das hieß nicht, dass er bereit war, sich aus der Sache gänzlich zurückzuziehen. Dante wäre es lieber gewesen den Jungen ganz herauszuhalten –er arbeitete lieber alleine- aber er konnte Eathons Sohn auch nicht ungeschützt lassen, jetzt da die Organisation seine Familienbeziehung kannte und bei ihm wertvolle Geheimnisse witterte. Nun war er sowieso involviert.

Lok war aber das geringste Problem. Er war zwar tollpatschig und unkoordiniert, stolperte gerne über seine eigenen Füße (zu viele Videospiele, zu wenig tatsächlicher Sport, der ihm Koordination und Gleichgewicht lehrte, wie Dante schnell heraushörte), und sein Talent für das Zaubern hielt sich auch in Grenzen, aber er zeigte viel Potential, wenn es um das Herbeirufen von Titanen ging.

Das größere Problem war eigentlich eher Loks Schulkameradin. Das Mädchen hatte –wie sich herausstellte- etwas Erfahrung (wenn auch eher theoretischer Natur), die sie unter Beweis stellte, indem sie half die Organisation zu vertreiben. Dante schätzte zwar diese Hilfe, aber er mochte die Art nicht, mit der sie ihn behandelte. Zu viel Vertraulichkeit, zu wenig Bekanntschaft…

Sophie weckte zwar sein Interesse aufgrund ihres Familiennamens, der jedem Sucher ein Begriff war, aber sie selbst bedeutete ihm nicht viel. Das Angebot in ihrem Haus zu nächtigen war zwar günstig gekommen –immerhin musste er sich dadurch nicht sofort nach einem passenden Unterschlupf umsehen. Dennoch ahnte er, dass er den Preis hierfür noch würde zahlen müssen. Und er hatte sich nicht geirrt… Der Deal war beschlossene Sache.

Er hatte grundsätzlich nichts dagegen, nach Loks Vater zu suchen. Leider hatte er aber gleichzeitig die ständige Begleitung der beiden Anfänger akzeptieren müssen. Der einzige Vorteil dieser Abmachung war die großzügige Bezahlung dafür, dass Dante ihnen beibrachte ein richtiger Sucher zu sein. Aber es würde ein langer Weg sein…

Sowohl Metz als auch Cherit hatten auf sein Verständnis gepocht. Insbesondere Cherit hatte Lok sofort in sein Herz geschlossen, was wohl in erster Linie sentimental bedingt war aufgrund der Freundschaft mit Loks Vater. Der kleine Titan schien damit zufrieden zu sein während des Fluges in einem Rucksack versteckt neben Lok zu sitzen und sich mit ihm zu unterhalten. Er war auch sehr höflich zu Sophie. Cherit war sowieso eher friedlich und mochte keinem Leid zufügen. Und Metz… als Dante ihm von seiner Entdeckung und neue Bekanntschaft über sein Holotome berichtet hatte, hatten sich seine Augen erhellt. Er hatte Dante ans Herz gelegt sich mit dem Fall eingehend zu beschäftigen. Es war lange her, dass Dante ihn zu lebhaft gesehen hatte…

Das war letztendlich der entscheidende Punkt gewesen, warum Dante dem Deal zugestimmt hatte. Er hatte Metz den Wunsch nicht abschlagen wollen und sich daher geschworen sein Bestes zu geben. Er würde alles tun, damit Metz sich besser fühlte.

Dante schüttelte den Kopf um seine Gedanken zu ordnen und sah die erwartungsvollen Blicke der beiden Teenager auf sich gerichtet. Nun sollte er also ihr Lehrer sein? Na prima, denn genau das wollte er eigentlich nicht sein. Er hatte sich im Geiste bereits einen Plan zurechtgelegt, von dem er sicher war, dass er zum Ziel führen würde – solange er nur alleine agieren konnte. Mit einem so unerfahrenen Team würde er es niemals schaffen. Aber das war Teil des Deals, also blieb ihm nichts anderes übrig, als alles ganz genau zu erklären und zu hoffen, dass die beiden nicht den ganzen Plan zu Nichte machen würden.

„Sucher, wir haben eine Mission", sagte er mit offizieller Stimme. Es klang wie der Auftakt zur Episode einer Abenteuerserie, nach der nun die entsprechende Musik einsetzen und das Geheimnis im Laufe der nächsten dreißig Minuten aufgeklärt sein würde. Dante war kein guter Redner –und auch kein erfahrener. Bisher hatte er nie Redekünste benötigt.

Dante stellte das Holotome auf dem Tisch auf und nahm mit einer Handbewegung die ersten Befehle vor: „Zeig mir den Prager Zentral-Friedhof".

„Wie genial ist das denn?", platze Lok heraus, als das Holotome seinem Befehl Folge leistete und eine grünlich transparente Visualisierung des Friedhofs projizierte. „Ein Hologramm?"

„Nicht ganz", unterbrach Sophie, die auf der Tischkante saß und die Gelegenheit aufgriff ihr Wissen preis zu geben –und das Fehlen desselben bei ihrem Schulkameraden. „Es ist ein Holotome, Lok", betonte sie. „Sucher-Gruppen wie die Vereinigung nutzen sie, um ihre Missionen zu planen, Informationen zu sammeln und um Titanen zu analysieren", zählte sie auf und spielte mit der grünen Miniatur des Friedhofs.

Dante entschied, dass dies vorerst genug Informationen für Lok waren, der etwas verwirrt drein sah.

„Basierend auf den Informationen, die Sophie gesammelt hat, ist unser Ziel das Grab des weisen Mannes von Prag, Jodis Lore", erklärte er. Eine Karte mit detaillierten Illustrationen und einer Beschreibung erschien über dem Holotome. Dante schnappte sie und las vor: „Mission: Der Golem von Prag. Ziel ist der Prager Zentralfriedhof. Findet einen Zugang zur Gruft von Jodis Lore. Sammelt Informationen über den Golem".

Das Holotome zoomte hinein auf das Eingangstor des Friedhofs und projizierte drei Figuren daneben, die ihre Abbilder waren.

„Nach Einbruch der Dunkelheit geht's los. Wir betreten den Friedhof durch das Tor". Dante zeigte mit dem Finger, als sich im Hologramm die drei Figürchen durch das Tor bewegten.

„Also das nenne ich mal interaktiv!", begeisterte sich Lok. „Wäre das genial damit Videospiele zu spielen!".

„Lok…". Sophie rollte mit den Augen. "Kannst du nicht mal eine Weile ernst bleiben?", kritisierte sie und blickte zu Dante, auf der Suche nach Unterstützung.

Dante blickte kritisch drein. Er begann so etwas wie Mitleid zu haben, dass Lok die kleine Miss Perfektionistisch schon so lange kannte. Es konnte ja kein Vergnügen sein, den lieben langen Tag belehrt und korrigiert zu werden… Wie anstrengend!

Dante wollte gerade diskret anbringen, dass sich das Mädchen nicht viel besser aufführte als ihr Schulkamerad, aber er wurde abgelenkt von einem plötzlichen Gefühl der Anspannung – nicht seine eigene, aber er konnte sie trotzdem fühlen. Seltsam… Vielleicht war das eine Nebenwirkung davon, dass er plötzlich Lehrer von zwei Quälgeistern war…

„Sollte dort wirklich ein unterirdischer Bau sein, kann er nicht größer sein als dies hier", schwenkte er wieder zum eigentlichen Thema zurück. „Wir werden uns wahrscheinlich auf die kleinen und mittleren Titanen stützen müssen, wie Solaris und Sabriel".

Er ließ das Holotome die beiden Titanen zeigen, um den Kindern ihre Fähigkeiten aufzuzeigen. Er selbst kannte sie auswendig und hätte sie ohne mit der Wimper zu zucken herunterrasseln können:

Solaris. Angriff: 1; Verteidigung: 1. Typ: Krono-Titan-Späher. Größe: klein. Besondere Fähigkeit: Fliegen.

Sabriel. Angriff: 3; Verteidigung: 2. Typ: Draco-Titan-Kriegerin. Größe: Durchschnittlich. Spezielle Fähigkeit: Unverwundbarkeit.

'Natürlich!', schoss es Dante durch den Kopf. ‚Solaris!'. Er war es, den er vorhin gespürt hatte. Dante lauschte angestrengt und meinte draußen den Flügelschlag seines Titanen zu hören. Gut, dass er das Fenster offen gelassen hatte, so dass Solaris hereinfliegen konnte.

„Wie cool ist das denn?", strahlte Lok, als der falkenähnliche Titan über dem Tisch kreiste und sich schließlich über Dante zur Landung ansetzte. Seine graue Schwungfedern streiften Dantes Wange, als er sich auf seiner Schulter niederließ.

‚Probleme?', riet Dante. Wie als Antwort erschienen Bilder vor seinem geistigen Auge – Bilder aus der Vogelperspektive. Ein elegant gekleideter Mann stand unter einem Baum, ein anderer ging den Weg an ihrem Hotel entlang.

„Was machen wir eigentlich, wenn die Organisation von unseren Plänen erfährt?", fragte Cherit sorgenvoll. Der kleine Titan saß auf einem der Stühle und hatte beide Vorderpfötchen auf den Tisch gelegt, war aber durch seine Größe kaum über die Tischkante zu sehen.

„Das haben sie schon", erklärte Dante und dankte Solaris für die Informationen.

„Du machst Witze!", rief Lok. „Was machen wir denn jetzt?"

„Ruhig bleiben", sagte Dante mit Fassung. Da merkte man den Unterschied zwischen einem Profi und einem Anfänger. Ihn überraschten die Neuigkeiten kaum, schließlich hatte er sowieso damit gerechnet, dass sie DeFoe nicht so einfach entkommen würden – deswegen hatte er ja Solaris auf Erkundungstour geschickt. „Das Hotel gehört der Huntik Vereinigung. Wir sind hier erst einmal sicher. Zumindest für den Moment", sagte er offen.

Sophie schienen die Neuigkeiten weniger zu beeindrucken. Die lächelte zaghaft.

„Ach, und so ein paar Agenten sind doch kein Problem für dich, oder Dante?". Sie sah ihn zwinkernd an und stemmte die Hand in die Hüfte. „Hey, ich hab da auch eine Idee. Schau dir mal meinen Plan an", sagte sie und lehnte sich über das Holotome. Dante blickte finster drein. Glaubte Sophie wirklich, dass sie genug Erfahrung hatte, als dass er sie als gleichberechtigte Partnerin in Missionen anerkennen würde? Offensichtlich hatte sie zwar einiges über die Welt der Titanen gelernt, aber um sich mit Dante auf eine Stufe zu stellen fehlte ihr die praktische Anwendung ihrer Theorien.

Auch Lok sah mürrisch in ihre Richtung.

„Also ich hab auch eine Idee", grummelte er und stand auf. „Warum machen wir nicht mal eine Pause?"

Dante war versucht den Jungen an den Stuhl zu binden, nur damit er ihn nicht mit seiner besserwisserischen Schulkameradin alleine lassen würde. Aber Lok war blitzschnell verschwunden – mit einem Ausdruck der Enttäuschung.

‚Na prima', dachte Dante und rollte mit den Augen. ‚Jetzt bin ich auch noch in eine Teenager-Romanze verwickelt. Das kann ja heiter werden…'

Wenigstens waren Cherit und Solaris noch da. Cherit sah allerdings auch etwas betrübt aus… Wahrscheinlich sorgte er sich um Lok.

Sophie war völlig unbeeindruckt, als sie begeistert ihre Vorstellung eines Plans aufzählte, der zwar bestenfalls als spektakulär zu bezeichnen war und so viele Schwachstellen enthielt, dass er dem Drehbuch eines drittklassigen Actionfilms ähnelte. Er hielt aber wohlweislich den Mund; stattdessen gab er den Anschein zuzuhören, obwohl er seinen eigenen Gedanken nachhing. Solaris merkte seine Gereiztheit. Er bewegte sich unruhig auf Dantes Schulter hin und her und bohrte ihm dabei die Krallen durch den Mantel.

Plötzlich hörten sie einen Knall. Dante sprang auf. Sophie sah zum Badezimmer hin, in dem Lok verschwunden war. Solaris erhob sich wieder in die Luft und durchkreiste den Raum. Cherit folgte Dante, bereit dem Jungen zu Hilfe zu eilen, auch wenn dieser vielleicht in seinem Tollpatsch nur ein Regal mit Handtüchern umgeworfen hatte. Dann aber kam Lok aus dem Badezimmer gelaufen und sie sahen, was den Lärm verursacht hatte. Er wurde verfolgt von einem Titanen…

Dante war den Redcaps schon oft begegnet und ließ sich daher nicht von ihrem erschreckenden Aussehen mit den scharfen Reißzähnen und den überlangen Krallen beeindrucken. Das war auch gut so, denn die restlichen zwei Drittel des Teams verfielen in Panik. Sophie erstarrte vor Schreck und bemerkte daher den Titanen hinter ihr nicht.

„Wie ist der denn hier reingekommen?", rief sie ausgebracht, und meinte den Titanen, der Lok jagte. Dann fingen sie die langen Krallen des Titanen hinter ihr am Knöchel. Sophie schrie vor Schreck auf und fiel zu Boden.

Dante wollte ihr helfen, aber er bemerkte einen weiteren Redcap im Schrank. Er trat gegen die Tür, so dass der Redcap von seinem Versuch ebenfalls anzugreifen abließ. Danach wandte er sich Sophie zu und befreite sie mit einem wohlgezielten Raypulse-Spruch. Sophie rollte sich geschickt und sprang auf, aber Dante hatte noch keine Zeit zum Ausruhen, dann Lok war in Schwierigkeiten.

„Solaris!", rief er über den Rummel. Der Titan reagierte sofort und setzte zum Sturzflug auf den Redcap an, der dadurch abgelenkt war, so dass Lok entkommen konnte. Lok blickte hastig umher und hechtete unter den Tisch. Und genau im rechten Moment, denn schon war Verstärkung da – leider nicht für sie, sondern die der Gegner.

„Kältestrahl", brüllten die Agenten und lenkten den Gegenangriff in ihre Richtung. Dante trat gegen den Tisch, so dass dieser den Zauber abfing, dabei aber zu Bruch ging wie ein Streichholz. Die Agenten gaben nicht auf.

Ein weiterer Zauber zischte in Sophies Richtung, aber das Mädchen schützte sich mit einem magischen Schildzauber, Ehrengarde. (Das war jetzt zwar nicht die beste Zeit um mit ihrem Wissen zu prahlen, aber immerhin wusste sie sich zu schützen!).

Nun blieb die Frage, was tun? Wie lange würden sie sich wohl gegen den Angriff verteidigen können, bevor ihre Kräfte erschöpft waren? Die Agenten waren in der Überzahl – fünf gegen… nun ja, sie waren genau genommen auch zu fünft, wenn man Cherit und Solaris mitzählte, aber Cherit und Lok versteckten sich unterm Tisch und waren keine Hilfe. Bemerkte denn niemand von der Huntik Vereinigung, dass eines ihrer Zimmer gerade zu Kleinholz verarbeitet wurde? Andererseits: Wäre jemand dagewesen, der helfen könnte, wären die Agenten an der Eingangstür gar nicht erst vorbeigekommen…

Sie mussten einen Trick benutzt haben um sich Zugang zu verschaffen… Kurz gesagt: Dante und sein Team waren auf sich allein gestellt, umzingelt von feindlichen Agenten, die nicht von ihren Angriffen abließen. Was also tun? Vielleicht könnte er sie verwirren? Er könnte Solaris als Lockvogel nutzen, um…

Dann explodierte die Tür...

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Derselbe Tag, 13:12 Uhr

Hotel der Huntik Vereinigung

Hradčany, Prag, Tschechische Republik

Ka-boom!

Der Drache erhält Einzug!

Oh, wie liebe ich das!

Okay okay, Zeit sich dem Wesentlichen zuzuwenden, weil ich mich langsam wie ein überdramatischer Teenager anhöre, obwohl ich der Star dieses Augenblicks bin. Also wo ist der rote Teppich? Wahrscheinlich muss der Marsch über den Rücken meiner Kollegen aus der Organisation reichen. Kein Wunder, dass ich die Hauptrolle bekomme – so armselig wie die sich verhalten… Die kleine Explosion hat sie zwar umgenietet, aber langsam könnten sie sich mal wieder zusammenreißen. Momentan krabbeln sie auf dem Fußboden herum wie Küchenschaben, statt sich wie furchteinflößende Agenten zu verhalten. Aber wie auch immer, die Schau muss weitergehen. Ich muss einfach improvisieren – nur wie?

Ein kurzer Blick durch den Raum: ein blonder Schwächling und sein Titan –klein wie ein Maskottchen- unterm Tisch. Das ist also der Tollpatsch und sein treuer Zwerg-Begleiter, beide gleich nutzlos. Und Klaus ist wirklich sicher, dass der Kleine der Sohn von Lambert ist? DeFoe muss da was verwechselt haben – überraschen würde es mich nicht, immerhin ist er ein Widerling.

Nun, zu wem gehört der Solaris? Zu der rothaarigen Prinzessin in Designerklamotten? Wer zieht sich so an für eine Mission? Ein Rock, der kaum ihren Hintern bedeckt –auch wenn derselbe flach und unweiblich ist, wenn ich das mal anmerken darf. Ein Windstoß und jeder kann ihr Höschen sehen. Aber vielleicht ist das auch Absicht? Schockieren würde es mich nicht, immerhin habe auch ich meine hautenge Jeans ausgesucht um meine Kurven zu betonen… Aber wenigstens habe ich Kurven zum Betonen! Ha!

So weit, so gut. Also wo ist… Ah, da! Der Bärtling. Also dann wollen wir mal Inventur halten – Klaus' Beschreibung mit der Realität. Und zwar schnell, bevor der echte Spaß losgeht.

Der Bart.. ja, den hat er. Auch wenn er… interessant rasiert ist. Ich hatte einen wilden Rauschebart a la Weihnachtsmann erwartet, aber sein Bart sieht aus als wäre er sorgfältig in Form geschoren. Vielleicht hat er eine Schablone oder ein Winkelmesser für die richtige Form? Der Typ sollte sich den Bart besser gänzlich rasieren. Als er jünger war, sah er zwar auch ohne Bart wie ein Volltrottel aus (Und ich weiß wovon ich rede, immerhin habe ich seine alten Fotos gesehen), aber vielleicht würde er inzwischen besser aussehen? Mit seinem kantigen Kinn täte er besser daran es nicht noch zu betonen.

Braunhaarig – stimmt. Vielleicht eher kastanienbraun. Seine Haare haben einen Stich ins Rote, besonders jetzt, da er neben einem Fenster steht und die Sonne ihm auf den Kopf scheint. Ziemlich zottelig ist er. Vielleicht ein Hippie, oder so? Seine Haare sind so lang, dass ihm die Strähnen ins Gesicht fallen. Kennt er keinen Friseur?

Und einen Modeberater hat er ganz sicher nicht, das steht fest. Sonst würde er nicht in einem Mantel herumlaufen, der die Farbe von Babykacke hat… Ehrlich, ich habe bisher selten so einen scheußlichen Mantel gesehen. Er würde vielleicht zu Clint Eastwood passen, in alte Westernfilme oder vielleicht nach Alaska, aber im modernen Prag wirkte er einfach nur… deplatziert. Um es auf den Punkt zu bringen: Es sieht beschissen aus. Und wieso trägt er überhaupt einen Mantel im Sommer? Und auch noch ein Sweatshirt darunter? Das lässt mich an Vales angeblicher Intelligenz zweifeln… Und ich soll mich wirklich an den heranschmeißen? Muss das sein?

Nun, eine Wahl habe ich sowieso nicht. Ich muss schauspielern – zwar ohne Begeisterung, aber dafür verdammt professionell. Also mache ich einen Schritt nach vorne und ziele.

„Schockstoß!" Die Redcaps werden durch den Spruch aus dem Weg gefegt – die Kraft des Zaubers lässt die Fensterscheiben in tausend Teile zerbersten. Mein kleiner Gareon nimmt sich den dritten Redcap vor. Der geschickte Schleicher macht einen Sprung und attackiert das Monster mit einem Strahl aus seinen Augen, dann landet er weich auf meinem Arm mit seinen Gecko-artigen Gliedern. Ich lobe ihn schnell und Kleine freut sich merklich.

Meine Kollegen aus der Organisation starren mich ungläubig an, vor Schreck zur Salzsäule erstarrt. Was? Haben die etwa geglaubt ich würde mit Wattebäuschen werfen? Ich muss überzeugen, Herrgott nochmal. Ebenso müssten sie jetzt Angst und Schrecken verbreiten, stattdessen lassen sie sich von Vale überrumpeln, der die Situation scharf beobachtet und endlich eine Gelegenheit zum Angriff gefunden hat.

„Ihr solltet mir nicht den Rücken kehren!", rief er und rammte ihnen die Stiefel gegen das Kinn. Autsch! Das muss höllisch wehtun! Dennoch muss ich zugeben, dass er Tritt gut platziert war, sehr effektiv – und tadellos funktioniert hat er auch, denn meine Kollegen sinken zu Boden.

Aber statt Vales Schnelligkeit zu bewundern, sollte ich mich lieber um mich selbst kümmern. Hinter mir höre ich ein Rasseln und Gurgeln - Gareons Gegner gibt noch nicht auf. Also werde ich den Redcap selbst erledigen müssen.

„Cherit, wir müssen was tun!", höre ich den Jungen. Aha, er hat sich also endlich entschlossen unterm Tisch hervorzukommen. Na mal sehen, was er kann…

„Aye!", kommt die Antwort in einer seltsam krächzenden Stimme – und dann schießt ein rosa-blauer Energiestrahl in den Redcap. Der Titan heult auf bis der mächtige Strahl ihn schließlich pulverisiert. Wow, nicht schlecht… insbesondere für so einen Zwergen-Titan. Gareon bewegt sich nervös hin und her. Er mag es nicht, wenn ich andere Titanen bewundere… Er ist eifersüchtig. Ich habe aber keine Zeit ihn zu beschwichtigen, denn die zwei restlichen Redcaps greifen an. Reicht der Splitter-Regen nicht, um Eindruck zu machen? Sieht so aus, als müsse ich noch mehr Register ziehen… insbesondere, da Vale seinen Blick nicht von mir abwendet. Dann will ich ihm mal zeigen, was ich noch alles auf Lager habe!

„Ich mach das!", ruft die Rothaarige und zielt einen Zauberspruch, aber Vale stoppt sie mit einer einfachen Handbewegung und gibt mir ein Zeichen, als wolle er sagen: ‚Dann mal los!'. Pah, als ob ich seine Erlaubnis brauche. Das kannst du vergessen, Süßer! Ich weiß auch so, was ich tun muss – und ich bin schon dabei.

Ein bisschen Schwung, um Anlauf zu nehmen… Die Redcaps kommen näher… der Hänfling hält den Atem an –wahrscheinlich befürchtet er, dass ich gleich von den Krallen aufgespießt werde… Ha, dann pass mal gut auf, Kleiner!

Mit einem gekonnten Sprung setze ich über die feindlichen Titanen hinweg und lande geschmeidig wie eine Katze vor den kaputten Fenstern. Die kleine Rothaarige staunt wahrscheinlich nicht schlecht… Im kurzen Röckchen kannst du sowas nicht machen ohne dich selbst zu entblößen, hm? Jetzt wart mal ab, es wird noch besser! Ich ziehe das Amulett hervor und halte es auf Augenhöhe.

„Stich zu, Strix!", rufe ich übertrieben betont.

Die Titanen rauschen in Form von Energie aus dem Amulett, formen sich zu stechenden Insekten, beinahe wie übergroße Hornissen, gekreuzt mit blutrünstigen Moskitos und zerteilen die Redcaps genau durch die Bauchregion. Boom!, und schon sind die Titanen weg und lösen sich in goldenem Nebel auf. Ich bringe mich in eine vorteilhafte Pose – perfekt, muss ich in aller Bescheidenheit sagen!

„Geschieht euch recht!", kommentiere ich gnadenlos. Ich muss aufpassen, dass bei dem hereinwehenden Wind nicht meine Haarsträhnen im Lipgloss kleben bleiben – das hasse ich wie die Pest.

Für einen Moment ist der sich setzende Staub das einzige im Raum was sich bewegt. Die Huntik Sucher starren mich wortlos an (Ich muss umwerfend aussehen!) – wahrscheinlich völlig überrumpelt von der geheimnisvollen Sucherin, die aus dem Nichts auftaucht und ihnen den Ar… Hintern rettet. Es ist fast andächtig, wie die Szene aus einem Film…

Aber natürlich gibt es immer jemanden, an dem die andächtige Stimmung abprallt… Wie jetzt.

„Was stehst ihr da rum?", ruft eine aufgebrachte Männerstimme.

Ich verkneife mir eine bissige Antwort, auch wenn sie mir auf der Zunge liegt und es mir verdammt viel Genugtuung verschaffen würde ihm die Meinung zu geigen. Der Kerl hat einfach kein Empfinden für Stimmungen…

„Los, bewegt euch!", setzt Vale noch einmal nach, der schon in der zerborstenen Tür steht und uns ungeduldig ansieht. „Sophie, los jetzt!".

„Oh… ja!". Die Kleine erwacht aus ihrer Lethargie und stürmt aus dem Zimmer, nachdem sie das Holotome geschnappt hat.

„Lok, Cherit! Was ist los mit euch?!", drängt der Mann. „Kommt endlich da raus! Und du…", er wendet sich an mich, bricht mitten im Satz ab und schaut mich fragend an.

„Zhalia". Die kurze Vorstellung muss für den Moment genügen, während ich schnell aber elegant meinen Weg über das Gerümpel im Zimmer bahne. Ich rufe meine Titanen zurück. Die erste Szene in diesem schlechten Film ist vorbei… Schade, dass jemand das glorreiche Ende versaut hat…

Vale nickt mit dem Kopf, als Zeichen, dass er die Information gespeichert hat. Der Junge läuft an ihm vorbei und trägt den Titanen im Arm. Das Kampf-Maskottchen sieht ziemlich fertig aus, er hängt mit geschlossenen Augen schlaff in seinen Armen.

„Cherit…", murmelt der Junge. Lok, das ist sein Name, wie mir wieder einfällt. „Er ist…"

„Wir kümmern uns später um ihn!", drängt Dante und schiebt Lok durch die Tür. „Wir verschwinden jetzt erst mal, bevor noch mehr Agenten auftauchen. Kommt schon! Die Treppe runter!". Er deutet zu Sophie und Lok.

"Und was machst du… ihr beide?", fragt die Rothaarige. ‚Sophie, ihr Name ist Sophie', ermahne ich mich selbst. ‚Und ich muss nett sein zu ihr… Wenn ich das mal hinkriege…'.

„Ich bilde die Nachhut", antwortet Dante und ruft Solaris zu sich. Er gehört also zu ihm.

Die Göre will offensichtlich argumentieren, wird aber im Keim von Vale abgeblockt. Sein finsterer Gesichtsausdruck verrät seinen Ärger und das Mädchen tritt wohlweislich den Rückzug an.

Dante selbst rührt sich nicht, also nutze ich die Gelegenheit ihn noch einmal aus der Nähe zu inspizieren… Nun ja, gigantisch ist er nicht, aber seine 1,90 m wird er schon haben. Erst jetzt bemerke ich, dass er mich in Richtung Tür weist… oder das, was von der Tür übrig ist.

„Du gehst vor, ich halt uns den Rücken frei", sagt er – sein Glück, dass er dabei nicht mehr so finster drein schaut!

„Also das kriege ich auch selbst ganz gut hin", sage ich mit Bestimmtheit. Nur nicht zu unterwürfig sein, lieber ganz natürlich.

„Das glaub ich gerne", gibt er zu. „Aber ich bevorzuge die traditionelle Variante. Ladies First".

Ach Gottchen, ist er nicht süß… Bei so viel Zuvorkommen wird einem ja schlecht. Aber eine Wahl hab ich nun nicht mehr, also nicke ich und bedenke ihn mit einem kurzen aber intensiven Blick, der bei den meisten Männern ausreicht, dass sie mir zu Füßen liegen.

Er hat braune Augen.

Und das ist auch schon alles, was ich sehe. Kein Zucken, keine Bewegung verrät seine Gedanken. Kein Zeichen, dass ihm irgendetwas an mir gefällt, nichts. Vielleicht kann er seine Gedanken einfach gut verstecken, wie ein Pokergesicht. Vorerst lasse ich ihn jedenfalls hinter mir und lasse ihn die Rolle des Beschützers spielen. Soll er doch, schließlich hat er von hinten freien Blick auf einen meiner Vorzüge: meinen Po muss ich nicht verstecken!

Ich sprinte die Treppen hinunter und stoße auf dem Absatz mit Lok zusammen. Sophie steht wie angewurzelt neben ihm und beide starren auf einen K.O.-geschlagenen Typen, der eine tschechische Security-Marke trägt. Ich bin schon auf dem Hinweg an dem vorbeigekommen – und ich war auch diejenige, die ihn ausgeknockt hat. Seine Schuld, er hätte aufgeben sollen statt sich mir zu widersetzen. Scheinbar ist die Wirkung des Darksleep-Spruchs, den meine Kollegen benutzt haben um die restliche Meute auszuschalten, an ihm abgeprallt.

Ich spüre Dantes Anwesenheit hinter mir. Er schnappt schon nach Luft um die Kinder für ihr Trödeln zurechtzuweisen, bemerkt dann aber den Mann am Boden. Er drängt sich zwischen uns, was nicht einfach ist –Dante selbst hat ganz schön breite Schultern und viel Platz ist hier auf dem Treppenabsatz auch nicht- kniet sich nieder und kontrolliert den Puls des Opfers.

„Das hab ich schon gemacht", sagt Sophie durch blasse Lippen. Ist das etwa das erste Mal, dass die Kleine einen Bewusstlosen sieht? „Er lebt noch, aber… er ist nicht der einzige". Sie deutet die Stufen hinunter.

Das ist wohl wahr… Da liegen jede Menge Leute. Ich musste auf dem Hinweg ganz schön über sie springen, um in die oberen Etagen zu kommen. Scheinbar war es doch nicht so einfach gewesen sich Zugang zum Hotel zu verschaffen. Meine Organisations-Kollegen müssen sich wohl ganz schön angestrengt haben, bevor alle Huntik-Leute ohnmächtig waren…

„Wir sollten einen Arzt rufen", sagt Lok.

„Dafür haben wir keine Zeit", erinnere ich ihn und zupfe an seinem Ärmel, um ihn wieder in Gang zu bringen. „Wir sind auf der Flucht, schon vergessen?".

„Aber jemand könnte…", schreit Sophie aufgebracht und dreht sich wütend zu mir um. „Wir können sie nicht einfach liegen lassen!".

„Wenn wir hier herumtrödeln, kommen nur noch mehr Agenten", erkläre ich. „Und das hilft den Typen hier auch nicht weiter".

Endlich erhebt sich Dante zögerlich aus seiner knienden Position.

„Je eher wir hier wegkommen, desto besser für alle", sagte er angespannt. „Kommt schon".

„Aber Dante…!"

„Und was machen wir mit Cherit?", unterbricht Lok vorsichtig und blickt auf seinen Freund. Er meint seinen Zustand, denn Cherit hat sich noch nicht erholt, aber das ist nicht das einzige Problem.

„So können wir nicht mit ihm rausgehen", merke ich an und spähe in den Flur und durch die Fenster, um sicherzugehen, dass nicht jemand plötzlich hier hereinspaziert. „Schick ihn in sein Amulett zurück, damit er sich erholen kann".

„Cherit hat kein Amulett", sagt Lok.

Wie bitte? Ein Titan ohne Amulett? Klingt als wolle mich der Kleine auf den Arm nehmen. Ich starre den Jungen an mit einem Blick, der besser sagt als tausend Worte, dass dies kein Witz zur rechten Zeit ist.

„Das ist eine lange Geschichte", unterbricht Dante, der nun endlich die restlichen Stufen herunterspringt und zu uns kommt. „Verbergen wir ihn erst einmal".

„Ich hab meinen Rucksack im Zimmer gelassen", murmelt Lok verlegen. Kein Wunder, dass er so verschämt schaut – er ist wirklich ein erstklassiger Nichtsnutz.

Dante beachtet Lok nicht weiter – wahrscheinlich hat er schon vorher bemerkt, dass Lok keine Ausrüstung dabei hat. Oder aber er hat sowieso nicht mehr von dem Jungen erwartet. Zielsicher stürmt er in den Flur an die Rezeption und durchwühlt einige Schränke, ohne sich um die schlafende Empfangsdame zu kümmern. Schließlich zieht er einen Korb hervor.

„Was wird das? Machen wir ein Picknick?", frage ich voller Ironie und beobachtete Dante amüsiert. Man stelle sich das mal vor… Ein erwachsener Mann mit einem Körbchen wie Rotkäppchen.

„Zumindest wird das jeder denken". Er zuckt unbeeindruckt mit den Schultern.

„Ich dachte, du würdest ihn einfach unter deinem Mantel verstecken". Ich verschränke die Arme.

„Das würde noch komischer aussehen", murmelt er, legt Cherit in den Korb und bedeckt ihn mit einem Tuch. Solaris, der bis dahin immer noch auf seinem Arm gesessen hat, verschwindet in sein Amulett. „So, nun können wir uns in der Öffentlichkeit sehen lassen", erklärt er und greift den Korb. „Wir rennen, es sei denn wir stoßen auf Passanten. Dann gehen wir. Und nicht vergessen zu lächeln!".

„Kehehe", testet Lok sein Lachen – aber er sieht aus als hätte er eine Kieferstarre.

Dante seufzt.

„Vergesst das mit dem Lächeln". Und genau da muss ich mir ein Lachen verkneifen! Man, was für eine Truppe! Wahrlich, die fantastischen Vier.

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Der gleiche Tag, 13:26 Uhr

Der Park in Hradčany, Prag, Tschechische Republik

'Mist, Mist…', murmelt Lok vor sich hin, beugt sich vor und keucht angestrengt. „Das ist ja wie bei Men in Black…"

"Nur schade, dass sie die dunkle Seite der Macht gewählt haben", murmelt Dante als Antwort und setzte den Korb mit Cherit im Gras ab.

„Jetzt können wir doch endlich das Krankenhaus verständigen, oder?", unterbricht Sophie. „Jemand könnte sich beim Sturz verletzt haben. Oder jemand ist tatsächlich ins Koma gefallen…"

„Unwahrscheinlich", antwortet Dante. „Die Wirkung von Darksleep lässt nach ein paar Stunden nach".

Ich hoffe mal, dass keiner mein leichtes Zucken bemerkt. Dante hat den angewandten Spruch also erkannt… Nun gut…

„Also ist es nur ein Zauber?". Sophie scheint überrascht. Sie sitzt im Gras, vorsichtig so niedergelassen, dass ihr Höschen verdeckt bleibt.

„Genau. Nützlich, aber harmlos", versichert ihr Dante. Der Mann selbst bevorzugt es zu stehen, hat aber beide Hände lässig in die Hosentaschen geschoben. Er sieht fast entspannt aus, was in krassem Gegensatz steht zu der Art wie er uns hierher gehetzt hat. „Ein Krankenhaus könnte ihnen sowieso nicht helfen. Falls es dich beruhigt, informiere ich die ansässige Huntik Stelle. Die werden einige Sucher schicken, die sich damit auskennen. Für notwendig halte ich das aber nicht".

„Es wäre mir schon lieber", hakt das Mädchen nach und reicht ihm das Holotome. „Hier".

Dante blickt sich schnell um, dass niemand in der Nähe ist, bevor er das Holotome schnappt und es rasch unter seinem Mantel verbirgt. Sophie sieht ihn erstaunt an.

„Wie wäre es, wenn wir die Huntik Technik nicht ganz so offen zeigen?", sagt er in lässigem Ton. „Vor allem nicht in der Öffentlichkeit…" Er schreibt eine kurze Nachricht. Seine Finger sehen ziemlich rau aus und haben einige Kratzer, wahrscheinlich vom Kampf, aber er hat definitiv Geschick in den Händen…

Neben dem Klackern der Tasten hören wir plötzlich ein leises Seufzen. Eine kleine Pfote schiebt sich aus dem Korb heraus. Dante hebt den Kopf.

„Hey, Kumpel", grinst er als er Cherits pelzige Kopf sah. „Wusste ich doch, dass du dich erholen würdest". Dann beendet er schnell die Nachricht, aber seine Stimmung scheint plötzlich besser zu sein.

„Cherit!". Lok kniet sich neben dem Titanen ins Gras und betrachtete ihn eindringlich. „Geht es dir auch wirklich gut?". Seine Stimme ist eine Mischung aus Erleichterung, Überraschung und Freude.

„Aye", antwortet der Kleine mit einem offenen Lächeln. „Ich wollte dich nicht erschrecken. Ich vergaß dich vorzuwarnen, dass meine Kräfte mich ziemlich auszehren".

„Das nächste Mal sagst du mir Bescheid bevor du ohnmächtig wirst!", seufzt Lok und wirft sich rückwärts in Gras ein Gestrandeter auf einer einsamen Insel sich in den Sand werfen würde.

„Wir sind woanders", bemerkt Cherit und schaut sich um.

Wohl wahr, immerhin sind wir fast eine Viertelstunde durch die Gegend gehechtet wie die Verrückten, nur um hier im Park hinter die nächsten Büsche zu springen. Nur für Passanten –meist Touristen, junge Leute oder Familien mit kleinen Kindern- sind wir strategisch effektvoll geschlendert, als hätten wir keine Eile der Welt. Wahrscheinlich sind wir trotzdem aufgefallen, schließlich sind wir schon eine ungewöhnliche Truppe – für Freunde zu große Altersunterschiede, für Familie zu kurze… Letztendlich waren wir hier im hinterletzten Winkel des Parks gelandet, direkt neben einem staubigen Weg unter einer Eiche, die gnädig Schatten spendete. Selbst Cherit kann hier wieder unter dem Tuch herauskommen.

„Was blieb uns anders übrig? Die vorige Umgebung ist hin", grollt Sophie. „Immerhin hat jemand" –und das jemand zischt sie in meine Richtung- „so ziemlich alles was noch stand mit einem Zauber hinweggefegt!".

Irgendwie wenden sich alle Augenpaare auf mich… Lok setzt sich sogar auf, um mich genauer anzusehen, und ich fühle mich plötzlich wie ein Insekt unterm Mikroskop. Ich kann nicht mal flüchten, schließlich habe ich eine Mission. Aber warum sollte ich eigentlich flüchten? Schließlich ahnen die ja nichts – und nur bei Sophie bin ich froh, dass Blicke nicht töten können. Lok schaut eher neugierig, Cherit beinahe unbekümmert. Dante dagegen starrt seine Schuhspitzen angestrengt, also kann ich nicht einmal sagen was für einen Gesichtsausdruck er tatsächlich hat. Keine Ahnung was er denkt, der Mann ist mir ein Rätsel – aber genau das soll er ja nicht sein, oder zumindest nicht bleiben.

Schweigen auf der ganzen Linie… nur der Wind weht und die Blätter der Eiche rascheln im Wind. Und eine Biene summt um unsere Füße, bevor sie sich auf Cherits Nase niedersetzt. Der Kleine schnupft sie vorsichtig weg. Ich schweige ebenfalls ich will nicht die erste sein, die etwas sagt… Immerhin muss ich mich nicht rechtfertigen, und ich will nicht den Anschein erwecken als hätte ich etwas zu verstecken (Dass es so ist, müssen sie schließlich nicht wissen!). Also setze ich ein unbekümmertes Gesicht auf und lehne mich entspannt gegen den Stamm der Eiche, ein Bein angewinkelt und den Absatz meiner Stiefel in die Rinde gestemmt.

„Du bist also Zhalia Moon, der einsame Wolf der Huntik Vereinigung?", bricht Dante schließlich das große Schweigen. „Ich habe von dir gehört".

Ha! Wusste ich es doch! Er hat angebissen. Dann wollen wir den Haken mal anspannen, bevor wir das Fischlein einziehen.

„Und du bist Dante Vale, der ganze Stolz der Huntik Vereinigung". Ein wenig Schmeichelei – für sein männliches Ego. "Natürlich hat jeder schon von dir gehört…", füge ich mit samtweicher Stimme hinzu und werfe ihm einen langen Blick unter verführerisch halb gesenkten Wimpern zu.

Da starrt der doch schon wieder auf seine Schuhspitzen! Ich fass es nicht…

„Du arbeitest also auch für die Huntik Vereinigung?", fragt Lok und ruiniert mir komplett die sorgfältig aufbereitete intime Stimmung des Moments… auch wenn das eigentlich nicht der richtige Moment ist, um solche zweideutigen Andeutungen zu machen.

Ich verbeiße mir also eine sarkastische Antwort, die mir auf der Zunge liegt. Sowas wie ‚Wie kommst du auf die Idee? Ich bin nur die Putzfrau!". Hat der nicht zugehört, was sein großer Meister gesagt hat? Was für ein Trottel!

"Unter Vertrag, genau wie Dante", antworte ich bewusst ruhig, schließlich will ich die Meute nicht gleich vor den Kopf schlagen. Der Junge wird schließlich auch mal ein Mann, auch wenn er noch ein Grünschnabel ist.

Meine Taktik zeigt seine Wirkung: Lok lächelt mich freundlich und ohne Ablehnung an.

„Danke für deine Hilfe". Seine Stimme klingt wirklich dankbar. "Deine Kräfte sind spitze! Du bist sogar besser als Sophie".

Das Mädchen macht ein undefinierbares Geräusch –eine Mischung aus Schock, Wut und Knurren- und könnten Blicke töten, wäre Lok soeben auf der Stelle umgefallen.

„Ähm… Oops", macht Lok und schlägt sich die Hand vor den Mund. Ich vermute mal, soviel blanke Wut im Blick eines weiblichen Wesens ist selbst für einen Mann leicht zu verstehen…

„Ich war gerade in der Nähe, als ich davon Wind bekam, dass die Organisation das Hotel angreift", werfe ich ein, um das Thema zu wechseln. Zusätzlicher Pluspunkt: Das sieht so aus als würde ich Lok aus seiner Bredouille retten wollen. Er gibt mir ein dankbares Grinsen. Nun, den Kleinen hab ich schon mal um den Finger gewickelt!

„Aye, du warst wahrlich eine Hilfe, meine Liebe", sagt Cherit und spreizt den Daumen hoch. Soweit, so gut. Die Männer sind auf meiner Seite, oder zumindest nicht gegen mich.

„Ich hoffe mal, ihr habt nicht auf eure Rettung gewartet", setze ich an, dieses Mal weder spielerisch noch sarkastisch. „Ihr hattet Glück. Hier müsst ihr auf euch selbst aufpassen, anstatt darauf zu hoffen, dass euch jemand aus der Patsche hilft". So, das sollte vorerst genügen, um zum Ausdruck zu bringen, wie gnädig ich doch war ihnen den Hintern zu retten.

„Das hätten wir auch alleine hingekriegt!", meint Sophie herablassend. „Und das ohne die Fenster zu zerschmettern. Die hätten wir dann wenigstens nicht bezahlen müssen", setzt sie gehässig nach.

„Es beunruhigt mich, dass die Organisation so mir nichts, dir nichts das Huntik Hotel stürmt", unterbricht Dante in einem Versuch die aufsteigende Anspannung zu zerstreuen. „Irgendwoher muss die Organisation ja Infos haben. Ob es einen Spion in der Huntik Vereinigung gibt?".

Yepp, den gibt's – sie steht neben dir. Und sie wird dir auch bald neue Dimensionen der Lust eröffnen. Und sobald du dann alle deine kleinen und großen Huntik Geheimnisse ausgeplaudert hast, wird deinem Leben ein Ende gesetzt – aber das wiederum ist noch mein Geheimnis. Ich will schließlich die Überraschung nicht verderben.

„Natürlich gibt es den", sage ich laut ohne zu zögern. „Sind dir noch nicht die Gerüchte über den Professor gehört?". Ich kann ja schlecht meinen eigenen Namen nennen – und es ist immer gut, wenn die Aufmerksamkeit auf jemand anderen gerichtet ist. Solange sie Gerüchten nach dem Professor nachjagen, bin ich in meiner Position sicher. Und nebenbei erfahre ich auch noch, wie weit ihnen die Organisation eigentlich vertraut ist. Auch das hilft!

„Der Professor? Wer ist das denn?", fragt Lok. Den Preis für die größte Leuchte wird er jedenfalls nicht gewinnen. Er ist definitiv nicht der Schlaumeier der Truppe… eher vom Typ freundlicher Volltrottel.

„Der Anführer der Organisation", erklärt Dante ohne eine Miene zu verziehen. Wahrscheinlich kennt er diese Darlegung von mangelndem Allgemeinwissen seiner Gesellen schon. „Er ist wahrscheinlich der gefährlichste Mann der Welt".

Vage ausgedrückt, aber er bekommt extra Punkte für die Dramatik des Ausdrucks! Allein Dantes Stimmlage hatte schon einen finsteren Ausdruck. Und der Gesichtsausdruck dazu sah aus als wäre das Ende der Welt gekommen. Beinahe gruselig, aber es bringt die Kinder in die richtige Stimmung für den Rest der Erklärung.

„Er ist der mächtigste Sucher der Welt", setze ich nach, schließlich möchte ich in Sachen Wissen nicht hinter Vale zurückstehen. „Seine Sammlung von Amuletten und uralten Artefakten ist die größte, die es jemals gegeben hat. Er kontrolliert und manipuliert die höchsten Staatsmänner und auch seine eigenen Leute… Angeblich beherrscht er Gedankenkontrolle".

„Ist das ein Zauber?", fragt Lok nach. Scheinbar will er zumindest doch etwas lernen…

„Nein", bricht Sophie heraus. „Es gibt keinen derartigen Zauber, der mir bekannt wäre".

Na, das erklärt natürlich alles. Was Fräulein Sophie nicht kennt, darf es nicht geben. Pah! Ich beiße mir auf die Zunge, um den passenden Kommentar für mich zu behalten.

Lok seufzt und zieht die Knie unters Kinn.

„Was ist denn, Lok?", fragt Cherit in Sorge.

„Ein Typ wie der… Also der muss doch auf der Suche nach dem antiken Amulett des Willens sein. Ich frage mich, ob er dabei meinem Vater begegnet ist…"

Scheinbar wissen alle was genau daran das Problem ist. Ich weiß es auch, immerhin ist das Verschwinden von Eathon Lambert nicht gerade das bestbehütetste Geheimnis der Huntik Vereinigung. Genau genommen war es schwieriger gewesen Vale aufzuspüren, als die Geschichte von Lambert und dem Ziel seiner Suche herauszubekommen. Dennoch, eigentlich dürfte ich das natürlich nicht wissen, denn Lok wurde mir ja offiziell noch nicht vorgestellt. Also muss ich so tun, als wüsste ich nicht worum es geht. Ich werfe Dante also brav einen ratlosen Blick zu.

„Loks Vater ist Eathon Lambert", erklärt er kurz, aber höflich. „Bestimmt hast du schon von ihm und seinem Verschwinden gehört".

„Oh! Ja". Ich nicke. "Ja, davon hab ich gehört. Tragische Geschichte und ein schlimmer Verlust für die Sucher".

Loks ballt die Fäuste auf den Knien und Cherit wirft ihm einen mitleidigen Blick zu, bevor er sich erhebt und auf Loks Schulter niederlässt. Er legt dem Jungen tröstend seinen pelzigen Schwanz um den Hals und streckt seinen Flügel ein wenig um das Gesicht des Jungen. Lok verbirgt sein Gesicht für einen Moment im Fell des kleinen Titanen, als wäre die Bewegung nur zufällig. Was für eine Heulsuse…

„Wir sind auf der Suche nach Hinweisen über seinen Verbleib", erklärt Dante, um meine Aufmerksamkeit taktvoll von Lok abzuwenden. „Die Spur führte uns hier nach Prag. Heute Nacht werden wir auf dem Zentralfriedhof weitersuchen, in der Hoffnung, dass-"

„Das wird Zhalia kaum interessieren!", zischt Sophie scharf und starrt mich dabei eindringlich an. „Du bist selbst auf einer Mission, sagtest du das nicht? Dann kümmere du dich um deine, und wir kümmern uns um unsere eigene Mission".

„Hmm, nun ja". Dante räuspert sich verlegen. "Ich hab wohl geplaudert, sorry".

„Also genau genommen bin ich mit meiner Mission fast durch". Ich werfe Dante einen einladenden Blick zu. „Wenn ihr Hilfe braucht, kann ich bestimmt-„

„Nein, danke!", unterbricht Sophie, bevor Dante auch nur Luft holen kann. „Wir sind zu viert, das reicht!".

Diese kleine Giftspritze! Ich verziehe den Mund, entspann mich dann aber wieder. Immerhin will ich der Göre nicht noch die Genugtuung geben sie sehen zu lassen, dass mich ihre Sticheleien ärgern. Stattdessen setze ich wieder meine geübte unbekümmerte Miene auf, als ginge das alles vollkommen an mir vorbei. Ich stemme mich vom Baumstamm weg und strecke meine Glieder mit einem leichten Seufzer. Das Strecken spannt mein sowieso schon enges Shirt noch mehr und betont meinen flachen Bauch und meine schlanke Taille – natürlich alles Absicht! Dann schiebe ich mir lässig eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die allerdings sofort wieder nach vorne rutscht.

„Solltet ihr eure Meinung ändern", lächle ich sanft und unaufdringlich, so dass es wie ein lockeres Angebot klingt, aber nicht mehr. „Ich bin in der Nähe. Ich geb dir meine Nummer", biete ich Dante an und zücke einen Stift. „Hast du was zu schreiben da? Ansonsten mal ich dir meine Nummer auf die Hand, wie man das früher gemacht hat. Obwohl dafür ja Lippenstift besser geeignet wäre", zwinkere ich ihm zu.

„Hier". Sophie streckt mir unumwunden ein Taschentuch entgegen. „Das wird wohl reichen. Du kannst den Lippenstift also stecken lassen!", zischt sie warnend.

Oha, da hab ich wohl einen wunden Nerv getroffen. Was genau ist ihr Problem? Bedrohe ich ihre Position als einziges Weibchen zwischen den ganzen Kerlen? Nun, dann tut es mir leid, Kleine, aber da wirst du dich mit abfinden müssen. Ich bleibe dir noch eine ganze Weile erhalten. Das weißt du nur noch nicht.

Ich nehme das Taschentuch und schreibe vorsichtig meine Nummer darauf. Die Tinte verläuft ein wenig, also schreibe ich größer, damit Dante es auch lesen kann. Als ich ihm das Taschentuch übergebe, streife ich absichtlich seine Finger.

Dante liest meine Nummer leise vor, um sicherzugehen, dass er sie lesen kann. Ich nicke. Passt alles.

"Also dann", verabschiede ich mich. „Viel Erfolg. Und hoffentlich bis bald". Den letzten Teil sage ich nur in Dantes Richtung und klimpere ein wenig mit den Augen.

Dann verlasse ich den Ort des Geschehens ohne eine Antwort abzuwarten, aber Sophies bohrenden Blick spüre ich auch so. Als ich in sicherer Entfernung bin, benutze ich den Zauber Rückblick, um zu sehen was sie machen – Dante faltet das besagte Taschentuch vorsichtig und steckt es in die Brusttasche seines Mantels.

Ich muss mir das Lachen verbeißen. Erfolg!

Er wird definitiv anrufen. Früher oder später.

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Ende von Kapitel 2

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Liebe Leser,

danke für das Feedback und das Lob. Es freut mich sehr, dass ihr die Story genauso toll findet wie ich! :)

Um eine kurze Rückmeldung zur Frage von Darkcookie2 zu geben:

Ja, ich stehe in regem Kontakt mit Sha. Und natürlich wird es weitere Kapitel von In Pieces geben. Aber auch Sha ist sehr beschäftigt, in erster Linie mit Lernen für ihre Universitätskurse (Lustiger weise studiert sie genau das gleiche, was ich auch seinerzeit studiert habe, nämlich Japanisch). Wann das nächste Kapitel veröffentlich wird, kann ich nicht sagen. Bitte bleibt geduldig – die Vorfreude wird sicher belohnt mit einem grandiosen nächsten Kapitel.

Eine Anmerkung zur Übersetzung: Wer nur die deutschen Folgen kennt, wird sicher bemerken, dass die Teile, die ebenfalls im Cartoon vorkommen, nicht wortwörtlich sind. Das liegt daran, dass ich nur die englischen Folgen kenne und das Gesagte übersetzt habe. Bei den Namen der Titanen und Zauber musste ich googlen, einige habe ich aber nicht gefunden (z.B. Redcap-Titan, Darksleep-Zauber etc.) und daher die Englische Bezeichung beibehalten. Weiß jemand wie sie im Deutschen heißen?

Bleibt dabei und erfahrt wie es weitergeht!

Viele Grüße,

Joey